Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 7 (26.1.1937)
- Date
- 1937-01-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 7, 26. 1.1937 Friede in der Wiener Gemeinde Von unserem Berichterstatter Holländische Notizen RL. Den Haag, 23. Januar Für die Hebräische Universität Jerusalem Unter den Auspizien des Niederländischen Komitees von Freunden der Hcbr.iischen Universität Jerusalem findet zur Zeit eine Werbeaktion in Holland statt. Die Einleitung ftir diese Aktion bildete ein Abend in Amsterdam, der der Information über Arbeit und Bedeutung der Universität dienen sollte. Nach BcgruHungsworten des Vorsitzenden des Komitees, Prof. Dr. I). Cohen, sprach Dr. Kanowitz „Geber die aktuelle Bedeutung der Hebräischen Universität Jerusalem". Fr brachte den Hörern vor allem die Bedeutung der Universität für die politische Lrziehung und für das Bikhingslebcii im Lande nahe. Prof. Dr. A. Frankel behandelte „Die akademische Eigenart der Hebräischen Universität in Jerusalem". Prof. Frankel, der auch an den Universitäten Utrecht und Groningen einige Vorlesungen halten wird, behandelte die einzigartige Bedeutung Palästinas für die naturwissenschaftliche Forschung, da sich dort zwei vuchtie» Teile der Erdoberfläche scheiden. Er wies auch auf die Bedeutung der N'ationalbibliothek als der größten des Vorderen < »rieiits hin, die Jacobus Kann besondere Förderung verdankt. Die holländische Presse widmet der Aktion und den Vorträgen alle Aufmerksamkeit. Künstlerisches Leben Der Bericht des Direktors der Amsterdamer Gemeinde- Museen brachte auch Mitteilungen liber die Neuerwerbungen des Jüdischen Historischen .Museums vor allem aus FamilienbeMtz, aber auch von der Niederländisch-Israelitischen Gemeinde in Leiden. Im Rahmen eines Kon/crlo, das vom Jüdischen Nationalfonds in Rotterdam veranstaltet wurde, spielte Carl Flesch mit dem l-'o'.k: iaim r Philharmonischen Orchester unter Leitung von Sani Swaap. Fi.,:! Jwn.-cnc gaben Stefan A s k e n a s e, Alexander H c 1 in a .'• und Imre l' n g a r. I 'er 1 li> a 1) etil- B e r g ii e r - F i I m „As von like it", der im l;a ~i:.;in Studio-Theater im Rahmen einer Gala-Vorstellung in Anwesenheit von Ministem, Militärs und Diplosttatm v<-i.,( tuhrt w urde, fand großen Beifall. J. R., Wien, 21. Januar Endlich ist nach einem über ein Jahr lang währendem Kampf zwischen der zionistischen Majorität und der unionistischen Minderheit im Wiener Kultusvorstand ein Burgfriede zustande gekommen, der zumindest für die nächste Zeit ein gedeihliches Zusammenarbeiten der Parteien in der Kultusstube in Aussicht stellt. In Durchführung des in der letzten Plenarsitzung des Vorstandes im vorigen Jahre von der Union eingebrachten und einstimmig angenommenen Dringlichkeitsantrages wegen Anwendung des Proportional« y st c ms in allen Organen und Körperschaften der Gemeinde wurden jetzt auch die Vertreter der „U n i o n" als Obmänner respektive Obmannstellvertreter in sämtliche Kommissionen entsendet. In der fMenar Versammlung vom 19. d. M. wurde diese Wahl durchgeführt. So wurde unter anderem ein Unionist zum Obmann der Kommission für das Altersheim und ein Zionist zu dessen Stellvertreter bestellt, während derselbe Zionist zum Obmann der Spitalskommission und der Unionist zu seinem