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Jüdische Rundschau · 1937-02-05 · Heft 10 (5.2.1937) · page 15

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 10 (5.2.1937)
Date
1937-02-05
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Mr. 10, 5. II. 1937 ^^M^^^BWI^MMMMMMI JODISCHE RUNDSCHAU Seite 15 Kulturbundtheater Rabindranath Tagore und Hugo von Hofmannsthal Was gibt es für Verbindungsfäden zwischen dem „Postamt'1 von Rabindranath Tagore und der „Hochzeit der Sobeide" von Hugo von Hofmannsthal? Man könnte darauf hinweisen, daß beide Stücke, das des indischen Dichters und das des österreichischen aus vaterlich jüdischem Blut, ob die Tracht nun indisch oder persisch sei, in ein orientalisches Märchengewand gekleidet sind. Man könnte sich auch darauf berufen, daß in beiden Dichtungen ein junger Mensch stirbt und daß beide Male der Tod als Erlöser von frühem Leid auftritt. Und das wäre schon ein Verhältnis, in das sich auch Gefühlsfäden hincinweben. Aber wir wollen uns darüber nicht den Kopf zerbrechen. Uns scheint der Gesichtspunkt wichtiger, daß das Theater der Kulturbühne schon ein ansehnliches Kapital von künstlerischer Investierung bedeutet und daß dieses Kapital einschrumpfen müßte, wenn es sich nicht um einen Zuwachs von aufstrebender Jugend vermehrte. Insofern war der Abend höchst erfreulich. Ein guter Regisseur wird immer ein glücklicher Entdecker sein, und es ist das Verdienst von Fritz Das Postamt (Sehtiißbild). — Von links nacli rechts: Dorf- Vorsteher (Fritz IJon), Madhav (Sigmund Nitnberg), Väterchen (Alfred Berliner), Atnul (Erika Prätoriiis), Sud ha (Eva Baruch), der Generalarzt des Königs (Martin Brandt), Herold des Königs (Hans Karl Rosenberg). Wisten, daß er mit beiden Inszenierungen neue und vielversprechende Kräfte ins Treffen geführt hat. Theater ist nun einmal eine Gemeinschaftskunst, und der Kulturbund bestätigt sich, indem er das allenucnschlichste Talent der Menschcndarstellung, das der jüdischen Seele nun einmal gegeben ist, als einen Schatz verwaltet, der nicht verloren gehen darf. Das Stück von Rabindranath Tagore ist völlig ein Märchen, und zwar eins mit dem Vorzug, daß es sich täglich und aus den normalsten Bedingungen wiederholen kann. Es ist das Werk eines Dichters und eines Weisen, also eines Gütigen, der es sich rein aus dein Vermögen eines Kinderherzens geholt hat. Der kleine Amal ist krank, und er wird sterben müssen, bevor er sich nach Knabeniust in der Welt getummelt hat, die nah und doch so fern am Fenster seines Krankenzimmers vorüberzieht. Das sind sehr reale Figuren, der Milchmann, die Blumenverkäuferiii oder der Dorfvorstchcr, der für den König das neue Postamt gebaut hat. Aber die reale Welt ist dem Jungen ein Wunder, und wenn die Sehnsucht des kleinen Gefangenen ihre Flügel ausbreitet, kommt sie mit jedei Erscheinung ins Schweben und verschwebt in ein goldenes Reich von Märchenfreiheit und Märchenschönheit. Der König wird ihm einen Brief schreiben und wird ihm seinen Leibarzt senden, der schließlich auch eintrifft. Der Arzt ist natürlich der Tod, und er macht ihm die Tür auf in das Land der weitesten und schönsten Reisen. Der Regisseur Wisten, und das ist wohl auch die Vorstellung des Dichters, nimmt die Szenen um das Krankenbett so irdisch wie möglich; der Junge ist eine Art von indischem Hannele, nur dal) es nicht in die himmlischen Sphären hinaufgeht. Die Inszenierung, mit Hilfe von Heinz Condells orientalisch bunten, dennoch gedämpften Bühnenbildern, war sehr schön und die einzelnen Figuren so gehalten, daß sie trotz aller Bescheidenheit des Wirklichen auch in eine Traumbildnerci hinuberwirken konnten. Ich nenne besonders das Blumenmädchen in der anmutig schönen Erscheinung einer neuen Eva Baruch, den