Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1937)
- Date
- 1937-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 4 JODISCHE RUNDSCHAU r Nr. 7, 8.1.1937 Nach 34 Jahren Herzl und Weizmann vor englischen Unter suchungs- Kommissionen Es dürfte für viele Jüngere von Interesse sein, daß es /ur Vernehmung Wcizmanns und seiner Darlegung der Judenfrage vor der Königl. Engl. Kommission eine interessante historische Parallele gibt — ein Verhör Hcrzls, des ersten Präsidenten der Zionistischen Organisation, am 11. Juli 1002 in London. Damals stand Herzt vor einer Kommission, die nicht die Aufnahmemöglichkeiten in Palästina zu untersuchen hatte, sondern die — Englands, für Einwanderer „fremder Nationalitäten". — Es wurde im Laufe der Kommissionssitzung mehrfach betont, daß man sich nicht im entferntesten mit antisemitischen Argumenten identifizieren wolle. Tin Ruf nach Beschränkung der E i n w a Ii d e r Ii n g würde sich ebenso erheben, wenn beispielsweise eine große Zahl Chinesen in England erschiene. Die Untersuchung müsse jedoch mit den Juden beginnen und sich in der 1 latiptsache mit ihnen beschäftigen, da die Mehrzahl der Einwanderer fremder Nationalitäten nach England eben Juden seien. Herzl erscheint vor der Kommission als Expcrt; dies ist wohl in der Geschichte des Zionismus das erstemal, daß ein Zionist vor einem allgemeinen politischen Gremium die Judenfrage und die Antwort des Zionismus auf diese darlegt. Das Problem, das vor der „vom Englischen Parlament eingesetzten König!. Kommission /um Studium der Fremdeneinwanderungsfrage" steht, ist die drohende Gefahr, die aus der Einwanderung fremdnationalcr Elemente nach England und deren Zusaiiimendrängung an bestimmten Orten (London Ea>tend) und in bestimmten Berufen (Textiiarbcitcrschaft) resultiert, dadurch, daß sie eine Konkurrenz für die eiiilicimNchc Arbeiterschaft darstellen und diese zu Abw eh r tu a Ii n.i Innen (Antisemitismus) greift. Zunächst wird in der Kommissionssitzung eine Darstellung Hcrzls verlesen. In dieser weist er auf die Bestätigung und Richtigkeit seiner Analyse der Judenfrage, die er im Jahre ls'ö im „Judeusiaaf gegeben hatte, hin. Er stellt die Gründe dar, aus denen eine Abwanderung aus osteuropäischen Ländern nach l ugland und anderen I. ändern Westeuropas vor sich gelten mußte und untersucht Vorteile, Nachteile und Möglichkeiten einer verminderten Judenwamlerung nach England. Am Heispiel Rumänien«« zeigt er die Notwendigkeit einer Abwanderung und betont, daß mit der wachsenden Zahl der in England lebenden Juden auch hier die Jtidenftäge entstehen mußte. Das „Heilmittel" der „örtlichen Verteilung" der Juden ist jedoch in dem veralteten Oeist konzipiert, den man „jüdische Wohltätigkeit" nennt. Her/1 zeigt den Bankrott dieses Wohlt.'itigkcitss\stems auf und setzt sich mit den Ili'ilvurschlägen der jüdischen Assimilation auseinander. Die Darstellung schließt mit dem Hinweis, daß die einzige „wirkliche" Lösung, die kein Palliativmittel bleiben muß, die Anerkennung der Juden als ein Volk und die Gründung eines rechtlich anerkannten Heims sein kann, nach dem die Juden aus allen Feilen der Welt, in denen sie bedrückt sind, naturgemäß wandern würden, da sie dahin als Bürger gelangen und nicht als Fremdlinge. Man