Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 14 (19.2.1937)
- Date
- 1937-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14, 19. n 1937 JODISCHE RUNDSCHAO Seite 7 zur den und zum len". bewie quin Der Delegiertentag des Misrachi Eine Versammlung als Auftakt Am 13. Februar veranstaltete der Berliner Misrachi als Auftakt zum Delcgtertetilag des Misrachi in Deutschland in der Synagoge Münchener Straße eine Kundgebung unter dem Motto: „Idee und Wirklichkeit des Misraclii". Rabbiner Dr. Harry Levy begrüßte die Lrsciiienencn sowie die Vertreter der jüdischen Körperschaften und wies auf die Bedeutung des Misrachi innerhalb der zionistischen Bewegung hin, da er erkannt habe, dafi zur Vervollständigung der nationalen Aufgabe die religiöse Wiedergeburt gehöre. Diese Arbeit finde ihre Bewährung in Erez Israel; aber die religiöse Renaissance müsse schon der Gallith beginnen. Die üalutharbeit sei deshalb immer vom Misrachi bejaht worden In einer wirkungsvollen Rede legte Rabbiner Dr. Alexander Aitmann dar, daß gerade in der heutigen kritischen Zeit Palästinas der Misraclii zu einer klaren Stellungnahme gezwungen sei. Es sei notwendig, daß viele Juden in andere Länder als Palästina hinauszögen; aber diese müssen wissen, daß sie doch nur in die Gallith gehen. Wo sie auch sein mögen, überall müsse eine Einheit aus ihnen geschmiedet werden. Palastina ist eine Wirklichkeit und wird stets das Als letzter Redner hob Dr. S. Orünberg nochmals die religiösen Forderungen des Misrachi hervor und vertrat dabei die Auffassung, daß der Misrachi das integrale Judentum selbst ist. Seine Lösung sei mehr als ein Programm: nämlich die Richtung, die der Zionismus einschlagen muß, wenn er die Hoffnungen erfüllen will, die das jüdische Volk aut ihn gesetzt hat. Die Tagung- Dr, Franz Meyer bei seiner Begrüßungsrede; am Vorstandstisch von links nach rechts: llabh. Dr. Hoffmann, Frankfurt am Main, Seminardozent Dr. S. Grünberg, llabb. Harry Levy, Dr. Paul Suhbcrger, Berlin. Foto. Herbert Sonnrofctd Schwergewicht seiner Existenz geltend machen. Die jetzige Lage erfordere den Zusammenschluß des ganzen jüdischen Volkes. Dem Misrachi falle die Aufgabe zu, dem Volke die Ströme religiöser Bewegtheit mitzuteilen. Mit Entschiedenheit hob Dr. Altmann hervor, daß der Kulturbegriff des Misrachi nicht am Begriff des Volkes, sondern am religiösen Kulturidea! der Thora orientiert sei. Erst wenn in Palästina das Prinzip der „Awodah" im Sinne des Dienstes am Göttlichen verwirklicht sein werde, wird unsere Welt dort fest begründet sein. Andererseits lehne der Misrachi ejji Gheftokultur ab, sondern es sei notwendig, daß wir unser Schicksal in den Raum der modernen Welt hineinstellen und ein Synthese zwischen europäischer Kultur und jüdischem Geist herstellen. Auch Dr. Paul Sulz berger hob in seiner Rede hervor, daß der Misrachi in den Mittelpunkt seines Denkens die Thora stelle und erhob in diesem Zusammenhang vor allem die Forderung, daß die jüdischen Gemeinden dieser Forderung entsprächen. Vor allem in der Verwaltung und Führung der Schulen müsse der religiös-nationale Gedanke herrschen, und es sei vor allem zu fordern, daß auch die Lehrer wirklich auf dem Boden dessen