Stellvertreter bestellt wurde. Dies gilt für ein Jahr, nach dessen Ablauf die Funktionäre ihre Aemter untereinander wieder austauschen sollen. In der Finanzkommission wurde Präsident Dr. Desider Friedmann zum Obmann, der Führer der Union, Regicrungsrat Dr. Hermann Oppenheim, zum Stellvertreter bestellt. In den zehn Kommissionen des Vorstandes hat demnach die Union 3 Obmänner- und 7 Obmannstcllvertrctersitze erhalten. Fs verlautet, daß der Union nunmehr auch die Stelle eines Vizepräsidenten eingeräumt werden soll, und zwar soll der bisherige zionistische Vizepräsident Dr. Jakob Ehrlich seine Stelle zugunsten eines Unionisten abgeben. Der Fall Brandhof er - Reuß Vor dem Hictzinger Bezirksgericht fand das letzte Kapitel der Schatispieler-Köpenickiade Brandhofer-Reuß seinen gerichtlichen Abschluß. Kaspar Brandhofen respektive Leo Reuß, über dessen außergewöhnlichen Schauspielererfolg in der Aufführung von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else" im Theater in der Josefstadt wir berichtet haben (siehe „J. R." vom 15. Dezember 1036), hatte sich dieser Tage vor dem erwähnten Bezirksgericht wegen Benützung eines Dokuments, das auf den Namen Peter Altenberger lautete, zu verantworten. Die Frage des Richters, ob er sein unrichtiges Handeln einsehe, bejahte Brandhofer, wies aber darauf hin, daß er selbst es war, der die Sache aufdeckte, indem er vor der oben erwähnten Premiere im Josefstädter- Theater bei seinem Anwalt einen verschlossenen Brief hinterlegt hatte, in welchem er die Motive seines Handelns darlegte. Dieser Brief, der vom Richter zur Verlesung gebracht wurde, sollte nach der Premiere geöffnet werden. Gegen das InlandsarheiterschutzgescU habe er sich nicht vergangen, da ihm, wiewohl er jetzt staatenlos ist, als ehemaligem Oberleutnant der Deutschmeister, auch unter dem Namen Reuli die Arbeitsbewilligung erteilt worden wäre. Leo Reuß wurde bedingt mit zweijähriger Bewährungsfrist zu 100 Schilling Geldstrafe oder 48 Stunden Arrest verurteilt, wobei der Richter als mildernd die seelische Not des Künstlers berücksichtigte. Das Josefstädtcr Theater, das zunächst erklärte, aus künstlerischen und menschlichen Gründen keine Disziplinar-Konsequenzcn aus dieser Angelegenheit zu ziehen, hat seinen Standpunkt geändert. Zunächst wurde das Schnitzlersche Stück vom Spielplan abgesetzt, resp. kurze Zeit in den Kammerspielen des Theaters aufgeführt. Brandhofer- Reuß, mit dem ein Jahresvertrag geschlossen war, erhielt keine neue Rolle und Lothar löste schließlich diesen Vertrag. Wie verlautet, erhielt der Künstler in der Zwischenzeit eine Reihe von Filmengagementsantragen aus London und Hollywood. (Der jüdische Schauspieler hatte sich bekanntlich in einen Tiroler Bauern „verwandelt" und sich als Schauspieler „entdecken" lassen, um wieder in seinen Beruf hineinzukommen. Dabei bediente er sich eines falschen Namens und erzielte so einen großen Bühnenerfolg. - Red.) Jüdische Gemeindeverbände in der Tschechoslowakei l'ra .:, 2J. Januar. (Jl A.) Am 21. Januar trat das tsclk;.h"s](,\\akischc Parlament zu der ersten Sitzung in det neuen >e-sioii zusammen. Die Tagesordnung wies als einzigen l.i.nkietvn Punkt den < reset/esantrag /nr Ergänzung der Organisntit.tisbvstmimuiigcn für die jüdischen Kultusp e e i n