Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 5 (19.1.1937)
- Date
- 1937-01-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU AUS DEM REICH Nr. 5, 19. JANUAR 19.7 Uraufführung im Kulturbund Köln: „DER POJAZ"/ Das Buch Bühnenbearbeitungen von ursprünglich Erzähltem pflegen Mißtrauen Regen sich zu erwecken und sie haben dieses Vorurteil auch oft gerechtfertigt. So hat unser Berthold Auerbach sich bitterlich beklagt über die dramatische Entführung seiner „Frau Professorin", die die rüstige Theaterdirektorin und Dichterin Birch-Pfeiffer über alle mitteleuropäischen Buhnen jagte. Das empfand er mit Recht als einen Kindesraub, dem aber das damals noch mangelhafte Urheberrecht nicht beikommen konnte. Mit diesem vor über 30 Jahren erschienenen Roman handelt es sich um etwas anderes, jedenfalls nicht um die Anziehungskraft einer Novität, die noch einmal ausgebeutet werden soll. Der „Pojaz" war nicht das letzte Werk von Franzos, aber erst nach seinem Tode erschienen, nachdem er es zehn Jahre in seinem Schreibtisch aufbewahrt hatte. Der Dichter hatte diese so fertige, runde Erzählung so lange zurückgehalten, weil er sie selbst zugleich dramatisieren wollte. r> handelt sich also tun ein Vermächtnis des Erblassers selbst, nehmen. Meister I i her all: wurden Ohctto, und sei in seiner mährischen Heimat doch schon gefunden hatte. Was der Liberale Franzos oder in il! verständlich aufgetaut haben tnae, seinen Fehlurteilen über die Chassidim, soll l. r der Hüls und des i Blum ein durch letzten Willen legitimiertes Untergalt nach Leopold Kompert als der /weite (ihetfo-C leseliichteu, die in der Blütezeit des aufkamen, die nicht nur von Juden gelesen _ gelesen werden sollten. Franzos wollte das ihm Jiaibasiati-ch" schien, auslüften, ausfegen, en war scharfer als der von Kompert, der es ortert Wenk geboren, S« in s e r chte ans Urn. t Im mm .r was eines < ans t.uropa näher damals falsch besonders in hier nicht eran der österreichisch-russischen Grenze deutsch gebildeten Arztes, und schon einem Hexenkessel von N'ationalhader im zum (ii Advokaten. Was auch an ler welk geworden sein ilie sich so eine dadurch judisches zum Streiter oder hieliten uberstam mag, es gibt da mindestens zwei Stucke Art von Immergrün gewahrt haben und (mi geblieben sind. Das eine glin/end Erzählte ist „Mosehko von Parma", Lebenslauf eines jüdischen Soldaten, der als bettelnder Invalide wieiler nach 1 lause kommt, und der als Höchstes damit renommiert, daß er den Feldmarschall Radetzki im Hemd gesehen habe. Aber im Sterben findet er sich zu Nach dem Roman von Karl Emil Franzos von Georg Hirschfeld seinem Volk zurück, zu dem alten Regiment unter dem alten Chef, das, wie es sehr schön lieiftt, von allen doch die größten Strapazen getragen hat. Und das nächste im Rang ist der „P o j a z", kurzes Dasein des jungen Sender, dessen Vater schon so einer war, itnbehauster Schnorrer und Geschichtenerzähler, der auf der Landstraße umkam. Was findet der Nachdichter? Einen jungen Menschen, den der Dämon gepackt hat, und als seinen Gegenspieler das gesamte Ghetto. Da ist der eifernde Rabbi, der schon die Sünde des Deutschlernens verdammt, aber auch die liebevolle Frau Kurländer und vor allem der Lotteriehändler und Schadehen Itzig Türkischgelb, der Bräute in jeder Ausführung auf Lager hat, dazu aber ein grundgütiges Herz und einen vollen jüdischen Humor. Diese Figur auch auf der Bühne zu sehen, hat Franzos besonders verlockt. — Das enge Bühnenhaus kann die Fülle des Erzählten nicht aufnehmen. Will der Nachtlichter das Wesentliche dorthin verpflanzen, muß er das Entbehrliche liegen lassen. So nimmt er, und das mit Recht, die Szenen bei dem soldatischen Studenten und in der Klosterzelle des Mönchs nicht mit, zwei Figuren, die Franzos auch brauchte, um der Erzählung einen zeitlichen Florizont, den nach der Revolution von 1848, zu geben. Jedes Drama muß das gemächliche Nacheinander des Erzählers zu einem Gegeneinander machen, und es ist gut, wenn die Bedingungen des dramatischen Ablaufs von vornherein und gewissermaßen ringmäßig gegeben sind. So ist es zu billigen, wenn Georg Hirschfeld den schicksalhaften Theaterdirektor gleich am Anfang einführt, wie er auch am Schluß, verstärkt