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Jüdische Rundschau · 1938-10-14 · Heft 82-83 (14.10.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 82-83 (14.10.1938)
Date
1938-10-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 82/83,14. OKTOBER 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU FEIERTAGS-BEILAGE Sch emim zer eth Seltsamkeiten Von S. M e i s e I s. Von ArnoldWiener, Beuthen O.-S. Viele Male haben wir darüber nachgedacht, warum man für die ״Zeit unserer Freude“ das schwermütigste unter den heiligen Büchern, nämlich K o h e I e t h bestimmt hat. Wir haben gesucht, und wir haben etwas gefunden. Im Traktat Erubin steht: ״Rabbi Josna sagt: Wenn es im Koheleth heißt: So gib her einen Teil auf sieben und auf acht, denn du weißt nicht, was Schlimmes auf der Erde noch sein wird. Dann sind sieben die sieben Tage von Peßach und acht die Tage von Sukkotli, und Schemini Azereth ist inbegriffen.“ Und so geben wir dem Schemini Azereth seinen Anteil und lesen das Buch Koheleth. Wenn man aber in den Text hineinsieht, dann findet man, die Beziehung ist eigentlich recht schwach, und der einfache Sinn des Verses besagt: Mann, wenn du viel Geld hast, so lege es an auf sieben oder acht Stellen und nicht auf einer einzigen Bank, denn du kannst nicht wissen, was im Der elenonle Domen■, der vornehme Herren>Schuh BERUNWIS-b- - - Tkha9b13er• k G.HORENCZIfK ä!✓a IFlortdLa l Aniwand• Laufe der Zeit passieren wird. Das ist ein Wort würdig eines weisen Königs. Aber unsere Frage bleibt bestehen: Was haben Koheleth und Schemini Azereth miteinander zu tun? Wir sind zu der Ansicht gelangt, daß es sich hier um eine Gegenüberstellung handelt, das Vermächtnis Mcsciics an die Stämme Jisraels und das Vermächtnis Salomos an kommende Geschlechter. Die Sidra ״Saus Habrocho“ bringt uns den Abschiedssang Mosches angefüllt mit Denksprüchen und Weissagungen. Jubelnd steigert sich das Lied: ״Die Lehre, die uns Mosche gebot, sie ist ein Erbteil der Gemeinde Jakobs. Und er war König in Jeschururi.“ Das Buch Koheleth aber hebt an: ״Das sind ^ehrworte des Predigers, des Sohnes Davids, der König war in Jerusalem.“ So reiht sich die Weisheit des einen Königs an die Lehre des anderen Königs, und jede für sieb, und beide zusammen werfen einen Tropfen Wermut hinein in das Freudenfest der Lehre, ohne doch .die Stimmung zu verdüstern. Ihre Weisheiten haben jede Beziehung auf das Menschenschicksal ihrer einstigen Verkünder abgestreift und glänzen jetzt als Ewigkeitswerte. Und so lesen wir ohne Schmerz und nur in Ergriffenheit die ^tze von dein Scheiden Mosches, die wohl zu den schönsten des Torabuches gehören, wo es heißt: ״Und Mosche stieg auf aus der Ebene. Moab$ auf den Berg Nebo. Und Gott ließ ihn ,.schauen das ganze Land und ■ dann Gilead bis Dan hinüber. Ganz Naphtali, das Land von Ephraim und das von Menasch, auch das ganze Land Juda bis zürn hinteren Meere.“ Da kommt dem Midrasch ein wunderbarer Einfall, indem er sagt: ״Lies nicht ,ad jam hoacharon“, bis zum hinteren Meere, sondern ,ad jom hoacharon“, bis zum letzten Tage. Der Allgütige zeigte dem Mosche nicht nur das ganze Land Jisrael, sondern auch die ganze Geschichte Jisraels bis zum letzten Tage. Eine Periode nach der anderen, bis zur Auferstehung der Toten. Jedes Geschlecht und seine Redner. Jedes Geschlecht und seine Führer.