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Jüdische Rundschau · 1937-02-19 · Heft 14 (19.2.1937) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 14 (19.2.1937)
Date
1937-02-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 14, 19. II. 1937 tntitirje, tapfere und von höchster Verantwortlichkeit bestimmte Haltung ucooi.id>er aJicn Anpiifcn aut das Autbauwerk des jüdischen •Volkes.!.". IrJcüi Verlniiii.il aut den Sk-^j unserer gerechten Sache verpfliihicii wir uiii, joooliio^en hinter dem Jisrhuw zu stehen und seinen Hueun Kampf mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu tinter-aut^en, insbeoondore fordern «ir die t> Henri a I t u m d e r Tute Vre/. Israels für die vielen Taufende judi-, her UiinUt und Schwertern, die mit dem Einsatz all ihrer Kräfte am Aufbau Km Israels teilnehmen wollen. II. Der iHU-fjirttemag drfhkt der lUokul i v c der Zionistischen Oig.ini.;i'i->n und in-he.ve; ieic ihrem Prii-identtn. riiaiin Weilriia im, 'ein voller. Vertiaucn aus. Kr gilit der sicheren l'.r« aitun;.; Au tiuek. ilali es der Fvckuiive gelingen wird, diesem l.Ut")i-it>u ihm! un.cij.diib.in n kocht des jiiilUelien Volkes aut Ercz Krael volle Grilling zu verschalten. III. lier I teie^ieitentap; stellt mit Podauern fest, daß die Betrhlh>M' de, I.ii?jMicr K"(ip;ie'.-es in bezug auf die Respek t lern n der Tradition und indc- .und: re Schmira! Si habb.it im öt'icnll;, heu I.eiien Kiez I,ueK noch nidit verwirklicht sind. Kr fordei! die K\ilonive ihr Zu eii.! i, hen (hg.mi-.U ion auf, die gesamten, ia-t einmalig gotaUtcn He-i'hlu-se endlieh durchzusetzen. IV. Der I Vlogieitcntag nimmt mit Schmelz und Bedauern Kcim'i.i» von der Zur in-k .et znng de- Kilibuz Rodges durch den Ken n Kaicmc'li l.eii.i.ed und die M.i< hl.ikath 1 labil jasi hwuth dos Sochnuih in der Fi.i<;c -einer 11;ija-elovudi in lleth Sehan. IVr I lelegici u utag ui'iur't mit aii. in Naehdruek eine Revi-ion de- He .ehiu--cder nie i. enden In-ianzen in die-er Klage und erwartet, nunmehr \cilo,. |k-i hiigueg der berechtigten Fordet ungen des Kibbuz Kodgc. und dt-, ll„j»t.el I lanlioaelii. V. her 11,!,.gi< ■! ieut....; 'iccec aufs neue die Wkhligkiit des K e r e n T Ii c a w a'A w » tl a und mit alle Mi-raohisten zur Mitailii;' ,ci!. Nur dm h ,i, u K l wA. i-t es gelungen, die Arbeit des .Iboicc!;ui b; beeilt Au-in.sC'- auo colti/uei ha heu und in-bo-ondere «In- Fr/:>'!:••:; •'»■ r uo , ■ o ju.;..:sd (aul Jr,rliiw..tli. durch Seminare in-'! u! - : i ui.;. \ i o s:c '; leinger, u:;<! l-int-e-ulung von Krzu'..ei;:, iis 'cu:s"-:o s.u [ordern. Der Dclegiertent.ig weist ferner .uo us I , :o-ic : 11 - -er l'o ■ 1 -i.„ i Aden diei Ii d-n K 1 w A. boi in d cos!. .. trt ocs m ,r,g, i.oid.-n zi >io-t i-.clcsn Stellen alles tue. u'u .«:.. ...! . . >.. \,\ ,< •!, . K I auch in Krez Israel .u-.o. ms! w o t-s Iis! du he Icige in toi .ui b<ec.dcrtr Anlaiii zu erhöhten i a : .-od und den K e r e n Kail- Milse;.-! der ZVill. zur Zahlung luoiiiod der Zio!iMen--!iii."rsudiiung auf! igt. mit der ZVil). eine Vereinue. Tedder Isoigange elcr Zinmstcni h: zu irr neu. VI. .e Mo Korn HECHALUZ, Deutscher Landesverband Ortsgruppe Montag, 22. Februar 1937, 20.30 Uhr s — B _!m großen Saat d«e Latslnglog« BRESLAU Dr. Georg Josephthal Jüdische Jugend — Jüdischer Nationalismus Chöre der chaluziachen Jugend Persönliches. Am 16. Februar beging RA. Georg Gold stein, Vorsitzender der Zionistischen Ortsgruppe Hannover und Mitglied des Landesvorstandes der ZVfl)., seinen 50. Geburtstag. Die Ztonisteti in Deutschland gratulieren aus diesem Anlaß ihrem langjährigen Gesinnungsgenossen auf das herz liebste. Die Entschiedenheit, mit der Goldstein den zionistischen Gedanken in langen