Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 4 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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S*.t« 14 •OD!SCHS RUNDSrHAU Nr. 4, 15.11937 Palästinensische Justiz Aus dem religiösen Leben in Kirjath Bialik Kirjath Bialik, die Vorortssicdlung in der Nähe von Haifa, In der der überwiegende Teil der Bevölkerung aus Einwanderern aus Deutschland besteht, ist am Ende des ersten rößeren Abschnittes ihrer Geschichte. Neben und außerhalb er Tätigkeit der Kooperative ist durch einzelne Einwohner der Schechnnah etwas geschaffen worden, was charakteristisch für den aus Deutschland kommenden Teil des Jischuw ist. Die Alijah enthält einen erheblichen Prozentsatz Menschen, die religiöse Bindungen haben. Das Bedürfnis, ein Beth Haknesseth zu besuchen, ist bei den Olim aus Deutschland auch nicht orthodoxer Richtung öfter anzutreffen als bei anderen Teilen des Jischuw. Aus primitivsten Anfängen wurde eine Betgelegenheit geschaffen und bald gründete sich eine freiwillige Vereinigung, deren Mitglieder monatlich ihren Beitrag von 5 Piastern (ein Schilling) entrichten und die Verantwortung für die Ausgestaltung des Gottesdienstes tragen. Zog man in Betracht, daß arn Schabbat-Gottesdienst sich zirka 70 Menschen beteiligen und 500 bis 600 Menschen in Kirjath Bialik wohnen, so ging man nicht fehl in der Annahme, daß man für Rosch Hasehanah und lom Kippur einen Raum für mindestens 200 Sitzplätze vorzusehen haben würde. Aus finanziellen Gründen kam der Bau eines Hauses nicht in Betracht. Die Lösung lies Problems fand sich knapp zwei Wochen vor Rosch Hasehanah: ein offenes Zelt mit Raum für ca. 200 Sitzplätze. Wenige Tage vor dein Feste wurde das Holzgerüst errichtet und auf der Ost- und Südseite sowie oben gegen die Sonne mit Jute bekleidet. Ein Mitglied der Beter-Vereinigung richtete die elektrische Lichtanlage ein. Dieser Versuch, einen Gottesdienst quasi im Freien abzuhalten, ist in vollem Umfange geglückt. Die Andacht war würdig und mustergültig geordnet und wirkte in ihrer Art anziehend. Auch aus dm benachbarten Siedlungen fanden sich Beter ein. Am zweiten läge Rosch Hasehanah und am Jörn Kippur vor Neilah hielt Dr. U e k o, der Madrieh des Kinderheims „Ahawah", Ansprachen in hebräischer und deutscher Sprache. Die Teilnehmer des lloitesdieustes stammen aus allen Berufsklasseu und Altersstufen. Die Beteiligung der Jugend hat die Einführung des (iemeinsehaftsgesanges während des Gottcsdien-ies ermöglicht, ein nicht zu unterschätzendes Werbe- und Bindemittel in Erez. Jisrael. Die gottesdienstlichen Veranstaltungen in dem offenen Zelt fanden einen würdigen Abschluß an Ssimchath Thorah. Der Vorabend war ganz den Kindern gewidmet. Mehr als 300 Menschen und eine riesige Kinderschar hatten sich eingefunden, die auch den Platz rings um das Beth Haknesseth füllten. Zwischen den „Umzügen*' tanzte eine Gruppe junger Mädel Horrah; nach dem letzten Umzüge sangen alle die Hatikwah. Die wechselnde Jahreszeit nötigte den Beterkreis, den Gottesdienst während der Wintermonate in den ursprünglich benutzten Holz-Zrif zurückzuverlegcn. Wenn man auch im Sommer wieder in das offene Zelt wird umziehen können, so ist doch der Gedanke au die Errichtung eines würdigen Bauwerkes nicht eingeschlafen. Die Generalversammlung der Agudath Beth Haknesseth beschloß, mit einem Aufrufe zur Aufbringung der nötigen Geldmittel an die Oeffentlichkeit heranzutreten, die die Durchführung des Baues in absehbarer Zeit ermöglichen