Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 4 (15.1.1937)
- Date
- 1937-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Mr. 4, 15.1.1937 Die Palästina-Aktion in Ungarn Von unserem Berichterstatter IN ALLER KURZE Das American Jewish Committee hielt in New flfork seine 30. Jahresversammlung ab. Bei der Neuwahl der leitenden Körperschaften des Committee wurde Dr. Cyrus Adler zum Präsidenten wiedergewählt. Ferner wurden Abraham I. Eiktts zum Ehrenvizepräsidenten, Irving Lehman und Louis E. Hirstein zu Vizepräsidenten, Samuel l). Leidesdorf zum Schatzmeister und Sol AI. Stroock zum Vorsitzenden der Exekutive gewählt. Die Oattin des Ehrenpräsidenten des American Joint Distribution Committee, Eelix M. W a r h u r g, spendete anläßlich des 50jährigen Jubiläums des Jewish Theological Seminary of America und anläßlich des 90. Geburtstages ihres verstorbenen Vaters, des berühmten Philanthropen Jakob Schiff, einen Betrag von 90 000 Dollar für die Zwecke des Seminars. In Wien fand die Generalversammlung des Bundes jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs statt. Nach lebhafter Aussprache wurde beschlossen, die Durchführung der Aktion zur Schaffung einer Einheitsfront der Juden Oesterreichs fortzusetzen und den Vollzugsausschuß im Einvernehmen mit dem Präsidium der Wiener Kultusgemeinde und allen jüdischen Parteien Oesterreichs zu konstituieren. Zum Bundesvorsitzenden wurde der bisherige Präsident, Hauptmann Edler von Frieclmann, wiedergewählt. Seine Stellvertreter sind Dipl.-Kaufmann Sliasny und Oberstabsarzt Fischer. Auf einer Sitzung des Zionistischen Zentralkomitees für Polen wurden nach einem Referat von Dr. K I c i n b a u m und eingehender Aussprache eine Reihe von Thesen einstimmig beschlossen, die der XII. zionistischen Landeskonferenz Polens torgelegt werden sollen. Der Termin der Landeskonferenz wurde für den IT und 15. Februar festgelegt Aus einer gerichtlichen Bekanntmachung in den „Bremer Nachrichten" geht hervor, dal! das Baumwollimporthaus S. L. Cohn <"> Sohn, das um 1630 gegründet worden ist, von seinem bisher i^en Inhaber in eine neue Gesellschaft „Baumwoll-1 landclsgesi lischaft m.b.H." eingebracht worden ist. Die Leitung: des neuen Unternehmens befindet sich in arischen Mauden. In Ulm sind die Firmen Saiomon Erlanger (Kleiderstoffe und Modewaren), L. M. Bern heim er (Kleiderstoffe, Koufekiion und Teppiche), Leopold liilb (Manufaklui waren), Kaufhaus Brüder Landauer, die Rat« hausdrogerie und das Damcnhüte-Gcschäft Ludwig L c v y in arischen Besitz übergegangen. Der berühmte Entdecker der Röntgentherapie, Prof. Leopold E r c u n d, hat vor vierzig Jahren zum ersten Male in der Wiener Acr/tcgcscll*chaft über die therapeutische Wirkung der Röntgenstrahlen Bericht erstattet. Anläßlich dieses Jubiläums wuiile Prof. freund hei einer Festsitzung der \X ii ner Aerzte^escllschaft in besonderer Weise geehrt. Der Vorsitzende, I lof rat EiseNberg, beglückwünschte in seiner Rede Prof, Freund zu seiner großen Entdeckung. Am 11. Januar wurde in Kopenhagen eine für zwei Tage anberaumte Konferenz tler Rabbiner aus den vier skandinavischen Ländern unter dem Vorsitz des Kopenhagener Uberrabbiners Dr. Friediger eröffnet. Der Rat der christliehen Kirchengemeinden der Städte und des Kreises von Manchester und Salford