Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 14 (19.2.1937)
- Date
- 1937-02-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14,19.11.1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Jüdische Musiker in London Juden in der Literatur Eine Theorie zum Assimilationsproblem London, Anfang Februar Ein pianistisches Ereignis ersten Ranges war der Beethoven- Abend, den Arthur Schnabel kürzlich in der dichtgefüllten Queen's Hall gab. Von den fünf gespielten Sonaten, in ihrer Gesamtheit die drei Stilperioden im Schaffen Beethovens recht gut illustrierend, bildete op. III, und davon besonders der Variationensatz, den künstlerischen Höhepunkt eines denkwürdigen Abends. — In der blutjungen Nina M i 1 k i n a, auf die wir schon im Vorjahr hingewiesen haben, entpuppt sich eine sehr hnffnnngvolle Klavierbegabung. Ihr Spiel ist reifer, technisch sicherer geworden und sie hat das Zeug in sich, Schumanns „Carncval" mit echt romantischem Schwung und Farbenreichtum zu geben. — Aehnlichcs, mit einer mehr männlichen Note, läßt sich von dem jungen Meyer R o s e n - stein sagen, der ein umfangreiches Programm, aus dem eine Brahms-Oruppe sowie Schumanns „Etudes Svmphoniques" herausragten, mit bestem Gelingen bewältigte. Zur Chopin-Ballade in E-Dur fehlt ihm allerdings noch die innere Lockerung und die „leichte" Hand. — Louis Kcnlncr, dessen Name hier bereits einen ausgezeichneten Ruf genießt, erspielte sich mit dem Mozart-Konzert in C-Moll im 7. philharmonischen Konzert unter Sir Thomas Beecham einen ganz starken Erfolg. „Musizieren" ist vielleicht der beste Ausdruck, um Kentncrs technisch makelloses und musikalisch von tiefstem Verständnis erfülltes Spiel zu charakterisieren. Ein Pianist von exzeptionellen Qualitäten. — Zwei junge Geiger nennen wir, von denen man getrost sagen darf, daß sie den „Marschallstab im Tornister" tragen: Paul Makanowit/ky und Ida II a c n - dei. Beide stammen aus dem Osten und bekräftigen wieder einmal die alte Redensart von der tieige als dem ostjüdischen Instrument. Das Großartige an diesen beiden jungen Menschen ist rieben einer technisch fast vollendeten Meisterschaft die stilistische Sicherheit und das nur auf intuitivem Weg mögliche tiefe Erfassen einer Musik — Makanowit/ky spielte u. a. Bach Solosonatc in C-Dur, Ilaendel das Brahmskonzert unter Sir Henry Wood —, die selbst für den herangereiften Künstler mit langjähriger Podiumerfahrung noch ein harter Prüfstein ist. Ida Haendel ist der interessantere Fall, da es sich um ein 14jährigcs Mädchen handelt. Die Besprechung im „Daily Telegraph" des Ürchcsterkonzcrts, in dem die kleine Haende! mitwirkte, ist ausschließlich ihr gewidmet und schließt mit den Worten; „Dieses junge Mädchen aus Polen ist etwas Außerordentliches selbst in einem Zeitalter der Wunderkinder." Einen sehr anregenden Liederabend vermittelte uns Alice Schäffer mit einem sorgfältig und geschmackvoll gewählten Programm (Goethe-Texte in Vertonungen der verschiedenen Komponisten jener Zeit, Mahlers „Fahrenden Gesellen" und die Zigeuncrliedcr von Dworak), das die Künstlerin, besonders in seinem ersten Teil, mit sicherem Stilgefühl und Stimmkultur sang. - Alexander Kipnis in Liedern zu hören, ist stets ein Genuß. Wenn man auch mit gewissen überhandnehmenden Manierismen und „Ueberdosierungen" seiner Interpretation nicht einverstanden sein kann, so nimmt doch wieder die Pracht und der wunderbare Schmelz seines Basses gefangen. — Mit