sollen. Der Agudath Beth Haknesseth wäre ferner an Ssiphrc Thorah mit Bekleidung, Mcgilloth Esther, sowie an Vorhängen und Decken für den Aron Hakodesch und dem Vorbeterpult, von Metalltäfclehen für Verteilung der Alioth usw. gelegen, die sicherlich in einer Reihe kleiner, in Auflösung befindlicher Gemeinden erübrigt werden können. Der Verfasser bittet, sich dieserhalb mit ihm in Verbindung zu setzen. (Anschrift: Kirjath Bialik bei Eiaifa.) Dr. Fritz Foerder Chewra Ahawns Thora. Vor zwei Jahren wurde m Haifa von Einwanderern aus Deutschland, den Herren Gutmann, Dr. Keßler und Dr. Grünvvalil. eine „Chewra Ahawas Thora" gegründet, die, auf orthdoxer Grundlage beruhend, mit 30 Mitgliedern ihre Tätigkeit begann und heute 250 Mitglieder zählt. Sie besitzt ein Bethaus in der Taborstraße, in dem regelmäßiger Gottesdienst morgens und abends abgehalten wird. Die Räume mit 300 Herren- und 100 Damenplätzen erweisen sich bereits als zu klein. Im Bethaus finden am Schahhat außerdem Vorträge in hebräischer und deutscher Sprache statt. Die Chewra stellt in Trauerfallen Minjan im Trauerhaus, unterstützt in Not geratene Mitglieder, erfüllt die Mi/wa „Biz/tir Cholim" und beteiligt sich an der Speisung von Schulkindern und ähnlichen Institutionen. Zu Ehren von San.-Rat Dr. Wallach schuf der Vorstand des Allgemeinen jüdischen Krankenhauses Schaarö Zedek zu Jerusalem anlaßlich des 70. Geburtstages einen „Dr. Wallach- Fonds" zugunsten des Krankenhauses Sehaare Zedek Jerusalem. Aus Tel-Awiw wird uns geschrieben: Im „Dawar** befaßt sieh A. Gorali mit den Gerichtsurteilen, die in letzter Zeit in Prozessen im Zusammenhang mit den Unruhen gefällt wurden, und die zu lebhafter Kritik Anlaß gegeben Haben: Besonders kritisch hat die jüdische Oeffentlichkeit das Vorgehen der Staatsanwaltschaft betrachtet, das geeignet war, die Verfolgung des Rechtsbrechers unwirksam zu machen. Der Rekord unwirksamen Vorgehens war das Verhalten der Staatsanwaltschaft in dem Prozeß gegen die Mitglieder der Bande des Scheichs Alaksam, die ihre Tätigkeit einige Monate vor den Unruhen begann. Entgegen dem Oesetz stimmte die Anklagebehörde während des Prozesses der Aenderung des Strafgesetzparagraphen der Anklageschrift zu. Eine solche Aenderung hätte einen Gerichtsbeschluß erfordert. Noch schlimmer aber als das Fehlen jedes Rechtsgrundes für die Aenderung des Paragraphen ist das Fehlen jedes Grundes nach dem Tatbestand der kriminellen Handlungen. Der Tatbestand des vorbedachten Mordes war durch umfangreiche Untersuchungen und durch zwanzig Zeugen erhärtet worden, trotzdem stimmte die Staatsanwaltschaft dem Vorschlage der Verteidigung, den Paragraphen zu ändern, zu. Kann ein Vorschlag der Verteidigung mehr Gewicht haben als der Tatbestand selbst? Zudem verzichtete die Staatsanwaltschaft noch auf die Verfolgung zweier Angeklagter, die nach dem Stande der Untersuchung als überführt gelten mußten. In dem folgenden Prozeß gegen die Mitglieder der Bande wurde ebenfalls die Anklage von „Komplott zum Mord" zu „Komplott zum Aufstand ohne kriminelle Absichten" geändert und entsprechend das Urteil gefällt. Und das egen Menschen, die sich schwer bewaffnet in die Berge cgeben haben! Die Anklagebehörde führte im Prozeß gegen die Mörder von Kindern in Safcd den Freispruch herbei, da sie keine Vertagung beantragte, um die Einvernahme der erkrankten Hauptbelastungszeugin zu ermöglichen. In solchem Falle läßt sich in jedem Zivilprozeß um den Wert von 2 Pfund eine Vertagung durchsetzen; das ist allgemein