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Jüdische Rundschau · 1938-11-01 · Heft 87 (1.11.1938) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 87 (1.11.1938)
Date
1938-11-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JHDISCHE RUNDSCHAU Nr, 87. 1.XI. 1938 Palästinensischer Kindermund Zwei Bücher von Yehuda Yaari Der in Jerusalem lebende hebräische Schriftsteller Yeluida Yaari wird in Palästina als eines der aufstrebend״ steil Talente der neuen hebräischen Dichtung geschätzt. Sachen legt Yaari eine neue Novellensammlung ״B e,0 h a * lim“ (In den Zelten) (Tel Awiw 1938) vor. In diesen Noveilen schildert der Dichter in realistischer Weise das Leben in der Frühreif der Kibbuzim. Yaari, der die problemgeladene Atmexsphäre dieser heroischen Epoche aus eigener Erfahrung kennt, wird niemals durch Liebe blind. Aber er ist gleictnveit entfernt von einer gehässigen Sicht der Mensehen und Lebensverhältnisse, vielmehr — und das ist seine Stärke — eignet seinen Erzählungen ein Maß an Objektiv!- tat, das bei der geringen Distancc, dk der Dichter zu seinein Sujet hat und haben kann, überaus bemerk^iswert ist. So sehen wir hei Yaari Linfallsrekrhtum und eine Fülle origineller Fabeln. Yaaris Sprache ist das einfache, schlichte Hebräisch des palästinensischen Alltags, und darin unterscheidet er sieh gnindsrit/licli von älteren Autoren, wie etwa Bialik oder Agnon, deren Stil ein ״literarischer“ ist, voll von ״unsichtbaren Srhriftversen“, die hinter jedem Satze stehen und darauf warten, durch das Assoziationsvermögen des gelehrten Lesers zum Klingen gebracht zu werden. Besondea־s reizvoll ist das kindlich entstellte Hebräisch, das Yaari zuweilen Arabern, die mit den Menschen des Kibbuz in engerer Verbindung stehen, in den Mund legt. Der Erzähler Yaari tritt mit einem symbolischen Spiel ״Arbairn Jom a 1 Hajam“ (Vierzig Tage auf dem Meer) (Jerusalem 1033) zum ersten Male als Dramatiker hervor. Das Stück stellt eine seltsame Mischling von politisch aktueller und ans Religiöse grenzender Problematik dar. Ein Au'Wvnndcrersdiiff ist unterwegs nach ״dein Land“ (während des ganzen Stückes wird der Name des Landes iiidit genannt, aber es Id wohl kein Zweifel, daß es sich um Paläst:na_ hamiclt), dessen Tore cs aber versperrt findet Vierzig Tage kreuzt nun das Schiff an der Küste des Landes. Not mul Verzweiflung bemächtigen sich der Passagiere, die Vorräte schwinden hin und die Gereiztheit der Passagiere steigert sieh bedrohlich gegen den Kapitän des Schiffes. •Aber der Kapitän tbcses merkwürdigen Schiffes ist ewig unsichtbar. Der .,Zweifler“ schließt endlich aus der Unsiclitb.irkiät de-, Kapitäns, ä)1111:111־ dem Kosaken der elmssidischen Legende, der darüber verzweifelte, daß er den Zaren nicht zu Gesicht bekam, daß das Schiff überhaupt keinen Kapitän habe. Aller im Augenblicke höchster Not ertönt die Stimme des 1'apitäns. wennideidi er unsichtbar bleibt, als Antwort mit den geliet.-utigen Anruf des ersten Offiziers. Dieser ermuntert nun die Passagiere zur Selbsthilfe zu greifen und auf Pettungshoten sich der Küste zu nähern. Diesmal sind die low 1h s 1 -wdiw 11:cht verschlossen und die Rettung der Passagiere sieht bevor. Oie Menschen dieses Dramas sind keine wbkliehrn .Menschen, ebenso wie das Schiff, obwohl 1*s _ ״Patria“ lud,5׳t. kein wirkliches Schiff ist. Wie in alten Laienspielen sänl_ Tvpcn an stelle der Charaktere gesetzt: der Zweifler, der KnLker, der Fromme, der Tatkräftige usw. — Ls ist merkwürdig, daII der naturalistische Erzähler Yaari in diesem Drama /um Symbolisten wird, was natürlich