hat an alle jüdischen Bürger des Kreises eine von dem Präsidenten des Rates, dem Bischof von Manehester, und dem Vizepräsidenten, Rev. Ernest 1 lamson, unterzeichnete Freundschaftskundgebung gerichtet und sie dem Rabbiner der Großen Synagoge von Manchester, I. A b r a h a m s, zugesandt. Im Alter von 62 Jahren ist in Chicago BrigAidegeneral Abel Dawis an Lungenentzündung gestorben. General Dawis, der im bürgerlichen Leben als Rechtsanwalt, Finanzier und aktiver Mitarbeiter an jüdischen Wohlfahrtsunternehmungen seiir bekannt war, diente 1916 als Major an der mexikanischen Grenze und später in Frankreich als Oberst des 132. Infanterie-Regiments. Zum Brigadegeneral befördert, übernahm er das Kommando der 66. Infanteriebrigade. In seinem 73. Lebensjahre starb in Prag Prof. I>. Moritz. Winternitz, einer der bedeutendsten Indologcn und Ethnologen, der als Gelehrter Weltruf genoß. Sein eigentliches Gebiet war die Sanskrit-Forschung. Er genoß als tiner der besten Kenner des Sanskrit auch in Indien Verehrung. Zu dem indischen Dichter Rabiudranath Tagore unterhielt er bi-. zuletzt freundschaftliche Beziehungen. In Debrecen starb plötzlich der Oberrnbbiner der dortigen St.ittis-<pio-Genieinde, Dr. Samuel Schlesinger, in seinen] 53. Lebensjahre. Seiner Anregung ist die Entstehung des JütlUcncn Gymnasiums in Debrecen zu danken, dessen geistiger Leiter er über 20 Jahre lang war. 1 he ä I t e s t e Synagoge in I i o I 1 a n d, die aus dem 17. Jahrhundert stammt, ist geschlossen worden. Die Synagoge gebor! der asehkcna»isi-hen Gemeinde m Rotterdam. Sic besitzt als besondere Eigentümlichkeit einen Glockenturm. Die Schließung erfolgte, weil die Mehrzahl der <iemeindemitg'ieder in andere Stadtteile \ cm Rotterdam verzogen sind, wo eine neue Synagoge erbaut werden soll. Budapest, 11. Januar Die Palästina-Aktion der ungarischen Juri enheit unter dem etwas komplizierten Namen „Verein zur Unterstützung von palästinensischen und anderen Ansicdlungen ungarischer Israeliten" nimmt in den diese Woche erschienenen jüdischen Blättern einen breiten Raum ein. Im offiziellen Organ der Gemeinde führt Dr. Josef Patai in einem längeren Artikel seinen schon in der „Jüdischen Rundschau" ausgesprochenen Standpunkt aus, der in den Schlußworten gipfelt: „Ob auf diesem oder jenem Wege: die Hauptsache bleibt, daß statt der Diskussionen nunmehr die Arbeit folge: die Arbeit für Palästina." Auch Dr, Julius M i k 1 f> s, der Vorsitzende des Zionistenverbandes, bleibt seiner in der „Jüd. Rundschau" dargelegten Anschauung treu; er sieht in der neuen Vereinigung eine antizionistische Demonstration. Dagegen macht L. F o d o r aus Hatvan, ein führender Zionist, darauf aufmerksam, daß jede Palästina- Arbeit volle Hingabe an die Sache, keine Halbheiten verlange. Deshalb werde die Initiative Hofrats Stern nur dann erfolgreich genannt werden können, „wenn sie auch das jüdisch-hebräische Erziehungswerk, die Organisierung der Hachscharah, die Errichtung von landwirtschaftlichen schulen und Ausbildungsstellen, sowie die statutarische Unterstützung der nationalen Fonds in ihr Programm aufnehmen und der Verwirklichung näherführen werde." Unter der Ucberschrift: „Der erste Vortrag über Palästina im ungarischen Rundfunk" befassen sich die Budapester Blätter, wie uns von dort geschrieben