Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 42 (1937)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1937)
- Date
- 1937-01-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2653625-2653626--30096-2684626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 JODISCHE RUNDSCHAU Nr. 1, 5.1.1937 Wie gestalte ich den Schahbat? Für Schabbat, 9. Januar Wochenabschnitt „Waera" (II. B. M. Kap. 6, 2 — 9, 35) Bei der Betrachtung der zehn Plagen entsteht ein Problem, das fast alle unsere alten Erklärer beschäftigt hat und das sich aus dem 3. Vers des 7. Kapitels ergibt. Hier ist die Rede davon, dal} üott „das Herz Pharaos verhärten wird", um an Aegypten seine Wunder zu offenbaren. Gleichzeitig kündigt dann der nächste Vers an, daß Pharao auf Mosche und Aharon nicht hören wird. Wir werden uns hierbei an die Erklärung des N a c h m an ides halten, welcher zur Stelle etwa folgendes bemerkt: „Zwei Antworten sind auf die Fragen zu geben, die fast alle stellen: Wenn üott das Herz Pharaos verhärtet hat, worin bestand dann sein Verbrechen? — Zwei Gründe sind hier anzuführen, und beide sind wahr: Der eine ist der, daß Pharao durch die Art, wie er bis zu dieser Ankündigung Gottes das jüdische Volk behandelt hatte, schon bestraft zu werden verdiente. Oicse Strafe bestand nun gerade darin, dal} ihm die ,Wcge der Umkehr' versperrt wurden. Die V o r c n t Ii a 11 u n g der Willensfreiheit ist nach dieser Ansicht also schon die Strafe für das bisherige Verhalten Pharaos. Als zweiter Grund wird angegeben, dali die ersten fünf Plagen Pharao trafen, als er noch im Besitz der freien Entschließung war. (Es ist hierbei darauf zu achten, daß in den Versen 7,1}; 7,22; 8,11; 8,15; 8,25; 0,7 niemals von Gottes Eingreifen die Rede ist und erst bei den letzten Plagen die Wendung gebraucht wird: ,G o 11 machte hart das Herz Pharaos.') Dennoch wollte er das Volk nicht frei lassen, um durch diesen Akt nicht seine Unterwerfung unter die Autorität des judischen Gottes zu bekunden. So waren dann, um die .Wacht Gottes sichtbar unter Beweis zu stellen, eme größere Anzahl Wunder nötig, die Pharao nun gegen seinen Willen anerkennen mußte." Es ist klar, daß mit dieser Betrachtungsweise das Problem nicht gelöst ist. Dennoch ist sie interessant und ist vor allem deswegen so bekannt geworden, weil sie Maimonides in ähnlicher form vertreten hat. I. E. Die Weiterentwicklung der Halacha (VI) Die Entstehung der hebräischen Sprachforschung Im Zeitalter der Geonim entsteht die jüdische Sprachforschung, die sieh der Sprache der Bibel zuwandte. Es galt aber nicht nur die Sprache zu ei forschen, sondern auch den Text der Bibel rein zu erhalten. Wir wissen, daß in alter Zeit der biblische Text ohne Yokai/eieheri gesehlieben wurde und die Regeln des Lesens in mündlicher Ueberlieferting, die „Massora" heißen, weitergegeben worden sind, jetzt aber war ein e i n h c i t I i c h c s S y s t e in d e r V o k a 1 i s a t i o n auszuarbeiten, um den Text der Bibel vor Verstümmelungen und falschen Ueberheferungeii zu bewahren. Bekannt sind zwei Systeme der Punktation, und zwar 1. das babylonische System, in dem die Vokal/eichen in Form von Punkten und Strichen oberhalb der Konsonanten geschrieben wurden; 2, das palästinensische oder t i b c r i e n s j s e h c System, wo die Vokalzeichen unterhalb der Konsonanten gesetzt wurden. Das zweite hat mit der Zeit das babylonische System verdrängt und ist auch für uns maßgebend geblieben. Mit der Zeit und nicht zuletzt unter Einwirkung der arabischen Sprachwissenschaft begann die Erforschung