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Jüdische Rundschau · 1937-01-19 · Heft 5 (19.1.1937) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 5 (19.1.1937)
Date
1937-01-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sefta 4 JODISCHE RUNDSCHAL Nr. 5, 19.1.1937 Zwei Bibliotheken Liebcrmann-Ausstellung in Wien Von unserem Berichterstatter J. R., Wien, 17. Januar Dem Gedächtnis Max Liebermanns ist eine überaus reichhaltige Kollektivausstellung seiner Werke in der Neuen Galerie in Wien gewidmet. Ein ganzer Waggon mit Gemälden und Zeichnungen wurde zu diesem Zwecke aus Berlin, aus Privatbesitz, aber auch aus dem „Jüdischen Museum" herbeigeschafft; überdies wurden aus anderen Landern, so aus der Schweiz, Holland teils aber auch aus Wien selbst Werke des Malers den Veranstaltern dieser Ausstellung zur Verfügung gestellt, so dali sich diese als eine der umfassendsten und vollständigsten Licbermann-Ausstellungen, die es je in Wien und anderswo gegeben hat, präsentiert. In Wien fand die letzte Liebertnann-Ausstellting vor acht Jahren im Künstlerhaus statt. Die jetzige Liebermann-Schatt, die gestern eröffnet wurde, ist von europäischer Bedeutung. Schon räumlich mußte diese Ausstellung, die einen Querschnitt durch das Gesamtschaüen Liebermanns vermittelt, in zwei Abteilungen geteilt werden. In drei großen Sälen der Ausstellung in der Lothringer Straße sind vornehmlich die repräsentativen Ölgemälde des Meisters untergebracht. Man sieht hier in einer übersichtlichen Anordnung Werke aus den verschiedensten Schaffensperioden des Künstlers. In der zweiten, fünf Säle unpassenden Abteilung, finden wir sehr viele Graphiken, Studien zu ausgeführten Entwürfen und wieder Landschaftsbilder und Gartenskizzen, Studien mit weißer und schwarzer Kreide auf Tonpapier. Line Kollektion der berühmtesten Radierungen des Künstlers bereichert die Ausstellung. * Im Rahmen des Festspielzyklus des Josefstädter Theaters gelangt demnächst O r i 11 p a r i e r s „D ie Jüdin von Toledo" in einer dramaturgischen Bearbeitung und Neuinszenierung durch Hofrat 1 -rnst Lothar zur Aufführung. Die Proben zu diesem Stü k beginnen bereits in diesen Tagen. Auch die Besitzung ist bereits bekannt. Den König wird Ernst Deutsch .spielen, Rachel wird von Kilty Stengel verkörpert werden, Ludwig Stösscl gibt den Vater Isaak, Margarethe W i t z m a n n die Esther. Die „Jüdin von Toledo" ist schon seit langem nicht mehr im Spielplan der Wiener Theater erschienen. Das ürillparzcrsche Stück wurde seinerzeit mit Josef Kai nz am Burgtheater und später mit Alexander M o i s s i am Deutschen Volkstheater aufgeführt. * Anläßlich des 4djährigen Buliiicrijubil tutns der Burgtheater- Schauspielerin Lotte Med eis ky fand im Burgtheatcr eine Frstaufführung der Diebskom xlie „Der Biberpelz" von Gerhart Ha int mann in einer Neuinszenierung von Friedrich Rosenthal statt. Die Presse hebt die interessante Gestaltung des Stückes durch den Regisseur hervor. Jüdisches in Brasilien In Säo Paulo wurde, wie uns von dort geschrieben wird, in diesen Tagen eine jüdische Religionsvereinigung, die Congrcgacäo Israelita Paulista (Israelitische Religionsvereinigung für Säo Paulo) gegrimdet. Diese Vereinigung ist eine Rcligionsgcmcinde; ihr gehören im wesentlichen mittel- und westeuropäische Juden an. Sic soll ein religiöser und geistiger Mittelpunkt insbesondere für diejenigen Juden werden, die im Laufe der letzten Jahre ans Deutschland und aus