Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 3 (12.1.1937)
- Date
- 1937-01-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3,12. 1.1937 JnDlSCHF RUNDSCHAU Seife 7 Ohel-Premiere: 99 KREIDEKREIS" Radio in Palästina Von unserem Sonderberichterstatter K L., Jerusalem, im De/.embcr Eine der neuen Errungenschaften Palästinas, die in diesem Jahre entstanden sind, ist das Radio. Die Jcnisalemer Sendestation wurde wenige Tage vor Ausbruch der Unruhen eröffnet, und sie gewann in dieser Zeit besondere Bedeutung sowohl für die Landbevölkerung wie auch besonders für Jerusalem, wo das Radio infolge des Curfew lange Zeit die einzige Abendunterhaltung darstellte. Das Interesse an dieser Hinrichtung ist daher sehr stark gewachsen. Die Zahl der ständigen Radiohörcr in Palastina wird heute auf etwa 80 000 geschätzt; über 20 000 Zulassungsscheine sind ausgestellt, die pro Jahr £ 1/2 kosten. Zur Zeit der Eröffnung der Sendestation waren etwa 6000 Scheine vorhanden. Diese Entwicklung ist recht günstig, zumal wenn man bedenkt, daß eine in den Anfangen steckende Station es mit einem zum Teil schon sehr verwöhnten Publikum zu tun hat. Die Zahl der Kollcktivhörer ist sehr groß, besonders auf dem Lande in den Kibhuziin. An der Spitze der Sendestation, ihren technische Anlagen sich in Ramallah befinden, weil die Sendebedingungen in Jerusalem weniger günstig sind, stellt ein Engländer. Der erste Leiter soli ziemlich stark unter dem Einfluß arabischer Kreise gestanden haben. Seit kurzein ist ein neuer Direktor im Amt, der unter anderem in Amerika gearbeitet hat und ein sehr starkes Interesse an der sachlichen Entwicklung des Radios besitzt, insbesondere auch im Hinblick auf den richtigen Kontakt mit dem Publikum. An der Spitze der jüdischen h^w. r'"' ».iHcriipn Stunde stehen besondere I eher. Die A u f n a h m e r a 11 m e bciniuen sieh in einem ehemaligen Hotclgeb.iude in Jerusalem, sollen jedoch später in den Postneubau überführt werden. Sie enthalten zwei Studios, die akustisch einigermaßen für diesen Zweck hergerichtet sind. In dem großen Studio, das auch für Konzerte und Aufführungen ausreicht, ist ein ganz modernes, freischwingendes Mikrophon aufgestellt. Die Tonreguiieruug erfolgt durch eine besondere Apparatur im Studio, so daß der Ton bereits sendereif nach Ramallah geleitet wird. In der Zeit des Streiks mußte naturgemäß an dieser Stelle mit Arabern kooperiert werden. Die arabischen Beamten traten wohl deshalb nicht zurück, weil sie annahmen, mit Hilfe des Radios der arabischen Sache etwas nützen zu können. Auf jüdischer Seite gab es Stimmen, die verlangten, man solle die Musik in tler Unruhezeit überhaupt einstellen. In der Presse wurde sogar gefordert, die hebräische Stunde ganz zu schließen. Bei einer Abstimmung unter den Mitgliedern der Kncsseih Jisrael zeigte es sich jedoch, daß die Mehrheit — besonders der ländlichen Vertreter — für Weiterarbeit war, da mau spürte, daß die hebräische Sendung in dieser Zeit seelisch wertvoll war. Man bemühte sich ja auch, durch geeignete Eitcralurauswahl u. ä. ermutigend zu wirken. Was die B e z i e Ii u n g / u m P 11 b I i k 11 m anbelangt, so ist diese in der hebräischen Stunde verhältnismäßig eng; dies gilt besonders von der Kinderstuude. Dagegen reagiert das arabische Publikum wenig, was zum Teil daran liegen map, daß unter den Hörern zahlreiche Analphabeten sind. Die Presse beider Gruppen dagegen