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Jüdische Rundschau · 1938-10-07 · Heft 80-81 (7.10.1938) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 80-81 (7.10.1938)
Date
1938-10-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JHDISCHE RII M יי S r H A U Nr. 80/81, 7. X. 1938 Vom jüdischen Buch Von S. M e i s e 1 s Mutter Weizmann erzählt Büdiervcrbole Eine Congregatio indicis librorum prohibitorum gab es im Judentum nicht. Aber es gab direkte und indirekte B üeher verböte. Schon im Talmud werden Bücher genannt, die man nur in der Abenddänuncrstundc, also zu einer Zeit, die weder Tag noch Nacht ist, lesen darf. Außerdem werden im Talmud eine Reihe von Schriften aufgeführt, deren Lektüre ganz verboten ist. Auf die Uebertretung dieses Verbotes war keine Strafe gesetzt. Die Zahl der verbotenen Schriften war recht gering. Auf dem Index standen die Apokryphen, die Bücher der Sadduzäer, das Buch Sirach und di« Schriften eines Bar-Laana. Auch das Hohelied und das Buch Kohefefh wollten die Rabbincn auf den Index setzen, und sie stritten hierüber so lange, bis sie sich entschlossen, beide Bücher zu kanonisieren. Das Buch Koheletfi soll einzig der Vers 13 im letzten Kapitel vor dem Untergang gerettet haben. Ein heftiger Streit entbrannte unter den jüdischen Gelehrten des 13. Jahr־ hunderts, als eine Synode von Tahnudisten die .philosophisehen Werke des Maimonides verbieten wollte. Schließlich Hlr€rt1-Ppf7f» aucl< Taaenfzlenstr.4 UU9UI IvIbv Reparaturen t e ו e 1 ob : 24 •2 M kam man überein, daß mau diese Werke erst nach dem dreißigsten Lebensjahr studieren dürfe. Ein direktes Verbot der Bücher Spinozas ist nicht vorhanden; doch wirkte sich der Bannfluch gegen den Amsterdamer Philosophen dahin aus, daß auch seine Bücher nicht gelesen werden durften. Dagegen gibt es seltsamerweise ein direktes Verbot der Schritten von Mos« Mendelssohn; der berühmte Rabbi Mosche Sopher, genannt ״Chatham Sopher“, hat nämlich in seinem (gedruckt vorliegenden) Testament seinen Kindern verboten, die Schriften Mendelssohns zu lesen, und diese letztwillige Verfügung hat später das orthodoxe Judentum im Osten als bindend für ,,ganz Israel“ anerkannt. Die jüdisthe Frau und das jüdisdie Buch Ein Verhältnis zum jüdischen Buch hat die jüdische Frau schon in den ältesten Zeiten gehabt. Aber buchstab lieh mit dein jüdischen Buch in Berührung gekommen ist sie erst Ende des 13. Jahrhunderts. Um diese Zeit begegnen wir zum ersten Male jüdischen Abschreiberin־ nen. Paula dei Mansi in Rom hat in den Jahren 1238 bis 1203 zwei Quartbünde Bibelkommentare und das handschriftlich ebenfalls zwei Quart blinde umfassende Werk ״Halachoth“ des Rabbi Jesaja aus Trani sauber und fehlerfrei abgeschrioben (die Handschrift der Kommentare befindet sich in der Bibliothek des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau, die der Halachoth in Oxford). Sara Oppenheim, die Tochter des Prager Oberrabbiners David Oppenheim, schrieb auf Pergament und nach ritueller Vorschrift eigenhändig eine Estherrolle. Besonders tüchtige Arbeit bei der Herstellung des hebräischen Buches haben einige Jüdinnen am Setzkästen geleistet. Das in der ältesten hebräischen Druckerei gegen 1480 zum erstenmal erschienene Moralhuch ״Bechinoth OlünV* wurde von Estellina Konat,. der Gattin des Arztes und Druckereibesitzers Abraham Konat, gesetzt und gedruckkf Die hebräische Grammatik ״Siach Jizchak“ wurde 1627 in der Lcmbergschcn Offizin in Prag von Gütel