“ So hat der Allgütige dem Mosche auch unsere Zeit gezeigt, und mit dieser Zeit auch die Männer, auf deren Schultern die Aufgabe liegt, Lehrer zu sein in der Erfassung des Judentums, Retter zu sein aus der materiellen Not, Wegbereiter zu sein, Baumeister zu sein bei der Errichtung der Nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes. Das Buch Koheleth hat bei unseren Alten sozusagen keine gute Presse gehabt. Raw Jehuda sagt im Namen von Rab: ״Die Weisen wollten das Buch Koheleth verborgen halten, weil seine Worte einander widersprechen. Warum haben sie diese Absicht dann nicht ausgeführt? Weil immerhin am Anfang und am Ende Worte der Tora stehen.“ Was bedeutet, seine Worte widersprechen einander? ״Raw Binjamin sagt: Es kommen da Worte vor, die zu Ketzereien neigen.“ Und sie haben auf Koheleth die Worte aus Mischle bezogen: ״Auch diese (Sprüche Salomonis) haben die Männer uin Hiskia übertragen. Haben sie sie denn übertragen? Nein, sie haben sie weggelegt, bis die Männer der großen Synode kamen und sie gedeutet haben.“ Und so ist uns in Koheleth Rabbah eine großartige Deutungsarbeit überliefert. Sie haben schon beinahe alles glatt gemacht. Aber noch ist für den Menschen unserer Tage Raum geblieben. Und je mehr einer zur Sache zu sagen weiß, um so lobenswerter ist es. Aber die Weisen der Völker sind an den Widersprüchen im Koheleth hängen geblieben. Sie haben gesagt: Anders ist dieses Buch wie ״Moses und die Propheten“. Wo diese Unheil verkünden, dann ist am Schluß ein Ausblick in den Frieden. Das fehlt nun im Koheleth, wenigstens in seiner Ursclirift, ehe noch eine fremde Hand daran gefeilt hat. Dennoch fügt das Werk sich richtig ein in die Inhalte der anderen Bücher. Hier ist eine Philosophie, die an den Satz in ״Eicho“ anklingt: ״Gut ist es für den Mann, das Joch zu tragen von Jugend auf. Er sitzet für sich und schweigt, denn so hat er es auf sich genommen.“ Das heißt beileibe nicht, das Unglück in dieser Welt ist gut. Nein, es ist wahrlieh nicht gut. Aber wenn es kommt, dann bleibe ein Mensch und suche es i h Würde zu tragen. Es ist eine große Sache, wenn jemand das Unglück seines Lebens auf sich nimmt. Das ist auch eine Bejahung des Diesseits und noch dazu in seiner schwersten Form. Um zu dieser hohen Stufe zu gelangen, ist Weisheit vonnöten. Ij^pillllllllilllll! GEBET Von Arthur Silbergleit I* weife, daß Dich der Blinde *Ieht Und dafe Dich hört der Taube. Was wäre ohne Glaub« Mein Leben und mein Lied? Du segnest Brot und Kelch und Wein Und midi, wenn ich vergehe, Und hebst von meiner Gruft den Stein, Dafe idi einst auferstehe Im Festgewand aus Rosenschein. Mich riet Dein Wort. Ich wurde Dein Und tolgte Lerchensielen, Midi Weltpsalmlsten anzurelhn In zagen Harlensplelen. Sie mußten unzulänglich sein Vor Deinen Sonnendiören. Du wirst so schwachen Ton verzelhn. Mein H&udigebet erhören; ״O Herr, lafe in Dein Herz midi ein." Zweierlei Propheten In unseren alten Büchern wird folgendes erzählt: Akiba ben Josef zog einst mit seinen Freunden gen Jerusalem. Als sie auf d׳em Tempelberge standen, bot sich ihren Augen ein schreckliches Bild dar. Die einst volkreiche Stadt war zur Wüstenei geworden, die Wege Zions waren verwaist, die priiehtigeti Bauten lagen in Trümmern; die Luft, die einst heiliger Levitengesang durchzogen hatte, war wie von einem geheimnisvollen Wehklagen erfüllt. Beim Anblick solch furchtbarer Zerstörung erhoben die Freunde ihre Stimme und weinten. Akiba fragte sie: ״Warum weinet ihr?“ Sie sprachen: ״Wie sollten wir nicht weinen und wehklagen, wenn wir sehen, daß die Weissagung des Urija vollständig in Erfüllung gegangen ist.