Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 87 (1.11.1938)
- Date
- 1938-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 87,1. XI. 1938 Jenseits des Atlantik Juden im ״wilden Westen“ Boise (ldah-0), im Oktober 1938 Unter den Staaten des ״wilden Westens“ versteht der Amerikaner gewöhnlich folgende Staaten der USA.: Colorado, Arizona, Montana, Nevada, Wyoming, Texas, New-Mexiko, Utah und Idaho. Von der Wildheit des Westens ist nur noch die wilde Szenerie der einzelnen Länder übriggeblieben; die Wildheit der Bewohner ist verschwunden und hat, verglichen mit den Einwohnern der übrigen USA., einer einfacheren, natürlieberen Lebensauffassung Platz gemacht. Cowboys in ihren malerischen Trachten sieht man gelegentlich der landwirtschaftlichen Ausstellungen, die meistens mit Pferderennen, Einreiten von wilden Pferden, Einfang«! von wildem Vieh, den sog. Rodeos, verbunden sind. Selbst die wenigen lndianer, die in ihren Reservationen leben, treiben Ackerbau und Viehzucht, fahren Auto und sind harmlos wie Kinder. Einer der jüngsten Staaten in USA., ein sog, früheres Territorium, ist Idaho, von dem ich nachfolgend berichten will. Mit seinen 500 000 Einwohnern, bei einem Flächeninhalt von etwa der Hälfte Deutschlands, ist es einer der am dünnsteu bevölkerten Staaten. Boise, die Hauptstadt des Landes, mit etwa 25 000 Einwohnern, liegt in einem tiefen Tale, ringsum eingeschlossen von hohen Bergen. Idaho■ ist ein ausgesprochenes Agrarland. An Industrien wäre die Holz- und Minenindustrie zu nenne«. Wenn man von Minenindustrie spricht, do darf man sich darunter keine Minen mit Tausenden von Arbeitern, wohl aber viele kleine Minen mit 5 bis 50 Arbeitern vorstellen. Meist wird Gold, Kupfer und Blei gefunden. Im Norden des Landes gibt es auch einige größere Kohlengruben. Ein weiterer Erwerbszweig ist die Viehzucht. Ein Viehbestand von 500 Stuck Rindvieh oder 10 000 Stück Schafen ist für einen Viehzüchter nichts Außergewöhnliches. Die Schafziiehterei liegt meistens in den Händen von Basken, von denen etwa 500 in und in der Umgebung vor! Boise leben. Das Rückgrat des Landes ist die Landwirtschaft. An erster Stelle ist die Idaho-Potatoc zu nennen. Etwa 35 000 Wnggonladungen werden jährlich in andere Staaten versandt. Daneben ist das Land reich an Früchten, besonders an Aepfein, Pfirsichen und Zwetschgen, die van hier großenteils nach Caltfornien gehen und von dort nach allen Ländern der Erde als californische Früchte exportiert werden. Das Land ist an sich trocken, in! Sommer heiß und im Winter kalt und leidet unter Mangel an Regen, ln seinem südlichen Teil erinnert es landschaftlich stark an Palästina. Ein hervorragendes Bewässerungssystem hat Wüste und Steppe in fruchtbares Ackerland verwandelt. Wenn man von fruentbaren! Land spricht, so darf man sich darunter Emmer nur Teile des Staates vorstellen. Der größte Teil von Idaho ist nach wie vor unzugänglich, d. h. undurchdringliche mit dichtem Gebüsch bewachsene Steppe. Bei einer Fahrt durch das südliche Idaho bekam ich einen Begriff von der Größe des Landes. Zwei Stunden fuhr ich bei glühender Sonne durch die endlose Steppe, ohne auch nur einem Mensel!!31 ״Zu ,begegnen. Immer mehr Land wird vom Staate (trainiert! ima (fern Farmer gegen geringes Entgelt zur Verfügung gestellt. In den letzten Jahren ist eine große Anzahl Farmer aus dem Mittelwesten, wo sie sehr unter Sandstürmen zu leiden hatten, in Idaho eingewandert. Das Problem ist hier: Wie schafft man Absatz für die Fülle der Agrarprodukte? Die Preise sind in diesem Sabre außergewöhnlich niedrig. Frühkartoffeln z. B. waren so ■illig, daß sich die Ernte nicht bezahlt machte und sehr viele Farmer ihre Kartoffeln auf dem Felde verfaulen ließen. Aehnlich liegt der Fall bei verschiedenen Früchten. Eine allgemeine Konjiinkturbesserung wird auch bessere