Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 15 (23.2.1937)
- Date
- 1937-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 15, 23. IL 1937 Aufruf des Hechaluz und der Jugendalijah! An alle jüdischen Schüler, die Ostern die Schule verlassen! Diese Tage, in denen ihr die Schule verlaßt, sind Tage der Entscheidung für den künftigen Aufbau eures Lebens. Die Frage, welchen Beruf ihr ergreifen wollt, ist zugleich eine Frage der Heimat, eine Frage nach dem Lande, In dem ihr einmal eure Heimat finden wollt. Die wenigsten von euch werden einen Beruf in Deutschland ausüben können, und darum bedeutet die Berufswahl zugleich Entscheidung für das Land, in dem ihr später einmal leben wollt. Wir weisen den Weg nach Palästina, dem Land, In dem wir schwer um unser Leben, um unsere Existenz ringen, in dem wir jeden Fußbreit Boden uns erkämpfen müssen, aber in dem wir selbst frei bauen nach den Entwicklungsgesetzen, die in uns liegen, in bewußter Zugehörigkeit zu unserem Volke, in tiefer Sehnsucht nach Freiheit, nach einer Entwicklung, die menschenwürdig Ist nicht nur für uns, sondern für die kommenden Geschlechter unseres Volkes. Sucht nicht einen Unterschlupf! Sucht ein Leben, das sinnvoll Ist, in dem ihr nicht nur für euch, sondern für die Gesamtheit baut und arbeitet! Dieses Bewußtsein, für alle zu arbeiten, macht uns stärker, als wir allein für uns sein kö--.'.en, gibt unserem Leben den Wert, ein großes Werk schaffen zu können. Der Weg nach Palästina Ist nicht allen offen; aber die, die das Leben der körperlichen Arbeit auf sich genommen haben, können ihn gehen nach der Zeit einer gründlichen Vorbereitung. Die Vorbereitung hier Ist eine Probe für euch. Viele fühlen sich zu schwach — wenige, die die Probe gewagt haben, lind schwach geblieben; wachst doch das Selbstbewußtsein und die Kraft mit den Anstrengungen, die man auf sich nimmt! Wir wollen euch die Vorbereitung für das Leben in Palästina geben. Durchdenkt die Entscheidung, die ihr heute zu fallen habt. Das Schicksal unseres Landes und unserer Gemeinschaft liegt heute in eurer Hand. Beratet euch mit uns über alles, was euch zweifelhaft erscheint. Wir wollen mit euch sprechen, wir wollen euch lur Seite stehen nach den Grundsätzen unserer Bewegung, getragen von dem Willen, dieser Generation ein Leben fruchtbarer Arbeit, ein sinnvolles Leben zu bahnen. Jüdisch« Jugendhüfe e. V. Trägerin der Jugendalijah Berlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158. Hechaluz Deutscher Landesverband Abt.: Mlttlcrcn-Hachscharah Berlin W15, Meinekestr. 10. auch die Besonderheit der jüdischen Gesamtheit, daß für die Schuld eines Einzelnen alle verantwortlich gemacht werden, ist dort in ihrer „unheimlichen Wirklichkeit" gekennzeichnet. „Die Geschichte der Juden ist der rote Faden der Weltgeschichte." In der Erhaltung des „heiligen Rest", der „weder durch Emanzipation noch durch Assimilation in den Völkern aufgehen, noch ... durch zionistische oder ähnliche Bestrebungen eine Nation unter den Nationen, noch durch pharaonische oder hamanische Maßnahmen avisgerottet werden kann", sieht er ein Mysterium Gottes. — Vischcrs Anschauung der Juden frage ist, wie gesagt, nicht die unsere; aber oft auf seinem Wege trifft er mit unseren großen Lehrern zusammen. „Das Abziehen des Siegelrings (womit der Großkönig seinem Minister die Vollmacht gibt) — sagte Rabbi Abba bar Kahana als Auslegung von Esther 3, 10 — wirkte mehr als die -18 Propheten und 7 Prophetinnen, die Israel predigten; sie alle bekehrten sie nicht zum Guten, während das Abziehen des Siegelringes sie zum Guten bekehrte." — „So oft auch Gott das untreue Volk seiner Wahl den Völkern preisgab, so geschah doch immer