Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 10 (5.2.1937)
- Date
- 1937-02-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10, 5. II. 1937 JODISCHF RHNnSCHAtt Seife 3 Die Atempause Von unserem palästinensischen Korrespondenten An diesem Tage gl. Tel-Awiw, 25. Januar 1937 Nach der Abreise der Kommission Ziemlich sang- und klanglos, ohne jede Zeremonie, fast überraschend für die breitere Oeffentlichkeit, hat die Königliche Untersuch ungskommission in Jerusalem ihre Vernehmungen im Lande beendet. Das letzte Mitglied der Kommission hat das Land verlassen. Lord Peel und seine Kollegen werden ihre Arbeit, vor allem die Abfassung ihres Berichtes, in London fortsetzen. Nach einem halben Jahre der Unruhen und etlichen Monaten, die durch die Vernehmungen in Jerusalem erfüllt waren, beginnt für Palästina eine neue Etappc. Es besteht die Empfindung im Lande, daß diese Etappe in den erregenden und schwierigen Entwicklungsprozessen der letzten Zeit eine Atempause bilden werde, eine Zeit des Abwartcns, vielleicht auch der Sammlung neuer Kräfte. Noch sind die Wellen der Erregung, die um die Kommission in Jerusalem kreisten, nicht abgeebbt. Die hebräische Presse bringt noch eine Reihe von Kommentaren und Bewertungen der Kommission und gibt in bunter Reihenfolge die Aeußerungen der großen englischen Blätter zum Palästina-Problem, wie es durch die Zeugenaussagen beleuchtet worden ist, wieder. Es wird vielfach Kritik an dem Auftreten der jüdischen Zeugen vor der Kommission geübt und die Prozedur der Kommission selbst unter die analysierende Lupe genommen. Auch bei den Arabern spielt dasselbe Thema in der Presse eine bedeutende Rolle, und beide Lager bereiten sich darauf vor, in größter Aufmerksamkeit die Entwicklung der Dinge in London zu verfolgen. In arabischen Kreisen spricht man von der Entsendung einer Delegation nach London, um die öffentliche Meinung in England weiter zu bearbeiten. Und überall im Lande klingt dieselbe Frage auf: Wo stehen wir heute, nach der Abreise der Kommissionsmitglieder? Nachklang der Unruhen Das Land läßt überall noch in voller Schärfe den Nachklang der Unruhen spüren. Die Juden haben ihren Wachdienst nicht im Stich gelassen; das Militär ist an den verschiedensten Stellen stark vertreten und tritt in einer Weise auch äußerlich hervor, wie man es in Palästina unter englischer Administration niemals gewöhnt war. Fast täglich werden bedrohliche Zwischenfälle gemeldet, Ueberfälle von kleinen Gruppen, die einschüchtern und rauben, gelegentlich dabei auch töten. Es handelt sich in der Regel nicht um Unternehmungen mit politischem Hintergrund, sondern um echte Banditen, im Gegensatz zu den Unruhemonaten, wo wir es mit reinem Terror zu tun hatten. Wir haben hier die einfache Tatsache, daß aus den Monaten der Gesetzlosigkeit kleine lose Gruppen zurückgeblieben sind, die sich mit dem Gewehr ihren Lebensunterhalt erwerben. Da keine Entwaffnung stattgefunden hat, die wh tschaftliche Lage viel zu wünschen übrig läßt, darf man sich über diese Erscheinung nicht wundern. Daneben fehlen auch nicht echte Terrorakte, wie das Attentat auf den Bürgermeister von Haifa, der von seinen arabischen politischen Gegnern angegriffen wurde, lehrt. Die Unruhen sind zu Ende, aber es ist bisher nicht zu der eigentlichen und rechten Entspannung gekommen. Neue Unruhen? Es gärt überall und es ist charakteristisch für die herrschende Geisteshaltung, daß man in den letzten Wochen dauernd davon sprach, die Unruhen würden sich erneuern, sobald cjic Kommission abgereist wäre. Heute ist man von dieser Meinung bereits ein wenig abgekommen, jedenfalls herrscht sie nicht mehr allgemein. Der Moment scheint in der Tat einem neuen Aufstand nicht günstig. Wir sind mitten in der Orangensaison, die für ihre Abwicklung, an der die Araber in gleichem Maße wie die Juden interessiert sind, Ruhe verlangt. Der Entschluß der Araber, im letzten Moment doch noch vor der Kommission aufzutreten, macht es unwahrscheinlich, daß ihre Führung vor dem Erscheinen des Berichtes das Zeichen zu neuen Unruhen