Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 10 (5.2.1937)
- Date
- 1937-02-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Aufbau eines solchen religiös-kulturellen Werkes zwingt uns zu unmittelbarer praktischer Tätigkeit. Das Bedürfnis der Menschen hier ist ein so vielfältiges und große*, daß ein Arbeitsgebiet sich unmittelbar an das andere schließt: Gottesdienst, Erwachsenenbildung, Toynbechalle, Jugendarbeit, Bibliothek, soziale Betreuung und wie sie sonst heißen. Aber von Anfang unserer Tätigkeit an waren wir gezwungen, uns über den Sinn unseres Werkes Rechenschaft zu geben, in einer gedanklichen Auseinandersetzung mit bestehenden Richtungen, in der Besinnung auf unseren eigenen Charakter. Denn daß die Gestalt eines religiösen Judentums, das von dem Gedanken der Entwicklung getragen ist, in Palästina anders sein wird als in der Gallith, das Kt von vornherein sicher. L'eber Art und Weise dieser Entwicklung, ihre Voraussetzungen und theoretischen Grundlagen im ganzen und im einzelnen konnte naturgemäß bisher noch nicht \iel ge.-agt und geschrieben werden. Bei Smoleiiskin, bei Ach ad Haara, bei Bialik finden sich Ansatzpunkte und I liuwci*e. Im VC' e « t | u d e n 1 n m tritt das Problem er.-t in jüngerer Zeit in den Vordergrund. Der Stolpe;- K.-iblmivr J o > e p Ii hat in s am Scbeidewcc" als Erster vor der Verbindung nationale-! »•!•) hingewiesen. Er nationalen nwar damals ein in'in leieli: ,.J >,m Judentum tu Jahren auf das Problem o ',; oo,-liberalen Judentums igcr in der Wüste. In den Auf.s.ii.vn, die eine Reihe ikulscher Rabbinern vor zehn .1 «•»'cn!.ini d'-ieh der Berliner Ktnferen/ der World Union for l';og:essi\e Judaismj vcr..fk:i;livbt haben*), finden sich eine Reihe von Gedanken und 1 rw.igimgen, die .-.ich jetzt bei .t wiederholen: V o 1 k als uü.'.eicn uebenegungen immer wie; na'n: liebe Gegebenheit oder als reli,i >s schöpf ei ischc Kraft, geselkchahüchcn und sozialen Bedingungen des jüdischen Religion und jüdische Kultur u. dgl. mehr. nJ A n f ä n g e und sie ermangeln vor allem Liberalismus, Aber all das der Korrektor an den wirklichen Erscheinungen des palästinensischen Lebens. Wenn ich jetzt zu einer Reihe von Fragen Stellung nehme, so kann ich mich bereits auf verschiedene Erfahrungen berufen. Auf der anderen Seite stehen wir auch hier trotz allem am Anfang, und eine Stellungnahme zu den von mir entwickelten Gedanken wird diese Gedanken selber und ihre praktische Auswirkung nur bereichern. Unsere Stellung zum religiösen Liberalismus Die erste Frage, die wir uns stellen, ist die: Sind wir eine Fortsetzung des liberalen Judentums westlicher Prägung in einer zionistisch-palästinensischen Form oder genauer gesagt, ist eine snbjie 'Fortsetzung hier überhaupt möglich? Das Problem, von dein wir ausgehen: die überlieferte judische Religion mit dem sich in Palästina gestaltenden Leben zu vereinigen, die Notwendigkeit, an eine solGie Aufgabe heranzugehen, wird von Mcnsd'.en der verschiedensten geistigen Herkunft bejaht. So formt sich in der Gemeinschaft, die wir bilden, ein ganz neuer T y p u s. Das, was sich in Europa orthodox-konservativ nannte, religiös-liberal, indifferent, allgemein zionistisch, empfindet hier, unter anderen äußeren und inneren Lebensbedingungen, die Notwendigkeit einer neuen Fim.tel!ting. In einem gewissen Sinne werden alle diese Anschauungen in einen Schinel/fiegel geworfen und eine neue, bisher nicht bekannte und nicht benannte Einstellung kristallisiert sich heraus. Wenn man ein klareres Bild von dein, was religiöser I.ibera'ismus ist, gewinnen will, als es bisher der I all war, dann darf man nicht von den Deutungen der Philosophen oder der Denkarbeit der liberalen Rabbinern ausgehen, sondern muß die Wirklichkeit des Lebens im IQ. um! 2t). Jahrhundert betrachten. Die großen Grundlagen dieset siiwi.