wieder das Wunder, daß er sich einen Rest bewahrte. Es wurde immer wieder etwas sichtbar von dem Geheimnis, das nach dem letzten Lied des Mose Gott bei sich selber aufgespeichert und in seinen Schatzkammern versiegelt hat ..." B. B. St. Ein Leseheft zu Pur im Zu einer neuen Schulbuch-Reihe Zu den wichtigsten Problemen der jüdischen Schule nach 103') gehörte es, die nötigen Hilfsmittel zu finden, um die von jüdischen Kindern besuchten Schulen zu jüdischen zu machen. Iiier fehlte es an jeder Tradition. Die meisten jüdischen Schulen vor HM'j unterschieden sich in ihrem Lehrplan sehr wenig von den allgemeinen deutschen Schulen; sie hatten nur einige zusätzliche- Keligionsstunden. Eine method i s c h e 1. i t e r a t u r für jutltsciie Schulen gab es nicht. Es klingt \ielleicht grotesk: Selbst im jüdischen Religionsunterricht wurden methodische Schriften des christlichen Unterrichts zu Rate gc/ogm. Seit W\ trat wenigstens in der Theorie sofort eine AcnüVrung ein. Man sah ein, daß das Jüdische nicht mehr an der Peripherie bleiben könne, und da die indische Schule mm ganz neue Aufgaben vor sich sah, mulite auch der Lehrplan neu gestaltet werden. In allen größeren Orten vor allem in Berlin, wurde in L c Ii r e r a r h e i t s - g e m e i u - c h;i f t e n über diese Probleme diskutiert. In Zeitungsartikeln behandelte man vielfach diese Fragen, und wie es iier neuen Situation entsprach, wurden auch „Generallüsun;",eii" gefunden. I'ik scheint, daß die Resultate dieser Tagungen, Besprechungen und Diskussionen nicht sehr ergebnisreich waren. Sie haben auch in den letzten 1> •. Jahren etwas nai hgelasscn, und mau trat lieber an die stille Arbeit heran. Aus einer solchen Arbeitsweise in der Theodor- I fer/1--Schule (Berlin) ist der Plan für die Q u e 1 1 e n h e f t e zu allen jüdischen Festtagen entstanden, die Dr. Flies er L. E!i r in a n n im Auftrage der Reich-vertretung herausgibt. Was bezwecken sie? Der Herausgeber, der in methodischen Arbeitsplänen die Anwendung dieser Quellenhefte im linterrieht für den I ehrer erläutert, hat es als seine Hauptaufgabe angesehen, in diesen Heften das wichtigste Material für die Behandlung der Festlage zusammenzustellen, um auf diese Weite die jüdische Kulturkunde im weiten Umfange auch dem Schiller der Volksschule zugänglich zu machen. Es liegen bisher zwei Qtuellenhefte vor, eines über Ssukkot und Ssimchat Thor a, das zweite über Pur i in. Das (>2 Seiten starke Purini-Heft gliedert sich in sechs Teile: Das Fest im naehbibliselien Schrifttum (Talmud. Mklrasch, Aggadot, Mischne Tlsora, Seliulehan Aruch), .aus der Thora- Vorlesung am Purim, Eestsrhilderungen (in der Oolah und im heutigen'Paliistina), das Fest in der jiddischen und hebräischen Literatur der Neuzeit, Volks kindliches, vom jüdischen Kunsthand werk. Im ersten Teil werden Aggadot zur Esther-Rolle hebräisch und in deutscher Ueberset/ung angeführt. Unter anderem ist dem im Mittelalter weif verbreiteten Volksbuch „Jossippon" ein Abschnitt über Esthers Bittgang bei Achaschwerosch entnommen. Es folgen Aussprüche über das Fest aus Talmud und Midrnschim. Die w iehtigsten Purim-Vorschriften werden hebräisch und in deutscher Ueberset/ung aufgezahlt. Im dritten Abschnitt werden Eestschilderungen in der Gola'n angeführt (eine interessante Schilderung des Purimfestes im Frankfurter tilietto um 1700 durch den christlichen Theologen und Orientalisten Johann Jakob Schmlt sowie eine Schilderung des Fe-tes in einem litauischen Stadichen in der Mitte des 10. Jahrhunderts von Schmarva Eevin). Am Schluß dieses Abschnitte« folgt eine .Schilderung dieses Festes, wie es sieh heute in Palästina abspielt. Ans der jiddischen Literatur bringt