um die Figur von Dawison, wieder da sein muß. Franzos starb 1904 im Alter von einigen sechzig Jahren. Georg Hirschfeld ist heute ebenso alt. Das ist eine Folge von zwei Generationen. Beide Dichter könnten Vater und Sohn sein, unter wie verschiedenen Bedingungen sie auch aufgewachsen sind, an der ukrainischen Grenze oder in der Kommandantenstraße zu Berlin. Aber ein Ghetto war das schließlich auch, wenn auch ein deittschsprechendcs und ohne Mauern. Der Dichter Georg Hirschfeld mußte von literarisch angesehenen Leuten erst hinter dem Ladentisch hervorgeholt werden, um auch so eine Art Pojaz, jedenfalls etwas sehr Unregelmäßiges werden zu können. Das ist die seelische Verbindung zwischen den beiden, und dieses Sohnesverhältnis gibt dem Nachdichter auch die blutmäßige Legitimation des echten Erben. Arthur Eloesser Die Aufführung fm galizischfn Städtchen Rarnow leben eng und klein die jüdischen Menschen. Einer steht auf und will aus dieser Enge und Kleinheit hinaus. In ihm glüht una brennt es, ein Künstler zu werden. Sein Vater, der berühmte Schnorrer, ist 20 Jahre gewandert von Ort zu Ort und hat den Leuten Geschichten erzählt, bis er eines Tages im Schnee erfroren aufgefunden 2 Typen: Rabbi (1 /. /•>("' ) - Theaterdirchtor (Georg ■•hu .lohn ) wurde. Sein Sohn hat die Begabung des Erzählens geerbt. Auch ihn, den jungen Sender, den Pojaz (Bajazzo), drängt es zum Wandern. Ihn laßt die unstillbare Sehnsucht zum Lernen, der Wissensdurst nicht ruhen. Er fühlt seine Bestimmung. Die Sprache des Ghettos genügt ihm nicht mehr. Für ihn wird die Begegnung mit Nadler und seinem Theater zu einem vollen Ereignis. Seine neue Haltung wächst und wandelt sich durch die Erscheinung dieses Mannes. Leidenschaftlich gibt Sender sieh dem Gedanken hin, aus der Kleinheit der Umgebung hinauszukommen, und mit Heißhunger ohnegleichen verschlingt er die Bücher, die ihm sein Gönner schickt. Das Theaterspiel in Barnow läßt ihn nicht mehr los. Er muß fort aus der Mausefalle. Shakespeares „Kaufmann von Venedig" ist ihm zum Erlebnis geworden, die Szenen mit Shylock wühlen ihn auf. Nadler, der Theaterdirckfor, erkennt seine Begabung und will ihm helfen. Doch der Rabbi ist wie aus Stein. Deutsch lernen ist für diesen Fanatiker gleich einer Taufe. Nadler findet einen Ausweg. Im Kapuzinerkloster ist der alte Pater Marian, der soll Sender unterrichten. Bald ist der Rabbi aber von den geheimnisvollen Schritten Senders verständigt. Um jeden Preis will er den Pojaz verheiraten. Sender kämpft um seine Freiheit. Bei der Brautschau verspottet er das Mädchen und verspottet die Eltern. Unerbittlich verflucht der Rabbi den Abtrünnigen, der in das Haus der Fremden geht und Deutsch gelernt hat. Die Linie kehrt zurück, auch dem Sohn wird der Schneesturm verhängnisvoll, seine schwache Lunge verträgt die Strapazen durch die winterlichen Naturgewalten nicht. Er geht zugrunde, aber nicht wie sein Vater erfroren auf der Landstraße, sondern im Krankenhause, umhegt von den Mensehen, die an ihn und seine Sendung glauben. Mit straffer Gestaltungskraft hat Georg Hirschfeld das dramatische Problem angefaßt und den Roman von Franzos in starker Konzentrierung aus der Fülle und Weite der epischen Erzählungen in die Frage des Ghetto-Milieus gepreßt. Aus dem Urquell des jüdischen Seins, aus Qual und Sehnsucht, aus Leidenschaft und Erfüllung strömt dieses neue Bühnenwerk Leben und Energien aus. Reich und bunt, in ungezählten Spiegelungen und Schattierungen trägt es das Antlitz des jüdischen Menschen, des liebenden und hoffenden, wie des mitleidlos dogmatischen Verfechters der Gesetze. Mit unbeirrbarem Gefühl für innere Spannung stellt Hirschfcld das Schicksalhafte des Helden und seine Tragik in den Mittelpunkt und formt in seiner auch im Seelischen verwurzelten Dichtung ein allgemein Gültiges und Ueberzeitliches. Vielleicht sollte das Drama von einer jiddischen Gruppe gesprochen werden, denn es steckt eine Diskrepanz darin, wenn vom Rabbi der Fluch über den Jungen ausgesprochen wird, weil er heimlich Deutsch gelernt iiat, und wenn gleichzeitig dieser Fluch in deutscher Sprache auf uns niederprasselt. Auch dürfte durch Znsammenballurtg größerer Massenszenen die Ghetto-Stimmung zu stärkerer