Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1937)
- Date
- 1937-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Nr. 2,8.1.1937 JOOfSCHE RUNDSCHAU Seite 7 FJ Jüdisches Leben in Danzig Wie das allgemeine Leben in Danzig seine besondere frJote hat, so trifft dies auch auf das jüdische Leben zu. Während wir im Reiche in dem Bestreben, aus den Tiefen jüdischen Kulttirschaffens zu schöpfen, auf die Schwierigkeit stoßen, geeignete Persönlichkeiten zu finden, so ist das Judentum in Danzig in der Lage, für seine kulturellen Bestrebungen jüdische Kräfte aus dem deutschen Sprachgebiete sowie aus dein jiddischen und hebräischen Kreis heranzuziehen. In dieser Richtung bewegt sich vor allem die Arbeit des Jüdischen Klubs, der es sich zur Aufgabe gemacht tiat, zu jüdisch-wissenschaftlichen Vorträgen Männer aus diesen verschiedenen Zentren kulturellen Schaffens zu holen. Seine Arbeit verläuft fern von den Fragen des jüdischen Alltags, und in den Themen, die hier behandelt werden, soll ■einem kleinen, aber sehr interessierten Krc;se die Möglichkeit wirklicher Vertiefung geboten werden. Die Zionistische Landesorganisation für Danzig hat ihre trollen Aufgaben neben der Intensivierung des zionistischen ebens in der Durchführung der H a c h s c h a r a h, die an den verschiedensten Stellen des kleinen Gebietes versucht wird. Das Danziger jüdische Gemeindeblatt ist die einzige in Dan/ig selbst erscheinende jüdische Zeitung. Sic steht allen Richtungen offen. Für den, der aus dem Reiche nach Danzig kommt, ist ein Gottesdienst in der alten Synagoge Mattenbuden ein besonderes Erlebnis. Gewi II, zunächst mutet er ein wenig fremd an in seiner Bewegtheit des Kommens und Oehens, aber wenn man dann die Menschen ins Auge faßt, Männer mit großen Härten und mit diesen ewig in die Perne schauenden, schon auf eine andere Welt gerichteten Augen, dann merkt man, was es heißt; aus Inbrunst beten und sich nicht stören zu lassen von dem, was draußen vorgeht. Nur einige persönliche Eindrücke sollen diese Zeilen vermitteln, kein abschließendes Urteil über Danzigcr jüdisches Leben. Ich war gerade in den Chanukkahtagcn dort, und es war für mich von besonderem Reiz, daß die Gestalt Juda Makkabis von der Wand eines alten Danzigcr Hauses grüßte, wie ja überhaupt diese Stadt mit ihren historischen Erinnerungen den Gast tief in ihren Bann zieht. Die Dan/iger Judeiischaft hat in den letzten Jahren ein eigenes jüdisches Schulwesen geschaffen. Neben einer Volksschule eine höhere Schule. Es ist gelungen, den überwiegendsten Teil jüdischer Kinder in diesen Schulen zu vereinigen und ihnen eine positiv-jüdische Erziehung zu geben. Besonders zahlreich ist die zionistische Jugendorganisation ,,Habonim" vertreten (etwa 300 Chawerim). Auch der Misrachi entfaltet ein eigenes Leben. Offenbar kleine Kreise jüdischer Jugend haben sich von Assimilationsbestrcbungen noch immer nicht frei machen können. Im Danziger Gemeindclebcn ist nun auch das Prinzin von 50 : 50 im Verhältnis von Gcmeindcliberalen und Zionistcn durchgesetzt; die Zionistcn verfügen über eine große Anzahl arbeitswilliger und zukuiiftsfrcudiger Menschen. Dr. Willy Cohn Juden und Jüdisches im Rundfunk Freitag, 8. Januar: Preßhuri; (299), 12.25: U. a. Saint Saens: „Samson und Dali!.!". — Paris (16481, 12.45: Jüdische Sendung. •— < benoble (514), 18.30: Mendelssohn- Quartett. Budapest (549), 18.50: TV. Raphael Palai Vortrag über Palästina. — Lemberg (377t, 20.15: Holtmanns Ki Zahlungen, Oper von Ottenbach. — West K<t>ii>i>.i! '373), 21:!lämlrl-K<>n7.erl: Fragmente aus Mcs. .sias. Samson. Judai Makkiba'us, — llordciux-bat (278), 21.45: U. a. Mendel .'