Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 82-83 (14.10.1938)
- Date
- 1938-10-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 6 ISC HE RUNDSCHAU י! jn Nr. 82/83, 14. X. 1938 Fotomontage des jüdischen Gesichts Yi>n Dr. Max Nußbaum Die moderne Wissenschaft datiert die Geburt unseres Volkes etwa um das zweite Jahrtausend vor der üblichen Zeitrechnung. Seit fast viertausend Jahren gibt es also das Volk der Juden. Seit fast viertausend Jahren gehen Juden durch di« Welt, — alle einheitlich charakterisiert durch ihr Jude-Sein und durch ihre schicksalhafte Abgesondertheit von den übrigen Volkern der Erde, und dennoch undefinierbar in der Vielfalt ihrer Erscheinungsformen. Wie oft wird in der Welt von ״d c ni jüdischen Typus“ gesprochen, und dabei treffen wir auf den G e- Sichtern unserer Menschen die Konturen der verschiedensten Länder, Völker und Welfen: Konturen orientalischer Klugheit, asiatischer Verhaltenheit, europäischer Geistigkeit und amerikaniseher Eleganz. Es gibt allerdings einen Teil unseres Volkes, der sein Gesicht im Wandel der Zeiten bisher bewahrt hat: das ist der Jude des Ostens, für uns immer verkörpert in jenem greisen Antlitz, das uns aus so vielen Bildern jüdischer Künstler ansieht, — durch uns hindurchsieht mit seinem klaglos-resignierenden, in zeitlose Ferne gewandten Blick, in dem viel von dem ewigen Leid seiner Väter, von d«r menschlich-nahen Vertrautheit mit Gott und von der beinahe heiteren, wissenden Schönheit eines Alters, das nie jung gewesen ist, liegt. Aber neben diesem Ur-Gesicht und Prototyp unseres Volkes gibt es zahllose andere Typen, die auf dem Weg ins neunzehnte und zwanzigste Jahrhundert, auf dem Weg nach Europa und Amerika ihre entscheidenden Formen und Normen erhielten, und bei denen es sich für uns nun darum handelt, zu erkennen, was Gesundheit und was Schminke, was Verjüngung und um w/1u.M1u was Verzerrung ist. Wie auf einem Filmstreifen photomontiert gleiten sie an uns. vorüber: der gedrückte und gebeugte Jude <jes östlichen (Ghettos, der soignierte Sohn der großen unglisch-jüdischen Bourgeoisie, der Ässimilänt in Paris, der Snob aut dem Broadway, der ekstatische Chassid aus Polen und det sonnengebräunte Chaluz auf dem Boden Ercz jisraels. Dort der kleine ängstliche Jude, der vor jedem Windhauch zittert, dort der heldenhafte junge Mensch, der die Kolonie Chanita erobert, — ein kaleidoskopisch buntes Bild, das da vor uns abrollt. Wer kann mtu sagen, welches das Gesicht dieses Volkes mit den zahllosen Gesichtern ist? Wer kann das Wesen dieses Volkes definieren, das seit Jahrtausenden geheimnisvoll ,dem Untergang entgeht, das ein Fluch und ei!1 Segen ist, wechselnd in der Beurteilung der Andereti und ungleichmäßig in der eigenen Kritik, wo gibt es einen Schlüssel zu der Problematik dieses schillernden Temperaments, wo eine Möglichkeit, über das Rätsel dieses Volkswesens etwas! Klarheit zu schaffen? . . : ■־׳ Anspruch auf eine totale innere und äußere Bc hcrrschung des Lebens der eigenen Menschen durch die strenge Dogmatik des Schulchan Aruch. Dieser Radikalismus und die durch ihn bedingte Einseitigkeit bringen es mit sich, daß vorhandene Gegensätze viel schärfer zugespitzt | werden als bei anderen Völkern. Gegensätze wie * Hillel und Schammai, Pharisäer und Saduzäcr, Birjonim und Öiassidim kann es nur bei uns geben. Das jüdische Volk besitzt wenig Mittelmäßigkeit, und da jeder Jude auf Grund seiner seelischen Haltung alles, was er darstellt und woran er glaubt, leidenschaftlich verficht, gibt es oft krasse Dissonanzen. Nur so ist es zu erklären, daß innerhalb unserer Psyche alles im Superlativ verbanden ist: Bestes und Schlechtestes, Höchstes