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Jüdische Rundschau · 1937-01-08 · Heft 2 (8.1.1937) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 2 (8.1.1937)
Date
1937-01-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 2, 8.1.1937 Eine jüdische Kulturstätte Die Amsterdamer Gemeinde Von unserem Berichterstatter RL. Den Haag, Ende Dezember 1036 Der neue Oberrabbiner, L. H. S a r! o u i s, wurde durch den Vorsitzenden des synagogalcn Ressorts, A. Asseher, feierlich in sein Amt eingeführt. Zugegen waren Vertreter der Gemeindeverwaltung der Stadt, des Heeres, der Marine und der Polizei, ferner Oberrabbiner und Rabbiner aus dem ganzen Lande sowie Vertreter verschiedener christlicher Kirchengemeinden. Der neue Oberrabbiner wies in seiner Antrittsrede auf das Werk des aus Krakau nach Amsterdam gekommenen Dr. J. H. Dünner hin, der nach einer luterimszeit von 36 Jahren Oberrabbiner von Amsterdam wurde und hier grundlegende Aufbauarbeit für das hollandische Judentum geleistet hat. Jetzt habe sich das Amsterdamsche Judentum verdoppelt und über die ganze Stadt verstreut, es gäbe ein großes Judenleid und viel Gleichgültigkeit dem Judentum gegenüber. Er fühle sich, so sagte Oberrabbiner Sarlouis, vor allem als Diener der Amsterdamer jüdischen Gemeinde, deren alten Ruhm in der ganzen Welt er erhalten und, wenn möglich, vermehren wolle. An den würdigen fcinführungsakt schloß sich ein feierlicher Gottesdienst. Gelegentlich des Cbaitukkah-Festes wurde in der Amsterdamer Synagoge ein besonderer Gottesdienst für die Juden aus Deutschland abgehalten, bei dem More I. L. Seeligmann eine Predigt teils in holländischer teils in deutscher Sprache hielt. Die Niederländisch-Israelitische Gemeinde Amsterdam zählte am 31. Dezember I<)'35 ft-l 385 Mitglieder gegenüber 65 323 im Vorjahre. Die Zahl der Geburten betrug 792, die der Zuziehenden 22<Mi, wahrend 3237 aus der Gemeinde fortzogen. Es wurden 434 religiöse Eheschließungen und 13 Scheidungen vollzogen. Die Rcligionsscbtileii der Gemeinde wiesen im Jahre l')33 einen Besuch von Kill Schülern auf. Der Besuch ztigte einen Rückfalls» gegenüber der Zahl von 1721 Schillern im Jahre l<)34. Die Schätzung der Einnahmen aus Beiträgen von 2Ä0()(X) dulden wurde mit einer Mehrchmahrne von rund 15 IHK) Gulden überschritten. Dagegen ergab das Jahr l'Kio ein Defizit, so daß für das kommende Jahr der Voranschlag der Ausgaben herabgesetzt werden mußte. Das Komitee für junge jüdische Arbeitslose konnte kürzlich ein Heim eröffnen, in dem vor allem auch.durch Fach- und Sprachkurse für die Eortbildung der Jugendlichen gesorgt werden so!!. Judenfeindliche Ausschreitungen bei Bialystok In der (»rtschaft Czy/cw im Kreis Bialystok ist es zu schwtien iiuleiileiiidiicheii AusSwhrciUingcn gekommen. Zahlreiche Juden wurden schwer verletzt. Sämtliche jüdischen Geschäfte blieben nach dem pogromartigeii l 'eberfall geschlossen. 30 Teilnehmer an dem l'ogtom wurden verhaftet. .Man glaubt, daß es sich bei diesen Ausschreitungen um einen Rär in akt der Natiuiialdemokralcti gehandelt hat, die darüber aufgebracht waren, dal'» zwei fuhrende naiioualJetnokratische Agitatoren aus C/yzcw ins Konzentrationslager gebracht worden waren. Der bei den Ausschreitungen in Czy/cw schwerverwundete Selig J e 11 i ii ist seine n V e r I e 1z u u g e n e r 1 e g e n. Zwei weitere Schwerverletzte, Lippe W e i n b r u tt n und Cbaim J a b o k o w s k i. wurden aus dem Krankenhaus von Czyzew