d e n in den historischen Landern auf. Abgeordneter Dr. Angelo (i o I d s t e i n sprach als Referent des VcrtässunLisausschusses über das neue Kultuspciiiiimky.ivctA Dieses (leset/, beschäftigt sieb mit den organisatorischen Verhältnissen innerhalb der jüdischen Bevölkerung und soll da/u beitragen, die Julienschaft der historischen Lander (Böhmen und Mähren-Schlesien) zu einer höheren und festeren Einheit zusammenzufassen, als dies bisher der I all war. Das Gesetz wurde bereits vor einigen Monaten vom Senat angenommen. Es ist das erste mit jüdischen Fragen sich beschäftigende Gesetz, welches in der tschechoslowakischen Republik eingesetzt werden soll, und seit fast fünfzig Jahren das erste Gesetz, das die Verhältnisse der Kultusgenieinden in den historischen Ländern regelt. Sinn des neuen Gesetzes ist es, die bisherige höhere Organisationsform der Gemeinden, das sind die Kultusgcincuukvcrbande und der Oberste Rat, welche eigentlich freiwillig entstanden sind, nunmehr obligatorisch zu machen und ihnen jene Vollmachten zu verleihen, welche notwendig sind, damit sie ihre wichtigen Funktionen ausüben können. Dem t ii setz sind zwei Resolutionen angeschlossen, die auf Antra;; des Abgeordneten Goldstein vom Verfassungsausscliuß und dann auf Autrag des Abgeordneten Dr. Kugel vom KultusäiNsi iiuii des Abgeordnetenhauses angenommen wurden. Die »•;-te Resolution fordert die Regierung auf, dahin >"« " nUn, dal', es bald zu einer Vereinigung aller judischen Kuiiuvcm. mden (iroli-Prags komme. In der zweiten Resolutn.r w:r>! da.- lAriirting aufgefordert zu veranlassen, daß i- ."sei; kalt».gemeinden der 'Ischechoslowakei, sowie in ilmn hohrii-n organisatorischen Einheiten ein demokrat i s i 's c s \\;, |, | r e c Ii f eingeführt werde. Das ( h-m-v wurde vom Parlament angenommen. Wieder Touristensaison Die Sitte, im Frühjahr nach Palästina zu fahren, hat seit dem Weltkrieg bei den Juden aller Länder um sich gegriffen und besonders in den letzten drei oder vier Jahren gewaltige Fortschritte gemacht, da auch in Kreisen, die bis dahin Palästina uninteressiert gegenüberstanden, infolge der Auswanderung zahlreicher Juden aus Deutschland die Anteilnahme an Palästina und oft auch die persönlichen Beziehungen außerordentlich zugenommen haben. Die Zeit zwischen Purim und Penach ist stets eine Zeit erhöhter jüdischer Stimmung im Lande, und Juden verschiedener Herkunft treffen sich dort und haben Gelegenheit, das gemeinsame Werk der Judenheit zu besichtigen. Der rapide Fortschritt des jüdischen Aufbauwerkes zeigt sich bei solchem persönlichen Augenschein am eindrucksvollsten. Aber nicht nur der Besuch jüdischer Siedlungen und jüdischer Städte, nicht nur die Teilnahme an einem einzigartigen jüdischen Leben ist der Reiz einer Palästinareisc im Frühjahr, sondern sie bietet auch durch die Schönheit der Landschaft, die um diese Jahreszeit sich besonders prächtig darbietet, ein echtes Erlebnis. Infolge der Unruhen im vorigen Jahre hat die Touristeusaison einen jähen Abbruch erlitten. Inzwischen ist die Ruhe wieder vollständig hergestellt und die Verbindungen und Reiscvvege haben ihre normale Sicherheit zurückerlangt. Fs ist daher zu erwarten, daß die kommende Totiristensaison im Frühjahr wieder besser werden wird als im vorigen