und Niedrigstes, Heiligstes und Gemeinstes. Sogar in dem Grad der inneren und äußeren Begabtheit gibt es bei uns Juden kaum Kompromisse: es gibt Schönheit u;1d Häßlichkeit, aber selten eine Durchschnittlichkeit. Es gibt sehr talentierte und sehr untalentierte Juden; aber es gibt nicht die mittelmäßige Ebene. - Weiß man dies alles, so verstellt man plötzlich Satzes unserer Tradition, der diese ganze Philosophie zusammenfaßt. Er gleicht 1km Staub und gleicht den Sternen. Wenn Juden stürzen, dann wenn sie nach oben steigen, dann erklimmen sic die Sterne.“ Auf Grund dieser starken Gegensätzlichkeit unseres Charakters also daß wir in den Augen der Welt so verschieden beurteilt werden. Sie Himmel oder die Erde, entweder die Sterne oder den Staub.... Beide Hemisphären zusammen aber machen* - -• erst unseren Kosmos aus. Hiermit kommen wir zu dem letzten, größten, vielleicht am schwerster» zu verstehenden und dennoch so naheliegenden Resultat jener oben gezeichneten jüdischen Grundhaltung: es ist dasStreben der jüdischen Seele nach Einheit. Je schroffer die Gegensätze, desto stärker die Tendenz, zu vereinheit• liehen. Darum mußte das Judentum dieGeburtsstatte des monotheistischen Gedankens werden. 'Martin Bub er definiert es einmal in seinen Reden: ״Das Streben nach Einheit ist es, was den Juden schöpferisch gemacht hat. Aus der Entzweiung des ich nach Einheit strebend, schuf er die Idee des E i n h e it s g oft es. Aus der Entzweiung der Menschen- '־ gemeinschaft nach Emheit strebend, schuf er die Idee der All-Gerechtigkeif. Aus der Entzweiung alles Lebendigen nach Einheit strebend, schul er die Idee der All-Liebe. Aus der Entzweiung der Welt nach Einheit strebend, schuf Jude dem östlichen Ghetto Bei der ־Lösung diese! I Frage sind wir nicht allein auf die allgemeine Psychologie angewiesen, sondern es gibt daneben auch eine interessante Spezialwissen• schaff, die unter dem Namen ״Nationale Psychologie“ oder ' ״Völkerpsychologie“ bekannt ist, und dfe—auch in bezug auf uns — atemberaubende Entdeckungen gemacht hat. Sie hat erklärt, daß das Wesen des jüdischen Menschen, die Grundhaltung seiner Seele, also das, was das jüdische Volk am ehesten kennzeichnet, die absolute Einseitigkeit oder der Radikalismus ist. Aus dieser Erkenntnis und ihrer richtigen Anwendung auf die jüdische Seele resultiert und erklärt sich vieles, was auf den ersten Bück widerspruchsvoll erscheint. Es resultiert daraus die Antipathie des Jüdischen Volkes ־ gegen Kompromisse. _ Es resultieren weiter daraus die Forderungen einer absoluten — nicht relativen — Ethik, die das Judentum von jeher gestellt hat, und der che I de Jüdisch der Ju^endali'ja Es hat sich also eine merkwürdige doppelte Schluß- Folgerung ergeben: wir sind jun״e , das Volk der Einseitig- 8 keit und das Volk der Einheitlichkeit — ein mathematisch klares Resultat der obigen Erkenntnisse und ein Schlüssel zu den verschlungenen, konfliktreichen Tiefen unserer Seele. Mit der gleichen Intensität unseres Wesens, mit der wir eine Idee und eine Forderung radikal vertraten, besaßen wir auch das Gefühl für die ursprünglich vorhandene und immer wieder der Herstellung harrende Einheit unserer ewigen Ideen und Forderungen. Das ״Eine“, wofür wir kämpften, war bei uns eigentlich immer Ausdruck eines umfassenden, herrschenden totalen Prinzips, und nur in Zeiten der Schwäche, in denen sich die gesammelte Ganzheit unseres Wesens zersplitterte, wurde dieses ״Eine“ zu jenem in der Sprachlehre als ״unbestimmt“ be/eichneteri Teilbegriff, neben dem es ein ״Anderes“ geben kann. Und es war in der Tat bei uns so: das für Er fühlte sich geradezu veranlaßt, angesichts dieses Menschenkindes, das die ״Traumfabrik" unserer Zeit noch nicht kannte, einen Lobgesang auf das Kino anzusfimmen. ״Ist Kino wirklich 50 schön?