anderen Staaten eingewandert sind. Die neue Gemeindeverwaltung setzt sich im wesentlichen aus Kräften zusammen, welche schon seit Jahren hier ansässig sind. In ihr befinden sich jedoch auch Herren, die sich vor noch nicht langer Zeit in Säo Paulo niederließen, deren langjähriges Wirken auf jüdischem Gebiet andererseits feststand. Die neue Gemeinde setzt sich neben religiösen Aufgaben — wie Abhaltung von Gottesdiensten, Erteilung von Religionsunterricht für die Kinder und Erziehung der Kinder zu bewußt jüdischer Auffassung, sowie Wahrung jüdischen Brauhtums — zum Ziel, auch den kulturellen Bedürfnissen ihrer Mitgieder durch Abhaltung von Vorträgen, Schaffung einer Bibliothek und in anderer Weise /u dienen. Auch für körperliche Ertüchtigung und Pflege der Geselligkeit soll gesorgt werden. Eine dtr Hauptaufgaben wird das Wohlt'-amt verrichten müssen, um Kranken und Schwachen zu helfen, aber auch um Neueinwanderer umzuschichten und neuen Berufen zuzuführen. Die Frankfurter Judaica-Sammlung Wie kürzlich gemeldet (vgl. „Jüd. Rundschau" Nr. 93 vom 20. 11. 36), hat die Stadtverwaltung von Frankfurt a. M. das an sie gestellte Ansinnen, die Jtidaica-Sammlung der Frankfurter Stadtbibliothek an das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland in München zu verkaufen oder ihr als Leihgabe zu überlassen, abgelehnt. Die Judaica- und Hcbraica-Sammlung der Frankfurter Stadtbibliothek gehört zu dem Umfangreichsten und Wertvollsten ihrer Art; sie ist wahrscheinlich die zweitgrößte der Welt. Ihre Entwicklungsgeschichte bietet zahlreiche Beispiele des Onfersinns vieler namhafter jüdischer Bürger aus Frankfurt. Die oricntalistischen, grammatischen Schriften und zahlreiche Bibelausgaben des 17(14 verstorbenen Sprachforschers Hiob Ludolf bildeten den Grundstock der Sammlung; 1822 kamen viele andere hebräische Bücher, Ausgaben der Mischna, des Talmud, Gebetsammlungen u. a. hinzu. Die weiteren Bestände der Sammlung entstanden dann durch Spenden jüdischer Gelehrter und Frankfurter Philanthropen. 1861 erhielt die Stadtbibliothek ans dem Nachlaß des Lehrers am Philanthropin, Dr. Isaak Markus Jost, wertvolle Schriften zur jüdischen Literatur und Geschichte, zur Geschichte der Judenemanzipation und zur Reform des Judentums. lustizrat Dr. S. F u I d stiftete 1867 viele Werke der rabbiniscfien und talmudischen Literatur. Die Israelitische Gemeinde Frankfurt. Heinrich Emden und andere ermöglichten 1892 der .Stadtbibliothek durch namhafte Zuwendungen den Ankauf der Bibliothek des 1891 verstorbenen gelehrten Frankfurter Rabbiners Dr. Nehetnias B r ü 11, die eine sehr große Anzahl seltener und wertvoller jüdisch-deutscher Schriften und Werke aus allen Wissensgebieten der hebräischen und jüdischen Literatur enthielt. Nun ging man an einen systematischen Ausbau. Aus dem laufenden Bibliotheksetat konnten ständig Anschaffungen von neueren Werken und älteren Drucken ermöglicht werden. 1899 wurde auf Anregung von Rabbiner Dr. M. Horovitz mit großen Mitteln, die von Herrn und Frau Baron Wilhelm Carl von Rothschild, W. Bonn, Ed. Cohen, Charles L. Hallgarten, Georg Speyer und Theodor Stern zur Verfügung gestellt wurden, die Bibliothek des jüdischen Gelehrten Dr. A. Berliner erworben, die außer vielen Seltenheiten vor allem eine einzigartige Kollektion hebräischer Gebetbücher aller Zeiten, aller Länder und Städte mit ihren verschiedenen Riten enthielt. Dr. Horovitz verschaffte der Bibliothek weiter im Jahre 