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Jüdische Rundschau · 1937-01-08 · Heft 2 (8.1.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 2 (8.1.1937)
Date
1937-01-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2, 8.1.1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Der Dichter des „Waldjuden" Zum 50. Geburtstag von Josef Opatosdiu Josef Opatosdiu oder Opatowski, wie er noch in seiner polnisch-jüdischen Heimatstadt Mlawa, wo er am 1. Januar 1887 geboren wurde, hieß, ist eine der größten epischen Begabungen in der modernen jiddischen Literatur. Für seinen dichterischen Werdegang, für die Gestaltung seiner künstlerischen Individualität ist Amerika, wohin er kaum zwanzigjährig zu Beginn des Jahres 1907 kam, von ausschlaggebender Bedeutung geworden. Hier sah er sich auf einmal mitten in eine Welt konkretester Wirklichkeit hineingestellt, in eine Welt voller Dynamik, voll von strotzenden Kräften und überschüssigen Energien. Noch brodelte es machtig in dem amerikanischen Schtnclzkcssei. Breit strömten immer neue Einwanderermassen in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ein Oemisch von Kassen und Völkern. Hier sah Opatosdiu eine Menschheit, die schwer um ihr Leben rang. Diese Welt in ihrer schäumenden Mannigfaltigkeit und fieberhaften Bewegtheit ergriff ihn mit elementarer Wucht und gab seiner Dichtung ihre eigene Note. Bei Opatosdiu kommt nicht jene Tendenz zum Konkreten, Diessci igen, die Abneigung zur Wcltfiucht und Verdammung des Fleisches, das was etwa Ma\ Brod einmal als das „Dies- Josei Opatoxnu seitswunder" bezeichnet hat, Polo. ArcIllv kräftig zum Durchbruch. Opatosdiu ist Dynamiker und sein Grundgefühl ist der Kampf in allen seinen Formen und Lebensäußerungen. Daher fand er auch wenig Geschmack an dem mehr rhetorischen und pathetischen Lyrismus mit häufigen Weltfluchtsmotiven, die die Dichtung eines großen Teiles seiner amerikanischen Zeitgenossen in der jiddischen Literatur aufzuweisen hatte. Er floh nicht vor der Wirklichkeit in die Einsamkeit der Dichterstube, um etwa dort an dem pastoralcn Idyll vergangener Städtchen-Romantik weiterzuspiiinen. Er stieg in das Leben hinab, spürte ihm in all seinen Regungen und Acußeruiigen und seinen widerstrebenden Kräften und Impulsen nach und versuchte es zu meistern. Daher sind seine Menschen, die Flelden seiner Erzählungen keine kränklichen, abgekämpften, gebrochenen Typen, sondern Tat- Menschen, die mit beiden Füßen auf dem Boden der Wirklichkeit stehen, Vollblutcharaktcre, Muskelhclden, irdisch, voller Leidenschaft, rauh und elementar zugleich. Sicher sind es meistens entwurzelte Menschen, traditionslos, aber dafür in ihrer Art kernig, ungebrochen, grobschlächtig, die ihr ureigenes Leben leben, in einer konkreten und realen Welt. So sind sie alle, die Sams, Morrisse, die Sorochs, die Kradniks und alle anderen Typen seiner Erzählungen wie „Fun Nju-Jorker geto", „A roman fun a ferd-ganew", „Saloon", „Morris un sein sun fiiip". Schon in seinen ersten Dichtungen, besonders aber in denen der späteren Epoche, hatte Opatosdiu den klaren und sicheren Blick für das Ganze, für das Leben in seiner mannigfaltigen Totalität, in seinen Höhen und Niederungen. Er sah das große einigende Band, die Kontinuität, die durch das klinstierische Schaffen aller Zeiten geht und den wahren Künstler, den musischen Menschen von Tieute mit dem geistigen Erbe der nie abgeschlossenen und stillstehenden Vergangenheit bindet. Denn wahre Kunst hat nicht nur ihr Heute, sondern ebenso ein Gestern und ein Morgen, sofern sie auf dem aufgewühlten Boden der Zeiten und Geschlechter entsteht. Und Opatosdiu weiß, daß wahre Kunst nur aus der innersten, tiefen