auch im Stile seinen Niederschlag findet. Schon im Titel wird das Doppelsinnige des Ganzen smirbar: dk ״Vierzig Tage auf dem ,Meer“ sind eine bewußte Anspielung auf di« vierzig Jahre in der Wüste und lassen die Einwanderer als ein ״Dor Hamidbar“ (Geschlecht der Wüste) erscheinen. Schalom Ben-Chorin Dr. W. Fischei ist nach erfolgreicher Durchführung seiner im Auftrag der Hebräischen Universität unternommenen Vorlesungsreise nach Zentral- und Südamerika und Westindien wieder nach Jerusalem zurtickgekehrt, um seine Wissenschaftliehe Tätigkeit am Orientalischen Institut der Universität wieder aufziinehinen. Man nennt die hier geborenen Kinder ״sabre“, denn sie sind wie die großen Kakteen, die hier überall am Wegrand wachsen. Erstens, weil man vorsichtig mit ihnen umgehen muß, wie mit Kakteen, wollen wir nicht gestochen werden, zweitens weil diese Kakteenart nur in diesem Lande heimisch ist. Rauh sind sie und derb, handfest und tatbereit. Sie halten sich für mehr als ihre Eltern. Ein Fünfjähriger sagte: ״Nun muß ich nach Hause, ich muß meinem Vater bei den Schularbeiten helfen“. Sie sprechen nur Hebräisch. Zehntausende von ihnen verstehen keine andere Zunge. Jiddisch, die Fremdsprache, der sie am häufigsten begegnen, ist für sie unverständlich. Und da sie meist von alten Leuten gesprachen wird, von so alten, die sich nicht mehr aufs Hebräische umstellen können, glauben sie alle alten Leute sprechen Jiddisch. Ern Sechsjähriger sagt zu seinem Vater: ״Vati, wenn du alt wirst, werde ich dich nicht verstehen“. Zwei andere Sechsjährige unterhalten sich, und der eine fragt den anderen, ob er wisse, was der Tod sei. Der an!- derc erwidert staunend: ״Das weißt du nicht? Man geht ins Kinderheim, ins Gymnasium, man heiratet, man wird Großvater, man spricht' jiddisch und was nachher kommt, das ist der Tod.“ Der Tod ist überhaupt eins ihrer wichtigsten Probleme. Ein Kind fragt seinen Vater, was eigentlieh der Tod sei. Der Vater ist verlegen, antwortet schnell: ״V/enn man sich nicht mehr bewegt, dann ist man tot“ ״Und wenn ich mich in einem fort bewege, dann sterbe ich nie?“ fragt weiter das Kind. Sie sind nicht nur außerordentlich selbständig, sie besitzen eine erstaunliche Vorstellungskraft. Einem Kind Ist der Fuß eingeschlafen, da sagt es zutn anderen: ״Du, Soda wasser ist in meinen Fuß gegangen.“ Ein anderer fragt in der Regenzeit, in der manchmal der Regen wochenlang nicht auf hört, ob noch Himmel nach (lern vielen Regen bleiben wird. Ein anderer sieht zum ersten Male das Meer und sagt: ״Welch eine große Badewanne!“ war doch für ihn die Badewanne das Maximum an Wasser. Eimer fleht seinen Vater an, er solle doch die Sonne kaltm achen, es wäre zu heiß, ein anderer hört den Hahn krähen, es gefällt ihm ausgezeichnet, und er ruft ״noch, noch“ und he» ginnt zu weinen, als der Hahn nicht mehr krähen will. Ein Gefängnis für Tel Awiw Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl, T e I A w i w, 26. Oktobei Seit dem Beginn der Unruhen hat das jüdische Publikum einen langen Kampf geführt, um die Eröffnung von Filialen der verschiedenen Regierungsbüros in Tel Awiw durchzusetzen. Mar konnte nicht gut bei einem Zustand der dauernden Gefahr seine Geschäfte in Jaffa erledigen. Außerdem hatte Tel Awiw׳ mit seinen 150 000 Einwohnern und als größte Stadt des Landes ein gutes Recht darauf, in seinen Grenzen die Regierungsdepartments zu beherbergen, die es in seiner täglichen Arbeit brauchte. Der Kampf führte auch nach und nach zu Resultaten, ein Department nach dem anderen öffnete seine Tore in der jüdischen