1899 mit Unterstützung mehrerer Gönner eine größere Sammlung interessanter Fragmente aus der Genisa der Esra- und der Knräersynagoge bei Kairo, Leopold Sonne mann, der Gründer der ..Frankfurter Zeitung", stiftete seltene Schriften über den Bücherstreit Pfefferkorn-Reuehlin aus der Flugschrifteiisamuthing Gustav Freytags, und der bekannte Frankfurter Philanthrop Charles L. Hall garten legte durch Stiftungen den Grundstock zu der umfassenden Sammlung von synagogalcr Musikliteratur und ermöglichte den Erwerb sämtlicher im Verlag J. Kauffmann erschienenen Musikalien. Die größte eschlossene Sammlung erhielt die Stadtbibliotliek weiter urch die Bibliothek von Abraham Merzbacher, die fast nur hebräische Handschriften und Druckwerke umfaßte. 1001 erlaubte Freifrau Mathilde von Rothschild der Stadtbibliothek, aus der Bibliothek ihres verstorbenen Gemahls Wilhelm Carl von Rothschild alle zur Vervollständigung der Bestände geeigneten Werke auszusuchen, und das Ergebnis dieser Auswahl waren 23 teilweise auf Pergament gedruckte Inkunabeln und eine große Kollektion von Werken aus allen Fächern der Hebraistik, Bibclausgabcu, Ritualien, jüdisch-deutsche Schriften, Anonymi und Autoren, darunter viele Zimelien, alles in selten schönen Exemplaren. Die Oeffentlichkeit erhielt im Jahre 1902 einen kleinen Begriff von dem Reichtum und der Bedeutung der bis dahin geschaffenen Sammlung durch eine A tt s s t e 11 ti n g hebräischer Druckwerke, die von der Stadtbibliothek aus Anlaß der damals in Frankfurt zusammengetretenen Generalversammlung des Rabbinerverbandes in Deutschland veranstaltet wurde, um den vielen damals hier weilenden Fachautoritäten die Ergebnisse langjähriger und planmäßiger Sammeltätigkeit vorzuführen. Die Ausstellung hatte allerdings ausschließlich typographischen Charakter, d. h. sie bot eine erschöpfende uebersicht über die Entwicklung des hebräischen Buches von seiner Wiege in Italien bis zu seinen Ausläufern im Orient —- für das 19. Jahrhundert mit größter Beschränkung. Die letzten Jahrzehnte brachten natürlich ständig einen weiteren Ausbau und eine regelmäßige Bereicherving des Buchbestandes durch die Publikationen der Kabbinerseminare, die Bestände vieler öffentlicher Bibliotheken in Europa und Amerika im Austausch, vor allem aber durch viele Zuwendungen jüdischer Gönner und Freunde der Stadtbibliothek und Förderer jüdischer Wissenschaft und Bildung; unter diesen Namen finden wir auch sehr oft den der Frau Baronin Edmond de Rothschild in Paris genannt. Eine Würdigung der Judaica- und Hebraica-Sammlung der Stadtbibliothek wäre aber Stückwerk, wollten wir nicht auch der großen Verdienste von Prof. Aron F r e i m a n n, des Mitgliedes des Frankfurter Gemeindevorstandes, gedenken, den wir schon in einem Nachschlagewerk aus dem Jahre 1900 als den „Chef des hebräischen Departements" der Stadtbibliothek verzeichnet finden und der seit dem Jahre 1897 bis 1933 als ihr Leiter das meiste zu der wissenschaftlichen Bedeutung der Sammlung nicht nur durch sein Wirken als Bibliothekar, sondern auch durch seine Forschertätigkeit beigetragen hat. Leo Weiß „Bibliotheca Simonseniana" Der im Jahre 1931 verstorbene Oberrabbiner von Dänemark, Prof. David S i rn o n s e n, hat durch sein Vermächtnis seine ganze in öOjahriger unermüdlicher Sammelarbeit entstandene Bibliothek der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen überlassen, wo sie unter dem Namen „Bibliotheca Simonseniana" eine