.olin: Konzert für Violine und Orchester. Bonnabend, 9. Januar: Budapest (549), 21.20: U. a. Moszkowslci: "Walzer IMtur. - Lille (247), 21.30: Uebei tragung aus dem Theater Odeon: Die luden, von Garnier. •— llilversum I (1876), 21.55: V. a Mmiko'wski: Srrrnata. — Mailand (369), 21.50: (..•t-telmiovo.'IVde-ci): Murmelndes Meer. — IIc de France (219), 24.15: U. a. Orlenbach. Montag, 11. Januar: Luxemburg (1304). 13: U. a. Rubinstrin: Valsc capiiee. — Romanze; 22.25: Kortikoid aus: ,,I)ic tote Stajt". Der Name des Malers Erich Isenburger, dessen Ausstellung in Stockholm in unserer letzten Nummer besprochen wurde, ist durch einen Schreibfehler irrtümlich als Jenburger wiedergegeben worden, was hiermit richtiggestellt sei. Briefe an die Redaktion Entwicklung des palästinensischen Arbeitsmarktes London, den 5. Januar 1937 Sehr geehrte Redakt ionl Eine der beim Aufbau des Landes sich ständig wiederholenden Fragen i.-i die der voiübergehenden Arbeitslosigkeit. Diese Krage erfordert zwar je nach den Umständen eine gesonderte Betrachtung, .steht jedoch mit dem Charakter der palästinensischen Zahlungsbilanz in einem bestimmten Zusammenhang. Wir wissen, daß ein großer Teil der Kapitaleinfuhr vor ihrer Investierung in den Hankrn des Landes kurzriuig deponiert liegt. Wenn auch l-",iii!agczcitpunkt, ("inlaiig und Kündigung-trist dieser Depositen nicht unwesentlich .schwanken, so stellen dennoch diese Betrage eine nicht zu vernaehlä --sigende ('.roßenordmmg dar. Unsere Wirt a halt erleidet nun von dieser Seite insofern einen ständigen Nachteil, als diese unechten Depositen, die ja keine Spai gebier oder laufenden Konten darstellen, von den Banken nicht produktiver Anlage zugeführt werden können. (Von der Frage eines gesunden Zinsniveaus beispu Lu eise abee-chen.) Ks wäre daher eine dankbaie Autgabe intere-sierter Fachleute zu uberlegen, durch welche Milte' die Prodnki ivitirt des palästinensischen Crldmarkte« unter voller fierü< k-ichtigung der Ranklegel zugunsten einer dauernden Verbesserung des Aibcii.smarktes gesteigert werden könnte. In vorzüglicher 1 lo> hm hlung Kmanuel VV e i n e r Päckchen nach Palästina Jerusalem, 12. Dezember 1936 Sehr geehrte Redaktion! Ks erscheint mir angebracht, die Abstellung eines Mißstandes anzuregen, der Anlaß zu vielen überflüssigen Ausgaben und Knttauschungen gibt. Ks ist vielfach üblich, palästinensischen Angehöligen — und .speziell jugendlichen — kleine Päckchen zu schicken, die Lebensmittel, Süßigkeiten u. a. enthalten. Diese Päckchen werden als „Muster ohne Wert" geschickt, die in Deutschland bis zu einem 1 lochst - gewicht von 500 g angenommen werden (Porto 0.50 RM.). Wie ich Gelegenheit hatte, zufällig festzustellen, sind die palästinensischen Postbe Stimmungen abweichend. Dir M.iximalgrcnze für ..Mu-ter ohne Wert" beträgt 250 g (Porto 20 Müs): schwerere Sendungen werden als „Kleine Paket,:" betrachtet, für die das Ausland .porto 5 Ahls per 50 g betragt. Da nun das Gewicht der gesandten Päckchen mei-t zwischen 250 in d 500 g liegt, .so wird jele-rn.d für die DiPerecz S t. r a i p o r f o in Höhe de, doppelten Fehlbetrags aiilcriegt. Zur Vermeidung des Mißstandes, der sich aus der Difkiccz der po-taii-ehen Bcstlm-cnngen ergibt, ist es geboten, alle Sendungen über 250 g mit je 10 I'f. für 50 g Mehrgewicht zu frankieren. 