beschäftigt sich mit dem Radio regelmäßig. Der Nachrichtendienst, der in dieser Zeit besonders wichtig ist, wird zum Teil von der Regierung geliefert. Die Sendeleitungen der einzelnen Stunden haben sodann das Recht, weitere Nachrichten hinzuzufügen, die dem besonderen Intercsscnkrcis der betreffenden Gruppe entsprechen. Die Vortragstätigkeit der hebräischen Stunde leidet darunter, daß Mangel an Plauderern und Reiseberichterstattern bei uns besteht. Es gibt zwar sehr gute populärwissenschaftliche Vorträge, die aber vielfach etwas zu schwer sind. Fachliche Vorträge für die Landwirtschaft werden ge- T e I - A w i w, Anfang Januar 1937 Die Bearbeitung des Stückes — durch Friedrich Lobe, übersetzt von Lea üoidberg — greift weit mehr, ja fast ausschließlich, auf das Klabundsche .Manuskript zurück als auf das chinesische Original, trotzdem dies in den in der palästinensischen Presse vor der Premiere erschienenen Artikeln in Abrede gestellt wird. Wie bei Klabmul — der bekanntlich diese chinesische Legende aus dem 11. Jahrhundert erst biihneufähig machte und ihr in mehreren Ländern zu außerordentlichem Erfolg verhalf — verzichtet man hier auf die Szene im Hause der Frau Tscbang, übernimmt jedoch dafür den von Klabund völlig frei erfundenen Teehaus-Akt, für den es im Original keinerlei Vorlage gibt und der bei Klabund wie im „Olicl" ein Drittel der (icsamtauffülmmgsA'it in Anspruch nimmt. Man hält sich völlig an die Haiidlungs- und Auftrittsfolge dieses Bildes, die gleichen Figuren erscheinen, die Klabund erfand, und man benutzt größtenteils dessen Text. Auch im weiteren Verlauf macht man ausgiebigsten Gebrauch von seiner Arbei', so weitgehend, daß man auch die Fehler mit übernimmt, die Klabuml als Verstöße gegen chinesische Lebensform oder Landcsbräuche seinerzeit bereits nachgewiesen waren. Was bleibt, sind — an sieh mit Geschick und Routine besorgte —■ dramaturgische Streichungen, Zusammcu/ieltimgcn oder, vom Ganzen her betrachtet, unwesentliche Acnderungen, die dem Zuschauer recht gleichgültig sind. Denn ob Dao dem Range nach Gouverneur und überrichier bleibt (wie im Original) oder Prinz und späterer Kaiser ist (wie bei Klabund), ist im Grunde ebenso unwichtig wie die Rückverlegung des Prozesses aus dem Kaiserpalast in den Gerichtssnal. Das Ideologische der Figur Paos (die einzige Rolle, die überhaupt, mit Klabund verglichen, wesentlich umgebaut wurde) ist ein mixtum compositum aus Klabund und Original. Man läßt ihm zwar den lyrischen Auftritt im Tcehaus-Akt, läßt ihn aber am Schluß des Stückes (wie im Original) abtreten, legentlich von jüdischer Sei'e gehalfen. Daneben vcr.-msfa'tct die Regierungsabteilung derartige Vorträge, die für die Fellachen geeignet sein mögen, jedoch ni.ht für die jüdischen Landwirte. Auf diesem Gebiete müßte eine viel stärkere Differenzierung eintreten. Das Gebiet der Reportage wurde erst zweimal betreten, und zwar mit einer Schilderung von der Ankunft des Negus sowie mit einer Reportage von der Eröffnungssitzung der Königlichen Kommission. Ein I I ö r s p i e I wurde bisher einmal aufgeführt. Es fehlen die geeigneten hebräischen Sprecher, die am Rundfunk auftreten können. Einige aus Deutschland eingewanderte Schattspieler sprechen zwar technisch gut, können aber noch zu wenig hebräisch. Man arbeitet jetzt an der Vorbereitung eines Hörspiels, das von Laien gesprochen wird, deren sprachlicher Ausdruck nicht so