Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1937)
- Date
- 1937-01-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1, 5.1.1937 JODISCHE RUNDSCHAU Seite IT ging, Sir Harold Morr i s erging sich in abstrakten Argumenten bezüglich der Deutung der Worte „Rechte" und „Gemeinschaft", offensichtlich in der Absicht, Stein zu verwirren, was ihm jedoch nicht gelang. Stein erklärte, daß die Klausel betreffend Rechte der nichtiiidischen Gemeinschaften nicht das Bestimmungsrecht über Wahl der Einwanderer einschließe. Das Prinzip der wirtschaftlichen Absorptionsfähigkeit des Landes sei der einzige mit dem Mandat vereinbare Einwanderungsgrundsatz. Stein belegte seine These mit Zitaten aus offiziellen Veröffentlichungen der britischen Regierung, darunter aus dem Weißbuch vom Jahre 1922, dem Bericht der Verwaltung unter Herbert Samuel, dem MacDosiald- Schreibcn an Dr. Weizmann, sowie den Erklärungen des britischen Vertreters vor der Permanenten Mandatskommission im Jahre 1130 und einer Erklärung des High Commissioners Wauchope an arabische Führer während der letzten Unruhen, aus denen klar ersichtlich ist, daß das Prinzip der Absorptionsfähigkeit ein Grundsatz der britischen Politik von Anbeginn an war. Ferner unterzog Stein die betreffenden Bestimmungen des Mandats, der Balfour-Dcklaration und anderer Dokumente einer genauen Analyse und stellte im Endergebnis fest, daß die „Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinschaften" auf keinen Fall so ausgelegt werden können, als ob die Absicht bestünde, die Juden in der Minorität zu halten. Sir Harold Morris, sowie Lord Peel und Sir Laurie Hamm o n d stellten zahlreiche eindringliche Fragen an den Zeugen, die Stein klar beantwortete. Zum Schluß bemerkte Lord Peel lächelnd, daß nach Steins geschickter Auseinandersetzung des Mandats, die drei Stunden in Anspruch genommen hatte, das Mandat noch unverständlicher als vorher erscheine. Der Jcrusalemer jüdische Vizebürgermeister Auster hat unter Ausschluß der Öffentlichkeit vor der Kgl. Kommission ausgesagt. Seine Aussagen betrafen den Konflikt innerhalb der Jerusalemer Stadtverwaltung. Das Mandat nicht „heilig" Auseinandersetzung Peel - Schertok Jerusalem, 29. Dezember. (Palcor.) In der heutigen Sitzung der Kgl. Kommission erschien als Zeuge M. Schertok, der von B. Mcero witsch begleitet war. Schertok unterbreitete die seit Jahren bestehende Beschsverde der Juden wegen der ungenügenden Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei öffentlichen Arbeiten. Er führte aus, daß dank der jüdischen Aufbautätigkeit die Beschäftigungsmöglichkciten bei der Regierung unaufhörlich im Anwachsen begriffen seien; so hätten Juden 65 o/o der Einkünfte der Eisenhahn und 70 P/o derjenigen der Zollbehörden beigetragen. Ferner handle es sich bei der Beschäftigung bei öffentlichen Arbeiten um eine Frage des Bürgerrechts; als Vollbürgcr Palästinas betrachten es die Juden als ihr Recht, alle Berufe auszuüben, insbesondere da die Verwandlung der sozialen Struktur ein Ergebnis ihrer Aufbauarbeit sei; hierin unterscheide sich die Stellung der Juden in Palästina von derjenigen in der Diaspora, wo sie nur dem Namen nach als Bürger galten, während ihnen bestimmte Berufe verschlossen waren. Als wichtiges Argument zugunsten der Erhöhung des jüdischen Anteils an Regicrungsdiensten führte Schertok die Notwendigkeit an, die öffentlichen Dienste gegen Störung im Falte von Unruhen dadurch zu schützen, daß sie nicht nur mit Mitgliedern eines Bevölkerungsteils besetzt werden. Schertok bezog sich auf den 1931 an Dr. Weizmann gerichteten Brief des damaligen Ministerpräsidenten MacDonald, in dem das .Anrecht der Juden auf Beschäftigung bei Regierungsarbeiten im Verhältnis zu ihrem Anteil am Steuereinkornmen des Staates anerkannt wurde. Lord