-khing sind dadurch lies aus (ier Enge, aber auch < icm hbe, •lischen siu »llCooil i,t gemeinen orm ist inoiit, daß \\ > i hm zih er»./ ko: im 1 )ie das Judentum ■s Ghetto in die ler curr-Vschen dieser Fntwick- (irundlageii und in ihrer speie von diesem Aüllösimusproz.eß n i: en s-ervn! Aull'- Spiegel ihren ab b-then 1 worden. Die Unterschiede zwischen orthodoxem, vem, liberalem Judentum und völligem Entjudetsein sind fließend. Wenn man die ein/elneu Persönlichkeiten betrachtet, dann mögen diese Unteischiede stark hervortreten. Wenn man die F.ntwiekhiiii' nach Generationen ins Auge fal't, dann sieht man, wie eine Stufe mü der anderen notwendig verbunden ist. Der indische I i!vr:i!i>mus, auch der religiöse, stellt hier ein Zwisrhciistadium dar. Wenn er seine Wirklichkeit theoretisch begreifen will, dann ist sie ihm immer schon aus den blanden geglitten. Die theoretischen Unterschiede /wischen den einzelnen judischen Strömungen, vor allen Dingen der Unterschied zwischen dogmatischem Offcnharungsglauben und undogmatischer jüdischer Frömmigkeit, treten dabei zurück. Die religiöse Entwicklung in ihrer T a t s ä c h I i c h k e i t ist durch solche Erwägungen nicht beeinflußt. Damit sage ich nicht, daß der Unterschied unwesentlich sei, ich behaupte bloß, daß diese gedanklichen Voraussetzungen und Auseinandersetzungen für die Entwicklung des jüdischen Lcbensgefühls und seines Verhältnisses zu nicht jüdischen Faktoren relativ belanglos waren. Die wahrhaft wirkenden Kräfte waren ganz anderer Art. Der Komplex neuer materieller Lebensbedingungen, die Notwendigkeit neuer politischer Einstellung, die Angleichung an die geistigen Voraussetzungen Europas, haben bald langsam, bald schneller das ludentum des 10. und des beginnenden 20. Jahrhunderts unterhöhlt. teder Versuch, diesen Prozeß des Fliedensttnd Zerfließens durch Autoritäten zum Stillstand zu bringen, mußte scheitern. Jede Bemühung, ein Kriterium für die jüdische Entwicklung zu finden, mußte umsonst sein. Liberales Judentum und liberale Religiosität als Lebenswirklichkeifen sind also auf das engste mit den Bedingungen des Lebens in der Oaluth verknüpft. Sie sind Ausstrahlungen eines bestimmten Welt- und Lebensgefnh'., das von den verschiedenen Faktoren bestimmt ist. Nur einer dieser Faktoren ist das Erbe im Blut, aber dieser Faktor ist immer schwächer geworden. Die große Umwandlung hier gegenüber allen früheren Versuchen besteht darin, daß in Palästina die Volksseele — so glauben wir und daran arbeiten wir — einen *) Vgl. auch die damals erschienene Sondernummer der „Jüd. Rundschau". — A. d, Red. Von Rabbiner Dr. M. Elk, Haifa adäquaten Ausdruck ihres Fühlens finden wird, etwas, was ihr in der Gallith versagt blieb. Die neueste Entwicklung des westlichen Liberalismus zeigt (vergleiche /. B. die Rede Dienemanns auf der letztjährigen Tagung der World Union for Progressive Judaism in London), wie er sich auf das Volk als die schöpferische Grundlage der religiösen Entwicklung zurückzubesinnen beginnt. Ein neues Weltgcfühl, neue Lebensbedingungen, Bedingungen, die in einem ungeahnten Maße das Judentum als Ganzes nicht nur theoretisch bejahen, sondern praktisch verwirklichen, müssen einen anderen religiösen Ausdruck finden. Weil das Welt- und Lebensgeföhl in Palästina ein anderes ist als in der Gallith, deshalb wird auch die religiöse Formung eine andere sein. Das schließt nicht aus, daß dieses religiöse Judentum hier sich in vielem auf die geistigen Errungenschaften des westlichen Liberalismus stützen wird. In der kurzen Spannweite seiner Betätigungsmöglichkeit hat das liberale Judentum bewiesen, daß eine undogmatische Form des religiösen Judentums möglich ist. Es hat das Rüstzeug geliefert, das zu der großen geistigen Auseinandersetzung mit beiden Teilen des Judentums notwendig ist, mit einer wirklichkeitsfremden Altgläubigkeit und mit einer allzu wirklichkeitsnahen Ungläubigkcit. Heute ist die Auseinandersetzung mit diesem Teil des Judentums die wesentliche. Es handelt