nach Warschau überführt. Im Gegensatz zu den anderen Hochschulen in Polen bleibt die Universität W i I n a auf Grund eines Beschlusses des akademischen Senats auch nach Beendigung der Weibnachtsferien geschlossen, da keine Gewähr riafür bestellt, daß die judenfeindlieheii Unruhen an dieser Hochschule sich nicht wieder erneuern. Auf Anordnung des Oberbürgermeisters ist in Dresden der an den Neumarkt angrenzende Jüdcnhof in Neumarkt umbenannt worden. Im Aller von 4(> Jahren ist in Budapest der Publizist und Kunsthistoriker Gez.a Feleky von Magyarfelek gestorben. Im Alter von 73 Jahren ist in Budapest Wilhelm Kolui, einer der ältesten Zionisten Ungarns, gestorben. Die neuen Sammlungen des Jüdischen Museums in Budapest Von unserem Berichterstatter Das Ungarisch- Jüdische Landesmuseu m, das sein neues Heim vor vier Jahren in jenem Kulturpalais der Pester Isr. Gemeinde bezog, das an Stelle von Theodor Herzls Geburtshaus errichtet wurde, hat zu Chanukkah einen weiteren Schritt seiner Vorwärtsentwicklung zu verzeichnen. In den Räumen der II. Etage, in denen bisher die Jüdische Genieindebibliothek untergebracht war, wurden jetzt zwei neue Sammlungen: die sog. Historische Gemäldegalerie sowie der Oedenksaal I s a k Perlmutter eröffnet. Perlmutter war einer der ausgezeichnetsten Maler des neueren Ungarns, dessen Gemälde in zahlreichen Ausstellungen des Auslandes mit ersten Preisen prämiiert, dessen Selbstporträt vpn den Uffizien angefordert wurde. In seiner Kunst allen „Ismen" abhold, Vertreter des edlen, malerischen Effekts, war er auch als Mensch ein edler, vornehmer Charakter, der sein nicht unbeträchtliches Vermögen der Pester Isr. Gemeinde, zum Viertel aber dem Museum vermachte. Aus Pietät für den Wohltäter wurde nun eine Reihe seiner Meisterwerke — von der kundigen Hand der Tochter geordnet — zur Aufstellung gebracht. Wir sahen das herrliche Selbstbildnis des Künstlers, die mit Liebe gezeichneten Porträts seiner Frau, seiner Tochter, seines um Budapest verdienten Großvaters, eine Parklandschaft, das Heim Pcrlmuttcrs, mehrere Stilleben und Interieurs; von seinen holländischen Bildern die mehrfach ausgezeichneten „Sonntagsbesuch" und „Dorfgassc", außerdem mehrere Aquarelle und Zeichnungen aus verschiedenen Epochen seines Schaffens. Die erwähnte Historische Galerie ist bestrebt, in ihren Reihen malerische oder plastische Konterfeis jener verstorbenen Männer des ungarischen Israel zw sammeln, die sich Jugend-Alijah und Agudah Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah teilt uns mit: Zwischen der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah, Bcrlin-Charlottcnburg, und der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, Frankfurt a. M., ist soeben ein A b - kommen getroffen worden, gemäß dem die Durchführung der agudistischen Jugend-Alijah durch die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah bzw. durch die Jüdische Jugendhilfe mit übernommen worden ist. Der Vertrag ist auf das Bestreben zurückzuführen, daß einerseits die Arbeitsgemeinschaft für Kinder-' und Jugend- Alijah sich bemüht, ihre Arbeit in völlig überparteilicher Weise zu gestalten, während es auf der anderen Seite die Agudah im Interesse ihrer eigenen Jugend-Alijah für ratsam hält, sich den zentralen Jugend-AIijali-Instanzen anzuschließen und nicht einen gesonderten Apparat dafür ins Leben zu rufen. Der Vertrag sichert der Agudah in allen religiösen und Erziehungsfragen für ihre eigene