Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 4 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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,.— ~77T-~ -~- 1} A, JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 4, 15. L1937 Gemeinsame Arbeit Jüdische Jugend vor 1933 Von Dr. Georg Lubinski Der Jlcichsiiwschuft der jüdischen Jutiemherbünde" gibt in den nächsten Tagen einen umfassenden Arbeitsbericht unter dem Ittel: „G etneinscha itsarbeit der jüdisehen Juten d" heraus. Der Hericht enthält nicht nur eine Darstellung der Arbeit des iteicluuiusschusses und seiner l'ntercjictcnmtien in den letzten Jahren, sondern giftl in seinem 'ungemeinen Teil die wichtigsten Probleme der jiidisrhen Jui>cn,lhewee,:mt> in ausführlichen Einzeldarstellungen wieder. Wir Urin;en uns dieser Sammclschri/t einen Beitrat; von Dr. Georg Lubinshi, „Die Zeil von der Gründung bis zum Jahre 193T' in gekürzter Fassung zum Vorabdruck. (Ilcd.) Die Gründung des R c i c Ii sausschusses im Jahre 1924 ging nicht so sehr auf Be-trelrongen innerhalb der jütlbr!!tii"li!;.:end als vielmehr nui Bestrebungen der damaligen „Zentrahviihihihrtsstelle der dopt-dien Juden" zurück. Die Zeil neigte %.cl>r zu ,,Zu>;iniikcn>c 1)lüs>cn". Vorbilder waren in genügender /.alil vorhanden: am eindrucksvollste!» i-icllficht der Rcidisaui-sthuß der deutschen Jugendverbande, <1er alle größeren Jugcm.U crbsiuk umfaßte. Bestimmte Aufyabi-iiijcbictc fur solche IXidwrgaiiisatiimcn boten sich von selbst an: „Vertretung gemunisimer Interessen der angeschlossenen Vub im'c", „lks. luffmu; von Geldmitteln" U. dfil., zun.übst ühiie spezifischen Inhalt, entnommen : K ii i!i / v n U( Jewcmhmgeii, der für die >! Yh >:lh lnr;tu-,;<-l«U1vt hatte, dal", dir Ztis imuicHsdihill als solcher bereits ,,.n<...-ei: wiidu; konnte und nur geringem Rahmen für ein sinnvolles Miteinander von Jungen und Atadchcn und eine der Jugendbewegung entsprechende torm des Lebens in einem Heini geschaffen. Kamen in Seesen immer nur einzelne Jugendliche aus den Bünden zu dem Erlebnis der Gemeinsamkeit der indischen Jugend, so vermittelten die Trcffahrten%des RA. in Brieselang, die alljährlich im September unter der Leitung von Martin Sobotker stattfanden, der gesamten organisierten jüdischen Jugend Berlins dieses Gefühl der Einheit. Mit einem Evtraztige wurden sie hinausbefördert, lieferten sieh draußen Wettspiele, vereinten sieh zum Wettsingen lind zum Anhören der Ansprachen, die an sie gerichtet wurden. Der Aufmarsch von weit mehr als tausend Jugendlichen, das Bild ihrer Spielo, des bunten Lebens auf dem „Jugcndlaiid" Brieselang gab jedem einzelnen die Gewißheit der Kraft der jüdischen Jugend, ihres Wachsens und ihrer freien Entfaltung. Treffahlten dieser Art gab es auch in Hamburg, Breslau, Leipzig und anderen Städten, in denen Landesausschüsse des Reichsausschusses gegründet wurden. Ein Zug der gesamten jüdischen Jugend Leipzigs zu einer Kundgebung, in der unter Mitwirkung der RA. mit Erfolg die Schaffung eines jüdischen Jugendheims gefordert wurde, die vielen hundert großen und kleinen jungen Menschen in „Kluft" mit ihren Wimpeln in den Straßen von Leipzig sind aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben. Formulierung»' aus dem n:i „IwUJen- .V Sd kam < im Jahn: PL' Widci.Ntam! a begcriictc. IK. v.liU, ,bc Her 1 >rr KV kor die Mi! alle