Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 6 (22.1.1937)
- Date
- 1937-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 22.1.1937 Jüdische Mutter — peinlich! Die Palästina-Aktion der Ungarischen Gemeinde Von unserem Berichterstatter Budapest, 18. Januar Im überfüllten Fesisaal der Pester Israelitischen Gemeinde fand die Konstituierende Generalversammlung der neuen Vereinigung statt, die — wie schon gemeldet — neben der Palästina-Aktion der Zionistischen Organisation, neben der halbzionistischen der Pro-Patlistina-Vereinigung die zionistenfreie, von Gemeinde und Landeskanzlei geleitete, amtliche Aktion der ungarischen Judenheit darstellen soll. Vorsitzender t lofrat S. S t c r n eröffnete die Versammlung mit einer Ansprache, in der er Ziel und Aufgabe der neuen Unternehmung umriß. Die statutarisch festgelegten Aulgaben der neuen Vereinigung sind: 1. Förderung der Auswanderung ungarischer Arbeilsioser nach Palästina und Schaffung von landwirtschaftlichen und gewerblichen Niederlassungen für dieselben; 2. Unterstützung der in Palästina angesiedelten Ungarn; 3. Anknüpfung von wirtschaftlichen Verbindungen zwischen Ungarn und Palästina; 4. Förderung und Unterstützung der Auswanderung erwerbsloser Ungarn auch nach anderen Ländern. Mit diesen Intentionen, so sagte Hofrat Stern, will die neue Aktion vor allern heimatlichen Interessen dienen, ohne ihre Solidarität mit dem Gesamt Judentum zu verleugnen. Der erste Aufruf an die Pester Juden habe einige hundert Anmeldungen ergeben, die Organisierung der Provinzdistrikte sei im Gange. Nach ilim ergriff der gew. Reichstagsabgeordnete Dr. Gcza D c s i das Wort. Als die spanischen Juden ihre Heimat verlassen mußten, so begann er —, nahmen sie die Grabsteine ihrer Eltern mit sich, als waren sie die steinernen Bundestafcln, auf denen die Treue zu Gott, zur Religion, ebenso wie zum Vaterhause, Vaterlande eingegraben sind. Auch unsere Jugend, die. durch momentane wirtschaftliche Verhältnisse gezwungen, den Wanderstab ergreift, möge diese Treue wahren, möge aber ebenso die väterliche Hand fühlen, die überall für sie sorgt. Nachdem der vorgelegte Statutenentwurf einstimmig angenommen wurde, wurde zum Vorsitzenden Grolirabbiiier Dr. Simon H e v e s t gewählt, Während als Stellvertreter S, Biedl (Szeged) und Dr. D. S/ekely (Buda) erscheinen. Weder im Vorstand noch im lOdglicdrigen Ausschuß fungieren die Vorstandsmitglieder der Pester Gemeinde. Hofrat Stern hatte schon seinerzeit, während der Verhandlungen mit Pro-Palästina, erklärt, daß ihm und seinen Freunden persönliche Ambi ionen fernliegen. Zum Schluß sprach Dr. Hevesi: Sind wir ein Volk, wie manche behaupten, haben wir als Volk ein Anrecht auf Arbeit und Erfolge in Palästina; sind wir aber eine Konfession, wie ungarische Staatsgesetze und Gerichtsurteile es aussprechen, dann können und müssen wir uns neben den übrigen Konfessionen unsern Platz in Zion erringen. A. F. * Nachbemerkung der Redaktion: Wir brachten in Nr. 1 der „J. R." vom 5. d. M. die Frklärung des Präsidenten der ungarischen Zionisteuvercinigung zu dieser Angelegenheit. Wir erhalten nun unmittelbar vor Schluß dieser Nummer von Hofrat S t e r n, dem Vorsitzenden der Pester Gemeinde, eine Gegenerklärung, die uns Gelegenheit geben wird, in der nächsten Nummer nochmals abschließend auf die Budapester Vorgänge zurückzukommen. Der jüdische Lehrherr Die „Rhein.