Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 15 (23.2.1937)
- Date
- 1937-02-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. ta, 23. II. 1937 Freie Tribüne „Fö der alismus'i Ein Vorschlag von Ing. Arcady Herzfeld, Paris Der Einsender der nachfolgenden Ausführungen, die wir als Beitrag zur Diskussion des wichtigsten zionistisch-politischen Problems wiedergehen, teilt uns mit, daß in Paris eine „zionistisch-föderalistische Partei" gegründet wurde. (Red.) Wenn der Zionismus in der jetzigen schweren Stunde seine Doktrin den Realitäten entsprechend erweitern und England sowie Arabern gegenüber neue,Vorschläge unterbreiten sollte, so kann es nicht als Zeichen der Schwäche, sondern nur als Zeichen des unerschütterlichen Glaubens an die Zukunft und eines festen Friedenswillens gedeutet werden. Die jüdisch-arabischen Beziehungen sind beeinflußt durch die zeitliche und räumliche Koinzidenz der jüdischen und arabischen Renaissance-Bewegungen. Die dadurch verursachte Wechselwirkung kann jeder der beiden Bewegungen nutzbringend oder schädlich sein. Beide Völker haben eine Gemeinsamkeit von wirtschaftlichen und politischen Interessen, und bei mehr Urteilsfälligkeit, besonders seitens der Araber, würde es möglich sein, die Einigung zu erzielen. Denn die wirklichen Ursachen der heute unüberbrückbar scheinenden Gegensätze sind mehr psychologischer als wirtschaftlicher oder politischer Natur. Sic sind entstanden aus den so verschiedenen Mentalitäten beider Völker. Vielleicht ist es kein Paradox, um nur ein Beispiel zu nennen, daß die Shorts und europäischen Sitten unserer Chaluzoth zu diesem Gegensatz mehr beigetragen haben, als etwa die jüdische Konkurrenz auf dem palästinensischen Arbeitsmarkt. Zweifellos aber bestellt die Hauptursache der Unruhen darin, daß Palästina durch seine Laue heute zu einem der neuralgischsten Punkte der Wcitpolnik Reworden ist. Diese Erkenntnis ist wichtig, da sie zeigt, daU die Vergiftung jüdisch-arabischer Beziehungen weder durch die Araber noch durch Juden aHein verursacht wurde. Das grundsätzlichste Problem der Annäherung beider Mentalitäten ist eine Aufgabe auf lange Sicht: nur Jahrzehnte gemeinsamen Lebens, Arbeitens und unvermeidlicher gegenseitiger Konzessionen werden einmal den psychologischen Gegensatz überbrücken können. Die Losung dieses Problems des Verhältnisses von Mensch zu Mensch wird man aber erst dann in Angriff nehmen können, wenn das Problem des Verhältnisses von Volk zu Volk, d.h. das politische Probien! schon heute eine befriedigende Lösung finden oder wenigstens hierzu ein Ansatz geschaffen wird: der Zionismus muß sich fähig zeigen, seine politische Doktrin erweitern und den arabischen Aspirationen, in Grenzen des Möglichen, anpassen zu können. Die Furcht muß verschwinden, daß der Zionismus etwa eine Bedrohung der arabischen Einigung bedeute. Durch die neue IViktrin muß klargelegt werden, daß auf der Basis der Gegenseitigkeit die arabische Renaissance-Bewegung auf eine brüderliche und herzliche Unterstützung seitens der Zionisten rechnen darf. Es liegt nicht irn Interesse Englands, die Verwirklichung des Nationalheims aufzugeben. Ein wirtschaftlich und technisch hochentwickeltes jüdisches Palästina ist genau so wichtig für die britische Impcrialpolitik, wie auch für die arabischen Staaten. Bei jeder objektiven Betrachtung leuchtet also ein, daß im Grunde genommen die Interessen aller drei Partner übereinstimmend sind. Gewiß ist es eine heute etwas paradox klingende, weil rein abstrakte Feststellung, dennoch läßt sich der Schluß daraus ziehen, daß die Verständigung nur eine Frage der Zeit ist. Wenn auch die Araber weiterhin in ihrer