prächtigen Dortvorsteher von F r i t z F i o n, den sehr fein gehaltenen Derwisch von Alfred Berliner, der dem kranken Jungen in der Ausspinnung des Märchens etwas nachzuhelfen hat. Dann den Pflegevater von Sigmund Nunberg und den Wachmann von Herbort üriinbauin. Das „Postamt" ist vor etwa fünfzehn Jahren in vielen Aufführungen gegeben worden. Elisabeth Bergner hat die Hauptrolle in München kreiert, Lucie Mannheim in Berlin und die Orska, wenn ich nicht irre, in Hamburg. Also schon eine recht bedeutende Tradition und eine, die uns besonders angeht. Für dieses Kind hat die Regie die noch unerprobte Kraft von Erika Praetor ins eingesetzt, offenbar ein talentvolles junges Mädel mit einem frischen, offenen Gesicht, mit einer angenehmen und ausgezeichnet modulierten Altstimme. Nur eine Wirkung schien sich nicht einzustellen, die der Todesnähe. Es lag nicht daran, daß der Regisseur darauf verzichtete, durch erschreckende Krankheitssymptome vorzubereiten; es war wolil vielmehr so, dal! bei diesem anscheinend noch so frischen Jungen die letzte Verwandlung im Umgang mit dem Tode noch nicht eintrat. Das Sterben will auch gelernt sein. Wenn Erika Praetorius darauf noch nicht eingestellt schien, werden wir gleichwohl Leistungen von ihr erwarten, die eine jugendliche Lebenskraft brauchen. Im „Postamt" ist der Umgang mit dem Tode ein Idyll, in der „Hochzeit der Sobeide" ist es eine tragische Flucht. Die Heldin macht sich selbst die Tür auf, die nach drüben führt und in die Freiheit der Loslösung. Sobeide hat als aufopferndes Kind einen reichen Kaufmann geheiratet, dem ihr Vater verschuldet war. In der Horhzeitsnacht gesteht sie ihre Liebe zu Ganem, dem Sohn des Teppichhändlers, der zu arm war, um sie zu heiraten, und der viel ältere Mann, der ein Liebhaber der Sterne und der Blumen, also ein Weiser ist, macht ihr selbst die Tür auf zu dem Schicksalsweg, der dann viel weiter führt. Das zweite Bild, wieder von Condell sehr schön versehen, spielt im Hause des Teppichhändlers. Was für ein poetisches Prachtgewand von Versen auch die Dichtung trägt, wir wollen die Verhältnisse so prosaisch wie möglich bezeichnen. Schalnassar ist ein reicher Geizhals und Wucherer, verschwenderisch nur als alter Wollüstling. In seinem Hause regiert die durchaus dirnenhafte Kapitänswitwe Gülistane über ihn und seinen Sohn Ganem, der nicht anders werden wird wie sein Vater und der vor Sobeide in jahrelangem Betrug nur den Sohn eines Armen gespielt hat. Vater und Sohn kämpfen um die Dirne, das geht bis zu prügeln und peitschen und bis zu Mordgedankcu gegen den Alten. Also tiefste Demütigung Sobeides durch den verräterischen Liebhaber und durch eine Rivalin. Also Flucht in den Tod und im letzten Augenblick in die Arme des milden Mannes, der alles versteht und alles verzeiht. Das Stück erschien vor vierzig Jahren, und sein Dichter war damals fünfundzwanzig Jahre alt. Man muß sich erinnern, mit welcher Begeisterung der junge Flofmaunsthal empfangen wurde; er war der Prince charmant der Literatur der Jahrhundertwende, die besonders in Wien mit Schnitzler, Beer-Hofmann, Altenberg so viele Talente aufbrachte. Der junge Dichter gilt als der Friihlingsheld des Ver sacrum, in dem sich die Dichtung und die Menschheit von dem Sündenfall des Naturalismus und der Wirklichkeitsnähe Hauptmannscher Art reinigen sollte. Wahrscheinlich hat sich nur der Die Hochzeit der Soh< idc. — Sobeide (Annelise Töpfer) und der Kaufmann (Ben Spanier). foioi: i. Abrah«m kluge Hofmannsthal gegen diese Pratendentenrolle gesträubt; er wußte, woran es ihm fehlte, einzig an der schöpferischen Naivität. In melancholischen Augenblicken kritisierte er wohl selbst seine „Möbelkunst", soweit er es darin gebracht haben mag, und wenn wir im Bilde bleiben wollen, so hat es wohl noch keine Kissciisanrnhmg von erleseneren Stoffen und Stickereien gegeben. Auch ohne mit dem „Postamt" zu vergleichen .....