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Jüdische Rundschau · 1937-01-22 · Heft 6 (22.1.1937) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 6 (22.1.1937)
Date
1937-01-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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25 O*1 Nr. 6 / Jahrgang 42 Preis 25 Rpf. JUDISCHE RUNDSCHAU Preis 25 Rpf. Sdiriftlultnng.Verlag „. Anzeigetrrerw-altting: Berlin W1S, Melnekaitr.10 Fernruf t Sammel - Nnmmer j 1 (Blimarck) 9031. — Bezugspreis einschlieBlich Bestellgeld i« Monat RM 2,-, je Vierteljahr RM 5,75, bei Abholung RM 1,88 biw. RM 539. — Posticheck . Konten der Vertriebs . Abteilung Berlin 715 73 (für Grofi - Berlin), Berlin 17392 (für da« übrige Reich). In Fällen höherer Gewalt besteht kein Anspruch au! Nachlieferung oder Erstattung etwa schon gezahlter BezuKSgebühren. — Erscheint Jeden DIanitag nad Freitag. BERLIN t*a"in tonty "> FREITAG, 22. JANUAR 1937 GDltlgi Anxel?eripr«.il.tU Nr. 5. Dir 12 gespaltene mm Zeile 20 Rpf., für Familien - Nachrichten 15 Rpf. Für die Aufnahme von Anzeigen in bestimmten Ausgaben oder an bestimmten Plätzen wird keine Gewahr geleistet. Gelegenheit«* anzeigt" nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9—18 Uhr. AnnnhmenchluB für di« Dienstag . Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe Mittwoch 13 Uhr, (Für Familien - Anzeigen am Tag vor Erscheinen 13 Uhr) Der Zionismus erstrebt für das Jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Vor vier Jahren und heute Von Zeit zu Zeit Rückblick zu halten, kann uns zu einer guten Lehre werden. Denn ohne Blick in die Vergangenheit — in die fernere und in die allernächste — gibt es kein Verständnis jüdischen Wesens und jüdischen Lebens. Er kann uns auch philosophisch oder melancholisch stimmen, wenn wir uns der „Vergänglichkeit alles Irdischen" bewußt werden, aber dies kann schon der Anfang eines Neuen sein, denn nichts ist so verderblich und hinderlich für die innere Entwicklung des Menschen wie Starrheit, Selbstsicherheit, Glaube an den unerschütterlichen Besitz in den sogenannten guten Zeiten. Wir gleiten oft hinüber in eine neue Welt und wissen bald nicht mehr, wie gewaltig der Umsturz war, der uns ergriffen hat. Darum müssen wir all das schon Bekannte immer wieder überdenken. Erinnern wir uns: wie war unsere Lage vor nun genau vier Jahren? Wir wollen jetzt gar nicht auf Aeußeres Iiinweisen, nicht auf die rechtliche, gesellschaftliche und kulturelle Situation der Juden Deutschlands vor vier Jahren, die sich, wie wir alle wissen, fundamental geändert hat, sondern wir denken an etwas, anderes: an die seelische Situation des einzelnen Juden jener Zeit, der zwar die Welle des Antisemitismus im Lande sah und spürte, aber doch nicht daran glauben konnte, daß diese Strömung zu konkretem Erfolg und zu realen Maßnahmen führen wird. Antisemitismus war immer eine Erscheinung, die zum jüdischen Leben gehörte, und in den letzten dreißig oder vierzig Jahren hatte man viel Energie und Scharfsinn darauf verwandt, die Unnahbarkeit der antisemitischen Thesen darzulegen. In keinem Lande noch, so tröstete man sich, war der Antisemitismus zur offiziellen Staatsdoktrin geworden, und auch autoritäre Staatssysteme, wie man sie in Deutschland heraufkommen sah, mußten — wie das Beispiel des italienischen Faschismus zeigt — keineswegs antisemitisch sein. Die Juden von damals hatten trotz allen Bedrohungen das Gefühl der Sicherheit, daß