Cohen gesetzt. Die in vielem gewandte Frau Czerna Meiseis in Krakau war in der 1631 von ihrem Vater errichteten Druckerei beschäftigt; viele hebräische Druckwerke, an denen sie mitarbeitete, zeugen von ihrer Sachkenntnis als Tvpographin. Jungfrau Gella, eine Tochter des Proselyten Moses ben Abraham, arbeitete einige Jahre als Setzerin in Halle an der Saale. Auf der letzten Seite eines 1710 erschienenen Gebetbuches findet sich ein von Gella verfaßtes Gedicht. Auch ihre Schwester Ella war Setzerin; sie hat in Frankfurt (Oder) bei dem Druck einer neuen Talmud-Ausgabe mitgearbeitet. Bei der Drucklegung des großen rabhinischcn Werkes ״Turim“ hat eine Jüdin aus Furth, namens Fiola, in der Setzarbeit gute Dienste geleistet. Berichtigung. Bei dem in der Nr. 70 veröffentlichten Bild ״Seefahrtsausbildung‘• v/ar irrtümlich ein falscher Photo vermerk angegeben. Das Bild stammt von Z. Kluger, Tel Awiw. Im vorigen Winter hat Frau Ch. Jaffe in Haifa die Mutter Dr. Weizmanns kennengelernt, sich mancherlei aus dem ereignisreichen und denkwürdigen Leben der jetzt Fünfundachtzigjährigen erzählen lassen and getreulich in jiddischer Sprache berichtet■ Aus diesen zwanglosen Erzählungen und Gesprächen, die für eine Weizmann-Biographie von Interesse sein werden, bringen wir einiges in deutscher Ucbersetzung. (Red.) Was für eine Frau sie ist Auf der Terrasse des Hauses in der Melchetf-Straße, das ihr Sohn ihr geschenkt hat, sitzt Frau Weizmann und strickt. Einige Gäste kommen, sie bietet Tee an, sie achtet auf den Samowar, sie sorgt dafür, daß jeder Zucker bekommt, und nennt jeden ״mein Kind“. Die Mutter, sagt eine ihrer Töchter, kann sich nicht an d-en Gedanken gewöhnen, daß wir schon erwachsen sind; wir haben selber schon Enkelkinder, aber für sie sind wir alle noch kleine Kinder. Mail sagt ihr, sie solle doch ihre Augen schonen, und Mutter Weizmann antwortet: ״Mögen meine Feinde müßig sitzen! Ich bin sowieso schon kein Mensch, es fällt mir schon schwer zu gehen, was zu tun, aber ohne das würde ich doch gar verfaulen. Ich stricke einen Schal für mein Chanele in Rechowoth. Es wird doch Winter!“ Man spricht von der Augenoperation, die ihr bevorsteht, und als die andern Qäste fort sind, sagt sie mir: ״Ich will sehen. Ich will jeden ansehen. Gott wird Kräfte geben. Mein ganzes Leben lang wußte ich nichts von einem Arzt. Aber ich will sehen. Nun ja, das Beten geht schon von allein und die Handarbeit auch. Aber ich will die Welt sehen. Eine schöne Welt, und es lohnt sich, sie anzugucken.“ Wirklich eine schöne Welt? Gefällt sie Ihnen nach fünfundachtzig Jahren immer noch? ״Ja, mein Kind, schön ist die Welt. Mir, gelobt sei Gott, war’s allemal wohl und fröhlich, obwohl cs oft genug schwere Zeiten gab. Wahrhaftig, früher war’s eine schönere Welt, früher war eine Familie wie ein Wald mit Bäumen. Heute ist es etwas wie eine Fabrik geworden. In Motyli war’s so ein schönes Leben: Juden wuchsen auf, gingen beten, lernten, zahlten Schulgeld, hüteten Schabbath und Feiertag. Heute — ich weiß selber nicht, wie ich das nennen soll: irgendwas wie ein großes Rad dreht sich, und die Menschen bleiben schließlieh und endlich Narren. Nur — mir ist gut, ohne bösen Blick. Ich habe mich mit einer Menge Freude versehen.“ Weiß Ihr Sohn Chajim von der Operation? ״Was heißt, ob mein Chaimenju weiß? Er weiß alles von mir. Die Kinder haben ihm geschrieben. Und er hat geantwartet: Gott wird helfen. Una wenn er, so Gott will, kommt, wird er mich schon gesund finden. Er kommt doch immer zuerst zu mir vom Schiff. Ich stehe im Erker und warte auf ihn. Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll, und sehe ihn an. Er nimmt mich um und küßt mich und fragt jedes Mal: Mamele, fehlt dir etwas, willst du etwas? Die erste Nacht bleibt er immer hier hei mir. Weder ich kann schlafen, noch schläft er. Dann kommt er zu mir herein und setzt sich an mein Bett, und wir reden. Er hat es gern, von Motyli zu reden, von damals. Er fragt mich über die Kinder aus, nach allem und jedem. Manchmal sieht er sehr müde aus. Er hat eine solche Last auf sich. Möge ihm Gott Kraft geben. Ich erzähle ihtn niemals etwas Schlechtes. Ich will ihm nicht noch Sorgen aufladen. Er hat doch genug. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht, aber ich spüre die Last.“- Wie und wo der Großvater die Großmutter nahm Bei Frau Weizmann heißt Mortyli, ihr Geburtsort, Klein- Paris, und sie erzählt mit dem gleichen Stolz davon wie die Warschauer oder Budapester von ihrem Klein-Paris. Sie kam da 1853 zur Welt als das jüngste der zwölf Kinder R. Jechiel Michel Tschemerinskis, der Arendar war: ״Mein Vater hat eine Welt gesehen, er war in Grodno und in Pinsk. Die Familie Tschemerinski war eine der angesehensten im Stadteben. Mein Vater gehörte zur Chewra Kadischa, er fuhr in die größeren Städte, den Raw und den Chasan und den Rebbe holen, und nahm die Chassidim in seinem Hause auf. Als meine Eltern heirateten, war er zwölf Jahre alt und die Mutter vier Jahre älter. Nach der Hochzeit begann er, Tefillin zu legen. Und ich entsinne mich noch meiner Großmutter, meiner Mutter Mutter. Sie war klein und wir nannten sic das kleine Großmütterchen. Als mein Chajim geboren wurde, wohnten wir noch alle zusammen in Vaters Haus. Dem kleinen Großmütterchen gefiel von all ihren Urenkeln Chajim am besten. Als man ihn zum BriUj trug, bedeckte sie sein Gesicht mit einem Tuch aus Angst vor einem bösen Blick. Und später rückte sie seine Wiege immer^zu sich heran und schlief neben ihm. Mehr als einmal sagte sie mir: ״Rachel, das ist kein Kind, das ist ein Engel, daß man ihn gar nicht zu wiegen braucht; guck nur sein lichtes Gesichtchen an.“ Eine schöne Welt war das, ein schönes Leben; möchten heute die gebildeten Leute so rechtschaffen und schön leben! — In Motyli gab es an sechshundert Juden, und das ganze Leben drehte sich um die Wälder, für die der Pinsker Rayon berühmt war. Es wurden Bäume gefällt, zersägt, in den langen Wintermonaten zu Flößen verbunden und nach Peßach, nach der Schneeschmeize fuhr man auf den Flößen die Ströme hinunter bis Danzig. Die Holzhändler waren Juden aus der Gegend von Pinsk, und Motyli, sechs Meilen von Pinsk, kannte kein anderes Geschäft. Im Nachbarhaus wuchs ein Neffe Oser auf, aus dem armen Städtchen Sernik, der beim Raw in Motyli lernen sollte. Ich war damals schon elf Jahre alt und er dreizehn. Ich war ausgelassen, und er schämte sich dafür und sehlug die Augen nieder. Und als ob mir mein Herz gesagt hätte, daß er meiner sein wird — immer wenn mein Auge auf sein blasses Gesicht fiel, bekam ich Lust, ihm etwas zu schenken.“ Eines schönen Tages erfuhr die kleine Rachel-Lea, daß ein Schadchen ins Bethaus gekommen sei, Oser abgehört, und daß der Junge ihm sehr gefallen habe, so daß der Schadchen mit dem Onkel Schmuel-Itsche ernsthaft zu verhandeln anfing, eine Partie für den Neffen, eine goldene Partie aus Janowa. ״Für mich hatte man auch schon angefangen, Partien auszusuchen, und da ich erschrak, man würde mir Oser wegnehmen, sagte ich meinem Vater: Jag alle Schadchanim fort, ich habe schon einen Bräutigam. Der Vater sah mich än, und ich sagte: Ja, Vater, Oser ist mein Bräutigam, und wenn du nicht willst, daß ich sitzen bleibe, lauf zu Schmuel-Itsche und mach die Partie.