stehen, was sie zu lehren haben. Für die konservativen Kreise Berlins erhob der Redner die Forderung nach einer eigenen konservativen Schule, Leben und Gesetz müßten wieder in Einklang gebracht werden. Dabei bedürfe es aber des ganzen Mutes derjenigen, die über die Halachah zu wachen haben, wenn es ihnen gelingen soll, das Oesetz mit den Bedürfnissen des Lebens wieder in Uebercinsfimmung zu bringen. Die Tagung des Deutschen Misrachi am 1-1. Februar im Berliner Logenhaus war eine eindrucksvolle Kundgebung und eine sachliche Förderung der national-religiösen Idee. Zahlreiche Delegierte und (iäste aus allen Orten des Reichs waren erschienen. Als Vertreter der Reichsverirefung nahm Dr. Franz Meyer, für die ZVfD. R.-A. Benno Cohn und Dr. Traub und für die jüdische Gemeinde Berlin Dr. Alfred Klee an der Tagung teil. Die Tagung wurde durch eine Ansprache des Doz. Dr. S. Grünberg eröffnet, der der Opfer der Palästina-Unruhen sowie des Heimgangs von Raw Kuk und Nahttm Sokolow gedachte und der Verbundenheit mit dem Aufbauwerk Palästinas Ausdruck gab. Nach Begrüßtingsworten der Herren Dr. Meyer für die Rcichsvertretung, Dr. Traub für die ZVfD. und Dr. Klee für die Berliner Jüdische Gemeinde und der Wahl des Präsidiums nahm der gewählte Präsident der Tagung, Rabb. Dr. Hoffman n, das Wort zu seinem politischen Referat. Referat Dr. HofImanns Der Redner untersuchte die Gefahren, die uns von der Entscheidung der Kommission drohen und welche Aussichten für eine günstige Entscheidung bestehen. Line arabische Nationalregierung sei ernsthaft nicht zu befürchten, ebensowenig ein Verbot des Bodenverkanfs an Juden, dagegen bestehe die Gefahr einer Einwanderungsbesc'hränkung und einer Verlangsamung des jüdischen Aufbauwerks. Unsere Stärke ist der jüdische Jischuw in Erez Israel und die Poikik Weizmantis und der Exekutive. Weidmann ist der beste Führer, den wir in dieser Zeit haben können. Wir haben seine Haltung während der A.-C.-Sitzung in Zürich, als die Nachricht von einer drohen, den Einwanderungssperre kam, bewundern können, ebenso seine Aussage vor der Kgl. Kommission. Auch die Vertreter der Palästina-Exekutive, Ben Gurion und Schert ok, haben sich in dieser schweren Zeit durchaus bewährt. Der Misrachi stehe deshalb entschieden hinter der Politik der Exekutive. Dagegen bedauere er ihre Lässigkeit gegenüber den religiösen Forderungen. Die Beschlüsse des Luzerncr Kongresses betreffend Schinirat Sehabbat im öffentlichen Leben Palästinas sind nicht ausgeführt worden. Der Misrachi hat bereits auf der Züricher Äktions- Comite-Sitzung erklärt, daß er hieraus die Konsequenzen gezogen hätte, wenn nicht die äußere Lage in diesem Augenblick einen solchen Sehritt verboten hätte. Die Erklärung Schertoks vor der Kgl. Kommission, daß die jüdischen Arbeiter -MAGISTER KIRSCH— Der oute Likör MagUtor-LikSrfabrlk, München VII. In Berlin iu bezieh, durah dl* WiingroBhandlung Barnherd Breuor, BurgelraBe 3 / Ruf: St 43 40 nicht weil wir das Land brauchen, sondern weil das Land uns braucht. Vortrag von Dr. Sulzbergrr Sodann sprach Dr. Sulzberger über die Arbeit des Misrachi in Deutschland. Die Arbeit für Erez Israel ist jetzt im wesentlichen eine Arbeit der Erziehung und Ueberführung