ihnen die erworbene Position nicht entzogen werden könne. Sie fühlten sich vollständig eingebettet in das deutsche Leben, und wenn Angriffe gegen Juden laut wurden — und sie wurden sehr laut —, so tröstete man sich damit, daß es auch andere Gruppen gibt, gegen die sich Angriffe richten; daraus wollte man schließen, daß die jüdische Position keineswegs eine völlige Sonderstellung war. Die Juden Deutschlands kannten damals die Judenfrage in ihrem wahren Wesen und Ernst noch nicht. Nur eine relativ kleine Gruppe wußte, daß diese Frage einer Lösung bedarf, die von den Juden selbst gesucht werden muß. Das waren Menschen, die sich eingehend mit der jüdischen Geschichte und mit der Lage der Juden in der Welt beschäftigt hatten und der bitteren Wahrheit nicht ausweichen wollten; sie sahen den aufkeimenden Konflikt und erkannten seine ganze Tragweite. Die ineisten sahen es nicht. Es ist kaum ein tieferer Sturz denkbar als der Absturz, der sich im Bewußtsein des deutschen Durchschnittsjuden von Anfang 1933 vollzog, als er mit einem Schlage durch die Bewegung, die die vollständige Macht im Reiche übernommen hatte, aus dem deutschen Leben ausgegliedert war. Die Juden hatten ihre Religion stark verwässert, manche hatten sie auch vollständig aufgegeben, sie hatten den Gedanken, daß das Judentum noch etwas anderes als Religion sei, häufig von sich abgeschüttelt, und nun mit einein Male standen sie der Tatsache gegenüber, daß der Jude objektiv, ob er nun will oder nicht, als Jude abgestempelt ist, bestimmt durch das Blut seiner Eltern und Voreltern, eingereiht durch eine magische und geheimnisvolle Macht, deren Wirken in seinem Bewußtsein (oder Unterbewußtsein) er nicht mehr gespürt hatte. Es ist lehrreich für uns, uns einmal die Ratlosigkeit zu vergegenwärtigen, in die wir damals versetzt wurden. Eine Generation, die viele äußere und inflere Erschütterungen durchgemacht hatte, die den Weltkrieg und Revolutionen erlebt hatte, stand nun vor einer noch schwereren seelischen Belastungsprobe: dem Zusammenbruch tiner Welt, die das eigene Lebenselement war, die Trennung von einem seelischen Besitz, der einem teuer war; bestrafte Liebe sozusagen, für jeden fühlenden Menschen eine schwere Erschütterung. Es war wie das Aufschrecken aus einem Traum. Der stolze „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens" von Ein Rückblick gestern war heute nur noch Jude, und er rieb sich die Augen und er begann zu fragen: Jude? Was bedeutet das? Denn, fürwahr, was bedeutete es ihm, abgesehen von der Synagoge und abgesehen von der Zahlung jährlicher Vereinsbeiträge für Wohltätigkeits- und andere Vereine! Judesein: das war eine schmale Basis, auf der man kein modernes Leben führen kann. Und überhaupt: im allgemeinen galt es ja als taktlos, zuviel darüber zu sprechen, daß man Jude war. Plötzlich war es eine Sache der Oeffentlichkeit geworden, allgemeiner Gesprächsstoff, es war eine Scheidelinie zwischen dir und deinem Nachbarn gezogen. Plötzlich verließen dich deine Freunde von gestern, manche auch bewiesen dir persönliche, menschliche Sympathie, aber auch sie in einer Stimmung des Abschieds. Der Jude stand allein in eisiger Kälte, am Rande des Abgrunds, sich und seinem Judentum gegenüber. In dieser tiefen Erschütterung erwachte in vielen das jüdische Bekenntnis und zugleich das Bewußtsein einer Schuld gegenüber dem vernachlässigten Judentum. Es war eine Erleichterung, unerschrocken j a sagen zu können, wenn man als Jude angesprochen wurde. Der Jude selbst mußte sieb aus der Tiefe, in die er gesunken war, heraufarbeiten und sich bewußt machen, daß es kein Uebel und kein Makel ist, Jude zu sein. Kein Mensch, der leben und den Kopf hoch tragen will, TttllrtllillilinMI»)......IIlliil}fimft(IIIIll>[l1l[l........lll^l»......111tllli:itl.