Erfolg sangen in der Wintersaison in der Oper im Covent Garden Irene E is i n g e r (Adele in „Fledermaus") und Sabine Kalter (Herodias in „Salome"). — Unter dem Titel „Barock und Rokoko" gaben Alice Ehlers (Cembalo), Eva Heinitz (Viola da Gamba) und Hertha G I ü c k in a n n (AH), unterstützt von einem Kammcrorchester unter Hans Oppenheim, einen sehr schön gelungenen Abend, an dem man u. a. einige historische Kuriositäten hörte, die auch künstlerisches Interesse für sich beanspruchen konnten. Von Werken jüdischer Komponisten wurde hier in letzter Zeit einiges Bemerkenswerte aufgeführt. So genoß man ein Konzert des ganz vortrefflichen Boyd Ncel String Orchcstra, das Schön bergs noch ganz in später Romantik verhaftetes Streichsextett „Verklärte Nacht" sowie Eugene Goossens „Conccrtino" im Programm führte. Diese Komposition, ein frühes Werk des der jungenglischen Schule angehörenden Komponisten, lehnt sich stilistisch an die jüngeren Franzosen, die einstigen „Les Six", an. — Zwei große Stiidioaufführungen des englischen Rundfunks lenkten die Aufmerksamkeit auf sich: die vierte Symphonie von Mahler unter der sicheren und eindringlichen Leitung von Flein/. Ungcr sowie Darius Milhauds Oper „Christofer Columbus" unter dem Stabe des Komponisten selbst. Die oratorienhafte Anlage und der Charakter der Musik machen dieses Werk für eine konzertante Aufführung, wie sie letzthin gegeben wurde, sehr geeignet. Die eindrucksvollsten Stellen liegen zweifellos im Chor, der von der B. B. C. Choral Society mit großer Stimmentfaltung und rhythmischer Präzision gesungen wurde. Dr. M. Carner Bei der Arbeitstagung der Forschungsabteil u n g udenfrage des Rcichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands am 21. II. v. j. in München hielt Wilhelm Stapel einen Abschlußvortrag über das Thema: „Die literarische Vorherrschaft der Juden in Deutschland 1018 ■■ ■l<>vj". Dieser Vortrag liegt nunmehr gedruckt vor. (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg —- Schriften des Rcichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands.) Fänigt für uns besonders interessante Punkte der Schrift sollen an dieser Stelle hervorgehoben werden. Stapel geht, nachdem er zunächst den Unterschied zwischen Assimiianten und Zionisten insbesondere an Hand der Kunstwart-Debatte von 1012 dargestellt hat, von der These aus, daß die Juden nicht den Versuch machten, sich den Deutschen anzugleichen, sondern versuchten, die Deutschen den Juden zu assimilieren. „Sie wurden nicht künstliche Deutsche, sondern sie suchten die Deutschen zu k ü ri s t I i c h e n J n il e n z u in a c h c n. Es zeigte sich, daß auch die Assimilation nur eine Form der Herrschaft über die andern war. Assimilation und Zionismus waren zwei Methoden, eine Herrschaft zu errichten." Hierzu ist zu bemerken, daß der Zionismus, wenn er überhaupt nach „Herrschaft" strebt, so eine Art Herrschaft über das jü- UtWfnOHH JUfffnOftf* Herren- und Damen - Ausstattungen Berlin SW, Friedrich straße 50-51 dische Land, nämlich Paliistina, meint. Und wenn er Menschen beherrschen will, dann die J u d e n und ihren Geist, damit sich dieser wieder den nationalen Aufgaben des jüdischen Volkes zuwende, von denen er sich in den letzten Generaiionen abgekehrt hatte. Den Satz, daß die Juden den Versuch gemacht hätten, sich die Deutschen zu assimilieren, interpretiert Stapel sodann auch noch, indem er sagt, daß d r groli.uüicle'rte Versuch gemacht