Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 79 (4.10.1938)
- Date
- 1938-10-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2653549-2653616--32734-2684478- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nt. 79, 4. X. 1938 Für die jüdischen Autoren Die Rekhsvertretung, der Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde und die Jüdische Künstlerhilfe haben an die jüdischen Gemeinden und sonstigen Organisationen einen Autriit gerichtet mit dem Zweck, durchzusetzen, daß fortan von allen Veranstaltungen, bei denen aus Arbeiten der in Deutschland lebenden jüdischen Autoren vorgetragen wird, diesen Autoren ein bestimmtes Honorar gezahlt wird. Wer diese Mitteilung liest, wird wahrscheinlich erstaunt sein, daß ein solcher Aufruf überhaupt notwendig wurde. Man hätte annehmen dürfen, daß die Bezahlung von Arbeiten ebenso selbstverständlich wäre wie die Bezahlung der Saalmiete, Beleuchhing, der Vortragskünstler und alles dessen, was zu einer Veranstaltung sonst nötig ist. Tatsächlich ist die Zahhing von Tantiemen an Autoren und die Regelung der Zahhing nach bestimmten Schlüsseln, bzw. der Versuch allgemeingültiger Regelungen überhaupt jüngeren Datums, und der Schutz des geistigen Eigentums ist durchaus noch nicht in allen Ländern und auf sämtlichen Gebieten gleichermaßen durchgesetzt. Für uns hier kommt hinzu, daß einerseits die Veranstaltungen nicht immer einen vornehmlich geschäftlichen Charakter tragen, sondern vielfach einer Idee oder gemeinnützigen Zwecken dienen, und daß anderseits eine Kontrolle de- Benutzung von nunmehr honorarpflichtigen Arbeiten schwierig, d. h. vom guten Willen der Veranstalter und der Vortragskünstler abhängig erschien; endlich ist unverkennbarerweise auch die Auflassung noch nicht völlig durchgedrungen, daß auch geistige und künstlerische Arbeit und Produktion eben Arbeit und darum zu bezahlen ist. Allen Schwierigkeiten aber, die sich einer für sämtliche Beteiligten tragbaren und für die Autoren wenigstens im Prinzip dienlichen Regelung entgegen stellen könnten, wäre durch die allgemeine Annahme und Befolgung des Vor- Schlags abgeholfen, den die maßgebenden Organisationen nun gemacht haben und den wir hier in der Erwartung wiedergeben, einer gerechten Forderung damit Nachdruck zu verleihen: ״In zahllosen jüdischen Veranstaltungen rezitieren die Vortragskünstler aus den veröffentlichten und unverötfentlichten Arbeiten der in Deutschland lebenden jüdischen Schriftsteller. Während alle Veranstalter es als eine Selbst- Verständlichkeit betrachten, daß sic den Vortragskünstlern hierfür ein Honorar zu bezahlen haben, sind bis jetzt die Sc 11 rittstelle r, die bei diesen Veranstaltungen eine sehr wesentliche und unentbehrliche Rolle spielen, leer ausgegangen. Das moralische Recht auf einen Ertrag ihrer kiinstlerischen Arbeit, der ihnen heute nur noch in seltenen Fällen durch eine Drucklegung gegeben wird, wird den jüdischen Schriftstellern jeder zubilligen, der Nutznießung von dieser Arbeit hat, in diesem Falle also die Veranstalter neben den Vortragskünstlcrn und mit ihnen das jüdische Publikum. Alle diese Beteiligten werden darin iibercinstimmen, daß dieses moralische Recht der jüdischen Schriftsteller von der jüdisehen Gemeinschaft selbst in einen Anspruch auf eine Homorierung auch ihrer Leistungen umgewandelt werden müßte. Die Vortragskünstler selbst mit einer solchen Abgabe zu belasten, ist angesichts der Notlage dieses Teils der jüdischen Kiinstlerschaft und der ohnehin knapp bemesscnen Honorierung ihrer Arbeit nicht angängig. Wir schlagen daher vor, daß sämtliche Veranstalter, die in ihre Programme Vorlesung und Rezitation aus W'erken in Deutschland lebender jüdischer Schriftsteller einfiigen, hierfür an die Jüdische Kimstierhilfe, liaiiptstclle Berlin- Charlotten bürg, Kantstr. 