Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 8 (29.1.1937)
- Date
- 1937-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 8, 29.1.1937 Aus der W issenschaft des Spatens Neujahr der Bäume / zum i5.stw Am 15. Sclncat, der in diesen; Jahre auf den 27. Januar fiel, feiert man in Palästina alljährlich das „Neujahrsfest der Bäume". Die Schuljugend in Stadt und Land pflanzt an diesem Tage Baumsetzlinge, um das Land, das so großen Mangel an schuttensftendenden Bäumen leidet, wieder stärker zu bewalden. Die Baurnp/lanzung zugunsten des Keren Kajemeth Lej israel steht im Mittelpunkt dieses volkstümlichen Festes, das die Verbundenheil des jüdischen Volkes mit der Natur des Landes besonders eindrucksvoll zum Ausdruck bringt. (Red.) Der Wald wächst Von A ti o i f P o 11 a k, Jerusalem Der Gedanke einer nationalen Aufforstung Palästinas durch das jüdische Volk findet sich bereits bei Theodor Herzl. Am 23. August 1S96, wenige Monate nach Erscheinen des „Judenstaats", sehreiht Her/1 in seinem Tagebuch: ,i:.,Mir dem l*arL.!:n:ei.niLer K r e m r n e z k v l.ue'f ge-nro« hon. Kr ist rin guter Zeeii-t mit modernen Ideen. Am sehr salzhaltigen Toten Me,-r li-rVn i Ii .gnftc einem'-., he In-hot ten erri. itt, n. Die jei/igrn Si!iu,i..e[\,,.i' uaieu lib/uieiien und nU T inkw asser z.u verwenden. Fr.uz der "/•il'h-*c aus dem M ii telländi>ohen Meer dureh einen Kanal, der n-ihv. be, vo-geu iler 'iehirge. als T'.muelkansl ßi-fiüirt werden itriKte feine Welt..rhr-nswiirdigkeit) und der Xivcauunvi . l.ir.t drr beiden Mmr witc (\V.i«cif.ill) zur Tteilitmg von M.oeiiiicn zu ver«.:„len. Viele tutende Pferd« kraitc. Aueh *"»st pbl es in l'.e.isiin.i gin-aig eiekniseh veiwcndbarc Wn«nkr.tiie. \\ i r rn u s e n e i n e n n a t i o n .i 1 e n B a u in v e r p i n zur A u i [ ii r -. < n i. % ,| , s Landes B i ü »d c n. J > il e r ) u d e stiftet ein e u e d e r in e h r e r e I! a u m e. Zehn Million e n I; :: » n; Johann K'i omene/kv, .Mitglied des ersten Engeren Aktion«-("om:te\ winde der erste Leiter und (Vg.misator des Kenn Kajcnicth tmd seine Verdienste um diese populäre Vnlk»in-t.n:t-' i; wcd> n imsergcssen bieibvn. Nach seinem \ntr zwei Jahrn erfolgten Ableben hat er in einer bedeii*' ml-n Nüitmu: ih n KKI. auch U'stamviitaii-ch bedacht. Kicuane/kv hat auch n-ioh die Anfänge unserer nationalen Ai-!'ie'-!;ei--: . riebt und M mit jener lebendigen Initiativ e, die ihn .nH/eld'nefe, dafür eingetreten, daß die im Jahre l'roi ■.en Professor Otto \V a r b u r g geschaffene ,.< H'ihaiimsnen.le" dem KKI. organisatorisch angegliedert wurde Dies hat nicht wenig zur Verstärkung der Popularität des KKI. beii,et!.igen. Professor Warburg hat in Nr. 99 tier „Jud. Kiin.lMhau" (l'Ho) in einein kurzen geschichtlichen Ahrdt darauf hingewiesen, wie aus der „Oeihaumspende" aliin.iiiiu Ii die nationale Aufforstung entstand, wie aus den ,.l ier/lu aidei n" m„i Pettsclieu: eil und Ibikla mit einigen /ehnt.i'.Nendeti von Baumen Mir dein Kriege tlie Waklaniagi n an 2) v> i sehi .