starr ist. Besonders wichtig ist naturgemäß die musikalische Abteilung. An Opern hat man sieh noch riebt herangewagt, dagegen wurde ein Oratorium aufgeführt. Die englische Abteilung bringt Musik mit den jeweiligen Originalsprachtevten. Besonders groß ist das Verlangen des Publikums nach jüdischer Musik. Ein eigenes Stammorchester und ein kleines Ensemble stehen ständig zur Verfügung. In der arabischen Stunde existiert kein belehrender Teil. Die Grenze zwischen religiös-nationalen und historisch-wissenschaftlichen Themen ist hier verwischt. In diesem Rahmen bewegt sieh auch die Stellungnahme zu aktuellen Zeitfragen. Im Lande gibt es auch keine arabische Wissenschaftler von Rang. Das Sehwergewicht des Programms liegt auf dem Gebiet des Korans und all dessen, was mit ihm zusammenhängt. Ganz hervorragend ist die arabische Musik ohne daß er sich mit Hai-Tang vermählt. — Wir bedauern sie deshalb, denn sie bleibt mit ihrem Kind allein. — Die lyrische und mystische Liebesbeziehung, die Klabund in dieses Märchen hineinbrachte, wird so zerstört, ohne hierdurch etwas zu gewinnen. Denn der Versuch, die Legende ins „Ernsthafte" oder „Reale" abbiegen zu wollen, heißt sie mit einer Bedeutung beschweren, die zu gewichtig ist. An „Gegenwartsbe/jehurig" ist deswegen nicht mehr oder weniger vorhanden, als aus jeder guten Label heraus zu lesen ist, zumal dann, wenn sie mensch'ieiicn Betrug' und Uiiwahrhaftigkt.it anprangert. Was an „sozialen Momenten" etwa hineinzulegen war, hat Klabund bereits besorgt. Das Spielniveau der Aufführung unter Lobes Regie war ein gutes. Frau B a r k a i t h als I L i-Tang entwickelt Ton, Blick und Gebärde besonders im zwei en und vierten Bild, während sie im Anfang ein wenig marionettenhaft wirkt. Der Pao Tzechovals zeichnet sich durch Ernst und Anstand aus, während es ihm - laut der dramaturgischen Vorschrift — nicht gestaltet ist, den Charme des Liebhabers zu entwickeln. Cnaani ist ein überlebensgroßer Mandarin Ma und anfänglich richtig der „böse Manu" aus dem Märchen. Wie bei Klabund tritt er, den auf den Papiernaraveut gezeichneten Kreidekreis durchbrechend, auf. Auch hier ist er als „rücksichtsloser Ausbeuter und Kapitalst hinge -.teilt, aber durch Hai-Tangs Güte vollkommen umgewandelt". S i I b e r g, Arasi und Serubabel zeichnen hübsche Karikaturen. Frau Kasteianitz und das übrige Ensemble taten ihr Bestes. Die im ganzen recht gelungene Dekoration des Malers Aroeh wirkt besonders im zweiten Bild (Haus des Ma) sehr ansprechend. Die I lehersel/iuig nutzt ticschi.-kt die Forinscliönheit, die wir hu klassischen Hebräisch finden, um sie für Analogien zum „blumigen- Chinesisch zu verwerten. Die Bühnenmusik Lavris mit chinesischen Motiven und unter Verwendung von Gong, Trommel und Flöle fugt sich dem Ganzen ebenso gut ein wie die von (icitrml Kraus arrangierten Tanze der Uhmieiini.ii!' hei. M a 11 f r e d Geis vertreten, die von hiesigen Musikern wie von Gästen aus Aegypten, Transjordanien und dem Irak gespielt wird. Gerade hierin hat die arabische Stunde Vorzügliches geleistet. Die Zahl der Mitwirkenden ist bei den Arabern nur gering. Manche Künstler treten zwei- bis dreimal pro Woche auf. Dagegen verfügt die bebräisthe Stunde über eine sehr große Auswahl von Mitwirkenden, so dal! im Durchschnitt ein Künstler nur einmal im Vierteljahr vor <ias Mikrophon tritt. Das palästinensische Radio steht naturgemäß noch durchaus am