1 lochac htung voll . Ihpl.-Ing. M. Becker Zur Erleichterung unserer Freunde in Groß-Btrlln haben wir neben unseren Anzeigen-Annahme-Stellen Meinekestraße 10 In unserem Verlagshauso Schützenstraße 52 unweit Jerusalemer Strafie Neue Friedlichst!-. 59 Buchhandlung M. Poppelauer Neukölln,Sanderstr. 24 am Kottb. Damm bei M. Badasch noch einen Sonde rschnelldien st für Familiennachrichten und Gelegenheitsanzeigen geschaffen. Auf Anruf 91 9931, Apparat 89, werden Sie sofort besucht und fachkundig beraten. JÜDISCHE RUNDSCHAU Anzeigen - Verwaltung Ankündigungen aus dem Reich Frankfurt am Main: Im Januar beginnen folgende Voilcumgen und Arbr il-gefncinschahcii: .Vn 1P>. Januar, l.ecihacb -r. 1 t: Saloman: Stil der franz.,.ischen Mark. 19 ('In; [!, „-k etil nc r lau Mr. 23: Neubaus: Mi-chna Ko.e!, Ilasobaitah, 20.30 I!,i; I'hiianthrnpin: Weil: Nahrung-miltcl',!,,, , 20 flu; Quin, l,i. .! r. 20: I en-leam: Gl und- Iclngai.g. 20 ' flu; We ,l ,;„'■-. nag. ,ge : U'ri'iei: Li.gh'..!«• Arbeits, gemeinball. 18.30 f!e : Lieirzö a-che Aheii.sg. mein halt, 20.30 fhr; Cundcr-hcinici : C„ . i,,.-ee der bildenden lvi::-<, 20.30 für. Am 19. Januar, Jugi-ndhei n: Merzbach; Kintuhruiig in die Sprache der Bibel, 19.15 l'iir. Am 2-1. Januar, \VeMciidsyt,.ig..gc: Strauß: (.e-ehii lue der Philicnphic, 19 IS "t'hr; Salzbe,-., r: I'.. igpn-digl und si-uiworte, 20.15 fiir: <'.undci dcener: Die Stile d. r lauLcndcn Kunst. (|iigcud;ubeitsgem<insehatt). 19.30 I;hr; falliner: Kunst, Kultus und Religi.rn. 20,30 fhr. Am' 21. Jaguar. ]ugendheiru: Heid: Arabisch, 19 flu; \\'< .lendsvtiag'.gi : sicnii.,: itibel!e-cu, 19.15 flu; Werner: l'mgli.h. 20.30 fhr.' Am 21. laiaiar, Sralbail: Maua I, murin: Rigolet!«, (Isiniiihiuag.voi n ag |. 19 l iu; ( b.tet j-adau: D> nmnai: f f -,! if l!i he Entwicklung <!. ■: Jndi.eheii (ion. ::,.[.', 20.30 fhr; W'e t. ndsvnagoge: Aueiha.b: Spiciian al, Kunst, 20 fhr. Am 25. Januar. I I aupt-ynagogo: Diencniarm: Jmli.he (halechle, 19.30 T'hr. Am 2ii. Januar. Weh nd.vnag.ige; Philipp: lli.mi,iim»d< d und Rilke. 20,30 fhr. Arn 27. J.tmi.u, I ntciliiid.iu: Ih.invriz,: Jiidi.che Gedanken zur Wohl fahrt -pl I'';e. 2'».3« fhr. Arn 28, |amiar, Westend- .syiiag.-ge: liuber: 1 )r,; je-.ocr, he und die „deuti......imcehi-" Yer. beil'aiiig. 20.30 fhr. Köln: /< M i. Am 12. l.ciuar Im.-,, .ivkreis. Am 11. lanuar AiDi'ki.i. j.--.v :' im Ibrur. < ■ füiic fh22. um 20.45 flu. Mannheim: Am 9. fnuu. 2'c!3 1 ,a, I r,gg n.!h.-gc, F 2 14, fhug Iwii. Ih.m,: Ah,d II.cm, -- Oberhausen: 7A)V,. Am 12. Januar Vortrag Di Pmn.w: ,.V,.'k. i ml .....I Arb-it — WVge 7.ii <;..„!.,„••. ... Witten: /oh. Am 11. feg.r Voriiilirung de, KKI.-I.i. hti-ihlsii, g, ,, h Hau . 1) ,„,„!!, I k, ,!,).,,f. Bar Mizwah-Termine Am 9. Januar f3t». 'sici: '.'im. 1 brlUhl (11. S. he, g i; t I In-: rig k h ,/ M ^.■hn von yt:<K Am 23. lanuar I, 1 ..11190-weder Persönliches. R.-A. Dr. Aaron, W'ujjpvit.il, feiert am 11. Januar seinen 50. ( h luirtsfu;-, 1 ir. .Aatani ist seit Jahrzehnten in der zionistischt n lkos3,gtini3 tut ig;, zur Zeit als Vorsitzender der /.iiito-ti-i heu ()if.:'ntppe in Wuppertal. Ihn ober hinaus hat er -ich der ip-sanitcn jndi-dten Arbeit in hohem Malle zur A'erluggmgize.