üblich. In diesem Fall aber fand es der Vertreter der Anklage nicht nötig, Vertagung zu beantragen, ja er verzichtete außerdem noch auf eine Anzahl von Zeugen. — In einem anderen Prozeß war der Angeklagte geständig. Trotzdem ließ sich keine Verurteilung erzielen, denn der Vertreter der Anklage hatte kein Augenmerk auf den Hauptzeugen, obgleich er die gesetzliche Möglichkeit hat, ihn dingfest zu machen. Auch der Untersuchungsrichter hätte ihn festhalten lassen können. Und als Die palästinensischen Armenier und der Jischuw „Feindselig* Haltung" Der Jerusalemer Berichterstatter des „Dawar", J. Schuchmann, untersucht, wie uns aus Tel-Awiw berichtet wird, die Beziehungen des Jischuw zu den nicht-arabischen Orientalen Palästinas. Man hätte an sieh annehmen können, daß diese Gemeinden sich nach Möglichkeit neutral verhalten würden und sich von jeder Einmischung fernhalten. In der Tat haben die meisten Gruppen diesen Weg gewählt. Die Christen hielten sich während der ganzen Vorgänge nach Möglichkeit im Hintergrund. Den Streik machten sie nur unwillig mit, ja sie versuchten ihn anfangs zu brechen, wurden aber gewaltsam zum Mitmachen gezwungen. Auch der Eatriotisehc Ueberschwang ihrer Presse sollte uns in unserer eurteilung nicht beirren, denn sie waren dazu gezwungen, um sich vor dem Verdacht der Sabotage zu reinigen. Noch eindeutiger war die neutrale Haltung der Drusen. Dieses Verhalten ist um so mehr hervorzuheben, als die syrischen Drusen zum Teil über die Grenze kamen und sich auf der Seite der Araber an den Kämpfen beteiligten. Anders aber verhielten sich die Armenier, und gerade von ihnen hätten die Juden eine andere Stellungnahme erwarten dürfen. Gerade die Armenier, die so sehr unter ihrer Minderheitsstellung gelitten haben, hätten mehr Verständnis für die Lage der Juden haben können. Und doch haben gerade sie am fanatischsten gegen die Juden Partei genommen. Die armenische Gruppe in Palästina hat sich in der letzten Zeit sehr entwickelt. Diese Entwicklung geht parallel mit der jüdischen Einwanderung. Viele von den in Syrien angesiedelten Armeniern sind über die Grenze gekommen. Auch sie sind Nutznießer der schwachen Grenzüberwachung an der syrischen Grenze. Es gibt keine stichhaltigen Angaben über die jetzige Größe der armenischen Gruppe, man schätzt sie aber auf 7000 bis 8000 Seelen. Die Hauptgrundlagc der Existenz dieser er dann floh, konnte die Anklagebchörde nicht nachweisen, daß er außer Landes gegangen sei. Dabei wäre das Zeugnis des Zeugen bei dem Geständnis des Angeklagten noch nicht einmal unumgänglich nötig gewesen. Aber die Anklage war lässig vertreten, und so geht der geständige Mörder jetzt frei im Lande herum. In einem anderen Mordfalle verließen die Zeugen (^Soldaten!) drei Tage vor dem Prozeß das Land, ohne daß die Anklagebehörde Schritte getan hätte, um ihre Anwesenheit beim Prozeß sicherzustellen. Auch hier kam es zum Freispruch. -— In einem anderen Fall legte der Verurteilte Berufung ein, weil ein Zeuge noch nach Beendigung der Beweisaufnahme verhört worden war. Der Berufung wurde stattgegeben, das Urteil kassiert und der überführte Mörder war frei. Hätte der Vertreter der Anklage sich auf die Verteidigung seines Standpunktes und der Interessen des Staates besser vorbereitet, so hätte er nachweisen können, daß die Hinzuziehung eines neuen Zeugen zu jedem Zeitpunkt des Prozesses zulässig ist, solange das Urteil noch nicht gefällt ist. Nicht in einem einzigen Falle der vielen Prozesse im Zusammenhang mit den