der hebräischen Sprache Fortschritte zu machen. Man beschäftigte sich mit der Grammatik und Lexikographie, und als die ersten Grammatiker (Punktatoren) sind uns Ben Ascher und Ben N a f t a 1 i bekannt, die in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts in Liberias gelebt haben. Daneben hat auch der von uns bereits erwähnte babylonische Gaon Ssaadia gewisse Verdienste für die Sprachwissenschaft gehabt. Ssaadia Gaon gilt gewöhnlich als derjenige, der den Grundstein der biblischen Exegese und somit für die mittelalterlichen Kommentatoren gelegt hat. Dennoch hat sich für alle Zeiten das größte Verdienst für die Kommentierung der Bibel besonders aber des Talmuds U. a s e h i (R. Schlomo jizehaki), der 10-10 in Lroyes in der nordfranzö-dschen Provinz Champagne geboren wurde, erworben. Durch seine kurzen, klaren und sachlichen Erläuterungen sind auch die schwierigsten Textsteilen des "I almtids zugänglich gemacht worden. Sein Kommentar erstreckt sieh auf die meisten Traktate des babylonischen fahuuds undd wurde mit der Zeit so populär, daß er in den Druckausgaben den talmudNchen Text umrahmt. Ehen falls sehr populär ist der Rast hi-Kommentar zu den biblischen Büchern geworden. Auch hier ist die klare und deutliche Erläuterung vor allen anderen Auslegungsmethoden dominierend. Eine wahre Fundgrube sprachwissenschaftlicher Natur bilden seine oft eingestreuten Erläuterungsglossen in französischer, deutscher oder gar lateinischer Sprache, die mit hebräischen Lettern geschrieben sind. Sie wollen die Bedeutung mancher biblischer Ausdrücke in den von den Juden dieses Kulturkreises gesprochenen Sprachen wiedergeben. Zu erwähnen wären noch die von Kaschi getroffenen Entscheidungen (Teschuwoth), die sich in der Hauptsache auf religiöse und zivilsprachliche Fragen beziehen, also Fragen der geltenden Halacha, die durch die zeitgenössischen und spateren Dezisoren größte Beachtung gefunden haben. Im Anschluß daran ist der Raschbam (K. Schnitte! b. Mcir) hervorzuheben, ein Enkel Raschis, der von 1080 bis 1150 gelebt hat und jene Teile des Tahnudkommentars zum Abschluß gebracht hat, die Raschi unvollendet ließ. Literatur: „Jüdische Gestalten und ihre Zeit" (Philo Verlag, Berlin 1936); Ismar Elbogens Aufsatz „Raschi". J.M. Juden und Jüdisches im Rundfunk Dienstag, 5. Januar: Bordeaux (309), 13: U. a. Ottenbach: „La IV-rietioIe'-. — Prag (470). 15.40: 1*. a. Carl Goldmark. — Warschau (1339). 16.30: V. a. Mo>zko\v,ki. — Sottens (443), 17.15, 18: 1'. a. RubiiMcin. — Briiwl (484). 13: V. a. Mendels- ■ohn. — Monte Ccneri (257), 20: U. a. Rubinstein. — Hilver- .um II (301). 20.55: U. :t. Goldmark. — Paris l'TT. (431), 21.30: V. a. Mendelssohn, Offenbach, Milhaud. — Ililversum II (301), 22.55: ü. a. Offenbach. — Odo (1154). 22: U. a. Olfenbach. Mittwoch, 6. Januar: Knschau (259), 12.20: G. a. Mendelssohn; Korngold. — Wien (507). 12.55: V. a. Moszkowski. — Paris (1648). 13.15: II. a. Milhaud. — Prag II (249), 14.30: ü. a. Rul>in>tein. — Posie Parisien (312), 19: Jüdisch-Religiöse Sendung. — Lille (247). 19: U. a. Meyerbeer. — Kalundlx>r|> (1250), 20: U. a. Mendelssohn: Die Hel.rklcn-Ouvcrtiire. — Lille (247), 21.30: Mendelssohn: Ouvertüre Melusine. - Kalumlboig (1250), 22.35: Ii. a. Odenbach. — Rabat (499). 22.45: lloiscßger: König David. — Ile de. France (219). 23.15: Halm: Kaulmann von Venedig. Donnerstag, 7. Januar: Luxemburg (1293), 12.40: Lt. a. Mcycrbecr. — Paris (1648), 13.15: U. a. Mcycrbecr. — LvonT.a Dona (463), 15.30: St. Saens: „Samson und Dalila". — Paris (1648). 