-telll. Seil 1"> Jahren ist er .Wilglied der Rcpr.i-entan/ d>-r (letiiviiulr, zur Zeit der Vorsitzende der R-pta-tatlanteovi. t.-;i111:ii!11::■ r. |)r. Aaron ge- ■it wa g-. n -cciuer vot bdilliclu n iiitltsclien g gi-ihtc- An-rheti. Pr'r \'nt'stand der und -Iii! nielit in .allen Kr I laltung und |_ej Jttdi-chen (ieniein lH.-eliloss.ei], ihn Jurch ijutraguiit; KKL zu ehren. /.! Iii ton (irfsgruppc haben das Goldene Buch des Adolf Pollak, Jerusalem, der < iencralsckrc l.ir des Keren Kajcmetli Lejisrael, hereist im Auftrage des llaupthuros mehrere europäische Länder. Der zionistischen Arbeit in Deutschland ist Adolf Poliak, der zu der (ieneration der Mitarbeiter Theodor llerzls gebort, seit langem auf das engste verbunden. Die kurze Zeit seines Aufenthalts führte ihn durch zehn Städte We-d- und SinKvestdcuNchlainl.s. Kr stellte hierbei seine reiche zionistische * Erfahrung und seine tiefe Kenntnis Palästinas in den Dienst der Jugendarbeit, der Wizo und der Ortsgruppen und gab fur die örtliche KKL- Arbeit wertvolle Anregungen. Die Vet•Sammlungen tt. a. in Dortmund, Düsseldorf, lissen, Köln und Mannheim, die durchwegüberfüllt waren, und in denen er über die augenblicklichen politischen und wirtschaftliehen Probleme Palastinas sprach, haben ihm sehr viele neue f reunde und unserer Arbeit neue Mitarbeiter gewonnen. Sein Referat aut einer Sitzung deerweiterten Ciruppenverhatids-Vorstandes in Karlsruhe und sein Vortrag vor den Mitarbeitern der Berliner Zionistischen Vereinigung waten besonders instruktiv und von nachhaltiger Wirkung. Herr Adolf Pollak wird voraussichtlich im l ehniar der zionistischen Arbeit in Deutschland wieder zur Verfügung stehen. 4, -A' ersparen, den dio großen, trostlosen Augen des seufzenden Tieres bieten würden, wenn sie ganz, leergeweint wären, nber mein Sehl.dengcl war zu fern, die Augen ließen sieh jetzt von mir uliein nicht schließen, ich mußte wie verhext der Katze ins Gesicht sehen, es war unerträglich, seh konnte kaum noch atmen, ich wollte schreien, aber mein Gaumen war so ätzend trocken und weh, auf der Brust war es so schwer, die Lungen so restlos schwach, die Hoffnung so gering, daß ich überzeugt war, niemals in meinem Leben die Katze loszuwerden und am Grauen und hilflosen Ekel vor der schleimigen, glibberigen, qualligen Masse auf der Decke zu ersticken ... Es war ganz dunkel geworden, von der Straße, auf der noch immer Truppen zogen und zogen, kam der gespenstisch helle, grelle Widerschein der Autolampcn und überschrie das Lieht der Straßenlaternen mit wildem, gelbweißem Aufzucken und Verlöschen. Ich hörte die Korridortür quietschen, ein fremder Schritt, eine hohe, schmale, dunkle Gestalt lugt durch die Glastür, tritt ein, eine angenehm tiefe, gutturale Stimme spricht: „O, Katz!" Und hiilt erschrocken inne. Jetzt erst gewahrt mich der Mann, zischt einen seltsamen Laut, und im Augenblick ist die Katze von meiner Brust, vom Bett herunter und aus der Tür. Unsicher sieht der Mann sich um, er hat einen zu großen, schwarzen Mantel an, der oben einen Uniformkrngen schlecht verdeckt, und nimmt einen niedrigen Filzhut, wie ihn bei un» die polnischen Bauern am Sonntag tragen, ungeschickt ab. Er wirft einen Blick durchs Fenster auf die Straße, wo immer noch die Truppen ziehen, auf die Glastür, deren Scheiben blenden und hinter der es ganz schwärzlich dunkel ist, er lehnt sich ans Fensterbrett, freift mit