kann aus dieser Darlegung unschwer ersehen, daß es Herzl daran gelegen war, nicht nur sein Urteil über die Aufrechterhaltung oder Einschränkung der Judeneinwanderung nach England abzugeben (das übrigens gegen jede Einschränkung ausfiel), sondern daß er den Mut hatte, über sein eigentliches Aufgabengebiet hinaus, der Kommission zu zeigen, daß man „zum Ursprung gehen muß, wenn man den Bach verstopfen will". Er sieht in der Tafsache der Einsetzung dieser Kommission nicht nur, daß für England eine Notwendigkeit besteht, die jüdische Einwanderung zu regeln, sondern, als nicht minder Wichtiges, die Verpflichtung zur Schaffung einer Lösung für die bedrängten Juden Osteuropas. Es ist unmöglich, hier das lange und genaue Verhör, dem Herzl unterzogen wurde, in seinen Einzelheiten zu schildern1). Wir sind seit jeuer ersten Kommission vor viele gegangen, die Fragestellungen haben sieh oft geändert, die Probleme haben sieh verschoben. 31 Jahre Unterschied sind gerade für unsere junge Bewegung keine kurze Spanne. Der ,,Zionismus" ist vom Phantom, das er den Menschen dieser ersten Kommission war, vor der Her/1 stand, zur Tatsache fnr die Kommission geworden, vor der Weizmann steht. Und trotz der vielgestaltigen Acndcrungcn und Entwicklungen kann man bei einer Ncbcneinanderstellung beider Koimnissionsherichte unter manchen großen Gegensätzen frappierend ähnliche oder gemeinsame Stellen finden. Zur Frage des Antisemitismus: 1902: Dr. Her?!: Ich will nicht versuchen, den Propheten zu spielen, aber ich glaube, daß dieselben Naturkräfte hier und anderswo regieren. Weint die Zahl der Einwanderer wachst, •) Nachzuleben: Herz! — Zion. Schriften, Jüd. Verlag, Berlin, I. Bd.: „Herzl vor der Londoner I reinden-Kommission". so wird, glaube ich, auch in diesem Lande, wo, wie ich glücklich bin, es sagen zu können, gegenwärtig kein Antisemitismus besteht, derselbe entstehen. Ich glaube, man kann im allgemeinen konstatieren, daß England kein antisemitisches Land ist, aber ich fürchte sehr, es könnte es eines Tages werden. ... ... Sir K. Digby: Erwarten Sie eine wirkliche Gefahr von einem Erwachen des Antisemitismus in einem Lande gleich dem unseren? Dr. Herzl: Es gibt ein französisches Sprichwort: ,,Cet anirnal est tres mechant; quand on l'attaque, il sc defend." — Wenn die Juden angegriffen werden, werden sie sich verteidigen und Sie werden innere Unruhe haben. Sir K. Digby: Erwarten Sie eine ernste Gefahr für die Juden, wenn sie angegriffen werden? Dr. Herzl: Ich kenne leider antisemitische Länder. Sir K. Digby: Sie haben bis jetzt keinen Beweis gebracht, daß eine antisemitische Strömung in diesem Lande im Entstehen ist. Dr. Herzl: Ich erinnere mich der Zeit vor dem Auftauchen des Antisemitismus in Frankreich. Ich lebte dort zur Zeit des Regimes der Drcyfus-Affäre. Damals gab es dort noch keinen Antisemitismus, aber er ist nun dort eingezogen, 1936: Weizmann: „Aber der Antisemitismus, der früher an der Weichsel haltmachte, erreichte bereits den Rhein und schreitet noch immer fort. Er dringt auch über den englischen Kanal. ... ... Von Zeit zu Zeit werden diese Versuche (gemeint sind Versuche antisemitischer Bewegungen, eine führende politische Rolle im Staatslcben zu spielen) in Frankreich und sogar in England