Anfang seiner Entwicklung, und es hat mit zahlreichen technischen, geistigen und nicht zuletzt politischen Hemmungen zu kämpfen. Dennoch vermag es allmählich ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung des Landes zu werden, der unsere volle Aufmerksamkeit beansprucht. Ankunft jemenitischer Waisenkinder Die Ankunft der ersten Gruppe jüdischer Waisenkinder aus leinen wird diese Woche in Paliistina erwartet. Ihre Einwanderung erfolgt auf Sonderzertifikate, die von dem von Henrietta Szokl geleiteten Jugend-Departement beschafft wurden, das bisher seine Tätigkeit nur auf Jugendalijah aus Deutschland beschränkt hatte. Die Auswanderung jüdischer Waisenkinder aus Jemen ist besonders dringlich, da durch ein jemenitisches Gesetz alle im Lande verbleibenden jüdischen Waisen gezwungen werden, zum Flam überzutreten. (Schluß des Palästina-Teils) Leo Hirsch: Joseph wird nicht verkauft 2. Forlset/nn K Und Fräulein Selma öffnet die GlastUr. Fräulein Sclma hat sich unbündin beeilt, mir etwas zu trinken zu bringen, Fräulein Sclma hat sieh unbändig bemüht, alles im mir Versiiumte wieder gutzumachen, Fräulein Sclma hat sieh selbst übertreffen, um in der anmutigsten Lautlosigkeit auf den Zehenspitzen herauf und herein zu kommen, Fräulein Selma ist nichts als Güte, nichts als Eifer, und auf ihren pfirsich-rundlichen Wangen steht ihr guter Eifer in dem lieblichsten Rosaion geschrieben, als sie die Glastür öffnet, dos Gins mit Zitronenwasser fast fallen lii'U und sieh doch großartig beherrscht, um mit zitternder Stimme den Eindringlins 7,11 fragen: „Was wollen Sie hier?" Der Mann hat im Augenblick, da sie die Glastür öffnete, alle Farbe verloren, er ist totenblaß, und sein herrlieh tiefes Fachen ist im Nu abgebrochen wie ein glitzernder, Sonnenlicht sprühender Eiszapfen, wenn man auf die Dachrinne schlügt, aber auch nur für einen Augenblick, denn kaum daß sie ihre Frage getan hat, dröhnt es wieder los, dies tiefe f.neben, seine großen, prachtvollen, weißen Zähne leuchten, und schon lacht Fräulein Selma mit, und ich ha!>c das Gefühl, was Krieg, was Hussen, was Fliehen, was Krankheit, nun ist alles gut! Fräulein Selma kommt um das Bett herum, zwängt sich behutsam zwischen dem Mann und dem Stuhl mit meinen Sachen hindurch, stellt mir das Glas auf den Nachttisch und wendet sieh, nachdem sie es mir zum Trinken pereicht und ich (was brauche ich noch zu trinken, alles ist gut) den Kopf geschüttelt habe, wieder dem Fremden zu: „Was suchen Sie hier?" „Krankenbesuch", antwortet or, nun nur noch lächelnd. „Wer sind Sie?" Fräulein Selma mustert ihn und, in plötzlichem Erschrecken, ehe er Zeit gefunden hat, klug ausweichend zu antworten: „Ein russischer — Soldat —?" Jetzt ist sie ganz blaß, und ihre Gedanken fahren auch mir durch den Kopf, ganz namenlos bange wird uns: ein russischer Soldat steht vor uns, so weit ist es schon, wir sind verloren, dieser lächelnde Mensch ist unser Todesbote, unser Würgeengel, was sollen wir nur tun, alles ist verloren, dabei ist alles so märchcnnrli<j unglaubhaft, unten über die Straße marschieren doch noch Hunderte und Tausende unserer Soldaten, und hier oben, in Großmutter» Zimmer, wo ich krank liege, steht ein Russe und lächelt, da muß etwas geschehen, man müßte eine Waffe haben, einfach losknallen, um Himmels willen, nur nicht den Verstand verlieren, und all diese Gedanken bat Fräulein Selma wie in eine Bombe zusammengeballt, die