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Jüdische Rundschau · 1937-01-15 · Heft 4 (15.1.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 4 (15.1.1937)
Date
1937-01-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 4, 15.1.1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seite 5 ■3 England im Aufstieg zur Weltmacht Hector Bolitho: Königin Victoria und ihr Sohn. Ein Frauenleben im Aufstieg zur Weltmacht. Aus dem Englischen übertragen von Dr. Ludwig U e b e r f e I d t. Carl Reißncr- Verlag, Dresden 1936. Die Zahl der historischen Biographien, die sich nahe an der Grenze des Romanhaften bewegen, nicht so sehr, weil die Autoren das Leben ihres Helden, das sie beschreiben, ausschmücken, also deshalb, weil dieses Leben selbst uns beinahe wie ein Roman erscheint mit all den Momenten der Spannung und Lösung, die aus dem Leben direkt entspringen, ist groß. Das Bedürfnis, wirkliche „Helden", die gelebt haben, vor unserem Geiste agieren zu sehen, scheint heute besonders stark zu sein. In die Reihe dieser Arbeiten gehört das jetzt in deutscher Sprache vorliegende Buch von Bolitho. Es beschreibt das Leben der Königin Victoria vom Tode ihres über alles geliebten Gatten, des Prinzgemahls Albert, bis zu ihrem Ende und damit eine Epoche nicht nur der britischen, sondern der europäischen und der internationalen Politik überhaupt, das victorianische Zeitalter. Im Mittelpunkt MAGISTER KIRSCH r gute LI Kör Maglster-LlkOrfabrlk, München VII, In Berlin zu b.zleh. durch dl« W«!ngroBh«ndlun[| Burnhard Brauer, BurgatraB« 3 / Ruf: 5143 40 des Buches steht dabei die Spannung, die zwischen der Königin und ihrem zu einer immer ausgeprägteren Persönlichkeit heranreifenden Sohn, dem Prinzen von Wales und späteren König Eduard VII., bestand. Dieses Verhältnis in seiner ganzen Schwere und in seiner allmählichen Entwirrung wird von Bolitho meisterhaft geschildert. Nicht weniger glänzend ist die Darstellung der Persönlichkeit der Königin selbst und ihres Wirkens für das Britische Imperium. Der Aufbau des Imperiums, der nicht zuletzt während der Regierungszeit Victorias erfolgt, wird uns in seinen Triebkräften gezeigt, und wir empfinden die Schwierigkeiten, die aus den innerbritischen Verhältnissen selbst dieser Entwicklung entgegenstanden, mit aller Deutlichkeit. Gerade für uns, die wir die Problematik britischer Politik so sehr erleben und oft genug die Klarheit der Linie vermissen, ist es lehrreich zu erkennen, daß auch in den glücklichsten Zeiten des imperialen Aufstiegs diese klare Linie zumeist von den Mitlcbcnden selbst nicht erfaßt wurde und erst später bei einem Rückblick auf die Gesamtentwicklung zutage trat. Wir sehen insbesondere die ungeheuren Widersprüche, die zwischen den verschiedenen Auffassungen von britischer Staatskunst bestanden, sehen insbesondere den Kampf zwischen Konservativen und Liberalen, der damals geführt wurde, wobei die liberalen Kräfte sich gegen die imperiale Ausweitung des Reiches wehrten, während sie andererseits, wenn sie selbst zur Regierung kamen, zwangsläufig Träger des Expansionsgedankens werden mußten. Vom jüdischen Standpunkt aus ist dieses Buch reich an interessanten Einzelheiten. Der Besuch des Prinzen von Wales in Palästina hat, wie es scheint, keinen erheblichen Eindruck auf ihn gemacht. Andererseits wird die Tatsache erwähnt, daß neben Amerikanern auch Juden bei ihm speisten, als er seine Lebenshaltung in einer viel freieren Weise einrichtete, als es im victorianischen Zeitalter üblich war. Einen großen Teil des Buches nimmt die Darstellung des Verhältnisses der Königin zu ihrem Kanzler Disraeli ein. Als dieser im Unterhaus das erstemal auftrat, wurde er in nicht gerade