Peel warf an dieser Stelle ein, daß es der Kommission frei stehe, frühere Auslegungen des Mandats zu ignorieren; er fragte den Zeugen, ob seine Argumente auf dem Mandat oder anderen Dokumenten begründet seien. Schertok erwiderte, daß die Erklärungen MacDonalds als die Auslegung des Mandats angesehen werden. Lord Peel stellte fest, daß die Juden das Mandat als die „Heilige Schrift" betrachten; diese Behauptung wurde von Schertok bejaht. Lord Peel bemerkte, daß die Kommission ihre eigene Interpretation des Mandats schaffen müsse. Im weiteren Verlauf seiner Aussagen wies Schertok auf die Tatsache hin, daß die Beziehungen zwischen Arabern und Juden, die nebeneinander arbeiten, besser sind, als die Beziehungen zwischen palästinensischen und auswärtigen Arabern. Ferner führte Schertok aus, daß jeder einzelne Jude zweimal so viel an Steuern abführe als jeder einzelne Araber. 1933 habe der High Commissioner angeordnet, daß die bei Regicrungsarbeiten beschäftigten Arbeiter zu 33 <Vo aus Juden bestehen sollen; diese Bestimmung sei jedoch nicht zur Durchführung gelangt. In diesem Zusammenhange wies Schertok auf die Notwendigkeit des Baus der Nord- Chaussee hin, der vermutlieh in Anbetracht der finanziellen Bedürfnisse der Eisenbahn nicht unternommen worden sei; dadurch werden die Juden gezwungen, die gefährliche Gegend um Tulkcrem zu passieren. Durch die Einstellung von Juden in dem Ausmaße von 33 °/o würden sich die von der Regierung zu zahlenden Löhne vielleicht um 45—50 <Vo erhöhen, während der jüdische Anteil an den Steuern 62 <Vo des Gesamteinkommens der Regierung betrage. Bei öffentlichen Arbeiten und der Erhaltung von Straßen, für die die Regierung C 130 000 jährlich ausgebe, werde ausschließlich arabische Arbeit verwendet. Die Juden fordern denselben Anteil an den gewöhnlichen wie an den außergewöhnlichen öffentlichen Arbeiten. Die Eisenbahn beschäftige insgesamt 4300 Arbeiter, von denen nur 3(>5 Juden sind. Auf eine Frage Lord Peels antwortete Schertok, daß die Frage des Schabbat kein Hindernis für die Beschäftigung von Juden sein könne, denn es sei möglich, eine Lösung zu finden. Er stellte fest, daß von 117 Lokomotivführern bei der Eisenbahn nur 17 Juden seien; dies sei ein vom Standpunkte der Sicherheit und der Aufrechterhalhing des Eisenbahndienstes im Falle von Streiks höchst gefährlicher Zustand. Schertok wies wiederholt auf die lebenswichtige Bedeutung der Eisenbahn und der H ä f e n vom Standpunkte der Sicherheit hin, die durch die letzten Unruhen zur Geniige erwiesen worden sei. Der Hafen von Jaffa, in dem keine Juden angestellt waren, sei geschlossen worden; in Haifa dagegen, wo Juden arbeiteten und eine jüdische Arbeitsreserve bestand, hätten sich die Araber trotz heftigster Propaganda gehütet, in de:i Streik zu treten. Im weiteren Verlauf seiner Aussagen bezüglich Beschäftigung von Juden in öffentlichen Arbeiten führte Schertok aus, daß von den Juden aus dauernd um die Beschäftigung von Juden im J a f f a e r Hafen nachgesucht wurde. Dieses Gesuch wurde jedoch von der Regierung zehn Tage vor Ausbruch der Unruhen im April abschlägig beschieden. Dieser Umstand bedeute effektiv eine Art ökonomischer Ausschaltung, da die Juden von der Beschäftigung im Jaffaer Hafen völlig ausgeschlossen sind. Er erwähnte, daß die Juden in zwei Fällen aus einem politischen Streik eine Lehre gezogen hätten, nämlich im Oktober 1935 und im Februar 1036, als die Arbeit überall niedergelegt und alle öffentlichen Betriebe, die sich völlig in arabischen Händen befanden, eingestellt wurden. Während der ganzen Dauer der letzten Unruhen ruhte die Arbeit im Jaffaer Hafen völlig, und aut diese Weise sei die Autorität der Regierung vollkommen untergraben und Aufwiegler in ihrem Treiben ermutigt worden. In Beantwortung einer