Stadt. Augenblicklich führt Tel- Awiw eine neue Etappe dieses Kampfes durch: es kämpft für sein eigenes Gefängnis. Auf den ersten Blick mag diese Forderung etwas sonderbar erscheinen. Viele besinnen sich noch auf die Zeit, wo Tel Awiw stolz darauf war, daß es ein Gefängnis nicht nötig hatte, daß in seinen Häusern die Türen unverschlossen waren, daß man auch wertvolle Gegenstände auf der Straße stehen lassen konnte, ohne daß es irgend jemandem eingefallen wäre, sich daran zu vergreifen. Diese idyllische Zeit ist heute vorbei. Sie stellen wahrlich Fragen, auf die man keine Antwort weiß. Man führt sie zur Kiagemauer und erklärt ihnen, diese Mauer wäre ein Ueberrest vom Tempel. Da stellt einer die Frage: ״Und wenn man den Tempel wieder aufbauen wird, wird man nun nur noch drei Mauern errichten müssen?“ Einem anderen wird erzählt, wer der Messias ist, der eines Tages kommen wird, wenn alle Menschen gut sein werden. ״Wozu braucht er dann zu kommen?“ fragt der Kleine. Eki ganz besonderes Kapitel sind die in den Kibbuzim aufwachsenden Kinder, die die Stadt nicht kennen und über noch gesünderen Menschenverstand verfügen. Ihr Weltbild ist ganz dem Kibbuzleben angepaßt. Einer geht am Hühnerstall vorbei und sieht, Wie sehr viele Hühner sich in einem Winkel aufhaften. ״Pst“, versucht er die anderen Kinder zu beruhigen, ״seid still, die Hühner haben eine V e r s a m mlung“. Ein Kleiner aus Galiläa hat nie den See von Genezareth gesehen. Da fährt er einmal mit seinen Eltern nach Tiberias und findet sich plötzlich cjgm ״Meer“ gegenüber; er ruft staunend: ״Seht, das Meer ist auf die Erde gestiegen..Zu Chanukka bekommt der Kibbuz Gäste aus der Stadt. Darunter ist ein Mädchen, das Puder und Lippenstift reichlich benützt und die Backen färbt. Da frag! ein kleiner Kibbussprößling seinen Vater: ״Wie ist das; bei uns ist erst Chanukka und in der Stadt ist schon — Purim?“ Die Nachricht V om Tode Bialiks dringt in den Kibbuz. Alle sind erscifottert. Die kleine Raja ist auch gerührt. ״Schade“, sagt sie, ״so jung, erst im vorigen Jahr haben wir seinen Geburtstag gefeiert..Nach der Arbeit, gegen Abend, kommen die Väter und Mütter iq die Kinclerhäuser, um ihren Kindern einen Besuch abzustatten. Jeder Erwachsene wird befragt: ״Wessen Vater bist du, wessen Mutter bist du.“ Die Neugier der Kleinen kennt keine Grenzen. Da hat sich ein Unverheirateter in das Kinderhaus verirrt und wkd natürlich befragt, wessen Vater er sei. Auf die Antwort, er habe keine Kinder, bemerkt ein kleines Mädchen ״Du Faulpelz ...“ Der ständige Name von Unverheirateten ist in der Kindersprache: ״Der Vater von Niemandem“, die ״Mutter von Niemandem“. Emil Feuerstein, Tel Awiw Tel Awiw hat sieh auch m dieser Beziehung normalisiert. Es hat ein Gefängnis nötig. Aber das Verlangen nach einer solchen Institution entsteht nicht so sehr aus der normalen Entwicklung der Stadt, sondern ebenso wie die anderen ähnlichen Forderungen aus den im Moment herrschenden anormalen Zuständen. Es sind heute politische Verhaftungen an der Tagesordnung. Die jüdischen Inhaftierten kommen, besonders wenn es sich um längere Zeit handelt, nach Akko. Diese arabische Stadt kann heute als für Juden keineswegs sicher betrachtet werden. Angriffe auf Gefangenenlager sind durch die Terroristen bereits mehrmals versucht worden, wie zum Beispiel in dem berühmten Falle v־on Atlith, bei dem die Familie Leiserowitsch entführt wurde. Es ist also kein Wunder, daß die jüdischen Häftlinge verlangen, daß man für Juden ein Konzentrationslager im jüdischen Territorium einrichte, wo sie weniger gefährdet