wird, in längeren Berichten mit dem Radio-Vortrag des jungen Dr. Rafael Patai, des ersten Dr. phil. der Hebräischen Universität. Für die nichtjüdische Ocffeutlichkcit bestimmt gab der Türken gegen Araber Von unserem Korrespondenten K, Paris, 12. Januar Anläßlich der Anwesenheit der Völkerbundskommission im Sandschak von Alcxandrette ist es dort zu heftigen Manifestationen der türkischen Bevölkerung einerseits, die die Unabhängigkeit des Sandschaks forderten, und der arabischen Bevölkerung andererseits, die den Anschluß an Syrien verlangten, gekommen. Es kam zwischen beiden Parteien zu heftigen Schlägereien, wobei die Araber Verstärkung von seiten der Fellachen aus der Umgebung erhielten. Schließlich griff die französische Truppe ein und trieb die Menge energisch auseinander. Augenblicklich herrscht wieder Ruhe. In Antiochien demonstrierte die Alcnge unter den Rufen: „Es lebe Frankreich und Syrien". Unterdessen ist es den Bemühungen der französischen Diplomatie gelungen, eine gewisse Entspannung der Beziehungen zur Türkei herbeizuführen. Die Türkei hat jetzt durch den Außenminister Rustu Aras ihre Forderungen definiert: 1. Unabhängigkeit des autonomen Sandschak; 2. Einbeziehung des Sandschak in das französische Bündnis mit Syrien und dem Libanon; 3. Entmilitarisicrung des Sandschak; 4. Verpachtung eines Teiles des Hafens von Alcxandrette an die Türkei. Mit Ausnahme des ersten Punktes ist Frankreich bereit, der Türkei /weitgehende Konzessionen zu machen. Der ftrkisehe Außenminister ist von Ankara, wo er noch zuletzt eine ausführliche Besprechung mit dem Präsidenten Atatürk hatte, nach Genf abgereist und mau siebt in der Tatsache, daß die Türkei weiter in Genf verhandelt, «ine wesentliche Entspannung der Atmosphäre. Es ist möglich, daß der türkische Außenminister wieder nach Paris kommt, um dort mit der französischen Regierung erneut direkt Fühlung zu nehmen. Gemäß einer United Press-Meldung aus Paris erklärte der Führeer der syrischen Delegation in Paris, Ihsan Bey Dschabri, Syrien werde niemals auf Alcxandrette verzichten. Er schlage aber einen ßcvölkerungsau statisch nach dem Aluster der griechisch-türkischen Umsiedlung von 1924 vor. „Nichts Gutes zu erwarten" Warschau, 11. Januar. (JTA.) Der Agudahführer Dr. Isaac Breuer, der vor kurzem von der Kg!. Kommission vernommen wurde, referierte in einer agudistischen Massenversammlung im Warschauer Scala-Theater, an der auch die Führer der Agudah in Polen teilnahmen, über Palästinafragen. Zu den Verhandlungen der Kgl. Kommission bemerkte der Redner, daß die Juden von der Kommission leider nichts Gutes zu erwarten härten. Die englische Regierung habe die Kommission nach Palästina entsandt, um die Araber zu beruhigen, und das mache die eigentümliche Beziehung der Kommissionsmitglieder zu den Vertretern der Juden und die an sie gerichteten Fragen erklärlich. Vortragende, ein glänzender Sprecher, ein verklärtes, trofzdent realistisch-überzeugendes Bild des Heiligen Landes. In der Generalversammlung der Pester Israelitischen Gemeinde vom 10. Januar, in der der Haushaltsetat für 1937 in der Höhe von insgesamt Pg. 4 327 000 einstimmig verabschiedet wurde, kam auch das Verhältnis zwischen der Gemeinde und den Zionisten zur Sprache. Im Anschluß an das ausführliche Referat des Vorsitzenden Hofrat