Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 6 (22.1.1937)
- Date
- 1937-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Dies scheint uns auch heute, nachdem die Verhältnisse sich inzwischen sehr stark geändert haben, das wichtigste Ziel der jüdischen Arbeit in Deutschland. Dabei glaubten wir uns im Einklang mit der Staatsraison. Wir gingen von der Auffassung aus, daß dem nationalsozialistischen Staate auf der einen Seite die Auswanderung von Juden willkommen ist, daß er aber auf der anderen Seite auch nicht wünschen kann, ein negativ zu wertendes Emigrantentum zu fördern, sondern die großen Vorteile anerkennt, die eine geordnete Auswanderung produktiv gerichteten jüdischen Elementen, die sieh in schwerer Arbeit eine neue Heimat aufbauen wollen, bietet. Die Auswanderung steht heute im Mittelpunkte aller jüdischen Bemühungen in Deutschland. Die zweitwichtigste Aufgabe teilweise auch mit dieser zusammenhängend ist die Erziehung der jüdischen Jugend, für die ein ganzes System jüdischer Schulen bereits entstanden ist. Es wurde oft darauf hingewiesen, daß die Judenheit in Deutschland überaltert ist. Dieser Zustand ist durch die Auswanderung der jüngeren (ieneration noch verstärkt worden. Das Bild der jüdi«chen Gemeinschaft von morgen hängt von der J u g e ti d ab. Es kommt darauf an, diese unter so schwierigen Bedingungen äußerer und innerer Art aufwachsenden Menschen so zu erziehen, daß sie bewußte Juden, zugleich aber auch ganze und starke Menschen sind. Das jüdische Volkstum und die Eingliederung in die jüdische Geschichte muß fortan das Fundament des Bewußtseins der jüngeren Generation sein; aber wir können den Prozeß der A u f k I ä r u n g, der im neunzehnten Jahrhundert über uns hinweggegangen ist, nicht rückgängig machen, und wir wollen, daß unsere Jugend auch an den geistigen Schätzen der Welt, an den modernen Erkenntnissen und Wissenschaften vollen Anteil hat, daß sie sich in der Welt orientiert, daß sie, wenn nötig, praktisch zuzugreifen versteht, daß sie das Bewußtsein bekommt, daß judesein nicht von der Welt abschließt, sondern im Gegenteil mit der Welt verbindet. Dies ist gewiß nicht so leicht zu bewerkstelligen unter den schwierigen Bedingungen in Deutschland, wo das Leben oft Enttäuschungen bringt, wo auch das junge Schulwerk unter Lehrermangel leidet, die Auswanderung immer wieder unsere Kräfte dezimiert — aber gerade darum, weil es sich hier um Dinge handelt, die nicht leicht sind, müssen wir von den Juden in Deutschland verlangen, daß sie das Bewußtsein der Verantwortung haben und immer wieder sich auf diese Lage und diese Aufgabe besinnen. Viel von der Begeisterung, die vor vier Jahren für das neu gewonnene Judentum vorhanden war, ist verraucht. Die schweren Sorgen des Alltags haben alle Kräfte in Anspruch genommen. Auch mag so mancher, der sich aus Unkenntnis zu viel versprach, Enttäuschungen erlitten haben. Romantische Uebertreibungen können nicht erfüllt werden. Aber es ist genug da, was noch der Lösung und der Bewältigung harrt. Wir haben in diesen vier Jahren viel verloren, aber auch als Juden manches gewonnen und manches begonnen. Wollen wir weiter gehen und weiter arbeiten, so ist es nützlich, sich von Zeit zu Zeit an die Stimmung zu erinnern, in der wir vor vier Jahren waren: an die große Wandlung, an den großen Umbruch in unserem Bewußtsein, an die neu keimenden Kräfte, die damals in jüdischen Seelen, die bereits hoffnungslos erstarrt schienen, sich regten. Knüpfen wir an an jenen hoffnungsvollen Trieb, machen wir etwas davon wieder lebendig, denn auch heute noch haben wir genug Schweres zu leisten, und wenn es auch nicht mehr den Charakter einer Sensation und den Reiz der Ueberraschung hat, jeder au seinein Platze muß sich als Glied in einer unendlichen Kette fühlen. Denn wir sind ein Geschlecht des Ueberganges, wir stehen noch mit einem Fuße in der alten Vorstellungswelt, in der wir erzogen wurden, und sollen mit dem anderen Fuße bereits in unbekannte neue Fernen schreiten. Ein Geschlecht des Ueberganges -- aber wohin dieser Uebergang führt, hängt — mindestens teilweise — von uns ab. Jüdisches Leben in Uruguay Von unserem Berichterstatter Montevideo, Anfang Januar In Uruguay, d. h. eigentlich in Montevideo, — denn in den übrigen kleineren Orten leben verschwindend wenig Juden — gibt es heute etwa 25 000 jüdische Seelen. Dieses kleine Ländehen („klein" nach amerikanischen Begriffen, denn Uruguay ist so groß wie Italien), steht somit in beziig auf die Größe der jüdischen Bevölkerung an dritter Stelle unter den südamerikanischen Ländern nach Argentinien und Brasilien. Sowohl das soziale als auch das kulturelle Niveau der Uruguayer Juden ist im allgemeinen niedriger als das der Juden im benachbarten Argentinien, von dem die Montevideaner Juden übrigens gern und oft Anregungen entgegennehmen. Es gibt wohl in Montevideo eine aschkenasische und eine sefardische Gemeinde, eine (hinge) Bnei-Brith-Loge, eine Zionistische Ortsgruppe, einen Emigrantenschutz-Veran usw., aber die praktische und soziale Bedeutung mancher dieser Institutionen ist noch sehr gering, und sie genießen noch nicht das Anseilen, das Vertrcterscliaften einer so großen Anzahl Juden beanspruchen dürften. Bis vor kurzem gingen die Uruguayer Juden ohne nennenswerte Störung ihren Berufen nach; die Einwanderungsbestimmungen wurden ziemlich liberal gehandhabt und die „Republica Orientai" kannte keinen Rasscn- und nationalen Haß. Seit einigen Jahren, und insbesondere im allerletzten Jahre, macht sich auch in diesem Lande die aus Europa kommende starke antisemitische Welle bemerkbar. Kurze telegraphische Berichte haben bereits mitgeteilt, daß einige Aenderungen in der inneren Politik dieses Landes stattgefunden haben. Vor allem wurde eine sehr scharfe Agitation gegen die Juden, unter dem Vorwand der Bekämpfung extremistischer Gruppierungen und Richtungen, in Presse und Oeffentliehkeit eingeleitet. Die „Tribuna Populär" stellte sich der anlrüdischen Propaganda restlos zur Verfügung, wahrend manche Unternehmungen und politische Gruppen sich der „Aufkl;inings"-Arbeit durch Radio usw. mit Feuereifer hingaben. Es kam so weit, daß ein Gesetz, das das Erscheinen von Zeitungen in anderen als den „offizielle n" Sprachen (Spanisch, I alienisch, Engäsch, Französisch) verbieten sollte, ausgearbeitet und bis in den Senat gebracht wurde. Die jüdische Bevölkerung Uruguays, die aus ihrer kurzen Vergangenheit solche Erscheinungen nicht kannte, wurde von dieser intensiven und ungerechtfer igten Genera'attackc überrascht. Es dauerte einige Monate, bis sich die verschiedenen Organisationen zu einem Abwehrkampf erschlossen. Vertreter der oben erwähnten und noch anderer existierender Gruppen schlössen sich zu einem einheitlichen Komi'ee zur Bekämpfung des Anti -ernilisnuis zusammen. Ein Teil der Presse und Politiker wurde durch persönliche und öffentliche Aufklärungsarbeit über die Anormalität der Tatsache unterrichtet, daß in einem Laude, wo die bürgerlichen Freiheiten so ausgedehnte sind, plötzlich eine Gemeinschaft in solcher Weise in ihrer Ruhe und Lebensmöglichkeiten bedroht werden sollte. Eine Delegation von jüdischen Führern s'eilte sieh dem Präsidenten Terra vor und verlangte, in einstündiger Audienz, energisehe Regierungsmaßnaliuien gegen die antisemitische Propaganda. Ein Besuch beim katholischen Erzbisehof klarte diesen Prälaten über die Umtriebe mancher Priester, die sich zu Werkzeugen des Hasses hergegeben hatten, aut urid erwirkte Versprechen der Abhilfe. Die Wirkung kam gleich. Das Sprachen-Pressegesetz versandete in den Archiven der Kammer, nachdem es im Senat bereits angenommen worden war; ein Teil der Presse, insbesondere die demokratischen Blätter „Uruguay", „El Dia" und auch die halbamtliche Regierungszeitung „El Pueblo", begannen eine Kampagne zur Abschüttelung und Bekämpfung der antisemitischen Tendenzen, die von der „Tribuna" hereingebracht worden waren, und sogar diese letztere selbst begann sieh zu wänden und zu erklären, daß sie eigentlich nicht die „braven, arbeitsamen, ansässigen" Juden, sondern