Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 12 (12.2.1937)
- Date
- 1937-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JODISCHE RUNDSCHAU LITERATUR-BLAT Nr. 12, 12. FEBRUAR 1937 Zwischen Ost und West Grover Clark: China am Ende? — Wilhelm Goldmann Verlag, Leipzig. Die Zahl der in deutscher Sprache erschienenen oder ins Deutsche übersetzten Bücher über die Länder des Fernen Ostens schwillt an. Das Interesse für die politischen, wirtschaftlichen, soziajen und kulturellen Entwicklungen in den großen Ländergebieten Chinas, Japans, der Mandschurei und Mongolei ist heute außerordentlich stark. Von verschiedenen Gesichtspunkten aus sind die Bücher, die in der letzten Zeit erschienen sind, geschrieben. Der Journalist, der Forschungsreisende, der Politiker, der Wirtschaftssachverständige — sie alle haben ihr Wort gesprochen. Das Buch von Grover Clark, das jetzt in deutscher Sprache vorliegt, stammt von einem Amerikaner, der viele Jahre an der Pekinger Staatsuniversität lehrte, später als Herausgeber englischsprachiger Zeitungen in China gelebt hat und sich auch in Amerika intensiv mit den Problemen des Fernen Ostens beschäftigte. Sein Buch behandelt die Dinge in einer sehr umfassenden und zugleich tiefschürfenden Art und bedeutet für uns besonders viel, weil China, das Land und sein Volk, immer wieder in Beziehung und in Vergleich zum Westen, zu seinem Handeln und Denken gesetzt wird, und weil von dieser Grundlage aus die Konflikte, die zwischen diesen beiden großen Kulturpreisen bei ihrer Berührung entstanden sind, und die Tiefe der Mißverständnisse zu rechtem Ausdruck gelangen; der Autor nennt den gegenseitigen Dünkel bei rechtem Namen, der die Beziehungen zwischen Chinesen und Europäern vergiftete, und unterläßt es nicht, auf die bedauerliche Haltung der Europäer jn China hinzuweisen, die jahrhundertelang vorherrschend war. Das Buch ist zugleich eine Fundgrube interessanter Parallelen, besonders auf dem Gebiete der Sozialverfassung und der Volkspsychologie. Gelegentlich erwähnt der Verfasser bei der Schilderung der sogenannten Han-Reuaissance die Tatsache, daß damals, d. h. in den Jahrhunderten um Christi Geburt, auch Hebräer nach Palästina kamen und dort eine Kolonie gründeten. Besonders stark ist der Eindruck, den man aus dieser Darstellung von der Fälligkeit der Chinesen gewinnt, das soziale Zusammenleben ohne besondere zentrale Autorität zu gestalten, ein Lebensgebiet, auf dem dieses Volk vielen anderen Völkern besonders des Westens weit voraus ist. Die Parallele zu der Entwicklung des Judentums liegt aut der Hand. Auch bei uns ist im religiösen Gewand die Ordnung der sozialen Verhältnisse in den Mittelpunkt des Denkens gerückt und wird der Versuch unternommen, eine solche Ordnung nach Prinzipien der Sittlichkeit herzustellen. In China liegen die Dinge allerdings insofern anders, als eine eigentliche religiöse Begründung für diese Ordnung fehlt, die vielmehr aus den natürlichen Verhältnissen der Familie und der dörflichen Gemeinschaft bei einem Volk, das auf sehr engern Lebensraum zusammengedrängt ist, erwächst. Auch der Optimismus des Chinesen und sein Glaube an die natürlichen Kräfte des Mensehen ist erstaunlich groß, und es klingt uns verwandt genug, wenn wir z. B. hören, daß das chinesische Kind in der klassischen Fibel als ersten Satz die Worte lernt: „Menschen bei Geburt sind von Natur im Grunde gut. Von Natur stehen sie sich gegenseitig nahe. Im Handeln stehen sie sich gegenseitig fern." Der Verfasser, der dem chinesischen Leben und Wesen mit ebenso viel Liehe wie Kritik gegenübersteht, hat mit seinem Buch einen wertvollen Einblick in die gegenwärtigen Tendenzen Chinas gegeben, wobei trotz allen politischen und sonstigen Schwierigkeiten, die das junge China von heute zu überwinden hat, der Gesamteindruck doch kein hoffnungsloser ist, da die Kräfte des chinesischen Volkes seiht über alle zeitbedingten Schwierigkeiten hinweg immer wieder