der Juden nach Erez Israel geworden. Wir haben eine starke und fundierte Jugendbewegung. Der Hrith I lanoar, der Zeire- Misrachi und der Bachad seien die Jugendorganisation, die die gesamte misrachistisclie Jugend umfassen soll, und man wünsche nicht, daß innerhalb der Misrachi-Organisation sich weitere Jugendbünde organisieren, was nur eine Zersplitterung der Kräfte bedeuten würde. Die Bemühungen, eine Miitclstandsalijah anzuregen, sind bisher nicht über die Anfange hinausgekommen; der Plan wird aber durch Dr. Adler, der jetzt wäcder in Erez Israel ist, weiter verfolgt. Der Misrachi stehe auf dem Boden der Thora und der Ueherlieferimg und anerkenne gleichzeitig die unlösliche nationale Verbundenheit aller Glieder des jüdischen Volkes. Hieraus ergibt sich die Zusammenarbeit mit der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, mit der schon lange ein enges freundschaftliches Verhältnis intensiver Zusammenarbeit besteht. Als zum letztenmal allgemeine Wahlen zum Kongreß in Deutschland stattfanden, ergab sich, daß aut die misrachistisclie Liste annähernd ein Drittel sämtlicher Stimmen abgegeben wurden. Später wurden die Delegierten auf Einheitslisten gewählt. Hierbei sei der Misrachi zu kurz gekommen, weil der Anteil des Misrachi im Gesamtzionismus zu gering angesehen wurde. Er fordere deshalb zum nächsten Kongreß" und zu allen sonstigen Gremien eine Wahl, um festzustellen, ein wie großer Teil der Zionisten und überhaupt der Juden in Deutschland heute der Ideologie des Misrachi zu folgen bereit ist. Für den Misrachi ist die Galuth arbeit niemals eii: rachi wußte, daß die Sammlun, Tagen des Ma-.chiach kommen k< großer Teil des jüdischen Yoik dem leben muß. Diesen Teil (Ks Stimmung zu eihalleii, um der Thora, muß deshalb giöser jüdischer Führer Diesen Referenten folg durch einige Kurzreferate Frage nach dem Wert der Problem gewesen. Der Misaller Juden erst in den inte und daß bis dahin ein s vetstreut in allen Länjudisehen Volkes seiner Bein einem Leben im Geiste Zi limes nationai-rcli- D e b a 11 e, die bereit wären, Jjci Regierungsarbeiten am Schabbat zu arbeiten, (st politisch durch den Brief Schertoks an die Kommission rektifiziert. Bedauerlich bleibt, daß Schertok überhaupt eine solche Erklärung vor der Kommission abgeben konnte und die Wichtigkeit der Tradition für den Palästina- Aufbau nicht varstanden hat. Der Aufbau Palästinas hängt nicht nur von de« wirtschaftlichen, sondern auch von religiösen Faktoren ab. Nachdem die agudistischen Arbeiter sich um eine Zusammenarbeit mit dein flapoel Hamisrachi bemüht haben, müssen wir auch eine Zusammenarbeit mit dem O c - samtmisrachi auf den Gebieten versuchen, in denen zwischen uns keine Meinungsverschiedenheit besteht. Die Frage einer organisatorischen Verbindung mit dem Oesamtmisrachi kann einem späteren Zeitpunkt vorbehalten bleiben. Der Misrachi glaube, den umfassenden Zionismus zu vertreten. Wir sind keine Prosperity-Zionisten, unser Zionismus ist tiefer verankert, wir wollen nach Erez Israel gehen, d zwar ein vonu .■in. gte eine eingebe! wurde. Dr. Alfred Lehmann sprach über innei■zionistische Arbeit. Fr verlangte eine enge Verbindung aller Misrachisfeit und eine Ii b.