“ Akiba ben Josef aber lachte. Da fragten sie ihn: "״Warum lachst du?“ Er antwortete: ״Warum sollte ich nicht lachen und froh in die Zukunft sehen? Steht denn nicht der Weissagung Urijas die Weissagung des Propheten Seeharjal gegenüber, der ein neues Leben und eine Verjüngung Israels prophezeite? Hat sieh jene des Urija erfüllt, so wird auch die des Secharja in Erfüllung gehen,“ Als die Freunde dies hörten, da heiterte sich ihr Antlitz auf und sie lachten mit Rabbi Akiba ben Josef. Spitzfindige Beredintingen Nach Angabe der Bibel kam Erzvater Jakob mit siebzig Seelen nach Aegypten: als aber seine Nachkommen nach 213 jähriger Knechtschaft das Land verließen, hatten sie (nach dem biblischen Bericht) nicht weniger als 600(MH) streitbare Männer, was aut eine Bevölkeriings/ahl von mindestens zweieinhalb Millionen Seelen schließen läßt. Es sind nun alle mögliehen Berechnungen gemacht worden, um den Nachweis zu führen, daß sich eine siebzigköpfige Familie innerhalb eines Zeitraumes von 215 Jahren auf zweieinhalb Millionen Seelen vermehren kann. Man hat vorgesdilagen, für den Aufenthalt der Israeliten in Aegypten statt 215 Jahre nach der sama- Titanischen, 430 Jahre'nach der hebräischen Lesart anzunehmen, dann sC! die Vermehrung von 70 auf 2> ■ Millionen im Bereich des Möglichen, ln der Bibel sind indes noch ganz aridere Berechnungen gewagt worden; man hat sogar auszurechnen versucht, an welchem Tage, welchen Monats die Welt- Schöpfung begann. Alle diese Rechenkünstler übertraf an Kühnheit ein Geograph, der nach Aufstellung einer Sintflutstatistik haarklein bewies, daß in der Sintflut nicht weniger als 5 323 3S1 20S Menschen umgekommeii waren. Ein Universal-Tonsystem. (Vortrag Dr. M. Sandbergs im Hause Dr. J. Kaufmann, Jerusalem.) Die Vielfalt der Ton- Systeme — also der musikalischen Grammatiken der Völker, — die nicht durch das europäische diatonische Halbtonsvstem exakt genug aufotiert werden können, haben Dr. Mordechai Sandberg schon vor mehr als einem Jahrzehnt bewogen, eine raikrobenartige Spaltung des Intervalls der großetf Sd-J Max Weissler Berlin W,a״iKleiststr. 12 Ä das Hausf.gesehniSckv• künde auszurcchnen — das Zwölftel-Sechzehntel-Tonsystem — das die Möglichkeit bietet, alle erdenklichen Tonsysteme zu umfassen, und mit Hilfe einer hierfür erfundenen Notenschrift äußerst exakt zu notieren. Der wissenschaftliche Wert der Methode, besonders für die Folkloristik ist evident. Leider hat Dr. Sandberg sein System — über das er unlängst auch in London referiert hat — weder durch Instrumente — noch durch phonogranimatische Illustrationen erläutert. Die Beispiele seiner Kompositionen jüdischer Musik, die Dr. Sandberg vorführte, zeigten eine so heterogene Konfrontation tonaler Gesetzmäßigkeit mit tondifferenzierten Elementen, daß letztere nicht gesetzmäßig, sondern unrein und falsch Bathja Erzählung von Sdtalom Ben-Chorin (Schluß) Aber da war sie ia. Ganz in Gedanken versponnen, hatte Manfred sich auf den Weg gemacht. Im Schatten des schweren Ktcuzritterbaus der Daviasourg w, Jeckte er sie. Gesenkten Blickes wollte sie an ihm vorübereilen. Er grüßte. Sie zögerte einen Lidschlag, ob sie danken sollte, dann aber dankte sie ihm mit einem reizenden Lächeln, das ihre feuchten weiß schimmernden Zähne freilegte. ״Dem alten Brummbären heute morgen habe ich aber die Meinung gesagt“, versuchte Manfred ein Gespräch in Gang zu bringen. Es störte ihn dabei wenig, daß seine Behauptung nicht ganz der Wahrheit entsprach. ״Oh, ich danke