zur Entfaltung drängen. Grover Clark glaubt, daß genau so wie China an der Geschicklichkeit des Westens bei der Meisterung der Dinge lernen kann, der Westen von China Lehre annehmen könnte, soweit es sich um die Frage des Miteinanderlebens zivilisierter menschlicher Wesen handelt. _ oe. Kulturgeschichte Hollands Emil Lucka: „Die große Zeit der Niederlande". — Herbert Reichner-Verlag, Wien-Leipzig-Zürich 1936. Wer das großartige kulturgeschichtliche Werk des holländischen Historikers Johan Huizinga „Der Herbst des Mittelalters" kennt — ihm ist auch die Arbeit Luckas gewidmet — der wird erst ganz die Feinheiten der vorliegenden Darstellung der klassischen Zeit der Niederlande würdigen. Nicht aus der politischen Perspektive sieht Lucka die großen Entwicklungen hervortreten, sondern in liebevoller Kleinarbeit versenkt er sich in das tägliche Leben, in den Stil des Zeitraums vom 15. bis 17. Jahrhundert, seine Kunst, seine Philosophie, und aus dem unendlich vielfältigen Mosaik entsteht schließlich jene Gesamtschau vom Wesen des Holländers, die dem Leser das Gefühl gibt, dem Geist der Geschichte um ein weniges nähergerückt zu sein. Der ji dischc Leser wird in jedem Kapitel von neuem wahrnehmen, wie stark das religiöse und öffentliche Leben jener Epoche mit biblischen Gedanken verflochten ist, und er wird schließlich gegen Schluß des Buches auf eine umfangreiche Darstellung Spinozas stoßen, die sich nicht so sehr mit seiner Lehre befaßt, als vielmehr die atmosphärische Uebereinstimmung zwischen Spinozas Philosophie und der holländischen Umgebung klarzumachen versucht: „Den tiefsten Sinn der holländischen Landschaft und ihrer Maler hat Spinoza ... in Gedanken gefaßt. Die Sätze seiner Ethik sprechen philosophisch abstrakt aus, was die Maler schauend und ohne Uebcrlcgung tun." Der schwierige Versuch, den Pantheismus aus dem Wesen der holländischen Natur zu begreifen, wirkt in vielem überzeugend. Die schon öfter betonte Verwandtschaft zwischen Rembrandt und Spinoza wird •auch von Lucka hervorgehoben: „Rembrandt und Spinoza drücken in einer sehr allgemeinen Weise Verwandtes aus: die vollkommen veränderte Stellung des Menschen im Kosmos." — Ein genußreiches Buch, zu dem man oft zurückkehren wird, wenn man es einmal gelesen hat. Dr. N. Lehren der Kabbalah t)ie Kulturen Ostafrikas. Von Josef Flatz — Selbstverlag des Verfassers, Linz 1936. Diese Schrift versucht auf Grund der Eßverbote, die für die verschiedenen Stämme gegeben sind, die Kulturformen Ostafrikas darzustellen. Der Verfasser kommt von dieser Basis aus zu einer Gruppierung der verschiedenen Kulturformen und versucht auch, einen historischen Ueberblick über die Entwicklung der ostafrikanischen Kulturen zu geben. Es ist ein in seiner Art sehr interessanter und in diesem Umfange jedenfalls noch nicht durchgeführter Versuch der Kulturmorphologie von einem eigenartigen Blickpunkt aus. Das Licht der Ewigkeit. Einführung in das Weltbild der jüdischen Ucberlieferung. — Von Rabbiner Dr. Elje S\ u n k in Ansbach. — Frankfurt a. M., Hermon-Verlag. Das vorliegende Buch will über die Grundlagen des kabbalistischen Weltbildes vorn durchaus orthodoxen Standpunkt aus handeln. Um sich gegen Mißdeutungen zu schützen, die ihm Ucberschrcitungcn der dem frommen Denken gesetzten Grenzen vorwerfen .könnten, hat der Verfasser sich, wie in der rabbinischen Literatur üblich, von zwei Koryphäen der süddeutschen Orthodoxie die Verdienstliclikcit der literarischen Erörterung kabbalistischer Lehren bescheinigen lassen. Freilich hätte wohl außerhalb seines engsten Kreises wohl niemand dem Verfasser einen solchen Einwand der Orciuüberschreitung gemacht. „Gcdankensysteme der Kabbalah" — sagt eine dieser Autoritäten, die der historischen Kritik besonders wenig gewogen ist — „sind in überheblichen jWisscnschaftlichcn' Büchern längst in weite Kreise getragen. Aus trüben Quellen werden ,unreine Wasser' getrunken. Demgegenüber erscheint es