159, eine Abgabe entrichten, die sie nach einem festgesetzten Schlüssel an die bei diesem Programm gelesenen Autoren verteilt. Die Höhe der Abgäbe richtet sich nach der Größe der Veranstaltung, und zwar wären zu zahlen: bei einer Veranstaltung mit bis zu 30 Besuchern 3 RM., mit 31-100 Besuchern 5 RM., mit 101—200 Besuchern 10 RM., mit 201-300 Besuchern 15 RM., mit über 400 Besuchern 30 RM. Wir bitten daher alle Veranstalter, denen dieser Aufruf von der Rekhsvertretung der Juden in Deutschland, dem Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde oder der Jüdischen Künstlerhilfe rugestellf wird, sich in Anerkennung des An- Spruchs der jüdischen Schriftsteller aut einen Ertrag aus ihrer künstlerischen Arbeit bereit zu erklären, daß sie mit Wirkung vom 1. Oktober ab die hier aufgefiihrte Abgabe jeweils an die Jüdische Künstlerhilfe zum Zwecke der Verteilung entrichten werden und dies durch Unterschrift zu bestätigen.“ Ausschaltung der Juden vom Adoptionswesen Der Reichsminister des Innern hat in einem Ausführungserlaß zum Rcichsgesetz über die Armierung und Ergänzung familienrechtlicher Vorschriften festgotellt, daß Juden vom deutschen Adoption« wesen ausgeschaltet werden. Das Gesetz gibt die Möglichkeit hierzu. Es gestattet generell eine Auflösung des Adoptionsvcrhältnisses auch in den Fällen, in denen die Volksgemeinschaft daran ein Interesse hat Zu dem Kreis derer, die durch einen Antrag die Aufhebung eines Annahineverhältnisses einleiten können, gehört nach dem Gesetz auch die höhere Verwaltungsbehörde. Sie soll den Antrag, wie der Rciehsminister des Innern teststellt, nur einreichen, wenn ein dringendes öffentliches Interesse an der Aufhebung des Annahmeverhäitnisses vorhegt und der antragsberechtigte Vertragsti-11 von seinem Antragsreclit keinen Gebrauch macht oder nicht mehr vorhanden ist. Wie der Minister bestimmt, wird d'e höhere Verwaltung«- behörde stets zu prüfen haben, ob ihr Eingreifen notwendig ist, wenn die Vertragsparteien verschiedenen Rassen angeboren. Ist ein Veitragsteil Jude oder mit einem iuden verheiratet, der andere Vertragsteil deutschlütig oder Mischling zweiten Grades, so muß die Verwaltungsbchörde den Antrag auf Aufhebung des Annahme- Verhältnisses stellen. Sprechen ausnahmsweise beachtliche Gründe für die Aufreehterhaltung des Kindcsannahnieverhältnisses oder ist ein ';'ertragsteil fremder Staatsangehöriger, so ist vor der Antragstellung die Entscheidung des Ministers einzuholen. Ist ein Vertragstell Mischling ersten Grades, der andere Vertragsteil dcutschblutig oder Mischling zweiten Grades, so ist dem Minister zu berichten, wenn die höhere Verwaltungsbehörde die Aufhebung für erforderlich hält. Ist ein Veriragsteil Mischling zweiten Gratles, der andere deutschblütig, so ist davon ab/usehen, aus diesem Grunde den Antrag zu stellen. Die höhere Verwaltungsbehörde kann den Antrag aut Aufhebung auch nach dem Tode des Annehmenden stellen, nach den! lode des Kindes aber mir, wenn es Abkömmlinge hiiinrl.tßt, auf die sieh die Wirkungen der Kindesaimahme erstreck«׳!]