Not der Menschen geboren wird. Er weiß daher, daß jedem großen Schaffen ein Ringen des Menschen, als der in dieser Welt hineingestellten Kreatur, um Erlösung und Befreiung vorangeht. Ist auch die Gegenwart manchmal düster und auswegslos, so leuchtet ihr ein Stern der Erlösung aus der weiten oder nahen Vergangenheit herüber. Es gilt dann nur in die Tiefe geschichtlichen Erlebens hinabzusteigen, auf die Stimme der Vergangenheit zu lauschen und ihren Sinn richtig zu deuten. Und ob Geschichte und geschichtliche Ablaufe jemals sinnvoll sein können, dann doch nur insofern, daß wir aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen. Dieses Streben nach einer Zeitverhundenheit zwischen dem Einst und Jetzt beherrschte Opatosdiu besonders in den schweren Jahren des Krieges. Die Welt schien damals aus den Angeln gehoben zu sein und war bis in ihre Fundamente aufgerührt. Die geistige und materielle Verwüstung war groß. Die Menschheit blutete, gleich dein Messias, der in den Toren Roms sitzt und seine Schwären auf- und zubindet, aus allen Wunden und wartete auf den befreienden Rut der Erlösung. Von diesen zeitgeschichtlichen Konflikten aufgewühlt, getragen von einem mächtigen Gefühl der Sehnsucht nach Erlösung, ging Opatosdiu zur Vergangenheit, deren messianische Konzeption ihm für die Gegenwart von symbolischer Bedeutung war. Er pilgerte in seiner dichterischen Vision heimwärts, zu den Fluren und Wäldern Polens aus dem vergangenen Jahrhundert und brachte von dort eine lebendige, um Erfüllung ringende Welt zurück. Eine Fülle von Gestalten und Ereignissen: Trotzige Helden, revoltierende Kämpfer, naive Träumer und Freiheitsschwärmer — ein buntes, eigenartiges Mosaik von Massenbewegungen und Masscnzusammenstößen, voll Spannung und Aktivität. Es entstand das große historische Werk „Pojlische Wclder"1), das von einer lebendigen jüdischen Wirklichkeit, um die Mitte des vorigen Jahrhundert, mit all den ihr eigenen Problemen und Kämpfen ausgefüllt ist, in dessen Hintergrund aber der sehr bewegte Freiheitskampf Polens gegen die russische Tyrannei und Erlösercrwartungen spielen. Opatosdiu trug mit sich die Tradition Perez', das geistige Erbe des Chassidismus ') In deutscher Uebersetzung (Welt-Verlag, Berlin): „Der Waldjude" und „Der Aufstand 1363". und der in ihm ringenden Kräfte, und gab ihnen in seinem Roman vollendeten Ausdruck. Der Chassidismus, der ein Hort der wirklichen Messias- und Erlösungsidee sein sollte, war verflacht und seelenlos geworden, er befand sich im Abstieg. Im polnischen Städtchen Kozk saß aber noch damals ein Titan der chassidischen Weltanschauung, einer der letzten Mohikaner, R. Mcndele Kozker, der einen verbitterten, fast aussichtslosen Kampf gegen die Profanierung der Chassiduth führte, gegen den Alltag und Kleinmütigkeit, die in der Bewegung immer mehr zugenommen haben. Er sieht, gleich R. Schlome in Perez' „Goldene Kette", eine Welt zwischen Tod und Leben schwanken, wie sie in einem Meer voll Trauer versinkt und das erlösende Wort kann nicht ausgesprochen werden, weil die Welt werktäglich, von kleinen Sorgen getragen, „ein Wunder, einen kleinen Wink aus jener Welt" verlangt. Die Revolte des Kozker ist nur noch ein letzter verzweifelter Aufschrei eines geistigen Riesen gegen eine dahindämmernde Welt, die dem untergange geweiht ist. Nichts kann die geistige Haltung des Kozkers besser illustrieren als folgender Ausspruch. Als er einst in seiner überraschenden Art einige seiner gelehrten Chassidim fragte, wo Gott wohne und die verwundert über diese Sonderlingsfrage antworteten: Es heißt doch: „Voll von seiner Herrlichkeit ist die Welt", antwortete er: „Nein, Gott wohnt dort, wo man ihn