wurde, das deutsche Volk unter das j ii - dische Urteil zu zwingen. Der gelegentlich von jüdischer Seite formulierte Satz, daß ein echter, seines Judentums bewußter Jude auch ein besserer Deutscher sein kann als ein Jude, der sein Judentum sich abzulegen bemüht, wird von Stapel dahin gedeutet, daß hieraus folgt, daß der wahre Deutsche sich bemühen müsse, jüdisch zu sein. Uns scheint, daß diese Ansicht auf einem Mißverständnis beruht. Jener Satz wendet sich nämlich gegen die Wiirdelosigkcit jüdischer Assimilanten, die durch prononeierte Betonung ihres Deutschtums und möglichste Verleugnung ihres Judeseins in der deutschen Oeffentliehkeit wirken wollten. Im Gegensatz dazu wurde die Meinung vertreten, daß die deutsche Staatsbürgerschaft, in der sich das Deutschtum damals innerhalb des liberalen Staates präsentierte, — d. h. nicht die Zugehörigkeit nach dem Prinzip der Rasse, sondern nach dem formalen Grundsatz der Staatsbürgerschaft — dann von Juden tiefer und weniger verkrampft erlebt werden könne, wenn sie selbst in der ihnen eigentümlichen Sphäre, nämlich der jüdischen, verwurzelt seien. Für uns ist es interessant zti hören, daß jetzt von deutscher Seite die Frage der Assimilation mit umgekehrtem Vorzeichen betrachtet wird, als wir es gewohnt sind. Wir haben bisher die Meinung vertreten, daß es sich dabei um eine Aufgabe der jüdischen Eigenschaften durch die j ii d i seh e M i n o r i t ä t handelt, um den mehr oder weniger bewußten Versuch der Juden, die Eigenart der Umgebung anzunehmen und möglichst unauffällig in dieser unterzutauchen. Gerade hierin wurde auch von antisemitischer Seite eine besondere Gefahr gesehen. Nunmehr vertritt Stapel die Ansicht, daß es sich bei dem Assimilationsvorganp um den umgekehrten Prozeß handelt, und er vergleicht (Fesen mit der Uebcrfremdung des Deutschtums durch die römisch-heidnische bzw. römisch-christliche und später durch die französische Welt, gegen die man sich zur Wehr setzen mußte. Naturgemäß beschäftigt sich Stapel in dieser Schrift ausführlich mit den Beziehungen der Juden zur deutschen Sprache, wenn er von ihrem literarischen Einfluß spricht. Er sagt, daß diese Sprache für den Juden immer ein Leben bliebe, das nicht aus der jüdischen Substanz, der jüdischen Seele und dem jüdischen Körperbau hervorgegangen ist; darum konnte für ihn die Sprache immer nur ein mittelbarer Ausdruck, niemals ein ursprüngliches Ausströmen seines Lebens sein. Dabei betont Stapel auch die Inkongruenz von jüdischem Körperbau und deutscher Sprache, die durch schallanalvtische Experimente untersucht worden sei. Stapel weist auf die Buber-Rosenzweigsehe Bibelübersetzung hin, die er als die „echteste Frucht der Zeit von 1018 -1933" bezeichnet, nämlich als den Versuch, die deutsche Sprache künstlich zu einer hebraisieretiden Kultsprache umzubilden. Die Aneignung der deutschen S p r a c h e durch das jüdische Volk mit Hilfe der Assimilation habe —• meint Stapel im politischen Interesse des Oesamtjudentums gelegen. Ebenso habe es in seinem Interesse gelegen, sich den siegreichen Alliierten nützlieh zu erweisen, durch die allein man die Verwirklichung de« National heims in Palästina ermöglichen konnte. Dies entspräche der Situation eines zerstreuten Volkes, „vom Sieger durch Dienste, vom Besiegten durch Piiindern Gewinn zu ziehen". — Zu dieser ' Bemerkung ist zu sagen, daß die Verbindung des jüdischen Volkes mit der deutschen Sprache, für die besonders das