. Mit der rechtskräftigen Aufhebung verlieren das Kind oder die erwähnten Abkömm- Iinge das Recht, der! Familiennamen des Annchmcnden zu fuhren. Sie erlangen den früheren Familiennamen des Kindes. Das gilt nicht, wenn ein Ehepaar gemeinschaftlich ein Kind angenommen hat und das Annalimeverhaltnis nur zu einem Ehegatten aufgehoben wird. Aus der Wirtschaft Folgende Firmen gingen in arischen Besitz über: Bettfedernfabriken M. Lepmann und Fritz ft Baur in Stuttgart- Bad Cannstatt, und Lewis Lepmann in Stuttgari-Fetierbach. — Firma Piek ft Ocstreiclier, Gnmnmvaren und Krankenpflegeartikel in Frankfurt a. M. — Leopold Joachim, Kleider und Röcke, Berlin. - Hemdeii-Fuclis, Hemden, Krawatten. Socken, Frankfurt a. M. - Modehaus E. Braun ft Co., Wien und Berlin. — B. Lubramtzki, Modewaren, Schnitz. — Damenmäntelfabrik Lachmann ft Meier in Berlin. — Hermanns & Froitzheim Mg., Textil- und Modewaren, Ausstattungen, Stettin. — Krawattenfabrik Wwe. F. Hertz, Krefeld, — Hosenhaus Lachmann in Wuppertal-F.lbcrfcld. — Tuchgroßhandluug Jakob Kahn in Wuppertal-Elberfeld. — Felsenthal ft Co., Zigarren- und Tabakfabriken, Kaiserslautern. — Münchener Schuhwarenhaus Scheinmann & Co., Landshut. — Schuhhaus J. Berg, Bonn. — Guldmann ft Co., Strick- und Strumpf- Warenfabrik in München. — Julius Levi, Strumpf- und Strickwarenfabrikation, Kurz-, Wirk- und Wollwaren in München. —- D. M. Neuburger, Seiden- und Posamentier- Warengroßhandlung in München. — Adolf Hcimann, Modewarenhandlurig in Göppingen. — Hermann Schorr Nach!., Teppich-Spezialgrollhaudlung in Ilmenau. — Branntweinbrennerei Schiff ft Sander in Nordhausen. — Crefeldcr Seidenbaus Siegfried Friede, Seidenwarenhandlung in Chemnitz. — Rhonheimer ft Elkan, Säcke- und Deckenfabrik in Mannheim. — J. Tauber Nfk, Modewarcnhandlung in Mannheim. — D. Hauser ft Co., Industriebedarf- und Warenhandel in Mannheim. - Bruder Dannhatiser, Mech. Wäsche- und Schürzenfabrik in Ulm. — Ver. Betriebe, Friedmann ft Dannenbaum, Lammfromm EC Biedermann, Textihvarengroß- Handlung in Augsburg. — Wäwhefabriken Augsburg KG. Friedmaiin, Triest ft Co. — (u׳br. Heymann, Schneidereibedarfsartikel- und Putt erst offgrofihandking in Augsburg. Von der Jugendalija Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendalija hat zur Unterstützung ihrer propagandistischen Arbeit einen (käuflich nicht erhältlichen) Abreiß-Kalender herausgegeben, der die zwölf Monate des jüdischen Jahres 5699 mit schönen Bildern aus dem palästinensischen Leben ihrer Olim begleitet. Die weiten Fluren des Etnek grüßen auf dem ersten Bild, und das Leben der Jugendlichen in landwirtschaftlicher Arbeit, in Lernen und Geselligkeit, zieht in eindrucksvolleil Aufnahmen vorüber. Fast 3000 Jungen und Mädchen, so berichtet Frau Dr. Hedwig Eppstein in der Vorbemerkung, haben durch die Leistungen der Arbeit«- gcmeinschaft den Weg nach Erez. Jisrael gefunden. Wer den Kalender durchblättert, muß wünschen, daß Tausende dem gleichen Ziele entgegengehen. Im Gewächshaus und am Lenkrad des Traktors, beim Anschirren des Maultieres und heim Aufschichten der Garben auf den Erntewagen wächst ein neues, gesundes Geschlecht heran, das mit Selbsiverständlichkeit im Judentum wurzelt. Die zahlreichen Freunde der Jugendalija werden der Arbeitsgemeinschaft für die Rosch Haschana-Gabe dieses Kalenders Dank wissen. Farmsiedlung Karolina. Für eine beschränkte Anzahl jüngerer Landwirte oder solcher, die in landwirtschaftlicher Ausbildung begriffen sind, und die das Einwanderungsvisum für USA. entweder bereits besitzen oder es voraussichtlich noch vor dem 1. 