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Jüdische Rundschau · 1937-02-09 · Heft 11 (9.2.1937) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 11 (9.2.1937)
Date
1937-02-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seife 2 JODISCHE RUNDSCHAU / Nr. 11, 9. II. 1937 Skladkowski redet „Polen läßt sich durch ausländische jüdische Organisationen nicht abschrecken" vergangenen Woche auf einer polnisch-jüdischen Auswanderungskonferenz darauf hingewiesen, daß durch eine solche Bewertung der Juden Polens die Bereitwilligkeit überseeischer Länder, derartige Einwanderer aufzunehmen, verringert werden muli. Wenn man daher glaubt — was ohne Zweifel richtig ist —, daß die Emigrationsfrage der Juden Polens nur durch Zusammenarbeit der polnischen Regierung und Oeseilsehaft mit der Judenhcit Polens und den jüdischen Organisationen der Welt einer Lösung näher gebracht werden kann, so wäre es gut, derartige Mißverstandnisse zu beseitigen. Empfindlichkeiten bestehen gewiß auf beiden Seiten, und man wird dafür auch Verständnis aufbringen müssen, wobei es klar ist, daß die Lage der J u d e n dabei eine besonders schwierige ist, handelt es sich doch um ihr ganz persönliches Schicksal, das hierbei entschieden wird! Das polnische Lmigrationsproblem ist auch noch in einem anderen Zusammenhange erneut in den Elrcnnpunkt internationaler Erörterungen gestellt worden. Der Vcrwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes i n O e n f befaßte sich auf (irund eines ihm vorliegenden Ausschußberichtes mit der Präge der Auswanderung. Dieser Berieht kommt zum Ergebnis, daß die Wiederaufnahme der Emigration die weltwirtschaftlichen Bedingungen verbessern könne, und daß die mit ihr zusammenhängenden Prägen in Zusammenarbeit mit den interessierten Ländern studiert werden sollen. Der Bericht wurde vom Vcrwaltungsrat a n g e n o m m e n und sein Vorschlag, eine S a c h v e r s t ä n d i g enkonferenz für die Präge der Auswanderung von Kolonisatoren einzuberufen, den interessierten Regierungen übermittelt. Die Konferenz soll evtl, rn-eh I" 57 stattfinden. In dem Bericht wurde u. a. ein Plan lü die ' 'rharmachiiiig gewisser 1 audstriclie in S Ü d - 0 in e r i k a -zu AnMedlungszwccken verlangt. In der Ausspr.i, le' betonte der polnische Delegierte die zuitra'.c Bedeutung der Allswanderungsfrage für P'ei si. Die politische Regierung unterstütze den Plan einer Ati~-u amK i::::: Vuniereii/, uunsuic eher praktische Lösungen und Ii; kl allein theoretische I "nU i siichungen. Er kündigte konkrete Vorschlage für die internationale Eman/icriuig der Auswanderung;m. Der Vertreter Brasiliens betonte das BeJm fiils mancher Lander, Menschen zur Erschließung ihrer Reichtümer zu erhalten. Argentiniens Vertreter sagte, daß das Land Ein Wanderer brauche, daß aber die Einwanderung nur dann .sinnvoll sei, wenn ihr wirtschaftliche Mög* Ii. hr'i i!eu ei si blossen wurden. Diese Mn-;lichkeitcil würden dart Ii ein dem argentinischen Kongreß jetzt vorlügendes (ie- .