das i left Puriinjjeschichten von Mendele, Perez und Scho'em AVjchem. Die Erzählung von Scholem Alej- Jüdisches Leben in Zahlen Der Arbeltsbericht des Zcntralansschusscs für 1936 Der umfangreiche Arbeitsbericht, den der ZentralausschuO für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland für das Jahr 1936 vorlegt, enthält eine große Fülle wichtigen Materials für die Erkenntnis der jüdischen Lage in Deutschland. In seiner umfassenden, auf authentische Zahlen gestützten Darstellung sowie in seinem anschaulichen Tabellenwcrk ist dieser Bericht ein Zeugnis für die Leistung der zentralen jüdischen Instanzen. Es ist nicht möglich, den Bericht in seiner Totalität auszuschöpfen; wir müssen uns damit begnügen, einzelne Punkte herauszugreifen, die für die weitere Öffentlichkeit von besonderem Interesse sind. Ueber die Altersgliederung der Juden in Deutschland werden zwar keine Gesamtzahlen gegeben, aber auf Orund der Statistiken aus einzelnen Bezirken ist festzustellen, daß der Prozeß der Ueberalterung in gewaltigem Ausmaß fortgeschritten ist. In einer Gemeinde, die 10J2 noch 42 Mitglieder hatte und heute nur noch 12, sind die drei jüngsten Mitglieder zwischen 50 und 60 Jahren alt! Jugendliche sind in vielen Gemeinden überhaupt nicht mehr vorhanden. Vielfach sind in einzelnen Gemeinden nur ein bis zwei schulpflichtige Kinder. Die Schrumpfung in den kleinen und mittleren Gemeinden zeigt Rückgänge bis zu 50 °/o und oft darüber hinaus. Als Folge dieses Rückganges sind im Laufe des Jahres 1936 zahlreiche Gemeindeauflösungen und Verkäufe von Synagogengrundstücken notwendig geworden. Die jüdische Wirtschaftshilfe stand im vergangenen Jahre vor der Aufgabe, den Angehörigen zahlreicher Berufe, die aus dem deutschen Wirtschaftskörper ausscheiden mußten, zur Seite zu stehen. Der Bericht betont, daß der wirtschaftliche Schrumpfungsprozeß der jüdischen Unternehmungen und die fortschreitende Arisierung die Lage der jüdischen Arbeitnehmer immer ungünstiger gestalten und daß nur die Förderung der Auswanderung als chem „Beim König Achaschwerosch" ist für dieses Heft zum ersten Male in deutscher Sprache von Fritz Amholz glücklich übertragen worden; von demselben Ucbersetzer stammt die mustergültige Neuübertragiing des „Purimgeigers" von Percz. Dieser Abschnitt wird durch zwei hebräische Oedichte von Jehuda Karni abgeschlossen, welche das Fest in Tel- Awiw in sehr lebendiger und anschaulicher Weise schildern. Diese Gedichte werden beim Fest seit einigen Jahren gesungen. Dem Heft ist ein Q u e 11 e n v e r z e i c h n i s beigegeben, in welchem dem Leser die Quellen zum gewählten Material nachgewiesen werden. Die bibliographischen Kenntnisse der Leser werden durch dieses Quellcnvcrzeichnis sehr bereichert. Dieses Heft stellt einen Längsschnitt durch die jüdische Kulturgeschichte dar, in dem die Lebensformen des Volkes konstruktive Wirtschaftshilfe anzusehen ist. In diesem Zusammenhang hat sich die Notwendigkeit der planmäßigen Lenkung der Binnenwanderung ergeben. Die Kredithilfe durch die jüdischen Darlehenskassen wurde auch 1936 stark in Anspruch genommen. Nach einer vorläufigen Erhebung ist der Durchschuitisbetrag des Einzcldarlehens aut runa 340 M. zu beziffern. Von 51 Kassen wurden an 2263 Kreditnehmer 767 009 M. Darlehen gegeben. Das jüdische Sc hui werk in Deutschland hat sich kräftig entwickelt. In Baden z. B. ist fast die gesamte jüdische Schülerschaft in jüdischen Schulen zusammengefaßt Der Umfang der durch das jüdische Schulwerk erfaßten Schüler im volksschulpflichtigen Alter beträgt schätzungsweise 22 000 Kinder von etwa 42 (WO volksschulpflichtigen jüdischen Kindern (also 52 <Vo). Während es 1935 noch 130 jüdische