“ Woher wußten Sic, daß Oser auch wollte? ״Was heißt da, gerade hat er mich gewollt. Und mein Vater sagte; Wenn du Oser willst, so soll es Oser sein, in einer guten Stunde.“ Bis zur Hochzeit (1367) vergingen noch anderthalb Jahre. Die Braut durfte den Bräutigam in dieser Zeit eigentlich nicht sehen, aber da er es bei seinem Onkel nicht so gut hätte, setzte sie durch, daß ihr Vater ihn ins Haus nahm, und manchmal glückte es ihr, ihm einen Teller mit Früchten durchs Fenster zu reichen oder sein Zimmer aufzuräumen, und einmal hörte sie ihn hinter der Tür mit einem Gaste Tora lernen und kluge Antworten geben, da konnte sie sich nicht enthalten einzutreten und zum Essen zu rufen, obwohl sie den Tisch noch nicht einmal gedeckt hatte. ״Mein Vater brachte mir Stoff zum Hochzeitskleid aus Pinsk und meiner Schwester vom gleichen Stoff. Da machte ich Krach: Soli die Braut das gleiche Kleid tragen wie eine Verwandte?! Der Vater spannte das Pferd an, fuhr nach Pinsk und brachte mir neuen Stoff: weißen Kaschmir mit Lilienstreifen. ־.־ *:—־״ ׳ Zwei lange, Schwärze Zöpfö wurden thir abgeschoren/und meine Freundinnen standen herum und weinten. •Mein Vater kaufte sieben Pud (ca. 115 kg) Hechte ans einem Eisloch, daraus wurde Marinade gemacht, und sieben Pud andre Fische, von den Hühnern und dem Gebäck־ zu schWergtaiDDte Verwandten kamen in neuen Kleidern mit kleinen Kissen um die Taille, und die Schleppen schleiften durch die Motylier Pfützen, die Pinsker Großstädterinnen trugen Pasterken (hohe Tschapkas) auf dem Kopf und hohe Schuhe bis oben geschnürt, die Mädchen die Zöpfe um den Kopf gelegt und «ineh Kamm mit Zierat mitten darin. Die Hochzeit dauerte eine Woche. Ueberali her kamen Verwandte und Bekannte, Bürgersleute und arme Leute und Christen. Und mein Vater brachte die beiden berühmten Pinsker Badchanim, Idel den Schwarzen und Idel den Gelben, und die Pinsker Musikanten. Die Kapelle verdiente bei der Hochzeit an hundert Rubel, die armen Leute aßen königlich, die Braut tanzte mit jedem Armen, und dann kamen die moderneu Tänze, Walzer, Polonnaise. Und immer noch hatte ich mit Oser nicht gesprochen. Erst nach der Trauung führte man uns in ein besonderes Zimmer, wir setzten usns auf eine Bank, und mein Mann sagte zu mir: Masel towz dir, Rachel. Und ich antwortete: Masel tow dir, Oser. in Tel Awiw. Und dann war er wieder genesen — Hiifspoli- 2ist geworden. Freilich erlebte man da allerlei Neues, kaum Geahntes. Aber das waren Einzelheiten. In keinem zionistisehen Schulungskurs hatte Manfred etwa gelernt, wie man mit einem englischen Korporal timzugehen hatte. Der Dienst brachte es mit sich, daß Manfred Leven in der Nähe der Nissan Back-Synagoge stationiert wurde. Und von diesem Tage an geriet sein Bild Erez Jisraels, sein Bild der Welt ins Wanken, Geradezu spurlos war das zwanzigste Jahrhundert an den wuchtigen Steinquadern dieser Stadt versprüht. Ja, eine Stadt für sich, losgelöst von dem modernen Jerusalem und seinen Villenvororten war dieses Quartier, das sich iny Schatten des großartigen Heiligtums der Ömar-Moschee erhob. Insel im Meer der Zeiten — und auf ihr Wächter des Ungekannten: Manfred Leven, ein Junge aus Berlin, und ganz und durchaus Kind dieser Zeit. Allmählich spürte er doch, daß dieses Stück Mittelalter, das hier — keineswegs museal — lebte, gespeist wurde aus ihm verborgenen Kräften, aus den längst verschütteten Urschichten der Seele Israels. Freilich diese bleichen, müden Ghettojuden (״wie ausgewachsene Winterkartoffeln“ vermerkte Manfred Leven für sich angesichts einiger Talmudjünger von ungesunder Blässe) waren von den kriegerischen Ffebräern der Wüstenzeit ebenso weit entfernt wie er, Manfred Leven, selbst. Und dennoch waren sie Träger ältester Ueberlieferungen, die zurückreichen mochten bis in jene örtage des Bibel- Volkes, da der Elohim Zebaoth noch Angesicht zu Angesicht sich mit seinem Volke unterredete. — Da waren etwa die geheimnisvollen Kabbalisten, die am Schabbath in weißen Gewändern bereits bei Sonnenaufgang sich in unterirdischen Synagogen versammelten und in strenger Abgeschiedenheit den heiligen Tag begingen mit Beschwörungen des verhörgenen Namens und mystischen Hebungen, welche die Seele aufsteigen ließen zur ekstatischen Schau höherer Welten. Da waren die tanz- und trinkfrohen Chassidim, die den Reigen schlangen, wenn der Schabbath von der Welt wich, una ihn Singend in dem magischen Kreis ihrer tanzenden Brüderschaft gefangen hielten, den lieben Gast, über Gebühr und Dauer. Und da waren schließlich die Karäer. Auf wunderliche Weise war er mit ihnen in Berührung gekommen. — Steht er da eines strahlenden Junimorgens an der Ecke der Judengasse, das Gewehr bei Fuß und noch ein wenig schlaftrunken — (es ist kaum sechs Uhr), da kommt ein flink« schwarzes Mädel die Straße dahier und — was hei der Enge der Altstadtgassen kein Wunder ist — im Ueberhoien streift das Mädel ein wenig an einen dösig daherzockelnden alten Juden. Und nun ereignete sich etwas, das Manfred zunächst gänzlich unverständlich blieb. Der Alte begann Zeter und Mordio zu schreien und auf das verschüchtert blickende Mädchen loszukeifen, als habe sie ihm geradezu Körperverletzungen verursacht. Schließlich wurde es Manfred zu bunt. Das Gefühl der Ritterlichkeit trug den Sieg über seine dienstliehen Bedenken davon (er hatte die Juden ja nur vor den Arabern zu schützen, interne Händel gingen ihn nichts an) und entschlossen trat er auf den wild Gestikulierenden zu. Was ihm denn einfalle, fragte Manfred, ein junges Mädchen so ungeheuerlich zu beschimpfen, nur weil es ihn am Aermei versehentlich gestreift habe. Das sei doch kein Kapitalverbrechen und nient der Rede wert. ״Aber sie ist doch eine von jenen“, sagte der Mann und deutete, verächtlich mit dem Daumen über die Schulter weisend, auf einen verschlössenen Hof am Ende der Straße, Manfred verstand nicht recht, ״Eine von jenen?“ Das war doch ausgeschlossen. So brav und anständig und am frühen Morgen rosig ausgeseWafen konnte ein Mädchen zweifelhafter Natur kaum aussenauen. ״Was heißt hier — eine von jenen?“ setzte er sein dienstlich-undienstliches Verhör fort, ״Nun, von den Karaim“, und als könnte das Wort allein schon den M׳׳nd verunreinigen, spie der Mann in weitem Bogen hinter sich. ״Karaim?“ — Manfred hatte nicht den Schimmer einer Ahnung, was das sein könnte. — ״Karaim?“, sagte er schließlich unsicher und damit höflicher werdend, ״könnten Sie mir vielleicht erklären, was das ist, Kara-“. Fassungslos starrte ihn der Bärtige an. ״Ihr wißt nicht, was das ist?“ ״Nein“, ich weiß wirklich nicht....