-ndige Bc/ühuug zu Rr i;:.t dun b gemeinsame Lektüre hebräischer Zeitschriften und von Briefen aus Palästina, sowie eine Beteiligung der I nuen- und Jugcmlgruppen an der (>rNgruppcnarheit. - Frau Dr. Ziuitz in richtete über die Arbeit der Frauengruppen und die Zusammenarbeit mit der Wizo. Der Beschluß der Wi/o in Zürich, einen Meschek für religiöse Mädchen zur Verfügung zu Mellen, ist noch nicht verwirklicht worden. Dagegen hat der I lapoel Hamisrachi einen Meschek Ponloth in Meged gegründet, der durch die Arbeit der Frauciigruppcii gefördert wird. — Rudi Herz sprach über die Arbeit des Bachad und über die Siedhingsarbeit des llapoel Hamisrachi. Die I lachsi harah Ruchanilh (geistige Vorbereitung) ist das besondere Aufgabengebiet des Bachad, das in Jeschiwoth und l.criizeni'e-n erfüllt wird. Dem Bachad gehören ungcfiihr 20 <gi der jüdischen Jugend in Deutschland an. Das ist fast die gesamte der Tradition nahestehende Jugend. — Rabb. Dr. Laupheimcr sprach für eine Intensivierung der Werbearbeit, an der sieh alle Misrachisten mit Anstrengung aller Kräfte beteiligen müssen. Fr verlangte eine finanzielle Stärkung der Ortsgruppen und der Landeszentralc. — Eugen Michaelis berichtete über die Keren Thora w'oawodah-Arbeit, deren stärkere Förderung er von allen Misrachisten verlangte. Den Schluß der Tagung bildeten die W a h 1 e n zur Landeszentralc und zum Zentralkomitee. Zu Vorsitzenden der Landeszentrale wurden Dr. ü r ü n b a u in und Dr. Sulzberger gewählt, zu weiteren Mitgliedern Rabb. Broch, Dr. Lehmann, Dr. Burg, Erwin Seligmauii, zum Vorsitzenden des Zentralkomitees Rabb. Dr. H o f f in a n n. Das Präsidium des Deutschen Misrachi besteht aus den Herren: Rabb. Dr. H u f f in a n n , Doz. Dr. Grünberg, Dr. Sulzberger. Resolutionen f. Der IWcgicrlc saiion Peui.,e!ii,!„ 1 -, , «u!-»ct in di-svr =■■ brüderlichen ('< M; -.r."i hi T.andesorgani- ■>>' in iSei litt Maiw.md, ce:n Ii* huw Seinen Aug der im Herbert Reichner Ver)a<?,Wienkeipaig - Zürich, erschienenen wohlfeilen Gesamtausgabe des enghlerisdien Werkes von Stefan Zweig, 2. Band, „Kaleidoskop". Eben hafte an einem hellen Junilage des Jahres 455 im Zirkus Maximus von Rom der Kampf zweier riesenhafter Fferuler gegen eine Meute hyrkanischer Eber blutig geendet, als uin die drille Stunde des Nachmittags steigende Unruhe sich unter den Tausenden von Zuschauern zu verbreiten begann. Zuerst war es nur den nächsten Nachbarn aufgefallen, daß in der abgesonderten, mit Teppichen und Standbildern reich geschmückten Tribüne, wo inmitten seiner Hofbeamten der Kaiser Maximus saß, ein Bote eingetreten war, staubbedeckt und sichtlich eben abgesprungen nach hitzigem Ritt, und daß, kaum hatte er dem Kaiser seine Nachrieht gemeldet, dieser gegen alle Sitte sieh inmitten des aufgeregten Spieles erhob; ihm folgte mit gleich auffälliger Eile der gesamte Hof, Und bald leerten sich mich die den Senatoren und anderen Würdenträgern zugewiesenen Sitze. F.in dermaßen überstürzter Aufbruch konnte nicht ohne gewichtige Ursache »ein, Verfebens, daß neuordings scharfe Fanfaren einen al>ermaligen "ierkampf ankündigten und aus dem gehobenen Gitter niit dumpfem Gebrüll ein schwarzbemühnter numidischer Löwe den kurzen Messern