Preise für Agrarprodukte im Gefolge haben. Die Bevölkerung ist wie überall in USA. ein buntes Gemisch von Nationen und Rassen. Chinesen, Japaner, Eng- Linder, Schotten, Deutsche, Schweizer, Schweden, Basken, Finnen und Juden leben hier nebenein ander. Von Utah ist eine große Anzahl Mormonen eingewandert, die auf religiösein Gebiete sehr aktiv sind, Die Juden sind hier auf die verschiedensten Berufszweige verteilt: Farmer, Viehzüchter, Handwerker, Kaufleute, relativ wenig Acrzte und Rechtsanwälte. Es ist beabsichtigt, neben den bereits bestehenden jüdischen Farmschulen des Ostens auch eine große jüdische Farmschule im Westen zu schaffen. Idaho würde ein ideales Feld für junge, jüdische Kolonisten abgebeii. Der Prozentsatz der Juden unter der Bevölkerung ist gering. Hier in Boise leben etwa 30 Familien, die jüdische Bevölkerung im ganzen Staate dürfte ungefähr 500—600Seelen ans machen. Innerhalb der jüdischen Gemeinde in Boise gibt es wie überall in USA. eine russisch-polnisch-orthodoxe und eine liberale Gruppe. Das jüdische Leben hat auch hier, hervorgerufen durch die Ereignisse in Europa, einen neu«» Auftrieb erhalten. Von der zionistischen Idee haben die Menschen hier wenig Ahnung. Die Sammlungen für Palästina werden über das Joint Distribution Committee geleitet, das jährlich einen Drive veranstaltet. Aus Deutschland sind in den letzten Jahren nur drei jüdische Familien eingewandert. Mehr ■und mehr setzt sich die Erkenntnis durch, daß das Verbleiben der jüdischen Immigrauten in den Großstädten des Ostens unmöglich ist, und so haben es sich die verschiedensten jüdischen Organisationen zur Aufgabe gemacht, einen Teil der Neueingewanderten nach dem Westen zu dirigieren. In den Staaten des ״wilden Westens“ ist noch viel Platz, und wer eine radikale, berufliehe Umstellung nicht scheut, kann sich hier eine neue Existenz auf bauen. Herman Zacharias Die Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität und Bibliothek Jerusalem e. V. teilt mit: Die Hebräische Universität bemüht sich auch in der W'interschedule (Oktoher—März) Zertifikate für Studenten zu erwirken. Abiturienten, deren Reifezeugnis 1934 und später erteilt ist, können sich um die Aufnahme an der Universität und die Erteilung eines Studenten •Zertifikates bewerben. Die Gesuche sind bei der ,,Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität und Bibliothek Jerusalem“, Berlin W 15, Mcinekestr. 19, einzureichen unter Beifügung folgender Unterlagen: 1. Antragsformular (erhältlich durch die Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität und Bibliothek Jerusalem e. V.); 2. Reifezeugnis und sonstige Zeugnisse (in beglaubigter Ab- Schrift oder Photokopie); 3. Geburtsurkunde; 4. Drei Paßbilder; 5. Eigenhändig geschriebener Lebenslauf; 6. Angaben darüber, ob der Kandidat in der Lage ist, den Studiengydbetrag selbst aufzubringen, welche Mittel hierfür zur verfügung stehen, gegebenenfalls, ob der Kandidat bereits einen Transferantrag gestellt hat Es ist zwecklos, Anträge unmittelbar an die Universität Jerusalem ciazusendea, Erste Eindrücke in Columbien Von -unserem B Call, im Oktober Auf der Karte sieht die Bucht, in der Buenaventura liegt, sehr klein aus. In Wirklichkeit fährt das Schiff stundenlang durch diese üppige Tropenlandschaft, im Hintergrund begleiten uns die Cord Mieren, und kleine Küstendampfer hüpfen munter über die Wellen. Nach langem Ausschauen endlieh erblickt man Buenaventura. Die Landung geht ziemlich langsam vonstatten; sie wird uns vor allem dadurch erleichtert, daß Vertreter der Hicem und des Kolumbianischen Hilfskomitees am Schiff sind, die den Passagieren den Weg in die neue Heimat eröffnen sollen. Welch eine Wohltat, empfangen zu werden, wo man sonst a'iein und hilflos stünde in einer fremden Welt, die einstweilen noch voller Rätsel steckt. Diese Organisation