״ fragte Bathja. ״Es ist großartig", versicherte Manfred — er tat es aus vollem Herzen — und verabschiedete sich eiiig von Bathja, die wieder zu einer schmerzlichen Betrachtung ihres verwundeten Fingers zurückgekehrt war. — Es wurde wirklich ״großartig“. Freilich bemerkte Manfred kaum die halsbrecherischen Abenteuer des roten, federgeschmückten Haupthelden, der bedrohlich die Kampfaxt schwang. Bathjas grenzenloses Entzücken berauschte ihn. Wurde es besonders aufregend, dann ergriff Bathja angstvoll Manfreds Arm und preßte ihre Nägel in seinen Handrücken, daß es fast schmerzte. Ohne den Widerstand skeptisch gerichteten künstlerischen Oeschmacks erlag Bathja dem Zauber des Unwirklichen. Taumelnd verließ sie, eng an Manfred geschmiegt — als sollte er sie vor der Verfolgung durch die Rothäute schützen — das Kino. — W'er war der Verzauberte? Bathja, die noch tagelang von dieser Belanglosigkeit, von diesem Dutzendfilm redete, oder Manfred? Manfred, der sehr schweigsam geworden war. Die Winde des Lebens hatten ihn da in die Nähe eines Mädchens getrieben, das durch Herkunft und Lebensumkreis so ganz anders als er geartet war und zu dem ihn doch eine tiefe, zärtliche Neigung zog — mochte sie Liebe genannt werden — die nicht allein Begierde war. Ja, vielleicht war es gerade jene seltsame Scheu vor dem Mädchen Bathja, die ihn in ihrer Nähe die Begierde fast vergessen ließ, die Manfred selbst ahnen machte, welch festes gutes Baud zwischen dem Madchen und ihm sich knüpfte. Aeußerlich hatte sich wenig geändert. Die morgendlichen Minuten vertrauten Gespräches gaben Manfreds Tag auch weiterhin einen Schimmer von Gold und eine Ahnung vom Duft blühender Pfirsiche. Abends gingen sie nun öfters zusammen ins Kino oder besuchten eines der Gastspiele, welches die ״Habima“ in Jerusalem zu geben pflegte. Sie nahmen sich dann auf dem Heimweg wohl auch an der Hand, wie Kinder, und schritten schweigend nebeneinander her. Einmal hatte Manfred den Arm um die schmalen Schultern des Mädchens gelegt und sil sanft auf den leicht geöffneten Mund geküßt. Sie hatte sich seiner Zärtlichkeit nicht entzogen, aber es lag eine große Angst und der Schatten einer abgründigen Trauer ln ihren weit aufgetanen Augen. Und dann blieb Bathja aus. An dem Morgen kam sie nicht mehr in ihrem bunten billigen Kleidchen um die Ecke der armenischen Gasse; in dm kleinen Cafd, in dem Manfred sie zuweilen nach der Arbeit erwartet hatte, war sie nicht mehr zu sehen. Leer waren ihm die Tage, die Abende ge- Worden. Fest verschlossen, eine belagerte Festung aber war der Hof der Karäer. Manfred wagte es nicht, dort zu klopfen. Endlich entschloß er sich, bei der armenischen Schneiderin, iit deren Werkstatt Bathja arbeitete, nach dem Mädchen zu fragen. O, sic sei krank, schwer krank, sagte man ihm. Sie habe eine Blutung gehabt, und ob es für die Aermste noch ein Aufkommen gäbe, daran müßte gezweifen werden. Er dankte höflich, stieg schweigsam die enge, muffige Treppe von dem hochgelegenen Schneideratelier herab. Die Sanne schien grell auf den Russenplatz. Von der grünen Zwiebelkuppel des Turmes der Kirche in der Mitte des Platzes schlug es eins. Sehr langsam ging Manfred die Jaffasiraße entlang. Ohne Ziel. Er merkte nicht, daß ihm Tränen in die Augen getreten waren. Und dann stand er wieder — wie jeden Tag — an der Ecke der armenischen Gasse, machte seinen Rundgang — zählte die Tage, die seit dem letzten Beisammenseil; mit Bathja verstrichen waren, und suchte etwas über ihr Befinden zu ermitteln. Aber niemand in der engen, düsteren Judenstadt sprach