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Jüdische Rundschau · 1937-02-05 · Heft 10 (5.2.1937) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 10 (5.2.1937)
Date
1937-02-05
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite »6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 10, 5. II. 1937 DER JODISCHEN RUNDSCHAU Zamah lecha nafsdii (Psalm 63) Nach „Chabader" C »assidim-Art AB« Re<hte Torbchallcn .Nudutruck verboten Ch. Winawer £i4»Jt*m, *l*r mdjf M^te/fm le-fo hjJ . -jtrfyi, Je.rfj _ ittsa . -r*; ——1——— -.——•—i— —~J^—-Jt—Ol,—R.—■ ■ ml..............TT.T ^__.|^_——— C> . Mjmct ,ijmjj le^ja. 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' i * t co «yjn n«s fnxa T r; » 1 » V; Eine der bedeutendsten und stärksten Strömungen innerhalb des Chassidismiis war die „Chabader" Chassiduth. Der Begründer des „CHABAD" (Abbreviatur von „Cboci:i,;aii, ilinah, Daath") war Reh Schneur Sahnan aus Lady, den man „den Raw" zu nennen pflegte. Die drei Hauptfesten, auf denen sich der „Ohabad" sitit/t: „Weisheit, Vernunft, Erkenntnis" stehen eigentlich in Widerspruch zur allgemeinen Auffassung des Chassidismiis, die die schlichte, reine Gläubigkeit fordert; und es ist nur natürlich, daß der Chabad-Chassidismus in Polen und üalizien sich nicht durchsetzen, ja lange Zeit hindurch sogar völlig unbekannt bleiben konnte, obgleich das .Schrifttum der Ohabad-Führer (die Werke des „Raw": der „Tanje" und „des Raw Schulchan-Aruch") auch dort weitverbreitet war. Der polnische Chassidismiis litt die Chabader Chassiduth nicht (die Chabad-Anhänger dürften meinen: erfaßte sie nicht). Den Chassidim ' in Polen und Gaü/ien schienen „Herz" und „Hirn" voneinander verschiedene Dinge; Chassidismiis und Vernunft, das waren ihnen zwei unvereinbare Welten. Ihnen galt nur der allererste Ruf des Chassidismiis, die Parole: ''ja X3? «am, (etwa „Gott verlangt das Herz"). Mit dieser Parole siegten die Chassidim m ihrem Kampfe gegen die „Mitnagdim", jener litauischen Strömung der Chassidim-Oegner, die das Studium der Lehre in den Vordergrund schob. Der Wahlspruch „Rachmana liba baj" hatte derartige Kraft, daß nicht einmal so bedeutende Männer wie Reb Schneur Sahnan ihm ihren Einfluß entgegensetzen konnten. Die polnischen Chassidim erlebten Chassiduth auf eine Weise, die von der des Chabad grundverschieden war. Ihnen war das Wesentlichste: der wahre, einfältige Glaube, die „Emunah", die Verehrung des „Zaddik" steigerten sie bis zur Vergötterung, zur Anbetung; dem polnischen Chassid war der Rebbe nicht Lehrer und Meister, — der „Rebbe", das war ein göttliches Wesen, sein „Tojre-Sogen" keine belehrende Unterweisung, sondern eine Offenbarung, die sich nicht mit der Vernunft erfassen ließ, sondern die man inbrünstig mit allen Sinnen erlebte. Während der Rebbe „Tojre" sagte, spürte man, wie tief er Gott verhaftet war, ein heiliger Schauer ergriff die Chassidim; in so einem heiligen Augenblick, da man vermeinte, noch das Erzittern der Engel mitztisptiren, kam es auf trocken veistandesmäOiges Begreifen nicht an. Der Chabad-Chassid hingegen kam zu seinem Rebben als ein Jünger, der zum Meister geht, die Weisheiten des Lebens zu vernehmen, Unterweisungen zu empfangen für den Dienst an Gott. Der Chabad-Chassid konnte die Lehre seines Rebben „lernen", er konnte sie mit dem Verstände erfassen; und wenn er dies konnte, so vermochte er ohne Zweifel auch auf dem Wege über „Chochmah, Binah, Daath" zur höchsten Stufe eines Chassid zu gelangen: der göttlichen Ekstase; aber diese Stufe zu erreichen, war nicht jedem gegeben, dem schlichten Mann aus dem Volke war der