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Jüdische Rundschau · 1938-10-04 · Heft 79 (4.10.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 79 (4.10.1938)
Date
1938-10-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 79, 4. OKTOBER 1938 Tage der Erwartung Von unserem palästinensischen Korrespondenten. gl. Tel A w i w, 28. September 1938 Aeußcrlich geht das private und öffentliche Leben in Palästina in seinen gewohnten Bahnen weiter. Die ersten Fniliregen haben in die gewohnte Spätsommerhitze eine angenehme und kühlende Zäsur gebracht. InTeiAwiw machte die Masse wie immer ihre umfangreichen Vorbereitungen für die Feiertage. Am Strand drängen sieh die Badenden. Die Oeschritte sind voller als gewöhnlich, halb wegen der Feiertage, halb wegen Einkäufen für die Regenzeit, die hier und da schon beginnen. Im Hafen von Tel Awiw mehren sich die Schiffe, beginnen die Vorbereitungen für den Transport der Orangenernte. Tag für Tag berichten die offiziellen Comtnunlques der Regierung über Üebcrfa'le, Brandstiftungen, Kampf zwischen Truppen und Terroristen — kurz, es hat sich anscheinend äußerlich im Leben Palästinas nichts geändert. Aber unter dieser normalen — nach Unruhebegriffen normaler — Oberfläche pulst die atemlose Spannung, die l ausende und Tausende mehrmals täglich um die Radioappa-ufe sammelt. Mit angehaitenem Atem verfolgt jeder Einzelne die Entwicklung der Dinge in Europa. Die Zeitungen weiden den Verkäufern aus den Händen gerissen, drei, vier drängen sich zu gleicher Zeit um das ausgebreitete, noch druckfeuelite Blatt. Alle wissen, daß dieses Land, in dem der Klang der Schüsse seit Jahren selbstverständlich geworden ist, keine der modernen Verteidigungswaffen besitzt und kaum Vorsithismaßregeln für den Notfall getroffen hat. Palästina ist ein Importland großen Stils. Die Einwanderung hat cs mit sich gebracht, daß die Produktion mit der Konsumtion nicht Schrift halten konnte. Eine Anzahl wichtiger Nahrungsmittel kommt von außerhalb, teils aus den Nachbarländern, teils von Uebersee. Weder die Regierung noch die leitenden jüdischen Stellen haben genügende Vorsichtsmaßregeln für den Fall getroffen, daß die Verbindungen behindert werden. Unter dem Eindruck der Ereignisse in Europa haben sich die leitenden Institutionen stärker als früher mit der Frage der L c b c n s m i 11 c 1 v ersorgun g zu befassen b egonii en. Nicht deutlich ist, ob sich auch die Regierung, die in letzter Linie verantwortlich ist, näher mit diesem wichtigen Problem beschäftigt. Es ist bedeutsam, daß heute, am 28. September, im ״Haarez“ ein Artikel erscheint, der ein System der Lebensmittelversorgung auf der Grundlage privater Finanzierung entwickelt. Natürlich wenden sich die Blicke zu der Zeit zurück, als Palästina den Krieg 1914—18 zu bestehen hatte. Und hier zeigt sich in einem neuen Lichte die ungeheure Wandlung, die die letzten zwanzig Jahre mit der jüdischen Kolonisation in Palästina bedeutet haben. 1014 waren die Juden im Lande völlig auf Hilfe von außen angewiesen. Sie waren so gering au Zahl und wirtschaftlich so schwach, daß sie sich selbst überhaupt nicht helfen konnten. Auch heute ist das Land in wichtigen [•1unkten auf den Zufluß von draußen angewiesen, aber seine Produktionsmöglichkeitcn haben sich um ein vielfaches gesteigert. Es ist eine Wirtschaft entstanden, die stärker und stärker auf Eigenproduktion umgestellt werden kann, die bei entsprechender Behandlung fällig ist, einen steigenden Teil der eigenen Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Freilich, diese entsprechende Behandlung muß vorhanden sein, es ist notwendig, daß entsprechende Pläne bestehen und mit der nötigen Autorität und Vernunft durchgeführt werden. Unterdessen arbeitet der Terrorismus, unbeirrt durch Radiomeldungen, weiter. Er bringt es sogar fertig, in Ramie, einer Stadt mitten in der Ebene gelegen, von allen Seiten zugänglicli, einen englischen Sergeanten an seinem Arbeitstisch zu erschießen. Die Folge der fortgesetzten Terrorakte ist eine immer stärkere Verwendung der Juden bei der Polizei; ein immer kopfloseres Flüchten der arabischen Elemente, die mit den