sich dabei um Fragen, deren Beantwortung uns, die wir aus einem bestimmten Problemkreis kommen, selbstverständlich erscheint: um die Auseinandersetzung zwischen Naturwissenschaft, Bibelwissenschaft, Religionsgeschichte auf der einen, überlieferter Gläubigkeit und Form auf der anderen Seite. In einem Lande, in dem alle Dinge von selber den jüdischen Akzent tragen, wird schon allein die Auseinandersetzung zu einem wesentlichen Faktor der Belebung der Religion. Natürlich wird durch intellektuelle Auseinandersetzung Religion nicht erzeugt. Aber es werden dadurch die Hindernisse weggeräumt, cii« einem aus den tieferen Gemütsschichtcn kommenden Glauben entgegenstehen. Vor allem ist es das Bibelproblem. Daß die Bibel Quelle des Glaubens sein kann, auch wenn sie nicht als offenbartes Dokument betrachtet wird, ist den meisten Menschen hier ein unfaßbarer Gedanke. Daß das geschichtliche Werden der Religion an und in Menschen gleichfalls eine die religiöse Empfindung packende Offenbarung ist, dafür fehlt hier noch das seelische Organ. Daß es eine Möglichkeit gibt, Brauch und Sitte historisch zu verstehen, sie nach dem Wesentlichen und nach dem weniger Wesentlichen für unser Leben zu unterscheiden, wird als Problem nicht anerkannt. Auch hier geht das Leben seinen Gang nach Bedingungen, die jenseits der exakten Berechenbarkeit liegen. Nur, daß hier in der Schaffung einer hebräisch-jüdischen Kultur, in der Durchdringung des Erziehungswesens mit dieser Kultur, ganz andere Möglichkeiten gegeben sind, von der Erkenntnis heraus auf den Mensehen zu wirken und die Erkenntnis selber zu einem der wirkenden Faktoren im Lebensprozeß zu inachen. Deshalb spielt in unserem Programm die Schaffung eines Lchrhauses eine so wichtige Rolle. Das Lehrhaus wird die Stätte dieser Auseinandersetzungen sein. Mit dem Liberalismus eint uns ein zweiter wichtiger Faktor. Es ist die Anerkennung des Rechtes des Individuums. Zwar wo die Religion in die allgemeine Rechtssphiire eingreift, ist sie der Zustimmung des Individuums enthoben, aber in allen Fragen des Glaubens und der den Einzelnen betreffenden Formengestaltung bedarf sie der inneren und der äußeren Zustimmung des Einzelnen. Schon Sinolenskin weist darauf hin, daß das Wissen, die Kenntnis der hebräischen Sprache, die Möglichkeit selber in die Quellen einzudringen, es dem Einzelnen ermöglichen wird, eine eigene Entscheidung zu treffen. Das Wissen wird dabei allerdings nur schöpferisch sein, wenn es mit einer inneren Beziehung zu den Worten der religiösen Ueberlieferung verbunden ist. Deshalb darf man von einer Erneuerung eines S y n - b e d r i o n s, von der sich viele etwas unbestimmt eine Erneuerung des religiösen Lebens überhaupt versprechen, nicht zu viel erwarten. Auf dem Ocbiete der Rechtsentwicklung hätte es eine wichtige Funktion zu erfüllen. Aber da, wo es sich um G 1 a u h e n und Lcbcnsfoniumg des Einzelnen handelt, wird keine äußere Autorität kraft ihrer Autorität die Entwicklung beeinflussen. Wesentlich ist, daß der einzelne Mensch um die Verantwortung weiß, die in seiner Entscheidung liegt. Erlebnis und Aufgabe Der Grundunterschied zwischen uns und dem bisherigen Judentum bestellt also nicht so sehr in den einzelnen Anschauungen, als in einer anderen gefühlsmäßigen Voraussetzung. Die Religion der Gallith, soweit sie Ausdruck des Welt- und Lebensgefühls ist, war Religion eines sich auflösenden Volkes. Die Religion hier stammt aus dem Lebensgefühl eines in der Wiedergeburt stehenden Volkes, das seine einzelnen Menschen mit der Kraft dieser Wiedergeburt erfaßt und erfüllt. Dieses Orunderlebnis braucht nicht auf Palästina beschränkt zu sein, es lebte in den F.rwcckern der nationalen Bewegung, es lebt heute in vielen Juden der Gallith, soweit sie von der inneren Kraft des Zionismus erfaßt sind. Und es ist unnötig zu sagen, daß auch in Palästina nicht alle Menschen von diesem Erlebnis gepackt sind. Aber