Jugend-Alijah vollständige Autonomie; ebenso ist die Agudas Jisroel selbständig in bezug auf die Unterbringung der Jugendlichen in Erez. Israel, für die natürlich die allgemeinen Bestimmungen der Jugend-Alijah gelten. :' Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugend-Alijah wird sich auf Grund dieser Abmachung von nun an ebenso an agudistischc wie auch an alle anderen Kreise wenden und erwartet, daß die Förderung ihrer Arbeiten nun auch von dieser Seite her in weitestem Maße erfolgen wird. Künftige Zuwendungen für die agudistische Jugend-Alijah sind mit dem Vermerk „Für agudistische Jugend-Alijah" zu versehen. Diese Gelder finden dann ausschließlich für die agudistische Jugend-Alijah Verwendung. * Mit diesem Abkommen wird der Versuch organisatorischer Zusammenarbeit einer führenden jüdischen Institution mit auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen und jüdischen Lebens Verdienste erworben haben. So finden wir u. a. Bilder, Reliefs und Statuen der Staatsmänner Väzsonyi, Vadasz, Horn, der üemeindeleiter und Philanthropen Wahr mann, H i r s c Ii l e r, Barone H a t v a n y, Kohner, B r 6 d y, der Rabbiner L. Löv, Lob Schwab, C h o r i n, D. Kohn und Kayserling, der Schulengründer Szoffer, Asz. 6d, Akiba E g e r, Isr. H i I d e s h e i m e r, der Professoren Bacher, Bloch, Ooldziher, Kaufmann, Kar man, Alexander, der bedeutendsten Mediziner und Juristen des Landes, der Künstler, Dichter und Schauspieler. Eine Wand im Vorraum haben wir aus Dankbarkeit jenen nichtjüdischen! ungarischen Politikern gewidmet, die die Emanzipation und Rezeption der Juden gefördert und unter Dach gebracht haben. Die Größen unserer Geschichte, denen die Erneuerung) des Judentums, besonders der Aufbau Palästinas zu danken ist, sind im Hauptsaal des Museums selbst stilvoll zu« sammcngestcllt. Herzls berühmter Struck-Stich auf Seidö bildet das Mittelstück der Sammlung, daneben eine Plakette Nord aus, Bilder seiner Familienmitglieder, ein ärztlicheg Attest in ungarischer Sprache von seiner Hand, Bildnisse der Barone Hirsch und E. Rothschild, Montefiorca ergänzen das Bild und rufen nach dem längst geplanten Hcrzl-Denkmal an diesem Orte. Eine temporäre Bereicherung erhielten die Sammlungen durch die Ausstellung von einigen hundert Photographicia aus Italien, die der Oberfiskal der Gemeinde, Dr. E. Mun» kacsz von seinen Reisen mitgebracht hat. Wir lernen die! Ghctti und Katakomben, die Synagogen und Friedhöfe, die» Kunstschätze Roms, Venedigs, Firenzcs, Livoruos, Venosast kennen, aber auch die einzigartigen Kostbarkeiten der dortigem Bibliotheken, des Vatikans, die farbenprächtigen Illuminationen der mittelalterlichen Codices mit ihren interessanter* Darstellungen jüdischen Lebens und jüdischer Gestalten, di« hier wohl zum erstenmal öffentlich gezeigt werden. Dr. A. FJ der Agudah auf einem wichtigen Gebiet unternommen. Di» „Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendalijah", deren Ziel es ist, junge Menschen nach Palästina zu bringen, diQ sich durch produktive Arbeit am Aufbau Erez Israels beteiligen wollen, kann die Durchführung der agiidistischcni Jugendalijah mit übernehmen, ohne dadurch von ihrem bisherigen Zier abzugehen. Die Zuteilung von Zertifikaten an die agudistische Jugendalijah richtet sich nach dem jeweils geltenden Prozentsatz, nach dem die Agcncy der Agudah' Zertifikate abtritt. — Aus dem Abkommen ergibt sich, daß in der zentralen Frage der religiösen Erziehung