unversöhnlichen Stellung verharren, wollen wir schon jetzt den Weg ebnen, der einmal zur gemeinsamen jüdisch-arabischen Zukunft führen wird. Das Endziel des Zionismus sowie auch eines der Ziele der arabischen Nationalbewegung müssen gemeinsam sein: Palästina — zukünftiger Mitglicdstaat einer jüdisch-Arabischen Konföderation, aufgebaut auf der Basis absoluter, nicht zahlenmäßiger Parität beider Völker. Diese Konföderation verbunden mit dem Britischen Staatenbund durch einen Freundschaftsvertrag, der für alle Zeiten seine Lebensinteressen im Vorderen Orient garantieren soll. Die Welt befindet sich im Zustand stürmischer Umgestaltung. Das Zeitalter der Maschinisierung ruft nach neuen geistigen Inhalten. Auch das jüdische Volk ringt nach einem neuen Lebensinhalt, nach einer neuen Seele. In diesem Ringen hat das jüdische Volk schon vieles erreicht, was auch allgemein-menschlichen Wert besitzt. Die Chaluziuth ist das sichtbarste Symbol der neuartigen Volksgemeinschaft die in Erez-Israel im Entstehen begriffen ist. Der Zionismus hat sich bereits im nationalen und sozialen Sinne als originell und schöpferisch erwiesen. Das in seinem Programm verankerte Ziel einer jüdisch-arabischen Föderation wird ein Beweis seiner politischen Reife sein. Der zionistisch-föderalistischen Bewegung steht zunächst eine große Arbeit innerhalb des Zionismus bevor. Daran soll sich die Bildung gemischter Vereine zur intellektuellen jüdischarabischen Annäherung anschließen, die an die Tradition der großen gemeinsamen Vergangenheit anknüpfen werde. Diese Vereine sollen die schwere Aufgabe der psychologischen Annäherung übernehmen. So wird einmal der Weg zur gemeinsamen politischen Aktion geöffnet: über die Bildung einer arabisch-föderalistischen Partei zur jüdisch-arabischen Union. Die zionistische Oeffentlichkcit steht vor einem verantwortungsvollen historischen Entschluß. Es gibt nur e i n Problem, von deren Lösung die Verwirklichung des Zionismus abhängig ist: der jüdisch-arabische Gegensatz. Den wortreichen Rufen nach einem konstruktiven Plan muß endlich das Bekenntnis zu einem solchen folgen. Postschlüsse nach Uebersee Vom 23. Februar bis 2. März (Abkürzungen: PA. =» Postamt; BPA. «=»' Bahnpostamt; Flh. »= Flughafen) Palästina. Schiff: 23. Febr. Frankfurt a. M. (BPA. 19) 10 Uhr; 24. Febr. München (BPA. 1) ,9 Uhr; 26. Febr. Hamburg (PA. 1) 15 Uhr; 2. März München (BPA. 1) 9 Uhr; 2. März Frankfurt a. M. (BPA. 19) 19 Uhr; 3. März München (BPA. 1) 9 Uhr. — Bahn: 25., 27. Febr., I. März München (BPA. 1) 9 Uhr (Leitvermerk: „via Belgrad— Alcppo"). — Luft: 24., 27. Febr., 2. März Berlin (PA. C 2* 6 Uhr; 24., 27. Febr., 2. März München (BPA. 1) 10 Uhr. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Schiff: 23, Febr. Hamburg (PA. 1) 17 Uhr 24. Febr. Berlin (PA. C 2) 8 Uhr zu „Washington" 25. Febr. Le ilavre. — 25. Febr. Harnburg (PA. 1) 8 Uhr; 25. Febr. Berlin (PA. C 2) 8 Uhr zu „Hansa" 26. Febr. Cherbourg. — 1. März Hamburg (PA. 1) 19 Uhr; 2. Marz Berlin (PA. C 2) S Uhr zu „Bremen" 3. März Cherbourg. — Luft: Fahrten des Luftschiffes „Hindcnburg" und Nachbringeflüge von Köln zum Dampfer finden bis auf weiteres nicht statt. Südamerika. Schiff: 23. Febr. Berlin (PA. C 2) 19 Uhr; 24. Febr. Hamburg (PA. 1) o Uhr zu „Gap Norte" 21. Febr. Hamburg. — 25. Febr. Hertin (PA. G 2) 18 Uhr; 25. Febr. Köln (BPA. 10) 21 Uhr; 2h. Febr. Frankfurt a. M. (BPA. 19) 8 Uhr zu „Highland Princess" 27. Febr. Boulogne. — 2. März Berlin (PA. C 2) 17 Uhr; 2. März. Frankfurt a. M. (BPA. 19) 19 Uhr; 3. März München (BPA. 1) 9 Uhr zu „Augustus" 4. März Genua. — Luft: 24. Febr. Berlin (PA. C 2) 21 Uhr; 21. Febr. Frankfurt a. M. (BPA. 19 oder Flh.) 24 Uhr