nachgeahmt. Ein nicht unberechtigtes Unbehagen verbreitet sich innerhalb der Juden. Ich hoffe, es wird nur dabei bleiben. Aber sehr oft sagen wir uns selbst: Dies kann ja nie in England oder Frankreich vorkommen. Und doch habe ich letztens selbst während der Ernennung Blums zum Ministerpräsidenten auf den Straßen von Paris die Worte: .Nieder mit den Juden!1'gehört ..." Als typische Beispiele für Länder, in denen die Juden unterdrückt und verfolgt leben, führt Herzl Rußland und Rumänien an. Rußland, das größte Reservoir jüdischer Massen, spielt in der Zeit Her/ls die bedeutendste Rolle im Judentum und Zionismus. 1902 muß Herzl auf die dringende Notwendigkeit hinweisen, für die 2 Millionen Juden Rußlands, auf die ein Jahr später der entsetzliche Kischincwer Pogrom niederbricht, eine Lösung zu suchen. 1936 existieren für Weizmann diese Juden nicht mehr, „sie sind ausgeschaltet aus unserem Handeln, sie sind für uns verschwunden", ... 1902 sieht Herzl in Rumänien die Tausende von Juden, die sich zur Auswanderung drängen. Dr. Herzl: „Wir erhielten aus Rumänien allein 5258 Petitionen von 37 013 Leuten, welche uns um Hilfe anflehten, da sie sich in größter Not befänden. Das war 1S07. — Erst im Jahre 1900 begann die Auswanderung der Notleidenden und Hungernden. Der Ruf um Hilfe war also drei Jahre alt, als sie sich in Bewegung setzten. ..." Lord Rothschild: „Möchten Sie der Kommission nicht sagen, welche Leiden die Juden in Rumänien zu erdulden haben, wie sie dort verfolgt werden und wie die neuen Gesetze, weiche dort angenommen wurden, auf sie wirken werden?" Dr. Herzl: „Zuerst leiden sie unter der Ungewißheit des kommenden Tages. Ich denke, das ist einer der schwersten Schäden, die einem Menschen zuteil werden können, im Ungewissen zu sein, ob er nicht morgen aus seinem Berufe, aus seinem Hause, aus allen seinen Lebensbedingungen herausgerissen werden wird. ..." ... Lord Rothschild: „Die Bevölkerung haßt dort die Juden?" Dr. Herzl: „Man muß es glauben, denn sie prügelt sie und tötet sie, das sind Beweise einer gewissen Aversion. •. 1936: Weizmann: „... Die Welt ist geschlossen, und wir hörten letztens den polnischen Außenminister, Oberst Beck, in einer seiner Aeußerimgen in Genf sagen, daß es eine Million Juden zuviel in Polen gibt. ..." „Warum soll man gerade sie als überzählig hervorheben? Die Lage in der Welt dürfte dem Obersten Beck wie jedem gebildeten Zeitungsief er bekannt sein. Wohin können sie gehen? Gibt es einen Ort in der Welt, der rasch eine Million Menschen absorbieren kann? Soll der arme polnische Bauer, der diese Erklärung seiner eigenen Regierung hört, nicht glauben, daß diese Juden ihm im Wege stehen und daß er sie loswerden muß? ..." ... „In dem von mir erwähnten Teil der Welt (d. h. große Teile Ost- und Mitteleuropas) gibt es 6000000 Juden, die dazu verurteilt sind, von der Hand in den Mund zu leben, die heute noch nicht wissen, was morgen geschehen wird. ..." 