sind, und daß sich zu gleicher Zeit die Forderung nach einem Gefängnis in Tel Awiw erhebt, damit die Transporte nach Jaffa fortfallen. Die Gefangenen in Akko hatten sogar einen Hungerstreik angesagt, der im letzten Moment auf ein Interventionsversprechen des Oberrabbmers hin verschoben wurde. Die Stadt Tel Awiw verhandelt mit den Behörden über die Einrichtung eines Gefängnisses, und es sieht so aus, als wollte sich die Stadt auch in dieser Beziehung komplettieren. Feiertage in Tel Awiw Nach Sukkoth — oder besser gesagt: nach Scliabbath B’reschiih -- kehrt das Leben in Tel Awiw wieder in normale Bahnt n zurück, Feiertage, Vor-Feiertagc, Zwischen-Feiertage, Nach-f'ciertage, die innerhalb eines Monates (von Rosch llascliana an gerechnet) da< Tim und Treiben des Alltags teils ::nterbraclien, teils um gestalteten, sind vorüber. Man hat Bis Ptirim b/w. Pessach .Monate intensiver Arbeit vor sich, die höchstens akzentuiert sind durch die Chanukah-Tage, die das Cieschaiislebt.11 hoffentlich anregen, sicher aber nicht stören werden. Mit der sommerlichen Hitze ist es endgültig vorbei. Enropareisi-nde sind zurückgekehrt. In den Schulen beginnt der rtgclin.ißige Unterricht, in den Pardcssim die 1 >1׳an״enen1K־, in den Gerichtsgehäuden die Prozesse, in den 111t,ater- und Kon/ertsälcn die ״Wintersaison“ und die freiwilligen Helfer der ,,Käfer Hajischuw“-Äktion können ihre Werbebestieiie fortsetzen, ohne in ihrem Arbeitseifer durch die ״Jomim Towim“ beschränkt zu werden. Nach Sukkoth traf ich einige Bekannte, die ich längere Zeit nicht gesellten hatte. Alle klagten über dasselbe. Nicht etwa über die schlechten Zeiten, über die Unruhen im Lande, über die Ungewißheit der palästinensischen Zukunft: das ist Koilcktivleid, jeder trägt gleich schwer daran, und der Tel- Awiwer vermeidet es, den Nebenmenschen mit Fragen zu belästigen, die keiner beantworten kann, es sei denn, man begegnet einem jener unentwegten, fast professionellen ״Dis b■־nter“, die sieb! alltäglich an einigen Bänken der Rothschild- Boulevard-Anlagen und neuerdings des Di/engoffplatzes zusammenfindeti, um dort fliegende ״Parlainentsversammlungen“ almihalten. Meine Bekannten klagten über — die Feiertage in Tel Awiw. ״Ciottseidank, daß wir jetzt ein paar Monate Ruhe vor uns haben!“ — (womit in Wirklichkeit ״Arbeit“ gemeint ist). ״Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen.... zumal iti Tel Awiw“. ״Früher konnte man wenigstens auf den Karmel, nach Jerusalem, in die Kolonien oder in die Kibbuzim über die Feiertage fahren“. ״Ja, was soll man denn unteinehmen? Immer: Ben Jehudastraße, Allenby, Rothschild-Boulevard?“ Immer dieselben Gesichter, Ans ״Jam“ oder ins Cafe kann man doch auch nicht dauernd gehen!“ Diese und ähnliche Antworten bekam ich aut meine harmlose Frage: ״Haben Sie die Feiertage angenehm verlebt?“ Das gibt zu denken. Gewiß, es ist nun einmal —• selbst in Tel Awiw, wo es eine Unmenge stets überfüllter Gotteshäuser gibt — nicht jedermanns Sache, täglich oder gar dreimal täglich in die Synagoge zu gehen, wodurch sich die Einteilung des ״Jom Tow“ für den gesetzestreuen Juden von seihst ergibt, denn Essen, Schlaf, Lektüre, vielleicht Besuche füllen die übrige Zeit aus. Nicht jeder lebt im ״Kreise der Familie“, ehr sich ihm und dem er sich an solchen Tagen widmet. Daß man gegenwärtig Tel Awiw nur ungern verlaßt, ist ebenso einleuchtend wie bedauerlich, denn vielen, die in den letzten Jahren einwanclerten, fehlt jede Kenntnis vom Land, selbst der Hauptstädte, und wir anderen sahen unsere Freunde in Jeru-aUtn od׳׳r Haifa in letzter Zeit höchst selten. W ährend ich ali das überlege und fast versucht bin, meinen Bekannten beizupflichten, kommt an mich die Gegenfrage: ״Und was haben Sie gemacht?