geben wird. Auch sind die strategischen und wirtschaftlichen Bedingungen heute andere als im vorigen Sommer. Die Regierung, bzw. das Militär kennt heute das Land in seinen Einzelheiten sehr genau. Es sind an den entscheidenden Punkten Vorkehrungen getroffen worden, Befestigungen geschaffen, die die Aktion des Militärs und der Polizei erleichtern, die sich zudem auf lange Erfahrungen des Guerillakrieges in den palästinensischen Bergen stützen kann. Gerade in diesen Tagen macht der Oberstkommandierende, General Dill, eine Rundreise durch die strategischen Stellungen des Landes und kontrolliert die von ihm befohlenen Arrangements. Obwohl die Garnison im Lande bereits verringert wurde, ist es zweifelsfrei, daß die Regierung, wenn s>e dazu entschlossen ist, mit neuen Unruhen kurzen Prozeß machen kann. Haben so die Araber bei dem Versuch zu neuem Terror mit guter Vorbereitung der Engländer und einer starken Gegenmacht zu rechnen, so ist auch ihre innere Situation nicht besonders günstig. Das Land hat unter der Unterbindung des normalen Lebens im letzten Sommer stark gelitten, und die Wirtschaftslage unter den arabischen Massen ist keineswegs befriedigend. Sie sind heute vermutlich nicht so leicht zu neuen großen Aktionen zu bewegen. Auch spürt man im arabischen Lager trotz der nach außen unbestrittenen Führung des Obersten Arabischen Rates eine gewisse Zersplitterung, sowohl unter den politischen Parteien (Extremisten und Gemäßigte) als auch unter den Religionen (die Reibereien zwischen Moslems und Christen, vor allem in Jaffa, zeigen das an). Gegenüber diesen Erscheinungen muß man jedoch in Rechnung stellen, daß die arabische nationale Propaganda heute in allerweiteste Kreise gedrungen, daß das ganze Volk von ihr erfaßt ist und daß die Massen trotz der Schwere des Kampfes und obwohl sie bis heute keine greifbaren Resultate ihrer Bemühungen gesehen haben, unter bestimmten Umständen wieder zur Aktion gebracht werden können, auch wenn diese große Opfer fordert. Der vom Obersten Arabischen Rat proklamierte ökonomische Boykott gegen die Juden wird an vielen Stellen mit großer Schärfe durchgeführt, zum Teil unter beträchtlichen Opfern. Die allgemeine Atmosphäre hat sich in den letzten Monaten keineswegs geklärt, sie ist im Gegenteil mit Spannung geladen, und die Propagandareden der Araber vor der Kommission haben fraglos ihre Wirkung auf das eigene Lager nicht verfehlt. Es ist daher typisch für die Situation, daß man allgemein nicht fragt: werden wieder Unruhen kommen? Sondern: Wann werden sie kommen? Die Diskussion geht nicht um die Tatsache selbst, sondern um den Zeitpunkt. Man stellt die Frage nach der Länge der dem Lande gewährten Atempause. Das eigentliche Problem Die Unruhen waren jedoch — dieses muß in der verkrampften Atmosphäre Palästinas, die sich auch zum Teil auf die Gallith überträgt, ausdrücklich betont werden — nicht das eigentliche Problem. Die waren nicht mehr als ein Symptom, ein Anzeichen der Gesamtsituation. Es muß den im Lande Ansässigen überraschen, wenn die englischen Zeitungen erklären, erst durch die Aussagen vor der Königlichen Untersuchungskommission hätte es sich gezeigt, w i e schwierig die Dinge in Palästina lägen und wie schwer eine Lösung der bestehenden Fragen sich gestalte. Der Beobachter der Entwicklung im Lande brauchte keinerlei Aussagen vor eitler Kommission, um diese Tatsache ans Licht zu bringen. Die letzten Entwicklungen haben nur noch einmal mit grausamer Deutlichkeit bewiesen, daß die „palästinensische Frage'1 in aller Schärfe besteht und von neuem angepackt werden muß, wenn das Land nicht dauernd in Gefahr sein soll, derartige Perioden wie den Sommer 1036 zu durchleben. Es mutet unter diesen Umständen befremdend an, daß wir in Palästina nirgends den Versuch sehen, aus dieser Lage die Konsequenzen zu ziehen und die palästinensische Politik nochmals auf ihre Grundlagen zu überprüfen. Die Araber haben sich das Leben leicht gemacht und an Stelle politischer Vorschläge Propaganda gebracht. Die Juden wiederum, die sich im Gegensatz