Kampf/eilen in der Hannoverschen Gemeinde verfochten hat, hat nicht sogleich zu einem Erfolge geführt; den Respekt vor der nationalen Erneuerung bewegtint; dos Judentums hat sie /u einer Zeit, die allgemein sich noch ablehnend verhielt, t'e.t begründet. Heute wenden sieh dem I unf/igj ihrigen die allgemeinen Sympathien zu; die zionistische Bewegung begrubt das Vorhallen, seinen Namen durch l'flanzimg eines KKL-lrartetis mit dem Aufbauwerk in I'ai istina sichtbar zu verbinden. Alte Ittdite vorbehalten DER JÜDISCHEN RUNDSCHAU Knies ki ato hu dajon für Knaben Gh. \\ Inawer Nadidruek verboten __u^—"^3 £^ f rj{ f J . z*z> /)« etj I tt.ny.ti % *cif"f ~Z >J '.je. de- <* »'oea ^Jt-l f v-*^7^jW^ v. £pt>. W "7 ör-cr ™ v - * V - t.yis~ >vr ™ " t,ijv - rntTF^^itt ■*s: jfgjer u. me .ne. tf'. ssi s.Me^kcilj^i^isdj-ki.c^oi. £>V* tr jtftf.fer ■ nie . n c . *v . jtj i *, /%oy-f\oijj4minfj-i%ir»iyv*&? J l] -6^; rf- V V.'SSis. kor * ffff rLK-t,>m iel fo.misA-ko-cfycss, »ssiffadj eis/tekr rfr rf^i. t f-xfo rtess. II h J t-t-i % p % j-se-Jer est sse-fer fy* -#ieh Von ostjüdisdicr Chasanuth Im Leben der Ostjuden von dazumal nahm das „Chasones" einen sehr bedeutenden Raum ein. In das von der Umwelt völlig abgesonderte östliche Städtel drang kein Ton von draußen, und so konzentrierte man sich völlig aid seine eigene Musik, Zu den Höhepunkten des Erlebens gehörte der Schabbat, an dem man den Chasan mit seineu „Meschorerirn" das feierliche „Kabbalah Schabbat" singen hören konnte. Diese Meschorerim, die jugendlichen Sängerknaben des ostjüdischen Chasan, spielten eine grolle Rolle und nicht zu Unrecht; gab es doch unter ihnen eine ganze Anzahl von musikalischen Wunderkindern, die, in anderem Milieu aufgewachsen, zweifellos eine Welt hätten entzücken können. Sie waren eine Zierde des Gottesdienstes, wenn sie, dort oben auf dem Almemor stehend, ihren Chasan umgaben und auf seine Zeichen lauschten. Und wenn sie gar ihre hellen Knabenstimmen erschallen liehen, vermeinte man beinahe, die Engel singen zu hörni. Ein jeder Jude war stolz auf diese „Meschorerimlach", und man beneidete die Eltern eines solchen gottbegnadeten jungen Sängers. Von diesen mitunter genialen Begabungen des Ostjtitletitums sind die meisten vergessen und untergegangen, nur einigen wenigen gelang es, sich loszureißen und draußen in der „großen Welt" zum Erfolg zu gelangen. So katin man im Osten von den greisen Männern jetzt noch den Namen des grollen Chasan R a s u m n c rühmen hören, der den schönsten krischen Tenor aller Zeiten gehabt haben soll. Ein schwacher Abglanz alter jüdischer Musikalität geht heute noch von einigen ostjüdischen Chasonim aus. Von den großen Chasanim des Ostens haben sich die meisten von ihrem einstigen Ursprung losgelöst, sie hatten den falschen Ehrgeiz, Opernsänger zu werden, die „große Welt" lockte sie, und so haben sie auch tatsächlich einen beträchtlichen Teil bedeutender Sänger gestellt, doch die elementare Gewalt, die ihre Vorgänger kennzeichnete, ist abhandengekommen. Von den Chasanim der vergangenen 50 Jahre sind noch heute die Namen des Seidel R o w n e r und des Nissje B e 1 s e r Uli MB IIB II Dlsn*taBi <••" 23. Februar, 20.30 Uhr, nHIIlDUna Gabriel - Riester- Saal, OberatraBa ISO KURT LOEWENSTEIN Schriftleiter der Jüdischen Rundschau LONDON - JERUSALEM Um die Zukunft Palästinas HAMBURGER ZIONISTISCHE VEREINIGUNG im Munde der Ostjuden lebendig. Beide waren einst Berühmtheiten im ostjüdischen Leben. Beide waren sie Chasanim in Berdvtschew, der berühmten ,,jud.'' Stadt. Und beide zeichnete noch ein Gemeinsames aus: sie verfügten nur über sehr unbedeutendes Stimm-Material, und dennoch waren sie die größten Chasanim ihrer, wenn nicht gar aller