einen Teil der extremistisch gesonnenen Elemente meine, die dem Staat bedrohlich erscheinen. Auch in Senat und Kammer konnte man ruhige und besonnene Stimmen maßgebender Abgeordneter hören, die die Regierung auf die Gefahr der Verhetzung eines Teils der Bevölkerung aufmerksam machten. Es stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß auch die so junge jüdische Gemeinschaft Uruguays durch ihre Betätigung auf dem Gebiet von Handel, Industrie und Gewerbe, dem Wohl des Landes sehr wesentlich gedient und viele nationale wirtschaftliche Werte geschaffen hat, die sonst nicht existiert hätten. Die unmittelbare Gefahr wurde somit beschworen; aber das schließt nicht aus, daß ein Teil der Jugend dennoch hier und da antijüdische Akte vollführt. So wurden erst vor wenigen Tagen, durch Wurf von Katranbomben, die Fassaden einiger jüdischer Bauten (Emigrantenschutzverein usw.) beschmiert und mit feindseligen Anschriften versehen. Die Regierung, die sich jetzt vollkommen Rechenschaft ablegt, wohin solche Streiche führen können, hat eine strenge Untersuchung eingeleitet. Das zionistische Leben in Montevideo hat in der letzten Zeit einen starken Antrieb dadurch bekommen, daß der gegenwärtig in Südamerika befindliche Spezialdelegierte des Kuren Hajessod, Dr. M i b a s h a n, für einige Wochen hierher kam. In Begleitung des bekannten Führers des argentinischen Judentums, Herrn Nathan Gesang, traf Dr. Mibashan in Uruguay ein, um hier die diesjährige K e r e n Hajessod- Kampagne zu proklamieren. Dr. Mibashan entfaltete in Montevideo eine intensive propagandistische Tätigkeit, sprach an mehreren zionistischen und sons'igcn Versammlungen, und es gelang ihm, für die praktische Arbeit des Keren Hajessod ganz neue Kreise (aus der Mitte der Bnei-Brith-Loge und der sefardischen Gemeinde) zu gewinnen, und das materielle Resultat der (noch nicht ganz abgeschlossenen) diesjährigen Keren Ha;essod-Aktion überraschte selbst die optimistischsten unter den zionistischen Führern hier. Zusammen mit Herrn Gesang stattete Dr. Mibashan dem Präsidenten der Republik einen halbstündigen Besuch ab, begrüßte ihn im Namen der obersten zionistischen Behörde und berichtete ihm über die Ereignisse in Palästina und die jüdische Aufbauarbeit. Die Aufführung des P a I ä s t i n a f i I in s „L a n d der V e r Ii e i ß u n g" macht auf Juden und Nichtjuden, die ihn sehen konnten, einen starken Eindruck, und auch der Präsident der Republik ließ sich ihn in privater Vorstellung vordessen persönlicher Einfluß auf die groß ist, beteiligte sich aktiv an. der Hajessod-Arbcit und beriet auch die allgemein-jüdischen Dingen. Aut Anraten und unter wiederholter Beteiligung Dr. Mibashans wurde ein neuer Plan für zionistische Arbeit in Uruguay entworfen, der sich in der Hauptsache auf die Erweiterung des Kreises der verantwortlichen Mitarbeiter und Führer und Ausdehnung desselben auf alle Kategorien von hier ansässigen Juden (deutsche, Scfardim usw.) abzielt. Dr. Mibashan benutzte seine Anwesenheit in Uruguay, wie übrigens in allen Gegenden, wo er hinkommt, auch zu einer Begegnung mit den dortigen deutsch sprechenden Juden. In einem im Klublokal der deutschen Juden in Montevideo befindlichen Saal sprach er vor einem auserwahlten Publikum in deutscher Sprache über die Aufgaben und aktuellen Ziele des Zionismus, und besuchte dann einige der prominenteren Persönlichkeiten dieser Gruppe, um "afich privatim sie zu einem engeren Mitarbeiten aufzufordern. T)ie so selten ein frisches und autorisiertes Wort hörenden deutschsprechenden Juden in Montevideo waren daher Dr. Mibashan für seine iiineu gewidmete Aufmerksamkeit sehr dankbar. Abu-Noemi führen. Herr Gesang, hiesige Judenheit sehr oben erwähnten Keren hiesige Judenschaft Geistes-Jubiläum in New York C bristen und Juden feiern da« Jüdische Theologische Seminar Im Rahmen der Jtibiläunisvcranstaltungcn anläßlich des 50jährigen Bestehens des Jüdischen Theologischen Seminars Amerikas fand am 17. Januar die erste vom Seminar verans'altete