<vtz . .cbafkn. Es komme dabei besonders auf die Entwicklung der 1 andwirtschafl au. P.c-e I eskiLssioiten haben vom jüdischen Standpunkt aus besonne'is luteres.se. Wenn auch nach ih n hier vorliegenden Berichten das Problem der jüdischen Au-Wanderung, insbesondere aus Polen, in Oenf nicht erörtert wurde, so ist es doch klar, daß eine generelle Förderung der Auswanderung im internationalen Malislabe dem jüdischen Auswanderungsbediirfnis entgegenkommen wurde. Wenn die südamerikanischen Vertreter eine gewisse Bereitwilligkeit zur Aufnahme von Menschen in ihren Landern gezeigt haben, so wird man ihre Haltung nur begrüßen können, obwohl die E i u w a Ilde r u u g s p r a \ i s dieser Tendenz in der letzten Zeit zu widersprechen schien. Der polnische Standpunkt, daß eine Konferenz, wie sie jetzt geplant ist, wirklich praktische Ergebnisse haben müsse, kann dabei nur unterstrichen werden. Die Welt, und nicht zuletzt auch das jüdische Volk, ist von derartigen internationalen Verhandlungen oft genug enttäuscht worden, so daß man an jede neue Konferenz mit einem gewissen Maß von Mißtrauen herangeht. Genf könnte sich ein großes Verdienst dadurch erwerben, daß es iu dieser brennenden Frage, bei der es um das Schicksal von Millionen Meusehrn geht, einen wirklichen Beitrag zur Losung und damit auch zur Beseitigung von Spannungen in einer Reihe von I indem ui'nt. * I ):e D a r s t e 1 I u n g d e r J u d e n f r a g e und der j ü - di seh en de schichte tritt heute viel stärker in das Bewuütseui der Oefieiitiiehkeit, als es jemals der Fall war. L.s gab eine Zeit, in der die Weh um uns sieh nicht sehr gern mit diesen klingen beschäftigte, weil sie glaubte, daß all diese 1 regen mehr oder weniger antiquiert seien, durch den Fortsein itl de. menschlichen Lntw ieklung sehr bald der Vergangen« hti, ,i :. . Vieri wurden, und weil d.i., was von jüdischer Seite hier/u zo.'i:'! wurde, meist wenig attraktiv war. Alles Jü- <iis. iie winde mehr oder weiiigi r apologetisch dargestellt, und der Eneriist, der aus solcher Betrachtungsart ht!\o:b. ii, biet.-, s: hmkte manchen t iiMrr Denkenden ab, Meß ,:ut diest» « lebief zu begeben. Sehr frillt hat der Zionismus nii dieser TaKaihe seine Kritik angesetzt. Wenn llerzi e;;u öffentliche Behandlung der Juden frage vor dem Forum der Welt verlangte, so schwebte ihm dabei eine Darstellung der Wirklichkeit jüdischen Lebens und jüdischer Vergangenheit vor, wie sie war, weil er glaubte, daß diese Wirklichkeit in den Augen der Welt bestehen könne, und weil er zugleich meinte, daß nur eine ungeschminkte Darstellung die Aufmerksamkeit der Welt auf die Judennot lenken werde. An diese Diskussionen, die schon vor anderthalb Menschenaltern geführt wurden, wird man erinnert, wenn man eine Oiosse in der Zeitschrift „Deutsches Volkstum" über die Eorschungsabteihmg Judenfrage des Reichsinstitutes für Oeschichte des neuen Deutschland liest. Darin sagt der \Yrt.is.u (Willlelm Stapel), daß alle Dinge, die mit Juden und Judentum zusammenhangen, bis 1»}'i im wissenschaftlichen Deutschland den Juden überlassen blieben, „die, ob Assimüanten, ob Zionisten, alles Jüdische apologetisch behandelten. Die Probleme der unglücklichen deutsch-jüdischen Symbiose wurden in einen Nebel von Unehrlichkeit gehüllt". Dazu ist zu sagen, daß von zionistischer Seite das übermäßige Bedürfnis nach Apologetik, das in der jüdischen Wissenschaft zutage trat — sehr verständlicher Weis e zutage trat!.stets kritisiert worden ist. So schrieb Achad M a a m in der Vorrede zur 1. Auflage seiner gesammelten Aufsat/e im Jahre 189 5 über die Wissenschaft vom Judentum, daß diese ihre Haupttätigkeit auf das Bestreben