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Jüdische Rundschau · 1937-02-19 · Heft 14 (19.2.1937) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 14 (19.2.1937)
Date
1937-02-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 14, 19. II. 1937 Die Reichsverlreiung berichtet 1?r ■iDt <% A' Vi! ' Kundgebung in Berlin Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland veranstaltete am vergangenen Dienstag abend im großen Saal des Brüdervereinshauses in Berlin eine Kundgebung, die der Rückschau auf ihre Arbeit in den vergangenen Jahren und der Darstellung der gegenwärtig zu lösenden Probleme galt. Die Kundgebung war überfüllt, und man sah viele bekannte Persönlichkeiten des Berliner jüdischen Lebens. Auf dem Podium hatten neben dem Präsidenten, Rabb, Dr. Leo liai'ck, die Herren Dr. Franz Meyer, Dr. Alexander (Krefeld), Dr. Joscphthal, Dr. Seligsohn, Dr. Otto Hirsch, Rabb. Dr. II offmann (Frankfurt a. M.), Direktor Heinrich Stahl, Dr. Alfred Klee, Kammergerichtsrat Wolf und Lugen Michaelis Piatz genommen. Nachdem das Orchester des Jüdischen Kulturbundes Berlin unter Leitung von Dr. Kurt Singer Beethovens Coriolan- Ouvertiire zu Gehör gebracht hatte, eröffnete Dr. Leo Baeck die Kundgebung. Er knüpfte an die Klänge der Musik an und wies darauf hin, daß wir in Tagen leben, in denen das Schicksal zu uns spricht. Wenn das Schicksal an die Pforte pocht, dann gibt es keinen Raum mehr für Politik, sondern nur noch für das Üebot der Pflicht. Vor 3>'3 Jahren ist die Rcichsvertretung von führenden Vertretern der Großgemeinden, der Gciiieindcvcrbände und der zentralen jüdischen Organisationen gegründet worden, nicht um jüdische Politik zu treiben, sondern um einem Gebot der Stunde zu genügen. Auf uns liegt das Gebot der moralischen Einheit und Einigkeit, um derentwillen jeder sich selbst zurückstellen und jede Gruppe ihre Interessen hintansetzen muß. Man muH die Frage, die an uns gerichtet ist, vernehmen, was getan werden muß, damit wir Juden uns in den ernsten Tagen treu blühen: aufrecht, rechtschaffen, den Gesetzen gehorsam! Wir müssen eine Jugend heranbilden und ein neues Geschlecht im Judentum erziehen, schlicht und arbeitsam, das überall in der Welt ohne Ressentiment bestellen kann. Auch das Gebot der Hilfe und des Beistandes in der Not liegt auf uns, einer Hilfe, die auch die S e e I c kennt und sie aufrichtet. Der Wille zum Geistigen muß in unseren gemeinden gestärkt werden. t iii dieser Gebote willen haben judische Männer die Reich-vertu tung gebildet, und darüber soll jetzt Zeugnis abgelegt werden. Ls folgte hierauf ein Referat von Ministerialrat a. D. Dr. Otto Hirsch das sich den Fragen der Bildung, Organisation und Finanzierung der Rcichsvertretung widmete». Er wies darauf hin, daß das Problem der Zusammenset/ung der Reiehsve;tietung zunächst unistritten war, heute aber nicht mehr umstritten ist. Sodann schilderte er die Geschichte der Rcichsvertretung und ihre Aufgaben, insbesondere auch die Eingliederung des Zentralaus- Schusses für Hilfe und Aufbau als Vertreter gegenüber den jüdischen Wohlfahrtsinstanzcn im Ausland. Das Aufbringinigswerk des Zentralausschusses ist in weitem Maße gegluckt. Gemeinde und Landesverbände haben der Rcichsvertretung einen Anteil an den Kultussteuern zur Verfügung gestellt. Sie sind zunächst im Haushaltausschuß vertreten gewesen, an dessen Stelle 1936 der Rat getreten ist. Im P r ä s i d i a 1 - A u s s c h u ß selbst wurde das Fifty- Fifty-Prinzip durchgeführt, d. h. die gleichmäßige Zusammensetzung aus Zionisten und Nichtzionisten. Das Ziel des Zusammenschlusses ist damit erreicht. Jetzt muß mit der Organisationsarbeit selbst zugunsten konstruktiver Tätigkeit Schluß gemacht werden! Dr. Hirsch beschäftigte sich mit der Kritik an der Zusammensetzung der Rcichsvertretung. So ist gefragt worden, ob die Rcichsvertretung sich nicht ein/ig und allein auf Landesverbände und Gemeinden stützen solle, ohne die