Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 87 (1.11.1938)
- Date
- 1938-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Jugend aus Wien auf Hachsdiara Im Landwerk des Makkabi-Hazair In Ahrensdorf Wenige Kilometer vor Berlin, in der Nähe des Landstadtchens Trebbin, liegt Ahrensdorf. Dort hat die Reichs- Vertretung der Juden in Deutschland seit zwei Jahren ein ehemaliges Jagdhaus gepachtet und dem Makkabi-Hazair zur Ausbildung und Vorbereitung seiner Jugendlichen für Palästina übergeben. Vor zwei Jahren begann die erste Gruppe ihre Ausbildüng. 80 Jugendliche lebten in dem in einer großen eigenen Waldung liegenden Haus, eine besondere Steinbaracke für die Schlafräume der Jungen wurde neu eingerichtet. Ein vortrefflich gehaltener Obstgarten ermöglicht eine gründliche gärtnerische Ausbildung, der Sandboden wurde an vielen t Stellen in harter Arbeit fruchtbar gemacht und zu Gemüse- 1 gärten verwandelt, Treibhäuser wurden eingerichtet, weite Wiesen Und Felder wurden landwirtschaftlicher Arbeit nutzbar gemacht. Ein Stück Weges vom Hause entfernt liegt an dem kleinen See der große Hühnerstall, der allerlei Federvieh beherbergt, Puten, Gänse, Enten und Hühner, die mit Methoden, wie man sie in Palästina kennt, aufgezogen werden. Ein Kuhstall zur Erlernung der Milchwirtschaft, Ziegen für die Kleinviehzucht, Pferde für die Ackerarbeit ergänzen das lebende Inventar. Eine vortrefflich eingerichtete Werkstatt mit Geräten für jede Art von Arbeit gibt die Möglichkeit zur Erlernung der für die künftigen Chaluzim notwendigen Handfertigkeiten. Fern im Walde gibt es für die wenigen freien Stunden einen Sportplatz mit richtigen Fußballtoren. In diesem Rahmen gibt es nun ernste Arbeit. Zwei Jahre stehen zur Verfügung, nicht mehr. In diesen zwei Jahren soll jeder Junge ein guter Landwirt und Gärtner, jedes Mädchen eine gute Hausfrau, wie die Landwirtschaft sie braucht, sein. Der Betriebsleiter des Makkabi-Hazair, Hans Winter, wird in der Ausbildung von einem Angestellten des Landwerks und von zwei jüdischen Gärtnern unterstützt. Die Gesamtausbildung wird überwacht und durch regelmäßigen landwirtschaftlichen Unterricht, insbesondere im Winter, gefördert von Martin Gerson, dem Beauftragten der Reichsvertretung für die gesamte landwirtschaftliche Ausbildung, und von Dipl.-Landwirt Friedrich P e r 1 s t e i n, dem Betriebsleiter von Halbe, einem anderen Hachschara-Kibbuz des Makkabi- Hazair. Es ist also für eine gründliche fachliche Ausbildung Sorge getragen. Die Arbeit der Mädchen wird von Wirtschaftsleiterinnen aufs sorgfältigste betreut. Dabei gehört der Hühner stall und die Milchwirtschaft, wie es eben auch in Palästina Jiblich ist, zu den Obliegenheiten der Mä-d* chen. Abgeschlossen wird diese Ausbildung durch eine Prüfung, bei der die Beauftragten der Rekhs- Vertretung ein Zeugnis über den Erfolg erteilen. Die intensive Erlernung des Berufes ist aber nur ein Teil der Ausbildung. Dazu kommt die Er- Ziehung und der Unterricht auf den verschiedensten Wissensgebieten. Es geht natürlich nicht wie in einem Internat zu Die Erziehung vollzieht sich in freien lind freiwilligen Gemeinschaften. Strenge Disziplin einerseits, Ungebundenheit, Selbstvertrauen und Festigkeit andererseits, Einsatzbereitschaft für die Gemeinschaft, ernstes Streben nach Erweiterung des Wissens, sind die Pole der Arbeit. In der Tarbutharbeit, die in regelmäßigen Unterrichtssichoth vor sich geht, steht die hebräische Arbeit obenan. Allgemeine und jüdische Geschichte, fremdsprachliche Arbeitsgemeinschaften, Arbeitsgemeinschaften über Kunst und Literatur, Naturkunde und Musik — das sind die Hauptgebiete. Das ist kein Programm, sondern hat sich schon in der Praxis bewährt. Die erste Gruppe hat ln diesem Herbst ihre Ausbildung beendet. Ein großer Teil der Jugendlichen ist mit der Jugcndalija, eine Anzahl Mädchen mit der Wizo nach Palästina gegangen. Eine geschlossene Gruppe von 16 älteren Jungen ist zur weiteren Ausbildung vor der Alija in einem Hachscharazenfrum in Schweden zusammengefaßt. Innerhalb der neuen Gruppe, die mit der Arbeit begonnen hat, ist es nun ermöglicht worden, 35 Jungen und Mädchen, die dem Makkabi-Hazair in Wien angehörten, unterzubringen. Ein ausgezeichnetes Jugendmaterial ist beisammen, Gesichter, aus denen chaluzische Entschlossenheit spricht, sieht man auf den ersten Blick. Eine neue ernste Arbeit beginnt. Für die Notwendigkeiten der jüdischen Jugend in Wien ist die Ausbildung dieser ersten Gruppe nur ein Anfang. Aber es ist eine große Freude, diese Ersten zu sehen, die für ihr Leben einen neuen Sinn gefunden haben, nämlich sich für den Aufbau Palästinas vorzubereiten. Sie kennen die Bedeutung ihrer Arbeit für sich selbst und für alle jene Jugendliehen, die ihnen nachfolgen werden. Fotos: Herbert Sonnenfeld