Deutsche Lufthansa. — 27. Febr. Berlin (PA. C 2) 9 Uhr; 27. Febr. Frankfurt a. M. (BPA. 19 oder Flh.) 13 Uhr Air France. Südafrika. Schiff: 23. Febr. Hamburg (PA. 1) 19 Uhr; 24. Febr. Berlin (PA. C 2) 16 Uhr; 24. Febr. Frankfurt a. M. (BPA. 19)- 19 Uhr zu „Giulio Cesare" 26. Febr. Marseille nach Kapstadt, Johannesburg und Pretoria. — 24. Febr. Berlin (PA. C 2) 19 Uhr; 24. Febr. Köln (BPA. 10) 21 Uhr zu „Dunvcgan Castle" 26. Febr. Southampton nach Kapstadt, Johannesburg und Pretoria. — Luft: 23., 26. Febr., 2. März Berlin (PA. C 2) 20 Uhr und München (BPA. 1) 24 Uhr. Das jüdische Museum, Berlin, hat eine Serie von Postkarten herausgegeben, die Abbildungen von Werken, die im Museum ausgestellt sitid, enthalten. Die erste Serie bringt den „Kaddisch" von Budko, die Gattin und Enkelin Lieberrnanns von Max Liebermann, Shniarya Levin von Joseph Oppcnhcimcr, „Sie wandern" von Samuel Hirszenberg, einen alten polnischen Chanukkah-Leuchter und einen Thoravorhang aus der Synagoge Heidereutergasse. Die Karten sind vom Jüdischen Museum zu bezichen. An unsere Leser Die Fortsetzung des Abdruckes der Legende „Der begrabene Leuchter" von Stefan Zweig muß besonderer Umstände halber unterbleiben. Wir beginnen in der nächsten Nummer mit dem Abdruck eines Romans aus dem palästinensischen Leben S» Volk Israel lebt Von Chajim Schwarz ff Chajim Schwarz Pboto; Archiv Der Roman schildert die Erlebnisse eines jungen jüdischen Einwanderers aus Deutschland, der in die ihm zunächst völlig fremdartige Sphäre einer palästinensischen Siedlung eintritt und sich dort gegen seine eigenen inneren Widerslände und gegen die harten Anforderungen, die die Arbeit an den ungewohnten Körper stellt, zur Bejahung des neuen Lebens durchkämpft Der Leser empfangt so ein überaus anschauliches und wirklich erlebtes Bild einer palästinensischen Siedlung. Diese Darstellung ist von jedem verniedlichenden Kitsch und von propagandistischer Beschönigung weit entfernt; sie läßt den Leser die wahren Probleme in ihrer Gewalt und Tiefe ahnen, sie zeigt wirkliche Menschen, Charaktere und Schicksale, auch die Unzulänglichkeit und Schwäche der Menschen und die ewige Versuchung, gegen die sieh ein starker Wille durchsetzen muß. Großstädtisch erzogene Menschen treten in eine Welt ein, in der die einfachen realen Urtatsachen des Lebens wieder echte Bewährung und innere Entscheidung des Menschen erfordern. Das realistische, nichts verschweigende, aber von echter Liebe zum Boden und zur Arbeit zeugende Bekenntnis ist menschlich ergreifend und läßt die Kraft und die Tiefe der Wandlung, die das jüdische Leben auf dem Boden Palästinas durchzumachen beginnt, besonder« eindrucksvoll zum Bewußtsein kommen. Der Roman besteht aus drei Teilen; als erster wurde der zweite Teil, der den Untertitel „Kibbuz" trägt, abgeschlossen. Der erste Band der Trilogie führt den Namen „Haehscharah", der dritte Band „Nach dem Kibbuz", Wir bringen den zweiten Teil des Werkes zum Abdruck, allerdings mit wesentlichen Kürzungen, die aus raumtcchnischcn und zcitungstcchnischcn Gründen an dem umfangreichen Original vorgenommen werden mußten. fiiMtiiiiMitiitiiirnintiniiiiuiiiirMfiriitiHiiiiiitiiiiiMiiMiiiiiiiMiifif iiiHiMMiiitnififiiiiitrriiftiriiiitMiiiiitiititifiMiintniiitttiiM«! Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 23. Februar: Wien (570), 14: Schallplatten: Alexander Kipnis. Mittwoch, 24. Februar: Wien (507), 19.35: U.a. Gustav Mahlcrs Sinfonie (.•-Dur, Nr. 4. Donnerstag, 25. Februar; Kasch.HU (253), 17.40: „Parum", eine jüdische Faschingsmontage mit Liedern. Uraufführung einer Oper „Purim". Unser Wiener J. R.