Zeit. Ihre Stärke waren die jüdischen Kompositionen und die eigenen Chöre. Mit ihnen reisten sie von Stadt zu Stadt und rissen alle Hörer zu flammender Begeisterung hin. Alte, weißbärtige luden schwärmen heute noch von jenem gottbegnadeten Nissje Beiser, — dessen Stimme von Natur so heiser war, daß er kaum reden, geschweige singen konnte, — von dem aber eine so magnetische, faszinierende Kraft ausging, daß, wenn er vor dem „Omed" stand und den Chor dirigierte, man vermeinte, aus seinen Händen Funken sprühen zu sehen. Eine überirdische Gewalt ging von diesem Manne aus, der, wie besessen, dort oben stand und dem Chor Zaubertöne entlockte, — daß den Hörer die Empfindung überfiel, der „Geist des Herrn" sei über jenen gekommen. Ein „Meschorer", dem es je vergönnt gewesen, in Nissje Belsers Chor zu singen, ward zum großen Sänger für alle Zeit, — eine bessere Musikschule konnte es für einen Juden nicht geben. Auch die Kompositionen des Nissje Beiser sind von jenem alten jüdischen Geiste beseelt. Jedes Wort hat seine Deutung, alles sprudelt nur so von echtem jüdischem Nussach und strömt tiefste Frommheit aus. Dieser Mann mit den ganz ungewöhnlichen kompositorischen Fähigkeiten, der ohne jegliche musikalische Schulung solche Werke schuf (es gibt leider keine vollständige Sammlung von ihnen) war der Gaort der jüdischen Chasanuth. Seidel Rowner, obgleich er manches Gemeinsame mit Nissje Beiser hatte, ist bereits von ganz anderer Art. Seine Kompositionen waren schon weltlicher, orchestral, nicht mehr so an das Wort gebunden, sondern losgelöster, ja, zuweilen schon etwas zu sehr vom Text abweichend. Ihm kam es im wesentlichen darauf an, den Chor wie ein Orchester Tum „Klingen" zu bringen. Nichtsdestoweniger war auch Seidel Rowner ein tingewöhnlicher Musiker, wenn man bedenkt, d?ß er gleichfalls ohne die geringste musikalische Ausbildung, ja, ohne Ahnung von der Existenz eines Kontrapunktes, Fugen u. ähnl. geschaffen hat, wozu es für ihn keiner besonderen Anstrengung bedurfte. Zweifellos war auch er eine musikalische Begabung, wie man sie nicht überall und immer findet. Wenn einer von diesen beiden Chasanim durch das Land reiste, harrte schon jedes „Städte!" mit Ungeduld seiner Ankunft. Der Chasan und sein Chor waren Tagesgespräch und Sensation. Erwartungsvoll sah man der Ankunft des Scliabbat entgegen. Wenn nun der Freitagabend herannahte, füllte sich die Schul, und es wurde bedrohlich eng im Räume. Mann um Mann standen sie da, eng aneinandergepreßt, und eine Stille senkte sich herab, daß man noch das leiseste Atmen hören konnte. Unser heutiges „Singblatt" bringt einen Teil aus dem „Unssane Tokcf"-Gebet, in einer Komposition, die Missje Beiser zugeschrieben wird. Diese Art der Verschmelzung' von Text und Melodie ist tvpisch für Nissje Beiser — Schlichtheit zeichnet seine Komposition aus, — eine Schlichtheit von jener Art, die zugleich Größe in sich birgt. C h e m j o Win awer Juden und Jüdisches im Rundfunk Freilag, 19. Februar: Pa;is (1648), 12.45: Betrachtungen über die Solidarität von Max Gotisduilk, Jiid. Gemeinde Brüssel. Sonnabend, 20. Februar: Paris PTT (431). 17.30: Konzertiibertrac.une;: Wand»!..mdo\vska spielt Bach, Mozart. mit ihren Mummen Lippen Beute zu versprechen schienen. Genserich selbst begid> sieh sofort nach dem Einmarsch in das Ptihitinum, die \ eidasseiie W(»Urning dos Kaisers. Aber weder nahm er die beabsk hUetc Huldigung der Senatoren entließen, die in äii:,'stliohor Reihe warteten, noch lief? er ein lestniahl rüMcn; Kimm einen Blick warf er auf die Geschenke, mit denen die reiche Biir-ßt-rsclinit seine Strenge zu he- S( liwithticcn hoilte, Mindern sogleich entwarf der harte Soldat, über eine Karte