“ Ich will meine Antwort hier wiederholen, weil ich zu spüren glaubte, daß ich meinen Freunden ein Rezept für künftige Fälle gegeben habe. ״Sehen Sie“, sagte ich, ״ich gehe gerne auf Entdeckung»- reisen. In der Feiertagswoche und an den Feiertagen selbst findet man eher dazu Zeit, als gewöhnlich. Kennen Sie denn Tel Awiw, wo Sie jetzt schon seit einigen Jahren leben? Vt׳aren Sie schon einmal am Erew Jom Tow, oder noch besser einen Tag davor, im ״Merkas Mtschari“ auf dem ״Schuk“, dem Gemüse-, Geflügel-, Fleischmarkt, mit seiner wahrhaft orientalischen Buntheit? Haben Sie wenige Stunden vor Einbruch des Sukkoth-Festes die fliegenden Händler gesehen, Juden aus Galizien, Polen, Yemen, Persien, Kurdistan, die vor der ״Großen Synagoge“ noch um jeden Preis die ״Arbah Minim“ an einen Käufer zu bringen suchten, großartig bewegt in Mimik und Gestik? Als Arbeiter und Lastträger begegnen Ihnen täglich in den Straßen TelAwiws Jemeniten. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wo und wie sie leben? fn zwei Vierteln, nahe den Hauptstraßen Tel Awiws, näher den Grenzen Jaffas, haben sie sich angesiedelt. Gehen Sie einmal an einem Vor-Feiertag abends, nach Einbruch der Dunkelheit, am Herzi-Gvmnasium vorbei, die Schabasistraße hinunter. Sie werden Ihren Augen nicht trauen und sich plötzlich in den ״Orient“ versetzt fühlen, den Sie im ״vereuropäisierten“ Tel Awiw so vermissen. Kleine, wie es scheint, schiefe Häuschen in «!gepflasterten Nebenstraßen; in den Zimmern, die in der Woerie als Läden, in den Läden, die als Zimmer dienen, Oel- oder Petroleumlampen, aber Schahbath- Kerzen und -Brote. Biblische Gestalten huschen an Ihnen int Halbdunkel vorbei in weißen Talaren — oder Hemden, man weiß das nie so genau —, weißer Turban tim die schwarze Kopfbedeckung geschlungen, darunter ein dunkles, schmales Gesicht mit schlohweißem Bart und Schläfenlocken, brennenden Augen. Mädchen mit europäischer Kleidung, aber dem Fransen-Kopftuch, in das die Zopfe eingewickelt sind. Oder gehen Sie von der Hajarkon-, Mea Schea.rimstraße aus, oder durch die Geula-, Hajamstraße ins andere Jemeniten- Viertel. Ich war dort vormittags am ersten Tag Sukkoth. Aus einer Sukka hörte ich den Singsang einer Gruppe. Ich bleibe stehen, um den Text zu erkennen. Der jemenitische Tonfall und Dialekt machen das schwierig. Ehe ich es mich versehe, bin ich hineingebeten, sitze mit einer ganzen lemenitenfamHie, Großvater, Vater, fünf Söhnen und einigen kleinen Enkeln — die kommen und gehen dürfen — am Tisch. Alle sind reinlieh, teils orientalisch, teils europäisch gekleidet. Man wediseit sich ab und sagt Satz für Satz ״Kohelet“ — Reden des ״Prediger“ und Satz für Satz den ״Targum Onkelos“, die aramaische Uchersetzung. Di« Sukkan unterscheidet sich wenig von den uns bekannten, nur die Tücher, mit denen die Wände verhängt sind, sind in ihrer Farbenfreudigkeit typisch orientalisch. Ich bekomme Obst und Tee angeboten, dan nach einer halben Stunde gehen, ohne auch nur mit einer Frage belästigt worden zu sein (was bei aschkenasischen Juden undenkbar wäre). Spazieren im Jemenitenviertel: Hütten aus Blechkanistern, die vom Rost dunkel wurden, unweit davon ein- und zweistöckige Häuser mit moderner Fassade; sandige Straßen, in der Mitte eine schwärzlich-feuchte brate Spur; denn hier gibt es keine Kanalisation und die Küchemabwässer fließen, bis sie irgendwo in einem Gully verschwinden. Heute ist Feiertag. Alles ist relativ ״aufgeräumt“. — Wissen Sie, daß die Jemeniten die Grenzen TelAwiws schützen? Stacheldrahtverhaue, Sandsäcke am Ende der Straßen und Gasse®, Gegenüber 1'm Abstand von fünf Metern wieder Stacheldraht (aber keine Sandsäcke). Das ״Gegenüber“ ist Jaffa. Der Sandweg dazwischen Niemandsland. ״Schießt man viel bei Euch?