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Jüdische Rundschau · 1937-01-05 · Heft 1 (5.1.1937) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
42 (1937)
Issue
Heft 1 (5.1.1937)
Date
1937-01-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 1, 5,1.1937 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Jüdische Musiker in der Welt V. S. A. New York, im Dezember _ Erstaunlich für einen Europäer, der nach USA. kommt, Sind zunächst einmal die Ausmaße aller Erscheinungen. Da ist nicht nur das Riesenland, dessen Entfernungen gewaltig sind, aber für den Amerikaner selbst wenig bedeuten, da ist die ungeheure Zahl an Menschen, die alle zusammengehören, wenn sie auch in verschiedenen Staaten wohnen. — In New York hat das künstlerische Leben einen Zuschnitt, an den sich der Europäer erst gewöhnen muß. Da gibt es Dutzende von Theatern jeder Art, vom modernsten Studio bis zum Tingeltangel, Tanzabende, Kon/crte, Filme, von den Zeitungen und ihrem Umfang gar nicht zu reden. Das Musikleben, besonders m New York, Chicago, ,u. : i, .'ia.adelphia, wächst von Woche zu Woche; es vertieft sich und erweitert seine Grenzen. New York hat zahllose Konzerte der verschiedensten Art an e i n e m Abend. Da ist Raum für jede Richtung und jeden Geschmack, für jedes Experiment und für Wiederholungen der bekanntesten Werke. Die Amerikaner sind außerordentlich interessiert an Musik. Jeder Haushalt hat einen Radioapparat, der wohl nur in der Nacht abgestellt wird. Die breite Masse kennt vor allem die populär tunes, den Jazz, der aber von so vollendeten Spielern dargeboten wird, daß ein Höchstniveau an Ensemblespiel Durchschnitt ist. Die Juden spielen in diesem Musikleben eine große Rolle. Namen wie K r e i s 1 c r, II ei fetz, Elm an, Meuuhin, Z i m b a I i s t, sind jedem Amerikaner geläufig. Hinzu kommt eine Legion jüdischer Gei-;er, Pianisten und anderer Künstler. Von jüdischen Dirigenten nenne ich unter vielen anderen Serge Kussewitz!, v, den Leiter des weltberühmten Boston Symphony Orcheslras, Au-h der kürzlich verstorbene Ossip Gabrilo witsch war einer von ihnen. Unter den amerikanischen Komponisten stehen Juden wie Aaron Copland und Louis ü r ü n b e r g an erster Stelle. In einem derartigen Musikbeirieb, der sich ständig erweitert, ist auch Raum für fremde Musiker. So kamen jüdischc_ Musiker, die früher in Deutschland wirkten, und sie sind jetzt schon ein fester Bestandteil des ametikai ischen Musiklebens geworden. Arnold S c h ö n b c r g war eine Zeitlang in Boston und unterrichtete dort. Er ist jetzt in Kalifornien als Kcmpositionslehrcr an einer Universität. Ernst Tocii knm von England nach USA., und begann mit einer Lehrstelle an einer New-Yorkcr Hochschule. Auch er ist weiterg-wist. An der pazifischen Küste sind mehr Möglichkeiten als an der atlantischen; die Entwicklung beginnt dort erst. So ist Toch jetzt in Hollywood gelandet, wo er Filmmusik schreibt. In der vorigen Saison wurde in New York seine Oper „Die Prinzessin auf der Erbse" aufgeführt, vor kurzem seine „Bunte Suite" für großes Orchester. Kurt W e i 11 lebt in New York. Seine Bühnenmusik zu „Johnnv John" hatte großen Erfolg und wurde auch von der „Modern Times", die ihm sonst kritisch gegenüberstellt, anerkannt Auch die ausübenden Musiker sind außerordentlich aktiv. So hat Otto Klcmper er großen Erfolg in Los Angeles; eine Universität will ihm den Ehrendoktor anbieten. Man las kürzlich, daß er ein neues Werk von Kniest