-Westfälische Zeitung", Essen, vom 16. Januar berichtet: Mit einem Streitfall von grundsätzlicher Bedeutung hatte sich das Dortmunder Arbeitsgericht in einem von einem jüdischen Kaufmann gegen den Vater eines Lehrlings wegen Vertragsbruchs angestrengten Sehadensersatzro/cß zu beschäftigen. Es ging in dieser Klage um die rage, ob die j ii d i s c h e R a s s e z u g e h ö r i g k e i t des Lehrherrn ein wichtiger Grund zur Aufhebung des Lehr- Verhältnisses ist. Der Kläger verneinte diese Frage und begehrte darum Zahlung der im Lehrvertrag für den Fall der unbegründeten Vcrtragslöstmg festgesetzten Entschädigung. Das Arbeitsgericht wies die Klage kostenpflichtig ab. Es ging davon aus, daß ein wichtiger Grund zur Vertragsauflösung bestand, weil einem Beamten nicht zugemutet werden könne, seinen Sohn von einem Juden beruflich ausbilden zu lassen. Gegen jüdische Aerzte Das Hauptamt für Voiksgesundhcit richtet in „Ziel und Weg" an alle Volksgenossen den Appell, jüdische Aerzte zu meiden. Wer nach wie vor den jüdischen Arzt aufsuche, In.weise damit nicht nur sein mangelndes völkisches Sauherkcitsempfüiden, sondern auch seine Absicht, dem Wollen <h^ Nationalsozialismus auf gesundheitspolitisdiem Gebiet nicht zu folgen. Wiener Notizen Von unserem Berichterstatter J. R., Wien, 20. Januar Ein literarischer ProzeO Vor einem Wiener Gericht gelangt jetzt ein interessanter literarischer Prozeß zur Verhandlung, in dessen Mittelpunkt die jüdische Abstammung der bekannten Frauenrechtlerin Helene (} r a n i t s c h, der Präsidentin der ort rreichischen Frauenschaft, steht. Der Prozeß hat folgende Vorgeschichte: Im Februar vorigen Jahres wandte sich Helene Granitsch an den bekannten wiener Schriftsteller Dr. Kurt S o n n e n f e I d, anläßlich ihres bevorstehenden 00. Geburtstages eine Biographie fiir sie zu schreiben. Dieser übernahm den Auftrag, die Arbeit bis zu einem bestimmten Termin fertigzustellen, jedoch mit der grundsätzlichen Erklärung, eine Biographie nur dann schreiben zu können, wenn sie nicht von der Hauptfigur der Biographie zensuriert würde und so eine freie kritische Arbeit bilde. Dr. Sonnenfeld hat dies auch vertraglich festgehalten. Bei Durchsicht des Manuskriptes, das der Autor fertigstellte, wandte sich nun Frau Granitsch an ihn mit der Bitte, die Gestalt ihrer Mutter, die nach den biographischen Mitteilungen einer ludustriefamilie in Prag entstammte, aus der Biographie zu eliminieren, mit der Begründung, man könne durch Nachforschungen leicht erfahren, daß ihre Mutter Jüdin gewesen sei, was ihr bei den zu erwartenden Auszeichnungen anläßlich ihres 60. Geburtstages schaden könnte. Dieses Ansinnen lehnte jedoch Dr. Sonnenfeld entschieden ab. Auch dem Verlangen, einzelne Stellen aus dem Buch zu eliminieren, in denen sich der Biograph von der Tätigkeit und den Anschauungen der Frau Granitsch distanzierte, konnte Dr. Sonnenfeld nicht nachkommen, worauf Helene Granitsch von der Veröffentlichung des Buches zurücktrat. Sonnenfeld, der sich durch das Nichterscheinen des Buches materiell geschädigt Physik und Judentum Ein Vortrug von Geheimrat Stark Geheimrat Professor Dr. Stark, der Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, hielt