der rechten Hand in eine Tasche unter dem fantet und fragt, noch etwas keuchend, er muß wohl die Stufen bis in Großmutters Wohnung wie gehetzt heraufgerast sein: „Krank?" Ich habe gar kein Mißtrauen gegen ihn, obwohl jedes seiner wenigen Worte den unverkennbar nissischen Akzent hat, aber ich bin zu schwach, um ja zu sagen, und er versteht mein Schweigen, als wenn ich es gesagt hätte, und fragt weiter: „Ein jüdisch Haus?" Ich kann nicht antworten, aber er deutet mein Schweigen wohl wiederum richtig und setzt sich still und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit erst auf den Stuhl, wo ihm mein geparkter Rucksack aber zu wenig Platz zu gehen scheint, und dann behaglich auf mein Bett. Und obwohl mir's nun halb zu Bewußtsein kommt, daß es eine russische Uniform sein müßte, die er unter dem langen Zivilmantel verbirgt, wird mir doch nicht unbehaglich zu Mute. Ich bin wieder in dem Zustand, wo ieh alles wahrnehme, mit wacher Schärfe und doch wie durch einen Schleier wahrnehme, als ginge kein Vorgang mich unmittelbar an, und die. Katze habe ich längst vergessen. Nach einer Weile sagt er, nun ganz ruhig und womöglich noch tiefer: „Sachen gepackt?" Und da ich nicht antworte: „Wegfahren?" Und als ieh nun sprechen will und mir kein Wort über die Lippen kommt: „Angst?" Und nach einer Pause: „Vor Russen?" Nun horcht er. Ich sehe, wie er gespannt horcht. Aber das Geräusch der vorüberziehenden Soldaten auf der Straße ist nicht anders als zuvor, und weiter höre ich noch nichts. Er aber steht auf, wendet das Gesieht, das wieder einen geheizten Ausdruck bekommt, der Glastür zu, blickt sieh plötzlich verwirrt, fast verzweifelt nach einem Unterschlupf suchend um, bückt sieh und, wahrend ich die Korridortür quietschen und meinen Vater und den alten Arzt kommen höre, kriecht er mit lautloser Geschicklichkeit unter mein Bett. Und immer noch stelle ieh das alles mit wachen Sinnen fest, ohne mich zu bewegen und ohne irgendwie besorgt zu sein. Der Arzt tappt und tastet sich zu mir herein, während mein Vater in der Küche ein Streichholz, und damit die kleine Petroleumlampe anzündet, sie hereinbringt und auf den Nachttisch stellt. Der Arzt fragt mich, und nun kann ich zwei, drei Worte flüstern, er untersucht mich und sagt, er wird morgen sehr früh wiederkommen. Mein Vater bittet ihn um ein Schlafmittel, und er meint, es wird doch nicht helfen. Ich würde auch nicht essen, aber warum nichts für mich zu trinken da wäre. Der Vater sagt, er lasse jede Stunde nach mir sehen, obwohl im Geschäft wie noch nie zu tun wäre und obwohl alle mit den Soldaten, der Einquartierung, der Angst übermäßig in Anspruch genommen wären, und fragt, ob jemand die Nacht bei mir wachen solle. Der z\rzt sagt brummig, es muß nicht sein, verordnet Umsehläge und Tropfen, vor allem aber immer etwas zu trinken, und dann verabschiedet der Vater sich mit einem wehen Blick von mir. Die Schritte der beiden Männer verhallen, und ich bin merkwürdig aufgeräumter Stimmung, fühle mich durchaus nicht krank, habe keine Spur von Atemnot, und mein Vater, der mich so sorgenvoll traurig angesehen hat, tut mir leid, ich hätte ihm, fällt mir zu spät ein, irgendein gutes, tröstliches Wort sagen sollen. Zum erstenmal in meinem kleinen Leben wird mir l>ewußt, wie unzärtlich wir nlle sind, wie andere Mitschüler, wenn ich sie auch nur für eine Stunde zum Spielen abgeholt hal>e, von