4. 1930 erhalten werden, besteht die Aussicht, aut einer Farm in USA. angesiedelt zu werden. Schriftliehe Meldungen unter Beifügung von Lichtbild, Lebenslauf und Zeugnisabschriften über die landwirtschaftliche Tätigkeit sind unter dem Kennwort ״Farinsiedlung Karolina‘* an den Hilf5verein der Juden in Deutschland, Berlin W35, Ludendorffstr. 20, zu richten. Joden in Schweden Von unserem Berichterstatter H.R. Stockholm, 2. Oktober Seit 1933 sind 2000 bis 2500 jüdische E111tgrar1ten nach Schweden gekommen und im Lande geblieben. Bei der letzten Volkszählung 1930 wurde festgestellt, daß Schweden 6053 Einwohner jüdischen Glaubens hatte, von denen 5262 die schwedische Bürgerschaft besitzen, während 1391 Ausländer waren. 2573 oder 38,7(,0׳ der Gesamtzahl waren außerhalb Schwedens geboren (Rußland, Polen, Lettland, Deutschland und Litauen). Folgende Aufstellung zeigt die Kurve der in Schweden wohnhaften Juden während der letzten 50 Jahre: 1880 : 2993, 1890 : 3402, 1900 : 3912, 1910 : 6112, 1920 : 6469, 1930 : 6653. Seit 1933 haben nur in wenigen Ausnahmefällen Juden die schwedische Bürgerschaft erhalten. Vor sieben- bis achtjährigem Aufenthalt im Lande ist jedes Gesuch zwecklos. Von den Emigranten dürften höchstens 1000 berufsausübend sein, der Rest sind Frauen und Kinder. Personalia aus Ungarn. Unser Budapester Dr. A. F.- Berichterstatter schreibt uns: Der Oberrabbiner von Mak6, Dr. Armin Kecskemeti, Verfasser mehrerer Werke über cfie jüdische Geschichte und Literatur, feierte das 40jährige Jubiläum seiner dortigen Rabbinertätigkeit. Bei dieser Gelegenheit wurde er auch vom Vertreter der Franz-Josef- Universität in Szeged begrüßt, wo er als Privatdozent jücfische Geschichte efes Altertums vorträgt• — Oberregierungsrat Diplomingenieur Bela Spie gl, geschäftsführender Dircktor des ungarischen Allgemeinen Kohlenbergwerks A.-G., ist im 65. Lebensjahr verstorben. Spiegl war einer der großzügigsten Förderer jeder zionistischen Aktion und verbrachte alljährlich einige Monate in Palästina. A. F. Bathja Erzählung von Sdmlom Ben-Chorin Es ist nicht so, daß wir auf uns selbst gestellt einander begegnen, jeder nur ein kleines einmaliges ich, das nach einem Du sucht, welches Echo und Antwort der Frage ist, die mit jedem Menschen geboren wird. Ach, wäre es so wie einfach ließe sich das Leben an, wie unkompliziert waren die Begegnungen mit Menschen und Esingen, Aber es ist nicht so. I)rollend fremd, fern lind dennoch auf eine unerklärlich furchtbar nahe Weise greift die gestorbene Hand längst zerfallener Almen in das heute gegenwärtige Leben eines jungen ahnungslosen Menschen. Fr, der auszog, mit freier Stirn und lachenden Mundes den Kampf mit der Welt zu bestehen, spurt mit einem Male die unsichtbare Gefolgschaft der Väter, deren Sunden wider ihn aufstchen schrecklich anklagend und deren Verdienste, unbekannt wie ihre Uebeltaten, ihm die Wege ebnen. Diesem unsichtbaren Heerbann kann niemand entrinnen. Die Grenzen der Zeit und des Raumes bestehen nicht für ihn: Schatten des Schattens — so folgen die Toten den Lebenden und ziehen ihre Straße lautlos aber mächtig mit. Früh mußte Bath j*a dies erkennen. Sie war ein flinkes munteres Mädelchen, dessen