“ ״Nun Karaim“, entschied sich der Gefragte, ״Karaim, das sind, nun, das sind Minim“. Kopfschüttelnd bezog Manfred wieder seinen Standort. Auch eine Antwort, ln ihrer mehr verhüllenden als klärenden Art sogar eine typische Antwort, typisch für das Unvermögen des ganz in seiner Tradition wurze'nden Juden, der einfach nicht fassen konnte, daß es Menschen gab, Juden zumal, denen seine Weit und ihre Ausdrucksweise fremd war. Manfred war dieses Unvermögen, sich mitteilen zu können, nicht mehr neu. Er stellte daher bei den ״Eingeborenen“ keine weiteren Forschungsversuche mehr an, nur seinen Kameraden Joachim fragte er, denn losch im — im Hauptberuf Student der Hebräischen Universität und nur nebenbei als Hilfspolizist tätig, — hatte die Gabe, auch die vertracktesten Dinge in anschaulicher Weise auseinanderzusetzen. Aber hier versagte selbst Joachim: ״Nein, das ist was für Theologen“, meinte er, ״ein schlichter Naturwissenschaftler wie ich kann hier leider nicht dienen!“ Aber die Sache ließ Manfred nicht ruhen. An einem dienstfreien Nachmittag betrat er, ein wenig zögernd, die große Buchhandlung für Judaica, die in einem dunklen Gewölbe in einer Seitengasse der Jaffastraße lag. Aus Büchergründen kam ein Herr mit einem Käppchen Manfred entgegen. Ob es Literatur über Minim und Karaim gäbe? Der Buchhändler konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Ganze Fachbibliotheken gäbe es über dieses Thema, vernahm Manfred nicht ohne Bestürzung, denn plötzlich fühlte er sich irgendwie verpflichtet, sich durch diese Fachbibliotheken in iahrelangern, mühseligen Studium hindurchzuarbeiten, aber dann erstand er schließlich doch nur eine Broschüre, einen Sonderdruck aus einer gelehrten Zeitschrift, der, nach den Angaben des kundigen Verkäufers, alles für den Laien Wissenswerte zu diesem Thema enthielt. Welche versunkene Weit tat sich vor dem Lesenden auf. Anan Ben David, der um das achte Jahrhundert zu Babylon gegen die Hochschulen der Talmudisten wetterte, der Gaon Saadja, der den Lehren Anans mit der Schärfe des rabbinisehen Geistes entgegentrat, schauerliche Bannflüche tobten Manfred entgegen ... eine Welt des Religionshasses, unverstündlich für Manfred Leven. Versunkenes Mittelalter? Und doch war er selbst an diesem Morgen Zeuge eines Vorganges geworden, der demselben dunklen Bruderhasse entsprang wie die Bannflüche längst versunkener Geschlechter. Manfred bemerkte nicht, daß das kleine Caf6, in dem er lesend saß, sich leerte und wieder füllte, daß Gaste kamen und gingen, daß eine ältere Dame an seinem Tische Platz nahm una sich bei der Kellnerin über den nicht genügend heißen Kaffee beschwerte. Er las, las. Die Kämpfe des Glaubens gewannen für ihn eine niemals geahnte Aktualität. Jetzt erst meinte er etwas zu spüren von der unterirdischen Strömung dieser ewig verschlossenen, in ihrer Heiligkeit unnahbaren Stadt Jerusalem. Und immer wieder schimmerten ihm zwischen den Zeilen der Schrift die Züge des ״Karaim-und-Minim- Mädchens“ hindurch. Minim? Minäer, Sektierer waren also diese Karäer. Nun gut. Anderswo auf der Welt gab es auch Sektierer. Hier aber, auf dieser Insel im Meer der Zeit, brannte noch ungelöscht der Haß der Rechtgläubigen gegen die Häretiker. Der versöhnlich-milde Hauch der Aufklärung, die von dem fragendunklen Antlitz aller Religion den Schleier hob, hatte hier noch nicht geweht. Und deshalb konnte es geschehen, daß ein hübsches junges Mädchen .... (Schluß folgt)

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