Jahre. Jüdische Reisende, die die Möglichkeit haben, im Frühjahr eine Erholungsreise zu machen, sollten statt anderer Reiseziele eine Palästina-Reise unternehmen. Vom jüdischen Standpunkt bietet eine solche Reise unerwartete U Überraschungen für diejenigen, die das Land noch nicht kennen, und nicht minder für solche, die es schon kennen und daher den Fortschritt besser beurteilen können. Soviel auch über Palästina geredet und geschrieben wird, niemals vermag das Wort die wirkliche direkte Berührung mit dem Leben des Landes zu ersetzen. Es sollte nicht versäumt werden, in allen jüdischen Kreisen in diesem Jahre den Gedanken einer Palästina-Reise nachdrücklich zu propagieren. Die Reisenden werden es nicht bereuen, und für die Juden Palästinas wird ein stärkerer Kontakt mit den Judenheiten des Auslands auch fruchtbar werden. Evangelische Kirche in Polen und Judenfrage Warschau, 10. Januar. (JTA.) Das Oberhaupt der evangelischen Kirche in Polen, Pastor Burszc, hat sich in einem Interview über die Ursachen der Spannung zwischen Juden und Christen in Polen und über die Stellung der evangelischen Kirche zur Judenfrage geäußert. Pastor Burszc erklärte, die Judenfrage sei von außerordentlicher Wichtigkeit und verlange dringend nach Lösung. Diese Lösung könne aber nur allmählich erfolgen. Die Berufszweige, in denen die Juden in Polen hauptsächlich vertreten sind, seien einem dauernden Schrumpfungsprozeß unterworfen. Die Konkurrenz, zwischen Juden und Christen im Handel berge Gefahren sowohl für die Juden als auch für die Christen. Die Hauptursachen der Spannung zwischen Juden und Christen in Polen erblickt Pastor Bursze darin, daß man sich von christlicher Seite niemals bemüht habe, der jüdischen Sphäre nahezukommen. Das erkläre die starken Vorurteile, die gegen die Juden bestehen. Wenn auch ein Teil der religiösen Jugend antisemitisch eingestellt sei, so rühre das von der nationalistischen Strömung her. Diese Jugend sei bereit, den Kampf gegen die Juden auch unter Anwendung von Gewaltmitteln zu führen. Das Christentum aber sei entschieden gegen die Anwendung von Gewalt. Diese sei auch völlig ungeeignet zur Lösung der Judenfrage. Wir Evangelischen, schloß der Pastor, sehen in jedem Juden, jedem Katholiken oder dem Bekenner irgendeines anderen Glaubens unseren Bruder, sofern er von seinem Glauben wahrhaft erfüllt ist. Unser Budapester Berichterstatter Dr. Alfred Först vollendet am 18. Schwat (30. Januar) sein ftO. Lebensjahr. Er ist unseren Lesern aus seinen regelmäßigen objektiv und sachlich gehaltenen Berichten aus dem Lehen des ungarischen Judentums seit langem bekannt. Als Lehrer am Jüdischen Gymnasium liegt die Erziehung eines Teils der jüdischen Jugend in seinen Händen; der Jubilar hat sich ferner um die Ausgestaltung des Budapestcr Jüdischen Museums sehr verdient gemacht. Wir sprechen Herrn I>r. Fürst unsere herrlichsten Wünsche für die Zukunft aus. '!