konzentriere, die Anfeindungen aufzuspüren, die wir von anderen erdulden müßten, und nachzuweisen, daß wir trotz allen Verfolgungen das „Ebenbild Gottes" nicht verleugnet haben usw. Die Wissenschaft sei von vornherein „mehr für die anderen als für uns selbst bestimmt" gewesen. Achad«Haam kritisierte diesen Zustand in der Hauptsache deshalb, weil Judendebatte im polnischen Senat Im polnischen Senat trat Ma Ihlows ki einem Vorredner, der der Regierung vorgeworfen hatte, sie verfahre mit der nationalen Jugend zu streng, mit einer ausführlichen Rede entgegen. Er verwies auf einen in seinem Besitz befindlichen Aufruf der nationalistischen Jugend, der feststellt, daß die nationalistische Jugend mit den Juden auf den Universitäten abrechnen werde. Malinowski erklärte, daß ein solcher Aufruf der polnischen Verfassung widerspreche, die Gleichheit der Rechte auch den Juden zusichere. Er betonte, daß die antijüdischen Zwischenfälle auf den Hochschulen ein großes Echo in Amerika gefunden haben. Oraf Radziwill sagte, daß die Plünderung jüdischer Geschäfte dem polnischen (reist entgegengesetzt sei. Pogrome seien eine Erfindung des Zarismus iu Rußland gewesen. Er verweise jedoch darauf, daß sich der Antisemitismus in Polen ausbreite. Er sei nicht mehr das Monopol einer einzigen Partei in Polen. Polizcunaßnahmen dagegen zu ergreifen, sei nicht genügend. Die Regierung müsse daran gehen, das Problem zu lösen, das nicht durch Pogrome aus der Welt geschafft werden kann. Nach der Debatte gab Ministerpräsident General Dr. Slawoj Skladkowski in vorgerückter Abendstunde eine Erklärung ab, die vielfach auch als Antwort auf die Stellungnahme des American Jewish Congress und der amerikanischen Gouverneure und Parlamentarier zur Judenfrage in Polen aufgefaßt wird. Der Ministerpräsident sprach zunächst über die seinerzeit von nationaldemokratischcn Studenten durchgeführte B I o c k ade der Warschauer Universität und betonte, daß die Polizei seiner Meinung nach in diesem Fall durchaus pflichtgemäß vorgegangen sei. Die Zerstörungen, die von den natioiialdemokratiselien Abenteurern angerichtet worden seien, erinnerten an die Zeiten des Mittelalters. Im übrigen hätten an der Blockade nicht nur Studenten, sondern auch gedungene Abenteurer teilgenommen, Arbeitslose, Arbeiter, Mittelschüler und Leute ohne Beruf. Gegen solche Exzesse müsse mit voller Strenge vorgegangen werden. Was die Judenfrage betreffe, fuhr der Ministerpräsident fort, so stimme er dem Senator Fürst Radziwill darin zu, daß Warschau, 4. Februar. (JTA.) Bei der dieser Tage in Warschau abgehaltenen Landeskonferenz der Vereinigung für Auswandererfürsorge Jeas (Abteilung der Hias für Polen), hielt der Vorsitzende, M. S z a 1 i t, eine Ansprache, in der er zu der seit einiger Zeit geführten „E v a k u i e r u n g s - p r o p a g a n d a" Stellung nahm. Die Konferenz, erklärte der Redner, müsse angesichts dieser Propaganda die objektive Wahrheit über die tatsächlichen M ö g I i c h k c i t e n jüdischer Auswanderung aus Polen zum Ausdruck bringen. Die Zahl der Juden in Polen sei sclücksalsmäßig und historisch bedingt. Sie seien in diesem Laude nicht Gäste, sondern eingesessene B ü r g e r, die sich um den Aufbau von Handel und Industrie Polens große Verdienste erworben hatten. Die polnische Erde sei getränkt von jüdischem Blut und