an der Berliner Universität einen Vortrag über Dogmatismus und Erfahrung in der Atomforschung. Darüber berichtet das „Berk Tageblatt": „Bereits bei der Aufstellung ihres Atommodells durch Lord Rutherford und Niels Bohr hat Stark weniger aus sachlichen, als aus grundsätzlichen Bedenken wegen der Uebernahme von Anschauungen und Dogmen jüdischer Physiker diese Theorie abgelehnt. Er wolle nun nicht nur" kritisieren, sondern auch etwas Besseres an die Stelle setzen. Stark entwickelte dann sein neues Atommodell, das durch einen kurzen Film veranschaulicht wurde. An ihm ist vor allem bemerkenswert, daß das Elektron nicht die durch den jüdischen Physiker Abraham angemessene Form einer Kugel, sondern eines Wirbelringes hat. Der Atomkern liegt außerhalb der Ebene des Wirbelringes. ... An Hand der wenigen Andeutungen, die Oehcimrat Stark zu seinem neuen Atommodell machte, läßt sich noch nicht sagen, ob es, wie es das Ruthcrford-Bohrschc Modell weitgeliend vermag, dje experimentellen Ergebnisse auch quantitativ erklären kann,'-und zwar, denn das soll sein Vorzug sein, mit geringerem mathematischem Aufwand. Man wird den Ergebnissen dieser Arbeiten mit Spannung entgegensehen. Der jüdische Einfluß sei so weitgehend gewesen, daß auch n i c h t j ü d i s c h e Forscher wie Planck, Bohr, v. Laue, Schrödinger und Heisenberg Verfechter dieser Irrlehren wurden, und kein junger Dozent, wollte er sich nicht jede Aussicht auf eine Berufung verscherzen, gegen die herrschende Theorie Stellung nehmen durfte. Einige besonders strebsame Physiker heirateten jüdische Frauen, um ihre Karriere zu beschleunigen. Nach der Aufdeckung dieser ungeheuerlichen Zustände wird die deutsche und arteigene Physik zum Durchbruch kommen, und es ist zu erwarten, daß sie durch ihre Arbeiten und durch neue Erkenntnisse die Forschung bereichert. Der Vortrag von üeheimrat Stark soll der Auftakt sein zu einem neuen Vorstoß, die Auswirkungen des jüdischen Geistes in der deutschen Physik auszumerzen. Leider sei, so führte Stark l—MAGISTER KIRSCH-^ Der gute Likör Magicter-Likörfabrik, MUnchen VII. In Barlin zu bezieh, durch dla I Weingroflhandlung Bernhard Brauer, BurgetraOe 3 / Ruf: S< 43 40 I sah, strengte gegen Frau Granitsch, respektive gegen die Sekretärin der Frauerisehaft, die Herausgeberin der Zeitschrift „Die österreichische Frau'', Karola Petzl, die im Auftrag der Frau Granitsch seinerzeit den Vertrag mit Dr. Sonnenfeld abgeschlossen hatte, eine Schadenersatzklage an. Die Verhandlung, die dieser Tage stattfand, wurde zwecks Vernehmung weiterer Zeugen bis auf weiteres vertagt. Freunde der Universität Jerusalem Unter dem Vorsitz des Präsidenten des „Vereins der Freunde der Hebräischen Universität Jerusalem", Adolf Böhm, fand dieser Tage im Festsaal der B'nei Brith-Loge die erste Jahresversammlung der Vereinigung, statt. Der Vorsitzende gedachte zunächst in einem, Nachruf der verstorbenen Männer, die an der Gründungs-Versammlung des Vereins teilnahmen, des Wiener Oberräbbiners Dr. David Feuchtwang und des Universitätsprofessors Dr. Ludwig Braun, sowie des in Palästina getöteten Dozenten der Jerusalemer Universität, Dr. B i 11 i g, und der dort gefallenen Studenten. Er wies dann auf die propagandistischen Leistungen des Vereins im ersten Jahre seiner