wurdi n. „!.i ben" e sich ein kb i r RA. war ein /.wc iitiier Zustimmung e. Schwieriger war konkreten Arbeitsprogramms, eiu.'en Aufgaben annebinen, als gemeinsam anerkannt it <ic; kr ei n: :u an l'nd Mi/llii.' L U d V> im iit ii Damit g e> ci' ■ de. \'ci! iir i e t letiag \< warm du :tcn. war ut von Mi ns iMi u\\. «UMtct/un chnb eist, als im Jahre 1927 len fand ..... es waren;ia;ui „der" Reichs uissihuß u her Zufall, dal) m einer (>. ulüschen Landesverbandes i meht in Anspruch geuoinin den RA. zu bewilligen. ii fur die .sachliche Arbeit K i>r,e; SC Ii i jiidi- •Hlgc der lialbta r in den uunliieaii'. K< h.iff; \ aU die Lormulieruug von nebenbei ausreichend bellisichtbaren Werkes der Sinn des Zusammenschlusses N.hon zwei Monate nach „BurnV des RA., das aus einem stehenden Schreibtisch und Stuhl di :i lügen Räumen der „/.entraiwohifnhrtsstclle" im Gemeindehaus ' in der koscn.straüe bestand, fuhr eine Kommission, die aus Dr. Friedrich Olleudortf, dem damaligen Leiter der Zerit; alwohlfuhrtsstclle und bestem Freunde des RA., Ludwig Tictz und dem Verfasser bestand, in den Harz, um ein geeignetes Haus fur ein L r h o 1 u n g s h e i m des RA. fur die judi.sdie Jugend zu suchen. Die Wahl fiel auf das freigewordene Jacobsohn-Heiin in Seesen am Harz, dessen Figintum <!ie ZAV;-t. erworben hatte Damals wurden wir alle mit einem Schlage Fachleute fur Inneneinrichtung: Earb.mitnehe waren zu bestimmen. Vorhänge auszusuchen, Waschanlagen zu schaffen. Wir lernten auch, weiche Anforderungen das k'abfnii.it in I lalbeistadt an die Kaschruth unseres Heimes stellte. Der große Friiffmmg-tag, Filde Mai W27 in Seesen, zeugte von der Eintracht und von dem Fiuvernchmen, das Orthodoxie und Liberale, Zionu-teii und damals deutsch-jüdische Jugend verband. Das l|, .m in See.en wurde ein Mittelpunkt jüdischen J u g e ii d I < 1) e n - m jener Zeit. Die fruchtbarsten Begegnungen /wichen den Angehörigen der verschiedenen Kichtuugt;i «1er uidf.-b.tii Jugend fanden m Seesen statt. In Seesiu erlebte nun in r legi mlliclie das erstemal in seinem leben em. n I t> :iag-A:>eiid" m in b-cber Form, erfuhr er im I'nt/d^-p: .eh uie tüi.ieii Beweggründe für eine jüdischnolitis, he' f in-, licidniig, in See-en w urde aber auch der Preis 60Rpf. Weitn uis Land kommt.. Ein Jugendbuch zum 15.Sdiwat herausgegeben vom Keren Kajctneth Lejisrael im Hechaluz »Verlag Adi dem Inhalt! Bnloitunft dei fr'tfa — Da« Fe« im allen 1 traft — Dai fest in der öolah — Da« Fe« im heutigen Eret Israel — Gediditt und Lieder zum 15.Sdiwat — Baumpflantungen in Erti Itrael — Auflorstung — Wie feiem wir das Fe« 1 Ein Vondilag Beiltlien Sie bitte «ofort bei Ihrem Buchhändler od.-r direkt beim Hccfialuz-Verlag, Berlin W15, Meineke»traDe 10 gegen Voreinsendung des Betrage« zatOgl. 10 Rpf. Porto oder auf Postsdiedw Konto Heduluz, Deutsdier Lande»vtrbaBd, Verlag«»Abt, Berlin 1775 13 KEREN KAJEMETH LEJISRAEL Die Weckung: der Aktivität auf dem gesamten Gebiet der Jugendpflege, die Propaganda für Jugend- und Gemeindeheime durch eine von der „Zentralwohlfahrtsstelle" herausgegebene Broschüre und viele Kundgebungen im Reich wurden ein erfolgreiches Gebiet der Arbeit des RA. In allen Großgemeinden entstanden, meist auf die Initiative des RA., unter Mitwirkung der Jugendbünde Jugcndpflegedc/.emate mit Mitteln für Jugendheime, Fahrtenzuschüssej Kulturarbeit. Eine