Chassidismus zugänglicher über die Forderung ""ja N31? NJÖIV1,, — das Herz konnte er Gott bringen, nicht aber immer die Gelehrsamkeit, die der „Chabad" forderte (weshalb polnische Chassidim den „Chabad" wegen seines „mithnagdischen Einflusses" zuweilen ablehnten). Dieses „Rachmana liba baj" machte den Chassidismus in Polen so volkstümlich bei der großen Masse, und man konnte dort ganz schlichten Volksmenschen begegnen, die den Chassidismus so inbrünstig erlebten und zu einer Stufe gelangten, wie sie ein Mann ihrer Art über den „Chabad" kaum je hätte erreichen können, da die Chabad-Chassiduth gewissermaßen ein „Chassidismus der Geisteselite" war. Charakteristisch für das Verhältnis des polnischen Chassid zu seinem Rebben ist das nachfolgende kleine Geschichtchen. Man erzählt: Eine Schar Chassidim befand sich auf der Fahrt zum Rebben, und, wie es üblich ist, pries man die Größe und Erhabenheit des „Zaddik". Ein jeder wußte immer wieder von neuen Wundertaten zu berichten, die der Rebbe vollführt und die der begeisterte Erzähler „mit eigenen Augen gesehen und mit eigenem Ohre gehört" hatte. In seinem Feuereifer sprang ein junger Chassid aut und rief schwärmerisch aus: „Ich bin vollkommenen Glaubens: unser Rebbe ist der Moschiach!" Hierauf erhob sich einer der Aeltesten aus dem Kreise der Chassidim und versetzte ihm eine Ohrfeige mit den Worten: „Grünschnabel! — Der Rebbe ist noch große r!" Das „Zamah l'cha nafschi" unseres heutigen Singblattes, das für die Neginah der Chabader Chassidim sehr typisch ist, enthält Motive aus einer Weise, die bei den Chassidim als „des Raws Nigun" bekannt ist. Es wurde von den Chassidim nicht etwa wie ein Tischlied gemeinsam gesungen, sondern von jedem Einzelnen im Augenblick tiefster Vcrsunkenheit kaum hörbar vor sich hingesummt. C h e m j o Winawer Briefe an die Redaktion Eine Anregung London, den 3. Februar 1937 Sehr geehrte Redaktion! Die Palästinawanderung; von Juden ans allen Ländern der Gallith bietet unserer jungen Forschung im eigenen Lande eine sehr gute Gelegenheit, statistische und experimentelle Untersuchungen am einwandernden Element durehzufülnen. Wir erinnern liier nur an Fragen der Demographie. Fragen der Psychologie und Physiologie der Arbeit und an bestimmte Aufgaben der sozialen Pathologie, etwa der Verbesserung der Medizinalst«. ti.siik. Eine spätere Auswertung derartiger Unterpacht] ngireilu-ii könnte za recht positiven Kr. gcbnk*en führen und der Arbeit auf dem Gebiete der sozialen IIyi;icne fördi dich sein. Es erscheint denkbar, daß diese Untersuchungen Verstund. Iiis fänden, wenn bei ihrer Durchführung das Prinzip der Frei. Willigkeit streng gewahrt würde. Was die Kosten betrifft, so wür. den sie vorerst gering sein. Mit vorzüglicher I lochaehtung Emanuel W einer Aus der hebräischen Presse Stuttgart, den 24. Januar 1937 Sehr geehrte Redaktion! In der hebräischen Tageszeitung rinn lese ich einen geradezu meisterhaften Aufsatz des früheren Berliner Rabbiner Dr. Juda Bergmann. Er llllllllltllltlllllHIIIIIM:illlttlllllll!IIIIIIMIII!llllltMIIII!lllllllllllllllltltt;il!llltlllllllllll>lllllllltll!llintl!ltl|[llniilllllinilllMllli!!! ist betitelt: „Judentum und Grietiientum in Alenaadria und Palästina". Auf diese gediegene, gedankenreich und dabei »ehr schlicht und volkstümlich gehaltene Arbeit hinzuweisen, möchte ich nicht unterlassen. Rabbiner Dr. IL Auerbach Juden und Jüdisdies im Rundfunk Freitag, 5. Februart Wien (507), 12: Schallplatten: U. a. Halivy. — Prag (470). 12.35: U.a. Grünfeld: Kleine Serenade. — Paris (1643). 