dem Schweiß indischer Arbeit. Deshalb seien Auffassungen abzulehnen, die die Notwendigkeit einer Evakuierung Polens von seiner jüdischen Bevölkerung daher ableiten wollen, daß es zuviel Juden in Polen gebe. Unter der jüdischen Bevölkerung gibt es einen natürlichen, nach Palästina gerichteten Auswanderungsdrang und daneben die normale Emigrationsnot, wie bei anderen Völkern. Man braucht nicht mit der Peitsche zu knallen, um die Juden zur Auswanderung zu treiben. Jene Propaganda, welche behauptet, die Juden müßten Polen verlassen, weil sie für das Land ungeeignet seien, erreicht das gerade Gegenteil ihrer Absieht: sind die Juden für Polen nicht geeignet, dann sind sie es auch für andere Länder nicht. Eine solche Propaganda führt nur dazu, daß die letzten Tore f ü r E i n w a n d e r u n g g e s e h 1 o s s en werden. Wir wollen Auswanderung, aber nicht panische Flucht. Diese Tagung muß auch eine Antwort auf die Illusionen von der Möglichkeit einer „Masscnauswanderung", etwa nach Madagaskar, geben. Es zeigt sich, daß dort höchstens für ein paar Dutzend Familien Platz ist. Aber auch diese wenigen Einwanderer werden nicht aus den Reihen der Juden Polens genommen werden. Das Lebensrecht der polnischen Juden Im Namen des Jüdischen Parlamentsklubs begrüßte Abg. Dr. J. Gottlieb die Konferenz. Der Begriff Auswanderung, so führte er aus, wird jetzt in einem Sinne gebraucht, in dem er früher niemals benutzt wurde, und der uns an empfindlichster Stelle trifft. Auswanderung hatte früher niemals mit der Frage von Recht etwas zu tun. Darüber, ob die 3 Millionen Juden in Polen ein Lebensrecht besitzen, werden wir uns mit den Judenfeinden vom Sehlage eines Budzynski und Bakon in keine Diskussion einlassen. Ebenso wie niemand den Mut haben wird, das Lebensrecht der Polen in Amerika anzuzweifeln, kann auch das Lebensrecht der Juden in Polen nicht in Frage gestellt werden. In ganz Europa ist die gegenwärtige Bevölkerung irgend einmal in ihre jetzigen Wohnsitze eingewandert. Deshalb muß die Frage, ob ein Volk Anspruch darauf hat, in einem Lande zu leben, das es seit Jahrhunderten bewohnt, aus Erörterungen über Auswanderung ausscheiden. 120000 Auswanderer im Jahr Dr. Arje Tartakowcr wies in seinem Referat darauf hin, daß seit Kriegsende fast -lOOOOO Juden aus Polen ausgewandert sind. Dies stellt die Hälfte der Gesamtatiswanclcrung aus Polen in diesem Zeitraum dar. Immerhin ist der Umfang dieser Auswanderung wesentlich kleiner als vor dem er sah, daß die jüdische Wissensehaft als mehr oder weniger „archäologische" Angelegenheit für die Belebung der Herzen, von der er träumte, nichts geleistet habe. Diese Kritik an der Wissenschaft vom Judentum zieht sich von da an durch die ganze Geschichte des Zionismus bis iti unsere Tage. Was die Aufhellung der deutsch-jüdischen Symbiose anbelangt, so kann die Behauptung, daß auch auf zionistischer Seite auf diesem Gebiete Unehrlichkeit geherrscht hat, nicht gut aufrecht erhalten werden. Man kann darüber beispielsweise in dem jüngst hier erwähnten Aufsatz von Ca 1 vary „Die Aufgaben des Zionismus", der im Jahre 1911 geschrieben wurde, sehr Lehrreiches nachlesen, eine unerbittliche Kritik an den tatsächlichen Verhältnissen und an der damit verbundenen psychischen Situation der Juden in Deutschland! In der Tat glauben wir, daß durch Klarstellung