- seine Poesie kam aus vielen kostbaren Begabungen, aber nicht gerade aus der 1 ulle eines warmen Herzens. Es war reines Artistentum und man rühmte die Prunkschönheit des Gewandes. Aber (n wänder kommen aus der Mode und lyrische Schönheiten sind dramatische Schwächen. Die Kimstsfickeiei der Hofmnmisihalschci) Verse hat mich schon damals nicht vei fuhrt, und kh furchte, daß es dem Publikum von heute wenigstens >tcllenw eise ebenso gegangen ist. Es seheint mir auch kein Zufall, daß Hofmannsthal später, wenn er sieh nicht auf dramatische Bearbeitungen beschrankte, besonders (»perntevte geschrieben hat. Auch seine frühen Dramen sind schon < ipern, haben wenigstens mit ihnen gemeinsam, daß man tiotz. scharf gespitzter Handlung die allzu künstlichen Satze kaum versteht. Das wird auf die Dauer initiier der Schauspieler zu büßen haben trotz allem Vertrauen des Regisseurs zu dem Dichter und trutz der besten Anleitung seiner Darsteller. So schien mir auch die Sobeide am Ende zu verunglücken, obgleich sie einem zweifellos starken Talent anvertraut war. Wir werden den Tag verzeichnen dürfen, an dem wir Anne- Ii sc Töpfer zum erstenmal gesehen haben. Die Natur hat die junge Person offenbar zur Tragödin von Forjnat bestimmt, und sie war auch, im Anfang großartig mit einer Macht des Ausdrucks, die von ebenso viel Energie zusammengepreßt schien. Aber je mehr dann die Hofmannsthalschen Verse am Ohr vorbeigingen, desto entlegener wurde auch ihre Sache. Selbst das Weinen wurde mechanisch. Trotz dieser Abkühlung, vor der der Regisseur den Dichter nicht bewahren konnte, blieb die Vorstellung auf einem höchst erwünschten Niveau. Großartig in der Erstarrung der Gemeinheit stand der Ganem von Hans Carl Rosenberg, der gewiß einen Dänion im Leihe hat. Aber auch Dämonen sollten klar sprechen können. Ausgezeichnet auch mit seinem scharfen Profil der alte Geizhals und Lüstling von Alfred L i c h t e n s t e i n. Ebenso die Iäirne von Gerda Klein, wenn sie auch mehr der heutigen Wirklichkeit als der persischen Märchenwelt anzugehören schien. Den reichen Kaufmann und milden Sterndeuter hielt Benno Spanier in einer würdigen Erscheinung; aber Figuren mit Temperament durften ihm noch naher liegen. Alle Darsteller wurden mit ihrem Regisseur, wie es sich gehörte, oft gerufen. Es war eine schöne Parade des Kulturbundtheaters über seine alten und über seine neuen Truppen. Arthur Eloesser Ludwig Batot Am Schwungrad der Zeit 1. Fortsetzung Langsam nach und nach drang die Aufklärung in unser Städtchen. Neben der althergebrachten Frömmigkeit begann deutsche Bildung die Gemüter zu gewinnen und die Erziehung der Kinder nach dem überlieferten Ideal der Judengassc einigermaßen zu beeinflussen. Jüdische Kaufleute, die zum Brünner Murkt fuhren, sahen und horten dort manches, was ihnen neu und fremdartig war. Sie kehrten mit neuen Ideen, die aus Berlin herüberdrangen und die sie vielleicht gar nicht recht verstanden, ins Städtchen zurück und brachten als greifbaren Ausdruck der neuen Zeit die Mendclssohnsche Bibelübersetzung heim. In Kubin gab es keine große talmudisehe Gelehrsamkeit wie drüben in Mikulasch, das lange Zeit eine „Stadt voller Weisen und Sehriftgelchrten" war, und so kam es auch nicht zu geistigen Turnieren zwischen den Anhängern der alten und der neuen Richtung. Die Zeit tat ihr übriges. Oft, wenn ich mir diese und viele andere Geschichten, die ich als Kind gar nicht verstand, durch den Kopf gehen ließ und dann vom Ufer der Ana auf den Friedhof am Berg Strania hinaufblickte, da kam es mir vor, als ob die aus dem Grün hervorblinkenden weißen Steine der