“ frage ich den Jemeniten, der mit drei Frauen vor dern letzten Haus der Gasse sitzt. ״Die ersten Häuser drüben sind von den Arabern geräumt“, antwortet er, ״aber siehst Du das blaue Ha® dort (blau: gegen den ״bösen Blick“) mit den rosa Fensterläden, das quer in der Straße steht? Von dort her wird ab und zu geschossen. Dann gehen wir einfach ins Haus, Rosch Hascnana war es ziemlich unangenehm. Unsere Jungen (jemenitische Juden, die als Hilfspolizisten Dienst tun) lagen hier hinter den Sandsäcken und schossen zurück.“ Simchath Tora w׳ar ich in vielen Synagogen. Auch bei den Juden aus Saloniki. Wissen Sie, daß 9000 in den letzten 15 Jahren eingewandert sind? 7000 leben in Tel Awiw im ״Merkas Mischari“ und ״Sch’chunath Florentin“, gleichfalls nabe der Jaffaer Grenze. Zwei ihrer Bethäuser sah ich. Sie beten in sephardischem ״Nussaeh“, aber mit eigenen Variationen. So nörte ich einen im Chor kanonartig gesungenen ״Scltluß-Kadisch“. Die Torarolien sind bei den Sepharden wie auch bei den Jemeniten von Holzgehäusen, die manchmal mit fein ziseliertem Silber belegt sind, umschlossen. Bei der Vorlesung werden sie hingestellt, nicht wie bei uns aut das Pult gelegt. Die Vorhänge zur Frauenabteilung waren zurückgeschlagen. Ich sah alte Frauen, deren Kopf bedeckt und Gesicht eingerahmt war von schillernden violetten und grün-goldenen Atlastüchern. Als die Torarolien in den Schrank zurückgetragen wurden, streckten sie ihnen die Hände entgegen, führten diese dann an Augen und Mund. Namen der Synagogenstifter auf einer Tafel, dahinter der Vermerk: aus Saloniki“, einmal: ״.... aus Adrianopel“. Daneben ein Pappschild: ״Stiftet für die in Akko Gefangenen.“ Viele der Saloniki-Juden sind heute im Hafen von Tel Awiw als —• von Haus aus gelernte — Hafenarbeiter unentbehrlich. Am ״Schaboath B’reschith“ beginnt traditionsgemäß rm ״Ohel Schern“ die Reihe der wöchentlichen ״Oneg Scliabbath“- Veranstaltungen. Der Besuch sei besonders allen empfohlen, die populäre Vorträge in gutem Hebräisch zur Vervollkommnung ihrer Sprachkenntnisse hören wollen. Bialik hat diese Veranstaltungen ins Leben gerufen und, wenn er sich in Tel Awiw aufhielt, regelmäßig wenigstens einige Minuten, dort gesprochen. Nach dem Vortrag singt der ausgezeichnete Chor der Großen Synagoge. Es folgt, mit Eintritt der Dunkelheit, die ״Hawdala“, und das elektrische Licht flammt gleichzeitig auf; der Chor singt das ״Hamawdil“ und erntet mit den! ״Schir Awoda“, dem Lied der Arbeit von Biälik, der seinen ״Lieblingen“, den Chorknaben, denen das Solo anvertraut war, Blumen auf die Bühne zu reichen pflegte. — An diesem Schahbath hielt Dr. Mossinsohn, der Direktor des ״Herzl-Gymnasiums“ einen Rückblick auf das schwere vergangene Jahr. Sein Sohn fiel kürzlich im Emek einem Anschlag zum Opfer. Es war erschütternd, als das Publikum sich von den Sitzen erhob, um das Andenken der für den Aufbau Erez!Israels Gefallenen zu ehren und hier gleichzeitig einem Manne Ehre und Mitgefühl erwies, dem so Schweres wiederfahren und der die Kraft fand, nicht an zuklagen, sondern zu weiterer Arbeit zu ermuntern und zu warnen, unschuldig Blut zu vergießen. Manfred Geis (Schluß des Paläsiinateiis)

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