Bloch, der hier als der jüdische Komponist anerkannt wird, uraufführen wird. Ebenfalls im Westen arbeitet Dr. Hugo Strelitzer, der noch vor einem Jahr Solokorrepetitor an der Kulturbundoper in Berlin war, jetzt aber eine Lehr- und Dirigentensteile innehat. Stefan Frenke!, eine Zeitlang Mitglied des Orchesters „de la Suisse Romande", ist nun Konzertmeister der Metropolitan Opera geworden. Der junge Geiger Werner Lywcn, der noen vor kurzem in Berlin war, ist jetzt auch Mitglied dieses Orchesters. Die Cellisten Joseph Schuster und l'i atigor sky konzertieren. Emanucl List, früher neben Kipnis Rassist an der Berliner Staatsoper, ist ebenfalls an der New-Yorker Oper. Boris Schwarz reist als Konzertmeister des Ballet Russe, das übrigens vor einigen Monaten in Berlin gastierte. Der Dirigent dieses Orchesters, an dessen Geigenpulten viele Juden sitzen, ist der junge, im früheren Berliner Musikleben bekannte Efrem K u r t z. Dr. V. Ernst Woiff ist ein gesuchter Begleiter; er ist jeden Sonntag nachmittag als Cembalist im New-Yorker Radio zu hören. Es ließen sich diesen Namen noch eine beträchtliche Reihe anderer anlügen. Einige Streiflichter mögen aber genügen. Diesen ausübenden Künstlern gesellen sich die Musikwissenschaftler zu, von denen sich eine Anzahl im Lande befinden. Den wichtigsten Posten nimmt unter ihnen Dr. Hugo Leichtentriti ein, der jetzt nicht nur an der Harvard Universität, der ältesten und angesehensten, sondern auch an der New-Yorker lehrt. Die Colleges und Universitäten haben zum Teil sehr große Music departments. Die Professoren sind meist Komponisten, die Kontrapunkt und Harmonielehre unterrichten. Daneben werden auch analytische Vorträge gehalten, über Geschichte der Musik gesprochen, aber alles nur in sehr beschränktem Umfang. Jetzt beginnt allmählich das Interesse für Stilgesehichte zu erwachen, und es könnte sein, daß sich ein neues Arbeitsfeld erschließt. Daß bis jetzt nur populäre Bücher über Musik gedruckt wurden, fast alle Variationen über das Thema „Wie soll man Musik hören?", ist ein Zeichen für die Lage. Daneben gibt es aber solch eine ausgezeichnete Zeitschrift wie „Musical Quarterly", die den Verhältnissen weit voraus ist. In der „Modern Times" hat kürzlich Alfred Einstein, der soeben in London ein Buch über Gluck herausgebracht hat, einen ausg.'zeichneten Aufsatz über das Problem des Nationalismus in der Musik geschrieben. Dr. Hau s N a t h a n London London, Ende Dezember Nach längerer Abwesenheit erschien Ignaz Friedman, der unübertreffliche Chopininterpret, wieder auf dem Londoner Konzertpodium. Brillanter Schwung, Eleganz, und das Sentiment seines Spieles sind unnachahmlich und seine stupende Technik eine Selbstverständlichkeit. Merkwürdig berührten jedoch Willkürlichkeiten in Dynamik und Tempo, die bei Chopin verständlich, bei Bralmis (Händel-Variationen) die Struktur ziemlich verschoben. — Als eine Musikeriii von stärkster Vitalität und Temperament, verbunden mit einer beachtlichen technischen Sicherheit, erwies sich die junge Amerikanerin Ray Lew Das jugendliche Feuer ihres Spiels riß sie wohl zu manchen agogischen Ucbertreibimgen hin wie in Schumanns großer C-Dur-Phantasie, doch haben wir Beethovens E-Moll-Sonate selten mit soviel Poesie und Sinn für Klang interpretiert gehört. —- Vera Benensons diesjähriger Klavierabend zeigte diese feinsinnige Künstlerin in bestem Eicht. Was ihrem Spiel eine besondere Note gibt, sind die minutiös durchgeführten klanglichen