-Berichterstatter schreibt uns: Im Jüdischen Kulturtheatcr gelangte dieser Tage die von Ignaz Waghalter komponierte Oper ,,Purim" zur deutschen Uraufführung. Waghalter, als Komponist und Dirigent von seiner Tätigkeit als Generalmusikdirektor in Deutschland bekannt, konnte mit seinem Werk einen bemerkenswerten Presseerfolg erzielen. Die Aufführung der Oper, die in vier Bildern mit Prolog und Epilog die Esther-Legende abrollen läßt, stand unter der musikalischen Leitung des Komponisten, der zugleich auch die Partitur am Flügel interpretierte. Talmudisdie Szene Von H e r m a n n S i n s h c i m e r Rabbi, der große Weise, saß einsam vor dem Lehrhaus zu Sapphoris in Bahylonicn auf der Erde und sann, das Buch der Bücher auf den Knien, den Worten der Lehre nach. Die Sonne neigte sich schon dem westlichen Meere zu. Ihre Scheibe begann sich zu röten, wie wenn der Tag, vom Stachel der Müdigkeit gerit/t, in sie hineinblutete. Die Luft zitterte im leichten Wind, der dem Abend voranwehte. Sic schien^ Falten zu bekommen wie ein alterndes Gesicht. Schattig schwebte sie unter der wachsenden Reite des Gestirns, vom nahenden Flügelschlag der Nacht bewegt. Der große Weise fühlte das Kommen der Nacht, und es schmerzte ihn gleich dem unabwendbaren Hinsterben einer Freundesseele, die von uns geht, che daß wir ihr alles gegeben haben, was wir uns in den Sinn gesetzt. Er erinnerte sich: auch heute ist von Weisheit sein Mund übergeflossen vor seinen Schülern, und da sie ihrer Wege gegangen und zum stillen Studium zurückgekehrt sind, hat er sich selbst von den erhabenen Worten der Schrift hinekauert wie ein Schüler — aber war denn dies schon genug? r fühlte, daß das Gefäß des Tages, in das er seine Lust und Arbeit an der Lehre eingefüllt hatte als pflichttreuer Tagelöhner, nun an der Härte der Nacht zerbrechen wird, che es voll ist, weil er ihm eine gute Tat schuldig geblieben ist, die auf dem Most der Worte schwimmt wie edler Schaum und den Krug erst vollmacht und krönt. Warum kam so schnell die Nacht heran? Rabbi seufzte. Gleich darauf aber erschrak er. Denn es war Sünde, die Nacht zu beklagen oder gar anzuklagen. Denn auch sie, gleich dem Tag, war vom Ewigen gesetzt. Und hatte sie nicht ihre Lichter, von ihm oder von Menschenhand gemacht, die allen, die nicht müde werden im heiligen Dienst, über den einen Tag hinweg und in den anderen hineinleuchten? Wieder seufzte der Rabbi, und noch stärker als das erste Mal, es klang schon wie ein Wimmern. Denn er erkannte und wußte seine Schuld, wie es einem großen Meister und Lehrer der Weisheit ansteht. Nicht die Schöpfung des Ewigen •wird müde an der Nacht. Sie treibt Tage und Nächte aus sich heraus — und Tage und Nächte sind die weißen und schwarzen Lämmer einer heiligen Herde, die fruchtbaren Geschöpfe des Einen Vaters und Herrn, der sie den Menschen schickt, den Menschen schenkt, daß diese sich an ihnen bewähren und Ihn bereichern. Nein, nicht die Schöpfung wird müde, nicht die Schöpfung wird Erschöpfung, sondern der Mensch aus mangelndem Willen, aus Schwäche vor der Allmacht. So wußte und fühlte der Rabbi: er selbst war müde, er selbst hatte sich der Ermntaing hin<regeben wie einem Laster. Diese Erkenntnis stieß ihn in tiefe Trauer hinein. Trauer aber fördert nicht Lernen und Forsehen. Sie verbirgt dem Menschen das Gesicht der S.