kurze schwarze Zöpfe keck von dem bräunlichen Oval ihres hübschen kleinen Gesiehtcliens abstanden. Es war, als wollten sie dem Mädelchen Bath ja wie zwei Wegweiser die Straßen in die Weite der Welt weisen. Hierhin und dorthin. Aber die Welt war eng. Sie bestand nur aus einem Hof, der umgeben war von einer hohen Mauer, hinter der die ״eigentliche“ Welt begann. Aber sie durfte man nicht betreten. Manchmal an heißen Nachmittagen lag Bathja auf den Steinfliesen des Hofes, die Arme hinter dem Kopf verschränkt und starrte hinauf in den flirrend blauen Himmel. Groß und drohend ging die Kuppel des großen Hauses, das ״außerhalb der Mauer“, also in der ״eigentlichen Welt“ stand, am Himmel auf. Wenn man genau hinsah, konnte man auch zuweilen Menschen erkennen, die auf dem Kuppeldach des hohen Hauses standen und hinunter blickten in den Hof und auf die träumende Bathja. Kleine JuiiRcn. nicht älter als Bathja hatten einmal — als sie die Träumerin im Hof entdeckten — irgend etwas Unverständliches hinuntergeschrien. Bathja war zum Vater gelaufen, hatte ihn gefragt, was, dies alles zu bedeuten habe — aber es war nichts gekommen als die Antwort, die der große ernste Mann mit dem langen braunen Bart auf alle Fragen gab: ״Später werde ich es dir erklären, aber jetzt verstehst du es noch nicht.“ Immer später, später. Es war kaum auszuhaiten. ßtit ihren fast vier Jahren war Bathja doch kein kleines Kind mehr (wenigstens sie selbst war dieser Ansicht), und immer noch sollte sie alles erst ״später“ erfahren. Es war langweilig — ja, das war es. Anan war noch so klein, daß man kaum mit ihm spielen konnte, und mit Mirjam hatte sich Bathja gezankt. Andere Kinder gab es nicht — auf dem Hofe. Außerhalb freilich, aber da durfte man nicht hin. Und dennoch wagte Bathja an einem Frühlingstage das Ungeheuere, das Verbotene, Verlockende. Der Vater war schon frühzeitig aus dem Hause gegangen und hatte den Schlüssel des Hoftores innen stechen lassen. Wenn man auf einen Stuhl stieg, mußte es ein Leichtes sein, den Schlüssel umzudrehen. War das getan, so mußte man nur behutsam das schwere Tor öffnen, freilich nur einen Spalt, um hindurchzuschltipfen und draußen war man... mitten in der Welt. Bathja wollte nur einen Augenblick im Verbotenen verharren, nur einmal gucken, wie das alles aussieht. Dann würde sie unbemerkt zurückschlüpfen, aber Mirjam gegenüber hätte sie von nun an eine Waffe, die sich mit nichts vergleichen ließ. Sie wußte etwas, was Mirjam nicht wußte, war den Großen gleichgestellt, die den Hof verlassen durften, wann sie wollten, und genau die Welt kannten. Klopfenden Herzens kletterte Bathja auf den Hocker, den sie laut singend herbeigeschoben hatte. O, Bathja war schlau: sie hatte nur gesungen, um das Geräusch des gehobenen Stuhles zu iibertönen. Nun stand sie oben. Ganz leicht war der Schlüssel zu bewegen. Und jetzt — einen Spalt stand die Türe schon offen: geib und geheimnisvoll schimmerte das große Haus herüber, dessen ״rundes“ Dach man vom Hof aus erblickte. Das also war die Welt: eigentlich auch ein Hof. Ein wenig weiter freilich, aber doch nicht viel größer, als daß man auf einem Beine hüpfend, sie mit ein paar Unterbrechungen hätte umkreisen können. Bathja hatte sich die Welt größer vorgestellt. Aber was war das? Kam da nicht ein Rudel Kinder, Knaben und Mädchen laut schreiend und durcheinander redend direkt auf Bathja zu? Sk fürchtete sieh vor