«"» singenden Ben Uri geschaffen wurden. Sogleich entfernte st,: h Kabln Jeeheskel von dort. Von nun an, wenn ihn •s,'in v\ es dort \ »rbeilührte, wandte er sieh zur Seite, damit nicht, Gott bewahre, seine Ohren die Melodien aufnahmen. Zur \1>, mlsiunde verläßt Rabbi Jeeheskel die Wohnung, um in den Ii, rL'en zni wandeln. Die Großen des Landes F i .e t;nn-n s; m/;Vi en, und ihre Diener klopfen mit Stöcken vnr ihnen einher, damit alles Volk auffahre und sich ihnen '/u Euren erhebe Die Sonne erzeugt für jeden der Frommen I*ur|>iirl>aid.ii-liui. , in der Stunde, da sie ihren Schöpfer zu grüßen echt. „Glücklich das Los dessen, der gewürdigt ist, seine Wohnslaii im Heiligen Lande zu errichten, ja, wenn er dissen /u seinen Leb/eilen wert befunden ward, so ist er auch uewiirdisjt, daß '1er heilige Geist beständig z.u ihm hinstrebt." Anders Habbi Jeeheskel: seine Füße standen in den '1 wen Jerusalems, aber Augen und Herz, waren auf die Betstuben und l.ehrhäuser der Verbannung gerichtet, fn Gedanken sali er .sieh den Jünglingen seiner Heimat beigesellt, er lustwandelte mit ihnen auf dem Felde und schöpfte klare Luft in der Abenddämmerung. Die frommen Töchter seiner Stadt richteten ihre kleinen Schritte ein, um den Jünglingen zu begegnen und sie sangen dazu. Wenn es ihn nicht tauscht, so hört er Fradles Stimme: Zur reichen Braut ward er gesandt l eher Berg und Meer und Land, So wollt's der Vater eben, Da half kein Widerstreben. Eines Tages kehrte ein Bote aus den Ländern der Verbannung nach. Jerusalem zurück und brachte einen Brief für den Schwiegersohn des Edlen mit. Der Vater sei in Frieden in seine Stadt zurückgekehrt, seine alte Kraft sei ungeschlacht im Richten und Lohren. Und nebenbei teilte er seinem Sohne mit, Fradle hatte einen Gemahl gefunden und sei mit ihrer Mutter in eine andre Stadt gezogen; jetzt warte ihm die Frau lies Synagogendieners auf. Als Rabbi Jeeheskel an die Worte kam, Fradle hätte einen Gemahl gefunden, begann er zu weinen: Fradle ist nun ein Eheweib,, seine Gedanken aber kreisen um sie! Und seine Genossin, wo ist sie? Oft geht sie an ihm vorbei. Sie wendet ihr Gesicht nach der einen Seite fort und er nach der andern. Monate kamen und gingen, und die Taltnudschul« wurde immer leerer. Die Jünger machten sieh leise davon, brachen einen Zweig im Garten ab, richteten einen Stecken daraus und gingen ihres Weges, ohne daß sie jemand daran hindern wollte. Ein jeder konnte sehen, wie die Seele des Rabbi Jeeheskel litt, Gott bewahre uns. Da merkte Rabbi Achifser, daß auf dem Tun seiner Hände kein Segen ruhte und daß der Ehebund nicht geglückt war; er sah ein, daß das überhaupt keine Ehe war. Stumm, mit gesenkten Augen stand das Paar vor dem Rabbi: Rabbi Jeeheskel überreichte seiner Frau den Scheidebrief. Und wie er sie nicht angesehen hatte in der Stunde der Trauung, so sah er sie nicht an in der Stunde der Trennung. Und wie Dina seine Stimme nicht gehört hatte, als er sagte: „Siehe, du bist mir angeheiligt...", so hörte sie auch jetzt nicht: „Siehe, du bist von mir geschieden." Unsre Lehrer, ihr Andenken zum Segen, sprachen: „Wer sich von seiner ersten Frau trennt, über den vergießt selbst der Altar Tränen." Hier aber hatte der Altar schon in der Stunde der Trauung Tränen vergossen. An diesem Tage noch verließ Rabbi Achieser mit seiner Tochter Jerusalem. Seine Talmudschulc war ihm mißglückt, seine Einrichtungen waren ihm mißglückt. Beschämt und gedrückten Sinnes reiste er ab. Das Haus ward geschlossen, die Talmudschule stand leer. Und die Betergemeinschaft, die zu Ehren des Großen im Bethause zusammenzutreten pflegte, kam schon zum nächsten