der Wanderung ist nicht genug zu loben; dam so manche schwierige Situation wird dadurch vermieden, daß mit den Verhältnissen vertraute Männer sich um das Wohl der Neueinwanderer kümmern. Buenaventura ist eine kleine Hafenstadt mit 80 ״/o Negerbevölkerung. Im allgemeinen erwiesen sich die Neger als ruhig, zurückhaltend und zuverlässig. Eta kleiner Platz ist dieses Buenaventura, und man kann sich kaum vorstellen, daß dort Weiße existieren können. Dennoch gibt es sehr viele gute Geschäfte, darunter nicht wenige jüdische, die mit wepigen Ausnahmen Juden aus Rumänien gehören, die hier im Laufe der Jahre sich langsam etwas zusammengespart haben. Auch einige Juden aus Deutschland haben sich hier eine Existenz aufgebaut, z. B. ein junger Photograph, dessen Atelier viel aufgesucht wird und der erzählte, daß viele Negerjungen, anstatt ihr Taschengeld zu vernaschen, lieber einmal ihr Konterfei sehen möchten. Da der Neger anspruchslos lebt, kann er das Geld, das er verdient, leicht wieder ausgeben, und davon profitieren alle Geschäfte. So rollt das Geld der Weißen, denen die Neger die grobe' Arbeit abnehmen, sowie das Geld des Staates, für den sie Straßen bauen und Eisenbahnen instandhalten, wieder zurück zu den Wci- Ben. Das Aushalten in Buenaventura erfordert freilich große Verzichte auf alle Annehmlichkeiten des Lebens. Fließendes Wasser (lauwarm) und einige halbwegs erträgliche Cafes sind so ungefähr die einzigen Dinge, die an europäische Lebensgewoluiheiten heranreichen. Die Fahrt nach Cali Ist mit Hindernissen verbunden. Ein Bergrutsch versperrt die Strecke. Statt um 6 Uhr fährt der Zug erst um 7.30 Uhr. Die kleine Schmalspurbahn windet richterstatter sich mit beachtlicher Geschwindigkeit in endlosen Serpentinen ׳ die Cordillcre empor und bleibt schließlich nach einständiger Fahrt an einer Station stehen: die Strecke Ist nicht frei. Nach zweistündigem Warten gellt es endlich weiter, immer höher empor, 1500 m hoch, und dann wieder hinab m das Cauca-Tal, in dem Cali liegt. Eine zauberhafte Fahrt, die vorbeiführt an den Pfahlbau^n der Neger, an fischenden und goldwaschenden Indianern, an Cowboys, die Lassos schwingen — kurz, jene ganze Indianer-Welt der Kinderzeit wird hier zu einer ungeahnten Wirklichkeit Für wenige Centavos erhält man auf jeder Station von den Negern Pinas (Ananas). Die Fahrt durch die Tropen ist also nicht langweilig. Mit sechsstündiger Verspätung sind wir in Cali, wo wir wieder auf das freundlichste vom Hilfsverein begrüßt und bewirtet werden. Die meisten Mitreisenden bleiben nur über Nacht und reisen dann nach Bogota weiter. Zwei Ehepaare und drei Junggesellen bleiben in Cali — fürs erste. ln den wenigen Tagen, die man in diesem Lande weilt, hat man schon eine Reihe von Menschen gesprochen. Die meisten klagen sehr. Das Leben in diesem Lande ist schwierig, jeder Peso wird nur mühsam verdient. Ich sprach in diesen zwei Tagen eine Anzahl von Menschen, die nach Peru, Chile, Panama, Nordamerika und anderen Ländern weiterwandern, weil sie sich mit dem hiesigen Leben nicht abzufinden vermögen. Offensichtlich handelt es sich hier um eine bestimmte Kategorie von Menschen, die noch allzu stark mit den Erinnerungen an frühere bessere Zeiten verknüpft und außerdem nicht mit geeigneten Berufen versehen sind. Denn auf der anderen Seite gibt es fraglos viele Juden, auch solche aus Deutschland, die es verstanden haben, sich in dieses Leben e i n zu gl i cd ern, ihren Lebensunterhalt zu verdienen — und vielfach sogar gut; die Gespräche mit ihnen zeigen, daß sie es offenbar besser verstanden haben, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen und in die neue (nicht immer bequeme) Umwelt cinzuleben. Die bisherigen Beobachtungen reichen nicht aus, um ein Urteil über das jüdische Leben in Cali zu fällen; sicher aber ist, daß es unter