Unruhen hat die Anklagebchörde eine Berufung eingelegt, obgleich mehr als einmal Grund dazu gewesen wäre. Diese Vorgänge müssen uns eine Warnung und eine Mahnung sein. Wir müssen mit aller Kraft Reform der Führung der Anklage in Kriminalprozessen fordern. Die unabhängige Stellung der Anklagebehörde in Palästina geht auf englisches Muster zurück. Sie paßt nicht für palästinensische Verhältnisse. Das englische System kennt hierbei eigentlich keine wesentlichen Unterschiede zwischen Zivil- und Kriminalprozeß. Wie im Zivilprozeß, so ist auch im Strafprozeß das Gericht in der Rolle des Zuhörers, der nach dem urteilt, was die Parteien vorbringen. Der Staat ist im Strafprozeß durch den Ankläger vertreten. Die Initiative des Gerichts ist eine beschränkte, alles ist der Initiative der Anklagebchörde überlassen. In England kann man sicher sein, daß sie das öffentliche Interesse wahrnimmt, in Palästina ist das leider nicht der Fall. So ergibt sich zwingend die Notwendigkeit m einer Reform der Strafprozeßordnung mit dem Ziel, die Befugnisse des Gerichtes zu erhöhen und ihm die Initiative In der Prozeßführung soweit wie möglich zuzuschieben. Abgesehen davon wäre es wünschenswert, daß auch Juden in der Staatsanwaltschaft Palästinas vertreten werden. Augenblicklich gibt es dort keinen einzigen jüdischen Staatsanwalt, Auch das englische Element wäre zu stärken. Gemeinde ist das jüdische Aufbauwerk. Die Armenier beschäftigen sich vorzugsweise mit Handel und ihre Geschäftsverbindungen gehen meist zu den Juden. Auch ihre Handwerker arbeiten meist für jüdische Kunden. In einigen Berufen ist es ihnen gelungen, jüdische Arbeiter in größerer Zahl zu verdrängen. Besonders sind hier die Schuster, Bäcker und Tischler zu erwähnen. Sehr stark ist ihr Anteil an der Beamtenschaft des Landes. Die Regierung nahm sie gern, erstens weil sie die offenbare Tendenz hat, das christliche Element in der Beamtenschaft zu stärken, zweitens weil sie in ihnen einen „neutralen" Bevölkerungsteil sahen, der besser zu den Aufgaben des Beamten paßte als Vertreter der streitenden Parteien. Ihre Zahl unter den Beamten ist nicht viel geringer als die Zahl der jüdischen Beamten, und dabei bilden die Armenier etwa ein halbes Prozent der Gesamtbevölkerung, die Juden aber 30 Prozent. Besonders al* Bodenbesitzer haben die Armenier große Vorteile von den Juden gehabt. Die Armenier in Jerusalem haben bedeutenden Bodenbesitz in den zentralsten Teilen der Stadt. Eine große Anzahl von Läden und Büros haben sie an die Juden vermietet, und Zehntausende von Pfunden jüdischen Geld** strömen ihnen jährlich zu. Der armenische Bodenbesitz in Jerusalem war zur Kriegszeit von den Türken beschlagnahmt und der Jerusalemer Stadtgemeinde geschenkt worden. Nach der Eroberung durch die Engländer bekamen die Armenier das meiste zurück. Juden pachteten die Plätze von ihnen, errichteten darauf große Bürohäuser, und all dieser Besitz wird nach einer Reihe von Jahren wieder an die Armenier zurückfallen. Durch die Wertsteigerung ihres Bodenbesitzes ist die armenische Gruppe die reichste der christlichen Gemeinden des Landes geworden, ja sie ist wohl die reichste armenische Gruppe überhaupt unter den vielen verstreuten armenischen Gemeinschaften. Diese Tatsache ist hauptsächlich eine Konsequenz der jüdischen Einwanderung, und so glaubten die Juden von den Armeniern zum mindesten eine neutrales Haltung erwarten zu dürfen, und waren bitter enttäuscht über ihre feindselige Haltung. 