dieses Erlebnis ist das beherrschende Grundgefühl der Besten, die hierher kommen. Dieses Erlebnis erhält bei den religiösen Menschen nicht nur ehie religiöse Färbung, sondern es ist das grundlegende religiöse Erlebnis. Wenn die Geschichte neben der Natur und neben dem, was Im Innern des Individuums personliches Geschehen ist. Quelle des religiösen Erlebens ist, dann ist die Rückkehr der Juden, nach zweitausend- Uihriger Verbannung, in ihr altes Land, für den •uden. aber auch darüber hinaus für jeden, der aus der Gedankenwelt der Bibel geschönft hat, der stärkste Ausdruck und Hinwets einer religiösen Wirklichkeit. Das bedeutet selbstverständlich nicht, ein politisches und wirtschaftliches Ereignis in seinen Einzelheiten zu einer religiösen Tat stempeln zu wollen, oder ihm — wenigstens im Bewußten — religiöse Motive unterschieben zu wollen. Daß solche Motive in den tieferen Schichten der Seele trotzdem wirken, daß hier, um einen in der modernen Seclcnkunde gebräuchlichen Ausdruck zu verwenden, das „kollektive Unbewußte" die bewußten Wege eine* Volkes leitet; um sich dessen zu vergewissern, braucht man nur die Geschichte der nationalen Bewegung von Pinsker bis 'zur Balfour-Deklaration und bis in die unmittelbare Gegenwart hinein zu verfolgen. Um die Intensität dieses neuen religiösen Gefühls begreifen zu können, um sein Recht zu verstehen, erinnern wir uns, daß die ganze religiöse Geschichte des Judentums, seit Zerstörung des ersten Tempels, auf die Rückkehr und auf den Wiederaufbau gerichtet war. Wir lehnen jene Ansicht entschieden ab, die in der Religion nichts als den Schutzpanzer des nationalen Lebens sehen will und für den die religiöse Palästinasehiisucht nur eine Verkleidung eines „natürlichen'4 nationalen Willens ist. Aber umgekehrt würde es unserer ganzen Ansicht von der Verbindung von Religion und Leben widersprechen, würde es im Gegensatz zu unserer Meinung stehen, dal) im Leben dieser Welt das Ueberwirkliche zum Ausdruck kommt, wenn wir die Rückkehr der Juden nach Palästina in ihrer religiösen Bedeutung allein an den Formen messen wollten, die sie von der biblisch-tahnudischen Sehnsucht unterscheiden. Die Vision Ezechiels von der Wiedergeburt ist mehr als ein Bild. Wir erleben, wie sich Gebein an Gebein fügt und warten auf den Geist, der sie belebt. Aber dieses Warten allein schon, das Bewußtsein, daß er kommen wird, zeugt von seiner Wirklichkeit. Würde die Basis der religiösen Beschwingtheit nur int jenem Grunderlebnis und in der Beschwingtheit des Gefühls bestehen, dann läge die Gefahr nahe, daß die Nation selber vergöttert wird. Weil aber dieses Grunderleb, nis verbunden ist mit einer dreitausend Jahre alten religiösen Gestaltung und Ueberlieferung, weil die Zionshoffnung den schöpferischsten Geistern des Judentums stets Ausgangspunkt von Forderungen an die Gemeinschaft und an den Einzelnen gewesen ist, deshalb wird den religiösen Menschen das Erlebnis der Rückkehr zugleich Erlebnis der großen Aufgabe. Daß einem Volke und seinen einzelnen Menschen eine solche Aufgabe gestellt wird, ein verödetes Land wieder aufzubauen, eine zerschlagene und gedemütigte Masse wieder zum Volk zu machen, seine einzelnen Individuen zu freien und kraftvollen Mensehen zu erziehen, in dem allen liegt die Gnade der' großen Aufgabe. Aber, und das ist der Unterschied zum Missionsglauben des westlichen Judentums: die religiöse Forderung, die In erster Linie eine ethische Forderung ist, bleibt nicht im Allgemeinen haften, sondern richtet sich auf ganz bestimmte Probleme und Fragen des Landes. Auch hier gebe ich kein Werturteil ab. Im Westen, in der ganzen Gahrth war die jüdische Religion so isoliert vom allgemeinen Leben, stand so in einem Winkel, daß ein Einfluß auf die Gestaltung des allgemeinen Lebens ihr versagt blieb. Hier in Palästina ist es anders. Die überlieferte Religion ist in Brauch und Sitte, in Gesetz und Sprache auf das engste