gi-lnniat, seinen Flau zur schnellsten und zuülciels _ »riin.lliehstet! Sclmt/iing der Stadt. Jeder Distrikt wurde einer anderen Hundertschaft unterstellt und jeder der L ntei lübrer für die Manns/ueht -seiner Leute verantwortlich gemacht"). Dreizehn Tage lang hörte man in der tausendhSuscrigen Stadl nicht mehr «die menschliche Stimme. Niemand redete laut. Niemand lachte. Es schwieg das Saitenspiel in den Häusern und in den Kirchen erhöh sieh kein Gesang. Nur das Hämmern vernahm man, mit dem man das Beständige losbrach von seiner Stelle, das Foltern der stürzenden Quadern, das Knarren der überlasteten Wagen und das dumpfe Muhen der ermüdeten Zugtiere Manchmal heulten die Hunde, denen Nahrung zu geben man in der eigenen Angst vergessen, manchmal dröhnte dunkel ein Tubaton üIhmdie Wälle, wenn die Wachen sich ablösten. Die Menschen seiher aber in den Häusern hielten den Atem an. Gefällt lag die Stadt, die Siegerin der Welt, und wenn nachts der Wind hinging durch die leeren Gassen, klang es wie das matte Stöhnen eines Verwundeten, der das letzte Blut seinen Adern entströmen fühlt. An jenem dreizehnten Abend der Plünderung saßen am linken Ufer des Tibers, dort, wo der gelbe Fluß sieh träge krümmt wie eine überfütterte Schlange, die Juden der römischen Gemeinde zusammen im Hause Mose Abihaiions. Er war keiner der Großen unter den anderen und kein Kenner der Schrift, nur ein alter harter Arbcitsmiinn, aber sie hatten sein Haus gewühlt zur Zusammenkunft, weil die ebenerdige Werkstatt mehr Raum bot als die andern engen, verwinkelten Stuben. Seit dreizehn Tagen saßen sie so täglich alle beisammen, mit grauen, übermüdeten Gesichtern, in ihren weißen Sterbegewändern, und l>etetcn im Schatten der verschlossenen Läden zwischen den aufgehängten Rollen, den getünchten Tüchern und breiten Bottichen mit einer dumpfen und fast schon betäubten Beharrlichkeit. Bisher hatten sie noch nichts Böses erlitten von dem Vandalen. *) Die Schilderung der Plünderung Roms wurde aus Raumgründen von uns etwas gekürzt. — Red. Zwei- oder dreimal waren Trupps, begleitet von Edelingen und Schreibern, durch die niedere, enge Judengasse gezogen, wo die Nässe von vielen Ueberschwemmungcn her wie Schwamm in den Fliesen der Häuser saß und in kalten Tränen von den versinterten Wänden niederrann; ein verächtlicher Blick genügte den geübten Räubern, um zu erkennen, daß von dieser Erbärmlichkeit nichts zu erbeuten war. Hier schimmerten keine marmorgeläfelten Peristyle, keine goldhlitzenden Triklinien, hier bargen sich nicht erzene Statuen und Vasen. So zogen die Raubtruppen gleichgültig an ihnen vorbei und keine Brandschatzung, keine Plünderung drohte. Aber dennoch waren die Herzen der Juden Roms bedrückt, und sb drängten zusammen in beängstigtem Vorgefühl. Denn Unglück in der Stadl, in dem Land, wo sie wohnten — da« wußten sie nun schon seit, Geschlecht und Geschlecht — wandte sieh schließlich immer zum Unglück für sie. Im Glück vergaßen die Völker sie und achteten ihrer nicht. Da schmückten sieh die Fürsten und bauten und trieben Prunk und der Pöbel hatte seine grobe Lust mit Hatzcn und Jagden und Spielen. .Aber immer, wenn Notstand kam, gab man ihnen die Schuld. Schlimm war es, wenn die Feinde siegten, schlimm, wenn eine Stadt geplündert wurde, schlimm, wenn Pest oder Krankheit in die Länder kam. Alles Böse der Welt, sie wußten ©s, wurde unweigerlich zum Bösen für sie, und sie wußten auch längst, daß es gegen dies ihr Schicksal kein Auflehnen gab, denn überall und allorls waren sie wenige, überall und nllorts waren sie schwach und ohne Gewalt. Ihre einzige Waffe war das Gebet. So beteten die Juden Roms jeden Abend bis tief in die Nacht, all diese dunklen und