zu den Arabern um die Zusammentragung von Tatsachen und Ziffern zur Stützung ihrer Aussagen bemühten — und vielfach mit Erfolg bemühten —, haben an die Grundlagen der Politik nicht gerührt. Es wird überall im Lande die Frage gestellt, mit welchen politischen und wirtschaftlichen Mitteln eine möglichst schnelle Weiterführung der Kolonisation gesichert werden kann. Dagegen hört man nirgends die Frage, ob überhaupt die politischen Grundlagen, auf denen sich diese Politik aufbaut, tragfähig sind und ob wir nicht gezwungen sind, sie von Grund auf zu revidieren. Ein halbes Jahr der Unruhen und die nachfolgenden Ereignisse haben es nicht vermocht, eine grundlegende Diskussion in dieser Beziehung anzuregen. Neue polltische Grundlagen tun notl Und doch wird es offenbar, daß die zionistische Politik in Palästina in den letzten fünfzehn odj-'r zwanzig Jahren nicht die Resultate gezeitigt hat, die man von ihr hätte verlangen müssen. Niemand wird leugnen, daß das Kolonisationswerk in dieser Zeit gewaltige Fortschritte gemacht und sich die Bewunderung der gesamten zivilisierten Welt errungen hat. Es zeigt sich jedoch auf der anderen Seite, daß die politischen Grundlagen dieser Kolonisation lückenhaft sind und schweren Angriffen nicht standhalten. Das Ziel dieser Politik hätte es sein müssen, das Land innerlichen seiner geistigen Haltung, in den Beziehungen von Volk zu Volk zu pazifizieren und damit der Aufnahme von Juden erst den eigentlichen Rückhalt zu geben. Der Maßstab dafür, ob diese Politik richtig ist, war darin zu sehen, ob sich der Widerstand gegen die jüdische Einwanderung im Laufe der Zeit verringert oder verstärkt. Sie wäre als gelungen zu betrachten, in dem Moment, wo er ganz verschwindet. Das letzte Jahr hat jedoch bewiesen, daß eben dieser Widerstand ungeheuer gewachsen ist. Es wird gegenüber dieser Argumentation vielfach eingewandt, sie sei im Moment inaktuell, da gerade jetzt eine Verständigung mit den Arabern, die sich jedem Kompromiß abhold zeigen, völlig unmöglich sei. Diese Tatsache läßt sich nicht leugnen. Es ergibt sich jedoch daraus keineswegs eine Aenderung des oben skizzierten Zieles unserer Politik, sondern nur die Erkenntnis, daß die Politik sich umstellen und von neuem beginnen muß, auch unter der Perspektive, daß sich die Resultate erst nach langer und schwerer Arbeit zeigen werden. Und es handelt sich unter diesem Aspekt keineswegs nur um das, was man bei uns gemeinhin unter „arabischer Politik" versteht. Auch die Vertretung unserer Interessen vor dem englischen Forum muß von der zentralen Idee geleitet sein, die Grundlagen unseres Werkes Rabbi Jehuda begann seinen Vortrag zur Ehrung der Tora: »Aufmerke, höre Jissrael! / An diesem Tag / bist du IHM deinem Gott zum Volk geworden* (5. B. M. 27, 9): Wurde die Tora erst an jenem Tag Jsrael gegeben? War nicht jener Tag das Ende der vierzig Jahre (der Wüstenwanderung)? — Das soll dich lehren, daß die Tora denen, die sie lernen i an jenem Tag so teuer Ist wie am Tag, da sie vom Berge Sinaj gegeben wurde. b. Beradiol 63 b Uebcrs. v. N. N. QMzet in viel umfassenderer Weise zu sichern, als es bisher der Fall ist. Das heißt mit anderen Worten, wir müssen den E ngländern die Basis geben, auf der sie in Palästina eine Politik der dauernden Befriedung des Landes aufbauen, auf der sie ein Kompromiß schaffen können, das sich als lebensfähig erweist. Nicht von englischer Seite muß dieser konstruktive Plan kommen, sondern von jüdischer. Er ist für die sichere Fortsetzung unseres Werkes unerläßlich. Gelingt es, diesen konstruktiven politischen Plan zu schaffen, der elastisch und auf lange Sicht eingestellt ist, so würde sich eine Aenderung des gegenwärtigen Zustandes ermöglichen lassen. Wie unerträglich dieser Zustand ist, kommt vielleicht vielen im I ande nach den langen, schweren Monaten des letzten Jahres nicht mehr ganz zum Bewußtsein. Man nimmt die Unsicherheit, die eiserne Wand zwischen Arabern und Juden, das Element des blutigen und des unblutigen Kampfes, die dauernden Ueberfälle schon fast als etwas