soviel fremden Kindern. Mit Recht, mit Recht. Denn kaum hatten die Kinder Bathja erblickt, als sie nun zu schreien begannen, allerlei Unflätiges riefen und mit Apfelsinenschalen nach dem verängstigten kleinen Mädchen warfen, das weinend im Tore — »m Tor zur Welt stand. Da aber trat ein Junge, vielleicht doppelt so alt wie Bathja selbst aus der lärmenden Rotte vor, faßte das sprachlose Mädchen bei den Händen und zog es mit sich fort. Der Junge, schlank und groß für sein Alter, trug — wie seine Oefährten — ein dunkles Samtkäppchen auf dem geschorenen Kopf. Von den Schläfen fielen ihm lange, blonde, ungebändigte Locken fast bis auf die schmalen Schultern. Er führte das Mädchen die steilen Stufen zum Kuppeldach des hohen Hauses empor, das inan von Bathjas Hof aus sehen konnte. Lachend und schreiend folgten die anderen Kinder, sich auf der schmalen Treppe drängend. Aber Bathja fürchtete sich nun nicht mehr vor ihnen. Sie fühlte sich geborgen im Schatten des großen Jungen. Die Kinder nannten ihn Rachami. Und der fromme Wunsch, den dieser Name umschloß, schien in das Wesen des Knaben übergegangen. O, hier in Jerusalems träumender Altstadt, wo noch die magischen Beschwörungen der Kabbalisten jn die Mitternachtswinde gesprochen wurden und eingeweihte Rabbanim die Dämonen aus den Leibern der Besessenen austrieben mit Zeichen und Zahl — hier war noch mächtig die Kraft der Namen: Wunschkraft, Segenskraft. Rachami ließ Bathjas Hand nicht los. Mit ausholender Geste wies er auf den weithin offenen Tenipelplatz, auf den strahlend-grünlichen, gedrungenen Kuppelbau in seiner Mitte. Bathja wagte nicht zu sprechen. Das also war die Welt. Unendlich weit. Kein Hof. Sie stand reglos an dem Geländer des Dachbalkons, und Rachamis Worte gingen ungehört und unverstanden an ihr vorüber. Plötzlich tönte aus dem engen Schacht des Treppenflurs eine harte Stimme: ״Rachami, Rachami-!“ Angstvoll sah sich der Junge um. Im Nu waren die anderen Kinder di« Treppe hinunter. Zögernd, als letzter folgte ihnen Rachami. Der kleinen Bathja winkte er zum Abschied mit der Hand. Bathja begriff nichts von alledem. Nur, daß sic allein war — mitten in der Welt allein war, auf einem hohen, hohen Haus, das verstand sie. Sie fürchtete sich, weinte, bereute bitterlich, dfn Hof verlassen zu haben. Und da sah sie ihn plötzlich aufgetan, tief unten liegend, und sie konnte jeden Stein erkennen. Das war — ihr Hof. Der einzige Raum, der ihr winziges Leben umschloß. Wahnsinniges Heimweh ergriff sie. Wie konnte man jemals wieder dort hinunter gelangen in den mauerumhegten Hof zu Mama und Papa und Mirjam, der sie wieder gut sein wollte, und Anan, der noch so klein war, daß er die einfachsten Spiele nicht verstand. Was war das? Die Mutter — ja, die Mutter lief jetzt aus der offenstellenden Türe des Hofes und rief etwas. Bathja konnte es nicht verstehen. Niemand antwortete der Mutter, di« Frauen auf der Gasse wichen scheu vor ihr zur Seite. Bathja sahrie. Aber ihr dünnes Sümmchen zerflatterte. Halb blind von Tränen tappte sie die endlose Stiege hinab in die Gasse, überquerte sie, stürzte dabei und gelangte schließlieh mit geschundenen Knien in den heimatlichen Hof. Niemand schalt Bathja. Die Mutter trug die Weinende auf ihr Beffchen, blieb bei ihr und hielt ihre Hand, bis große goldene Vögel kamen und mit ihren Traumflügeln das tränennasse Gesicntchen der Schläferin trockneten. (Fortsetzung folgt)