Wirksamkeit hin und rühmte in diesem Zusammenhange besonders die wertvolle Aktion, die Kurt BI u ni e n f c 1 d im vorigen Winter hier durchgeführt hat. Einem Bericht des Professor Dr. Edmund. Jerusalem entnahm man, daß die Mitgliederzahl des Vereins gegenwärtig 137, davon 10 in der Provinz, betrage und der Verein sei i)cmüht, seine Tätigkeit zu erweitern. Trotz schwieriger Bedingungen konnten im ersten Jahre bemerkenswerte Erfolge erzielt werden. Hofrat Goldenberg erstattete, den Rechnungsabschluß, worauf dem Vorstand das Absolutorium erteilt wurde. Schließlich erfolgte per Akklamation die Wiederwahl des alten Vorstandes mit Adolf Böhm als Vorsitzenden. Ais Gastredner hielt der Dozent der Hebräischen Universität, Dr. Grau, einen Vortrag über die Leistungen der Universität seit ihrem Bestände. am Schlüsse aus, in den letzten zwei Jahrzehnten keine wesentliche Entdeckung von Physikern der deutschen Richtung gemacht worden.'' Dieser Bericht des „Berk Tagebl." ist für uns Juden besonders interessant. Die wissenschaftliche Diskussion wird gewiß noch ergeben, ob der schädliche Einfluß der jüdischen Forscher tatsächlich so groß war und ob die hier genannten großen nichtjiidischen Gelehrten nur als Verfechter jüdischer Irrlehren erscheinen können. Prof. Kelsen. Das „Neue Wiener Abendblatt" meldet, wie „Europapreß" berichtet, aus Prag, daß der Staats- und Völkerrechtslehrer Prof. Kelsen, den die tschechoslowakische Regierung im Herbst vergangenen Jahres an die Deutsche Universität nach Prag berufen hat, im kommenden Sommersemester keine Vorlesungen mehr halten werde. Er habe einen Urlaub genommen und begebe sich nach Genf. Er werde seine Lehrtätigkeit in Prag nicht wieder aufnehmen. Die Prager Vorlesungen Kelsens waren wegen Kelsens Judentum auf den Protest der Prager deutschen Studenten^ schaff gestoßen, wobei es mehrfach zu Kundgebungen. an der Hochschule kam, die schließlich vorübergehend gei schlössen wurde. Angeblich sind für den Verzicht Prof* Kelsens aut die Prager Professur jedoch nicht politische, sondern private Gründe maßgebend. (Kelsen ist längst ausdem Judentum ausgetreten, wurde aber von der deutschvölkischen Studentenschaft Prags sowohl wegen seiner neukantischen Staatsphilosophie, als auch aus dem Grunde abgelehnt, weil er als Nichtaricr seine Tätigkeit in Deutsch-' land aufgeben mußte. — A. d. R.) Zum Tode von Prof. Carl Helbing. Mitten aus seinem' arbeitsreichen Leben heraus verschied unerwartet am 6. Jan. im Alter von 61 Jahren der in weiten Kreisen bekannte Facharzt für orthopädische Chirurgie Prof. Carl Helbing. Künstlerische Begabung und seine hervorragende Ausbildung in der Orthopädie und Chirurgie waren für Helbing die Grundlage zu seinem großen Erfolge als Wissenschaftler und Operateur. Neben Erkrankungen des Knochensysteins waren es besonders die Mißbildungen des Mundes und des Rachens, Hasenscharten und Gaumenspalten, die er sich zum Spezialfach wählte und deren operative Behandlung er in hervorragender Weise beherrschte. Sein Ruf als Arzt ging weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Viele Mütter danken ihm, daß er ihre Kinder durch seine geschickten Plastiken lebens- und gesellschaftsfähig gemacht hat. E. Marcuse, Reveülon mit Juden „Reveiüon": das ist in Paris die durchwachte, die