Debcrsicht über diese Arbeit hat der Verfasser im „Handbuch der Jugendpflege", Heft 2 b, „Die Jugendpflegearbeit der Religionsgemeinschaften" gegeben. In einer diesem Bericht beigefügten tabellarischen Uebersicht konnte immerhin in 21 Gemeinden das Bestehen von Jugendpflegcausschüsseu, in 20 Gemeinden von Einrichtungen für die unorganisierte Jugend festgestellt werden. Die Tabelle gibt weiterhin Aufschluß über die Höhe des Jugendpflege-Etats der Gemeinden, über das Bestehen von üemeindejugeiidheimcn, über Einrichtungen für Erwerbslose, über Bildungsveranstali tungen und die Zahl der Organisierten von 14—21 Jahrein Es wäre sicher sehr aufschlußreich, wenn jetzt nach weiteren vier Jahren einer gänzlich anderen Entwicklung eine ent« sprechende Erhebung angestellt werden würde. Ein Kernstück der sozialen Arbeit des Reiclisausschussef wurden in der Kriscn7ett von 1931 und W32 die Heime für die erwerbslose Jugend, die unter Beteiligung des RA. besonders von den Gemeinden Berlin und Frankfurt am Main geschaffen wurden. Hier hat vor allem wieder Ludwig Tictz ein ihm entsprechendes Arbeitsgebiet gefunden. Abends nach sehr langer Sprechstunde kam er noch in dia Auguststraße, um mit den einzelnen Jungen zu sprechen, difl zwar immer den Abstand zwischen ihm und ihnen empfanden, die aber wußten, daß sein Verständnis und sein konkreter Wille zu helfen eine tragfahige Brücke zu ihnen schlug. Das „Pantoffelbergwerk" wie die Werkstarte für SchuHreparafuren in einem Keller der Barnimstraße in Berlin unter der Leitung von Hans Jacob genannt wurde, stellta einen gelungenen Versuch der Selbsthilfe der erwerbslosen Jugend dar. Auch hier stand Tictz. vermittelnd zwischen der) Gemeinde und der Jugend, lockerte Anordnungen auf, ver-* suchte den Willen der Jugend in eine der Gemeinde entspre»! eilende Form zu bringen. Diese Arbeiten an der unorganl»' sierten Jugend erreichten schon Anfang 1033 ihr Ende. 1 Schon im Jahre 1020 sammelte sich ein dem RA. nahe* stehender Kreis von älteren Menschen, um den erstmals von Joachim Prinz in der Zeitschrift „Der junge Jude** ausgesprochenen -»Bedanken einer „Schule der jüdH s c h e n J u g c n d" zu prüfen. In einer fruchtbaren Gemein« Schaftsarbeit entstanden Programm und Form dieser Schule, die zwar nie mehr als etwa 500 Schüler in sich vereinigt bat, deren Bedeutung aber darin bestand, daß hier eine kul« turell-wertvolle Einrichtung ganz von der Jugend getragen wurde, daß „jüdische Bildung formende Kraft für die jüdi* sehe Persönlichkeit haben sollte und für Standpunkte Grund-, lagen aus der Geschichte, aus dem Schrifttum, aus der Soziologie geschaffen wurden". Neben Moritz Spitzer stand bis Ende 1931 der verstorbene Walter Mecklenburg im Mittelpunkt der Schule, die im Jahre 1933 im Jüdischen Lehrhaua und in der Lehrstatte Bialik — ohne Spuren zu hinterlassen -<j „aufging". i Es bleibt noch zum Schluß von dem zu sprechen, was als unbestritten „gemeinsam" und als Flauptaufgabe des RA. mit Recht bezeichnet wurde: die Beteiligung der jüdischen Jugend an der sozialen Arbeit. Man begann mit der Aufstellung eines „sozialen Pro« gramms der jüdischen Jugend", das deii „ideologischen! Unterbau" für die Beteiligung der Jugendbewegung an der sozialen Arbeit und Vorschlüge praktischer Arbeitsmöglich' keiten enthielt. Zu einer wirklichen Anteilnahme von Jugend' liehen