Stern, der eine Programmrede für die Gemeinde hielt, appellierte in der Debatte der Reichsratabgeordnete Bela Fabian an die Zionisten, sie mögen nicht durch ihre Propaganda den Anschein einer Separation erwecken. Der zionistische Redner, Rechtsanwalt Ludwig Ostern, protestierte dagegen, daß die Gegenseite auch jetzt noch gelegentlich Andeutungen mache, die als Verdächtigung der Zionisten aufgefaßt werden können. Er führte aus, daß die Zionisten in Ungarn sowie in anderen Ländern in Krieg und Frieden als volle Patrioten ihre Pflicht tun. Die „separaten" Ziele, die sie bezüglich; Palästina verfolgen, seien in den Notwendigkeiten des jüdischen Schicksals begründet. Durch die zionistische Tätigkeit sei es zum Beispiel möglich geworden, in den letzten Jahren 60000 Juden aus Deutschland eine nette Heimat zu schaffen. Die Rede Osterns wurde zwar häufig durch Zwischenrufe unterbrochen, machte aber doch einen großen Eindruck auf die Versammlung. Der andere zionistische Redner, R.-A. Dr. Nissan K a h a n, betonte die Notwendigkeit einer Reform des Gemeindewahlrechtes. Die weiteren Redner, Dr. Burges, Dr. E. Petö, Reichstagsabgeordneter Dr. Johann Vaszonyi und Prof. Dr. M. Richtmann, treten vor allem für Harmonie in der Gemeinde ein. Dr. A. F. Behördenangestellte und jüdische Geschäfte Die „Frankfurter Zeitung" vom 14. 1. berichtet: Einem Angestellten der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung, der seit 1929 beschäftigt war, wurde zu Ende Alärz diesen Jahres fristgemäß gekündigt, weil er in einem Fall, wo er als Außenbeamter bei einem jüdischen Geschäftsinhaber Erkundigungen einziehen sollte, sich als unzuverlässig erwiesen habe. Gegen diese Kündigung hatte der Angestellte die Widerrufsklage angestrengt mit der Begründung, die Kündigung sei für ihn eine unbillige Flärte, da er eine dreiköpfige Familie und seine Schwiegermutter zu unterhalten habe. In der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht schilderte der Vertreter der Rcichsanstalt die Gründe für die Entlassung des Klägers. Dieser habe bei dem jüdischen Geschäftsinhaber Erkundigungen darüber einziehen sollen, weshalb acht Arbeitslose, die die Reichsanstalt ihm zugeschickt hatte, nicht eingestellt, sondern abgewiesen worden seien. Bei .dieser Gelegenheit habe der Kläger dem Geschäftsinhaber gegenüber geäußert, er wolle sich schon lange eine kleine Weckeruhr zulegen. Der Inhaber habe ihm daraufhin eine Uhr aus seinem Laden angeboten, mit der Bemerkung, über den Preis werde man sieh schon einigen. Der Kläger habe die Uhr mitgenommen, ohne sie zu bezahlen oder sich nach dem Preise zu erkundigen. Diese Uhr sei dann von ihm zwei Tage später wieder zurückgebracht worden, nachdem er von dem Leiter seines Amtes wegen dieses Vorfalls zur Rede gestellt worden sei. Obwohl sich der Angestellte damit entschuldigte, er habe nicht gewußt, daß er es mit einer jüdischen Firma zu tun habe, und die sofortige Bezahlung deswegen unterlassen habe, weil er sich erst von dem richtigen Gehen der Uhr habe überzeugen wollen, vertrat die Beklagte den Standpunkt, daß eine Reichsbehörde einen solchen Angestellten nicht länger beschäftigen könne, da er gegen die nationalsozialistischen Grundsätze verstoßen habe. Die Klage wurde von dem Gericht mit der Begründung abgewiesen, daß ein