gefährlichen Tage der Plünderung. Denn was konnte der Gerechte anderes tun in einer ungerechten und rohen Welt, wo immer wieder die Gewalt obsiegt, als weg von der Erde sieh zu Gott hinwenden? Jahre und Jahre ging das schon. Bald kamen sio vom Süden, bald vom Osten und Westen, die blonden, die dunklen, die fremden Völker, und alle räuberisch, und kaum halle eine Rotte gesiegt, so fiel schon eine andere Uber sie her. Uebcrnll auf der Erde kriegten die Gottlosen und ließen den Frommen nicht Frieden. So hatten sie Jeruscholajim genommen, Babylon und Alexandria, und heute erlitt es Rom. Wo man rasten wollte, war Unrast, wo man Frieden suchte, war Krieg; man konnte dem Schicksal nicht entkommen. Einzig im Gel>et war auf dieser verstörten Erde Zuflucht, Ruhe und Trost. Denn wunderbar ist das Gebet. Es betäubt die Angst mit großer Verheißung, es schläfert dio Schrecknis der Seele ein mit singender Litanei, es hebt die Schwere des Herzens zu Gott auf seiner murmelnden Schwinge; gut ist es darum, zu beten in der Not, und noch besser, gemeinsam zu beten, denn alles Schwere wird leichter, wenn gemeinsam getragen, und alles Gute besser vor Gott, wenn verbunden getan. So saßen die Juden der römischen Gemeinde zusammen und beteten. Das fromme Murmeln floß aus ihren Bärten leise und stetig wie vor den Fenstern das Plätschern des Tiberstroms, der still und beharrlich die Planken der Spülbänke scheuerte und die Ufer mit seinem weichen Wandern wusch. Keiner der Männer blickte auf den andern und doch wiegten ihre alten morschen Schultern sich gleichmäßig im Takt, indes sie singend und sagend ebendieselben und selben Psalmen beteten, die sie hundert- und tausendmal gebetet und ihre Väter vor ihnen und deren Väter und Vorväter schon. Die Lippen wußten kaum, daß sie sprachen, die Sinne nicht, was sie fühlten; wie aus einem dunkeln, benommenen Traum floß dieses zagende und klagende Getön. Plötzlich schraken sie auf, ein Ruck riß schroff die gebeugten Rücken empor. Außen war heftig der Klopfer an die Tür gefallen. Und immer, es saß ihnen schon im Mutes, erschraken sie vor allem Plötzlichen, die Juden der Fremde. Denn was konnte Gutes kommen, wenn eine Tür ging in der Nacht? Das Murmeln riß ab, wie mit einer Schere zerschnitten, deutlicher jetzt vernahm man durch die Stille den gleichgültig weiterphitschernden Fluß. Alle horchten mit gekrampftcr Kehle. Da fiel noch einmal der Klopfer, ungeduldig rüttelte eine Faust an der äußeren Tür. „Ich gehe schon", sagte wie zu sich selbst Abthaiion und schlurfte hinaus. Das auf dem Tisch angeklebte Wachslicht bog seine Flamme flüchtend unter dem scharfen Luftzug der geöffneten Tür; wie innerlich die Herzen all dieser Menschen, zitterte die Flamme plötzlich und stark. Der Atem kam den Erschreckten erst wieder, als sie den Eintretenden erkannten. Hyreanos hon llillel war es, der Schatzmeister der kaiserlichen Goldpräge, der Stolz, der Gemeinde, weil ihm als einzigem Juden Zutritt verstauet war in den kaiserlichen Palast. Jenseits von Trastevere zu wohnen, war ihm als besondere Gunst vom Hofe erlaubt, und er durfte vornehme farbige Kleider tragen; jetzt aber war sein Mantel zerrissen, sein Antlitz beschmutzt. Alle umringten ihn" — denn sie ahnten, er hatte eine Botschaft — ungeduldig, daß er hastig erzähle und doch voraus schon verstört, weil sie Unheil erfühlten an seiner Erregung. Hyreanos ben llillel atmete tief. Man sah, ein Wort war in seiner Kchlo verkrampft und wollte nicht vor. Schließlich stöhnte er: „Es ist vorbei. Sic haben ihn. Sie haben ihn gefunden." „Was gefunden? Wen gefunden?" Es japple aus al^gn wie ein Schrei. (Fortsetzung folgt)

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