einläßt!" Ja, diese Welt der inneren Größe und Tiefe geht dahin und so verläßt sie Mordechai, der Hauptheld des Romans, der Sohn der Waldjuden, unbefriedigt und wendet sich voller Sehnsucht einer anderen Welt der Freiheitsideen, der des polnischen Aufstandes zu, in der Hoffnung, dort die wahre Erlösung zu finden. Kozk ist ihm zu eng geworden und mit ihm zieht auch der Dichter in die Welt hinaus, um nach Befreiung Umschau zu halten. In der Tat, in den von Geräusch erfüllten Straßen von Paris, wo Mordechai vorübergehend verweilt, unter den Freiheitskämpfern Europas um das Jahr 1863, glaubt er die Schritte des Messias zu vernehmen. Daher geht er enthusiastisch und einsatzbereit wie er ist, an die Befreiung Polens heran. Aber bald wird er von einem zweiten, ebenso starken Erlebnis erschüttert. In Krakau, auf dem Wegzur Front, sieht Mordechai plötzlich mißhandelte, erniedrigte und zerquälte Judengesichter und Opatosdiu bekennt („Der Aufstand", S. 125): .....Vor seinem tränenfeuchten Auge schwankten jüdische Jünglinge durch den Titusbogen. Wann war das doch? Und warum werden jüdische Jünglinge gepeitscht? Bis über die Knie watet der Mensch im Blut, um die Messiaszeit herbeizuführen. Wo liegt das Heil, wenn Gott selbst den Juden ihr Land Erez Israel nicht ohne Krieg geben konnte? Und ist die Messiaszeit ohne Blutvergießen nicht zu erlangen, wer braucht solches Heil?" Der Dichter, der zusammen mit dem Kozker und Mordechai um die Erlösung der Welt ringt, verwirft jene halbe und falsche Befreiung, die nur eine Freiheit im äußern, die in der Loslösung und nicht in der menschlichen Bindung begründet ist. Wirkliche Freiheit kann nur dort geboren werden, wo sittliches Wollen die lautere Tat des Menschen begleitet. Allein der Kampf um die Befreiung der menschlichen Persönlichkeit findet nicht ihren Abschluß in diesem monumentalen Werk. Opatosdiu setzt ihn in seinen weiteren Werken fort. Der Konfliktsstoff, mit dem die amerikanische Luft geladen ist, regt ihn immer zu neuen Versuchen an. Unter diesem Gesichtspunkt ist auch eines seiner reifsten Werke, „Die Tänzerin", zu verstehen. R. Schabse ist hier vielleicht die direkte Fortsetzung R. Mcndele Kozkers, der ebenso wie jener, aber hier in einer harten amerikanischen Wirklichkeit der Vorkriegszeit, gegen die Geistlosigkeit, gegen die Unfreiheit einer Welt, die vollends von der Maschine beherrscht und von einer äußeren Zivilisation ausgehöhlt wird, kämpft. Aber leider ist das Leben härter, R. Schabse scheitert ebenso daran wie seine früheren Helden. Er wird von derselben -MAGISTER KIRSCH— Der gute Likör Magister-Likörfabrik, Manchen VII In Berlin zu beziehen durch die WelngroBhandlung Bernhard Brauer, Burgitrafie 3 / Ruf: 5(4340 Maschine getötet, die er so sehr verachtet hat und vor der er in die Einsamkeit geflohen war. Es scheint fast, daß auch hier die Abys und Wolfs, die lebensstrotzenden, kräftigen Instinktmenschen, den Sieg davontragen werden. Opatosdiu gehört nicht zu den Naturen, die vor dem Leben fliehen. Mit beiden Füßen steht er im Leben, voller Glauben und Hoffen, und zu gleicher Zeit von einer heiligen Unruhe erfüllt, die er zu gestalten sucht. Ebenso wie seine Helden steht er am Scheidewege, um Ausschau nach dem Messias zu halten. Er ist von einem starken Diesseitigkeitsgefühl, von einem tiefühl des Kampfes im Widerstreit der polaren Kräfte und ihrer Ucberwindting zu einer geschlossenen Ganzheit besessen. In den schweren Kriegsjahren pilgerte er nach dem Polen des 10. Jahrhunderts, um dort starke jüdische Ursprünglichkeit, urjüdische Menschen, Kämpfer und Kebellennaturen zu entdecken. Zu einem späteren Zeitpunkt geht er noch weiter zurück und pilgert nach dem