•denen Sieben des ganzen Landes seit dem fahre lo_>0 entstanden sind, die heute bereits etwa 1 'KKUkiO Bäume umfassen. Von ^den zehn .Millionen Bäumen, die Her/1 erwähnt, hallen wir alletdimr* erst ein I iinftel angepflanzt und nur ein kleiner Bruchteil von Erez Israel M von unseren Wäldern bedeckt. Aber wen geht ni ht das Her/ auf, wenn er von Jerusalem nach "I el-Awiw fährt und von der eigenartigherbeu Schönheit der judalscb.eit Berge. ttwa< bedrückt, plötzlich ciie iieblirlieti Waldan'ngen von Är/a und Kirjafh-Anawim erbückt! Einen viel stärkeren Eindruck gewinnt man noch auf der bahrt von Haifa nach Na/areth vom Balfour-Wald in (iinegar, der sich fast zwei Kilometer längs der Chaussee hinzieht. Wer dort kur/en Aufenthalt nimmt, kann schöne W' a I d s n a z i e r g ä n g e machen, ebenso in der prachtvollen \X aldanla e von Misehmar-I lacntek. Schon sind diese ersten nationalen Wälder zu E r h o I u n g s s t ii 11 e n für den Sommer geworden, die insbesondere von Kindern stark in Anspruch genommen werden. Das Wunderbarste daran ist, daß diese Walder vor kaum sechs bis sieben Jahren angelegt wurden. Jahrelange Versuche und Erfahrungen haben allmählich zur richtigen Methode einer großzügigen Aufforshmgsarbett geführt, deren sich — nach längerem Zögern -- heute auch die Regierung bedient, obwohl das Tempo ihrer Aufforstungsarbeit viel zu wünschen übrig läßt. Her KKL als wichtigste nationale Institution für die Aufforstung seiner Böden, könnte /war auch noch viel mehr dafür tun — wenn er die notwendigen Mittel erhält, aber keineswegs wird er jemals in der Lage sein, allen für die Bewaldung in Eragc kommenden Boden des Landes aufzuforsten. Man rechnet, daß fast ein Viertel der Bodenfläche für Aufforstungszwecke geeignet sein soll, während davon bisher höchstens 5— 6»'( aufgeforstet sind. Vom Bodenbesitz des KKL kommen etwa 32 001) Dutuun lediglich für Aufforstung in Betracht, wovon bisher rund 8000 Dunam bepflanzt wurden. Landwirtschaftliehe Neukolonisation und Aufforstung hängen eng miteinander zusammen. Manchmal geht die Aufforstung sogar vor, z. B. wenn Boden des KKL, der erst später besiedelt werden kann, gegen Grenzüberschreitung ■—MAGISTER KIRSCH—, Der gute Likör Maglstor-LkOrfabrik, MünchenVII. In Burllnzubaiiofc.durehdlt WalngroBhandlung Barnhard Brauar, Burgatrafla 3 / Ruf: St 43 40 und ungesetzliche Besetzung durch arabische Nachbarn umzäunt bzw. bepflanzt werden muß. Bei den meisten größeren Boclenerwerbtingen des KKL sind gewisse Teile nur für Aufforstung geeignet, besonders in üebirgs- und Hügelland. Oft kommt es vor, daß Neusiedler durch die Aufforstungsarbeit überhaupt die erste Beschäftigung auf KKL-Bodcn und damit auch ihre erste Existenzgrundlage finden. So z. B. wird die zweite Generation von Nahakd, die auf dem Boden der alten Siedlung kolonisiert wurde, einige Jahre mit der Anlegung des „König-Georg-Waldes" beschäftigt sein. Als wir vor mehr als einem Menschenalter die Aufforstungsarbeit begonnen haben, wurde sie mit einem nationalsymbolischen Zweck verbunden, der zu ihrer Popularität nicht wenig beigetragen hat. Bäume wurden gespendet auf den Namen von nahestehenden Menschen, aus Anlaß familiärer oder sonstiger Ereignisse. In speziellen Gürten zu hundert, Hainen zu* tausend und Wäldern zu zehntausend Baumen wird ein ehrendes Andenken errichtet, das in unserem Aufbauwerk eine einzigartige Form findet. Schon gibt es zehn solcher Wälder, siebzig Haine und mehr als 1600 Gärten, die in den Pflanzungen des KKL abgeteilt sind und in nächster Zeit durch Tafeln und ähnliches bezeichnet sein werden. Die Pflanzung sc'bst, die Hunderttausende neuer Bäume in jedem Jahr beträgt, ist in Palästina, besonders zum 15. Schwat — dem Neujahrstag der Bäume — zu