Extremisten aus irgendwelchen Gründen Konflikte haben; eine immer schärfere Verteidigung der jüdischen Positionen. Beth Jehoschua. Die von dem allgemein-zionistischen Kibbuz Akiba in der Scharon-Ebene begründete neue Siedlung, über die wir in N'r. 67 vom 23. August kurz berichteten, heißt B e 111 Jehoschua (nicht, wie irrtümlich angegeben, Kfar Jehoschua). Die neue Siedlung hat ihren Namen nach dein verstorbenen Krakauer Oberrabbiner Osias Thon. (Der Moscha w Kfar Jehoschua im E 111 e k J e s - reel heißt nach Josua kl a n k i 11.) Zur Frage des Lebensstandards In Nr. 63 der ״Jüdischen Rundschau״ vom 9. August wurde ein Beitrag van Ernst Kahn (Jerusalem), über eine der entscheidensten wirtschaftlichen Grundfragen unseres Lebens im Lande veröffentlicht, die Frage des Lebensstandards. Kahn kam zu dem Ergebnis, daß er zu hoch sei und wir ihn daher erheblich zu senken hätten. Mir erscheint die Fragestellung gefährlich, weil damit ein Probien! von neuem aufgerollt wird, daß für den Jischuw längst gelöst erschien: Sind wir konkurrenzfällig oder müssen wir unseren Lebensstandard herimterdrücken? In der Frage liegt nämlich die sehr unangenehme stillschweigende Antwort, daß die Möglichkeit unserer Konkurrenzfähigkeit von tu; •rin Lebcnss andard abhängt, d. h., daß wir mit der Senkung tut-ercr Ansprüche konkurrenzfähig werden müßten. Hier sind zwei sehr wichtige Dinge zu unterscheiden, auf die der Verfasser offensichtlich keinen Wert gelegt hat, aber dieser Unterschied ist entscheidend. Handelt es sich darum, im Auslande konkurrenzfähig zu sein, d. h. ist es möglich, durch Senkung unserer Ansprüche den Export zu vergrößern, oder geh1 e 1 darum, auf dem palästinensischen Markt den importierten (.intern bzw. den Arabern gegenüber konkurrcnzfiihig zu sein? Tatsächlich behandelt Ernt Kahn beide Fälle als ökonomisch gleichbedeutend und glaubt, daß wir durch Senkung der Produktionskosten beide Ziele erreichen könnten. Der im Artikel erwähnte Wirtschaftssachverständige David Ho ro witz hat schon im Jahre 1936 eine Broschüre unter dem Titel ״Aspects of Economic Policy in Palestine“ veröffentlicht» in der er noch für die Zeit der Hochkonjunktur naclmiweisen versuchte, daß die Herstellungskosten 7. B. in der Industrie verhältnismäßig keineswegs hoch sind und daher nicht einzusehen ist, wie der Forderung nach Senkung der Produktionskosten entsprochen werden könnte. Inzwischen sind bekanntlich im Laufe der Krise, die schon fast drei Jahre andauert, die Herstellungskosten in bezug auf die Lohne gcsenkt worden, so daß die von Horowitz damals dargelcgten Argumente heute um so mehr gelten. Es kann z. B. klargestellt und durch Statistiken bewiesen werden, daß eine Senkung der Realeinkommen nicht nur ungerechtfertigt erscheint, sondern soweit es die Arbeitslöhne betrifft, einen sehr geringen rechnerischen Einfluß auf die Industrie-Kalkulation haben würde, jedenfalls in keiner Weise die Imlustrieprodukte denen des Auslands gegenüber konkurrenzfähig machen würde. Wir sind heute durch den kürzlich veröffentlichten Industriezensus der Jewish Agency in der Lage, uns ein entsprechendes Bild zu verschaffen. Die Produktionskosten der verschiedenen industriellen Unternehmungen belaufen sich wie folgt: Aus#• 1937 Srr1:"־ *;! Holz 116 1207 600 657 5602 1 881 270 167 3f0 312 450 36 920 456 240 131 300 647 610 127 46) 24*?60 71 640 680 700 154 870 343 1 SO 80 510 459 870 129 600 698 980 62 650 836 070 12S 26׳) 125 950 29 870 219 380 85 •30 6 910 070 1 205 970 100% 17,4 0, 242 6*0 1 471 230 79 990 195 640 104 340 220 660 182 660 337 190 186 250 339 580 74 190!88 480 1.38 020 192 250 151 190 485 140 264 730 443 080 22,9 % ' 59,7 % 5602 Unternehmen, davon allerdings nur 1352 industrielle (ü. h. Unternehmen mit mehr als CP 10ÜU Kapital und mindestens EP 100J jährlichem Produktionswert), gaben im Jahre 1637 für die gesamten Herstellungskosten CP 6910 070 aus, davon für Materialkosten einschließlich Kraftverbrauch CP 4 US 710 oder 50,7״״, für Löhne dagegen nur CP 1 5S3 300 oder 22,6 0״. (Die CP 1 205070 oder 17,40״ für Gehalter und Tantiemen scheinen tatsächlich etwas hoch, sind aber wirklich zum