all dieser Fragen, die von jüdischer Seite selbst ihre Regelung durch Regierung und Gesell, schaff erfolgen müsse. Es sei in der Tat keine leichte Sache. Die Regierung werde sich in dieser Frage nicht durch den Druck abschrecken lassen, der von ausländischen jüdischen Organisafionen ausgeht. Wie Minister Beck bereits erklärt habe, beruhe das gesamte Judcuproblem nicht auf Rassen- oder Religionshaß, sondern ausschließlich auf wirtschaftlichen Grundlagen. Es werde nicht helfen, wenn man gegen zehn jüdische Markistände einen Pogrom veranstaltet oder eine jüdische Frau verprügelt. Wir müssen, sagte der Ministerpräsident, alle Mittel anwenden, um Ruhe und Ordnung zu sichern. Diese Methoden haben wir auch tatsächlich anlaßlich der Ausschreitungen in der Wojwodschaft Bialystok zur Anwendung gebracht. Wir sind gegen die Organisatoren der judenfeindiieben Exzesse mit denselben Mitteln vorgegangen, die wir gegen die Organisatoren sonstiger Unruhen anwenden. Wir haben die Führer herausgeholt und sie in das Konzentrationslager Bereza geschickt. So z. B. habe ich den Führer der Nationaldemokraten in Wysokie- Mazowieck, Adv. J u r s z, rechtzeitig gewarnt, daß ich ihn für Unruhen verantwortlich machen werde. Das gleiche habe ich auch gegenüber dem Rädelsführer bei den Vorfällen in Czycew, O r g a n i n s k i, getan. Jetzt, nachdem in jener Gegend eine Beruhigung eingetreten ist, habe ich ihre Freilassung angeordnet. Ich muli alles tun, um sicherzustellen, daß iu Polen Ruhe und Ordnung herrschen. * Der Minister für soziale Fürsorge, Koszcialkowski, hat als Vorsitzender des Zentralkomitees für die polnische Winterhilfe eine Abordnung, bestehend aus dem Abgeordneten Dr. Göttlich, dem Vorsitzenden des jüdischen Wirtschaftskomitees, Dr. R o s in a r i n, und Red. Wob k o w i c z, empfangen, die ihm eine ausführliche Denkschrift über die Benachteiligung der jüdischen Bevölkerung bei der Verteilung der Winterhilfe übergab. Unter Anführung genauer Ziffern legte die Abordnung dar, daß jüdische Arbeits- und Erwerbslose in zahlreichen Ortschaften von der Winterhilfe völlig ausgeschaltet werden, obwohl die jüdische Bevölkerung sich an den Geld- und Sachsammlungen in hervorragender Weise beteiligt hat. Der Minister erklärte, er wer-d» in den nächsten Tagen persönlich eine Inspektion durchführen, um die in der Beschwerde angeführten Mißstände zu beseitigen. Kriege. Während damals jährlich 50 000 bis 60 000 Juden jährlich auswanderten, sind es jetzt nur IS ODO bis 21000 im Jahr. Der Umfang der Einwanderung geht von Jahr zu Jahr zurück und entspricht keineswegs mehr dem Auswanderungsbedürfnis. Diesem würde nach Schätzung des Referenten eine jährliche Auswanderung bis zu 120000 Personen entsprechen. Dies sei die reale Grundlage, auf der die Verhandlungen und Diskussionen über jüdische Auswanderung aus Polen geführt werden sollten. Leider habe die polnische Ocffentlichki.it das Problem anders angefaßt. Auf die Losung: „Die Lage in Polen ist schlecht, darum müssen die Juden fort", könne es von jüdischer Seite nur die eine Aulwort geben: „Wir werden nicht fortgehen, weil Polen ebenso unser Land ist wie das Land anderer Bevölkerungsieile." Diese Autwort, sagte der Redner, geben wir auch offiziell von der Tribüne dieser Konferenz, aus. Dr. Tartakower erörterte -sodann die Erschwerung der