^!iMII11illir!b|r|1lllllM<iinlf.......FIHJbtOlltMMIIIlirillMir Die Arbeit der Kgl. Kommission ist beendet Die Untersuchungskommission für Palästina hielt am 18. d. M. ihre letzten Sitzungen in Jerusalem ab. Der Vorsitzende Lord Peel hat am 19. d. M. Palästina verlassen. Die Kommission wird am 24. Januar sich von Port Said nach England einschiffen. Die Berichte über die letzten öffentlichen Sitzungen der Kommission sowie eine Stellungnahme zu den Ergebnissen der letzten Woche veröffentlichen wir auf Seite 11 der heutigen Ausgabe. _______ Einwanderungs-Gesetz in Südafrika angenommen Ministerpräsident General Hertzog: Gegen jüdische Einwanderung! Johannesburg, 18. Januar. (JTA.) Das südafrikanische Parlament hat das von der Regierung vorgelegte E in w a n de r u n g s g e se t z mit großer Mehrheit angenommen. Dagegen wurde ein von der Opposition eingebrachtes Mißtrauensvotum gegen die von der Regierung verfolgte Einwanderungspolitik abgelehnt. Vor der Abstimmung nahm der Ministerpräsident von Südafrika, General Hertzog, Gelegenheit, sich nochmals über den Zweck des Gesetzes zu Mußern. Er gab dabei zu, daß sich das Gesetz gegen eine weitere jüdische Einwanderung richte. Er sagte, die Zahl der Juden im Lande habe einen solchen Umfang erreicht, daß in großen nichtjüdischen Kreisen Befürchtungen darüber entstanden seien. Dies habe bereits dazu geführt, daß sich eine antijüdische Strömung herauszubilden begonnen habe. Sollte diese antijüdische Stimmung nicht zu ernsten Konsequenzen führen, so müsse den Befürchtungen Einhalt getan werden. General Hertzog unterstrich, daß die vorgeschlagenen Gesetzesmaßnahmen, für den Fall, daß sie in Kraft treten, kein Zeichen einer Verfolgung seien. Wie es heißt, sollen auch die jüdischen Mitglieder des Parlaments für die Regierungsvorlage gestimmt haben. (Die Erklärung des Ministerpräsidenten Hertzog steht somit in Widerspruch zu der Stellungnahme des am'ercn führenden Koalitionsmitglicdcs Minister S m u t s, die wir in der vorigen Nummer abgedruckt haben. Zugleich ist Hertzogs Rede ein interessantes Beispiel dafür, wie man den Antisemitismus dadurch bekämpft, daß man seine Ursache — die Juden — fernhält. Hier zeigt sich die wahre Natur der Judenfrage und die unumgängliche Notwendigkeit ihrer grundsätzlichen Lösung: der Schaffung einer Heimstätte, wo die Juden kraft eigenen Rechts leben und nicht auf Duldung angewiesen sind. — A. d. Red.) kann sich seiner Eltern und Voreltern schämen. Wir wurden gelehrt, was A b s t a in m u n g bedeutet und warfen den Blick zurück in die Geschichte, in die jüdische Geschichte. Sie hat uns viel zu sagen. Unmittelbar vor unserer Generation schien ein Vakuum zu sein, ein leerer Raum, — das ist die Reihe derjenigen, die sich aus der jüdischen Kontinuität loszulösen versucht haben. Dann aber wurde es dichter, und wer rückschauen wollte, erkannte die Zusammenhänge, erkannte und verstand auch die Vorgänge unserer Gegenwart. Und eine u n - a b s e h b a r e Fülle von P r o b 1 e in e n und Aufgaben türmte sich vor uns auf. Da war die Schar derjenigen, die keine