Bchördenangestellter im nationalsozialistischen Staate nicht in jüdischen Geschäften kaufen dürfe, vor allem nicht im Anschluß an eine Amtshandlung. Die Ausrede, der Kläger habe das Geschäft nicht als jüdisches erkannt, sei unglaubhaft. Außerdem hätte ihn die Bemerkung des Geschäftsinhabers, daß man sich über den Preis schon einigen werde, darauf aufmerksam machen müssen, daß ihm als Angestellter der Reichsanstalt ein billigerer Preis in Rechnung gestellt werden solle. Die Annahme eines solchen Sondervorteiles sei aber eines Behördenangestellten unwürdig. Aus all diesen Gründen könne daher die Kündigung nicht als unbillig hart bezeichnet werden. Der Verleger Charles E. Bloch, New York, Leiter des bekannten Verlages Bloch Publishing Co., der im Jahre 1854 in Cincinnati gegründet wurde, feierte kürzlich seinen 75. Geburtstag. ßeridit von einer Theater-Reise Im grollen Kursaal in G e n f gab's eine lustige Trauerfeier, Die Föderation der Artisten ehrte in großartig-unsentinientaliseher Manier, wie sie den Könnern des Grünen Wagens eignet, in einer Zirkus-Nachtvorstellung einen ihrer großen Toten: den phänomenalen Verwandlungskünstler Leopold F r e g o i i. War dieser italienischer Jude, der in einem Stück dessen sämtliche sechzehn Rollen spielte, nicht auch ein großer Schauspieler? Max Nordau, der ihn in Paris sah und begeistert beschrieb, hielt ihn dafür. Brahm wollte ihn, als Fregoli in Berlin gastierte, für den „Narziß" engagieren; aber als Antwort hörte er die Frage: „Wie viele Rollen können Sie mir in dem Stück anbieten?" Die heutige Generation kannte den Namen wohl nur noch als Begriff, und ahnte nicht, daß Fregoli noch lebte. Die Theaterwelt war höchst überrascht, neulich bei seinem Tod daran erinnert zu werden, daß dieser Einmalige anscheinend zu den seltenen großen Menschen gehörte, die auf dem Gipfel ihres Wcltruhms sich das starke Herz bewahrt haben, um mitten in Glanz und Applaus abzutreten und Jahrzehnte noch als anonyme Privatmenschen weiterzuleben. * In Marseille: Theaterskandal um ein merkwürdiges Stück. „La Ca v alicre Elsa" von MacOrlan. Lisa Grünberg, ein Judenniädehen aus Odessa, wird im Jahre 1950 eine neue, eine russische Heilige Johanna sein; freilich nicht kraft ihrer Sendung, sondern als Faktor eines sehr realen strategischen Plans. Die Jungfrau Elsa wird vom Generalissimus der russischen Armee mit „mystischen Kräften" ausgestattet, damit sie, eine Heilige, dem schwerfällig gewordenen Koloß der Millionen einen neuen Impuls einhauche, einen neuen kämpferischen Elan, auf weißem Roß der Dampfwalze vorausreite — nach Paris. Zunächst verläuft alles programmgemäß. Einige hundert Kilometer vor Paris empfängt Lisa die französischen Parlamentäre zu Waffenstillstandsverhandlungen. Hier gelingt es einem jungen Offizier, in dem Heldcnmädchen den Eros zu wecken; aber auch die Neugierde. Elsa läßt sich überreden, in Zivil — mit einem Schrankkoffer voll Vormittags-, Tee- und Abendkleidern — Paris zu besuchen und sich dort, unter Führung jenes Leutnants, die Zeugen einer „untergangsreifen bürgerlichen Kultur" anzusehen. Und Elsa ist begeistert von Paris — und das Abendland wird von ihr, die es zerstören wollte, gerettet. Die Tendenz der Komödie wird schlagkräftig über politische Untiefen und über ironisch besonnte Hügel