Väter und Mütter unserer Gemeinde zu mir hinunterwinkten und mir einen Gruß entböten aus alten, vergangenen Tagen. Hier, in dieser vorgeschobenen mährisch-jüdischen Kolonie, erinnerte zu meiner Zeit das jüdische Leben noch in manchen Zügen an die Großvätcrzeit. Die jüdischen Kaufleute — bis auf einen einz.igcn — hielten ihre Läden am •Schabbat geschlossen, zum Sukkotfeste wurden in jüdischen Häusern — unter dem Jubel der Kinderschar — noch überall Laubhütten gebaut, mit welch* frommer Handlung man bereits am Ausgang des Versöhnungslages begann. Zu den hohen Feiertagen trafen wir sehr bald die Vorbereitungen: im Monat Elul, nachdem am Neumondtage der erste Sohofarkiang ertönt war, pilgerte man zu den Gräbern, und in der Woche vor den Neujahrstagen stand man Vortags auf und wanderte im Frühnebel beim flackernden Scheine einer Handlaterne zur Synagoge, wo wehmutsvolle Bußlieder ertönten. Eine Beschneidung und eine Hochzeit waren hier große Feste, an denen die ganze Gemeinde wie eine Familie teilnahm. Es kamen „Marschaliks", wie die Spaßmacher hießen, zu den Hochzeiten, von denen mir mein Vater soviel Lustiges zu erzählen wußte und die die beim Hochzeitsmahl Versammelten durch allerhand schnurrige Einfälle erheiterten. Aber es war nur fast wie einst, vieles war schon abgebröckelt, das Schwungrad der Zeit ließ einen Brauch nach dem andern in der Luft zerflattern. Ich kannte noch den greisen Rabbiner in seinem langen, bis zur Erde reichenden altmodischen Rock und höre noch meine zarte Kinderstimme: „Herr Rabbiner, passen Sie nur auf, Sie werden noch einmal über Ihren Rock stolpern!" Alles lachte, worüber ich sehr verstimmt war, hatte ich es ja gut gemeint. Da war noch ein anderer Zeuge der alten Zeit: Reb Jiz.ehok Herzog, ein Nachbar meines Großvaters. An die vierzig Jahre sind es her, daß ich ihn das letzlcmal sah; wenn ich aber die Augen schließe, ist mir, als ob er vor mir stünde: eine Pntriarehengcstalt von fast hundert Jahren, mit erloschenem Augenlichte und herabwallendem langen schneeweißen Bart. Man erzählte sieh, daß er die ganze Thora wortgetreu auswendig kenne und noch zu einer Zeit in der Schul' den Wochenabschnitt verlas, als er eigentlich kein geschriebenes Zeichen mehr unterscheiden konnte. Er kannte die ganze Thora auswendig — das jagte mir einen tiefen Respekt vor dem alten Manne ein. 2. Wägend und vergleichend, Halt und Trost suchend inmitten der Not der Zeit, blickt die Seele immer wieder in die Vergangenheit zurück, die dem Menschen und namentlich dem Juden meist schöner erscheint als die Gegenwart. Und da tauchen aus vergilbten Schriften und Büchern, aus den tiefsten Schächten der Erinnerung Gestalten längst verklungener Zeiten auf. Konturen und Züge erscheinen zunächst verschwommen wie durch einen dichten Nebelschleier. Dann löst sich allmählich der graue Dunstkreis, die Figuren treten mit scharfen Zügen hervor, stehen plötzlich lebendig vor einem hingepflanzt und fordern ihr Recht auf ein trautes Zwiegespräch. Einfache, schlichte Menschen treten da vor einen hin, gesund und kernig, mit durchfurchten Gesichtern, braunrot von Wind und W etter, Leute, die gewohnt sind, mit Bauern umzugchen, Leute, die mit der Erde verwachsen sind: Landjuden. Von der großen Gemeinschaft der Juden abgeschnitten, fristen sie ihr Dasein einsam auf dem Lande, eingekeilt in eine fremde Umgebung, Nur ab und zu, an den Feiertagen, erscheinen sie mit den Ihrigen im Städtehen, um mit den jüdischen Hrüdern das Fest zu begehen, der Schul' einen Besuch abzustatten und ihre da draußen ausgefrorenen Seelen an der „Jüdischkeit" der Gemeinde zu erwärmen. Ansonsten führen sie ein gar einsames Leben. Sie sind wohl mit dem Daucrnvolk befreundet, aber diese Freundschaft hat scharfgezogene