von Sir Laurie Hammond estclltcn Frage erklärte Schertok, daß arabische Baufirmen eine ungelernten arabischen Arbeiter beschäftigen, sondern lediglich einige wenige gelernte jüdische Handwerker einstellen, und zwar nur dann, wenn die Stellen mit Arabern nicht besetzt werden können. Jüdische Baufinnen dagegen beschäftigten Araber in großem Umfange. Schertok wies auch auf die harmonisch arbeitenden Teilhaberschaften in der Bauindustrie zwischen Juden und Nichtjuden hin. Er betonte, daß infolge der schnelleren und besseren mechanischen Arbeit der Juden die Beschäftigung derselben — trotz der höheren Löhne — der Regierung keine Mehrkosten verursachen würde. Als Beweis dafür führte er den Haifacr Hafen an, wo die Beschäftigung von jüdischen Arbeitern für die Regierung sogar billiger ist. Schertok beantragte dringend, daß die Regierung die Stadtverwaltungen von Haita und Jerusalem anweisen solle, den Juden einen gleichen Arbeitsanteil zu gewähren, da in beiden Städten die Juden mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft darstellen. Lord Peel fragte darauf, ob es nicht eine etwas ungesunde Taktik sei, die Beschäftigung von Arbeitern nach der prozentualen Zusammensetzung der Bevölkerung vorzunehmen, anstatt jeden als Palästinenser zu betrachten. Schertok erwiderte darauf, daß dies für die Zukunft erstrebt werde, worauf Lord Peel fragte, ob er unter der Zukunft die Zeit verstehe, in der diu Juden die Majorität im Lande bilden würden. Schertok erklärte jedoch, er meine die Zeit, da der politische Kampf beendet und ein Ausgleich des wirtschaftlichen Standards der jüdischen und arabischen Arbeiter herbeigeführt würde. Vorläufig, so fuhr er fort, werde jedoch eine Politik verfolgt, die einar tatsächlichen Ausschaltung der Juden gleichkomme, wie im Falle der Eisenbahndienste, und die Juden lehnten es ab, al» Bürger zweiten Ranges betrachtet zu werden. Lord Peel fragte dann, ob er nicht neue Streikwellen in Zukunft erwarte, worauf Schertok zur Antwort gab, daß die Juden darauf vorbereitet sein müßten. Vertreter der Histadruth In der öffentlichen Sitzung vom 30. Dezember wurden die Vertreter der Jüdischen Arbeiterorganisation (Histadruth) vernommen. Als Zeugen waren erschienen die Herren Berl Katz. cnelson (Chefredakteur der Tageszeitung „Dawar"), Dov Hos, Levy S h k o 1 n i k, sowie Frau Golda Meicrson. Berl Katzenelson, der hebräisch sprach, erklärte (laut "Palcor"), daß die Histadruth sich sämtlichen von der Jewish Agency vorgebrachten Beschwerden anschließt, und zählte sodann die spezifischen Beschwerden der jüdischen Arbeiter auf. Er beklagte sich über die unzureichende Anzahl der von der Regierung bei der Eisenbahn, in den Häfen, im Polizei- und im Grenzdienst beschäftigten Juden. Katzeneison gab der Meinung Ausdruck, daß, wenn die Anzahl der jüdischen Beamten größer wäre, weniger Felder im Emek verbrannt, weniger Juden ermordet, weniger Banditen und Waffen aus den Nachbarländern hineingeschmuggelt worden wären; zum Streik im Hafen von Jaffa wäre es vielleicht überhaupt nicht gekommen. Katzcnelson wurde in seinen Ausführungen häufig und beharrlich von fast allen Mitgliedern der Kommission mit Fragen unterbrochen, denen eine lebhaft Debatte mit mitunter scharfen Antworten -oigte, obwohl Fragen wie Antworten übersetzt werden i. ußten. Die Kommissionsmitglicdcr, die offensichtlich die von der Histadruth unterbreitete Denkschrift aufmerksam gelesen hatten, stellten eine Reihe von Fragen bezüglich des vorgeschlagenen Mindestlohn-üesctzcs, der Krankheitsvcrsiehenmg und der Munizipal-Vcrwaltung. Dov Hos, der die letztgenannte Frage beantwortete, führte aus, daß ein Bedürfnis nach Erweiterung der Selbstverwaltung in den Dörfern und nach einem größeren Ausmali an Autonomie in den Stadtverwaltungen und Käten