Ihnen“, sagte Bathja höflich, aber es erwies sich, daß sie des Hebräischen nicht so weit mächtig war, um mehr als einige abgerissene, andeutende Sätze vorzubringen. Sie wechselten ins Französische. Freilich war hier Manfred der unfreiwillig Wortkarge. Es kostete ihn allerlei Anstrengung, die halbvergessenen Vokabeln aus seinem Gedächtnis hervorzukramen, aber es ging. Ging besser, als in den trüben Stunden, in denen es geheißen hatte: ״Leven, Sie haben sich wieder nicht genügend präpariert. Setzen Sie sich und fahren Sie nur so fort auf der schiefen Ebene, auf welche Sie sich bereits begeben haben.“ Lächerlicher Mechanismus des Gehirns. Nichts anderes fiel Manfred in dieser Dämmerstunde im Schatten der Davidsbürg ein, als — ausgerechnet der Schulunterricht von einst. Dann aber entschloß sich Manfred zu einer Art Generalangriff. Man mußte doch etwas sagen. Schweigend neben dem Mädchen herzugehen und die erfreuliche Begegnung vorübergehen lassen, das wäre eine unverzeihliche Eselei gewesen. ״Ich habe mich heute ein wenig mit den Karäern befaßt“, sagte er und zeigte ihr die Broschüre, die er gerollt in der Hand trug. — Sie nickte nur wortlos. ״Könnte ich — vielleicht am Schabbath — einmal in die karäische Synagoge kommen: es interessiert mich sehr — jetzt, nachdem ich eine kleine Ahnung von der Geschichte der Karäer habe, auch etwas von ihrer heutigen Wirklichkeit zu erfahren.“. Sie sah erstaunt, fast entsetzt zu ihm auf. ״OJ1, das können Sic nicht!“ sagte sie und ihre Stimme zitterte kaum merklich, ״man würde Sie lynchen, wenn Sie das wagten.“ Nach einer Pause/betretenen Schweigens fügte sie hinzu: ״Auch uns selbst könnte das sehr gefährlich werden.“ Rasch verabschiedete sie sich. Er reichte ihr die Hand. Sie zögerte, ergriff sie dann aber doch und lief, ohne’ sich umzuwenden, die armenische Straße hinab, die ins Gassengewirr der Judenstadt führte. — Von diesem Tage an bestand zwischen dem Hilfspolizisten Manfred und dem Mädchen Bathja nichts weiter als das, was man gemeinhin eine Grußfreundschaft nennt. Er wußte genau, auf die Minute fast, wann das Mädchen atn Morgen die Ecke, wo das armenische Quartier an das Judenvierte! stieß, passierte. Ohne sich mit Namen zu kennen, wechselten Manfred und Bathja flüchtige Grüße. Manchmal stellte Manfred auch einige konventionelle Fragen an das Mädchen oder brachte die Rede auf aktuelle Ereignisse des Tages. Aber seine Bemühungen, mit ihr ins Gespräch zu kommen, erlitten jedesmal kläglich Schiffbruch, — nicht zuletzt deshalb, weil Bathja stets eilig war, um rechtzeitig an ihrer Arbeitsstelle einzutreffen. Es war nicht gut denkbar, ihr vorzuschlagen, etwas früher das Haus zu verlassen, um die morgendliche Plauderei etwas auszudehnen, und so mußte sich Manfred mit den kärglichen Gesprächsfetzen begnügen, die ihm der Frühwind zutrieb. Sein Interesse am Studium der Geschichte der Karäer erlahmte rasch, ja, der Wahrheit die Ehre — sie gedieh kaum über die Lektüre jenes schmalen Heftchens, das er am ersten Tage der denkwürdigen Begegnung mit Bathja erworben hatte. Das war nun freilich nicht weiter verwunderlich, sind historische Studien doch ihrer Natur nach kein überaus gangbarer Weg zum Herzen eines jungen Mädchens. Manfred mußte bald einsehen, daß es ihn dieser verschlossenen, scheuen, auch wohl ein wenig verängstigten Bathja nicht gerade nähergebracht hätte, wenn er ihr gegenüber etwa seine Kenntnis der theologischen Kontroversen zwischen dem Gaon Saadja und den Karäern