Schulen gab, erhöhte sich 1936 diese Zahl auf 160. Die Aufwendungen der Reichsvertretung für die direkte Unterstützung der Schulen betrugen 485 000 M. Die jüdische Auswanderung seit 1933 bis 1. April 1936 wird auf 93 000 geschätzt, von denen 31000 auf Palästina entfallen. Die Uebersecwanderung wird mit 22 000 angegeben, bei denen die Vereinigten Staaten mit 9500 an der Spitze stehen. Die Auswanderung während des vorigen Jahres wird auf 24 0OO geschätzt, davon 9000 nach Palästina und 10 000 nach Ucbersee. Der Bericht weist auch auf die bestehenden Auswanderungsprojekte hin und betont, daß die Reichsvertretung besonderes Gewicht auf Gruppenwanderung lege, die sich im wesentlichen auf landwirtschaftliche Siedlungen bezieht. Für die Ica-Koionien sind 541 Anträge in Bearbeitung, die die Feststellung der Eignung von etwa 2700 Personen für landwirtschaftliche Siedlung zum Gegenstand haben. 156 Familien mit rund 1000 Angehörigen sind bereits bestätigt worden. Ein umfangreicher Abschnitt beschäftigt sich mit der Tätigkeit des Palästina-Amts und enthält eine sehr eingehende Aufgliederung der Alijah nach verschiedenen statistischen Gesichtspunkten. bei der Gestaltung des Purimfestes zum klaren Ausdruck kommen. Die Materialauswahl ist mustergültig. Der Herausgebet Dr. Ehrmann ging immer auf die ersten Quellen zurück, und in der Uebersctnmg der Texte wurde peinlichste Genauigkeit gewahrt. Es steht außer Zweifel, dafi diese Heftreihe eine wesentliche Bereicherung unserer pädagogischen Literatur darstellt. Von dem einzelnen Lehrer wird es nun abhängen, wieweit diese Fundgrube für den Unterricht ausgewertet werden wird. Die Schulabteilung der Reichsvertretung hat keine Opfer gescheut, um dem Herausgeber die Durchführung der schwierigen Arbeit zu ermöglichen. Der jüdischen Schule in Deutschland hat sie damit eine große und dauernde Hilfe geleistet. Der Schocken-Verlag hat die Hefte vorbildlich ausgestattet. Josef Jakobsohn Ein kleiner Benjamin Von H n i m a n S c h neur Der Dichter Schwur isl </e.'i Lesern der ,,Jüd. Rundschau" durch den Abdruck seines mit Begeisterung aufgenommenen Hamann ,,A nah /' andre", der jetzt in Buchform in d<-r lh andu '.sehen I crlugshuchhandlung erschienen ist, bekannt. Schni'ur, der demnächst seinen 5t). Geburtstag feiert, hat etwa vierzig Hücker in hebräischer und jiddischer Spracht' geschrieben, die eine nach Millionen zählende Leserschaft in Osteuropa, in Palästina und in Amerika gefunden haben. Aber erst „Snrih Vandre" ist jetzt in England und Amerika, Frankreich und Deutschland in der Sprache des Landes erschienen. Eine ean Schneurs wesentlichsten Fähigkeiten ist das Gefühl nrul die Kenntnis, die er der Natur und hesonders Tieren abgewonnen hat. Das folgende kleine ErzählGcdicht malt in aller Einfachheit das liebevoll beobachtete Wesen eines spielenden, leidenden, schmeichelnden Kätzchens. Das war ein Knterchen in Vaters Haus, schwarz und glutt wie Atlas — die Augen wie z.wei schimmernde Smaragde, der Schnurrbart und die Brunen weiße Strahlen, der Schwanz am Spitzchen weiß. Es hnt in ihm sieh Tag und Nacht geküßt — die Flinkheit eines Schlittens, wenn er spielt«, und die gelnßnc Würde eines Zauberer», wenn er langsam wandelte. End mich hat er gehaßt, Gott weiß wie sehr! Bis heute weiß ich nicht, warum, weshalb. Mein jüngstes Brüderchen dagegen hat er für seinesgleichen anerkannt, mit ihm gespielt, und niemals ihn gekratzt. Doch mich! — kaum kam ich nah, schon streckten sich entgegen aus schwarzen Snmihandschuh'n die schärfsten Krallen. Doch dann geschah es, daß das tierisch Herzchen sieh nul'tnt auch für mich. — Ein Kiirteh.cn Gift war ausgelegt im Haus, befeuchtet, und mit einer roten