durchfeierte Nacht nach dem 21. Dc/ember. Em Fest, dessen Ausmaß und Popularität sieh nur noch am 1-1. Juli wiederholen. Das ist in der Tat ein Volksfest. Mau dart sagen: in Paris gibt es viel mehr eine „fröhliche" als eine „selige" Weihnachtszeit. Eine Nacht der Geselligkeit, der Ausgelassenheit, des Weins und des Tanzes. Es ist der beste Abend der Theater und der Restaurants. Man kann von Glück sagen, ergattert man irgendwo einen Platz, der nicht lange vorher reserviert wurde. So ergibt sich fast von selbst der Drang, in dieser Nacht unterwegs zu sein, eine Reise durch Paris zu unternehmen. Man ist mit Hunderttausenden aut den Beinen. Aber man erlebt als Fremder diese Nachtstunden kaum als Mitfeiernder, sondern als Tourist; man sieht obendrein das Ereignis aus jüdischen Augen heute. Im Trubel des Pariser Reveillons zeigten sich mit den Franzosen auch die französischen Juden. Selbst draußen an der Place-de-la-Republique, in den ostjüdischen Quartieren, wo der Jude nachweisbar, physiognomisch unverwechselbar und in relativ großer Anzahl anzutreffen ist, dort, wo — als seltsames Ornament — die Straßen zumeist biblische, alttestamentarische Namen führen, fehlte unter den fröhlich straßcribummelnden Massen, nicht der jüdische Anteil. Der Franzose ist sehr laut in dieser Nacht. Indes brauchte man sich nicht anzustrengen, um im lachenden Tosen, im Singen und Rufen und Schreien jener wimmelnden Kleinbürgergegend das jiddische und das hebräische Idiom herauszuhören. Auch die speziell-jüdischen Cafes und Restaurants, die manchmal „Chez Lew" oder „Chez Josef" heißen, hatten sich vom allgemeinen Reveillon-Betrieb ebensowenig ausgeschlossen wie die mondänen jüdischen Lokale „des Westens", etwa in der Nahe der Madeleine oder bei den Champs-Elysees. Das Fest einer bunten Weltstadt, dem alle sozialen Schichten, auch alle ethnologisch bestimmbaren Gruppen dieser internationalen Bevölkerung sich — jede in ihrer Art — einordneten. Lange nach Mitternacht saß man mit Freunden auf dem Montparnasse, beim „Schwarzen" in einem großen Kaffeehaus. Am Nebentisch wurde deutsch gesprochen. Es waren Juden aus Deutschland. Zweifellos Akademiker; vielleicht ehemalige Anwälte oder Aerzte. Sieben oder acht Männer, die sich vermutlich von früher schon kannten. Unsere französischen Begleiter hatten sofort das Ohr und das Auge für diese sichtbar sich isoliert Fühlenden: sie erklärten uns, das seien „dmigres". Was dachten sie in dieser Nacht? Fühlten sie, daß sie nicht „dazugehörten"? Nicht zu den feiernden Franzosen; aber auch nicht zu den französischen Juden? Dachten sie an die Jahre, da die Weihnachtsbräuche der anderen ihnen so sehr geläufig waren, daß deren Fest ihnen wie ihr eigenes Fest erschien? Wußten sie etwa und dachten auch daran, daß zehntausende andere Juden, die noch jetzt „zu Hause" sind, nun genau wie sie sich ab- und ausgeschlossen haben? Jedenfalls: dieser Revcillon stimmte sie nachdenklieh und durchaus nicht festlich, ebenso wie „zu Hause" der Weihnachtsabend uns. Aber es enthüllte sich nach einigem Nachdenken dennoch ein Unterschied: Wir „zu Hause" wissen heute, daß wir zusammengehören; dieses Zusammengehörigkeitsgefühl haben wir erst recht stark bei solchen Anlässen. Jedoch sie? Wohin gehören heute sie? Da zeigt sich eine beachtliche