Rcgcnsburger Ghetto des 16. Jahrhunderts und gibt uns ein farbenfrohes, einzigartiges Bild kraftvollen jüdischen Lebens im deutschen Mittelalter („Ein Tag in Regensburg"). Jüdische Wirklichkeit, Handel und Wandel, Fröhlichkeit und Belustigung. Narren und Komödiantcnt Dichter und Musiker, Weiber und Volk ziehen an uns in einer prachtvollen Schau vorüber. Kühn in seiner Konzeption, aufgerührt von den Zeitereignissen, erlebnisreich und ausdrucksvoll, gibt uns Opatosdiu in seinen Werken ein Bild wirklichen jüdischen Lebens, seiner Kämpfe und Ideale, seiner Lebensformen und Inhalte. Die Vergangenheit wird oft wieder lebendig, sie wird zu einem Bestandteil unseres Jetzt. Dr. J. M e i 11 i s In Schanghai ist im Alter von 56 Jahren der Gründer und Redakteur der Monatsschrift „IsraePs Messenger", des Organs der Schanghaier Zionistischen Vereinigung, N. E. B. Ezra, gestorben. „Schwer zu sein ein JucT" Zur Wiener dculsihen Erstaufführung Aus Vfien wird uns geschrieben: Fast ra gleicher Zeit wird Scholem Mecherns Komödie „Schwer, zu sein ein Jud'" von der „Fla bim ah" in Tel- Awiw erstmalig in der hebräischen Bearbeitung von I. Berkowitz und in Wien in deutscher Uebersetzung und Bearbeitung von Jakob R o s e n t h a I aufgeführt. Ueber die hebräische Aufführung ist an dieser Stelle (s. „J. R." vom 23. Dezember 1936) bereits gesprochen worden. Die deutsche Fassung hatte bei ihrer Erstaufführung im Jüdischen K u I t u r t h e a t e r in Wien einen vollen Erfolg. Die Aufnahme der Komödie bei Publikum und Presse war, wie dies aus den Kritiken der bedeutendsten Wiener Tageszeitungen hervorgeht, eine außergewöhnlich gute. So schreibt die „N e u c Freie Press e": „Die Komödie „Schwer zu sein ein Jud'" ist in der ausgezeichneten Uebersetzung und Bearbeitung durch den Wiener Essayisten Jakob Rosen thal nunmehr" auch dem deutschsprachigen 'Publikum zugänglich gemacht worden. Dem Uebersetzer ist es gelungen, dieses bühnenwirksame Stück mit sicherem Theatergriff auf die deutsche Buhne zu bringen. Vor allem ist man erfreut, auch dem Humor Scholem Alechems in seiner ganzen Schlagkraft zu begegnen. Auch die tragischen Elemente dieser Komödie, dort, wo sie ins Tendenz- und Bekenntnishafte mündet, wurden vom Bearbeiter eindrucksvoll hervorgehoben.... Der interessante Abend fand starken, verdienten Beifall." — „Unter dem Titel „Scholem Alechem in deutscher S p r a e h e" weist der „W i c n c r Tag" zunächst auf die vorzügliche Uebersetzung und zweckdienliche Bearbeitung hin und fahrt dann fort :.,Mit Glück versucht sie, den Humor dieses grotesken Verwecbslungsspiels wie auch die köstlich kluge und ohne Bitterkeit ironische Selbstkritik an Milieu für die d e n t s c Ii s p r a c Ii i g c B ü Ii n e zu erobern." - Eine bemerkenswerte Kritik widmet der Erstaufführung auch die amtliche „W i e n e r /. e i t u n g", die folgendermaßen schreibt: „Zum ersten Male wurde das Standardstück von Seholeni A I e c h e m „Schwer zu sein ein Jud'" in deutscher Sprache auf die Huhne gebracht. Die Uebersetzung und Bearbeitung von Jakob Rosenthal i>t vorzuglieh. Der Einfall, zwei Studenten des VorkriegsrulV.nnl ihre Rollen als Christ und Jud' tauschen zu lassen, schafft Raum für Humor, Diskussionen, Tendenzreden und Klcinmalcrci des östlichen Milieus." Die Aufführung, der Ii. Jubal, der künstlerische Leiter des ,.J u d i s c h e n Kultur t h e a t e r s", der in der letzten Zeit durch eine Reihe von mustergültigen Aufführungen in dem von ihm begründeten und geleiteten „Theater für 40" außergewöhnliche Erfolge zu verzeichnen hatte, seine umsichtige Rcitichand lieh, fand eine hingebungsvolle Künstlcrschar. Dies kam in dem hervorragenden Z.usammenspiel