Aufschrift: „Tod allen Fliegen!" Nun — lesen halt' unser Kater nicht gelernt, Und wie er durstig wurde, sprang er auf und fand das bißchen Nasse, sehleckte aus das Blatt, strich sich das Bitrtchen. Stand. Besann sich. Plötzlich — ein Wirbclsprung! — Hoppla! — und fällt Ein jäher Krampf hat ihn gepackt. Das Köp fehen, wie bei einem alten Trottel, schaukelt hin und her. Und kläglich mit ersticktem Winseln jammert er um Hilfe. Mein Brüderchen hat gleich den Kopf verloren, fing an herum/.utorkein und half winseln, beinah wie sein vergifteter Geführte mauzend. Allein ich selbst blieb kühl und vorsichtig. Ich packt' den Kater, wie man einen Feind anpackt, wenn seine Waffen sind zerbrochen. Wie er auch zappelte, sich warf und kratzte — es halt ihm nichts. Ich zwang sein Mäulchen auf — ein kleiner Abgrund, rosig-rot, mit Nüdelchen aus Porzellan umsBumt — und goß gewaltsam Sauermilch hinein, mit Oel und Kohlenstaub gemischt. Er schluckt's und war gerettet. Den ganzen Tag dann lng er auf dem Sofa still auggestreckt, die Aeuglein matt, ganz in sich verloren, die Pfötchen weich, die Krallen unbeholfen. Das Bäuchlcin ging ihm wie ein Blasebalg, ein kleiner, ein und aus ... nicht einmal ein Oehrchen spitz.t' er, wenn man rundum lärmte. Fühlt!, er sich so beschämt durch seinen Reinfall? Spürt' er so tief die Nichtigkeit des Lebens — den Tod, der in ein' bißchen Wasser lauert? Oder besinnt er sich auf mich, auf seinen Retter? Ach nein! Er ist nur stolz, der kleine Lümmel — von nun an wird er mich noch doppelt hassen in seiner kStzischen Undankbarkeit! Doch in derselben Nacht, auf meinem Lager vernahm ich auf einmal ein leise« Schnurren — wie Tauben gurren, wenn sie zärtlich sind — und ein warm's Schnauzchen, ein kleines, haarige«, liebeberührte mich am Kinn. (verlangend Das war das Katerchen. Es summte am ganzen Leib wie eine kleine Harfe, zitternd vor Zärtlichkeit. Dank, innig, ohne Worte sang aus seinem eingefallenen Bäuchlcin. Und an mein Ohr tippt' er im Finstern mit dem weichen Barthaar, übertrug mir von seinem Pelzchen das elektrisch Zittern ... „Murr, Mrru..." das hieß: „Jetzt weiß ich... jetzt kenn' ich dich... Verzeih schon, du!" Und streckt' sich, Leih zu Leib und schlief zufrieden ein. Da dachte ich: es hat mich aufgesucht ein Brüderlein, ein kleines, ein verzaubertes, das mir und allen längst verloren war — lang, oh lang! ich weiß nicht, wann — in den Urnebein der Natur, im großen Weltgetriebe. Und Weinen kam mich an, wie Josef, ala er sich endlich zu erkennen gab dem Brüderlein, Benjamin, in der Fremde... Nur drängte ich's zurück, verpreßte fest die Lippen in der Dunkelheit: Du kannst doch nicht, Erwachsener, Zweifüßiger, einfach weinen über den stummen Dank eines Vierfüßigen, auf deinem Bette, mitten in der Nacht! (Deutsch von Grete Fischer) Der große Physiker Heinrich Hertz wurde vor 80 Jahren (am 22. Februar 1857) als Sohn eines jüdischen Vaters in Hamburg geboren. Die Verdienste dieses sehr jung (im Alter von 37 Jahren) verstorbenen Forschers um die Entwicklung der Elektrizitätslehre sind allgemein bekannt und bedürfen keiner Würdigung mehr. Durch seine Entdeckungen wurde Hertz der Schöpfer der wissenschaftlichen Grundlagen für die drahtlose Telegraphie, den Rundfunk, die Bildtelegraphie usf. Hertz begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Assistent von Hclmholtz im Jahre 1880, habilitierte sich 1883 in Kiel, wurde 1885 Professor an der Technischen Hochschule Karlsruhe und schließlich 188Q Ordinarius der Physik in Bonn. Max Planck hielt eine berühmte Oedächtnisredc nach seinem Tode. Das Berliner „Heinrich-Hertz-Institut für Schwingung«, iorschling" hat vor kurzer Zeit seine» Namen gelodert.