notwendig, die Gedankenwelt der Kabbalah in einer von Ehrfurcht und Demut beherrschten Darbietung zugänglich zu machen." Das mag auf sich beruhen bleiben, und an Ehrfurcht und Demut fehlt es jedenfalls dem hier vorliegenden Buch in keiner Weise, ja, man möchte eher sagen, daß ein Uebcrmaß an diesen guten Eigenschaften den Autor einigermaßen in Gefahren gebracht hat, in die Gefahren nämlich der Apologetik, Harmonistik und Phantastik. Ehrfurcht und Demut allein geniigen ja nicht, um eine solche Aufgabe zu erfüllen, es bedarf auch auf diesem schwierigen Gebiet, so möchte dem Referenten scheinen, des unbefangenen, nicht um jeden Preis auf „Rechtfertigung" erpichten Urteils, der Fähigkeit zur sachlichen und genauen Interpretation dessen, was wirklich in den Texten steht, urul zum exakten Denken, kurz: der in diesem Buch einigermaßen verpönten kritischen Denkweise. Der . Referent vermag sich nicht der Anschauung zu verschließen, daß auch die unbefangene Würdigung und noch so tiefe Durchdringung des religiösen Denkens der Kabbalah von solch kritischem Vorgehen mehr zu erwarten hat als von gläubiger, aber unklarer und unkontrollierter Begeisterung. Münk will die Anschauungen der Kabbalah über Welt, Gott, Mensch, Israel und die Thora darstellen. Er geht dabei, mit Ausnahme der Erklärungen zu den einzelnen Geboten der Thora, die er am Schluß bietet, in allem Theoretischen wesentlich, wie auch sein „Quellenverzeichnis" zeigt, auf die kabbalistischen Schriften und das System des Mose Cordovero in Safcd zurück. Aber er schwankt auf empfindlich störende Weise zwischen Darstellung, Ucherstt/.img, Betrachtung und Apologetik. Insbesondere ist es für den unbefangenen Leser sehr schwer festzustellen, wo eigentlich die Gedanken der vom Autor benutzten Quellen aufhören und dessen eigene beginnen. Freilich hat sich Munk in Wirklichkeit nur sehr selten an den Text seiner Quellen gehalten; auch wo er ihm treu zu bleiben strebt, gibt er meistens pathetisch und homiletisch vorgetragene Paraphrasen. Damit könnte man sich nun abfinden, wenn man dabei wirklich die unverfälschten Gedankengänge der Kabbalistcu vorgetragen erhielte. Dem freilich ist keineswegs so. Großenteils hat der Autor die Gedankengänge Cordovcros, die oft keineswegs unbedeutend sind, entweder mißverstanden oder sie mit modernen Phantasien und quasi-philosophischem Stil vermischt. An Genauigkeit der Begriffe liegt diesem Autor nur wenig. „Das Seelische, das die Philosophen als das Ding an sich bezeichnen" — solch ein Salz kann kein Vertrauen in das philosophische oder theologische Verständnis seines Urhebers wecken. „Die körperliche Welt entsteht erst, wenn ihre drei Di m c n s i o ncn du r ch Z u s a mmen f u g u n g dreier Dreiecke in Lange, Ii r e i t e und Hohe gebildet sind." Es ist unmöglich, das kabbalistische I lenken sauber zu interpretieren, wenn es mit derartigen „lindern", denen keine wirklich vollziehbare Anschauung entspricht und für die die Kabbalistcn keineswegs verantwortlich zu machen sind, belastet wird. Es mag ein Verdienst sein, die oft unvollkommen ausgedruckten Intuitionen der Kahbalisti n begrifflich zu verdeutlichen. In diesem Buche geschieht weithin das Gegenteil, und der Referent vermag vielen Ausführungen, die ihm in ihrem ursprünglichen Gedankengang bei Cordovero klar waren, in ihrer Paraphrase durch Münk keinerlei Sinn mehr abzugewinnen. Dazu kommt, daß der Autor die Symbole, ja, daß er sogar verschiedenartige Systeme (wie das Cordovcros und das Lutjas) durcheinanderbringt. Die sich vordrängende Apologetik, d ie an vielen Punkten einem Herumreden um das wirkliche Problem ahnlich sieht und mit den Gedankengängen der wirklichen kabbalisten gar nichts zu tun hat, macht die Lektüre nicht erfreulicher. Ger h a r d S c Ii o 1 e m (Professor für Knhbnlah an der I 'iiiversitiif Jerusalem) Ein Monumentalwerk des Semitismus Uns wird geschrieben: Ein wissenschaftliches Unternehmen, das von dem Orientalischen