Lebensinöglichkeit mehr im Lande hatte und eine neue Heimat suchen mußte; da war eine Jugend, die zum Teil kaum verstand, was um sie vorging, die noch nicht eingewurzelt war in den festen und starren Begriffen ihrer Eltern-Generation, die zu Selbstbewußtsein und Weltoffenhcit als Juden erzogen werden sollte; da waren alle die Probleme gegenseitiger Hilfe, Einstehen für die jüdische Ehre, Bildung neuer Institutionen für noch nie gekannte Zwecke, vor allem auch Lernen, geistige Orientierung bei Erwachsenen, die längst gemeint hatten, über die Zeit des Lernens hinaus zu sein. All das war zu bewältigen; und auch dieses Bittere muß in ehrlicher Rückschau erwähnt werden: Die Juden Deutschlands hatten keine Führung und keine Führer, niemand, der für sie sprach, niemand, der schnell und stolz die Initiative zu jüdischem Handeln ergriffen hätte! Drei große Helfer erstanden damals dem deutschen Juden: das eine war der jüdische Volksgedanke, der, bis dahin nur von den Zionisten erfaßt, auch nach dem Umschwung von vielen abgestritten, die einzige Plattform eines geistigen und seelischen Neuaufbaues bot. Das zweite war der Ausblick auf den Aufbau neuen jüdischen Lebens in Palästina, zwar in harter Arbeit, aber mit der Möglichkeit einer künftigen Entfaltung der brach gewordenen jüdischen Kräfte. (Leider wurde die Palästina-Hoffnung in einem Zustand der Panik von vielen, die bis dahin von Palästina nichts gewußt hatten, mißverstanden.) Das dritte war das erstarkte G e m e i n s c Ii a f t s g e f ü h I, das Bewußtsein der Solidarität und Schicksalsgemeinschaft aller Juden, unabhängig von ihren Anschauungen und Parteirichtungen, denn objektiv, durch die Tatsache des Blutes, waren sie einander zugeordnet und unter gleiche Bedingungen gestellt. Und eine brüderliche Hand streckte ihnen aus allen Ländern, wo Juden wohnen, Hilfe entgegen. Es war eine Zeit der starken Bewegung und seelischen Emotion für die Juden der ganzen Welt. Denn die Juden Deutschlands hatten schon wegen ihrer geistigen Leistungen immer eine besonders geehrte und geachtete Stellung bei den anderen Juden eingenommen. So wurde ihr Schicksal allen zum aufwühlenden Erlebnis. Und wir in Deutschland spürten etwas von einem jüdischen Erwachen, und aus aller Not schien ein heiliger Frühling — ver sacrum — aufzubrechen, ein Tag zu neuem Leben hob an, nachdem eine alte Welt zu existieren aufgehört hatte— Vier Jahre sind eine lange Zeit, und so manches veränderte sich im Aeußeren und im Innern. Die Lage der Juden in Deutschland hat sich folgerichtig entwickelt. Wir haben, nachdem der Nationalsozialismus gesiegt hatte und an den völligen Umbau des Staatswesens auf allen Gebieten heranging, uns überlegt, wie auf der Basis der vollzogenen Neuordnung die noch in Deutschland befindlichen Juden, nach dem Rassenprinzip abgesondert, aus dem politischen und kulturellen Leben vollständig und restlos ausgemerzt, sich ihre Existenz vorstellen könnten. Es schien uns damals, daß vier Gesichtspunkte für uns wichtig wären: Wahrung der jüdischen Ehre, die Berechtigung zu wirtschaftlicher Betätigung im Rahmen der bestehenden Gesetze, die Möglichkeit eines eigenen Kulturlebens, insbesondere Schulwesens, und schließlich die Durchführung einer geordneten Auswanderung. Es schwebte uns vor, daß eine panikartige Auswanderung oft ungeeigneter Elemente unbedingt verhindert werden müßte, weil

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