einem wahren Volksfest der Bäume geworden, und wer jemals daran feilgenommen und die Freude der Schulkinder miterlebt hat, die zu Tausenden hinausziehen, um die jungen Bäumchen auf dem Boden des Volkes zu pflanzen, wird verstehen, daß das Nationale und Symbolische dabei nicht zu unterschätzen ist. „Jeder Jude pflanze einen oder mehrere Bäume!" Von diesem, vor mehr als vierzig Jahren ausgesprochenen Wunsch Theodor Herzls, sind wir noch weit entfernt. Aber die Volkstümlichkeit der Baumspende, verbunden mit ihren von Jahr zu Jahr wachsenden Erfolgen in Palästina, werden uns auch dieses Ziel noch erreichen lassen! Im Januarheft der „Empire Review" veröffentlicht Harold J. Shepstone einen Aufsatz über die Lachisch- Eunde in Palästina. Er berichtet, daß etwa 200 Stücke in einem Grabe gefunden wurden, die aus dem 14. bis 13. Jahrhundert v. Chr. stammen. Wichtig ist der Eund einer Vase, einem Importprodukt aus Griechenland, dem einzigen Stück dieser Art, das bisher in Palästina bekannt war. Für die medizinische' Welt ist von Interesse der Fund eines großen Ossuariutns mit den Resten von etwa 1500 Körpern. Von größter Bedeutung aber ist die Laeliiscli-Ausgrabung in benig auf Inschriften, deren man bisher in Palästina kaum welche aufgefunden hatte. Es wurden Tafeln in archaischer hebräischer Schrift ausgegraben sowie 17 Briefe in frühhebräiselier Schrift. Durch sie wird Tel-Dwir (wie der Ort heute heißt) als das biblische Lachisch identifiziert. In einem. Briet heißt es z. B., daß der Schreiber gehört habe, daß der Befehlshaber der Armee, Achbor Sohn LTua'.ans, nach Aegypten gezogen sei und gewisse Leute mit sich genommen habe. Dies ist eine auffallende Parallele zu einer Stelle in Jeremia (Kap. 26, 20 ff.), wo es heißt, daß König Jehojakim den Armeechef Elnatan Sohn Achbors nach Aegypten gesandt habe, um den falschen Propheten Uriah zurückzubringen. Der Brief nimmt auch Bezug auf Nedcbiah, der auch in I. Chron. 3, 18 erwähnt wird. So ergeben sich aus einem einzigen ausgegrabenen Briefe zwei Bezeugungen zur Bibel. Auch in den übrigen Briefen werden zahlreiche Namen genannt, die auch in der Bibel vorkommen. Der Verfasser schließt seinen Ucberblick mit den Worten: „Die Briefe wurden von Prof. H. Torcz. yncr von der Hebräischen Universität in Jerusalem übersetzt und werden mit Recht als von höchster historischer und biblischer Bedeutung betrachtet." (Wir haben über die Ausgrabungen mehrfach belichtet, so in Nr. 48/1935 und in Nr. 3/1936. A. d. Red.) In der französischen Fachzeitschrift „L'Anthropologie" (Bd. 46, Heft 5/0) schildert Henri V. Vallois in einer Arheit über „Les Ossements natouliens d'Erq-EI-Ahmar" die anthropologischen Ausgrabtingsergebrtisse in der judäischen Wüste (etwa 10 km südlich von Bethlehem), die bereits im Jahre 1931 gemacht wurden. Er weist am Schluß der Arbeit darauf hin, daß die Auswertungen dieser Funde in rassewissenschaftlicher Beziehung bereits durch Prof. Boule kürzlich erfolgt sei. Schriften des Englischen Hechaluz. Dem Beispiet der Zionistischen Organisation und der F. Z. Y. (Focderation zionistischer Jugend) folgend, hat auch der Englische Hechaluz begonnen, seine eigenen Broschüren zu veröffentlichen. Die erste in dieser Reihe ist eine Uebcrsetzung aus dem Hebräischen: „Jüdische Arbeit", von David ben-Gurion. Die zweite Broschüre, die im Januar 1936 erschien, ist: „Palästina, seine