an der Sozialarbcit ist es nur in beschranktem Um fange gekommen. Wichtiger erschien uns die Erziehung d jungen Sozialarbeiter zu einer kämpferischen Halfung inner' halb der jüdischen Wohlfahrtspflege. Wir haben das einmal) so formuliert, daß die Menschen aus der Jugendbewegung das' Gewissen der Wohlfahrtspflege werden müßten. Hier* konnten die tatsächlich vorhandenen Zusammenhänge zwischen! Wohlfahrtspflege und Jugendbewegung wirksam werden. Aus^ druck dieses Willens sind die beiden sozialen Wochen dc9j Reichsausschusses gewesen, die in den Jahren 1028 und 1029 in dem Heim des RA. in Seesen stattgeftinden haben. Es gehört zu der eigentümlichen Entwicklung der jüdischen Sozialarbeit in Deutschland, daß diese Frontenstellung, die damals bestand, aufgehoben worden ist. Das heißt nicht, daß nicht auch heute in der Arbeit oft genug der Gegensatz zwischen „alter" und „neuer" Methode zu spüren ist. Beidfl Standpunkte haben aber ihren grundsätzlichen Charakter eingebüßt und, wenn wir gerecht sein wollen, darf man wohl sagen, daß weitgehend die Bestrebungen der jungen Generation sich durchgesetzt haben. Ein Teil der Menschen, die in Seesen kämpferische Forderungen stellten, sind längst zu eigener verantwortlicher! und leitender Arbeit gekommen. Eine spätere Zeit wird z.U entscheiden haben, wie weit sie Achtung gehabt haben vor? den Idealen ihrer Jugend, als sie Männer geworden sind. Ein „Jakob Nußbaum-Garten". Der in Kincreth verstorbene Maler Jakob Nußbaum, dessen künstlerische BcdcuH tung in der „Jüd. Rundschau" bereits gewürdigt wurde, war] ein Kind der Frankfurter Gemeinde. Seine dortigen Freunde haben beschlossen, sein Andenken durch die Anlegung eines Gartens in Ercz-Israel zu ehren, der den Namen Jakob Nußbaum-Garten tragen soll. Erfiilluiie % criitmicrte, sieh p.uiz. rückhaltlos und ungeteilt auf unser.- 5. ,!>• Mciiie und ciul.'.ch sieher verlangte, es muß gehen' Aber wie kann das sein, wie ist denn dus denkbar, alle-, ist .lixli -,■> iir.iiisiun verbieget, sie weiß nichts von ihm. i r i::'!!'. i iine.il d.is mnnl« slir m>i» ihr. und Kommt er Selbst lieg dun Ii, so wird er d<xh mehr als lausend 'Lage und VMite rneh in lud.ihr bleiben, von einer unserer K'..c!ii io'irigi.ii /u v, ,'i'ilcii. Sie erwartet Treue zu seiner Trug;..- \,,n liun und \erhiieg, daß er schwelgt, uns schont, nl-.i /im.igi-,t unireu w in!. Sie rechnet auf eine Zukunft, und cmii niiissi n nach jctVr verständigen Berechnung die übermorgen in unserer Stadt sein, es v. aliiss-luiinlich mit uns, mit ihr Bussen (dehnet uns, m- Irrsinn ist, lie es uoht, mit ihm. Sie baut auf Irrsinn, und das ist, er b.mt mit Sie wissen, wie verzweifelt das etiebi Hi ele sind .luden, das ist das einzige, was sie aulier ihrem \\ dien zueinander gemein haben, aber es reibt sie noch trostloser auseinander. Sic steht restlos TM ihren, zu den deut -ehen Menschen und verlangt, daß er ebenso zum Feinde steht. Und er seufzt auf und ward nicht wahnsinnig und lächelt und wird vielleicht wiederkommen, wenn der Krieg zu Ende ist. Und beide scheinen das selbstverständlich zu linden, und sogar mir gefällt es. Ich bin erst elf Jahre alt, aber ich ahne ©s wohl ganz richtig, und sogar heute... ..nie Haustür ist offen"', sagt Früulcin Selma. Fr steht auf und geht. Fr dreht sieh noch einmal um, sie gibt ihm die Hand. Sic begleitet ihn keinen