jiddische Idiom der judischen Massen im Osten, wie auch Stapel bemerkt, große Bedeutung hatte, in der Vorkriegszeit viel weiter vorgeschritten war als gerade in der Zeit nach dem Kriege, in der diese Verbindung in vieler Bczu Innig gelockert wurde. Ein erheblicher Teil des jüdischen Volkes lebt j't/t im englischen Kulturkreis, und auch die Schaltung des Nationalhcims in Palästina bedeute» in gewisser Beziehung eine kulturelle Verknüpfung mit diesem Kuiturhezirk. Stapel bemerkt, daß „ein im vollen Sinne des Wortes ,gi bildeter' Jude Heine im Urtext lesen konmn muß." Fr erkennt damit richtig die Bedeutung Heines für eine bestimmte jüdische Generation, die alier bereits läng-t vertungen ist und mit der Naehkriegsgeneration nur noch wenig zu tun bat. Die Bindung des jüdischen Volke» ,-üi die duit-s he Spr.iche und an die Gestalt Heim s i-t ein S\ mptom <U-> M I a!i r h ti n d e r t s und einer jüdischen I'nrwir! hmg, die benuü vor Ausbruch des Krieges abgeschlossen war. Stapel untersucht in seim r Rede die Rücksichtnahmen, durch die nach seiner ('Meinung der judische Literat bei seinen, AsMmüationskanipf in Deutschland gefördert wurde. Fr nennt einmal das „Tabu des Judentums" unet meint damit die Tatsache, daf! es als peinlich galt, in Gegenwart von Juden, also von Mensch n, die mehr «der weniger aus dein Jud( iiniin entlassen waren, nachdem die Emanzipation durchgeführt wonieii ist, über das Judentum zu sprechen. Da die Emanzipation nur eine I iktion war, entstand eine Scheu, daran zu rubren. Ikn A~similanten ging ein Zionist wie Montz Goldstern, der seinerzeit die Kunstwart-Dcbatte eingeleitet hatte, auf die Nerven, weil dieser die wahren Verhältnisse aufdeckte:. Das zweite Tabu sei die Tatsache der jüdischen Gallith. Diese Gallith sei nicht mit einer sonstigen Diaspora vergleichbar, sondern gebe den Juden die Möglichkeit eines gemeinsamen I landein« über alle Völker- und Staatsgrenzen hinweg. - Hierzu ist zu sagen, daß auch andere Falle ehr Diaspora solche Möglichkeiten gewähren, z. B. die von Stapel selbst erwähnte christliche Diaspora, die in den spezifisch-christlichen Fragen doch ohne Zweifel miteinander kooperiert. Gerade beim jüdischen Volke ist aber das gemeinsame Handeln besonders sehwach ausgebildet und führt nur selten und auf bestimmten Teilgebieten zu wirklicher Kooperation, wie z. B. in der Paiästiuafrage, die gewiß in einer ganz anderen Sphäre liegt als das, worauf Stapel hindeutet. Die Darstellung, die Stapel dem Problem des literarischen Einflusses der Juden im Deutschland der Nachkriegszeit gibt, ist für uns in jedem Falle interessant, da sie zeigt, wie sich in den Vorstellungen der Umwelt die Haltung der Juden spiegelt. Es erweist sich, daß die Beurteilung wichtiger Lebensvorgäuge eine andere ist, als sie uns seihst üblich erscheint, was besonders an dem Problem der Assimilation eine interessante Beleuchtung erfährt. Unter dem Vorsitz des Vö'kerbtindskomrnissars Sir Neille M a 1 c o i in fand in Paris eine Beratung der Vertreter des Obcrkonuuissariats für Auswandernfur-orge mit den Repräsentanten der bedeutendsten I lilfsorganisationen statt. In einer Resolution wurde auf die Notwendigkeit hingewiesen, daß das bisher von Frankreich und Belgien ratifizierte Genfer Abkommen über den Rechtsstatus der Ausgewanderten auch von den übrigen Staaten ratifiziert werde. vergeben hatte. Trotz seiner vielen öffentlichen Pflichten fand er noch Zeit, einen Artikel