ihren Müttern geküßt worden sind, wie andere Väter selbst sich und ihre Jungen nicht für gar zu männlich dazu halten, wahrend wir von unseren Eltern nur nach dem Segen am Tag vor Jörn Kippur auf die Stirn geküßt werden; und nicht als ob mir diese Herbheit nun als ein Mangel erschiene, de nein, nur mit dem Valer habe ir h Mitleid, weil er .so traurig mich ansah und sieh wie im Zaun über mich, wenn ich etwas uusgefressen habe und er muh doch niemals, niemals schlägt, so auch nun in der l o be /unii khieit und beherrschte. Und nun sehe ich ganz, diutluh \nr mir, wie er in diesen 'lagen lebt, abends um neun er-.! schließt er den Laden, ißt Abendbrot, läßt -abräumen, macht Kas.-se, trägt ein, rethnet und rechnet, vor elf ins Bett, sieht, ein Gla-. Tee, öffnet den I.elell, wiegt die dem Si.eu her das Gelen Mi hl, Salz, Zucker, hallt die \\ aren aus der den Bauern, feilscht lieiit die bevorzugte ranit, zum Magistrai, zum Ausruhen, nur und das alles jetzt, ladt, wo täglich die ir diesem versorgten Mittlers fünf Brüder fünf, der älteste ist alles in die großen G schreibt Geschäft sbri um vier wieder uu an den Markttagen aren in Tüten ein die W: hält sbücher , kommt, nii betet, trinkt Inn, um Hin l ein, schaufelt uu! treirte um, hilft die Wagunnladuni Kaffee abladen, parkt Ki-steu ans, m Remise in den I iden, verhandelt, mit mit den redseligen Banecnirauen, be Kundschaft, geht zur Bank, zum Stern ins Bethaus, kommt nie zur Lrlmlung am Sehairbai. zum Nai hmii uussr hlaf, im Krieg, in dieser bedrohten Grcnzs Einquartierung wechselt, das alles i Zustand, da seine beiden Brüder und an der Front sind, nein, nicht mehr schon in Rußland gefallen, der jün tste sihon in der ersten Seesehlacht verwundet, und mein Vater, der letzte zu Haus Gebliebene der auch jeden Tag seine Einziehung zum Landsturm erwartet, muß nun allen Frauen und Kindern der Familie Vater sein, Ratschläge erteilen, Dummheiten verhüten, Trost zusprechen, Unheilsbolschaltcn beibringen, und zu all diesem Wirrwarr von Sorgen und zu nll der Furcht, ob wir nicht alle schon beute oder morgen fliehen und unsere Heimat, unser Haus verlassen müssen, bin nun ich noch krank und liege hier wie ein Klotz, den man kaum transportieren kann, der nur Mühe und Sorge macht... liege hier wie ein Klotz und habe ganz \ergessen, daß ich' ja einen Gast, einen heimlichen, unheimlichen Besuch im Zimmer habe, der eben, da die Luft ja nun rein ist, wieder unter dem Bett hervorkriccht und still, aber ansteckend fröhlich und herzhaft lacht, wie er wieder in voller Größe vor mir steht. Nun kann ich ihn besser betrachten, die Petroleumlampe steht auf dem Nach!tisch, der gelbe Schein fällt auf sein dunkles, hübsches, jungmännliehes Gesicht, der hohe Uniformkragen unter dem schwarzen Mantel gibt ihm ein romantisches, ritterliche;», sehmalfelucs Gepräge, und sein Lachen, das als ein tief von unten herauf dunkles, fröhliches Rollen der Baßstimme auch hörbar wird, macht mich ganz vergnügt, ich kann noch nicht reden, aber ich spüre, wie meine Mundwinkel sieh dehnen, ich fühle mein eanz.es Gesieht, mitlachen, und mein Gast sieht es und lacht eist recht und lacht immer lauter, und mir wird so gut zu Mute, so wohl zu Sinn, ich bin stolz, von diesem Riesen als Mitlacher anerkannt zu sein, vor Freude kullern mir die lustigsten Tränen aus den Augen, während er schallend laut lacht und — (Fortsetzung folgt)