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Jüdische Rundschau · 1938-10-07 · Heft 80-81 (7.10.1938) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 80-81 (7.10.1938)
Date
1938-10-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 iqpigCHE RUNDSCHAU Nr. 80/81, 7. X. 1938 englischen Regierung von der ganzen öffentlich?« Meinung Englands eben als eine glückliche Verbindung von Reaiitatssinn uad Geltth! verstanden und gebilligt wird, Daß In den Augen der verantwortlichen britischen Staatsmänner das britisch« Intercsse bei den Kräften, denen?, B. Mr. A nd r® w s?um Opfer gefallen ist, besser aufgehoben sei als bei der jüdischen Kalaliisationsbew-egung, können wir nicht glauben. Das Bekenntnis Englands zu seinen humanitären Verpflichtungen gegenüber der Judenfrage haben wir in seiner Echtheit bisner nicht in Zweifel gezogen. Wir glauben nach immer, daß auch dieses Bekenntnis für das ganze England abgegeben wurde. Es hat gewiß schon in den Jahren der Baliour-Deklaratian und des Mandats die Entscheidungen in gewichtiger Weise imtbeatimmt. Wenn aber die Bereit- Willigkeit, ״alles zu tun, was getan werden könne, tun den Juden in ihren gegenwärtigen Schwierigkeiten zu helfe«״, irgendwann sich praktisch zeigen soll, dann freilich ist heute die Stunde dazu gekommen. Mag es Zeiten gegeben haben, in denen man — vielleicht — der Meinung sein konnte, die jüdische Siedlung in Palästina brauche wesentlich nur das Bedürfnis eines zerstreuten Volkes nach unbeeinträchtigter Darstellung »einer Eigenart, nach einem geistigen Zentrum, zu erfüllen: heule kann uns weniger denn je eine kulturelle Heimstätte genügen. Wenn irgendwann, dann ist heute die Zeit gekommen, in der Palästina einem Bedürfnis von Massen entsprechen muß, die nach Einwanderung und An- Siedlung hungern. Und wenn irgend etwas die tietverwurzelte Palästina-Tendenz dieser Massen neu bestärken muß, dann ist es die zögernde Haltung der auf der Konferenz von Evian vertretenen Mächte, der jüdischen Wanderungsnot in Ucbersee in großzügiger Weise zu steuern. Es ist in englischen Presseäußerungen sehr viel davon die Rede, daß man in Palästina den Zionismus nicht mit Gewalt verwirklichen, daß man nicht gegen den Willen der «rabischeu Bevölkerung regieren könne. Ist die ״Regierung der Nächte", die ihren Willen der friedliebenden arabischen Bevölkcrmig aul/wingt, ohne vor irgendeiner Gewalttat zurückztischreckcn, auf deren Konto die Erschießung zahlreicher arabischer (iemcimlevorsteher kommt, etwa eine Regierung, die sich der ״Z 11 s t i m in 11 11 g der Regierten“ erfreut? Wie es scheint, wird versucht, die jetzt erwartete Ent- Scheidung 1kr Paiushna-Polilik durch Vorschläge zu bee nflnsscn, die der Außenminister des Irak in London zu»r Sprache gebracht hat.!Man weist darauf hin, daß diese Anteilnahme arabischer Staaten an dem Geschick Palästinas mclit unerlaubter sei als die gleicht■ Anteilnahme, die die Judeiilicit der Vielt dem Umlc widmet. Diese Parallele ist trügerisch. Die rechtliche Position, die gemäß dem Mandat du■ Jcwish Agency für Palestine als Tieuhanderin des gesamtjüdischen Interesses an der Nationalen Heimstätte in Palästina eirirnmmt, ist nicht auf den Gedanken einer symbolischen Solidarität des Judentums lur Palästina allein begründet. Sie gründet sich vielmehr auf die Anerkenntnis der Tatsache, daß es in der Welt eine J 11 d e n ri o t gibt, die durch Aufnahme von Ei «wanderen! zu mildern eben da* Nationalheitn geschaffen und berufen ist. Es gibt Reine Arabernot auf der Welt. Es gibt kein arabisches Volk, das, unter alle Völker /erstreut, überall als Minderheit lebt, aus dein Leivensbereich großer Völker aungegliedert wird und zurti Wanderstabe S־eilen muß, um endlich in Palästina zur Hube zu kommen. as