vorgetragen. Wo sich im heutigen Frankreich die Geister scheiden, ist unschwer zu erraten. Beachtlich ist immerhin, daß sich anscheinend die Kirche das Stück gefallen lälit (denn die „Cavaüere Elsa" könnte sehr wohl als mißliebige Nachbildung der heiliggesprochenen Pucelie aufgefaßt werden); während die Sowjetfreunde Stinkbomben werfen. In Paris, im Theätre Gymnase, Uraufführung des 25. Stücks von Henry Bernstein: „Le Voyage". Abermals: moderner Ibsen, mit fröhlich aufgesteckten Lichtern; eine _ Seelenkomödie innerhalb einer dreieckigen Liebesgeschichte; von dem populärsten Könner der heutigen französischen Bühne brillant aufgerollt. Der Bernstein-Sieg hatte diesmal stark demonstrativen Beiklang — gegen Edouard Bourdet, dem neuen Direktor der Comecfie Francaise, dem man vorwirft, er hintertreibe an der repräsentativen Staatsbühne die Uraufführung von Bernsteins „Judith". Das Drama ist bereits vor zwei Jahren von Botirdcfs Vorgänger erworben worden, jedoch wird die Inszenierung immer wieder hinausgeschoben. Seit Wochen wird beherzt gekämpft: für und gegen Bernstein, gegen und für Bourdet. In der Presse liest man Erklärungen, Proteste, Offene Briefe, Beschwichtigungen; ziemlich laut wird von antisemitischen Tendenzen gesprochen, während Bourdet soeben diesen Unterstellungen energisch entgegentritt. Jedenfalls: im Theätre Gymnase wird in jeder Vorstellung vom Publikum für Bernstein demonstriert, während in der Comedie Francaise von den Rängen Flugzettel ins Parkett wirbeln mit der Frage: Wo bleibt „Judith"? Von Ferdinand Bruckner wird im Pariser avantgardistischen Theater l'Oeuvre ein Napoleon-Drama vorbereitet, das gleichzeitig in London (mit Peter Lorre als Bonaparte) herauskommen wird. Merkwürdig: auch hier wieder, wie damals bei Bruckners „Elisabeth", eine Duplizität. Es ist ein Drama um den privaten, man möchte sagen: den zivilen Napoleon; die Geschichte der Scheidung von Josephine. Liest man das Buch und sieht dann das Drama „Napoleon Unique" von Paul Raynal, der jetzt in Paris läuft, so entdeckt man in der Tat eine frappierende Aehnüchkeit der Linienführung; auch Raynals Napoleon ist der private Bonaparte, der sich von Josephine zu lösen sucht fn der Pariser Avenue de I'Opdra: das Theaterbüro der Weltausstellung, die überhaupt zwischen Montmartre und Montparnasse ihre Strahlen vorauswirft (während draußen auf den Champs de Mars das unübersehbare Ausstellungs- Areal auf- und umgebuddclt wird). Man erfährt, daß in dem pompösen Freilichttheater Reinhardt den „Sommernachtstraum" inszenieren wird; Dirigent der Mendelssohn-Partitur: Bruno Walter. Erik Charell wird im Thcatre Pigalle eine neue Benatzky-Operette herausbringen: „Die Lichter von Paris". Von Oscar Straus steht die in Berlin schon bekannte „Marietta" auf dem Programm (mit Fritzi Massary). Richard Tauber, Gitta Alpar, Ilse Bois, Felix Bressart, Mischa Spoliansky, Werner Richard Heymann, Paul Abraham sind groß gedruckte Namen auf den Weltausstellungs-Affichen und in den prächtig ausgestatteten Prospekten. Auch ein „jüdische s" Stück ist angekündigt: „Le petit David", die französische Fassung (yon Achard) des englischen „Knaben David" von Sir James Barrie. Die Bergner-Rolle spielt Simone Simon (in Deutschland als Partnerin Harry Baun in dem Film „Schwarze Augen." bekannt). Prosper«