5 Als Postmeisterin im Dorf Von Eva Spector (Tel-Mond) Tel-Mond Hegt zirka 55 km von Tel-Awiw entfernt. Aber in den langen Monaten der Unruhen war die Stadt 35 Tage weit weg von uns. Nur wer unbedingt mußte, fuhr hinein. Die anderen versorgten mich mit Arbeit. Alle schreiben und tclcphcnicren und schicken Postschecks wie noch nie. Fast den ganzen Tag stehen Pferde und Esel vor der Post angebunden, stundenlang auf ihre Besitzer wartend, die wieder stundenlang in der Post auf ihre Telephongespräche warten, Alle melden „dringende" Gespräche an, so daß eben wieder alle der Reihe nach warten müssen. Das Gedränge in meinem kleinen Postzimmer, das in einer Baracke eingerichtet ist, wird lebensgefährlich um che Mittagszeit. Da kommt der Autohus aus Tel-Awiw mit der täglichen Post (unsere Briefe gehen mit dem ersten Autobus früh um 6 Uhr ab). Man schrieb nie viel in Tel-Mond; denn die Menschen in den umliegenden Siedlungen arbeiten schwer und sind abends müde. Aber während der Unruhen gingen täglich viele hundert Briefe in die Welt hinaus. Unser Briefträger, ein Chawer aus einer Siedlung nebenan, verteilt nachmittags mit seinem Esel die Post. Die vier Siedlungen und die aus Deutschland stammende Kwuzah in Kfar avetz, die postalisch zu Tel-Mond gehören, liegen jede zirka km im Umkreis von der Post entfernt. Noch immer sind keine Telephone dort, und manchmal muß ein Siedler einen halben Arbeitstag verlieren, um zu telephonieren oder um einen eingeschriebenen Brief aufzugeben. Trotzdem sind alle froh, daß überhaupt eine Post in der Nähe ist. Noch vor zwei Jahren mußten wir nach Kfar-Saba fahren, um einen registrierten Brief abzuholen. Ich wohne im Moschaw, zirka 1 km von der Post entfernt Zweimal am Tage gehe ich nach Hause und zweimal wieder zurück, einen schönen, stillen Weg, nur durch Pardessim, hügelauf und hügelrunter. Oft reite ich aut unserem Esel hinunter. Manchmal im Winter, wenn der Esel nicht durch die Regenpfutzcu waten konnte, ritt ich auf einem Pferd. Meistens gehe ich zu Fuß, das ist am wenigsten anstrengend. Und es geht am schnellsten. Denn nicht selten bleibt mein Esel unterwegs stehen, weil er von weitem eine Eselin entdeckt hat. Bis der Klügere nachgibt und ich absteige; ich bia froh, wen» ich ihn mit aller Kraft endlich bis zur Post bringe, an der Leine hinter mir herziehend. Die Post ist bis y87 Uhr abends geöffnet, weil die Arbeiter bis 4 Uhr arbeiten und erst gegen Abend freie Zeit haben. Bis 7 Uhr habe ich Abrechnungen zu machen und den Postsack für den nächsten Morgen vorzubereiten. Meistens ist es dann schon dunkel und ich bin kein Held, der gern allein im Dunkeln durch die Pardessim nach Hause geht. Wenn ich Glück habe, geht gerade der Schomcr, der im Moschaw wacht, hinauf oder ich finde irgend jemanden, der auch jemand zur Begleitung sucht. Wir leben schon viele Jahre in Tel-Mond, eigentlich seit Entstehung des Ortes, und so ist es ganz natürlich, daß niemand mich als Regierungsbeamtin betrachtet. Ich gehöre hierher wie jeder andere, und privat oder amtlich, das ist dasselbe für meine Bekannten. So geschehen komische Dinge, die natürlich in anderer Umgebung undenkbar sind. Zum Beispiel: Geld ist eine unsichtbare Materie hier, alles wird mit Bons (Pitkaoth) bezahlt, auch Brot und Zarchania (Kooperativladen), und am Ende des Monats wird verrechnet. Es war nicht erstaunlich, daß anfangs die meisten auch Briefmarken oder Telephongespräehe mit Pitkaoth bezahlen wollten. Ucberhaunt nahm man besonders am Anfang den ganzen Betrieb nicht „offiziell". Telephonanmeldtingen