Jahreskonferenz über allgemein-jüdische Fragen statt. Führer der großen jüdischen Verbände und Institutionen hielten Ansprachen, in denen sie die Notwendigkeit einer neuen Ausrichtung des jüdischen Lebens betonten. Der Präsident der Columbia-Universität, Dr. Nicholas M u r r a y Butler, hielt einen Vortrag über das Thema „Die kulturellen Leistungen des ludentums", der Präsident des Union Theological Seminary, Pastor Dr. C o f f i n, sprach über „Die religiösen Leistungen des Judentums". Von den jüdischen Rednern sind hervorzuheben: der Exekutive-Direktor des Joint Distribution Committee, Joseph C. Hy m an, der Generalsekretär des American Jewish Committee, Morris ü. Wald, man, der Exekutive-Direktor des Ncw-Yorker Verbandes zur Förderung der jüdisch-philanthropischen Gesellschaften, Dr. Solomon Löwen stein, der Direktor des jüdischen Wohlfahrtsausschusses, Harry L. Glucks m a n, der Präsident des Jüdischen Nationalfonds, Dr. Israel Gold stein, die Präsidentin der Hadassah, Mrs. Edward Jacobs, der Herausgeber des American Hebrew Magazine und der Encvclopcdia Judaica, Dr. lsaac L a li d m a n, der Direktor der Hochschule für jüdisch-soziale Arbeit, Dr. Morris J. K a r p f, Richter Bernard L. Shicntag, Richter Samuel I. Roseman und der Präsident der Jewish Publica.iou SoeUy of America, J. Solis- Cohen. Die Feiern anläßlich des Jubiläums des Seminars ziehen sich fast ein halbes Jahr hin. Sie begannen, wie von uns bereits gemeldet, am 17. Dezember mit einer Festversammlung, bei der Gouverneur Herbert Lehmann der Hauptredner war. Eine weitere Veranstaltung wird die Bibel-Woche vom 24. Mai bis 4. Juni sein, an der mehr als 40 hervorragende Orientalisten und Theologen teilnehmen werden. Am 15. März wird der Präsident der Harvard-Universität, Dr. James Brvant Conant, einen Vortrag im Rahmen der Feierlichkeiten" halten. Dr. Weizmanns Amerikareise Dr. Weizmann Ist am 17. Januar aus Palästina über Aegypten nach England abgereist. Er begibt sich am 23. Januar nach den Vereinigten Staaten, um an der am 6. Februar in Washington stattfindenden Landeskonferenz für Palästina-Aufbau teilzunehmen. Die Londoner Tageszeitung „Star" berichtet, daßWeizmann seine Reise von Palästina nach London durch einen kurzen Aufenthalt in Paris unterbrechen werde, um mit Ministerpräsidenten Leon Blum zusammenzutreffen. (Frankreich ist als wichtige Völkerbundsmacht und Mandatar Syriens an der Entwicklung der Palästina-Politik stark rnitinteressiert. - A. d. R.) Mandatskommission im Juni Wie seinerzeit mitgeteilt, hat die Mandatskommission des Völkerbundes in ihrer im Oktober 1936 in Genf abgehaltenen Sitzung beschlossen, unmittelbar nachdem die Britische Kgl. Kommission ihre Arbeiten über Palästina abgeschlossen haben wird, eine außerordentliche Sitzung abzuhalten, die speziell Palästina gewidmet sein soll. Wie der JTA.- Vertreter erfährt, gedenkt die Leitung der Mandatskommission die außerordentliche Palästina-Sitzung unmittelbar vor der ordentlichen Sitzung, deren Beginn für den 17. Juni d. J. in Genf angesetzt ist, abzuhalten. Ein analoger Fall war bereits nach den Unruhen 1029 zu verzeichnen, wo ebenfalls die außerordentliche Palästina-Sitzung unmittelbar der normalen Sitzung voranging. Die Leitung der Mandatskommission nimmt an, daß die Britische Mandatarmacht erst Ende Mai in der Lage sein wird, die notwendigen Materialien, vor allem den Bericht der Kgl. Kommission, zu unterbreiten. , Hauptsrhriftleiter: Dr. Robert Welt sc h, Berlin - Charlottenburg 8 (auch veraniwortlirh für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreterl Kurt Loewenstein, Berlin W 15 Anzeigenleiter und verantwortlich für den Inhalt der Anreigcn: Hermann F l n n, Berlin W 15. Gültig Anzeigen Preisliste 5 vom 1. April 1938. Verlag und Anteigenvciwahung: fü fische Rundschau. Berlin VV 15, Memekestx. 1<X D.A. Dezember 34 512. — Druck: Siegfried Scholem, Bln.-Schiincberg. m 4eu sdtulUk tttu*. Bifum 25. \mm 1937 Ufiitier -icfctmiy Vee&Ä&f B l R l I N C 2 SPANDAU!» KÖNIGS1« | |t . ,t ll »Mli v