für die jüdische Zeitschrift zu schreiben und eine Versammlung einzuberufen." Mein Gastgeber nickte zustimmend. „Er ist auch einer der wenigen, die versuchen, in Fühlung mit den Bagdadjuden zu kommen. Denn diese Leute leben ganz abseits von uns. Vielleicht haben die sozialen Vorurteile in diesem Lande jede Intimität des europäischen mit dem orientalischen Juden zerstört. Denn selbst wenn man Bagdadjuden zu unseren Versammlungen einlädt und ihnen in einer freundlichen Weise entgegenkommt, ziehen sie sich fremd und mißtrauisch zurück. Die Verschiedenheit von Herkunft und Sitte baut eine scheinbar unüberwindliche Mauer zwischen uns auf." „Ich möchte sie kennen lernen", sagte ich. An demselben Abend besuchten wir eine Familie von Bagdadjiiden. Wir traten durch den Obstladen in den hinteren Wohnraum, in dem sich ein bunter Kreis von Männern, Frauen und Kindern jeden Alters versammelt hatte. Der natürliche Hang zur Geselligkeit schien diese Menschen jeden Abend mit Nachbarn und Freunden zusammen zuführen. Außer einigen niedrigen Sitzbänken an den Wanden, welche nachts als Schlafstättcn dienten, gab es keine Möbel in dem Raum. Die Männer, im Kreise stehend, führten eine lebhafte Unterhaltung in Arabisch, ihre Gesten hatten die Anmut und Würde des Orientalen. Die dunkelgebrauiiten Gesichter zeigten in ihrer Prägung charakteristische jüdische Merkmale, besonders die Augen fielen durch die tiefe Schwärze auf, so daß Iris und Pupille sieh kaum unterschied, und bisweilen, wenn sie sieh im Gespräch erregten, stieg ein jähes Funkeln in ihnen auf. Die Frauen verhielten sich schweigsam. Einige waren nach orientalischer Art gekleidet. Das schön gestickte hemdartige Gewand fiel bis auf ihre Füße herunter, auf dem Konf trugen sie Häubchen von farbiger Seide. Die jungen Mädchen aber waren europäisch gekleidet, und man snürte aus ihrer freieren Haltung, daß bei ihnen schon die Anpassung an das moderne Leben begonnen hatte. r>er Besitzer des Ladens, ein klug aussehender Mann von etwa 40 Jahren, erzählte uns, warum er Bagdad verlassen hatte. Man hatte bei den letzten antisemitischen Unruhen seinen Laden geplündert, seine Kinder auf der Straße geschlagen, und um seiner Kinder willen hatte er sich zur Auswanderung entschlossen. „Hier geht es uns besser", sagte er. „Aber zu Hau-sc sind wir doch noch nicht. Ich denke, zu Hause können wir uns erst fühlen, wenn man uns nicht mehr ftagt, woher und warum wir kommen und wo kein Unterschied zwischen europäischen und orientalischen Juden gemacht wird. Denn wir sind hier Farbige, nicht Weiße. Erzählen Sic uns von Jerusalem!" bat er. Es war bezeichnend, daß er nach „Jerusalem" und nicht nach „Palästina" fragte. Für diese frommen Juden schließt Jerusalem alle Hoffnungen und Pläne der Zukunft ein. Als ich ihnen von den landwirtschaftlichen Siedlungen erzählte, hörten sie staunend zu, denn sie wußten wenig von dem neuen Aufbau des Landes. Einer der Männer ging in den Laden und kehrte zurück, beide Hände voll mit strotzenden tropischen Früchten. „Nehmen Sie diese Früchte nach Erez Israel und fragen Sic die jüdischen Bauern, oh sie in dem gesegneten Boden wachsen können. Dann werden wir ihnen Samen schicken." Frauen und Kinder dränigten sich zum Abschied um mich. „Grüße Jerusalem!", tiefen sie. „Eines Tages werden wir unsere Kinder auch hinschicken." Ich verließ sie mit dem Gefühl, Heimatboden berührt zu haben. Denn ob in dem heiteren Wohnraum eines europäischen Bungalows oder in der ärmlichen Umgebung dieser Bagdadjuden, ich war der unsterblichen Zionslicbe begegnet. Der liebende und der strafende Gott. Prof. Walter Eichrodt stellt in seiner vor kurzem erschienenen Schrift „D a s Alte Testament und der christliche Glaube" (Evang. Missionsverlag, Stuttgart und Basel,!