angenehmer Weise begrüßt und er fiel durch die Absonderlichkeiten seines Anzuges auf. Man sagte von ihm, er sei kein Gentleman, in ähnlicher Weise, wie dem Prinzgemahl Albert von englischen Kreisen diese Qualität abgesprochen worden war. Mit der Königin verband ihn eine romantische Freundschaft, besonders nach dem Tode seiner Frau, als er selbst allein stand und die vereinsamte Victoria zutiefst verstehen konnte. Manche seiner Gegner sagten ihm falsche Galanterie nach, die er der Königin erwies. Besonders stark wirkte auf Victoria die Kunst seiner Darstellung auch verwickelter Verhältnisse, die so klar wie die Kapitel seiner Romane war, während sein großer Gegenspieler Glads t o n e der Königin stets unverständlich blie b. Uebrigens konnte es Gladstone gelegentlich nicht vermeiden, eine antisemitische Note gegen Disraeli anzuschlagen, als dieser 1876 in den bulgarischen Wirren zu den Türken hielt. Dagegen machte Disraeli auf dem Berliner Kongreß auf Bismarck einen starkep Eindruck, als er diesem das Wort abnötigte: „Der alte Jude, das ist der Mann!" Disraeli war und blieb Romantiker, trotz seiner höchst realistischen Politik oder gerade ihretwegen. Der Höhepunkt seiner Laufbahn war die Erwerbung des Suezkanals für England und daneben die Annahme der indischen Kaiserkrone durch Königin Victoria, wobei er, wie man sagte, die Gaben eines „orientalischen Märchenerzählers" entwickelte. Aber diese Märchen waren mehr als Märchen, sie schufen die Wirklichkeit des Britischen Imperiums! Unter den anderen Gestalten, die in diesem Buche auftreten, erwähnen wir noch B a 1 f o u r. Als junger Diplomat hatte er sich philosophischen Neigungen hingegeben und wurde von denen und jenen verspottet, als man ihm die Lösung der irischen Frage übergab. Er bewährte sich an ihr und holte sich die ersten Sporen, als es ihm gelang, Irland weitgehend zu beruhigen. Er zeigte sich dabei als ein Mann von Phantasie, der mit dem Volke mitfühlte, eine Eigenschaft, die er gewiß auch später bewies, als die Judenfrage sein Herz bewegte. Neben diesen Einzelheiten hat das Buch von Bolitho gerade heute ein besonders aktuelles Interesse. Wir haben in den letzten Wochen gesehen, welche Bedeutung das Königtum in England hat, als es kritische Tage durchlebte. Der Zusammenhalt des Empires beruht nicht zuletzt aut dieser Institution, und mit Recht wird an einer Stelle des Buches gesagt, daß die Grenzrciter in Queensland nicht wissen mochten, ob Disraeli oder Gladstone am Ruder war, „aber sie wußten, wer Königin von England war". Das Imperium mit seinen Sorgen und mit den Kräften, die auch heute noch sein Schicksal bestimmen, wird uns in diesem Gemälde eines großen Lebens vor Augen geführt oe. imiiiiiiiiitmimiiiiHiimiitiiiiitiiiiiiiiinniiiiiiimiiiiiiiiiimiiiiimiii HB?. Königin Victoria am Arm von Lord Beaconsjield (Disraeli) bei ihrem Desuch auf seiner Besitzung Ilughcndcn im Jahre 1S7f>- (Aus der Times Wcckly Edition vom 7. 1. 1937) Wie g^sialle ich den Schahhat? Für Schabbat, 16. Januar Wochenabschnitt „Bo"*) (II. B. M. Kap. 10, 1 — 13,16) Mit unserem Wochcnabschnitt beginnt der eigentliche gesetzgebende Teil der Thora. Nach einer Bemerkung Raschis zum 1. Vers des Pentatcucli hätte die Thora — wenn sie nur gesetzgebende Funktionen hätte — mit dem 12. Kapitel des II. B. M. beginnen müssen. Tatsächlich enthält unser Wochcnabschnitt allein nicht weniger als 10 Gebote, während das ganze I. Buch Moses nur 3 Gebote enthält. Wir werden von nun ab an jedem Oneg Schabbat ein Gebot oder Verbot des betreffenden Wochenabschnittes ausführlicher besprechen, wobei uns das Buch „Scfer I lachimicli" von Aharott aus Barcelona wertvolle Dienste leisten wird, da es