unter Beweis gestellt hätte. War es doch noch sehr die Frage, ob die kleine Bathja selbst auch nur den geringsten Schimmer einer Ahnung von alledem hatte. Die Grußfreundschaft wäre wohl nie über das hinausgewachsen, was eine Grußfreundschaft nun einmal ist, hätte es nicht einen Primus gegeben, ein ungemein heimtückisches Kochgerät, Sorgenquell und Born des׳ Aergernisses aller palästinensischen Hausfrauen. Die Objektivität eines derartigen Gerätes ist nicht hoch genug zu preisen: Es macht nicht den geringsten Unterschied zwischen den Suppen rechtgläubiger Rabbaniten und ketzerischer Karäer. Vergißt man einmal auf ein solches Kochgerät, während es in Betrieb ist, zu achten, so stellen sich Folgen ein, die alles andere als erfreulich sind. So ein Primus nun war der Anlaß, daß auf dem Hof der Karäer um die Mittagsstunde ein kurzer, aber heftiger Wehsdirei erklang, der den diensttuenden Manfred entschieden beunruhigte. Keine Frage — es war das .Mädchen Bathja, das hier so herzzerreißend geschrieen hatte. Freilich war nicht festzustellen, ob es sich hier um einen Hilfeschrei handelte oder um etwas anderes. Jedenfalls steckte Manfred seinen Kopf zur offenen Tür hinein und fragte, was hier los sei. Zunächst sah er gar nichts als einen leeren Hof, aber als er aus einem angrenzenden Raum leises Wimmern vernahm, klopfte er behutsam an die angelehnte, etwas morsche Holz- Es war Bathja, che öffnete. Wie ein ganz kleines- Schulmädchen stand sie vor ihm. Sie vergaß sogar, den schmerzenden Finger aus dem Munde zu nehmen, worüber Manfred herzlich lachen mußte. ״Was lachen Sie denn?“ fragte Bathja, und in ihrem verstörten Gesicht mischten sich ‘Lachen und Weinen. ״Es gibt nichts Heimtückischeres als so einen Primus.“ Manfred nickte. Er wußte es. Hatte cs — buchstäblich — des öfteren am eigenen Leib erfahren. Während sie erzählte, wie das heimtückische Ding bei der dringend nötigen Reinigung seiner verstopften ״Kopf“־Poren begonnen hatte, Feuer zu speien wie ein bösartiger Drache, mußte sic. doch den Finger befreien. Trostlos sah sie die Brandblasen, die sich darauf gebildet hatten. Manfred konnte nicht ernst bleiben. ״Ein solches Unglück“, sagte er mit geheuchelter Teilnahme, ״ein solches Unglück! Da müssen Sie getröstet werden. Wissen Sie was, wir gehen heute abend zusammen ins Kino. Im ״Zion“ wird ein spannender Wildwest-Film gegeben, mit Indianern und wilden Pferden ... und so. Einverstanden?“ Sie sah ihn erstaunt an. Ein Aufleuchten ging über das kindlich ebenmäßige Gesicht. ״Wissen Sie“, stammelte sie verwirrt, ״...aber Sie dürfen mich nicht auslachcn: ich war noch nie iin Kino.“ Nun war es an Manfred, zu staunen. Da lebte also ein junges Mädchen, hübsch, klug, mitten in unserem vielgcpriesenen, vielgeschmähten zwanzigsten Jahrhundert — lind war noch nie in einem Kino gewesen. Mußte nicht schon allein dieser Umstand ihr Weltbild anders formen? Wenn er, Manfred, das Kino aus seinem Leben wegdachte; — ja, dann war es nicht mehr dasselbe Leben. Dabei war Manfred nicht einmal ein passionierter Filmfreuiid. Keineswegs. Aber was hatte er nicht alles durch den flimmernden Zauber der Leinwand erfahren: Nanuk, der Eskimo, Gaufama Buddha, der Russisch- Japanische Krieg, mit Stanley im tiefsten Afrika, Königin Christine von Schweden ... es gab so viele Länder, historische Persönlichkeiten und Ereignisse, die ihm allein vertraut waren aus den wunschlos verträumten Stunden im Kino.

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