arabische Volk lebt vielmehr in allen Ländern südlich und östlich um das Mitteltneer als Mehrheit; es hat in Wegen der kommenden Feiertag« erscheinen die nächsten Ausgeben 82/83 am Freitag, dem 14. Oki 84 am Freitag, dem 21• Okt. Fomilien-Nachrichten nehmen wir bis «um Tage vor Erscheinen gegen Mittag entgegen mehreren dieser Länder bereits die!Souveränität errungen, und es muß aus keinem Lande auswaudern, in dem die Staatshoheit von europäischen Mächten ausgeübt wird. Die symbolische Solidarität des AraberUims mit seinen Stammesgenossen in Palästina äußert sieh übrigens in den einzelnen arabischen Landern in ganz verschiedener Stärke; bei der Regelung der Trage des Sandscliaks von Alexandrette ist noch nicht einmal auch nur eine symbolische Acußerung laut geworden. Die krage der mohammedanischen Heiligen Statten in Palästina, hinsichtlich derer van jüdischer Seite oft genug alle erdenklichen Zusicherungen gegeb•י ׳ worden sind, kann die Beteiligung arabischer Staaten an der Testlogung der neuen Lime Englands in keiner We.se rechtfertigen. Was mit der Balfour-Deklaration einmal gemeint war, ist nicht umstritten. Wäre sie vor 2! Jahren nicht erteilt worden — heizte müßte sie gegeben werden. Die ganze Welt hat ein Interesse daran, daß die Judenfrage beseitigt wird. Zwanzig Jahre haben wir in Palästina gearbeitet; mit unserer Hunde Schöpfung haben wir den Rechtstitel, der uns gewahrt wurde, mit Leben erfüllt, wie nur je ein Hechtstitel durch lebendige Leistung unterhaut worden ist. Er muß uns bleiben, utm-rkümmert, unverkrüppelt; seine Funktion ist nach nicht erfüllt, und was in zwanzig Jahren getan wurde, muß weiter wachten können, W. G. Fahrt nach Columbien Buenaventura, im September Auf dem chilenischen Dampfer ״Aconcagua“, der von Hamburg über Columbien nach Chile fährt, gibt es rund 100 Reisende, von denen schätzungsweise 70 Juden sind. Untersucht man, wohin die jüdischen Fahrgäste reisen, dann stellt sich heraus, daß die Mehrzahl der Passagiere aus der ersten Klasse bis Chile fährt, während die meisten jiidischeu Reisenden der Touristenklasse jn Columbien aussteigen. Auch dies ist wanderungsgeschichtlich sehr interessant. Die Passagiere der ersten Klasse sind nämlich fast durchweg ältere Menschen, die von ihren Kindern in Chile »ngefardert werde«, während die Reisenden in dw Touristen׳ klasse durchschnittlich jünger sind und deshalb keine Einreise nach Chile' bekommen konnten, weil sie niemand anfordern kann. Wie sehr die jüdische Wanderung heute einerseits Familien-wpnderung, andererseits Zufallswanderung ist, eriebt man sinnfällig gerade auf dieser Fahrt, \X'as für Menschen hat der Zufall auf diesem Schiff zusammengewürfelt? Da ist neben dem Hamburger Exportcur, der nun nach Columbien gebt, um sich eine neue Existenz aufzuhaiien upd der dafür alle sprachlichen und wirt- «ehaftlichen Voraussetzungen mitbringt) der frühere Bäcker aus Berlin oder der ehemalige Cafehausbesitzer aus dem Rheinland, die vom Spanischen keine Atmung haben und auch — Preiswerte Silberwarm —י q/? Sbse/l7S$p&. Gold- und Silberschmiedc BERLIN W 8, Unter den Linden 65 (Hotel Bristol) ANKAUF G- B. II 48658 finanziell nicht gerade ideal ausgerüstet sind. Neben einigen Handwerkern und einem Landwirt fällten allere Katifletife herüber, für die die Umstellung voraussichtlich besonders schwierig sein wird. Auch einige Umsehiehtler sehen mit Spannung dem neuen Land entgegen, das ihnen eine Heimat werden soll. So bietet sich ein Mikrokosmos jüdischen Lebens auf diesem Schiffe dar. Alle diese Menschen haben im Gründe das gleiche Schicksal und den gleichen Weg. Ueber die Einförmigkeit der mehrwöchigen Seefahrt hilft man sich hinweg mit Boriispielcu, mehr oder minder gehaltvollen Gesprächen und mit — Spanischlernen. Es gibt eine kleine Anzahl unter den Passagieren, die sich bereits vorher ein wenig mit der Sprache vertraut gemacht haben; die meisten hielten es nicht für nötig oder hatten keine Zeit. So versuchten die Fortgeschrittenen, die anderen zu Arbcitsgemeinsehaften zusammenjufasse«; aber es stellte sich bald heraus, daß die Reize der Fahrt zu groß sind und daß es viele Ausreden — von der Seekrankheit bis zum Skatspiel — gibt, um sich von der Teilnahme am Unterricht zu drücken. Man hat immer irgendeinen Vetter zur Hand, der auch einmal in ein fremdes Land ohne Sprachkenntnisse gegangen ist und es dennoch weit gebracht hat. Das Fazit: die Träg״- heit siegt über die bessere Einsicht. Dennoch muß andererseit* gesagt werden, daß einzelne ganz einfache Menschen ohne Sprachkenntnisse sich große Mühe geben, um nun wenigstens die Anfangsgründe zu erlernen. Viele Gespräche werden im Laufe eines Tages geführt. Zieht man einen Querschnitt durch das Gehörte und Gesprpeheoe, so muß man feststellen, daß die jüdische Ges i n n u n g im allgemeinen nicht sehr tief geht, daß die Menschen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, uin auch einmal über ihr individuelles Schicksal hinaussehen?11 können. Man hat bei vielen die Empfindung, daß sie nur auf den Augenblick warten, wo sie nicht mehr daran erinnert werden, daß sie Juden sind. Zu einem Freitagabend-Gottesdienst war nur mit Mühe ein Minian zusammenzubekommen — auch dies ist ein Zeichen für die Indifferenz, mit der wir es zu tun haben. Aber um nicht ungerecht zu *ein, muß doch hervorgehoben werden, daß alle diese Auswanderer mit Wagemut und Vertrauen an den Aufbau ihres neuen Lebens gehen. Sie klagen nicht, sondern sie nehmen den Kampf auf. Und es ist vielleicht mehr als symbolisch, wenn der columbianische Eingangshafen Buenaventura heißt, was man zweifach lesen kann: huena Ventura (viel Glück) oder buen *Ventura (aut Abenteuer). In A r u b a macht das Schiff zürn erstenmal Station, um Ocl eirmmehmen. Kaum einer der Passagiere hat je von dieser Insel gehört, die eine der vielen Venezuela vor- Sgertcn In *ein ist und unter holländischer Herrschaft steht. eit man Ni dem kurzen Aufenthalt feststellen konnte, ist es ein ziemlich ödes Gebilde, das jedoch durch seine Oelnueilen von Bedeutung ist und vielen Menschen Arbeit gibt. Beim Gang durch die Stadt, die mit elenden Negerlehmhütten anfängt und mit hübschen europäischen Villen endet, stellt man mit Leichtigkeit fest, daß es hier Juden gibt. Geht man dieser Tatsache näher nach, dann stellt sich heraus, daß es etwa 30 jüdische Familien gißt, und zwar in der Hauptsache aus Polen, Rumänien und der Bukowina. Um et? allen — zum Teil sind sie schon zehn Jahre dort — geht es gut, urnj sie erweisen sich uns gegenüber von großer Freundlichkeif. Bia vor wenigen Jahren — SO wird uns erzählt . war die Einwanderung nach Aruba völlig frei; jetzt jedoch läßt dl# Wländl^he Regierung niemanden mehr hinein, ofewphl man nach Zusammenfassung aller Eindrücke zu der Ansicht kommen kä«n, daß für eine gewisse Anzahl von Menschen hier noch Platz sein dürfte. Die modernen Kaufhäuser und Cafehäuser der Juden in Aruba stehen dem europäischen Stil nicht nach, und man hat tu manchen Straßen gar nicht de« Eindtuek, in einer KoioniaLtadf 1u sein. Pas Leben pulsiert kräftig, denn in den?wei Häfen der Insel gibt es «inen starken Dampterverkehr, v«r allem mit Venezuela, aber aueh m׳t entfernteren Ländern. Von der Unruhe der Welt merkt man hier nichts, Die Fahrt durch den Panama*Katul gehört mit m den stärksten Erlebnissen dieser Reise. Früh tun 5 Uhr er* wacht man vom Gerassel der fallenden Ankerketten: Colon ist erreicht. Die Hoffnung, aussteigen zu können, geht leider nicht in Erfüllung. Schon gegen 