sie nun dem Russen in einem einzigen Wort vor die Füße wirft: „Spion!" „Patrouille", sagt sehr sachlich und nun sehr höflich, sehr kühl lächelnd der Russe. „Also doch Spion!" Fräulein Selma Ist so hitzig, wie ich sie noch nie habe sprechen hören, und auch ihre Wangen sind ennz rot. „Doch Patrouille, —- wenn Sie erlauben." Mich prickelt's acradezu, solch einen W""ts(reit zu hören, diese tolle Situation mitzuerleben, die alles bisher Gelesene und Gespielte in Sehalten stellt, nur «laß ich fürchte, ieh träume das vielleicht bloß, und daß ich spüre, es ist noch etwas Ungesagtes, mir Unsagbares und viel prickelnder Streitendes zwischen den beiden Menschen, eben weil sie jetzt schweigen und Fräulein Selma sieh völlig zu ändern seheint, bis sie ganz, tonlos, mit einem Mitschwingen von Teilnahme und Traurigkeit, fragt, während ihre Hand über ihre Stirn streicht und sie sich matt auf mein Bett setzt: ,,Und wns haben Sie hier zu patrouillieren?" Der Russe lehnt sieh uns Fensterbrett, auch er scheint verändert, er lächelt nicht mehr, seine Augen sind «lanzlos, die weißen Zähne zwischen den ganz, schmal gewordenen Lippen kaum noch sichtbar, mit der gleichen Geste wie Fräulein .Selma, ja als wäre er ihr Bruder, streicht er sich über die Siirne und antwortet, noch tief, doch müde und heiser: „Ich, bin hierher geflohen. Ich bin durch die Wälder hergeritten, ohne daß man mich sah. Ich kam an die Stadt, als es dunkel wurde. Ieh ließ mein Pferd auf der Wiese vor dem Anfang dieser Straße. Ich ging die Straße entlang, und plötzlich merkte ich, daß mein Mantel oben offen war. Der oberste Knopf war aufgegangen, und zwischen den hochgeschlagenen Revers mußte man meine Uniform erkennen können. Ich spürte plötzlich, daß Augen mich ansahen. Ich weiß nicht, wessen Augen. Ich trat nur ganz schnell ins nächste Haus und raste die Treppen hinauf bis ins höchste Stockwerk. Da stand eine Korridortür offen. Ich dachte, wie für mich geöffnet, sprang hinein und schloß sie. In der Küche war mir's zu unsicher. Ich fand wieder eine Tür offen, dieses Zimmer, eine Katze — dies kranke Kind. Das ist alles. Wenn Sie mich anzeigen und ausliefern wollen, »rclien Sie, bitte, rasch. Ich verspreche Ihnen, hier zu warten. Ich werde alles tun, was Sie wünschen." Fräulein Selma hat kein Auge von ihm gelassen. Sie ist wieder blaß. Sie steht schwerfällig auf, schiebt mir das Glas näher, geht wortlos an ihm vorüber, zur Glastür, durch die Küche, hinunter. Der Mann steht, ohne sieh zu regen, am Fenster. L)ie Soldaten unten seheinen eiliger als am Tage zu marschieren, aber die Sekunden hier oben scheinen nicht von der Stolle zu rücken. Ich höre die Kirchturmuhr sieben schlagen. Dann ist es wieder ganz still. Eine Fliege summt an der Glastür und schweigt plötzlich auch. Fräulein Selma kommt wieder, mit leisen Schritten und doch schweren Füßen, sie öffnet dio Glastür, tritt aber nicht ins Zimmer und flüstert: „Wenn Sie jetzt gehen wollen — — ich zeige Ihnen einen Weg durch die Gasse, wo kein Mensch ist. Sie werden unbehelligt aus der Stadt kommen. Kur Lifte ich Sie, gehen Sie gleich aus der Stadt und zu Ihren Leuten zurück. Machen Sie die Alicen zu und sehen Sie nichts und melden Sie nichts. Ich bitte Sic —" „Ich bin im Dienst. Man hat mir befohlen —" „Hier alles auszukundschaften? Damit mor«en die Russen in die Stadt können? Oder heute nneht noch? Und uns alle morden, ausplündern? Dazu