die Gebote der Thora nach Wochciiabschnittcn ordnet und kommentiert. Wir beginnen mit dein tiebot der Festsetzung des N c u in o n il s (Kap, 12,2) und sprechen anschließend über den jüdischen Kalender. Vor Einführung unseres festen Kalenders geschah die Festsetzung des Neumondes nicht nach astronomischen Regeln, sondern auf Grund von Zeugenaussagen vor dem Bcth Diu, dem jüdischen Gerichtshof. Iis war so theoretisch durchaus möglich, daß der vom Bcth Diu anerkannte Monatsbeginn, nicht mit dem astronomischen übereinstimmte. Gewissermaßen wurde die Autorität des Beth Diu von der Thora über die Gesetzmäßigkeit der Natur gestellt. (Im Text kommt dies /um Ausdruck durch das zusätzliche "D31?,, M osviie , als Rcpiäscntanz des jüdischen womit nach der Uebcrlicferung ist die Festsetzung des Monats hat mitunter zu Aiiseitiander- 'ickamitc-ic- Iim|et »ich in der Mfcchna 9 I raktat Roseh I laschanah nur von einem in rez Israel autori- I Aharr. wurde, F ii c Ii Tatsäc! Iic: ' ' ni es NeumoiK oder /.uinui •st in i.: (.las zu Volkes gesprochen gesagt sein sollte: überlassen.) Diese Setzungen geführt; des 2. Abschnittes Die Fcstsct/unj Frcz Isiaei ansässig sierten Bcth Diu ausgesprochen werden. Auf Grtiml der von Hille! IL, der noch * in L'rez Israel Ü bte, angestellten Berechnungen ist dann unser fester Kalender eingeführt worden, der bis heute für uns Juden seine Geltung hat. Das jüdische Jahr ist eme Mischung von Mond- und Sonnenjahr. Man unterhalte sieh einmal darüber, wie auf Grund der eingeschalteten Monate die Differenz zwischen Mond- und Sonnenjahr ausgeglichen wird. In den ersten beiden Abschnitten des Traktates Rosch Haschanah findet sieh viel .Material zu unserer Frage, I. E. *) Siehe auch „Jüd. Rundschau" Nr. 3 vom 12. 1, 37. Juden und Jüdisches im Rundfunk Freitag, 15. Januar: Paris (1648). 12.45: Jü.ü-rhe Sendung, — Straßbüiag (349), 12.15: Mendel.-snlm: HochzciKiimrsch. — Bordeaux (309), 14.20: Mendelssohn: Kuy Blas. — Paris PTT. (431). 17.15: U.a. Mendelssohn: Scherzo. — Paris (1(548), 38.30: Riibinstem: Melodie. — Midland (296), 19: U. a. Mrmlcksohn. — Paris (432), 19: Schallplatten: Yen. Mcmihim. — Brüssel (322), 19.30: U. a. Lieder von Gustav Mahler. — Stockholm (426), 20.30: Mendelssohn: Konzert K-Moll iür Violine und Orchester. Sonnabend, 16. Januar: Luxemburg (1304), 13: Offenbach. —. Nimcs. (201), 13.50: U. a. Ottenbach. — Regional (342), 10: Korngokl: Suite. — Frag (470), 19.15: U.a. Meverbecr: Farkeitanz. — Wien (507), 19.45: Julius Isserlts (Klavier) spielt Chopin. — London (342), 20.30: Miiliaud: Cbri-aoph Cohirnbus. — Agen (360), 21.10: U. a. Ottenbach. — Radio Che (280), 21.45: WeiU: Aus der Drcigroschcnopcr. Sonntag, 17. Januar: Wien (507), 15.401 U. a. KammcrmusiK von Hans Gal; 17.5.": V. a. Ottenbach. — Budapest (550), 19: U.a. Lieder von Korn«..! 1. Maliler. — Wien (507), 19.10: U. a. Max Hansen, Paul Morgan. — Monte Ceneri (257), 20: U„ a. Ernst "loch, lfi.05: V. a. Richard Tauber (Schalk 19.25: l". a. Olfenbach. — Radio- Ltten, u. a. Brom» Walter dirigiert. U. a. Mendelssohn; Ouvcrture m Montag, 18. Januar: Wien (507 platten). — M.-t Ktrau (270). Paris (1648), 19.30: Sshalljd — Warschau (1330), 22: „Sommer nachLstraum". . I i ' 4 *, II Leo Hirsch: Joseph.wird nicht verkauft 3. Fortsetzung Sie ist sofort auf seine Einladung eingegangen, alles geschieht voller Selbstverständlichkeit, und da er sie bittet, nicht in die Küche zu gehen, bleibt sie hier, und doch bat er wohl nur, um ihren Anblick keine Minute zu entbehren. Bin ich eifersüchtig, da ich das spüre? Ich trinke ein wenig und fühle mich sogleich erquickt, und wie wenn es ein Theaterstück spannendster Art ist, Behe ich die beiden