besondere Abteilung bildet. In dem soeben erschienenen Dez.emberheft der Zeitschrift „Jodisk Familieblad" gibt der Verwalter dieser Abteilung, Dr. phil. Rafael Edelmann, eine Uebersicht über den Reichtum dieses hervorragenden Bücherschatzes. Die Bibliothek umfaßte schon bei der Liebergabe fast 100 000 Bände. Seitdem wird sie dauernd aus den Mitteln der Kgl. Bibliothek und durch, private Zuwendungen vervollständigt. In mancher Hinsicht übertrifft sie die reichsten jüdischen Büchersammlungen der Welt, wie diejenigen der Frankfurter Stadtbibliothek, des British Museum usw. Die Bibliothek zerfällt in eine Hebraica- und eine Ju« d a i c a - A b t e i 1 u n g. In der Hebraica befinden sich Hunderte hebräischer Bibtlausgaben mit und ohne Kommentaren, Bibelübersetzungen fast in allen Sprachen, Midrasch-Ausgaben, kabbalistische und chassidische Literatur, religionsphilosophische und ethische Werke, Talmud-Ausgaben und Kommentare, halachische Sammlungen, medizinische, mathematische, astronomische und sonstige wissenschaftliche Bücher in Hebräisch, eine große Sammlung der hebräischen schönen Literatur von deren Beginn bis auf unsere Tage, Volksliteratur usw. Großen Wert hat eine Spezialsammlung von halachischen Responsen („Schccloth u-Teschuboth") mit über 700 Nummern (eine so große Anzahl Responsen befindet sich an keiner anderen Stelle der Welt), außerdem 11 Inkunabel (Bücher, vor 1500 gedruckt), darunter zwei in nur einzig in der Welt vorhandenen Exemplaren. Von 150 hebräischen Handschriften ist besonders wertvoll die berühmte Handschrift der Responsen von Maimonides und seinem Sohne in Hebräisch und Arabisch, die im Jahre 1210, also erst 36 Jahre nach dem Tode Maimonides, geschrieben wurden. Zwischen der umfangreichen Sammlung von Büchern in Jiddisch ist eine Ausgabe von Gebete-Uebersetz.ungen, Krakau 1751, eines der ältesten jiddisch gedruckten Bücher, besonders bemerkenswert. Hunderte Werke in Arabisch, verschiedene Werke in Persisch, Persisch-Jüdisch, Arabisch-Jüdisch, sowie karäische Literatur beschließen die Hebraica-Abteilung. Es gibt keinen Zweig der jüdischen Wissenschaften, welcher in der Sammlung nicht mehr oder weniger vollständig repräsentiert ist, von der theologischen Literatur und jüdischen Geschichte angefangen bis zur antisemitischen Literatur, Schriften aller jüdischen Parteirichtungen, Berichte von philanthropischen und sonstigen Gesellschaften, schöne Literatur, Zeitschriften- Komplexe usw. 5 Leo Hirsch: Joseph wird nicht verkauft (Schluß) Als Fräulein Sclma gegangen ist, holt die Mutter Schüssel, Wasser, Seile und Lappen aus dtr Küche, wäscht mich behutsam, trocknet mich ab, richtet mir das Bett, mißt mein Fieber, öl inet das Fenster, räum! die Stube ruseh auf und sagt dann, zumal mein Fieber gesunken zu sein scheint: „Heute Wullen wir mal ein bißchen beten und Kaffee trinken.'1 .Sie zieht mir das Alba knnfot üln>r, holt mein Gebetbuch und spricht mir vor: „Mode an; •—" Aber du ich nicht mitsprach, erließ sie es mir und ging hinunter, um für mein Frühstück zu sorgen. Die Petroleumlampe war ausgelöscht, die frische Luft hatte den letzten Dunst vertrieben, das Zimmer war voller Tageslicht, ich hörte, wie die Mutter die Korridortür schloß, wie sie die Treppe hinuntcreilte, es war Zeit, daß meine jüngeren Geschwister anlstaiiden, obwohl heule keine Schule mehr gehalten wurde, die Mutier sagte dem (Jroßvnter, der nun wohl zum Beten ging, guten Morgen, die fünfte Stufe