17.30: G. a. MosiU.nvski. — ililveisum II (301). 18.10: V. a. Mendelssohn: 1 lochzciisniarsch. — Postc Pari-ien (312), 19: G. a. Mendelssohn: Fingalsgrotte. — Brüssel (322), 19.30: V. a. Lieder von Mendelssohn. — Warschau (1339), 21: Sintonickonzcrl, Dirigent: G. Fitelbcig. — Storkholm (426), 21: Offenbach: Fanta.de aus: ..Die schone Helena". — Prag (470). 21.10: Opernabend des Funkorrbe.it er«: Mitw. Jos. Schwan (Bat). — Budapest (549), 22.40: U. a. Mcycrbecr: Opcrnphanta-ie. Freitag, 8. Januar: Preßburg (299), 12.25: G. a. Saint Saens: „Samson und Daüla''. —• Pari; (1648), 12.45: Jüdische Sendung. — Orenoble (514), 18.30: Mendelssohn: Ou.irtett. — Budapest (549), 18.50: Dr. Raphael Patai: Vortrag über Palästina. — Lemberg (377), 20.15: 1 lol'imanns Lrzahlungcn, Oper von Offenbach. •— (West Regional (373), 21: Handel-Konzert: Fragmente aus Messias, Samson, Judas Makkabaus. — Horde.iux Lat (278), 21.45: V. a. Mendelssohn: Konzert für Violine und Orchester. Sonnabend, 9. Januar: Budapest (549), 21.20: G. a. Moszkowski: Walzer l'.-Dur. — Lille (247), 21.30: Gebertragung aus dem Theater Oileon: Die Juden, von Garnier. — 11ilvcr.-.uin I (1875), 21.55: G. a. Mo>zkowski: Serenata. — Mailand (369), 21.50: l'astcInuovo-Tedcseo: Murmelndes Meer. — Ile de France (219), 24.15: G. a. Ottenbach. Montag, lt. Januar: Luxemburg (1304). 13: U. a. Rtibinstein: Valsc capiiec. — Romanze; 22.25: Korngold auä: ,,Die tote Sladt". Aus der Jüdischen Gemeinde Krefeld, die am 16. Juni 1033 1181 Mitglieder zählte, sind in der Zeit vom 1. Januar 1033 bis 31. Oktober 1036 381 Personen fortgezogen. Von ihnen gingen naeh Orten innerhalb Deutschlands 1S6, nach Palästina 11, nach sonstigen Ländern 121 und mit unbekanntem Ziel 60 Personen fort. In dem gleichen Zeitraum starben 73 Gcmeindcmitglicder; 13 Kinder wurden geboren. Die jüdische Bevölkerung in Ostpreußen hat sich von der Zeit vom Juni 1033 bis zum September 1036 um etwa 23% von 8000 auf 6000 vermindert. In Königsberg sank die jüdische Bevölkerung von 3300 auf 2700, also um 20 %, in Elbing von 367 auf 181, also um mehr als 50 %. Außer Königsberg hat keine Gemeinde mehr als 500 Seelen, lieber 300 Seelen haben nur die Gemeinden Tilsit und Allenstein, alle anderen Gemeinden in der Provinz liegen unter dieser Zahl. Bemerkenswert ist, daß in dem angegebenen Zeitraum die Zahl der jüdischen Kinder in der Provinz um 65 % zurückgegangen ist. Postschlüsse nach Uebersee Vom 5. Januar bis 12. Januar (Abkürzungen: PA. Postamt; BPA. Bahnpostamt; Flh. Flughafen) Palästina. Schiff: 5. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 10) 10 Uhr; 6. 1. Münehen (BPA. 1) 0 Uhr; 8. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 10) 18 Uhr; 8. I. München (BPA. 1) 20 Uhr; 10. 1. Münehen (BPA. 1) 0 Uhr; 12. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 10) 10 Uhr; 13. 1. Münehen (BPA. 1) 9 Uhr. — Bahn: 7. 1.; 0. 1.; 11. 1. München (BPA. 1) 0 Uhr (Leitvermerk: via Belgrad-Aleppo). - - Luft: 5. L; 7. 1.; S. 1.; 9. 1.; 12. 1. Miniehen (BPA. I) 18 Uhr; 6. 1.; 0. 1. Berlin (PA. C 2) 6 Uhr; 7. 1.; 10. 1. Berlin (PA. C 2) 10 Uhr. Vereinigte Staaten von Nordamerika. Schiff: 6. 1. Hamburg (PA. 1) 10 Uhr; 7. 1. Berlin (PA. C 2) 8 Uhr zu „Bremen" 8. 1. Cherbourg. — II. 1. Hamburg (PA. 1) 10 Uhr; 12. 1. Berlin (PA. C 2) 8 Uhr zu „Bcrcngaria" 13. 1. Cherbourg. — Luft: Fahrten des Luftschiffes „Hindenburg" und Nachbringeflüge von Köln zum Dampfer finden bis auf weiteres nicht statt. Südamerika. Schiff: 7. 1. Berlin (PA. C 2) 10 Uhr; 7. 1. Köln (BPA. 10) 21 Uhr; 8. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 10) 18 Uhr zu „Andalucia" 0. 1. Boulogne. — 13. 1. Berlin (PA. C 2) 20 Uhr; 11. 1. Hamburg (PA. 1) 6 Uhr zu „Cap Arcona" 14. 1. Hamburg. — Luft: u. 1. Berlin (PA. C 2) 21 Uhr; 6. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 10 oder Flh.) 24 Uhr Deutsche Lufthansa. — 9. 1. Berlin (PA. C 2) 9 Uhr; 0. 1. Frankfurt a. M. (BPA. 10 oder Flh.) 13 Uhr Air France. Südafrika. Schiff: 5. 1. Hamburg (PA. 1) 19 Uhr; 6. t, Frankfurt a. M. (BPA. 10) 10 Uhr zu „Guilio Cesare" 8. 1. Marseille nach Kapstadt, Johannesburg und Pretoria. — 6. 1. Hamburg (PA. 1) 10 Uhr; 7. 1. Köln (BPA. 10) 21 Uhr zu „Windsor Castle" 8. 1. Southampton nach Kapstadt, Johannesburg und Pretoria. — 12. 1. Hamburg (PA. 1) 24 Uhr; 13. 1. Köln (BPA. 10) 21 Uhr zu „Usambara" 15. 1. Southampton nach Walfischbai und Lüderitzbucht. — Luft: 5. 1.; 8. 1.; 12. 1. Berlin (PA. C 2) 22 Uhr und München (BPA. 1) 21 Uhr Die Adoptions- und Pflegestellenzentrale des JFB. hielt kürzlich ihre diesjährige Vorstamissitzung in Elberfeld ab. Die einführenden Worte der Vorsitzenden galten Bertha Pappcnheim, derer auch die Herren Rabbiner Dr. Eschelbach c r und Dr. N e u mark gedachten. Frau Samuel gab einen Ueberblick über die 10jährige Pflegestellenarbcit der Zentrale. Die Erfahrungen, die in den 10 Jahren gesammelt wurden, und die Beobachtungen durch die nachgehende Fürsorge führen bei normalen Kindern immer noch zu einer Bevorzugung privater Pflegestellen, obwohl auch die Anstaltsunterbringung bei der Zentrale eine wichtige Rolle spielt. Mit der Referentin war man der Ansieht, dal! das Familienverhältnis zwischen Pflegekind und Pflegeeltern auch nach der Schulentlassung weiter zu pflegen sei. Die Nachforschung nach den noch in nichtjüdischer Pflege befindlichen Kindern und ihre Unterbringung in jüdischer Umgehung soll weiter durchgeführt werden. Ueber die Frage der Unterbringung leicht schwachsinniger Kinder entspann sich eine längere Aussprache. Man schlug eines der vorhandenen Normalheime als Aufnahme- und Prüflingsstation vor; ferner wurden Hilfsschtilklassen nicht nur in den grollen Gemeinden, sondern auch für kleinere Zentren gefordert. Von Amerika kommen viele Adoptionsanfragen, jedoch kam man zu dem Resultat, daß eine Adoptionsvermittlung naeh dort nur verantwortet werden kann, wenn die zukünftigen Eltern oder Verwandte das Kind hier gesehen haben, oder wenn das Child Adoption Committee, das der Zentrale schon früher seine Hilfe zugesagt hatte, sich bereit erklärt, die Verantwortung für das Kind zu übernehmen. Diskutiert wurde auch die Frage des Zeitpunktes der Aufklärung eines Adoptivkindes über die Tatsache seiner Adoption. Einige Rechtsfragen beleuchteten die juristische Sachverständige, Frl. Dr. Berent, und die Beamtin der Zentrale, Frl. Dr. Tisch. Neue Schallplatten jüdischer Künstler. Yelutdi Mcnuhim in Dvorak: Songs My Mother Tought Me und Debussy: La Fillc aux Chevcux de lin (H. M. V. DA 1100). Arthur Schnabel mit dem Pro Arte Quartett in Schubert, Forellcnquintert (H. M.V. DB 2714 8). KKL-Arbeit in Rumänien. Herr Mendel Karger hat im Auftrage des Hauptbüros des KKL in den letzten zwei Monaten Rumänien bereist. Er widmete sich in der Hauptsache der Büchsenarbeit, wobei er durch eine ausgezeichnete organisatorische Arbeit sehr gute Erfolge aufweisen konnte. fielen langsam zu. Und da mir mein Vater jeden Sehabbat ein biblisches Kapitel zu erzählen pflegte und zulct/.t von Joseph und seinen Brüdern berichtet hatte und weil ich auch in der Schule der Kleinste und Jüngste »Her meiner Klassenkameraden