jüdischen zentralen Organisationen heranzuziehen. Eine andere Meinung vertrat die Ansicht, daß ihre Arbeit durch die Leitung der Berliner Jüdischen Gemeinde mit besorgt werden kann. Beide Ansichten .müßten verneint werden, da die Reichsvertretung ohne (Ii.,- großen jüdisch-politischen Organisationen nicht zustande gi kommen w ne und diese über die lokalen Interessen hinaus das Interesse der jüdischen Gesamtheit im Auge haben. So sehr es notwendig sei, zwischen Reichsvertretung und Gemeinde Berlin eine Kooperation durchzuführen, so undenkbar sei es, daß die Berliner Gemeinde -die Arbeit für die Gesamtheit leiste, zumal die Verhältnisse in der Provinz oft ganz anders liegen als in Berlin. Man könne auch nicht über die Interessen der Landesverbände, besonders in Süddeutschland, hinweggehen, zumal Ersparnisse dadurch kaum eintreten würden. Die Reichsvertretung hat im Jahre 1936 4,2 Millionen Reichsmark ausgegeben, von denen eine Million durch die Sammlungen des Zentralausschusses, 700000 durch den Steueranteil und über 2,4 Millionen aus ausländischen Quellen (Central British Fund, Joint und Ica) gekommen sind. Dr. Hirsch vertrat die Ansicht, daß das Sammlungsergcbnis in Deutschland noch vergrößert werden kann, und daß insbesondere diejenigen Wohlhabenden, die ins Ausland gehen, vor ihrer Auswanderung der jüdischen Gemeinschaft ein Opfer bringen müßten. Wir müssen erkennen, daß die Judennot in Polen die ausländischen Organisationen stark in Anspruch nimmt, während zugleich die Aufgaben bei uns nicht sinken, sondern wachsen. Es folgten hierauf Spezialreferate über die verschiedenen wichtigen Arbeitsgebiete der Reichsvertretung. Rabbiner Dr. Jakob HoHmann sprach über Wohlfahrtsfragen und Wirtschaftshilfe und schilderte in mit reichem Material belegten Ausführungen die großen Aufgaben, die sich auf allen Gebieten dieser Arbeit ergeben. Besonders eindrucksvoll waren seine Ausführungen über die Wirtschaftshilfe, die verschiedenen infolge der neuen Gesetzgebung ausgegliederten Berufen zugute kommt. Dr. Selig söhn behandelte die Fragen des Schulwesens und der Bildung und beschäftigte sich mit den Erziehungspiäncn der Reichsvertretung, dem Lehrerproblem, dem Lehrmaterial, den Schulgründungen, der Lchrerfortbildung, der Erwachsenenbildung usw. Er betonte insbesondere das Verdienst des Schulreferenten der Reichsvertretung Dr. Lese h nitzer und wies darauf hin, daß heute 160 jüdische Schulen in Deutschland bestehen (davon 12 höhere und mittlere), von denen 30 im vergangenen Jahre gegründet wurden. Von 42 000 jüdischen Kindern, die im volksschulpflichtigen Alter stehen, sind 22 000 auf jüdischen Schulen untergebracht, das sind 52 Prozent, darunter 18 000 auf Volksschulen und 4000 auf höheren und mittleren Schulen. Besonderes Interesse fand auch sein Hinweis darauf, daß es bisher gelungen ist, 237 Kinder in den Vereinigten Staaten zur Ausbildung unterzubringen, und daß die Aussicht besteht, pro Jahr weitere 120 Kinder dorthin in Familien zu überführen. Dr. Frans Meyer behandelte die Fragen der Auswanderung und Umschichtung. Er schilderte die Bedeutung der Auswanderung als der zentralen Frage der Judenheit in Deutschland und betonte, daß es gelungen sei, der Gefahr einer regellosen Flucht Vorzubeugen. Bis zum 1. April 1936 sind 93 000 luden aus Deutschland ausgewandert, und auch im Jahre 1936 konnte die Auswanderung fortgesetzt werden. Nach Palästina sind davon bisher etwa 38 500 gegangen, und es ist im Jahre 1936 trotz der Krise gelungen, die Quote der Einwanderung aus Deutschland zu steigern und ihre absolute Zahl zu erhöhen. Dazu war eine besondere An- ERNST LOCHNER & HORKHEIMER Uebfraueaberjj 39, I. Stock / FRANKFURT a. M. / Gegründet 1837 HERRENSTOFFE in den altbekannt ersten Qualitäten strengung nötig, die auf Grund der vom Council for German Jewry gegebenen finanziellen Möglichkeiten so erfolgreich war. Die Auswanderung nach Uebersee ging im Jahre 1936 zum erstenmal