Grenzen Nun, gerade diese Einsamkeit zwingt sie, oft und lange über ihr Judentum nachzusinnen, zwischen sich und den anderen Vergleiche anzustellen. Sie hängen dabei Gedanken nach, die sie vielleicht noch inniger und fester mit ihrem Volkstum verbinden, als dies bei den vielfach gedankenlos dahinlebenden Juden im Städtchen, die die anderen nur oberflächlich kennen, der Fall ist. Seither sind die Juden aus unserem und aus vielen anderen Städtchen in die Großstadt gezogen, die auf das jüdische Leben geradezu verheerend gewirkt hat. Jüdische Bindungen aller Art haben sich im Laufe der Zeiten gelockert, die große Kette ist auseinandergesprengt und die einzelnen Ringe fühlen sieh nicht mehr als Glieder des Ganzen. Der Einzelne ist entwurzelt, Zugehörigkeit und Verbundenheit sind für ihn leere Begriffe, die fremdgewordene Gemeinschaft erscheint ihm nicht des geringsten Opfers wert. Und so kommt es, daß er oft wegen einer von der jüdischen Gemeinde bemessenen geringen Steuer leichten Herzens bereit ist, die Bindung ganz zu lösen und sich von der Gemeinschaft vollständig loszusagen. Während ich all' das überdenke, steigt vor mir die kleine, dürre Gestalt des H e 1> A s c her auf. Ks ist schon lange, lange her, daß er in einem kleinen Dorfe im Wangtal lebte, etwa mehr als anderthalb Jahrhunderte. Einsam und verlassen saß er da unter den Slowaken und iiattc die große, unstillbare Sehnsucht nach dem Leben in der jüdischen Gemeinde. Aber das Leben ist stärker als die Wünsche des Menschen und so blieb Reb Ascher dem Erwerbe zuliebe Zeit seines Lebens in dem kleinen Palugva. Nun widerfuhr ihm eines Tages, wie in den Aufzeichnungen des Rabbi Ephraim Kubinsky, des Urahnen der Freiherren von Kubinsky, zu lesen ist, folgendes: Die jüdische Gemeinde in Mikulasch hat Reh Ascher eine Steuer vorgeschrieben, die er jedoch als geradezu empörend — niedrig fand. Nicht als ob er vermögend gewesen wäre, aber Reb Ascher diente Gott und seiner Thora wahrhaftig mit seinem ganzen Herzen, seiner ganzen Seele und seinem ganz.cn Vermögen. Für ihn war die Leistung eines Beitrages zu den Lasten der Gemeinde vor allem ein Recht, und so ließ ihm die Bemessung der niedrigen Steuer keine Ruhe. Da mußte wohl etwas dahinterstecken. Reb Ascher überlegte: Nur wenige Tage im Jahre konnte er mit der Gemeinde leben, nur einen Strahl des Lichtes konnte er erhaschen, das von der Gemeinde ausging. Zu den Feiertagen fuhr er mit Kind und Kegel ins Städtchen, wo er mit den übrigen Juden zusammen das Gebet verrichtete und die Auslegung eines Thorawortes aufschnappen konnte, an der er dann Monate lang zehrte. Und nun sollte er nicht einmal zu den Bürden der Gemeinde beitragen dürfen, wie es sieh gehört? Da setzte er sich hin, schrieb einen Inngmächtigcn Brief an den Gemeindevorsteher in Mikulasch, worin er der Bitterkeit seiner Seele freien Lauf ließ. Er sprach darin ganz, frei von der Leber weg den Verdacht aus, einer im Vorstand müsse ihm feindlich gesinnt sein und dieser habe nun seine Steuer absichtlich so niedrig bemessen, um ihn um seinen Anteil am künftigen Leben zu bringen. Reb Ascher bat daher dringend um die Erhöhung seiner Steuer ..... Da verschwindet auch schon die Figur des Reb Ascher, um der untersetzten, feisten Gestalt des Ephraim Pokriwatsch, wie er nach seinem Wohnorte im Arvatale genannt wurde, Platz zu machen. Er war eine fröhlichere, einfachere Natur als Reb Ascher, fast einfältig, durchaus nicht grüblerisch veranlagt und hatte etwas Baucrnschlauheit in sich. Ach, wie lachte ich nur, wenn mein Vater von ihm erzählte, galt doch Ephraim noch lange nach seinem Tode im Städtchen als eine urkomische Gestalt, deren Erlebnisse die Quelle von Heiterkeit waren.

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