12.45: Jüdische Sendung. — Marseille (400): 13.15: U.a. Meyerbccr. — llilversum II (301), 16.55: Rubinstein: Ballcttmusik. — Bcromfinster (540), 19.40: U.a. Mendelssohn; 21: „Häuptling Abendwind". Operette von Offenbach, musikal. Leitung: L. Sehottländer. — Lyon (463), 21.30: Sinfoniekonzert tschechischer Komponisten, Dirigent: Fritz Zweig. Sonnabend, 6. Februari Luxemburg (1304), 13: U.a. Offenbach; 13.40: U.a. Ifak'-vv. — Wien (507), 14: S.-hallplatte-n: Richard Tauber singt. — Kopenhagen (255), 14.45: U.a. Conradi: üffenbarhiana. — Lyon (463), 16.35: U. a. Meyerbccr: Aus dem „Prophet". — Monte Conen (257), 17: Märchenoper „He Re Papagiorgia" von Lena Stein-Schneider. — Prag (470), 21.05: U.a. Odenbach. — Paris (1648). 21.45: U.a. Mendelssohn: Ital. Symphonie, Ouvertüren zu A-pada und Athaüa. — liul apest (550), 22.05: U.a. Mendelssohn: 1 lebrklen.Ouvertüre. — Luxemburg (1304), 22.15: Mendelssohn: Sinfonie A-Dur. — llilversum (1876), 22.45: U.a. Offenbach, Rubmslem. Sonntag, 7. Februar: Brüssel (322), 15.45: Sinfoniekonzert, Mitw. Arthur Rubinstein (Klav.) _ M.-<)»lraii: (270), 19.05: U.a. Weinberge r. — Wien (507), 19.10: Sehallplatien: Kita Georg, Max; Hansen, Paul Mortem. — Brikse! (434), 21: U.a. Mendelssohn. — Eiffelturm (200), 21.30: U. a. Milhaud. Montag, 8. Februar: Wien (507), 16.05: Schallplauen: Aus Tonfilmen von Joseph Schmidt; 10.55: U.a. Mendelssohn. —- Straf'burg (349), 18.45: U.a. Mendelssohn. — Radio-Paris (1348). 10.45: U.a. Mendelssohn; 19.30: U.a. Kreider; 20: U.a. Meyerheer. _ Brünn (325), 20.40: U.a. Sonate von Milhaud. — Warschau (1339), 22.30; G. Fitelberg dirigiert. ANTWORTEN DER REDAKTION R. S., Riga. Sie fragen, warum der Poststempel der Kolonie Herzlia in Palastina in der englischen Fassung jetzt „Hcrtsliya" gesehrieben wird, wodurch der Name Herzl, nach dem die Siedlung benannt ist, verstümmelt wird. — Vielleicht kann einer unserer palästinensischen Leser diese Frage, die wir hiermit weitergeben, aufklären. So nahm sich einst Ephraim vor, an den ersten Selichottape vor Rasch 11 uschnnah, der den ersten Auftakt zu den hohen Feiertagen bildet, in der Ktihincr Schul' zu erscheinen. Lnd da der Gottesdienst bereits im frühen Morgengrauen besinnt, beseliloS er in seinem Herzen, beim ersten Hahnenschrei aufzustehen, um in das nahe Städtchen zu pilgern. Kaum war der Sehabbat zu Ende — der erste Selichottag fallt immer auf einen Sonntag —, ging er auch schon zu Bett und kaum hatte der Halm gekrallt, da erhob er sich von seinem Lager, zor; steh rasch an, le^te Tulis und Tefilin in seinen Reisesuek und trat den Fußmarsch nach Kubin an. Aber schon unterwegs glaubte er zu bemerken, daß es nicht mit rechten I)in«en zugehe; vor allem war er zum Umfallen seblüfri«, so dab er sieh dauernd - die Augen reiben mußte, überdies war es stoc ki in-ster auf der Landstraße, im flackernden Lichte seiner 1 Inndlulerne war vom nahenden Morgengrauen nichts zu merken. Endlich stand er in der Kubiner i bmptstrabe, da schlug es plöt/.üch von dem Turm der evangelischen Kirche: eins, zwei ... acht ... zwölf! Mitlernn«lit. Reb F.phraim utand wie versteinert da, der verfluchte Hahn hat's ihm diesmal armelan. Nun blieb ihm wirklich nichts linderes übrig, als noch ein Schläfchen zu tun, und »o kroch er auf den Heuboden eines ihm bekannten Wirtes, wo er bald in sanftes Schnarchen verfiel. Es mochte ihm von süßen Dingen geträumt hüben, da gab es keine Slowaken, mit denen man seinen Aerger hatte, und keine Juden, die einen auslachten, denn er schlief und schlief, der Schlaf wollte «ar kein Ende nehmen. Ais er erwachte, ging es bereits um die zehnte Stunde, die Bauern kamen gerade aus