Gebete nicht mehr hin. In dieser Nacht, als der Rabbi der .Stadt beim Lernen saß, schlief er über dem Talmudbande ein. Im Traume wurde ihm bedeutet, daß er von seiner Stätte fortwandern solle. Am nächsten Tag ließ er sich den Traum zum Guten auslegen und fastete vom Morgen bis zum Abend. Nachdem er dann etwas gekostet hatte und zu seinem Studium zurückgekehrt war, vernahm er eine Stimme. Er erhob seine Augen und sah die göttliche Herrlichkeit in der Gestalt einer schönen Frau; sie war in schwarze Kleider gehüllt und hatte keinerlei Zierat an sich; traurig nickte sie ihm zu. Der Rabbi erwachte aus seinem Schlaf und zerriß seine Kleider, wie Trauernde tun, weinte, ließ sich wiederum den Traum zum Guten auslegen, fastete den ganzen Tag und die ganze Nacht, und nachts suchto man den Sinn des Traumes zu klären. Da wies ihm der Himmel vielerlei Dinge, die dem Auge verborgen sind: Seelen, die umherirren, die in Wehmut einander ergreifen, ihren Gefährten suchend. Er schaute auf, blickte hin und sah Ben Uri. Dieser sprach ihn an: Warum hast du mich vertrieben, daß ich nicht teilhabe an Gottes Erl>e? Darauf fragte der Rabbi: Ist das deine Stimme, mein Sohn Ben Uri? Und gleich begann der Rabbi laut zu weinen. Mitten im Weinen erwachte er und wußte, daß es um Entscheidendes gehe. Er wusch sei ie Hände, legte seine Kleider an, nahm Stock und Ranzen, rief seine Frau und sagte ihr: Mein Kind, sucht mich nicht, ich habe die Sühne der Wanderschaft auf mich genommen und muß die Verlassenen heimbringen. Er küßt« die Pfosteninschrift und verschwand. Man suchte ihn und fand ihn nicht. Man erzählt, daß er immer noch umherirrt. Einst ward ein alter Sendbote in ein Lehrhaus der Verbannung verschlagen. Eines Nachts schlummerte er ein und vernahm im Schlaf einen Schrei. F.r wachte auf und sah, wie jener Rabbi neben einem Jüngling stand und ihn mit sich fortziehen wollte. Da erschrak der Bote und rief: Rabbi, bist du hier? Der Rabbi verschwand. Der Jüngling berichtete dem Boten, daß er ein Misrachbild male, wenn niemand sonst im Lehrhause ist, — der Bote sagt, dieses Bild sei schön, ein rühmenswertes Werk. Als einmal der Jüngling in seine Arbeit vertieft war, stand plötzlich ein Greis vör ihm, zog ihn an seinem Rock und flüstert« ihm ins Ohr: Komm, gehn wir nach Jerusalem! Von nun an begannen viele zu erzählen, daß jener Rabbi in der Welt des Wirrsals umherwandre, Gott möge una bewahren. Viele furchtbare und wunderliche Erzählungen haben wir darüber erfahren. Den Rabbi Nissim, sein Andenken zum Segen, der viele Jahre allerlei Länder bereist, hörten wir sagen: Ich will die Erlösung nicht erleben, wenn ich ihn nicht gesehen habe, wie er das große Meer auf einem roten Tüchlein, ein Kind auf dem Schotte, überquerte. Und war es auch zur Stunde der Abenddämmerung, so schwöre ich, ihn wirklich erblickt zu haben; aber wer jenes Kind war, das weiß ich nicht. Jetzt, erzählt man, daß er im heiligen Lande umgehe. Die Großen bezweifeln das, einige machen sich darüber lustig. Aber die Schulkinder sagen, daß ihnen abends manchmal ein Greis begegne, der an sie herankommt, ihnen tief in die Augen schaut und dann weitergeht. Wer nun unsre Geschichte kennt, der sagt sich, dieser Greis sei niemand anders, als jener Rabbi. Die Lösung ist Gottes.