helfen Sie? Das wollen Sie?" „Befehl — Dienst — Krieg —" „Ich bitte Sic doch nicht, die Unwahrheit m melden. Sie sollen nur nichts sehen und sagen, daß Sie nichts gesehen haben. Und wenn Sie etwas sehen wollen, dann schon Sie aui diesen Jungen. Er ist todkrank, er kann nicht weggeschafft werden. Seinetwegen ist seine Mutter hiergeblieben. Haben Sic keine Mutter? Bitte, gehen Sie." „Ich möchte Sie nicht täuschen. Ich darf nicht so zurückkommen. Wenn ein Mensch wie kh auf Patrouille geschickt wird, dann muß er seinen Befehl ausführen oder er darf nicht lebend zurückkommen. Komme, ich so, dann halt man mich für einen Verräter und hängt mich am nächster» Baum auf. Ich bin Jude, da wird kurzer Prozeß gemacht." „Wir sind auch Juden. Sie wollen unser Blut vergießen." „Ich will - " Er lacht sehr heiser. Dabei rührt er sich nicht. „Kommen Sie", sagt Fräulein Sclma. „der Junge muß Ruhe halien." „Ich werde ganz ruhi» sein. Ich werde gehen. Nur ein Glas Wasser will ich noch Irinken." „Warten Sie. Ich bringe Ihnen etwas. Und dann gehen Sie bestimmt?" Er antwortet nicht. Sie geht leise in die Küthe, aber ich höre weder, daß sie ein Glas ans dem Schrank nimmt noch daß sie Wasser einlaufen läßt. Jetzt ist die Stille ganz, beklommen. Selbst die Flieste wagt nicht zu summen. Ich habe unendlichen Durst und getraue mich nicht zu trinken. Das Atmen füllt mir v, iedor schwer. Ich weiß nicht, was mich bedrückt, aber selbst diu Luft lastet auf mir. Und als nach einer nicht enderm ollcr.den Weile Fräulein Sclma wiederkehrt, stellt sie ein Tablett mit belegten Broten, einer Tasse und einer Kanne Tee auf den Tisch und sagt: „Sie können jetzt nicht gehen. Auf der Treppe sind Soldaten, im Hausflur .Soldaten, auf der Straße, überall Soldaten, liier ist zu esson und zu trinken. Sic müssen sich aber beeilen. Unten wird noch Abendbrot gemessen, dann kommt die Frau herauf, dem Jungen gute Nacht sagen. Dann muß ich Sie verstecken. Später lasse ich Sie heraus. Ich habe unten gesagt, daß ich hier hei dem Jungen Abendbrot essen werde. Ich werde auch die Nacht hier wachen. Ich bin ja jung —" fügt sie unsicher hinzu. Ich habe sio nie in solchem Zustand gesehen. Ich weiß rocht, daß das Liehe ist, und sie selbst, weiß es nicht. Wie in schlafwandlerischer Sicherheit tut sie umsichtig das Tollste und Gefährlichste, und in ihrer Bedachtheit für ihn fehlt ihr jeder, auch der kleinste Zug einer Tat für sich. Dies alles ist so auf die knappste Zeit bestimmt, daß alles übliche Vorspiel von Sprödigkeit, Koketterie, Laune und Werbung keinen Lcbensruum mehr findet in der eisernen Wucht des großen, sachlichen Geschehens, alles Gefühl bleibt unbewußt und uneingestanden, und ebensowenig wie ich wissen diese beiden Menschen, was sie spielen. Weder ihm noch ihr noch mir fällt ein, unnatürlich, schamlos oder raffiniert zu finden, daß ich nur der Vorwand bin, damit sie den Russen retten kann, noch trügerisch zu finden, daß sie ihn verhindert, seinen Befehl zu erfüllen, nein, wie eine Heldin sehe ich sie, wie die Retterin unserer Stadt, meine Augen schmerzen mich und werden doch nicht müde, sie anzusehen, die ich immer nur klein, hübsch, unbedeutend, dienstbeflissen hinterm Ladentisch sah, und auch der Russe, der sehr ernst geworden ist, hat kein Au^e von ihr gelassen und ladet sio ernst ein, das Abendbrot mit ihm zu (eilen. „Ich hole nur noch eine Tasseaus der Köche." (Fortsetzung folgt) 1