von oben knarrte, und nach einigen Minuten kam Fräulein Selma mit meinem Vater wieder. Sie duftete erfrischend nach kralliger Seife, trug ein Morgenrot auf jeder Wange, war hübsch und jung und frisch wie nur je und nickte mir bedeutungsvoll zu, als wenn sie ein wunderbares Geheimnis mit mir teilte. Sie schob Großmutter» Nähtischchen an mein Bett, breitete eine Decke darüber und trug ein Frühstück für zwei Personen auf, bis auf den Knffec, den sie spater bringen sollte. Der Vater legte Tnllit und Tfillin, die er mitgebracht hatte, was mich sehr erstaunte, auf einen Stuhl, setzte sich zu mir, legte mir die Hand auf die Stirnc und sagte dann: „Nun wcillen wir mal versuchen zu beten." Leise sprach er mir's vor, Wort für Wort, und verwundert, wie wenn ich einen Fremden beobachtete, merkte ich, wie meine Lippen sich bewegten, wie leise, doch hörbar Und deutlich Wort für Wort aus meinem Mundo kam: „Mode ani — ich danke dir, König, lebender und bestfindiger, daß du erneuerst hast in mir meine Seele in deiner großen (inade und Treue . . ." Der Vater tat aber so, als wenn es gar kein Wunder wäre, daß ich es fertig brachte xu beten, sondern nahm ohne ein weiteres Wort den Tnllit um, verhüllte erst das Gesicht damit, breitete ihn dann Ober Schultern, Rücken und A*me, entblößte den linken Arm, legte die Arm-Tfillin an, dann die Kopf-Tfillin und begann das ausführliche Morgengebet. Er war nach Osten gewendet wie vor wenigen Stunden FrSulcia Sclma, aber in seinem Blick war nichts von Beschwörung, sondern die innigste, heitere Zuversicht, und in seiner Haltung nicht» Starres, sondern er regte sich, beulte sieh, richtete sieh auf, berührte mit den Fingerspitzen die Tfillin, mit den Lippen die Fingerspitzen, hielt das Gebetbuch in der Linken, blätterte mit der Rechten die «Seiten um, schlug sieh an die Brust, trat ein paar Schritte zurück, ein paar Schritte vor, neigte und wiegte sich, indes die Lippen flüsterten, summten, murmelten, einen Vera lauter hervorhoben, ein Abschnittende mit melodiösem Akkord verschnörkelten und einen Absatz stumm beteten. Und endlich wieder still vor sich hinsummend nahm er die Tfillin ob und legte den Tallit zusammen, tat jedes in sein besticktes, blausamlencs Siickchen und sagte: „So, mein Junge, nun wollen wir frühstücken." Wie wenn sie hinter der Tür auf diesen Augenblick gewartet hatte, trat Fräulein Selma mit dem Kaffee ein, aber als sie einschünken wollte, nickte der Vater ihr nur zu, sie ging wieder, und er tat es selbst. Nun hatte ich meinen Vater nie anders als gut, umsichtig, wohlwollend und zuvorkommend gesehen, halte ihn auch nie anders als heute beten sehen und hören, aber daß er nun allein mit mir Kaffee trank, mit Appetit und hoitorer Ruhe aß, mir wie selbstverständlich zu essen und zu trinken gab, so daß ich seit Tagen zum erstenmal wie selbstverständlich nß und trank, daß er überhaupt an einem solchen Tage, an einem Wochentage, während unten das Geschäft, das Haus, die Not, die Sorge, ob wir noch am gleichen Tisch Mittag essen könnten, ihn ganz und gar erforderte, daß er an diesem gewiß bedrohtesten Tage unseres ganzen Lebens überhaupt Zeit fand, so lange und so heiter bei mir, dem Kind, dem Nichts, zu frühstücken, das war ein Wunder. Und doch zeigte ©r sich nicht im mindesten nervös, bis Teller und Kannen leer waren, sprach laut für mich mit das Tischgebet so breit und singend wie am Schabbat, schob den Tisch von meinem Bett fort und ging mit