<)'}(>) sehr anschaulich die biblische Idee des liebenden und strafenden Gottes dar. Eichrodt hält es für ratsam, im Hinblick auf die alttestamentlichen Zeugnisse von dem zürnenden und strafenden Gottc einmal die Frage sich vorzulegen, ob diese nicht wahrer sind und der Welt, so wie sie ist, nicht besser entsprechen als der immer nur freundliche und nachsichtige „liebe Gott". Ist ni-clit gerade dieser „liebe Gott" in den Stürmen und furchtbaren Nöten unserer Zeit zum Gespött geworden, weil die Menschen, die den herzzerreißenden Jammer des Krieges und der Nachkriegszeit durchlebt haben, den krassen Widerspruch zwischen diesem weichlichen, sentimentalen Gottesbild und der unbarmherzig harten, ja dämonisch grausamen Welt nicht mehr erfragen konnten (S. M)? Eichrodt meint, etwas von der Grüße und Macht des alttestamentlichen Gottesgi.uibcns wurde uns hier nahegebracht werden, jenes Glaubens an einen (iott. dessen Zürnen, Richten und Strafen eine furchtbare Rcahtat wäre. In diesem Zusammenhange bemerkte Eichrodt, daß bei aller Betonung der Realität eles göttlichen Zorns im Alten Testament doch die Zuge des Hasses und Neides fehlen, die bei den heidnischen Göttern so häufig seien, und erklärt auch, warum Gottes Zorn in den alttestamentlichen Schriften nichts Satanisches an sich hat, sondern im Menschen die Gewißheit weckt, daß Gott doch recht habe, wenn auch anders als wir begreifen. Der Gott der alttestamentlichen Schriften ist nämlich immer und liberal! als der Bundesgott bekannt und geglaubt, der seinem Volke die einmal zugesagte Treue halfen und in unerschöpflicher Gnade sich dieses Volkes annehmen wurde. „So klingen im Alten Testament jene wunderbaren Lieder von der Gottesliebe auf, deren zarte und ergreifende Klänge durch alle Jahrhunderte weit ertönen. Israel ist das einzige Volk, das die allem Vernunftdcnkcn unzugängliche Wirklichkeit des zürnenden und des gnädigen Gottes nicht als einen unversöhnlichen Gegensatz, sondern als eine über alles Begreifen wunderbare Einheit kennt und verkündigt. Ja wir dürfen sagen: erst auf dem dunklen Untergrund des Gotteszorns hebt sich die Gotteslicbe heraus als das, was sie wirklich ist, das Wunder aller Wunder" (S. 16). Israel vermochte aber, wie Eichrodt hier ausführt, diese widerspruchsvolle Einheit von Zorn und Gnade, die allem natürlichen Denken widerspricht, durch alle Jahrhunderte seiner Geschichte ungeschwächt festzuhalten, weil ihm nicht eine Idee über Gott gelehrt worden war, sondern weil dieser Gott ganz massiv greifbar und fühlbar in seine Geschichte eingriff und ihm durch seine Taten immer wieder unentrinnbar zum Bewußtsein brachte, daß hier Wirklichkeit, ja die mächtigste, alles tragende Wirklichkeit wäre. Eichrodt weist darauf bin, daß diese unmittelbare Nähe und Gegenwart Gottes das zweite typische Merkmal wäre, das den alttestamentlichen Gott von allen anderen unterscheidet. Von dieser Betrachtungsweise her wäre es auch verständlich, daß die Bibel nicht mir in den Erzvätergcsehichten, sondern auch bei den Propheten oft so menschlich, fast allzu menschlich von Gott rede. Rabbiner Dr. Ernst Steckelm acher