direkt von Deutschland aus vor sich, und auch dabei wurde deutlich, daß eine berufliche und soziale Umschichtung der Auswanderer mit ihr untrennbar verbunden ist. So notwendig es ist, sich gegen Lethargie auf diesem Gebiete wie auf allen anderen zu wenden, so erforderlich ist es, alle Versuche einer Psychose zu unterbinden und unfundierte Projekte abzuwehren. — Mit der Frage der Auswanderung ist das Problem der Berufsumschichtung und Ausbildung eng verbunden. Es ist gelungen, die Grundlagen für die Berufsausbildung in Landwirtschaft und Handwerk zu sichern. Dabei hat Sich das Schwergewicht auf die Betreuung der Schulentlassenen verlagert. Nachdem Dr. Mever auf die besondere Bedeutung des Transferproblems hingewiesen hatte, erklärte er, daß die Aufgabe vor uns steht, weitere 100 000 Juden aus Deutschland zu einer planvollen Auswanderung zu bringen. Dr. Baeck knüpfte an diese Ausführungen, die sämtlich mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurden, die Mahnung, zu der Arbeit der Reichsvertretung das Vertrauen zu haben, das sie verdient. Die eindrucksvolle Kundgebung schloß mit dem Vortrag des Finales aus einer Symphonie von Goldmark durch das Kulturbund-Orchester. Aktion für die Jerusalemer Universität Von unserem Berichterstatter J. R., Wie n, im Februar Wir haben kürzlich über die erste Jahresversammlung der „Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität" berichtet, in deren Rahmen der Dozent der Jerusalemer Universität, Dr. K. J. Ora u, über die Entwicklung und Leistungen der Jcrusalemer Universität sprach. Dieser Vortrag war der Auftakt für eine Aktion, die Dozent Dr. Grau in den letzten Wochen in Wien zufunsten der Universität eingeleitet und sie jetzt mit großem rfolg zum Abschluß gebracht hat. Dieser Aktion wurde ein Aufruf des Kuratoriums der Hebräischen Universität vorausgeschickt. Dozent Grau, der hier eine ganze Anzahl von Vorträgen in den verschiedenen jüdischen und zionistischen Vereinigungen, so in der „B'nei B'rith-Loge", im „Herzl- Klub", im „Ring der Alten-Herren-Vcrbände", in der „Histadruth Iwrith" (hebräisch) hielt, gelang es in mehrfacher Beziehung, die Arbeit für die Jerusalemer Universität bedeutend zu verstärken. Seine Bemühungen waren sowohl in organisatorischer, als auch finanzieller Beziehung von einem großen Erfolg begleitet. Die Mitgliederzahl der „Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität" konnte in dieser kurzen Zeit der Aktion verdoppelt werden, die Organisation der Vereinigung wurde durch Kooptierung einzelner Persönlichkeiten in den Vorstand auf eine breitere Basis gestellt. So wird die vom Dozenten Grau eingeleitete Aktion durch das neue Mitglied Professor Hermann Glaser als Dezernent für die Werbearbeit der Gesellschaft fortgeführt werden, ferner ist in der Gesellschaft eine eigene Frauengruppe ins Leben gerufen worden, mit deren Organisierung Frau Dr. Hamburger-Löw betraut wurde. Auch das rein finanzielle Ergebnis ist ein sehr beachtenswertes. Auch Korporationen, so der „Ring der zionistischen Alten-Herren- Yerbände", haben den kooperativen Eintritt in die „Gesellschaft" beschlossen mit der Verpflichtung, einen Jahresbeitrag etwa in der Gcsamthöhe der zahlenden Mitgliedschaft der betreffenden Körperschaft zu leisten. Aber auch über das rein materielle Ergebnis hinaus ist es der Aktion des Dozenten Grau gelungen, weite Kreise und zahlreiche Persönlichkeiten des Wiener Judentums, die bis jetzt zionistischen Arbeiten fremd oder interesselos gegenüberstanden, zu gewinnen, und damit auch für einen wichtigen Zweig geistiger und praktischer Palästinaarbeit heranzuziehen. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß die Anregung des Dozenten Grau, die v Vereinigung der Freunde der Hebräischen Universität" in Wien auch zu einem jüdisch-geistigen Zentrum zu machen, vom Vorsitzenden der Vereinigung, Adolf Böhm, mit großem Interesse aufgenommen wurde. Deckt sie sich doch mit dem Gedanken, den Adolf Böhm selbst schon bei der vorjährigen Gründungsversammlung der Wiener Vereinigung als eine wesentliche Funktion der Vereinigung bezeichnet hat. Vom S. Fischer-Verlag. Im „Berliner Tageblatt" vom 16. Februar wird mitgeteilt: Im Juli des vergangenen Jahres schied das letzte Mitglied der Familie Fischer schon aus der Leitung des Verlages aus. Der Verlag wurde seitdem von Peter Suhrkamp allein geführt, der seit 1933 dem Vorstand angehörte. Mit dem 1. Januar d. J. ist die Familie Fischer nun auch restlos aus dem Besitz des Verlages ausgeschieden. Der Verlag wurde durch eine Kommandit-Gcsellschaft erworben, an der Peter Suhrkamp (Berlin), Clemens Abs (Bonn), Christoph Ratjen (Garmisch- Partenkirchen), Philipp F. Reemtsma (Hamburg) beteiligt sind. Die Führung und Verantwortung des Verlages hat weiter allein Peter Suhrkamp. N. >!" Juden auf Java Von Lola Landau, Jerusalem „In HoHändisrh-lndicn gibt es keine Judenfrage; hier gibt es nur eine Farbenfrage: Braun-Weiß." Mein liebenswürdiger Gastfrcund, holländischer Jude und hoher Regierungsbeaiiiter, begleitete seine Worte mit einem leiten scH>s!./i;fnede:iei> Lächein und fügte in demselben leichten Tone hinzu: „Wollen Sic etwas Kaltes trinken?" Obwohl die Sonne längst gesunken war, stand die Hitze noch schwer in der I nft, eine Gewitterschwüle, die sich in den "I ropen nicht entladt. „Hier gäbe es keine jüdischen Probleme?" wiederholte ich ungläubig. — „Ja bitte, Eislimonade." .Wein Wirt klappte in seine Hände, und ein javanischer Diener, klein und zierlich, um das Haupt ein schön gebatiktes Tuch geschlungen, stellte eisgekühlte Getränke, Süßigkeiten und Mandeln auf den Tisch, ein Imbiß, der als Anregung vor Tisch gereicht wird. Denn man speist gewöhnlich nicht vor 10 Uhr am Abend, weil erst dann die erlösende Kühle eintritt. Lautlos, ohne einen Zug in dem maskenhaft starren Gesicht zu verändern, verschwand der Javaner, wie ein gehorsamer Schatten. Wir befanden uns auf der Veranda eines Bungalos in einem der typischen einstöckigen Villen im europäischen Viertel, welche inmitten blühender Gärten die Vorstellung eines paradiesisch leichten Lebens hervorrufen. So sehr ein Haus dem anderen gleicht, so ist auch das Leben ihrer Bewohner in die gleiche Form gepreßt. Der Zwang des Klimas beherrscht den Tag mit Arbeit unter den sausenden Ventilatoren, einigen Ruhestunden am Mittag und mit der Entspannung am Abend in dem eleganten Klub dieser Gesellschaftskreise. Nach vorgeschriebenen strengen Regeln der Etikette hat das Leben des Kolonialeuropäers seinen Stil repräsentativen Fierrentums zu wahren. I>er Europäer darf keine schwere körperliche Arbeit verrichten, welche ihn vor den Eingeborenen deklassieren würde, und selbst innerhalb der eigenen Kreise wird scharf nach Rang und Stellung unterschieden. — „Wie mögen sich wohl die luden in dieses Gesellschaftssystem eingeordnet haben", dachte ich. Mein Freund gab mir die Antwort: „Wir Juden sind hier als Europa in den ersten gesellschaftlichen Kreisen aufgenommen. Dies wird nicht nur durch unsere geringe Anzahl begünstigt, — denn es leben in Hoiländisch-Indien nur 800 jüdische Familien unter 150 000 Europäern und sechzig Millionen Eingeborenen. Es ist besonders unsere bevorzugte Stellung als Weiße, welche die Lage der Juden so günstig gestalte* wie vielleicht nirgends auf der Welt. Ich möchte nicht behaupten, daß die Juden auf diesen Inseln sehr reich sind. Es gibt viel reichere Juden in anderen Ländern. Der jüdische Kaufmann, der von Holland aus in die Kolonien geht, ist in der Regel kein unabhängiger Unternehmer, sondern meist nur der Angestellte jener mächtigen Aktiengesellschaften, welche den Zucker- und Gummimarkt beherrschen. Aber auch er gehört zu der weißen Welt der Herren, und sein Lebensstil ist unvergleichlich breiter und reicher als die Möglichk'iten eines mitte'.ständischen Europäers im Mutterlande. Die meisten Juden in Holländisch-Indicn aber