Schritt, sie sitzt, auf ihrem Sessel an der Glastür, reglos, und starrt nach Osten. Kein Wort mehr füllt, sein -Schritt ist. nicht mehr zu hören. Es ist noch ganz, finster draußen, der Docht der Petroleumlampe ist ganz niedrig geschraubt, und doch sehe ich, daß Fr5ulein Selma weint. Eine Träne nach der anderen tropft aus ihren stillen, offenen, nach (Kien sehenden Augen. Ein-- Sekunde lang steht das Gesicht der Katze wieder vor meinem Blick, die ihr Augenlicht vertropfte und sich blind weinte. Am Morgen wird sie vielleicht so auf dem großen Stein an der Spcichermuucr sitzen, unser Arbeiter Urban wird sie finden und kurzerhand totschlagen, um ihr das Schlimmste zu ersparen. Aber Früulcin Selma darf nicht weinen, denke ich, und wenn ich nur aufstehen könnte, würde ich zu ihr gehen und sie so lange bitten, bis sie wieder lächelt. Und da ich daran denke, daß sie lilcheln müßte, 0herkommt auch mich so etwas wie ein Ein hcln, es wird ganz ruhig in mir, und ich versinke wieder in Schlaf. Im Tr.mm sehe ich den Russen wieder. Er reitet durch unsere Walder, in clotven ich mehr noch als in der Stadl, «tif unserem Hof und in der Schule zu Hanse bin, aein Pferd fliegt nur so Ober die kleinen und größeren Bodenvertiefungen weg, die im Winter von einer dünnen Eiskruste überzogen sind, im März voller Wnsser und im Hochsommer voller Moos und Erdbeeren stellen, es streift eine Ifimbeerheeke und vermeidet das dornige Brombeergestrüpp, unter dem ich einmal ein junges, noch blindes Haschen fand, es überquert die Schneise, die zu den Schießständen führt, steht und schnuppert vor einem Wiesensaum, der noch grün ist, es riecht vielleicht mit Seinen behenden Nüstern, daß dahinter der sumpfige Teufelsgrund beginnt, den nur ein Heimischer wie ich sehr rasch, fast ohne aufzutreten, überqueren kann, ohne einzusinken, es wendet sich nach rechts, immer am Waldrand entlang, und der Busse läßt es allein seinen Weg finden. Nur manchmal sieht er sich um, und dann sehe auch ich, daß ihm im Walddunkel eine Sotuia Kosaken folgt. Wenn ieh aber genauer hingucke, erkenne ich, daß dieser schattenhafte Kosakentrupp gar keine Sotnia, sondern eine ganze endlose, reitende Armee ist, und diese schattenhaften, stumm dahinreitenden Waldteufel sitzen gar nicht auf den kleinen, hellen Kosakenpferdchen, sondern auf hohen, höckerigen Kamelen mit langen, stelzigen Beinen, und auf den Köpfen haben sie keine russischen Soldatenmützen mit breiten, schwurzen Schilden, sondern mächtige, grüne Turbane, und also werden es wohl die Ismaeliton sein, denen ich verkauft werden soll, nachdem der große Mutuszak dagegen ist, mich zu töten. Aber liege ich denn in einer tiefen, sandgell>en Wüstengrube? Nein, ich muß mich wohl bei uns im Laden zwischen dem Erhsensack und dem Faß mit grüner Seife herumdrücken, an der Eadentür zur Straße, denn ich stelle ja gerade fest, daß der Laden voller Kundschaft ist, daß der \ater mit Stock und Hut eben fortgeht, gewiß zur Ostbank oder zum Magistrat, daß die Mutter die Schublade des Ladentisches, in der lauter kleine Körbchen für Kupfergeld, für Böhms, für Silber and für Gold sind, öffnet und einem Bauern auf eine so große Münze, wie ieh sie noch nie gesehen habe, Kleingeld herausgibt, daß eine Bauernfrau über den Ladentisch weg dem Großvater polnisch eine endlose Geschichte von ihrer nicht kalbenwollenden