der Kirche und die Juden hallen schon längst vergessen, daß sie bei Selichot waren. Verschämt schlich Ephraim heimwärts.... Reb Ephraim tritt ab. Ein einfacher Mann, noch in jungen Jahren, mit schmalem Gesichte steht da vorne. Die Aehnlichkeit laßt sich wohl nicht leugnen: es ist mein Urfofwater, R e b M o sehe L" u e r, von dem ich in meiner indheit so viel gehört hatte. Er saß da oben im W'aagtalo in der Tatra, in der Nähe von Rosenberg, und betrieb eine Bauernschenke mit einer kleinen Pachtung. Die Familie kam irgendwo aus Mähren her. Die Ungcrs hielten sich noch streng an alle Gebote und Verbote, die dem jüdischen Menschen von der Wiege bis zum Grabe treues Geleite geben, aber auch sie blieben nicht mehr ganz unberührt von der Flut der Neuzeit, die die alten Bollwerke niederzureißen drohte. Der Bruder Reb Mosches, Jakob Unger, lebte in Mikulasch und wiewohl er noch der althergebrachten Frömmigkeit anhing, war er ein AufkiSrer und hatte sich neben ausgezeichneten talmudischen Kenntnissen auch eine allgemeine Bildung erworben. Er eröffnete in den zwanziger Jahren eine moderne „Normalschule" und schrieb im Revolutionsjahre 1848 eine deutsche Streitschrift, worin er für die Juden Rechte forderte. Sein Sohn, wie die Söhne aller AufklRrer dieser Zeit, war freilich schon ganz anderer Art. Studierte an der Wiener Universität und kam als Hofmeister in ein vornehmes aristokratisches Haus. Da erschloß sich ihm eine ganz neue Welt, er hatte Gelegenheit, lange Reisen zu unternehmen. Gar bald unterlag der Judenbub aus Mikulasch, benommen von dem Zauber der Umgebung, der Versuchung und nahm schließlich die Taufe. Er nannte sich von nun an Gustav Adolf, ward ein Revolutionär nach dem Schema des Jahres 1Ö40 und trat in die Akademische Legion ein. Er ließ sich in Wien nieder und besuchte noch im hohen Alter fleißig und gewissenhaft die jährlichen Zusammenkünfte der einstigen Legionäre am Jahrestage der Märzrevolution im Deutschen Hause an der Stephanskirche und starb unmittelbar vor dem Ausbruch des Weltkrieges. Aber Reb Mosche Unger wußte nichts von all' diesen Dingen, er konnte es ja auch nicht wissen, da er die Geburt des Neffen nicht mehr erlebte. Im Jahre 1816, unmittelbar nach den Ilerbstfeiertagen, in noch ganz jugendlichem Alter, legte er sich hin und starb. Meine Urgroßmutter sah gerade ihrer Niederkunft entgegen, und als der geliebte Mann in Mikulasch zu Grabe getrugen wurde, schenkte sie einem Töchtcrlcin, meiner späteren Großmutter, das Leben. Nun lastete plötzlich die ganze Sorge um die Wirtschaft auf der armen Wöchnerin, die überdies auch noch für die alteren Kinder zu sorgen hatte. Manche bittere Triine mochte sie wohl in diesen Tagen geweint haben. Kaum war die Trauerwoehe um, da kam eines Morgens der Nachbar Jano zu ihr. Er sprach nach Bauernart weitschweifig von dem und jenem, bedauerte seufzend, daß Pane Mosche sein junges Leben lassen mußte, nun müsse er aber, so leid es ihm auch tue, das Geld für die Kuh einfordern, die er vor drei Wochen dem Verstorbenen — da zerdrückte er eine Trane — verkauft habe. Geld? rief die Urgroßmutter entsetzt, wir haben's dir doch gleich ausbezahlt). Ueberrascht, ja empört erwiderte Jano, das Geld nie gesehen zu haben. Üebrigens, wenn Pane Mosche bezahlt habe, so müßte ja die Quittung vorhanden sein. Wo ist sie? Siehst du, Paninko, die Quittung kannst du nicht finden, weil sie nicht da ist, weil sie nie da war. Die arme Frntt, entsetzt Ober den versuchten Betrug und über die Falschheit der Menschen, suchte fiebrig in der ganzen Wohnung, sie kehrte alles von oberst zu unterst, die Quittung