der Gladiatoren entgegongejagt wurde — die dunkle Woge der Unruhe, von dem blassen Gischt fragender und Ängstlich erregter Gesichter ül>erschäumt, hatte sich schon unwiderstehlich erholxm und lief weiter von Reihe zu Reihe. Man sprang auf, man deutete hinüber zu den leeren Platzen der Vornehmen, man fragte und Limite und rief und pfiff; da verbreitete sich, niemand wußte, wer es zuerst ausgesprochen, das w irre Gerücht, die Vandalcn waren mit mächtiger Flott* in Porlus gelandet und schon unterwegs gegen die unbekümmerte Stadt. Die Vandnlen! Erst lief das Wort nur als blasses Geflüster von Mund zu Mund, dann plötzlich ward es ein grell aufspringender Sehroi „Die Barbaren, die Barbaren!", hundertstimmig, tausendstimmig das steinern gestufte Rund des Zirkus durehdröhnend, und schon jagte, wie von einein gewittrigen Windstoß aufgerissen, dio ungeheure Menschenmasse in rasender Panik dem Ausgang zu. Alle Ordnung brach zusammen. Dio Garden, die Wachsoldaten verließen ihre Plätze und flüchteten mit; man sprang über die Sitze, man hieb sich mit Fäusten und Schwertern einen Weg, man zertrat kreischende Frauen und Kinder, nn den Atisgiingen bildeten sich kreiselnde, kreischende Trichter zusammengequirlter Massen. Nach wenigen Minuten war der weite Zirkus, der eben noch achtzigtausend Menschen in einen dunklen tönenden Block zusammengepreßt, völlig ausgefegt. Marmorn und stumm und leer wie «in verlassener Steinbruch lag das gestufte Oval in der sommerlichen Sonne. Nur unten in der Arena stand •— die Fechter waren lüngst den anderen naehgeflüclilet —, die schwarze Mahne schüttelnd, der vergessene Löwe und brüllte herausfordernd in die plötzliche Leere. Es waren die Vandalcn. Bote auf Bote hetzte jetzt heran, und jede Nachricht war schlimmer als die frühere. Mit hunderten Seglern und Galeeren waren sie gelandet, ein behendes, bewegliches Volk; schon flitzten auf der portuensischen Straße mit raschen, langhalsigen Hengsten die weißmSnlligen berberischen und numidischen Reiter dem eigentlichen Heere voraus; morgen, übermorgen mußten die Feinde schon vor den Toren stehen, und nichts war zur Abwehr bereit. Die Söldnerarmee kämpfteirgendwo weit bei Ravenna, die Befesligungsmnuern lagen, seit Alarich die Stadt geschleift, in Trümmern. Niemand dachte an Verteidigung, •ie Reichen und Vornehmen rüsteten hastig, um mit dein Leben zumindest auch einen Teil ihrer Hube zu retten, Maultiere und Karren. Aber schon war es zu spüt. Denn das Volk wollte es nicht dulden, daß im Glück die Vornehmen es preßten und im Unglück feig verließen. Und als Maximus, der Kaiser, mit seinem Troß dem Palast entweichen wollte, sausten zuerst Flüche und dann Steine ihm entgegen; schließlich fiel der erbitterte Pöbel über den Feigen her und erschlug seinen kläglichen Kaiser mit Keulen und Achten auf der Straße. Zwar sperrte man nachher wie jeden Abend die Tore; aber eben dadurch war die Angst in der Stadt völlig verschlossen; schwer und drückend wie ein fauler, sumpfiger Dunst lag das Vorgefühl eines Fürchterlichen über den verstummten, lichllosen Hausern, und wie eine erstickende Decke bausehte das Dunkel sieh nieder über die verlorene Stadt, die in Schauer und Schrecken verging; unbekümmert