von der Kranken im Karäerhof. Die Türe des Hofes war abgeschlossen — gegen alle Welt. Da ereignete sich am Freitag nachmittag, kurz vor Schabbath, etwas Außerordentliches. Ein hochgewachsener alter Mann im wallenden schwarzen, violett gefütterten Mantel der sefardischen Rabbiner trat auf Manfred zu. Ein roter Tarbusch, umwunden mit schwarzer Seide — Zeichen der Trauer um das zerstörte Heiligtum — saß auf dem schmalen braunen Haupte des Greises. Sein dünner weißer Bart fiel auf ein lichtblaues Untergewand, das der Chacham zu Ehren des nahen Schahbaths angelegt hatte. ״Kommen Sie mit mir“, sagte der Alte leise. ״Sie werden gerufen.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er voran, indes Manfred willenlos folgte. Die spielenden Kinder wichen scheu vor ihnen zurück und grüßten den Rabbiner ehrerbietig. Selten ging der Chacham, der um seiner Heiligkeit willen berühmte Kabbalist Moscheh Asulai, aus dem engen Studierzimmer, an das sich eine kleine Synagoge für den Meister und seine Jünger schloß, hinunter in die Straßen der alter Stadt. Nur an den Schabbathen sah man ihn im Morgengrauen, um die ״Stunde des Erbarmens“, gefolgt von neun seiner Schüler zur Westnrauer gehen. Es muate etwas Außerordentliches geschehen sein, w?enn dieser Mann zu ungewohnlicher Zeit die Straße betrat. Hastig schritt Asulai voran. Sein langer Mantel flatterte wie die Flügel eines seltsamen Vogels um ihn. Vor dem Tor des Karäerhofes blieb er stehen. Dreimal pochte er kurz gegen das verschlossene Tor. Alles blieb still. Auch die Kinder und die Weiber und die bereits schabbathlich gekleideten Männer, die den Chacham und Manfred umstanden, schwiegen bedrückt. War es möglich? Der heilige Chacham Moscheh Asulai pochte an die Türe der Ketzer? Sollte es der Rabbi — unvorstellbar — wagen, den jahrhundertealten Bann zu brechen, der es verbot, den Hof der Ketzer zu betreten? Von unsichtbarer Hand wurde das Tor nun geöffnet. Asulai verharrte an der Schwelle, aber mit einer Gebärde, die keinen Widerspruch duldete, wies er Manfred den Weg in das Innere des Hofes. Niemand sprach ein Wort. — Eine früh gealterte Frau, aus deren zerstörten Zügen noch die unverkennbare Achniichkeit mit Bathja sprach, führte Manfred in eine enge Stube, in der es nach Aether roch. Auf einem niederen Bett lag — Bathja. Ihre Augen waren halb geschlossen. Der durkle Flügel des Todesengels hatte bereits seinen Schatten über sie geworfen. Sie versuchte sich auf ihrem Lager aufzurichten, als Manfred eintrat. Es mißlang. Aber ihre schmale abgezehrte Fieberhand konnte sie ihm noch reichen. Der Versuch eines Lächelns verzerrte ihren vom Fieber verwüsteten blutleeren Mund. — Manfred hockte auf einem niederen Scssclchen an der Seite des Lagers und küßte inbrünstig die Hand des Mädchens. Die alte Frau ließ ihn gewähren. Still weinte^ sie in sich hinein, als wollte sie vor dem Fremden ihren Schmerz verbergen. — Nach Ausgang des Schabbaths trugen die Karäer beim Schein lodernder Pechfackeln Bathja zu Grabe. In einem von den Gräbern der Juden und Muslitn getrennten Feld des Oelbergs senkten sie ihren unberührten Leib in die Erde, die ihnen heilig war, wie ihren feindlichen Brüdern, den Juden, und ihren feindlichen Vettern, den Arabern. Manfred folgte dem Zug von fern. Eine fremde Ruhe war über ihn gekommen. Im Schein der Fackeln sah er, wie drei Männer die Tote betend umkreisten und Steine in die Luft warfen. Es war ihm, als kehrten sie nicht wieder zur Erde zurück. Da erinnerte auch er sich eines alten Brauches. Er riß ein Büsche! dürres Gras aus, warf cs über die Schulter hinter sich, ohne umzusehen, und stieg die Terrassen des Oelbergcs hinab in die schlafende Stadt.