sind nicht Kaufleute, sondern hohe holländische Regierungsbeaiute, und sie fühlen sich als Pioniere der westlichen Kultur. Sie sind heimwehkrank nach Europa, nach Holland, das sie bis auf die feinsten Eigentümlichkeiten der Gewohnheit und Sitte geprägt hat." „Aber inmitten dieses geachteten und angenehmen Lebens", unterbrach ich meinen Gastgeber, „erinnern sich bisweilen die Juden daran, daß sie Juden sind?" Schweigen____ In diesen Augenblicken der Stille hörten wir einen eigentümlichen schnalzenden Tierlaut: „Tak, tak!" Es war die Stimme einer Rieseneidechse, welche oft am Abend aus dem Garten in das Haus wandert, und an den Wänden entlangkriechend ihren eigentümlich lockenden Ruf ausstößt. Mitten in der Zivilisation der Großstadt mahnte uns diese Tierstimmc an die Nähe des tropischen Urwalds und an die tückische Schönheit dieser Natur. „Die Juden vergessen nicht in böser Absicht, daß sie Juden sind", nahm mein Wirt die Unterhaltung wieder auf. „Aber sie vergessen es ebenso wie alles andere, was schwierig ist und nach einer Lösung verlangt. Alle diese Probleme liegen «o weit fort, irgendwo auf der anderen Seite des Erdballs. Das tropische gefährliche Klima ist schuld daran; dieses heiße Klima, das keinen Wechsel, keine Entspannung der Jahreszeiten kennt, betäubt uns alle wie ein schwerer Schlaftrunk. Es tötet nach und nach unsere Energie, es lähmt die starken Empfindungen, welche notwendig sind, um die Leiden mitzufühlen, es lullt uns in eine Zufriedenheit mit uns und mit der Welt, welche ein Starrkrampf der ermatteten Seele ist. Wenn Sie also das jüdische Gewissen aufwecken wollen, so müssen Sie nicht gegen eine feindliche Haltung, sondern, viel schlimmer, gegen völlige Gleichgültigkeit kämpfen." „Aber gibt es keine Bindung mehr an die Religion?" fragte ich. „Kaum. Oerade hier können wir beobachten, wie schnell die Entfremdung vom Judentum sich entwickelt, wenn die Tradition des religiösen Gesetzes aufhört. Viele Juden, welche aus orthodoxen Häusern in Holland stammen, versuchen zuerst, die religiösen Gebräuche aufrechtzuerhalten. Aber die Lebensweise in den Kolonien macht es fast unmöglich, nach den religiösen Vorschriften zu leben." — Ein trauriger Ausdruck erschien auf seinem Gesicht, als er sagte: „Ich selber, der ich an den wundervollen Schabbatabend in meiner Kindheit zurückdenke, entbehre ihn schmerzlich," „Gibt es keine Synagoge?" fragte ich. „Außer einer kleinen Synagoge für die Bagdadjuden gibt es keine, aber dorthin gehen keine europäischen Juden. Es fibt bei uns keinen Rabbiner, keinen geistigen. Führer. Wir aben auch keine jüdische Gemeinde, keine jüdischen Steuern, keine jüdische öffentliche Meinung, und die Sorge für die Armen wird völlig dem Wohlwollen einzelner privater Familien überlassen. Wir haben als Zeichen der völligen Assimilation viele Mischehen, und man mag wirklich fragen, was verhindert die Juden hier, sich restlos in der Umwelt aufzulösen?" „Palästina!" antwortete ich sofort. „Es ist der Gedanke des Palästina-Aufbaus, welcher dem Judentum auch hier neues Leben einflößt. Es gibt hier noch Juden, welche nkht vergessen haben, und ich war überrascht, in diesem Winkel der Welt eine so tätige Zionistische Organisation zu finden, deren Führer in den höchsten gesellschaftlichen Stellungen sich nicht scheuen, ihre Ideale m der Ocffentlkhkeit auszusprechen." Mein Wirt erhob lächelnd sein Glas. „Auf das Wohl unseres besten Mannes", sagte er. „Er lebe hoch, der Herausgeber unserer jüdischen Zeitschrift ,Erez Israel'. Sind Sie ih.m schon begegnet? Denn als hoher Postbeamter, der die Postämter vieler Städte und Ortschaften zu überwachen hat, muß er viel reisen." „Ich hatte das Glück, ihn zu Hause zu treffen. Er war gerade beschäftigt, die Verteilung der Orden für seine Unteroeamten vorzubereiten, die er anläßlich eines Jubiläums tu *-**W . jr-*. ■ . ~»*4H(B»- ,. ■ ^^^^M. ■dtotkn

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