den Auswanderern aus Deutschland nur wenig Zusammenhalt gibt, daß viele Berufe haben, mit denen sie sich mehr schlecht als recht ernähren, und daß hier noch viel Arbeit zu leisten ist: sowohl um einen jüdischen Zusammenhalt zu schaffen als auch das wirtschaftliche Leben der Einwanderer in sinnvollere Formen überzuführen. N. Zwischen Gestern und Morgen Auf der Fahrt nach USA. Puuuh ... Puutih ...'s macht das Nebelhorn des Dampfers. Puuuh ... Puuuh ... Es ist unheimlich. Es ist alles ungewiß. Das Schiff stoppt, fährt, stoppt. Langsam und vorsichtig geht es dann wieder wqjter. Die dichten Nebel- Schwaden verhängen jede Sicht. Es gibt keine Feme mehr, und es gibt keinen Himmel. Nur wenige Meter sieht man die Wasser rauschend, zischend, lebendig und unruhsam. Der Laut, den der Nebel verschlucken will, dringt verhalten in jeden Winkel. Man hört ihn mit einem leichten Erschauern, Wir sind mit so viel 1Ungewißheit erfüllt. Wir sehen den Himmel nicht. Wir suchen das Ziel. Wir sind schon solange unterwegs. Womit fing denn eigentlich diese Reise an? Doch nicht damit, dafi wir auf das Schiff gingen. Monatelang vorher lagen schon die Bemühungen, endlos lange dehnte sich alles. Warten, warten, hoffen, tasten wie dieses Schiff in den Nebel hinaus, warten, warten — das war es. Nun ist plötzlich das alles da: dieses Schiff und die Seekrankheit, und das Meer redet die Schiffswände entlang, und fast jeden Tag vergewissert man sich noch einmal, ob denn alle Papiere auch richtig im Koffer liegen und ob alle auch noch beisammen sind. Man liegt itn Deckstuhl und läßt den Wind über das Gesicht streicheln. Man schließt die Augen und denkt. Man kann sich das Denken noch nicht abgewohnen. Nene MaBst&be Wir sind hier auf dem Schiff alles kleine Leute, jein paar Amerikaner und Belgier und Franzosen sind da, aber die meisten sind ״wir“. Die Reise dauert nun schon über eine Woche, und es wird fast zwei Wochen dauern, bis wir in die neue Welt kommen. Aber schon hier endet das Gestern, das gewesen ist, und man steht zwischen dem Gestern und dem Morgen. Es gelten andere Maßstäbe. Klein ist das Schiff und klein anfangen ist immer besser als klein aufhören, und von Eleganz wollen wir nicht mehr reden. Wir sind Auswanderer, nicht die ersten und lange noch nicht die letzten. Ein anderer Begriff von Geld und Geldeswert ist in uns eingezogen. Jeder Cent gilt und ist unendlich viel. Jeder Kognak, den man trinkt, reißt ein Loch in den schmalen Geldbeutel. Es kostet alles Geld, Geld, und Geld ist schwer zu verdienen. Alles ist klein, ganz klein. Und wenn man dann jeden Morgen das überdenkt, was im Frühgebet geschrieben steht: Was sind wir? Was ist unser Leben? ... me onu ... me chajenu....? Wir sind alle dem Letzten so nahe gerückt. Verzweifelt roß ist das Fragen. Ueberall ist ein Suchen in uns, ein uchen nach dem Sinn. Und es ist keine Antwort. Das ist es: daß der Jude immer wieder und wieder um den Ursinn des Daseins ringen muß, daß er die letzten Fragen stellen muß, weil er sie gestellt sicht, weil er nicht anders kann. Das Gestern trägt jeder unausgesprochen mit sich. In diesem bedächtigen, zaghaften und zagenden Zögern steht es geschrieben. Zwischen Gestern und Morgen leben wir, Das Heute ist nichts. Es ist nur eine Stufe zum Morgen und vor diesem Morgen stehen tausend Fragezeichen. Ueberall ist es ein Fragen, und die letzten Antworten kann niemand geben. Auch diese nüchterne Erkenntnis tragen wir mit uns. In langen Stunden stehen wir an der Reeling, schauen in die Fluten, schauen in den Himmel, sehen auf die Sterne. Und die• Sterne hier leuchten auch über all die lieben Menschen, die jetzt an uns denken Wenn es nicht diese Menschen gäbe.,.. Wenn die Zeit die letzten Fragen offen gelegt hat, so auch das Menschlichste im Menschen. Zum Guten und zum Schlechten. Man sieht es hier. Denn mit wieviel Liebe sprechen Menschen hier .von des Ihren, di« sie zurück!