Problematik. Die Juden, die nach P a - lästina auswandern, diese wissen, daß sie nicht in eine Fremde, in eine Isolierung gehen, sondern in die Heimat, auf den Boden einer auch geistigen Solidarität. Die anderen aber, wiewohl sie ebenfalls deshalb auswandern, weil sie Juden sind, wiewohl sie heute kraft ihres Schicksals sich ebenfalls zum Jude-Sein bekennen — sie treten durch den jüdischen Kreis hindurch und — bis auf Ausnahmen — wieder aus dem jüdischen Kreis heraus. Es ist seltsam und gewiß ein großes Manko, vielleicht eine Unterlassung der Auswanderungs-Organisationen, daß man diesen nunmehr „bewußten" Juden kaum irgendwo in den Eiuigranfenzeritren einen ihnen gemäßen jüdischen Boden bereitet. Man könnte sie für das Judentum gewinnen; heute gehen sie zumeist dem Judentum verloren. Denn etwa die Akklimatisierung an das französische Judentum — wenngleich sie in der Theorie möglich scheint — erweist sich als höchst problematisch (aus sehr vielen Gründen). Es ist so, nicht nur in der Nacht des Reveillons: daß die französischen Juden mit den anderen leben und feiern, während diese Zugewanderten fühlen und wissen und darüber nachdenken, daß sie nicht „dazugehören", daß sie überhaupt nirgends dazugehören. Prospero Literarische Notizen Eine besondere Erscheinung auf dem hebräischen Bücher«' markt bildet eine Ausgabe des griechischen Epos „He ro¬ und Leander" mit hebräischer Uebersetzung von Süßmann M u n t n e r (Verlag Ruhin Maaß, Jerusalem 1936). Der friechische Text des Musaus grammaticus ist dem hebräischen ext, gleichfalls in Hexametern abgefaßt, gegenübergestellt. Das Buch ist mit einer Einleitung und mit ausführlichen Anmerkungen versehen. Im neuesten Heft der hebräischen Theater-Zeitschrift „B a m a h" (Tcl-Awiw, P. O. B. 222) ist u. a. ein vollständiges Protokoll der öffentlichen Gerichtsverhandlung über „S Ii y lock", über die wir seinerzeit in der „Jüdischen Rundschau" berichtet haben, enthalten. Es werden darin die Reden der Ankläger und Verteidigung und schließlich das Urteil wiedergegeben. Das Heft, enthält auch sonst eine Reihe von interessanten Beiträgen und Bildern aus dem modernen Theaterlcben Palästinas. Von dem monumentalen Werk Theodor Ehrensteins „Das Alte Testament in der Graphik" (Kunstverlag Albert Kende, Wien lö'jo) ist soeben die zweite Lieferung erschienen. Das Werk erscheint mit deutschem, französischem, englischem und italienischem Text. Die zweite Lieferung enthält einen Aufsatz über die Technik der graphischen Kunst und sodann eine große Zahl von Abbildungen biblischer Darstellungen, und zwar das dritte Kapitel „Kain und Abel", das vierte Kapitel „Sintflut und Noah'' das fünfte Kapitel „Turmbau zu Babel", das sechste Kapitet „Abraham'' und das siebente Kapitel „Lot". Die Nebeneinanderstellung der Behandlung des gleichen biblischen Themas durch viele Maler verschiedener Zeiten und Völker wirkt überaus anregend. So wird das Werk Ehrensteins nicht nur zu einem Dokument für den gewaltigen befruchtenden Einfluß der jüdischen Bibel auf die Kultur und Kunst aller Völker, sondern zugleich auch eine Art Hilfsmittel für die vergleichende Kunstwissenschaft und Völkerpsychologie. In Wien dreht Hans Behrend einen historischen FfJm., in dessen Mittelpunkt Heinrich Heine, den Ernst Deutsch darstellt, steht.