Institut der Hebräischen Universität Jerusalem seit einer Reihe von Jahren vorbereitet worden ist, ist nunmehr verwirklicht worden, und es darf angenommen werden, daß es auch weitere Kreise der jüdischen Oeffentlichkeit interessieren wird, etwas über dieses Unternehmen zu erfahren. Im Verlag der Hebrew Univcrsity Press, Jerusalem, ist soeben ein erster Band des monumentalen Werkes Ansah al-Ashraf (d. h. „Genealogien der Adligen") erschienen. (Wir haben bereits kürzlich auf die bevorstehende Edition hingewiesen, die auch zu einer Korrespondenz zwischen Juden und Arabern in der „Paiestine Post" über die Frage der Beziehung zu den arabischen Geistesschätzen Anlaß gab. — A. d. R.) Sein Verfasser, B a 1 a d h u r i, ist einer der berühmtesten arabischen Historiker und lebte vor etwas über 1000 Jahren in Bagdad als Lehrer und Vertrauter mehrerer abbassidischer Chalifcu. Bisher lag nur ein anderes Buch von ihm vollständig im Drucke vor, nämlich seine „Geschichte der Eroberungen (der Muslime)", welches wegen seines hohen historischen Wertes vollständig ins Englische und teilweise ins Deutsche übersetzt worden ist. Das Werk, mit dessen Herausgabe nunmehr das Orientalische Institut begonnen hat, ist seinem Umfang nach fast zehnmal so groß als jenes und auch seinem Inhalte nach weit mannigfaltiger. Wie schon sein Titel besagt, ist das Werk nicht chronologisch, sondern biographisch-genealogisch angeordnet; es behandelt jedoch in den großen Kapiteln über die verschiedenen Kalifen die gesamte politische Geschichte und bietet in den meisten anderen Biographien wertvolle neue Beiträge zur Literatur-, Sozial- und Religionsgeschichte des ältesten Islam. Da das Werk die größte bisher noch nicht veröffentlichte Quelle für die Frühzeit des Islam darstellt, ist seine Herausgabe seit langem von den größten orientalischen Autoritäten aufs dringendste gefordert und schon vor über dreißig Jahren auf einem internationalen Orientalistenkongreß beschlossen worden. Der große Umfang des Werkes verhinderte jedoch bisher seine Herausgabe, sowie vor allem auch die Schwierigkeit, die sich daraus ergibt, daß nur eine einzige vollständige Handschrift von ihm erhalten ist, und daß sein vielseitiger Charakter den Herausgeber zwingt, zwecks Verständnisses und Herstellung des Textes fast alle Zweige der arabischen Literatur zu vergleichen. Das junge Orientalische Institut hat sich an diese schwere Aufgabe gewagt in dem Glauben, dal) eine solche verantwortungsvolle Gemeinschaftsarbeit die beste Garantie für ein hohes arabistisches Niveau seiner Mitglieder bietet und sie aufs tiefste mit dem Geiste des echten alten Semitismus vertraut macht. Außerdem ist es wohl überflüssig zu bemerken, daß gerade ein derartiges Werk am ehesten geeignet ist, dem Institut nicht nur bei den westlichen Orientalisten, sondern auch bei den arabischen Gelehrten und Gebildeten einen Namen zu machen. Freilich ist der Druck eines solchen vielbändigen Werkes sehr kostspielig. Editionen solchen Umfangs werden gewöhnlich durch staatliche Unterstützung ermöglicht. Die Hebräische Universität hat keine solchen Hilfsquellen. So sollte denn jeder, der sieh irgendwie für die wissenschaftlichen Arbeiten der Hebräischen Universität und insbesondere für die Pflege der arabischen Studien an ihr interessiert, die Fortführung der Herausgabe dieses Werkes dadurch ermöglichen, daß er sich entweder selbst ein Exemplar des soeben erschienenen Bandes anschafft, oder im Kreise seiner Bekannten Freunde und Gönner des Unternehmens wirbt. Der vorliegende Band, der fünfte des Oesamtwerkes, der ein in sich geschlossenes Ganzes darstellt, ist von Dr. S. D. G o i t c i n, Lektor für Islamitische Geschichte an der Hebräischen Universität, bearbeitet worden. Er enthalt öOO Seiten großen Formats, und zwar Vorwort, Text und Indizes in Arabisch, eine sehr ausführliche Einleitung in Hebräisch und eine ebensolche in Englisch, sowie einen besonderen