szenischer Entladung führen. Türkischgelb (Fink) — Sender Pojaz (Walter Herz [Hcrtner]) — Jütte (Anneliese Gellhorn) — Malke (Ruth Testersen) Foto«: Ehrlich, S6la Mit dem unerschütterlichen Glauben an seine Sendung reißt sich dieser Pojaz in der ganzen Leidenschaft eines schicksalverschränktcn Wollens in den Mittelpunkt. Dunkel und geheimnisreich in seinen Seelentiefen wird er in den stillen Augenblicken bei seiner Mutter oder bei Malke und der kleinen treuen Jütte behutsam, weich, ja mimosenhaft zart. Ihm entgegen, hart, wie ein ehernes Gesetz, steht der Rabbi da, unerbittlich und von einer Kraßheit, die abstößt. Als Gegenspieler führt der immer schalkhafte Türkischgelb in die sonnige, humorvolle Atmosphäre. Eine Prachtfigur, dieser Schadchen und Losverkäufer, der Sender Hegt und alle Menschen glücklich machen will, und dieser Türkischgelb, dem ja Franzos seine ganze Liebe gegeben, ist auch von dem Dramatiker Hirschfeld, obgleich eng an die ursprüngliche Gestalt gelehnt, mit köstlichen Zügen ausgestattet worden. Wenn er auftritt, ist der Saal erfüllt mit Behagen und Freude. Weich, und immer bereit, ihren Jungen zu verteidigen, ist die Mutter. Ausgezeichnet als Typ ist ferner der Theaterdirektor Nadler. Nicht immer gelang es dem Dramatiker, die geistige Linie zu halten und Wandlungen zu gestalten. Vergröberungen lassen manche sinnvollen Feinheiten des Romans, wie die Szenen mit der Malke und selbst die der kleinen Jütte oder die derber aufgefaßte Stelle bei der Gewinnung des Loses verschwinden. Aber trotzdem war die unmittelbare Wirkung auf das Publikum stark und rein, und der Ausklang des Dramas klang erschütternd auf. Die Aufführung ist im Geiste und in der darstellerischen und rhetorischen Struktur mit äußerster Disziplin gezügelt. Ben Spanier reißt mit Sinn für Groteske und Stimmung die Szenen zusammen und stellt in den Horizont des Allmenschlichen die Enge des Ghettos und die Sehnsucht zu künstlerischer Freiheit als Elemente des Dramas. Er spürt das Blut und den Atem und die Phantastik, die aus dem Alltäglichen quillt. Neben den geistigen Werten, der Steigerung ins Symbolhafte, in das Menschlich-Unentrinnbare, greift er in den grellen Akzenten zu Farbe und Kraft und einem beschwingten Tempo. In starker Gespanntheit und Straffung gibt Waith er Herz (Hertner) den Sender. Es ist Vision in ihm, Glaube und Erkenntnis. Zwischen den Worten und Dingen enthüllt sich ein Künstlerschicksal. Dieser Pojaz packt mit der Glut und der Wahrheit seines Menschen- und Künstlertums. Aus den Erlebnistiefen der Seele bricht Ausdruck und Spiel hervor. Hier wird das Geistige transparent. Besonders in den geheimsten Schwingungen zu Malke, wie zu seiner Mutter, springen ein paar feine Momente auf. Nur in der Wiedergabe der Hamlet-Szene vor dem Direktor und dem berühmten Schauspieler Dawison ist er zu reif, zu gebändigt und diszipliniert. Hier hätte ein jiddischer Anklang in Sprache oder im Ton das Intuitive des angehenden Künstlers glaubhafter gemacht. Ueber alles Lob erhaben der Türkischgelb von Alfons Fink, voll Saft und Humor und mit Augenblicken tiefster Menschlichkeit ausgefüllt. Spontan galt ihm mehrmals Beifall bei offener Szene. Jenny Borec (Marba) bringt die Mutter mit verhaltenem Weh, voll Güte und Besorgnis und mit einem Unteitou mütterlichen Stolzes. Ein Gewinn ist die kleine Anneliese Gellhorn — eine Schülerin der Ilka Grüning — als Jütte, bezaubernd in ihrer Anmut und Frische, in ihrer klaren Einfachheit und Beschwingtheit. Fraenkei (Froon) als Rabbi gibt Ausdruck, nicht nur Maske, und füllt geistig die Kontur dieses Fanatikers, wenngleich ich mir den Rabbi größer und eherner gedacht hatte. Auch zwischen den Linien schattiert Georg Jakobson (John) die Rolle des Theaterdirektors mit großem Zug und unfehlbarer Sicherheit. Willy Busch hoff charakterisiert trefflich den Schauspieler Dawison. In Episodenrollen bewähren sich: Ruth Festersen (Malke), Hugo Schuster, Julius R u t k o w s k i, Hans Tobar und Emmy Samuel (Merkel). Egon Marcus hat eine strenge, nur aus Sperrholzbrettern bestehende Relief-Bühne geschaffen, die schnelle Verwandlun- 1 FRANKFURT a. M. m. Blumenreich Stettin, Br. 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