1902 betont Herzl am Ende der Kommissionssitzung der Londoner Fremden-Kommission nochma's die Notwendigkeit einer großzügigen, grundlegenden LöMing, einer großen, zentralen Ansiedlung von Juden in Palästina. Dr. Herzl: „Die Wohltäter in diesem Lande sollten sich vereinigen und einen Platz ausfindig machen, wo sie die Heimatlosen ansiedel« und aus ihnen Artleiter statt Bettler machen könnten. Achnliche Ansiedltingen sind gescheitert, weil fgr Bewegungen großer Voiksmassen Geld allein nicht fenügt. Sie müsse« ein IdeaJ haben, sie müssen an ihre ukmift glauben können, «ad dann ist man imstande, bei ihnen die Hingebung für die denkbar schwerst« Arbeit tu findet), ich will ihnen ein Beispiel geben. Argentinien hat einen sehr guten Boden und die Bedingungen für die Landwirtschaft sind dort bedeutend besse1' als in Palästina. Aber in Palästina arbeiten die Juden mit Enthusiasmus und haben Erfolg; freilich nicht die künstlich gemachten Kolonien, sondern die auf der Basis der großen nationalen Idee nach dem System der Selbsthilfe gegründeten." 1936: Weizmann: „Es sollte einen Ort in der Welt geben, in Gottes weiter Welt, wo wir imstande Kein würden, zu leben und entsprechend unserem Wesen uns zu äußern. Dort wollen wir unseren Beitrag an die Zivilisation der Welt in unserer eigenen Art leisten. ..." _Werner Goldstrom Bernard Shaw beliebt zu scherzen Das jüdische Nationalheim „ein zweites Ulster" Dublin, 5. Januar. (JTA.) Die Unabhängige Ar» beiterpartei Großbritanniens hatte Bernard Shaw ein Exemplar des Berichtes ihrer Soiiderkommission für Palästinafragen mit der Bitte übersandt, hierzu Stellung zu nehmen. In dem Bericht wird gesagt, der Entschluß der Britischen Regierung, ein Jüdisches Nafioualhcim in Palästina zu errichten, sei aus imperialistischen Mo.ivcn heraus zustande gekommen. Das britische Mandat über Palästina sei ein imperialistischer Schachzug gewesen, um den Weg nach Indien zu schützen, das östliche Mittelmeer zu kontrollieren und das Oel von Mossul zu bewachen, welches durch, die Röhrenlinie nach Haifa fließe. Bernard Shaw hat seine Stellungnahme zu dem Bericht in drei dramatisierte Szenen gefaßt. Am Eingang seiner Antwort bezeichnet er den historischen Teil des Berichtes der Kommission als Nonsens. Er wolle die wahre Geschichte von Arthur Balfour und den Zionisten dramatisieren. Der erste Akt dieser dramatisierten Antwort, die vom „Evening Herald" veröffentlicht wird, führt in das Foreign Office und spielt im Jahre 1017. Arthur Balfour unterhält sich mit einem jungen Attache über die Kriegskosten. Er fragt den Attache, ob die Chemiker nicht etwas erfinden könnten, was die Kriegsführung billiger mache. Der Attache antwortet, daß es einen Chemiker in Manchester gebe, der dies tun könne. Lord Balfour verlangt, daß man diesen Chemiker ihm vorstelle. Der Attache" sagt, es sei unmöglich; er sei ein Jude. Lord Balfour fragt, ob Sir Herbert Samuel ein Jude sei oder nicht, und ob er im Kabinett sitze oder nicht. Er verlangt, daß innerhalb drei Stunden der Chemiker vor ihm stehe. Der zweite Akt spielt drei Stunden später. Dr. Chalm Weizmann, der von dem Attache genannte Chemiker aus Manchester, unterhält sich mit Lord Balfour, der Dr. Weizmann eine sechsstellige Zahl nennt, um ihn zur Herausgabe seines Verfahrens zu bewegen. Dr. Weizmann antwortet, daß er nicht Geld verlange. Lord Balfour sagt, daß hierbei vielleicht ein Mißverständnis vorliegen müsse. Er sei dahin unterrichtet worden, daß Dr. Weizmann ein Jude sei. Dr. Weizmann antwortet, daß diese Information zutreffe, und er wiederholt, er