die Agudah völlig autonom bleibt; in allen anderen Fragen, insbesondere in bezug auf die Auswahl der Jugendlichen, auf die Auswahl der Unterbringiingsorte, auf die Lernmöglichkeiten, auf die Hygiene usw. gelten für die agudistische Jugendalijah) die gleichen Bedingungen wie für die allgemeine JugcncW alijah. Es ist zu hoffen, daß dieser Versuch der Zusammen« arbeit positiv ausgehen wird. Hebräische Sprachschule Breslau. Kurse für Sprache?, Bibel, Mischna, Agadah, mittelalterliche und neue Literatur« sowie neue Anfänger-Kurse für Erwachsene und Jugendliche, Vorbesprechung am 12. Januar für Jugendliche um 18 Uhr# für Erwachsene um lu Uhr, Wallstr. 14, Zimmer 4. Anmeldungen Dienstag bis Donnerstag von 19—lO'/i. oder tclepho» nisch Montag und Mittwoch von 11—12 Uhr (85496). Sprechstunde des Herrn Reznicov Mittwoch von 17—18 Uhr, WalH Straße 14. Berichtigung, In dem Artikel von Dr. Franz Meyer „Vor* schau auf L937s in Nr. 1, letzter Satz, des drittletzten Absatzes, befindet sieh eine sinnstöreiide Auslassung. Der Satz muß richtig heißen: Hieraus würde sich eine sinngemäße Dezentralisierung ergeben, die allerdings nur durchgeführt werden kann, wenn die Frage des Zusammenschlusses und -seiner Grenzen nicht als politische Machtfrage empfunden wird. (Das „nicht" fehlte im Text.) Leo Hirsch: Joseph wird nicht verkauft 1. Fortsetzung Das Drohnen wird wieder starker, kurzatmiger in den immer rascher auieinander folgenden, ruckarligen Erschütterungen und Hinter nai hlialk nil im Mit- und Nachbeben des donnernden Dnihnens der alten Häuser unserer kleinstädtisch schmalen Strafe, und ich höre heraus, daß die Geschütze mit Motorwagen transportiert werden, es müssen, denke ich, Kolosse von Motoren sein, und dazwischen sicherlieh auch die m rieht igen Lii-akraftwagen, auf denen oben Mensehen und Materialien verpackt sind und die unten einen großen Schubkasten mit Proviant hüben. Viele, jetzt scheint mir: unendliche Wochen vorher, als diese Armee noch im Vormarsch gegen Warschau hei uns vorüber kam, hatten solche Wagen einmal einen ganzen Tag lang imf unserem Marktplatz, gestanden, wir Jungen natürlich drum herum, und ein Fahrer, ich entsinne mich noch seiner funkelnagelneuen grauen Uniform, halte diesen Kasten da unten geöffnet und uns kleine, runde, braune Stücke herruisgeluiigt; das war Zwieback, wir nannten ihn eisernen Rat iunszwiehack oder Aut«Zwieback, denn er war hart und zilhnebrccherisch wie Eisen und schmeckte nach einer Mischung von Gnrnichts mit Benzin, das hrilM, daß er uns herrlich mundete, denn mnn konnte vom Mittag bis zum Vesperbrot an einem Stückchen kauen, und Autos und Henzin und soviel Soldaten und Krieg waren uns vollends märchenhaft neu und schön. Aber jetzt, da ich im Bett liege wie angeschmiedet und da mir der Zwiebackgeschmaek wieder auf die Zunge kommt, da ich denke, ob jener freigebige Fahrer auch wieder unter den Vorüberkommenden und ob sein Feldgrau noch immer so fein säuberlich sein mag, wird mir allmählich immer unheimlicher, denn plötzlich stehen ullo Iliiuser still, es scheint ganz ruhig zu sein, kein Hufgetrappel, kein MotordrOhncn, kein Marsch- Rcdonner ist mehr zu hören, nur noch ein leises Flitzen. Da bin ich gnnz. überwach und voller Grauen. Wenn jetz.t alles so still ist, denke ich mit aller Anstrengung, meine Sinne und meinen Verstand klar zu halten, dann sind alle Soldaten vorüber, die ganze Zivilbevölkerung ist mit ihnen fort, sicherlich habe ich