den Worten: „Nun mußt du bald gesund werden." Ich war überzeugt, sehr bald gesund zu sein; wenn mein Vater etwas sagte und so sagte, konnte nicht« anderes möglich sein. Als ich wieder allein war, fingen die Unterhaltungen der Nachbarn auf der Straße, diu zu mir hernufdrangen, mir Spaß 7,u machen an. Der Färber gegenüber unserm Ifauso und der Friseur nebenan öffneten ihre Lüden wie jeden Morgen, und der Inhaber dos Schrcitnvfu-enhandcJs links von uns bot ihnen eine Wette an, daß die Russen heute abend weit hinter Kaiisch geflohen sein würden. Der Färber krächzte, es werde leider nichts so heiß gegessen wie gekocht, und der Friseur schrie: „Wozu machst« dann erst dein Kra;:i auf?" Der Seh'*-i!.'\-aranMi-dler mit dem halbverschluckten Kinn, das ich als desto größeren Adamsapfel ein wenig tiefer wieder förmlich hervortreten sah', wiederholte sein Wettangebot, aber im Nu wurde er von leiser, immer näher kommender, immer lauter werdender Musik übertönt, Pferdchufen trappelten, Pauken und Trompeten erschollen fast wie am Sonntag beim Platzkonzert, wenn des Mittags alle jungen Leute unseres Städtchens am Markt auf den „Bummel" gingen, jetzt kam die Kapelle an unserm Haus vorbei, ich horchte und konnte nicht glauben und mußte glauben, daß sie umgekehrt wie gestern nach Osten, den Russen entgegen oder ihnen nach zogen, Kavallerie folgte, es trappelte wie gestern, mindestens ein ganzes Kavallerieregiment, danach Trommler und Pfeifer, Infanterie, die Hauswändc begannen zu zittern, als wollten sie gleich auf und davon und mit marschieren, und bald dröhnten die Häuser, aber nicht mehr wie unfcsl gewordene Ambosse, sondern wie arbeitende, stetige, schlagende Eisenhämmer, schwere Geschütze donnerten über unser Kopfstcinpflaster. Dann steht meine Mutter wieder an meinem Bett und sieht mich un. Aber als meine Augen ihrem Blick begegnen, wendet sie sich rasch ab, bückt sich, nimmt meine Schuhe, die unter dem Stuhl stehen, und trägt sie in die Küche, bringt einen Bügel und hängt sorgfältig den Anzug darauf, den sie vom Stuhl nimmt, und sagt: ..So, mein Junge, das Portemonnaie, das ich dir in die linke Hosenlasche getan habe, bleibt darin, und wenn du gesund bist, kannst du dir für daß ganze Geld meinetwegen sogar zehn Pfund Pfefferminzplätzchen kaufen." Gegen zehn Uhr ist die Großmutter wieder zurück. Ihr Zug hat nach sieben oder acht Stationen wegen neuerlicher Truppenverschiebungen nicht weiter können, sie hat die Nacht im Kupee verbringen müssen, und am Morgen war überraschend der lakonische Befehl zur Rückfahrt gekommen. Mit Verwunderung sieht sie mich in ihrem Bett, erklärt aber, was mich dummen Bcngcl nur schadenfroh macht, vorerst werde nun sie auf dem Strohsack schlafen, ich! sollte nur gesund werden. Ununterbrochen ziehen unten die deutschen Truppen vorüber, ich bin wieder neugierig, ob einer von meinen Onkeln dabei ist, und die Großmuttor hat sich kaum gewaschen und in der Küche umgezogen, als sie hinuntergeht, um all den Vielbeschäftigten ihre Abenteuer von unterwegs zu erzählen. Der Vater kommt mit dem alten Dr. Orzegow, der mich untersucht und mir den Puls fühlt und vor sich hinbrummt: „Na, ich hoffe, wir kriegen den Lümmel durch." Und Fräulein Sclma, die unbemerkt hinter der Glastür gestanden hat, vergißt sich und ruft laut: „Er kommt durch, er kommt —" Da ertappt sie sich und lauft rasch fort, mit ganz roten Wangen. ________

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