8 Uhr geht die Fahrt weiter, und bald schleppen uns Je drei Zahnradlokomotiven in die erste Schleuse hinein, die d®r große Dampfer in erstaunlich rascher Zeit durchquert. Die Fahrt durch den Kanal, erinnert an vielen Stellen an eine Rheinfahrt. Von ferne sieht man die Spitzen der Cordilleren; die dichten Wälder, die den Kqpal säumen, sind die Reste des Urwaldes, dem man die*#! graßüiose Werk der Technik einst abgerimgcn hat. Zuweilen winken au* komfortablen Pfahlbauten Amerikaner den Passagieren des Schiffes zu, und man bedauert dann um so mehr, daß es nicht möglich war, mit den Mensch«! hier einmal Fühlung zu nehmen. Sicher hätte man «uch in upipn manches von jüdischem Gesichtspunkt aus Interessierende teststellen können. Das Wetter ist angenehm kühl im Vergleich zu der tropischen Hitze, die uns seit d«m 20, Breitengrad begleitete; allerdings mrissen wir zum Ausgleich eine dichte Kolkendecke, Strichregen und verschwommene Konturen hinneh* men. Das Schauspiel der Durchschleusupg wiederholt sich fünfmal; da«« schließlich schwimmt das Schiff langsam und majestätisch durch die schmale Meerenge bei Panama, und der Pazifische Ozean Hegt in majestätischer Größe und Stille vor uns. f)ie amerikanische Bergkette bietet sich uns in machtvoller Fülle dar, aus den Tälern steigen die Nebel, und der Kondor schwebt in elegantem Segelflug dahin. So fahren wir dem neuen Leben entgegen• Noch ein Tag, und das behagliche Schiffsleben ist zu Ende. Die Spannung steigt merklich, ein jeder blickt auf das Koiptuende, das $a unheimlich ist, weil man sich von ihm keine Vorstellung machen kann, So viele Menschen, so viele Wünsche. Aber uns alle einf das gleiche Schicksal: d|e Sache des Judentums, Gerhardt Neumann Dm Isoadon««׳ Evtaa«KlQ1Btite# 4 Senator B6rfng*|•!ordert «««« AMIvlIät Senator Beenge r, der Vizevorsitzende des Intergau* vernementalen Komitees, das in Evian gebildet wurde, hft an dyn französischen Außenminister Bonnet einen Briet gerichtet, in dem er die Forderung aufstelit! daß das Intergouvernementale Komitee ungesäumt eine Aktion unternimmt, um das Problem der Emigranten zu lösen. Er hat den Präsidenten de* Komitees, Lord Winterton, auf* gefordert, die Aktivität der im Komitee verewigten Regiergn* gen in dieser Frage zusammenzufassen. Sel1w9i*evi«cl1tr Vvauittswtiag für mehtarisebt Aunwanderer Nach einem Beschluß des Bundesrats wird der Grenz- Übertritt aus Deutschland nach der Schweiz nur denjenigen nichtarischen Auswanderern aus Deutschland gestattet werden, die außer mit einem Paß apch mit einer besonderen Einreisebewilligung durch e «es der schwelzcrischen Konsulate i״ Deutschland versehen sind. Der Visumzwang für einreisende OÖsterreicher besteht nach wie vor. Die gleichen Bestimmungen gelten auch für die Einreise aus Italien und Frankreich nach der Schweiz. Weiter wird erneut hervorgehaßen, daß die Schweiz nur ein Durchgangsland für die Emigranten sein könne und daß diese sich jeder Erwerbstätigkeit zu enthältei! hätte«. In Kanada wird aus jüdischen und niehtjüdiiehen Per- Ähnlichkeiten ein Komitee für Emigrantenhilfe gebildet werden. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Robert W 0 1 t s c h. Berlia-Charl. 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Wildern) (zur Zeit verreist). Verantwortlicher Redakteur I. V.: Kurt Lot »e nrtein, Berlin YV 15. Arucigenleüer und verantwortlich für de« Inhalt der Anzeigen: Erich I. i e 1) m a n n. Berlin W 16. Gültig Anzeigen• Preisliste 5 vom 1. April 1986. Verla״ und Ameigenverwalturig: Jüdische Rundschau. Berlin \V IS, Meinekesir. 10. IXA, IIT183S: 25313. — llrurk: Mas Lichtwitz (vormals ,Druckereibetriebe Max Lichtwitz und Siegfried ßcholem), Berlin SW 68.

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