Abendbrot essen. Nicht daß der Russe mir mittlerweile beunruhigend vorkommt, aber ich ahne ungefähr, was sich da vor mir abspielt. Er erklärt ihr, es wäre mit Rücksieht auf mich wohl besser, wenn sie in der Küche äßen, und sie meint, dann würde man ihn vom Flur aus sogleich durch das Küchenfenster entdecken. Aber sie lächelt ihm seltsam zu, als sie das sagt, und wendet sich dann schmeichelnd an mich, ich hätte doch den ganzen Tag so allein liegen müssen, ja sie hat einen so bestrickenden Unterton in der Stimme, daß ich gleich gefangen bin, beglückt, daß sie mir Aufmerksamkeit schenkt. Dann schiebt sie ihm die Tasse Tee zu, bei ihnen zu Haus trinke man Tee aus Gläsern, sagt er und schiebt ihr die Tasse zurück, worauf sie einwendet, er habe doch Durst. Und Sie? fragt er. Nun trinken beide aus der Tasse, und mir fällt auf, wie bedenkenlos Fräulein Selma das tut, das gleiche Fräulein Selma, das sonst in solchen Dingen geradezu übermäßig heikel ist. Und die Brote sind kaum verzehrt, als sie aufhorcht, wir alle hören meine Mutter kommen, er müsse sich eiligst verslecken, flüstert Fräulein Selma, und er tut es nicht, bevor er ihr mit einem sehr tiefen „Danke" die Hand geküßt hat. Meine Mutter tritt ein, Fräulein Selma sitzt auf meinem Bett, als säße sie seit Stunden da, und als meine Mutter sich verwirrt umsieht: „Hier ist so eigenartige Luft — als ob jemand Fremdes im Zimmer wäre — •", da deckt Fräulein Selma mich noch sorglicher zu, ja, es wäre etwas abgestandene Zimmerluft, und öffnet das Fenster. Wie überlegen sie sich dabei bewegt, wie sie kein Wort zuviel spricht! Die Mutter legt mir ihre kühle, arbeitsharte Hand Buf die Stirn, es scheine mir besser zu gehen, murmelt sie, wie um sich selber gut zuzureden, und fragt mich, ob ich keinen Hunger hätte. Ich spüre, daß sie etwas hilflos ist. Vielleicht nur, um überhaupt etwas für mich zu tun, gibt sie mir ein Schlafpulver, trägt die Lampe, damit das Licht mich nicht blende, auf den Ofensims an der Glastür und schiebt Fräulein Selma einen Sessel dahin. Dann sitzt sie noch einige Minuten bei mir, gewiß um mir einschlafen ütt „helfen", und ich schließe die Augen. Aber ich höre sie noch leise fortgehen und Fräulein Selma zuflüstern: „Wollen Sie wirklich diese Nachtwache übernehmen?" Fräulein Selma findet das selbstverständlich, die Mutter wäre abgespannt genug und brauche ihre Kräfte morgen wer weiß wie nötig, während sie, Fräulein Selma, doch so jung wäre und es ihr gar nichts ausmache, ja wäre es nicht gescheiter, als eine Nacht durchzutanzen? Wer denke jetzt an Tanzen, sagt meine Mutter bekümmert, sie ist seit kurzem erst in Trauer um ihren ältesten Bruder, in Sorge um die andern, die in Frankreich und Rußland an der Front kämpfen, um den Vater, der bald Landsturmmann sein wird, um unser aller Leib und Leben, Hab und Gut, da die Russen „vor der Tür" stehen, und wissen Sie, flüstert sie, „daß man schon erzählt, es wären bereits russische Spione in der Stadt? Aber das kann man nicht glauben, nicht wahr, Fräulein Selma, wo doch so viele Tausende deutsche Soldaten hier durchkommen? Ich bin Ihnen sehr von Herzen dankbar, daß Sie sich nicht fürchten, diese Nacht hier bei dem Jungen zu bleiben. Morgen, so Gott will, wache ich. Obwohl der Arzt es nicht für nötig hält." Ich blinzle sie verstohlen an, als sie hinausgeht, der Lampenschein fällt gelb auf ihr Gesicht, das blaß, müde, welk, verfallen, voller Schatten ist. Bevor ich einschlafe, sehe ich noch einmal die Gesichter der beiden jungen Menschen. Der Schimmer des Lichtes vereinigt sie, die Schatten des Zimmers umgeben sie wie ein großer, dunkler Rahmen. Sie sind still, der Mann lächelt, seine Zähne blitzen, und seine