mit der allgemeinen Kultur verbunden. Sie darf sich den Aufgaben, die hier gestellt werden, nicht entziehen. Und umgekehrt lebt in ihr -- auch wenn das nicht in äußere Formen gekleidet ist — die Einflußmöglichkeit auf viele Menschen; und viele warten auf ein Wort und auf eine Tat von ihr. Eine religiöse Palästinabetrachtting sieht ihre Hauptaufgabe in der Verwirklichung des prophetischen Wortes: Zion kann nur durch Recht erlöst werden und die dorthin zurückkehren durch Gerech« t i g k c i t. Unsere spezielle Aufgabe ist es, in der Erziehung der Jugend, in der Beeinflussung des Erwachsenen, in der Forderung an die Gesamtheit, in der Sammlung aller gleichgerichteten Kräfte um uns, an der Bewältigung der großen Grundaufgabe zu arbeiten. Bürgerliche Religion? Ist diese Form des religiösen Lebens „bürgerlich"? Wenn man eine Religion bürgerlich nennt, so denkt man weniger an die soziale Klasse derer, die sich zu ihr bekennen, als vielmehr an eine allgemeine Lebenshaltung und Lebensstimmung, für die das Bürgertum im sozialen Sinne repräsentativ war. Das ist eine Lebenshaltung, die im Streben nach gesicherten und ruhigen äußeren Verhältnissen den Inhalt des Lebens sieht, die sich dem praktischen Leben verschreibt und für darüber hinausgehende Forderungen kein Verständnis hat, die in allein saturiert ist und jedem Ungewohnten feindlich gegenübersteht. Der Gegensatz, zu dieser bürgerlichen Stimmung ist nicht die proletarische, sondern die heroische. Die soziale Entwicklung des Judentums in Westeuropa und in Amerika hat diesen Typus des jüdischen Bürgers erzeugt. Weithaltung und religiöses Gefühl waren dadurch bestimmt. In diesem Sinn ist das moderne religiöse Judentum bürgerliche Religion. Hier in Palästina setzt eine neue soziale Entwicklung ein. Sie ist gekennzeichnet als Prozeß der Entbürgerliehung des bisherigen Galuthbürgertums. Es ist ebenso ein Prozeß der Verbürgerlichung bisher unbürgerlicher Schichten. Die Menschen, an die wir uns hauptsächlich wenden, sind Menschen, die in der äußeren und inneren Krise der Entbürgerlich ung stehen, für die damit viel Lebenssicherheit verlorengegangen ist und die nach einer neuem Sicherheit suchen. Es sind die Menschen, die zu jeder Zeit für den Glauben am empfänglichsten waren. Die Triebkräfte," die unser religiöses Leben bewegen, sind keine bürgerlichen, so wenig wie die Kräfte, die das aufbauende Palästina bewegen, „bürgerlich" sind, gleichgültig ob auf dem Lande oder in der Stadt. Denn in Lebensgefühl und Lebenshaltung geht die Trcnnungslinie nicht zwischen Stadt und Land oder zwischen Kleinbürger und Arbeiter. Entscheidend ist die innere Bewegtheit, die aus äußeren und inneren Motiven stammt, den Menschen erschüttert und auflockert. Der Ausgangspunkt einer religiösen Neubelebung kann aber nur da sein, wo jene innere Erschütterung herrscht, wo die Kräfte des Alten zwar noch wirksam sind, wo aber die Sehnsucht und das Fühlen nach einem Neuen lebendig ist. Sicher gibt es diese aufgelockerten Menschen auch aut dem Lande. Aber aus den verschiedensten Gründen, äußeren, inneren Fragen der Berufsunischichtung, der Famiücnverpflichtung und anderen, ist die Stadt die Zuflucht für viele dieser Menschen geworden. So findet hier die volksnädagogische Aufgabe der Religion einen aufnahmebereiten Boden. Die Jugend hier ist ungehemmter zu erfassen. Die inneren und die äußeren Bedingungen sind der religiösen Arbeit angemessener, als es heute noch auf dem Lande der Fall ist. Aber schließlich, und das ist entscheidend fiir die Frage der „bürgerlichen" Religion, kommt alles auf das Ziel an. Und das Ziel ist in der Grundlegung unserer Arbeit gc-geben. Es ist die Erziehung zu einer heroischen Form der Religion, die im Einklang steht mit einer neuen Form des Lebens hier überhaupt. Ihr letztes Ziel ist die Verwirklichung im Leben. Hier werden wir uns mit all denen treffen, die an dieser neuen Lebensform arbeiten. 4