jüdischen Auswanderung durch die Politik der Einwanderuitgsländer. Die Behinderung jüdischer Einwanderung sei häufig nicht nur auf wirtschaftliche, sondern auch auf antisemitische Motive zurückzuführen. Aber auch die jüdische Oeffentlichkeit selbst habe sich Sünden auf dem Gebiet der Wanderungspolitik zuschulden kommen lassen. Man habe es vor dem Krieg zugelassen, dal! jüdische Einwanderer in ihren neuen Wohnländern als Lohndrücker auftraten, um sich eine Existenz aufzubauen; man habe nicht für kulturelle Erziehung und Organisation der Auswanderer Sorge getragen, man habe ihre sprachliche und berufliche Vorbereitung vernachlässigt und so sei es gekommen, daß der jüdische Einwanderer vielfach in Verruf gekommen sei. Solche Fehler müßten jetzt vermieden werden. Der Auswanderung müsse eine gründliche Vorbereitung für das Leben in den neuen Ländern vorangehen. Letzter Sinn jüdischer Auswandcrungsarbcit ist es, so schloß Dr. Tartakowcr seine Ausführungen, der j ü d i - sehen W a n d e r u n g e i n E n d e z u machen. Die Völkerwanderung hat allen Völkern eine neue Heimat gegeben, nur das jüdische Volk ist heimatlos geblieben. Was sieh jetzt vollzieht, ist eine zweite Völkerwanderung. Lassen wir es nicht zu, daß diese zweite Wanderung für uns Juden ebenso ende wie die erste. Emigration und Politik Gegen die Auffassungen von Dr. Tartakowcr polemisierte der Jeas-Direkfor Alter. Die Notwendigkeit einer jüdischen Auswanderung aus Polen unter allen Umständen könne nicht anerkannt werden. Die Auffassungen über die Notwendigkeit der Auswanderung stützten sich auf die veraltete Malthussche Uebervolkerungstheoi ie. Ehe Geschichte des vergangenen Jahres beweise, daß es sich bei der Emigration nicht eigentlich um ein wirtschaftliches Problem handele. In dem dünn bevölkerten Rußland habe es eine starke Auswanderung gegeben, dagegen sei die Auswanderung aus dem dicht bevölkerten Deutschland minimal gewesen. Das Anwachsen des Auswandenuigsstroms sei ein Spiegelbild der politischen und sozialen Verhältnisse. In Polen hätten die Regierungen von Anfang an eine Reihe wirtschaftlich-sozialer Fragen nicht lösen können, und darum habe man sich auf Auswanderung eingestellt. Auch der Widerstand gegen Einwanderung sei mehr ein politisches als ein wirtschaftliches Problem. erfolgen muß, manches getan werden kann, was für die Entspannung der Atmosphäre von Nutzen ist. Darüber hinaus allerdings sind wir mit Achad Haam, der dies schon frühzeitig erkannt hat, der Meinung, daß die fiir die Neubelebung der jüdischen Herzen und für die Fundierung unseres Selbstbewußtseins so notwendige Klarheit über uns, unser Leben und unsere Vergangenheit nur durch eigenes, von vorgefaßten Meinungen und Nebentendenzeu freies Bemühen gewonnen werden kann. K. L, Hauptschriftlciter: Dr. Robert W e 11 s c h, Berlin - CharloUciiburg 9 (auch verantwortlich fiir die Aufnahme von Mildem). Htcllvcri reter: Kurt Loewcnslcin, Berlin W 15. Anzeigenleiter und verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Hermann Kinn. Berlin W 15. Gültig Anzeigen - Preisliste 5 vom 1. April 1938. Verlag und Anzcigenverwaliung: Jüdische Kiindsehau, Berlin W 15, Meinekestr. 10, P.A. Januar 34 275. —• Druck: Siegfried Schok-m, ßln.-Schöneberß. „Auswanderung, aber nicht Flucht"

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