Selbstverständliches. Und daraus ist es vielleicht zu erklären, daß an keiner Stelle der Versuch gemacht wird, diese unerträgliche Situation in ihren Grundlagen zu beheben und damit eine Befriedung des Landes nicht allein durch Waffen, sondern durch die Schaffung einer neuen Mentalität einzuleiten. So wie die Dinge heute stellen, wirtl nur darauf gesehen, sieh gegen die Angriffe zu wehren {was natürlich absolut notwendig ist), aber es fehlt die aktive Bemühung, solche Angriffe in Zukunft auszuschalten. Die Einzelheiten eines konstruktiven politischen Planes, der sich nur aus dieser neuen Einstellung ergeben kann, müssen Gegenstand einer vorsichtigen und gründlichen Bearbeitung sein und würden sowohl politische als auch wirtschaftliche Maßnahmen umfassen. Die Frage der konstitutionellen Weiterentwicklung des Landes wird zur Diskussion stehen, ebenso wie der Aufbau einer nach und nach sich verschmelzenden jüdischarabischen Wirtschaft, die sich zu einer „palästinensischen" entwickeln muß. Alle diese Details haben jedoch erst dann eine Bedeutung, wenn sie aus der oben skizzierten veränderten Einstellung zu der gesamten palästinensischen Frage entstehen. Wenn es wahr ist, daß Palästina jetzt in den nächsten Monaten eine Atempause gegönnt ist, so müßte sie für diese grundlegende Diskussion genutzt werden. Die Königliche Kommission in London wird jetzt ihren Berieht abfassen und ihre Vorschläge ausarbeiten. Es wird alles darauf ankommen, daß sie sich dabei nicht nur auf die einander entgegenstehenden Stellungen der Juden und Araber stützt, sondern daß ihr — und gerade von jüdischer Seite — ein konstruktives weitherziges P r o g r a m m vorliegt, das sie zur Grundlage einer neuen Palästinapoütik machen kann. Damit könnte vielleicht für das Land nicht nur eine Atempause beginnen, sondern eine neue und friedliche Aera produktiver Arbeit. Palästina und die internationale Lage Ein Vortrag Prof. Brodetskys London, 1. Februar. (JTA.) Die Zionistische Vereinigung von Groß-liritannien und Irland hielt in London eine Massenversammlung ab, in der die kritische Situation in Palästina von verschiedenen Rednern einer eingehenden Betrachtung unterzogen wurde. Professor Selig B r o d c t s k y, der Leiter des politischen Departements der Exekutive, wies darauf hin, daß die eigentliche kritische Lage nicht in Palästina, sondern nach Rückkehr der Kgl. Kommission in London vorhanden sei. Der Kampf um die Rechte der jüdischen Nation werde vor dem forum der Weltöffentlichkeit ,-usgeiragen und vor allen Dingen um die britische offentliehe Meinung. Das jüdische Volk in der ganzen Welt sehe sieh vor die Frage gestellt, wie die nationalen Rechte der jüdischen Nation gesichert werden könnten. Es sei falsch, annehmen zu wollen, daß man den Kampf mir diese Rechte allein durch Beiträge zu einem Fonds austrage. Es müsse vielmehr die Kraft des ganzen Volkes mobilisiert werden, und zwar sowohl für das Konstruktive Werk in Palästina als auch für den großen Kampf, der bevorsteht. Die wichtigste Waffe in diesem Kampfe ist der Jischuw. Ohne die Untersuchungsergebnisse der Kgl. Konimission vorwegnehmen zu wollen, so scheine es doch klar zu sein, daß die britische Nation zu einer Zeit, in der so viel von der Heiligkeit der Verträge gesprochen werde, Abmachungen einhalten werde, die sie freiwillig eingegangen ist. Es sei undenkbar, daß das englische Volk sein Versprechen einschränken werde. Eine Gefahr bestehe in dieser Hinsicht im Zusammenhang mit der Auslegung des Mandats. Prof. Brodetsky nahm im weiteren Verlauf seiner Rede auf die Ereignisse im Vorderen Orient, im Libanon und Alexandrctte, Bezug. LANDSCHULHEIM KMSTINEHOV, VASTRABY per Löberöd, SUDSCHWEDEN für Jungen und Mädchen (10-16 Jahre) Ltg.: Dr. Ludwig Posener Körperliche und geistige Ausbildung in gesunder jüdischer Jugendgemeinschaft SEMESTER-BEGINN: 1$. APRIL Wisscnschaftl. Unterricht: Sprachen, Naturwissensch, usw. Praktische Ausbildung: Gartenbau / Tischlerei / Schneidern Körperliche Ertüchtigung: Gymnastik, Sport, Wandern PALÄSTINA - VORBEREITUNG