Kuh erzählt und mit ihrer rechton Hand dabei Großvaters obersten Joppenknopf langsam, aber unbarmherzig nbdreht, wahrend der Großvater, sie scheint nichts zu merken, vor Aerger aus der Haut fahren möchte und doch höflich bleibt, und daß FrtiuU'in Selma für die verschwendungssüchtige und wie ein altes Wrack aufgetakelte Frau dea seit kurzem nicht mehr ganz koscheren und darum Viehhändler gewordenen zweiten Fleischers der Gemeinde eine Stange Vanille abwiegt. In diesem Augenblick ist ein toller Tumult auf der Straße, die Kosaken sprengen herbei, eines ihrer Kamele schlagt hinten aus, wovon die Frontwand dea Mause« ana gegenüber einstürzt, „unser" Russe reitet, aber auf seinem Pferd, nicht auf einem Kamel, mitten durch das Schaufenster in unseren Laden herein, stellt sich in den Steigbügeln steil auf, wirfdj seinen schwarzen Mantel und den niedrigen Filz.hut auf dast Faß mit grüner Seife, ragt nun im Prunk seiner unver-j hüllten Uniform fast bis an die I.adendecke, und Früulcim Selma, die Vanillenstange noch in der Hand, ruft: „Sio haben uns doch verraten!" Er will wohl etwas sagen, als) ihm bereits Tausende Kosaken auf ihren hochbeinigen Kamelen durch das Schaufenster in den Laden gefolgt sind und auf sein Zeichen zum Angriff gegen uns warten. „Krieg ist Krieg, Befehl — meiner Truppe treu — Treue um Treue —" höre ich ihn rufen, dabei lacht er nus vollem Halse. „Aber wir sind doch Juden!" schluchzt Fräulein Selma laut auf, und ihre Tranen tropfen, eine grauenvoll glibbrige Masse, auf die Gewürz.wange. „Was?" donnert der Großvater im rasendsten Jähzorn, „ein Jude will das sein?" und kommt, er ist ein riesiger, breiter Mann, mit vorgeneigtem, hochrotem Schädel, wie ein Stier um den Ladentisch herum. „Feinde seid ihr!" sagt def Russe, der auf seinem Pferd imrner höher wächst, und „Juden! Juden!" zischen mit ihren teuflischen Woll'smtiulcrn die Kosaken« Da aber ist der Großvater schon mitten zwischen ihnen,! stößt alle, Menschen, Pferd und Kamele, mit harten, wildem Hieben aus dem Laden, stößt mit dem Fuß das Faß mitgrüner Seife um, ein Dröhnen, ein Klirren von Glas und —• Die Glastür wurde von der Küche her geöffnet, icU erwachte, meine Mutter trat ein, draußen war es schon heller Tag, im Zimmer nicht mehr sehr dämmerig, und doch brannte die Petroleumlampe noch auf dem Ofensims, und im Zwielicht saß immer noch, doch nun welk und grau im Gesicht, Fräulein Selma, die Augen starr nach Osten gewendet. „Sie sind doch ein bißchen abgespannt", sagte mein» Mutter. Aufgeschreckt, als hätte sie die Mutter nicht kommen und eintreten hören, erhob sich Fräulein Selma und sagt« tonlos: „Jetzt, ist er durch." „Haben Sie geschlafen?" fragt die Mutter besorgt. Fräulein Selma lächelt müde, reckt die Glieder, scheinl gewachsen, nun strafft auch ihr Gesicht sich, und sogleich beherrscht sie sich vollkommen: „Besser als eine Nacht durchgetanzt." „Als ich so jung war wie Sie, dachte icH auch imrae*" ans Tanzen." Auf diese Bemerkung geht Frfiulein Selma mit gar keine* Geste ein, obwohl meine Mutter es gewiß freundlicher denn je mit ihr meint. Sie glättet ihr Haan, streift ihren Rock zurecht und sagt: „Der Junge war «ehr ruhig. Er hat ziemlich die ganze Nacht geschlafen and ruhig geschlafen." „Nun gehen Sic einmal hinunter, sich waschen und Kaffeag trinken. Ich bleibe inzwischen hier." (Schluß folgt} i