und leicht aber leuchteten oben die ewig gleichgültigen Sterne und an die azurne Wand des Himmels hängte wie ollnachts der Mond sein silbernes Horn. Schlaflos und mit bebenden Nerven lag Rom und wartete auf die Barbaren wie ein Verurteilter, das Haupt bereits über den Block gepreßt, auf den unabwendbaren und schon nngeschwungonen Schlag. Langsam, sicher, planhaft, sieghaft zogen unterdes die Vandalen auf der leeren Römorstraße vom Hafen heran. Wohlgeordnet marschierten die Krieger, Hundertschaft nach Hundertschaft, im rnilitüi i-chen S;hriC, und unruhig voraus, stiebten bügellos und mi: flirrenden Weiiilungi-ii ihre s'höneri Vollblutpferde tummelnd die 1! ii is \ Ölkur der Wüste, die dunkelhäutigen und pechhaarigrii Niimidier, Mitten im Zuge ritt Genserich, der König der Vandalen. I.;is!.i g zu! "ieden lächelte, er vom Sattel herab auf .seine nuirsi hierende Ycilkssehur. Der alte erfahren! ■ rieger \cnMe angst mm laß Späher, ernstlicher Widerstund nicht zu belürc hten war, duls sie» diesmal nicht zu entscheidender FeUhchhuhl rüsteten, sondern nur zu ungefährlicher Bciuuiiu. In der Tal: kein feindlicher Krieger zeigte sieh. Erst au der Porta Porluensis» wo die schön geebnete Hafenst rnße <!as innere Gcwcif Rems erreicht, trat dem König Papst Leo entgegen, geschmückt mit allen lnsignion und funkelnd umrinet von der ganzen Klerisei, Papst Leo, derselbe weißbiirtige Greis, der erst wenige Jahre zuvor den schrecklichen Attila so glorreich lmwogen, Rom zu verschonen, und dessen Bitte sieh damals der heidnische limine in unbegreiflicher Demut gefügt. Auch Genserich stieg sofort vom Pferde, als or des majestätisch«» Weißbarts ansichtig ward, und hinkte ihm (sein rechter Fuß war verkürzt) höflich entgegen. Aber weder küßte er die Hand mit dem Fischerring, noch beugte er fromm das Knie, weil er als arianischer Ketzer den Papst bloß als Usurpator des wahren Christentums betrachtete, und die beschwörende lateinische Anrede des Papstes, or möge die heilige Stadt doch schonen, nahm er mit kühlem Hochmut entgegen. Nein, keine Sorge, ließ er durch seinen Dolmetsch antworten, man solle nichts Unmenschliches von ihm befürchten, or sei selber ein Kriegsmann und Christ. Er werde Horn nicht, mit Feuer verbrennen und nicht zerstören, obwohl diese herrschsüchtige Stadt tausend und tausend Städte geschleift und dem Erdboden gleichgemacht. Er werde in seiner Großmut sowohl das Kirehengnt als auch die Frauen verschonen und nur ,,sinc ferro et igne" beulen nach dem Recht des Stärkeren und des Siegers. Aber nun rate er — und dies sagte Genserich drohend, während ihm sein Stallmeister schon wieder in den Bügel half — ohne jeden weiteren Verzug ihm die Tore Roms zu öffnen. Es geschah, wie Genserich es gefordert. Kein Speer wurde geschwungen, kein Schwert gezückt. Eine Stunde später gehörte ganz Rom den Vandnlen. Aber nicht wie eine unbeherrschte Horde ergoß sieh die siegreiche Schar über die wehrlose Stadt. In geschlossenen Reihen, gezähmt von Genserichs eiserner, herrischer Hand, marschierten sie ein, die hohen und festen Krieger, durch die Via Triumphalis, und starrten nur manchmal neugierigen Blicks auf die tausend und tausend weißaugigeo Statuen, die «X