und ein Träumer und oft und roh geneckter •füllen junge war, obwohl ich mir?u I laus recht stolz und bunlröckig vorkam, so sah ich mich in diesem traumhaften Zustand als Juscph au! dem Felde irreschen und meine alteren Brüder suchen, als weiche wohl meine Mitschüler waren, und da sie roh waren und mich von ferne kommen sahen, hörte ich sie schon schreien: „Seht nur an, da kommt der Träumer! Lud nun los, wir wollen ihn erwürgen" — ich spürte das Würben schon im Hals und in der Brust bei jedem Atemzug voraus — „und in eine Grube werfen und sagen, ein böses Tier hat ihn gefressen, dann wird man ja sehen, was seine Träume sind." Mir war aber auch im Traum noch nicht so hange davor, außer daß es ein bißchen beim Atmen würgte, und ich nahm es nicht einmal meinem ältesten Traumbruder Buben, der die Gestalt und dns Gesieht meines ältesten, größten und widerlichsten Mitschülers Matuszak halte, übel, daß er den anderen sagte: „Nee, wir wollen ihn nieh teeten, werfen wir ihn liebers in die Grube, die in der Wieste is!" Denn dieser gemeine Kerl wollte mich gewiß erretten und meinem Vater zurückbringen, um ein ganzes Pfund Johannisbrot zu ergattern und dann noch r.ls Lebensretter sieh großz.utun und mich um so tyrannischer zu beherrschen. Und als ich nun zu diesen meinen wilden Traumbrüdern kam, da packten sie mich, daß es mir an allen Gliedern weh tat, und zogen mir meinen Rock, den schönen neuen, bunten Rock aus, der ein wenig nach einer Matrosenbluse aussah, und warfen mich im Hemde, in meinem alten, etwas zu kurz gewordenen, f scbersehweißklebrigcn Hemde in die Grube, die sehr hart, und stachlig war, so hart und stachlig wie zuvor der Strohsack unter mir, denn ich fühlte dns Bett allmählich wieder drückend unter mich hinunterschweben, und die metallenen Mücken mit ihrem singenden, leise golden klingenden Schwärmen waren längst fort, und meine Traumbrüder setzten sich oben um Grubenrand hin, um meine Stullen und meinen Apfel zu essen, den die Mutler mir in die Schule mitzugeben pflegte, und da sahen sie einen Haufen Ismacliten kommen von Gilead mit ihren Kamelen, deren Hufe dröhnten, und immer mehr Ismaeliten kamen, und meine Traumbrflder bekamen Angst, und beschlossen, mich zu verkaufen. Aber erst liefen sie weg, und so lag ich hilflos und allein in der harten, strohsackstachligon Grube, so wie ich jetzt allein in Großmutters Wohnung lag, und vielleicht waren es keine Ismaeliten, sondern die Russen, die immer näher vordrangen, so daß man schon bei uns den Kanonendonner hörte? Nun war ich wieder wach und hörte immer noch die Hufschläge, es waren aber keine Kamele, die über die Straße zogen, sondern Pferde, und es waren nicht die Pferde der Bauern, die mit ihren Wagen voller Bellen und klirrendem Hausrat aus den Dörfern flohen, sondern nur Pferde, ohne Wagen, es trappelte wie früher im Frieden, wenn die Schwadron Ulanen durchzog, die bei uns im Grenzstädtehen in Garnison lag, aber es trappelte viel lauter und andauernder, es war, soviel wußte auch ich damals schon am Klang zu erkennen, mindestens ein ganz.es Kavallerie-Regiment, und ich versuchte aufzustehen, um durchs Fenster zu sehen, ob es Ulanen, unsere Ulanen waren oder gar vielleicht die hclden- und sagenhaften Totenkopfhusaren, die ich nur von Abziehbildern her kannte, aber ich war zu schwach, um mich auch nur aufzusetzen. Dafür horchte ich genauer hin, als wenn ich mit den Ohren auch sehen könnte. Unsere Straße ist der Hauptweg zwischen Osten und Westen, deshalb ist unser Laden so viel wert, und wenn man zu Fuß oder im Wagen von