bestehe. Frau Gold a M everso n, als Vertreterin der Histadruth- Exekutivc, befaßte sich in ihren Aussagen vor der Kommission mit Fragen bezüglich des F raucnstimmrechtes. Der nächste Zeuge war Dov Hos, der betonte, daß die jüdische Arbeiterorganisation bestrebt sei, eine engere Z u s a m meiiarhcit zwischen Juden und Arabern herbeizuführen, daß jedoch die Rcgicrungsbcamtcn einer solchen Zusammenarbeit feindlich gegenüberstanden. Hier machte der Vorsitzende, Lord Peel, die Feststellung, daß Hos durch seine Bemerkung eine schwere Anklage erb o b e n habe. 1 los wiederholte, daß die jüdischen Arbeiterorganisation all ihren Einfluß anwandte, um die Juden und Araber einander näherzubringen. Sir Horace Rum hold stellte die Frage, ob die Juden von der Regierung Zuschüsse zu ihren bewundernswerten Institutionen'erwarten und <>b (las leiden von Zuschüssen von den Juden als Beschwerdegrund geweitet weide. Dov Hos wies in seiner Antwort darauf hin, daß die jüdischen Arbeiterinstitutionell Funktionen erfüllen, die in anderen Ländern der Regierung obliegen, und die ihrer Ansicht nach auch die Regierung in Palästina übernehmen sollte. Sir Horace R u m b o 1 d zitierte darauf Artikel 4 des Mandats im Zusammenhang mit der von der Regierung zu gewahrenden Untcrstiii/ung' in der Entwicklung des Landes. Sir Horace hob hervor, daß in diesem Artikel nicht ausdrücklich festgestellt M, dal', die Entwicklung tu einem gewissen T c tu p <)' vor sich gehen sollte. Außerdem, fuhr er fort, könnte man von einer wirklich tüchtigen Verwaltung nicht erwarten, daß sie diese Entwicklung in einer knapp bemessenen Zeitspanne vollenden könnte. Er erwähnte in diesem Zusammenhange Lord Cr omer, der 25 Jahre schwerer Arbeit gebraucht hatte, um aus Aegypten wieder ein wohlhabendes Land zu machen. In Palästina gestalte sich das Problem noch schwieriger durch das Experiment, dem Staatskörper eine fremde Rasse einzuverleiben. Er sei der Ansicht, daß die Regierung in diesem kurzen Zeitraum sehr viel getan habe, wenn man bedenkt, daß die jüdische Bevölkerungsziffer, die im Jahre 1922 80 000 betrug, im Laufe von 14 Jahren auf das Fünffache gestiegen sei. "Dov H o s machte in seiner Antwort darauf aufmerksam, daß die Juden neue Siedlungsmöglichkciten für weitere Juden schufen und daß sie nicht als Fremde ins Land kämen, sondern daß sie in diesem Lande schon tausend Jahre gelebt hätten. Lord Peel fragte dann den Zeugen, ob er glaube, daß die Regierung mit den ihr zur Verfügung stellenden beschränkten Mitteln die mannigfachen Pläne in zwei oder drei Jahren durchführen könnte, worauf Hos zur Antwort gab, daß es sich hier nicht um eine Frage von zwei oder drei Jahren handle, sondern darum, daß die Regierung überhaupt nicht versucht, das Problem zu lösen. In Beantwortung einer Frage von Sir Maurice Carter machte dann Katznclson Ausführungen über das Problem der jüdischen Arbeit. Infolge der billigen arabischen Arbeit sei es den Juden unmöglich, Beschäftigung zu finden, außer wenn es" sieh um besondere Unternehmungen im Zusammenhang mit der nationa'en Kolonisation handelt, doch könne von einer Verdrängung der Araber keine Rede sein. Ben Zwi erschien am Mittwoch abend in einer ge« schlösse neu Sitzung' vor der Kommission. W. J. Earrell, der neu ernannte Leiter des Erzieluings-'PepnrtemenN der Regierung, erschien vor der Kgl. Kommission in einer geschlossenen Sitzung. Abreisetermin: 12. Januar Wie Palcor erfährt, wird die Kgl. Kommission am 12. Januar Palästina verlassen. Sollten sich die Araber jedoch noch entschließen, vor der Kommission zu erscheinen, so würde die Abreise um einige Tage verschoben werden. K JERUSALEM IM SCHNEE Blick auf die Altstadt mit den Damaskus-Tor, r0i«; H. Uruu«i, Jmuin Blick van der. Hebräischen Universität auf, den Oelberg. i %