Pioniere, seine Probleme". Sie ist als Ssichahmatcrial gedacht und basiert auf einer der Schriften des Flechaluz. in Deutschland. Eine umfassende Bibliographie von zionistischen Werken in englischer Sprache beschließt diese Broschüre, die rasch Verbreitung findet. — „Antwort an Oallacher, den kommunistischen Abgeordneten" heißt die dritte Broschüre. Sie wurde notwendig, nachdem Gallacher im House of Commons den Kampf Moskaus gegen den Zionismus fortzusetzen suchte, und es wichtig schien, seine grundlosen Behauptungen zu widerlegen. Das Thema der vierten Broschüre „Juden und Araber in Palästina", ist in den Schriften des Deutschen Hecltaluz, der „Plitachdttth Olej Germania" und anderer Organisationen schon behandelt worden; jedoch ist es erfreulich, daß eine gründliche Arbeit auf dem Gebiete auch in englischer Sprache erschienen ist. Zusammenfassend kann man sagen, daß die vier bis jetzt erschienenen Broschüren gut abgefaßt sind und im Interesse der zionistischen Arbeit in England vollen Erfolg verdienen. S. Ellern Der Gesamtbetrag der Keren Kajemeth-Sammtung anläßlich des 15. Schwat wird dem Dizengoff-Wald zugeführt werden, der in Kirjat Anawim angepflanzt werden soll. Im Waide Eine r.rzählunff zum 15. Schwat Von David f r i s c h m a n n Fs rauscht der Wald und ranseht; er tost und erzählt, und wo d-r Wind hin« cht. bewegen die Bäume ihre Häupter, Denn so i-t d'e Ait sn-s Wahles von jeher... Alle Tage des Jahre-, imii t:u!nn .M-irgui In-, sp d in tlett Abend hinein, sind die l'iiino \..'b, ii!«•<, haitigt, freie Zeit zur Besinnung fehlt ihnen. -\ber nioi/heh eines Morgens geselii 'ht das Ereigne: e;n •!)<•;• r Baum «(haut unvennitte't auf seinen Kalender, und M'iii Gericht wird blek h vor Schreck. ,.() Gott der Haider und der w i'en Galten", ruft er aus, „morgen ist Chnmiichah n-.-ar b'schwat, und ich habe davon noch nichts RCWUiit!•* End der Wind de« Wahles, dieser alte Plauderer, griff die Kutiihsofort auf und trug -a" von Baum zu Baum. Nach wenigen Minuten wußte es jeder im Wa.de: Morgen ist Posch 1 l.iM'ha-nh der Baume-! In die-er Naht aber vollbrachte eine große und wunderbare Harn! (nee s.dt<:!mi- Verv amlhing an allen Bäumen ringsumher. Am fiiihen Morgen, als die Sonne erschien, standen alle Bäume in großer Ehrfurcht da, die Augen gegen den Himmel gern biet. Durch diese fromme Handlung an diesem 1 age wollten sie die Vergehen eines ganzen Jahres zurichte maihen. Denn so ist die Art der Baume von ieher . . . . All« Baume ringsum standen in weiße Gewänder gehüllt. M-himmermier Schnee bildete ihre „Tallesi-n", kristallklare, funkelnde Eiszapfen ihre Zissis. Eine alte Akazie hatte sich »iit einer großen, weißen Haube geschmückt. Ein großes Beben geht über die ganze Schar dahin. Ihre Erschütterung kommt ans tiefstem Herzen. Die Stunde der Besinnung ist gekommen. Alle verstanden plötzlich und fühlten die Wichtigkeit des Lebens; ihre Jungen werden ihnen fntrissen zum Heizen der Oefcn, und die Alten werden zu Brettern zersägt. Ist das das letzte 7.ie' des I fbeus'' Ist das-, ler Endzweck des Raumes, der sein Leben lang hin- und icrsrhwankt im Winde'J... Und die Räume jammerten, und las Herz ging ihnen ubT. Eine gute, alte Fichte stand beiseite. Mit müder, schlaftrunkener Stimme sang sie ihre sonderbaren Verse und -eierte Psalmen herunter. Das zarfc Wa'dmoos, das erst in Tie „Mi/wojh" eingeweiht werden