-liöifung. Sie wirft einen dunklen Schleier über sein Gemüt. Trauer ist noch einmal Nacht. Und so saß der Rabbi in gedoppelter Nacht, in jener, die im Kreislauf der Welt ihr erstes Dunkel heraiisschickte, und in der andern, die in ihm selbst, wie eine eiligere Schwester der ersten, schon aufgebrochen war. Er saß und sah in ein Dunkel, in dem sich die beiden Nächte begegneten. Seine Augen konnten nicht mehr das Wort der Schrift, die ihm auf den Knien lag, wahrnehmen. Aber es war ja fn ihm von Jugend an. Er wandte den Kopf zur Höhe, und die Wort- und Schrift/eichen standen vor ihm wie das Heer des Schöpfers, nun aber fern und fremd, denn er hatte ihnen am Ausgang dieses Tages nicht eine gute Tat gegenüberzustellen, nur seine Müdigkeit und seine Trauer. Da ließ er seinen Kopf wieder sinken. In seinen Augen brannte das Rot der Sonne wie eine Scham oder wie das abendliche Blut. Dieses rollte ihm, wie ihm schien, durch die Adern bleiig dick und machte ihn schwer wie einen Klotz. Ein junger Fleischergcsclle, mit roten, rissigen Händen und mit dickem, kurzem Hals, trieb gerade ein weißes Kälbclien am Lehrhaus vorbei. Das Tierehen, kaum vier Wochen alt, taumelte auf dünnen, unsicheren Beinen am Strick des harten Burschen. Die großen Augen waren voll von Verlangen nach der Mutter, der man es weggenommen hatte, und von Angst nach dem Ziel, dahin es geführt werden sollte. Sein Fell leuchtete im Zwielicht, gleich einem silbernen Vließ, aber in den Augen saß, wie ein Vorbote des Unheils, der Schein vom hinsterbenden Rot. Nun stand das Tier vor Rabbi und hub an zu schreien. Vergebens mühte sich der Fleischer ab, es von der Stelle zu bringen. Es war, in seinem Verlangen nach der Wärme und Milch der Mutter und in seiner Angst vor dem Tod, plötzlich stärker als die dicken Hände und Arme des Burschen. Es schrie und jammerte und machte seinen Hals lang zum Rabbi hin. Er verstand die Stimme der Kreatur, denn auch ihr Geheimnis liegt in der Weisheit der Schrift, und vernahm die Worte des klagenden Tieres: „Rette — rette mich!" Rabbi aber, in seiner zwielichtigen Erschlaffung, war nicht anders als das Kälbchen an einen Strick gebunden, an den Strick seiner unheiligen Trauer, der dicker war als einer aus Flanf. Zwar sah er sich aufstehen, den Fleischerstrick dem Burschen aus der Hand nehmen und hinter dem hüpfenden Kälbchen her zu der Mutter eilen, Leben dem Leben zurückerstattend. Aber dies sah er nur, gleich als ob sich ein Gebot von selbst vollstreckte — er blieb sitzen und hielt dem Blick des Kälbchens stand. Und trag und traurig öffnete sich sein Mund zu den Worten: „Was kann ich dir tun? Dazu, wohin du geführt wirst, bist du geschaffen!" Schon straffte sieh der Strick um den Hals des Kälbchens, so daß es nicht mehr Luft zum Schreien hatte. Es gab keinen Laut mehr von sich. Roh schleifte es der Bursche hinter sich her. Die Nacht fiel herein wie eine Sintflut von Dunkel. Die Sonne lag im westliehen Meer. Alies Licht war erstorben. Rabbi sah auf dem gerade sich hinziehenden Weg das weiße Fell des Kälbchens ins Finstere eintauchen so wie einen allerletzten Schimmer des Lichts. Da wußte er, daß ihm der Ewige eine gute Tat zugeteilt, daß aber er sie ungetan gelassen hatte, weil er voreilig müde und traurig geworden war. Aechzend lehnte er sich an die Mauer des Lehrhauses. Aus ihr und aus dem Erdboden, darauf er saß, stieß jähe Kälte in seinen Leib wie mit der Schärfe eines Messers. Nur das Buch der Bücher auf seinen Knien gab ihm noch etwas Wärme. Er klagte sich an, daß er vor dem Kälbchen gesündigt habe, und er sprach den Schöpfer an, daß er ihm die Strafe dafür schicke. Sein Gebet ward erhört. Der Ewige wandte ihm seine Barmherzigkeit zu als seinem getreuen Knecht, der ein Opfer der Nacht geworden war und blind vor dem Anspruch der Schrift, nicht das Gemäße und Menschengerechte zu tun, sondern das Ungemäße nach der ewigen Gerechtigkeit. Und es geschah, daß Rabbi, der Weise, von dieser Nacht an dreizehn Jahre lang an Zahnschmerzen zu leiden hatte. Er trug sie mit Freude und Geduld alle Tage und Nächte. I