Band Anmerkungen in englischer Sprache. Der Druck des Buches ist in Jerusalem, und zwar ganz von jüdischen Arbeitern hergestellt worden. Der Preis ist .C 1.10.0, Porto inbegriffen. Das Ruch ist gegen Voreinsendung dieses Betrages von der Hebrew Univcrsity Press, J e r u s a 1 e m, zu beziehen, die auch alle gewünschten Auskünfte gern erteilt. H. Frank: Mischna mit arabischen Glossen. Verlag Rubin Maß, Berlin 1937. In gedrängter Form zeichnet uns hier der Verfasser ein ungemein interessantes Bild einer fragmentarischen Mischna- Haudschrift aus dem 9. Jahrhundert. Die Handschrift ist mit ihren arabischen Erklärungen zu Worten, die nur selten in der Mischna vorkommen, und mit ihrer wenigstens teilweise durchgeführten Punktation nicht nur für die Erforforschung der Mischna selbst, sondern auch darüber hinaus für die hebräische Sprachwissenschaft von großer Bedeutung. Wir gewinnen u. a. einen überaus interessanten Einblick in die Vokalisation, und das bedeutet zugleich Aussprache, aber auch in die Formenlehre des älteren Hebräisch (oder hebräischer Mundarten), die sehr häufig den elementarsten Gesetzen des uns heute vertrauten masoietis:hen Hebräisch zu trotzen scheinen. So wird diese Arbeit nicht nur dem Fachmann, sondern jedem hebräisch interessierten Leser, besonders aber dem hebräischen Lehrer, manche Anregung geben. f—r. Eine wissenschaftliche Ehrengabe „Mekize Nirdamim", der berühmte Verein zur Herausgabe hebräischer Handschriften und seltener Bücher, der namentlich unter der Leitung von Abraham Berliner eine äußerst verdienstreiche Tätigkeit entfaltet hat, ist nach einer wechselreichen Geschichte in Palästina wiedererwacht. Auf Initiative von Prof. A. F r e i m a n n hat der neu ins Leben gerufene Verein, der die Förderung durch die jüdische Oeffentlichkeit verdient, eine Anzahl wichtiger Editionen veranstaltet. Zu Ehren des bekannten Gelehrten und Berliner Rabbiners Dr. Jakob Freimann, dessen 70. Geburtstag kürzlich gefeiert wurde, gab der Verein ein Sammelwerk unter dem Titel „Kobcz a 1 J ad" heraus. H. Brody, der Altmeister der hebräischen Poesicforsclumg, veröffentlicht einige unbekannte Pijutim aus der Sammlung S. Ch. Halberstamm, unter denen die poetische Beschreibung des Todes Mosches besonders erwähnenswert ist. G. Scholcm ediert eine kabbalistische Schrift, die vermutlich um das Jahr 1300 entstanden ist. Die Schrift ist durch die Verbindung von pantheistischen und neuplatonischen Gedankengängen mit kabbalistischen Motiven wie auch dadurch, daß in ihr kabbalistische Lehren in einer philosophischen Terminologie vorgetragen werden, von besonderem Interesse. A. M. Habermann bringt die IggereF ha-Mussar des bekannten philosophischen Schriftstellers und Ucbcrsetz.crs des dreizehnten Jahrhunderts, F alaqucra, zum Abdruck. Diese in Makamcnform abgefaßte Scnfcnzcnsammlung enthält ethische Sprüche ans der jüdischen und arabischen Literatur und ist von beträchtlichem literarhistorischem Wert. J. Sonne publiziert eine Schrift des Qalonymos ben Qalonymos. Dieser Autor des vierzehnten Jahrhunderts, bekannt durch seine Satirc „Ewcn Bochan" und seine Purim-Parodie „M.issechct Purim" wie durch seine Uebersctzungen aus dem Arabischen ist gleichfalls mit einer „Iggeret Mussar" vertreten, eine beliebte Form der damaligen Moralliteratur. A. Ch. Freim a n n, bckai.'nt durch seine Herausgabe der Responsen des Maimonides, veröffentlicht eine Chronik über die Ritualmordbeschuldigung in Holleschan (Mähren) im Jahre 1774. Der kulturhistorisch überaus interessante Berieht enthält allerlei bemerkenswerte Nachrichten über die äußere und innere Verfassung des damaligen jüdischen Lebens in Mähren, u. a. auch — wie der Herausgeber vermutet — eine Mitteilung über Jakob Frank. M. Rabiuo witsch legt eine von S. B e r m a n n zusammengestellte Liste der jüdischen Familien in Sklov und S. A s s a f den Briefwechsel zwischen A. E. Harkavy und S. A. Poznanski vor. Dr. A. H e s c h e I #