sollte, versuchte ihr zu folgen. Zur selben Zeit schickte eine bleiche Sonne ihre schrägen, fahlen Sirahl n zwischen die Aesfe, und eine sanfte Mattigkeit breitete sich über die Landschaft. Ein schlanker, junger Gerberbaum, ein stimmbegabter junger Mann ruft: „Ruhe" und beginnt „adon olam". Seine Aussprache ist zwar nicht ganz korrekt, aber die Worte kommen ihm vom Herzen. Dann folgt das übrige Gebet. Ein frommer, gottesfürchtiger Eichbaum ward zum Baal Schacharith auserkoren. Ein sta-ker, beltib'cr Bttchsbaum zum Baal Mussaf. Der Wind ward zum Baal Tokea, der die T'kioth vollendet schmetterte. Ueber die fanze Gemeinde kam tiefe Ergriffenheit. Und als sie zum „w'anachnu chor'im" kamen, beugte sich ein alter und dicker Haselnulibaum so tief nieder, daß er sich kaum wieder aufrichten konnte.... Ein herzergreifendes Seufzen ging über die ganze Gemeinde dahin. So verging die Hälfte des Tages, und die Mittagszeit kam heran. Die starke Erregung wurde schwächer und schwächer, denn so ist*die Art des Waldes von jeher.... Die Jugend bereitete sich zum „Taschlich machen" vor, die Alten standen umher und plauderten miteinander. Eine Esche erzählte mit Stolz vom „Jichus" ihres Großvaters und Vaters. Ihr Großvater wurde — als die Stunde nahte, in der er Abschied von dieser Welt nehmen sollte — zu Brettern zersägt, aus denen man den Thron für die Königin Saba zimmerte. Ihrem Vater geschah ebenfalls eine große Würdigung nach seinem Tode. Seine Bretter wurden zu Masten für die Schiffe, die König Hiram baute, verwendet. „Fürwahr, ein großes Glück!", schüttelten neiderfüllt die Umstehenden ihre Häupter. Die Esche aber erhob ihre Augen gen Himmel und fuhr fort: „Wenn am heutigen Rosch Haschanah mein Los und Schicksal ins Buch des Gedenkens eingetragen wird und es mir bestimmt ist, daß ich zu meinen Vätern versammelt werde, wäre es mein sehnlichster Wunsch, gleich meinen großen Ahnen sterben zu dürfen.... Ein frommer Kastanienbaum widerspricht hartnäckig tmd meint: „Ich denke anders darüber. Wenn ich meinen letzten Wunsch vor Gott äußern dürfte, würde ich es vorriehen, daß aus meinen Brettern ein Rabbinerstuhl gemacht würde. Für einen der ganz. Großen! Und aus nieinen Acsten sollten Griffel geschnitzt werden, um damit die kleinen Kinder im Lesen der Thora zu unterweisen. „Du Spießer!", dachte ein blutjunger Hasclnußbaum, der seinerseits noch von den Nachbarbäümen gestützt werden mußte. Fine junge Tanne, die kinderlos und einsam war, blickte schüchtern zu Boden und meinte: „Wenn ich sterben sollte, wäre es mein innigster Wunsch, daß aus meinem Holze Wiegen für die kleinen Kinder verfertigt würden____" So vergingen die Stunden des Nachmittags. Die Jungen begannen inzwischen das Taschlich-Gchet am F'ußufcr zu murmeln und schüttelten ihre welken Blätter in den dahinströmenden Fluß. Sie waren nun sehr fröhlich. Eine junge, kokette Linde begann mit dem Westwind zu flirten. Sie waren wohlgemut und schwatzten. Von Zeit zu Zeit unterbrach sie die alte Fichte, die noch immer ihre Psalmen leierte, indem sie sie wegen ihres unnützen Treibens tadeite. ... Der heilige Sehauer, der sie alle an diesem erhabenen Tage des Gerichts, an diesem „Jörn Hadin" bewegt hatte, war verschwunden. Die Jugend gab sich wieder ihrem alltäglichen Geflüster hin. ... Der Abend brach herein. Da plötzlich verbreitete sich eine Neuigkeit, die niemand geahnt