großen Teil auf das Konto von Entnahmen der kleinen Handwerker zu buchen, die selbst Eigentümer sind bzw. auf Gewinn der Unternehmer selbst, die als Dircktoren Gehälter erhalten). Bei den verschiedenen Z w e i - gen sehen wir sehr verschiedene Zahlen. Während in der Nahrungsmittelindustrie von einer Gesamtausgabe von 1,$ Mil- Honen Pfund nur EP 400 000 auf Gehälter und Löhne entfallen (ähnlich in der Chemischen Industrie), ist bei der Hekleidungsindustrie ein umgekehrtes Verhältnis ersichtlich, da dort auf CP 220 000 Materialkosten CP 240 000 Löhne und Gehälter entfallen. Insgesamt aber ist klar, daß die Lohnkosten mit nur 23°f0 von keinem erheblichen Wert wären, wenn dadurch eine Senkung der Kosten herbeigeführt werden könnte. Eine etwaige Nominallohnsenkung von 20" 0 würde nicht mehr als eine Senkung der Herstellungskosten um 5׳ . ergeben. Und durch eine solche Ersparnis er reichen wir noch lange nicht die Preise für Importware, und wir würden nach wie vor konkurrenzunfähig bleiben. (Ein ganz anderes Verhält!;:; des Lolinanteils ergibt sich für die Landwirtschaff, besonders für die Zitruswirtschaft, aber hier wird niemand mehr auf den Gedanken kommen, eine Lohnsenkung zu fordern!) Was nun die Präge des R e a 11 o h 11 e s betrifft, so ist auch dieser im Laufe der letzten Jahre erheblich gefallen. Es ist geglückt, ihn noch einigermaßen über den! arabischen Standard zu halten, In den Städten verhalten sich die Löhne der jüdisehen zu den arabischen Arbeitern im März 1638 wie 100 zu 78, wobei sie vom Jahre 1615 bis heute um 14 bzw. 15"״ gefallen sind (eine Erhöhung des Lebensstandards hat also auch bei den Arabern in den letzten Jahren der Depression nicht stattgeiimden). Die Bemerkung von Lrnst Kahn bezüglich des Vergleiches der Nominallülme Englands und Polens, wobei der Loliniiulex des jüdischen Arbeiters im Lande 70״u des englischen, aber 140";״ des polnischen Arbeiters betragt, berücksichtigt nicht, daß das Leben in Polen doch viel billiger ist, und vor allem, daß c delt. Tal sich ו 11 ich Arbeiter haueil der jüdischen echselt über Nacht cht verwunderlich iliigen Loimindexe ti 11a ein Großteil two in der Welt. :11 Amtes der Reeil Arbeiter erhebetwas tiefer als Palen. und Reailohnindex 1 billig! , Die folgen- Die Real löhne waren a lso 47'״'.) unter denen in Warschau und nur S״... über denen der arabischen Arbeiter. Eine weitere Kürzung wäre daher nicht nur nicht vorteilhaft für die InmistricunteriichmUHgeii, Mindern ausgesprochen ungerechtfertigt. Man muß schon anderswo beginnen zu kürzen. Die Mahnung des Verfassers, nun solle die Kravatten und teuren Anzüge abschaiten. wurde doch gerade von der Arbeiterschaft realisiert, und die Bluse mit dir kurzen Hose gilt doch noch heute als Zeichen der Arbeiterschaft, besonders auf dem Lande. Aber ich fürchte, (laß gewi.se Kreise sieh lieber alle Entbehrungen auterlegen weiden, als nur auch äußerlich dem Arbeiter zu gleichen. Diese Massen müssen;geschult werden. Die alten Thesen,- ־ die Mieten seien zu hoch, die Kredite zu teuer, die Konkurrenz im Detailhandel zu nnnoriiiinl und die Handelsspanne zu weit, sind alles richtige Feststellungen, aber e« gibt keine anderen M;tei, um diese Dinge zu reformieren als Erziehung. Dann Kann auch die To/eretli I laaretz-Bewegimg Erfolg haben. Die Macht der öhentiidicn Meinung sollte die Basis für eine Kon km mi/fä higkeit unserer Produktion auf dem Inlandsmrrkt schafSd. Im Ausland herrschen andere Gesichtspunkte, und wir wollen bei der Behänd hing der ganzen Frage nicht vergessen, dal׳ nur 5״ ׳ unserer Indt1s1riew:ireu exportiert werden, währen^ 65׳ .. iin liilaiidc^ gebraucht^ «erden. Die Fliese von hier die Lolmredtikfion ihren ml die; nicht noch egt es lieute Do auch die 1 (Jerusalem) wo Ben Zwi t der Jugendder jüdischer mbracht. Ferindischen Gcrt werden. Seefahrtsausbildung Mütterfürsorge An der Käste Palästinas werden junge Leute in allen Das neueröffnete Heim für erholungsbedürftige Mütter in Zweigen der Seefahrt ausgebildet Foto: Rudolf M«liu Sichren Jaakow, eine Stiftung von Mrs, friedländer Foto: KtCL gl״

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