Schattierungen, die besonders in Schumanns „Humoreske" und einigen schon ziemlich impressionistisch angehauchten Stücken von Lis/t auffielen. Köstlich klang die Mozart-Sonate, die Frau Benenson auf einem aus dem Jahre 1803 stammenden Klavier mit viel Verständnis für Linie und Phrasierung vortrug. — Zwei ausgezeichnete Musiker, Victor Ha bin und Vitra Vronskv, taten sich zu einem Konzert mit Musik auf zwei Klavieren zusammen, ein in England sehr beliebtes und viel gepflegtes Genre. Musikalisch Wertvolles repräsentierten Schuberts „Audantino Varie" in einem Arrangement für zwei Klaviere sowie die Havdn-Variationen von Brahms. Babins eigene sehr gekonnte „Quatre Etudes" sind mehr für das Studierzimmer als den Konzertsaal bestimmt. Das verblüffend präzise Zu- „ Artur Aronymus und seine Väter" Uraufführung in Zürich z. r. Z ü r i c h, im Dezember Einsam und versponnen in ihre Träume lebt Else L a s k e r - S c h ü 1 e r, nach einer kurzen Sehnsuchtsfahrt ins Heilige Land ihres Herzens und ihrer Väter, im Schweizer Süden. Von dort kam sie herauf nach Zürich, zur Uraufführung ihres farbigen Spiels „Artur Aronymus und seine Väter" im Schauspielhaus. Es ist lange her, daß das erste Stück der Dichterin „Die Wupper" bei Reinhardt gegeben wurde. Wieder ist Westfalen der Schauplatz, die Gegend um Paderborn, Hochsitz, eines stolzen Katholizismus. Aber auch zugleich eine Gegend, in der leicht die Nebe! des Spuks brauten und Glaube leicht in Aberglaube, Eifer in Ekstase umschlug. Das schwere Herz der Dichterin suchte in patriarchalischer Vergangenheit, in der Ueberüeferung eigener Familiengeschichte Trost und Gleichnis. Ueber dem angesehenen kauzigen jüdischen Gutsbesitzer Schüler mit der riesenhaften Familie von sage und schreibe dreiundzwanzig Kindern — vom startlichen Mann bis zum süßen Hemdenmatz — hängt dörfliche Pogromstimmung. Hetzlieder und Drohungen dringen beängstigend in die turbulent-idyllische, halb an Spitzweg, halb an Jettchen-Gebert-Romantik erinnernde Buntheit des Gutshofs. Sie wird durchteilt von dem guten Engel der Familie, Artur Aronymus, dem Achtjährigen, den in einer ergreifenden Szene des Anfangs der Todesbote Gottes für das Selbstopfer des greisen Großvaters freigibt. Zwischen dem Kaplan des Dorfes, der die Juden schützt, aber die Taufe des Knaben aus lauterem Herzen ersehnt, und dem sammenspiel und die bravourös-virtuose Technik, vor allem in einer Bearbeitung der „Polovetzer Tänze" aus Borodins Oper „Prinz. Igor", legten Zeugnis ab für die hervorragenden pianistischen Qualitäten dieser beiden Partner. — Louis K ras n er, der ehemalige Konzertmeister des Boston Svmphony Orchcstra, stellte sich in einem der großen Orchesterkonzerte des englischen Rundfunks mit dem Violinkonzert von Alban Berg, dessen einziger Interpret er bisher ist, zum erstenmal einem größeren Kreis vor. Berg schrieb dieses Konzert auf Krasuers Bestellung. Ursprünglich ohne bestimmten programmatischen Inhalt gedacht, wurde dieses Werk zu einer Art Requiem auf den Tod eines dem Komponisten sehr nahestehenden Menschen (Manon Gropius, Tochter von Mahlers Witwe), der gerade, als das Konzert im Werden begriffen war, plötzlich starb. Das Schicksal wollte es, daß das Werk zu Bergs eigenem Requiem wurde. Denn kurz nach der Beendigung starb der Komponist, kaum fünfzigjährig, unter tragischen Umständen. Krasner spielte diese von tiefster seelischer Erschütterung sprechende Musik mit einer Inbrunst und Hingabe, wie