überhört, wie sie flohen, wie hört sich Fliehen überhaupt un, ich habe, werfe ich mir vor, gewiß so leidenschaftlich darauf gehorcht, was für Truppenteile vorbeizogen, daß ich alles übrige überhörte, und nun, nun liege ich hier, vielleicht das letzte, einzige noch lebende Wesen in der verlassenen Stadt, man hat mich an die Russen verkauft, man hat mich vergessen, man hat mich allein hiergelassen, die Russen werden jeden Augenblick hereinkommen, in Horden wie nach Ostpreußen damals, zwei, drei Monate vorher, vor Tannenberg, Kosaken auf kleinen Pferdchen mit wilden Barten und Rituberaugen und gräßlichen Peitschen mit zwanzig Riemen, mit hundert Riemen, aber wenn schon mein Vater und meine Mutter und der Großvater und mein Bruder mich in der Eile der Flucht ganz vergessen konnten, meine Schwester, die kleine, sechsjährige, von der wir doch gleich nucli ihrer Geburt ausgemacht hatten, daß sie meine und nicht meines Bruders Schwester sein, daß er ein anderes Schwesterchen bekommen sollte, was allerdings nicht mehr geschah, aber nieine Schwester, wie konnte meine Schwester mich vergessen? Sicherlieh, nun waren sie alle fort, vielleicht, buk! in Breslau am Ilauptbahnhof, sie hatten ja Sonderzüge, und es lohnte sich nicht mehr, aus dem Bett herausz.ukrauchen, es war doch schon zu spät, alles war verloren, ich war vergossen oder verkauft worden, die Häuser waren ja still, die Wände rührten sieh nicht mehr, das Pflaster war verstummt, die Straße tot, nur dies seltsame Flitz.cn, was mochte das nur für ein Flitzen sein? Nun begriff ich, was das für ein Flitzen war, und wollte es nicht glauben, wollte es lieber für eine Sinnestäuschung, für eine Fata Morgana des Gehörs halten, um dann nicht noch einmal noch entsetzlicher am verzweifeln. Und als ich mir schließlich eingestand, daß das Flitzen das Geräusch zahlloser Fahrräder war und daß eine Radfahrkolonne nach der anderen vorbeifuhr, ja als die Radier ein Soldatenlied zu pfeifen anfingen, und es gibt ja nichts Ermutigenderes als solch einen irischen Pfeifchor auf Rädern, da waren bald die letzten vorbei, von neuem kamen Infantericre<?imenter, ein Vorgesetzter befahl zu singen, ich hörte die Musikzüge herauf, die Offiziere zu Pferde, die Stockungen, die Häuser hielten dann den Atem an, um von neuem zu zittern, wenn alles wieder in Schritt kam. Einmal hörto ich die hello, freundlich laute Stimme meiner Mutter, die Fräulein Selma, unser Dienstmädchen Hanusia und meine kleine Schwester zu Ifilte rief, um den gerade vor dem Hause haltenden Soldaten schnell einen heißen Trunk und einen Imbiß zu reichen, und die in ihrer Naivität gerade den erstbesten Gefreiten fragte: „Ihr werdet uns doch nicht den Russen überlassen?" Mir war heiß, als wenn ich seit dem Morgen in der Wüste gelegen hätte, der Sonne ausgesetzt, aber sobald ich mich nur röhren wollte, schüttelte mich der Frost, und doch war ich beruhigt, es war noch nicht soweit, ununterbrochen marschierten, radelten, fuhren und ritten die Soldaten noch durch unsere Straße, deutsche Soldaten, noch keine Russen, und noch lachte meine Mutter, noch waren alle da, Die Häuser dröhnten, das Pfefferkuehenpflaster hallte wider, die Wände warfen die Geräusche wieder zurück, ich gewöhnte mich daran, das Dröhnen schläferte mich ein, der ferne, selten hörbare Kanonendonner sehreckte mich nicht auf, mein Schlafengel hatte die schweren Infanteriesliefcl an, aber er kam doch, er tat doch ein wenig Schlaf, so behutsam es »einen klammen IlBnden noch möglich war, auf meine Augen, die es so grenzenlos müde waren, immer aiff den Stuhl mit meinen Kleidern und dem gepackten kleinen Rucksack zu schielen und doch den Blick nirgends sonst hinwenden konnten, als waren sie gebannt. Sie schlössen sich, und halb im Schlafe nur hörte ich noch Fräulein Seimas Schritte, die leise» kamen und gleich wieder und noch leiser sich entfernten, ohne daß sie, aus Rücksicht oder Fahrig* keit, die Glastür «irr Küche und die Flurtür schloß. Sehr wohlig müde war ich und völlig trnumlos, es waren die schönsten Sekunden oder die seligsten Stunden der» ganzen Zeit, und noch heute spüre ich diese dämmernd«* Seligkeit, noch heute weiß ich nicht, wde lange ich so* wunschlos und kaum im Tiefsten mehr meiner bewußt dalag». Nur eins weiß ich noch und klarer als manches andere, was urir in viel späteren Jahren widerfahren sollte. Ieli spürte mit einem Malo eine nicht allzu schwere, aber doch) atembeklenunende Lost auf meiner Brust. Mit einer müden« ärgerlichen Traurigkeit, daß nun alles vorüber wäre, öffnete ich die Augen, die ein wenig schmerzten und doch nichts einmal schlafverklebt waren; so wenig Schlafkörnor hatta mein gestiefelter Engel mir in die Augen gestreut. Zuerst war ich vor Freude beinahegerührt, weil es unsere alte, graue Katze war, die auf meiner Brust sali. Ich wollte sie ein bißchen herunterritcken, weil sie mich doch drückte und mir den Atem nah in, aber sie saß sehr fest auf der Decke über meiner Brust, und ich war zu schwach, um sie weg« zustoßen, wohl auch zu froh, daß sie die Gelegenheit der offenen Türen benutzt hatte, um mich zu besuchen, wahrend] meine kleine Schwester gewiß mit den anderen Nachbar* kindern und meinem Bmdor irgendwo Krieg spielte, sie war dann immer Krankenschwester, oder den .Soldaten Gaben brachte oder beim Gewchrputz.en oder Zwiebackessen half. Unten knm nun wohl ein Schub Train vorüber, es begann schon zu dämmern, und unsere alte Katze saß mir auf de» Brust, dicht vor meinem Gesicht und seufzte wie ein krankes Kind. Erschüttert guckte ich ihr in die Augen und sah sie weinen. Ich wollte es zuerst nicht glauben, ich sah näher hin, und sie weinte, Sie weinte dicke, große, schlei« mige Tränen, die ihr langsam und glibberig aus den trostlos offenen Augen tropften und dicht vor mir auf meine weiße Bettdecke fielen. Ich dachte, eine Katze kann doch nicht weinen, vielleicht hat sie nur schlimme Augen. Und wieder tropfton dicke, große, glibberige Tränen auf meine Decke. Der Tag ging zu Ende, aber es war noch hell genug, daß ich ganz scharf sehen konnte, wie die Katze, die mir auf der Brust saß, auf meine weiße Decke dicke, große, schleimige Trüneti weinte. Nun meinte ich, sie wäre doch! sehr alt und verlöre ihr Augenlicht. Es war Augenlicht, dos sie weinte, nicht klare, hello Trünen, die Augen tropften ihr weg und fielen tropfenweise auf meine Decke. Das Grauen fiberschauerte mich, es kroch mir über die: Haut meines Körpers von der Stirnwurzel bis in die Fußsohlen, Ich wollte mich vor dem Anblick unter die Docke verkriechen, aber ich konnte mich nicht rühren, so fesfc saß mir die erblindende Katze auf der Brust, und wenn ich es versucht hatte, wttrde ich es ans Furcht vor der qualligen Masse auf der Decke nicht gewagt hoben, um von dem rinnenden Augenlicht nicht berührt eu werden. Ich versuchte, die Augen zu schließen, um mir den Anblick z»

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