Breslau nach Warschau oder von Posen nach Warschau will, muß man hei uns vorüberkommen. Jetzt kommen die Soldaten vorüber, aber woher? Ich horche und horche, und als hinter den Kavalleristen ein Infanterieregiment heranmarsehiert und die Trommler und Pfeifer an der Spitze ihre feine, alte Musik anfangen, weiß ich, daß sie von Osten, von der Front kommen, und also geht's zurück, und die Russen müssen ihnen auf den Fersen sein. Wie aber die Infanteristen marschieren, da hallt der feste Sehritt von den Wänden wider, und die Häuser unserer Straße fangen an zu zittern und zu beben, als wollten sie gleich auf und davon und mitmarschieren, und auch mir wird ganz marschierlich zu Mute, nur etwas schwach fühle ich mich, und die metallenen Mücken singen wieder, die Trommler und Pfeifer sind längst über den Markt in die Breslauer Straße eingebogen, und die Augenlider fallen mir zu. Aber die Soldaten marschierer, und mein armer, gehetzter Schlafengel ist mit ihnen, er hat grobe, hohe Stiefel an mit benagelten Sohlen, und bald dröhnen die Häuserwände und bewegen sieh in grauenhaftem, langsam, stetigem Rhythmus hin und her, hin und her wie Eisenhämmer im Walzwerk, nein, nicht wie schlagende Hämmer, sondern wie geschlagene, unfest gewordene Ambosse oder wie mein Großvater am Abend des Vcrsöhnungstngos, wenn er weinend und gebrochen vom Fasten und Stehen und Bereuen und Beten des ganzen Tages sich beim letzten Awinu-Malkenu-Gebet Satz für Satz an die Brust schlägt, der riesige, breite Mann dröhnend an die mächtige Brust schlägt... denn jetzt kommt Artillerie vorüber, schwere Geschütze über unser Kopfsteinpl'lasler, und ich höre den kleinen untersetzten Färbermeister I.ingott über all den Lärm weg schreien: „Ile, Kamerad, ist das 'ne 30-cm-Kanone?" Aber das dumpfe Dröhnen übertönt alles wieder. Meine Mutter steht an meinem Bett, sieht mich an, aber als meine Augen ihrem Blick begegnen, wendet sie sich rasch ab und hat in der Küche zu schaffen. Nach einer Weile bringt sie einen Stuhl hercingeschleppt, den sie mir ans Bett stellt, und auf dem Stuhl sind Kleidungsstücke, mein Anzug, die Matrosenbluse, Unterwüsche, Strümpfe, ein Rucksack, der gepackt ist, und vor den Stuhl stellt sie meine guten Schuhe. Ich verstehe nichts, außer daß sie nicht weiß, daß ich krank bin, und erinnere mich der Worte des Arztes, sie brauchte es nicht zu erfahren. „So, mein Junge", sagt sie, „hier in der linken Hosentasche ist ein Portemonnaie mit Geld. Du hörst ja hier ol>en auch, daß die deutsche Armee sieh zurückzieht. Für die Zivilbevölkerung sind schon Züge naeh Breslau bereit. Wenn du merkst, daß alle Leute fliehen, und wir können dich nicht mehr holen, dann mußt du selber dich zusammennehmen, aufstehen, dich anziehen und mit den Leuten mitfliehen. Ich hoffe, es wird nicht so schlimm, aber im schlimmsten Fall sehen wir uns dann bestimmt in Breslau am Hauptbahnhof wieder." Ich war zu schwach, um ihr zu sagen, daß ich zu schwach wäre, um aus dem Bett zu kriechen. Sie konnto wohl ihr Gefühl nicht mehr beherrschen und ging schnell. Unten marschierten wieder Infanteristen, und ich überlegte krampfhaft, daß ich im Notfall doch die Kraft hüben würde, aus dem Bett zu kommen; bloß zum Anziehen würde es nicht reichen; ich würde dann versuchen, im Hemd zu fliehen, die Stufen der beiden Etagen hcrunterkollcrn und auf der Straße mich dem Nächstbesten der Fliehenden vor die Füße legen. Obwohl ich im zweiten Stockwerk lag, kam ich mir wie in einer Wüstengrube vor. Nur nicht verkaufen! In Breslau am Hauptbahnhof... (Fortsetzung tolgt)