wolle kein Geld haben. Lord Balfour fragt, ob er vielleicht einen Titel wolle, Dr. Weizmann lehnt ab. Lord Balfour dringt in Dr. Weizmann, was er denn nun endlich wolle. Und Weizmann erwidert: Ich will Jerusalem. Lord Balfour sagt, es gehöre ihm. Der dritte Akt zeigt Beruard Shaw selbst, wie er die Meldung von dem Erlaß der Balfour-Deklaration erhält. Bernard Shaw sagt: „Noch ein Ulster! Als oh eins nicht genug wäre!" (Uister ist eine Provinz Nordirlands, in der sich heftige Kämpfe zwischen Engländern und Iren abgespielt haben.) Die Schule in Haiberstadt Zu dem hürzlich von uns veröffentlichten Artikel über die Schule in llalhcrsludt sendet uns unser treuer Leser Herr Aron Hirsch der heute im 79. Lehensjahre steht, die nachfolgenden Erinnerungen, die wegen ihres Hinweises auf einen weitverzweigten Kreis jüdischer Familien in Deutschland wohl für viele Leser von Interesse sein werden. Wir wünschen Herrn Hirsch, daß er noch viele Jubiläen der alten Schule erleben möge. (Red.) Ich verdanke es der „Jüdischen Rundschau" mit dem Artikel des Herrn Sonn, daß ich daran erinnert wurde, daß meine erste Schule, welche ich unter dein Donner der Kanonen von Düppel im Jahre l&öt bezog, in diesen Tagen auf HO ruhmreiche Jahre zurückblicken kann. Damals war ich sechs Jahre alt, und ich glaube, unter heute noch Lebenden der älteste ehemalige Schüler der „Hascharath Zwi" zu sein. Unter Frauen, einige Jahre älter als ich, lebt noch Frau Recha Koref, geb. Fleischhauer in Hanau. Näheres über die Schule bringt die Chronik der Jüdischen Gemeinde Halberstadt von Dr. B. IL Auerbach s. A. Ich schätze die Männer und Frauen in Erez Israel, welche direkt und indirekt Beziehungen zur Schule hatten, auf einige hundert Personen. Namen wie: Hirsch, Hildesheimer, Auerbach (besonders Petach Tikwah), Baer (Fritz), Kobcr, Barth und noch viele andere leben und wirken dort im Lande der Väter. Ein Oelbild von Reh Hirsch Cöslin befand sich im größten Klassenzimmer der Schule im Rosenwinkel und befindet sich auch heute noch in der Aula der Jüdischen Schule auf dem Westendorf. Wo 17% die erste Schule war, ist mir unbekannt. Der alten Schule am Claushof (seit 1858) nebst Garten erinnere ich mich genau, dann siedelte die Schule nach dem Westendorf über. Die alte Schule kann auch in der Judcnstraße gewesen sein, wo die Gemeinde das Mikwoh-Haus und das des ehemaligen Rabbiners Mathcs Levian besaß. Die Gemeinde Halberstadt hatte Glück mit Stiftern ihrer wichtigsten Institutionen wie Bercnd-Lehmann (Synagoge und Claus), dann Hirsch Cöslin (Jüdische Schule» mit etwa 00 Jahren Zeitdifferenz, und diese beiden großen Wohltäter wirkten, besonders .für die damaligen Zeiten, vorbildlich. Von Lehrern erinnere ich mich noch dem Namen nach eines Lehrers Rosenbach, dann des Oberlehrers Lasch, dessen 50jähriges Jubiläum ich als Junge noch mitmachte, indem wir am Schabbos Morgen vor Sciiul Herrn Lasch, unter Führung des alten Chasan Jerctzky, ein Ständchen brachten, dann fand ein Festgottesdienst statt und Sonntag ein Festessen in Fleischhauers „Festsaal" in der Trillgasse, wobei der Seitiinardirektor Steinberg eine Rede hielt, mit den Worten beginnend: „Höret Ihr Himmel, Dr. Steinberg will reden", also „Ha'asinu Schomajim wa'adabcro". Der erste