des Ensembles zum Ausdruck, was um so beachtenswerter ist, als man gerade in Wien durch hervorragende Aufführungen dieses Scholen! Mechern-Stückes durch die bedeutendsten jiddischen Thcatergruppcn recht verwöhnt ist. Alice Koch stattet ihre Rolle mit den Zügen volkstümlicher judischer Mütterlichkeit aus, Evi S c h a r f s jüdische Gymnasiastin ist von erfrischendem, jugendlichen (.hartu, Rudolf Weiß verkörpert mit Kopf und Herz den klugen russischen Juden David Schapira, Friedrich Links leiht dem Studenten Iwanow, insbesondere im Prolog, echtes russisches Kolorit, Michael O r 1 a n als Student Schnciersohn ist von sympathischer Vornehmheit. In der Episodenfigur des „Kezele" fiel Marccil Barth durch scharfe Typisicrungskimst und nuancenreiches Spiel besonders auf. Auch die übrigen Mitwirkenden, die Herren F r i e d m a n n, L a a t z und H o! t z, waren in kleineren Rollen verdienstvoll. Altjiddisdie Literatur Von unserem holländischen Berichterstatter R. L. Amsterdam, Ende Dezember Die Abteilung für Literaturwissenschaft der Allard Pierson-Stiftung an der Universität Amsterdam hatte Dr. Felix Falk (Den Haag) eingeladen, die Studenten der Germanistik und sonstige Hörer in einer Reihe von Vorlesungen mit der altjiddischen Literatur des 11. bis 17. Jahrhunderts bekanntzumachen. Es handelt sich dabei um die sogenannte „jüdischdeutsche" Literatur, die als eine literarische Unterströmung des jüdischen Schrifttums befrachtet werden kann und auf deren Bedeutung für die Sprach- und Literaturforschung Falk schon vor vielen Jahren in seiner Schrift über die Bücher Samuelis in Nihehnigenstrophe n hingewiesen hat. Es durfte vielleicht das erstemal -.ein, daß das Thema vor einem akademischen Gremium in dieser Ausführlichkeit behandelt wurde. Falk schilderte einleitend das Entstehen und die Entwicklung der jiddischen Sprache und erläuterte deren Besonderheiten und Bestandteile, wobei er gleichzeitig die verschiedenen Bezeichnungen (jüdisch-deutsch, hebräischdeutsch, jüdisch, jiddisch) für die in dieser Sprache abgefaßte Literatur einer kritischen Betrachtung unterzog. Die umfangreiche Literatur selbst teilte Falk nach eleu verschiedenen Stoffgebieten in zehn Gruppen ein, indem er den Begriff Literatur im weitesten Sinne des Wortes faßte und alle literarischen Geistesprodukte berücksichtigte, mit denen die Juden in Deutschland am kulturellen Leben teilgenommen haben. Aus jeder dieser zehn Gruppen wurden die bedeutendsten Werke ausgewählt und eingehend beschrieben. Der mundartliche Charakter dieser Werke, ihre Quellen und Vorbilder boten Gelegenheit, auf die mannigfachen Beziehungen der altjiddischen Literatur zur deutschen und ihre Beeinflussunr; durch die deutsche näher einzugehen. Ein besonders interessantes Kapitel bildete in diesem Zusammenhange die profane aitjiddischc Volkslitciatur, die in Anlehnung an fremde Literaturen, insbesondere an Bearbeitungen aus der deutschen Volks- und Heldensage bei den Juden entstanden ist und ihrem Inhalte nach eigentlich eine nichtjüdische Literatur darstellt. Auch auf die Beziehungen der altjiddischen Literatur zu den N iederlanden ging Falk näher ein. Er wies nach, daß Amsterdam im 17. Jahrhundert nicht bloß eine große Rolle als Verlagsort dieser Literatur spielte, sondern daß die Werke, die in Holland verfaßt, bearbeitet, gedruckt und herausgegeben wurden, einen besonderen sprachlichen Charakter tragen. Auch dürfe man aus verschiedenen Gründen annehmen, daß den in Anlehnung an fremde Literaturen entstandenen rofanen aitjiddisehen Schriften, soweit sie in Holland herausamen, niederländische Texte als Vorlage gedient haben.

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