Augen unter den schwarzen, geschwungenen Brauen haben einen feuchten Schimmer, während sich in jeder seiner Pupillen die Lampe spiegelt. Sein Gesicht ist schmal und edel, die Nase kühn, das Kinn noch jugendlich weich und doch schon stark, die Lippen wirken voll, da er lucholt, die Stirne hoch.. Fräulein Selma ist klein, ihre Wangen haben wieder den Abendrot- Anflug, ihre Augen scheinen geweitet, die dunklen Pupillen heiter erregt, alles voller Anmut. Seitdem weiß ich, warum die Liebespaare in den Romanen und Filmen und Theaterstücken immer schön sein müssen: weil sie Liebespaare sind, weil Liebe die Menschen schön macht, und besonders die unglückliche Liebe, und weil alles gut ist, wo wirklich Liebe ist. Auch mir wird es gut, da ich nun einschlafe, und besser, da ich aufwache, das Zimmer noch nachtdunkel ist und die Lampe nur ganz wenig Helligkeit verbreitet. Ich weiß nicht, ob es das kaum hörbare Kommen von Fräulein Seimas Füßen ist, das mich geweckt hat, denn ich sehe mehr als ich höre, wie sie die Glastür schließt. „Es ist alles still", sagt sie, „Sie können jetzt gehen." „Ich muß gehen", flüstert er, „es wird bald hell." Aber, er rührt sich noch nicht. „Sic werden uns nicht verraten", sagt Fräulein Selma ganz leise, aber sio sieht vor sich nieder. „Ich weiß nicht, ob ich heil durchkomme* „Wie lange brauchen Sie, bis Sit: wieder bei Uirei Truppe sind?" „Zwei Stunden." „Ich werde hier sitzen und so lange nncrü Osten seilen und denken... Bis ich fühle, Sio sind durch." „Wann darf ich wiederkommen?*' „Nach dem Krieg. Wenn wir noch leben." „Und wenn der Krieg sehr lange dauert,?"' „Ich werde warten." „Und wenn Sic nicht mehr in diesem Hause sind?* „Werden Sie mich suchen?" „Werden Sie so lange Vertrauen haben können? Es Isl doch so hoffnungslos. Ich bin Russe und Sie —" „Sie sind Jude. Sic dürfen uns heute nicht verraten. Aber Sie müssen immer Ihren Dienst machen. Wenn Sie Ihrer Truppe nicht treu sind, kann Ich Ihnen nicht vertrauen. Wenn —" Sie bricht erschrocken ab, weil er so trostlos aufseufzt, daß es auch mir ins Herz schneidet. Waa spricht sie zu ihm, was verlangt sie von ihm? Sie kennen einander kaum, und Fräulein .Selma hat kein Wort über sich selbst gesprochen. Alles ist nur auf ihn, auf diesen fremden Menschen, den russischen Soldaten konzentriert, von dem Fräulein Selma nur weiß, daß er Jude ist und daß er uns allen, auch ihr, feindlich sein müßte, denn eben darin spielt es keine Rolle, ob er Jude ist. Und auch nicht, daß sie Jüdin ist... wenn er wüßte, wer sie ist, wenn sie bedächte — ihre Mutter war eine russische Jüdin, sie war also selbst halb russisch, obwohl sie ihren Papieren, ihrer Sprache, ihrer Erziehung, ihrem Gefühl nach völlig uns gleich war. Hatte sie bedacht, daß sie diesen Fremden anzeigen, festhalten, ausliefern müßte? Daß sie alle, ihr Gefühl, ihre daß sie zugleich daran dachte, daß ein Nächster, ein können, hätte von am Abgrundrand sich selbst, ihre Sprache, ihre Erziehung Heimat verriet, da sio es nicht tat? Und des (deichen schuldig wurde, wenn sie nur ja an Stelle dieses Fremden ein Naher, Bruder ihrer Mutter hätte vor ihr stehen ihr ausgeliefert werden müssen, daß sie eines rettungslosen Wahnsinns stand. Und daß sie tatsächlich nicht und nichts verriet, indem sie nur wie nachtwandelnd unbewußt und unbedacht den Abgrund entlang ging, nicht an sich dachte, kein Wort von sich sprach, traumhaft sicher, das Unsinnigste und Heilloseste weitertrieb, das Doppelte, Zerrissene ihrer Abkunft nicht zur Kenntnis nahm, sich, trotzdem sie den Fremden schonte, zu schonen schien, seiner, Aufgabe keinen Vorschub leistete, ihn an der i

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