Lehrer metner Jugend war der würdige Samuel Baer, mit dessen Kindern ich noch heute freundschaftlich verbunden bin, für Profanfächer der vorzügliche Joel Friedender aus Krotoschin (Bruder von Michael Friedländer, Leiter des Jewish College London und Schwiegervater von Dr. Gaster, London, und Bruder des Kaufmanns Israel Friedländer, ehemals Präses der Handelskammer in Posen). Joel Friedländer war mit meinen Eltern, deren Gast er am Schabbos und Jomtow war, und uns allen sehr befreundet. Friedländer heiratete dann eine Bankiertochter Leeser aus Stade und wurde später selbst .Bankier in Stade, wo der spätere Direktor der Hildesheimer Bank, Leeser, sein Lehrling war. Als ehemaliger Lehrer ist noch besonders zu nennen Hirsch Josef aus Quedlinburg, der Rechenlehrer, dem auch ich die erste Buchhaltungslehre verdanke. Enkel und Urenkel dieses Mannes leben und wirken noch in Halberstadt. Dann kamen als Lehrer an die Schule Meier Löwenberg aus Hessen, Dr. E. van Gelder (Holland), Josef Blach aus Gudensberg, Lehrer Stern. Von etwa 1895 bis jetzt bin ich nicht mehr im Bilde. Acltere Schüler als etwa meinen Großvater Joseph Hirsch kenne ich nicht, aber alle Generationen haben die Wohltaten von Reb Hirsch Cöslin ganz wie von Reh Beermaan genossen« Rcb Aron Hirsch Göttingen, mein Urgroßvater, geb. 1782, besuchte die 1706 gegründete Schule noch nicht, ebensowenig auch sein Freund, der Oberrabbiner Säbel Eger in Braunschweig, aber Generationen der Eger-Familie müssen die Schule auch besucht haben. Esriel Hildesheimer, Hirsch Plato (Köln), Dr. Gerson Lange, Dr. Anton Nobel, Dr. Isaak Auerbach, sind nicht die alleinigen großen Schüler von „Hascharath Zwi", auch die Rabbiner Eger, Wolf und Bunnem; Josef Hirsch und seine Brüder, Enkel und Urenkel (Hirsch und Auerbach), Kinder und Enkel von Samuel Baer, vor allem der teuere, dahingeschiedene Emil Baer und die lebenden Max Baer und Gustav Baer. Dann denke ich an die Deszendenz der Familien Meyer und Abraham Sust, der Deszendenz von Hirsch Joseph, besonders des teuren Moritz Joseph und seiner Gattin Julie Joseph (Tochter von Samuel lacr), Hermann Jerctzky, Nathans, Kirchheim, Geheimrat Blumenthal in Ege!n-Kroppenstedt, der Familien Helft in Derental rg, Witmti'nd Wolf Hagelberg in Hoym (große Papierfabrik in Berlin), alle Nachkommen Reb Löh Oley: Hildesheimer (London, Manchester, Brandenburg, Berlin), Reb Lipmann Sanderslcben und Groningen (Nachfolger Schwabe in Hornburg), alle Dessauers aus Elrich, inklusive des bekannten Mohel Josef Dessauer, Deszendenz von Ocrson Josafat, Isac Lange, Herz Frank, Schlomoh Elkan, Dr. Sachs, Jonathan Falk und Gott sei Dank noch viele Lebende. Jedenfalls ist es heute richtig, der 110 Jahre zu gedenken, statt bis zu den 150 zu warten. Aron Hirsch, z. Zt. Wiesbaden Jüdische Persönlichkeiten auf Briefmarken. In Oesterreich wird zur Zeit eine Serie von Wohlfahrts-Briefmarken vertrieben, deren 60-Groschen-Wert den Kopf des berühmten Physikers Robert von Lieben (geb. zu Wien 5. 9. 1878, gestorben daselbst 20. 2. 1913) trägt, durch dessen Erfindung der Drei-Elektronenröhre erst der Ausbau der Radiotechnik und des Tonfilms ermöglicht wurde. Die Marke bringt den Kopf des Physikers, links davon die von ihm erfundene Elektronenröhre,