vorher zu bezahlen, fand man überflüssig, bezahlen überhaupt eilte nicht so. „Nachher bringe ich dir's" oder „Morgen" oder „Wo brennt's? ich werde dir die paar Piaster schon geben, du kennst mich doch" oder „Glücklichweise sind wir nicht in Tel-Awiw". Einmal kam ein Chawer aus dem Kibhuz nach Postschluß und bat jämmerlich, nach Haifa telephonieren zu können, es wäre furchtbar dringend. Schließlich ließ es mich erbarmen und ich wollte versuchen, trotzdem eine Verbindung zu bekommen, trug Nummer und Zeit ein und verlangte 6 Piaster. Geld habe er nicht, erklärte er, vielleicht könne er es mir morgen vorbeibringen. — Natürlich ist es nicht einfach, offiziell zu sein in Ämtsstunden, wenn man die übrige Zeit sehr freundschaftlich und gemütlich miteinander lebt. Es ist unmöglich, immer zu antworten: „Nicht erlaubt, Privatgespräche zu übermitteln", wenn fast jeden Tag jemand anruft und bittet, ganz dringend irgend etwas irgendjemandem irgendwohin mitteilen zu lassen. Besonders jetzt, wo jeder jeden beruhigen möchte. Nicht immer kann ich beurteilen, ob die Mitteilung wirklich so sehr wichtig ist, .wit sie n 4cm Anrufet w*x, det mich fleheaüfch bat, im Kfar Heß anfragen zu lassen, ob seine Hühner noch genug Futter hätten bis Sonntag, denn früher könne er nicht nach Hause kommen. Ich entschloß mich, seine . Anfrage zu übermitteln. (Aus dem Bulletin der „Wizo") Eine ItebrSfsche Kunst-Zeitschrift. Soeben erschien ein neues Doppelheft der Zeitschrift für Kunst und Literatur „G a 7. i t h", die der junge hebräische Dichter und Publizist Gabriel T a I p h i r in Tel-Awiw herausgibt. Die Zeitschrift „Gaz.ith", die unter großen Opfern zustande kommt und im Auslande noch nicht das Echo gefunden hat, das sie verdient, ist eine kulturelle Leistung ersten Ranges. Schon rein äußerlich machen die umfangreichen, großformatigen Hefte mit den guten Reproduktionen jüdischer Künstler Palästinas und der Diaspora einen ansprechenden Eindruck. Der Herausgeber hat es verstanden, erste Kräfte zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift zu gewinnen. So bietet das neu« Doppelheft Reproduktionen neuer Werke von Marc Chagall, ein phantastisches Blumenbild, eine — stark an Corinth gemahnende — Badeszene von Z. Menkes, ein meisterliches Porträt von Mintchine, ein hervorragendes Kinderbildnis von Max Band, eines von Kisling, das sehr originelle Bild eine« Kellners von Soutin, Entwürfe des Haifaer Architekten Morgenstern, der Tel-Awiwer Bau-Ingenieure Berger und Mandelbaurn, des Haifaer Erbauers des Savoy-Hotels D. Wittmann, Innenräume des Jerusalemer Architekten L. Krakauer und Wohnbauten von M. Rosengarten (Tel-Awiw) und vieles mehr. Der literarische Teil, in dem — erfreulicherweise — besonders stark Vertreter der jungen Dichtung, Epiker, Lyriker und Dramatiker zu Worte kommen, vereinigt die aufstrebenden Kräfte des modernen hebräischen Schrifttums. Nachdichtungen aus der klassischen und modernen Literatur runden das Bild der Zeitschrift ab, die in einer sehr passenden Kunstchronik auf alle Neuerscheinungen der hebräischen Literatur, des palästinensischen Theaters und der jüdischen bildenden Kunst eingeht. Um „Gazith" auch den Juden der Golah nahezubringen, beabsichtigt der Verlag nun die Herausgabe einer englischen, italienischen und deutschen Schriftenfolge, die in uebertragungen Proben neuhebräischer Dichtung und durch gute Reproduktionen ein Bild vom Schaffen jüdischer Künstler vermitteln soll. Schalom Ben-Chorin (ScbJufi da« PaHstina-Teflal