sie nur jemand haben konnte, der mit Entstehungsgeschichte des Werkes so eng verbunden ist. — Ein Mezzosopran aus Palästina, Sarah (io Idstein, debütierte mit einem durchweg aus Volksliedern zusammengesetzten Programm, das auch eine Anzahl hebräischer Stücke von Zaira, Weinberg, Nadel und üorochow umfaßte. Die Stimme „sitzt" gut und ihr etwas gutturaler Charakter kam dem orientalischen Teil des Programms sehr zustatten. Die Art ihres Vortrags erinnert allerdings stark an das Kabarett. Zwei Bearbeitungen judeo-spanischer Gesänge von Wolf Simon i, dem verständnisvollen Begleiter, erwiesen sich leider stilistisch als vollkommen verfehlt. — Einen interessanten Abend mit modernen französischen, spanischen und russischen Liedern vermittelte Ida S c Ii 1 o u s k a, eine intelligente Sängerin mit einer kleinen, aber sehr kultivierten Stimme. — Von den Kammenmisikabeiiden erwähnen wir das Konzert des Duos Lüh Krau s (Klavier)-Simon G o I d b e r g (Geige). Diese beiden Künstler haben sich in der relativ kurzen Zeit ihres_Zusammenarbeiten* bereits einen hervorragenden Namen als ideal eingespielte Partner erworben. Ihr letzter Abend mit Bach. Mozart. Beethoven und Debussy im Programm bestätigte dies von neuem. — Das erste Konzert, das der bekannte Londoner Geiger Henry T c m i a n k a mit seinem vor einiger Zeit gegründeten Kammerorehester gab, legte Zeugnis ab für den Ernst und die Gewisscnhaftigke.t, mit der der Künstler seine kleine Schar erzogen hatte. Neben den beiden Mozart- Konzerten in D-Dur und A-Dur, die in dieser kleinen Besetzung au Durchsichtigkeit und klanglicher Plastik des orchestralen Partes nur gewinnen konnten und dadurch von selbst den Solisten mehr ins Relief brachten, horte man noch Mozarts ziemlich unbekannte „Screnate Notturna", ein entzückendes Werk für zwei getrennte Streichorchester und Pauken, ein kleines Meisterstück unbeschwerten Humors und Laune, das der Salzburger Meister im Alter von zwanzig Jahren geschrieben hatte. Dr. M. Carner Vater Schüler in seiner tiefen jüdischen Verwurzelung klafft einen Augenblick lang der Gegensatz auf, um sich in einer großen Versöbnungss/ene — Zürich gab das Stück als Weihnachtspremiere — restlos zu schließen. Der Bischof Matthias von Paderborn selbst greift ein, wendet die Pogromgefahr ab und nimmt an der Österfeier im Haus des Juden teil. Und während draußen die Christen, drinnen die Juden ihr Lied anstimmen, steht auf der Schwelle zwischen beiden der Bischof als Mittler und Versöhner. Das in zahlreichen Bildern locker gefügte Stück schwebt zwischen zartester Liebcspoesic und drastischstem Kindermund, zwischen Volkslied und Gedankenstück. Die große Lyrikerin Else Lasker-Schüler hat die Gefühle ihrer heimatbangen Seele und die scheuen, sanften Visionen ihrer Traumgesichte hineinverwoben und zwischendurch schießt ein glückliches Erinnern lustige Purzelbäume. Eine magische Dichtung, aas deren Urgrund die grolle Liebe zu den Menschen von Szene zu Szene in immer reinerem Feuer flammt. Die Aufführung selbst unter Lindtbergs Regte bevölkerte die Bühne des Schauspielhauses mit einer bezaubernden Schar von Kiiidertvpeu, aber auch mit einem Darsteller-Ensemble, in dem neben Kaisers feierlich-großem Rabbi, Langhoffs männlich-feurigem Kaplan, dem culendrolligcn, skurrilen Gutsbesitzer Steckeis und der niemals ihre reizvolle Hosenrolle zu Niedlichkeiten ausnutzenden Grete Heger als Artur Aronymus noch Namen wie Ginsberg, Traute Carlsen, Kertcs (ein liebenswertes Fräulein), Horwitz. u. a. glänzten. Ein Beifall, der bei dem oft so spröden Publikum des Theaters von ungewöhnlicher Starke und Datier war, riß die beglückte „Prinzessin von Theben" immer wieder vor den Vorhang. Leo Hirsch: Joseph wird nicht verkauft Morgens gegen fünf Uhr wurde im Zimmer Lieht gemacht. Ich hörte, wie das Streichholz angezündet wurde, und sah den Lichtschimmer durch die Glastür, noch ehe der Zylinder der Petroleumlampe leise klirrte. Auf und ab gehend kleidete die Großmutter sieh leise an. Dann kam sie auf Zehenspitzen in die Küche, in der mein Bett stand, vermied es, nach mir zu sehen, stellte die Petroleumlampe auf den Ilerdsims und würmte sich umständlich das am Abend bereitgestellte Kannchen Kaffee. Ich tat, als wenn ich schliefe. Kurz, darauf kam mein Vater, ich erkannte ihn am Schritt, ehe er noch vorsichtig an das Küchenfenster klopfte, das auf den Hausflur hinausging. Die Großmutter öffnete und bot ihm Kaffee an. „Der Junge scheint zu schlafen", flüsterte sie, als sie im Zimmer die Kaffeetassen hinstellte. „Vielleicht wird er nun gesund", sagte mein Vater. Ich hörte jedes Wort. „Meine Sachen sind schon gepackt", flüsterte die Großmutter, „aber vielleicht sollte ich doch nicht fahren." „In vierzig Minuten geht der Zug, Mutterchen. Wir müssen uns beeilen." „Ich lasse euch nicht gern allein." „Die meisten Leute sind schon fort. Hoffentlich bekommen wir einen Sitzplatz für dich." „Ich haba keine Angst vor den Russen. „Das ist hier nichts für dich, Mullerchen: Wer weiß, wie bald wir auch flüchten müssen. Dann sehen wir uns in Frankfurt." „Dann kommt doch gleich mit." „Komm, Mutterchen. Droschken gibt's nicht mehr, und es ist schwer, in den Straßen vorwärts zu kommen. Lauter Wagen mit Betten. Die Bauern der ganzen Gegend verlassen ihre Dörfer. Wo sind deine Koffer?" Blinzelnd sah ich, wie die Großmutter die Petroleumlampe ausblies, sie halte den Feiertagshut auf den Wintermantel mit Pelzfutter an, das grün« Wollplaid über dem Arm, sie warf einen seltsam scheuen Blick nach mir, der Vater nahm ihre beiden Koffer, und dann schnappt« die Korridortür ins Schloß, durch das Dachfenster quoll grau das erste Tagesdämmerlicht in meine trübe Küche, der kalte Petroleumdunst kroch mir in die Nase, ich war allein in der Wohnung. Ich hörte fern und dumpf den ersten Kanonendonner des Morgens erwachen. Das war im Kriegsherbst 1914, die Russen drangen vor, unsere Truppen gingen zurück, die meisten Deutschon und Juden von einigem Vermögen halten bereits ihre Frauen und Kinder tiefer ins innere Land geschickt, unsere kleine Stadt hatte doppelt soviel Einquartierung wie Einwohner, in unserm HUuschen lagen zwanzig Mann, aber täglich andere, die meine Mutter versorgen mußte, und ich lag seit vierzehn Tagen krank; elf Jahre war ich alt. Anstatt die Großmutter (ihre Mutter) mit zum Bahnhof zu begleiten, kam meine Mutter zu mir herauf. Die Wohnung ira Parterre hinter dem Laden war zu klein für uns alle, ich wohnte seit Jahren in Großmutters Küche im zweiten Stock. Die Mutter hob meinen Strohsack ein wenig und sah, daß ich wach war, obwohl ich die Augen geschlossen hielt. Sie strich mir wortlos über den Kopf und steckte mir das Thermometer un'er den linken Arm in die Achselhöhle. Sie sah hastig auf die Küchenuhr, um sechs mußte der Laden geöffnet werden. Sie lief die Treppe hinunter, es war Zeil, daß meine jüngeren Geschwister aufstanden, ich hörte sie dem Großvater (dem