halte: Ein alter Rabe kam geflogen. Er ächzte und krächzte Iaht, und im Walde rief es durcheinander: „Seht! Der Prophet ist da, der Zauberer und Deuter der Zukunft!" Nach wenigen Minuten wußte es jeder im Walde, vom Strauche bis zur Eiche, daß der Prophet gekommen. AI* erste trat die junge Linde hervor. ..Brüder', rief sie, „sollen wir nicht den Verkünder dw 7nkunft Ivfrapren?" Die ganze Schar lachte laut. Jeder tat wegwerfend, als ob er über diesen Aberglauben hoch erhaben sei. Aber im Innern drängte es sie doch, den schwarzen Raben zu befragen. Die junge Linde war selbstverständlich auch dieses Mal wieder die erste. Sie neigte ihr Haupt und streckte einen dünnen Ast dem Raben entgegen. Der Rabe las die Zeichen des Astes. „Siehst du diese aufsteigende Linie hier?", ächzte er, „sie steigt immer mehr an und verjüngt sich am Ende, liier biegt sie ab und durchkreuzt die zweite Linie. Wissel Ehe nocii ein Jahr um sein wird, wird der Holzfäller über dich seine Axt schwingen. Aus deinem Holz wird man einen Galgen machen und an diesem Galgen einen Unschuldigen erhängen, dem man Verrat zur Last gelegt hat. Dieser Unschuldige wird auf deinem Elolze seine Seele aushauchen, und er wird eine arme Witwe tincl hungrige Waisen zurücklassen. Du aber wirst zum Fluch und zur Schmach für alle werden, die dich erblicken!" ... „Hör auf! Hör auf!", erschrak die Linde zu Tode und zog ihren Ast weg. Hastig wandte sie sich von ihm ab. Ein junger „aufgeklärter" Eichbaum streckte mutig einen seiner Acste dem Raben entgegen und um seine Lippen spielte ein mißtrauisches Lächeln, das gar nicht zu ihm paßte. Der Rabe erforschte aufmerksam die Zeichen des Astes und sprach: „Noch bevor dreimal drei Tage um sein werden, wird die Axt über dir geschwungen und dein Haupt zerschmettert werden. Die eine Hälfte deines Holzes wird zur Totenbahre und die andere Hälfte zum Sarg verwendet werden. Und du wirst zum Schreck und Graus aller derjenigen werden, die das Leben lieben." Der Eichbaum zog schleunigst seinen Ast zurück. Plötzlich erklang die Stimme der alten und frommen Fichte, ais ob der Wind ihr das Geheimnis über Leben und Tod zugeraunt hätte. Sie unterbrach für einen Augenblick ihre Psalmen und reichte dem Raben einen ihrer dürren Aeste. Der Rabe weissagte: „Bevor dreimal drei Monate um sein werden, wird man dein Holz nehmen und eine Hälfte davon zu einer Bank verwenden. Aber, weißt du, was für eine Bank das sein wird? Es ist eine Bank, die das Gericht für die Angeklagten bestimmen wird: für Schuldige und Unschuldige. Der erste der Angeklagten wird ein Llnglücklichcr sein, der nie eine böse Tat vollbracht hat; aber häßliche Verleumdung hat ihn beschuldigt. Die zweite Hälfte deines Holzes wird zu einem schönen Stuhl werden, auf dem der Richter sitzt, und zwar derjenige, der den Unglücklichen richten und das Urteil unterschreiben wird." Der alte Eichbaum verhüllte sein Antlitz mit seinen dürren Zweigen und wollte nicht mehr zuhören. Die Abendschatten breiteten sich mehr und mehr aus, und plötzlich lag tiefe Dunkelheit über dem ganzen Walde. Der Geist der Weihe und der Aufrüttelung war gänzlich verschwunden und alles kehrte zu seinen alten Gewohnheiten zurück. - Es rauscht der Wald und rauscht; er tost und erzählt, und wo der Wind hinweht, bewegen die Bäume ihre Häupter. (Aus dem Hebräischen übersetzt von A. Kttflik und Dr. Alice Mendel.)