fand sich nicht vor. Der Bauer rief nun das Gericht an und da kam auch schon die Vorladung zur Verhandlung. Die arme Frau ging wie betäubt umher, die Last der" jungen Witwenschaft bedrückte sie zentnerschwer und was noch drum und dran hing: die Pflege des Süuglings, die Sorge um die anderen Kinder, die Schenke und die Pachtung. Sie wußte nicht mehr ein und aus. Und nun diese Zahlung. Wo sollte sie das Geld hernehmen? Am Abend vor der Gerichtsverhandlung ging sie erschöpft zu Bett, sie wußte, nur Gott allein könne ihr helfen. Da senkte sich der Schlaf auf ihre Lider und mit Ihm kam auch ein wundervoller Traum: Reb Mosche selbst erschien ihr, am sie su trösten. „Wein' nicht, mein Kind", sagte er ihr sanft, wie er immer zu sprechen pflegte, „hol' meinen Sehabbesrock hervor, in der inneren rechten Tasche wirst du die Quittung finden, der Gauner Jano hat sie selbst unterschrieben." Kurz darauf erwacht sie ganz duselig, springt von ihrem Lager und beginnt beim fahlen Kerzenschein nach dem Schabbesrock zu fahnden. Sie greift in die innere Tasche, nicht links, rechts, so — die Quittung war wirklich und wahrhaftig da. Und viele Generationen lauschen mit ehrfurchtsvollem Schauer der Geschichte von der wunderbaren Rettung. 3. Meine Eltern wohnten schon lange nicht mehr im Städtchen, da kam ich einmal im Hochsommer als zwölfjähriger Junge in Begleitung meiner Mutter zu den Groftellertw Und als ich am Schabbat vormittag mit den Großeltern gemächlich zur Schul' ging, winkle uns auf der Straße aus der Ferne ein alter Herr, ein bekannter Rechtsanwalt. Dann kam er auf uns zu und begrüßte herzlichst meinen Großvater. „Good morning, Sir! How do you do?" Und damit begann auch schon ein englisches Gespräch, das kein Ende nehmen wollte. Während aber der Anwalt radebrechen und oft um den entsprechenden Ausdruck ringen mußte, sprach mein Großvater ruhig und fließend. Ich war unerhört stolz auf ihn — von meinen Kameraden hatte niemand einen Großvater, der englisch konnte! — und als dann das Mussafgebet zu Ende war, drang ich so lange in ihn, bis er mir wieder einmal die merkwürdige Geschichte von seiner Auswanderung nach England erzählte. Denn lange Jalire hatten meine Großeltern in London gelebt und das kam so: Im Jahre 1848 erhob sich Ungarn gegen die Wiener Regierung. Wie alle Kriege, brachte auch die Revolution einen Auftrieb des Wirtschaftslebens, es kam Geld unter die Leute, wenn es auch nur Bnnknoten waren, die die Pester Regierung drucken ließ und die man nach dem Führer der Aufständischen „Kossuth-Noten" nannte. Mein Großvater, der das ehrsame Handwerk eines Kürschners und Kappenmachers betrieb, erhielt Aufträge in Hülle und Fülle, arbeitete fleißig bis in die tiefe Nacht hinein, fuhr trotz der großen Strapazen von einem Markt zum andern, hatte wohl auch Lieferungen für die Aufstandischen und so war es nicht zu verwundern, wenn sich in seiner Schublade die neuen Noten immer mehr anhäuften. Er war noch jung, eben hatte er das dreißigste Jahr vollendet, man sprach viel von Freiheit, deren Zeit nun auch für die Juden heranbrechen sollte, und sein Herz hing an der Sache. In seinem Eifer und seinem Glauben ging er so weit, daß er es ablehnte, von den Kunden an Zahlungs Statt kaiserliche Gelder anzunehmen, selbst die Golddukaten wies er zurück. Für ihn gab es nur ein Zahlungsmittel: Kossuth-Noten. Ein Jahr ging um und mein Großvater konnte einen für das Stadtchen und die damaligen Verhältnisse ansehnlichen Betrag sein eigen nennen. Die Schublade barg viele tausende Gulden. (Schluß folgt)

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