Vater meines Vaters) guten Morgen sagen, er wohnte in der anderen Wohnung im zweiten Stock seines Hauses und ging also bereits beten, nach einigen Minuten kam sie wieder herauf, die fünfte Stufe von oben knarrte, Muttors kuttenartiges graues Morgenklcid schleifte nach, die Korridortür quietschte, die Küchentür wurde geschlossen, die Mutter besah das Thermometer unter dem Dachfenster, murmelte etwas mir Unverständliches, besah das Thermometer noch einmal, und schon war ich wieder allein. Es dauerte eine Stunde, bis Fräulein Selmn kam, erfrischend nach kräftiger Seife roch, auf jeder Wange ein Morgenrot und auf den schönen weißen Zlthnen ein Blitzen trug, mir stumm zunickte, in Großmutters Zimmer das Bett am Fenster neu bezog, mir Kaffee und Brötchen ans Bett brachte, mich aber, da ich nicht essen mochte, nicht nötigte und wie ein Traum verschwunden war, um unten im Laden zu bedienen. Und schon war meine Mutter wieder oben, seifte mix das Gesicht und die Hände ab, das Wasser tat mir wohl, sie erließ mir das Beten, z.oß mir ein irisches Hemd über und trug mich, obwohl ich schon damals größer und schwerer als sie war, wie ein W ickelkind in Großmutters Bett um Fenster, das zur Straße ging. „Der Vater wird wohl noch beten gegangen sein'', sagt« sie wie zu sieh selber; es war nun höchste Zeil, daß meine Geschwister in diu Schule gingen, und sie mußte sieh selbst um alles kümmern. Nun konnte ich keinen Schritt auf der Treppe mehr hören. Wagen um Wagen ratterte über die Straße, die ängstlichen, Gerüchte übertreibenden oder galgenhumorigen Gespräche der Nachbarn drangen bis zu mir herauf, der Friseur nebenan und der Färber gegenüber öffneten erst um halb acht, und der Inhaber des Schreibwarenhandels neben unserm Haus links, der nur ein halbes Kinn, dafür aber einen doppelten Adamsapfel zu haben schien, machte die krüchzendsten Witze darüber, was alles die vor den Russen fliehenden Bauern auf ihre Wagen gepackt hatten. Da wurde die Glastür von der Küche geöffnet, der alte Dr. Orzcgow trat ein, hinter ihm mein Vater, ich mußte Aaa sagen, den Mund aufreißen, wurde abgeklopft, der Pub wurde mir gefühlt, ich nahm alles sehr deutlieh, aber wie durch einen Schleier wahr und hörte den alten Arzt, als er die Glastür schloß, mit tiefer Stimme zu meinem Vater sagen: „Es ist leider keine Influenza, sondern eine doppelseitige Lungenentzündung. Sie brauchen es Ihrer Frau ja nicht zu erzählen. Heute abend komme ich wieder vorbei." „Ist Lebensgefahr, Herr Doktor —?" Die Antwort hörte ich nicht mehr, weil sich beide schon entfernten. Ich erinnere mich deutlieh, daß ich alles mit doppelter Schürfe wahrnahm, aber entweder noch nicht das genügende Verständnis für meinen Zustand hatte oder zu schwach war, um mich zu angstigen. Ich war wahrend meiner ganzen Krankheitszeil meist Uberwach, schlief und aß wenig und nahm an keinem Bußcren Vorgang tieferen Anteil, obwohl sich mir alles, was ich, ohne mich zu regen, sah und hörte, wie mit Zwang auf die Netzhaut und in die Ohren einbrannte, selbst alle Gerüche dieser Zeil könnte ich heute noch wiedererkennen. Und dann wieder überkam mich ein merkwürdig wohliges Gefühl, das Bett schien unter mir wegzuschweben, in den Ohren begann ein fernes, leises, klingendes Tanzen von Geräuschen, als würden am anderen Ende der Welt metallene Mücken singen und schwärmen, die Zimmerluft schien mich zu berauschen, und die Augenlider #

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