- gelassen haben. Mit wieviel Liebe schreiben sie Briefe, Seiten um Seiten, stundenlang, tagelang. Diese menschlichen Beziehungen, sind der einzige und letzte Halt. C’est la vie.... . .!,׳:־•• Wir sitzen irn großen Saal. Es wird getanzt. Amerika-!lischer Jazz erfüllt den Raum. Amerikaner lachen ihr unbeschwertes Lachen. Und dann sind wir; wir sollen uns freimachen von allem. Das Lachen soll nicht eine Grimasse sein, und dann sollen wir auch immer die Grenzen sehen. Und hier steht der Jude, der hinausgeht. Sein Weg in die Welt macht ihm die Grenzenlosigkeit offenbar, und man erinnert sich eines Midrasch, der an ein Bibelwort anknüpft; Wenn Israel erhoben wird, wird es bis zum Himmel erhoben, und wenn es sinkt, sinkt es bis zur Erde.... Steht hier nicht so viel von all dem in den Menschengesichtem geschrieben? Sieht man die Grenze, die Orenzen? Sind diese Menschen dem Leben gewachsen? Wird es sie nicht verbiegen? Sind da nicht so manche festgefügten Maßstäbe schon ins Wanken gekommen? Man denkt an dies alles. Weit hinten liegt Europa mit all seinen Sorgen und Nöten, mit seiner Geschichte und seiner Kultur. Tragen wir eigentlich so viel davon mit uns? Was ist davon Besitz und was nur geborgtes Gut, das man wieder zurückgeben kann, zurückgegeben hat? Die Rechenschaft darüber ist schwer. Es wird sich vieles erst zeigen müssen, was bleiben kann und was nicht. Manches von den Dingen des täglichen Lebens wird kaum je abgestreift werden können. Das ist sicher. Aber deswegen braucht man nicht gerade Bibliotheken als Auswanderer mit sich zu schleppen. Ich habe kaum ein einziges Buch aus meinem Schrank mitgenommen. Wer in ein fremdes Land geht, muß dessen Kultur, Literatur und Geschichte kennenlernen, in sich aufnehmen, um überhaupt leben zu können. Auswanderer in Europa Bevor ich auf dieses Schiff kam, sali ich noch einmal zwei Zentren, in denen nach 1933 sich manche Auswanderer niedergelassen haben: Amsterdam und Brüssel. Ich sprach mit vielen Freunden. Ich hörte manches Urteil, manche Klage. Und eine davon kehrte immer wieder: unsere Mensehen •draußen fühlen sich isoliert; sie stehen in dem Kampf des Lebens, und wenn sie sich umschauen, stehen sie allein. Persönlichen und gesellschaftlichen Anschluß an einheimische Kreise zu finden, ist sehr schwer. Man kann nicht sagen, bei wem dafür die Schuld liegt, und man kann nur feststellen, daß in mancher Hinsicht versucht worden ist, Trennungen und Hemmungen pi beseitigen. Aber das alles ist noch zu jung — trotz aller Zeit, die vergangen ist. Und dann wird den Auswanderern auch vorgeworfen, daß sie sich selbst sehr isoliert hätten. Die Sprache macht ja so viel. Hier aut dein Schiff — man bekommt Angst, wenn man bedenkt, daß diese Menschen in den Lebenskampf der neuen Welt gehen wollen. Nur sehr wenige können hinreichend Englisch, ja nur die Anfangsgründe. Sie plagen sich, und auch selbst das wenig genug. Sie sagen Entschuldigungen, daß sie nicht früher gelernt haben: Beruf, Sorgen, sie hätten nicht die genügende Konzentration gehabt und vieles mehr. Aber in wenigen Tagen taucht die neue Welt auf, eine in jedem Betracht neue Welt. Wie viele vermehrte seelische Schwierigkeiten wird es geben, wo doch das Einleben schon an sich schwer genug ist.... C’est la vie — das ist das Leben! Ist es wenig, ist es viel, ist es nicht alles? Sind wir nicht wie kleine Kinder, die die ersten Gehversuche machen wollen? Ueberall diese tausend Fragen, immer wieder dieses Fragen. Aber daß wir luden sind, nichts als luden, die millionenfach vor uns diesen Weg in die neue Welt gingen, — das ist doch die einzige Erkenntnis, die ist. Es wäre gut, wenn sie bleiben würde. Denn zwischen Gestern und Morgen schlägt das Judesein di« verbindende Brücke. Dr. Arno Herzberg