Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 78 (30.9.1938)
- Date
- 1938-09-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ni. 78 30. IX. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 13 Arabische Jugend Verstärkte Einbürgerungsbewegiing Die Propaganda für die Einbürgerung, die während der letzten Jahre geführt wurde, hat Früchte getragen. In den Jahren 1930—1932 war die Zahl der siel Einbürgernden 1000—1300 Menschen pro Jahr gewesen. Im Jahre 1933־ verdreifachte sich diese Zalil schon auf 3216. ln den Jahren 1934 und 1935 wurden ungefähr 6000 Einbürgerungen pro Jahr vollzogen. Den Höhepunkt aber bildete das Jahr 1937, 12194 Gesuche wurden in diesem Jahre eingereicht, von denen ein großer Teil nicht für Einzelpersonen, sondern für ganze Familien gilt. Im Jahre 1937 erwarben 21 542 Juden die palästinensische Staatsbürgerschaft, und viele Tausende von Juden, die in diesem Jahre ihre Gesuche eingereicht hatten, bekamen den Bescheid erst im folgenden Jahr, In den Jahren 1935—1937 wurden 42313 Menschen in Palästina eingebürgert. Es gibt keine offiziellen Ziffern über die Zahl der Juden, die seit dem Einbürgerungsgesctz palästinensische Staatsangehörige geworden sind, aber man schätzt ihre Zahl auf 120 0()() Seelen. Die Erledigung der Gesuche ist noch immer langsam, wenn sie sich auch schon merklich gebessert liat. Zur Zeit laufen 2300 bisher unerledigte Gesuche. Auch Nichtjuden haben von dem Einbürgerungsrecht in Palästina Gebrauch gemacht. Im Jahre 1935 bekamen 252 Nichtjuden die palästinensische Staatsangehörigkeit, im Jahre 1936 — 169, im Jahre 1937 — 186. Einwanderer im Tel Awiwer Hafen Der Dampfer ״Polonia“ brachte 1071 Passagiere nach Tel Awivv, darunter über 600 Einwanderer. Dank der Vorbereitungen des Einwanderungsdepartements der Jewish Agency konnten alle Passagiere noch vor Beginn von Rösch Haschana landen. 900 jüdische Passagiere landeten am 26. Sep• tember in "Tel Awiw, davon die Hälfte Einwanderer. Das Rabbinat gestattete die Durchführung der Landungsarbeiten. Der Tel Awiwer Hafen wird in der kommenden Saison imstande sein, den Export von 2 Millionen Kisten Zitrusfrüchten zu bewältigen. Diese Ziffer würde das Doppelte der im vorigen Jahr erzielten darstellen. Das Handelsblatt ״Haiton Lemischar“, d<as in Tel Awiw erscheint, weiß von einem Plan der Umwandlung des Tel Awiwer Hafens in einen T i e f w a s s e r - H a f e n zu berichten, der von einer englischen Gruppe finanziert werden soll. Diese Gruppe sei bereit, über zwei Millionen Pfund atrfzubringen. Diese Mitteilung muß mit Reserve aufgenommen werden. _ Neue Zölle Eine Regierungsverordnung erhöht die Einfuhrrolle auf eine Reihe von Waren, die mit den in Palästina erzeugten konkurrieren. Diese Maßnahme, die den Abschluß von langwierigen, von der Jewish Agency eingeieiteten Ver- Handlungen mit der Regierung darstellt, bedeutet einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der jüdischen Industrie. Beth Ha Midrasch Jellinek. Im Verlage von Bamberger % Wahrmann, Jerusalem, erschien ein seit langem auf dem jüdischen Büchermarkt selten gewordenes Werk: Die große Midraschsammlung R. Aharon Jellineks. In den sechs Banden des Werkes sind 100 kürzere und längere Midraschim vereint, die Jellinek vor Jahrzehnten aus 70 Handschriften und alten Drucken zusarn mengestellt hat. Die photogra- Irische Neuherausgabe bringt ebenso die deutsch geschrieenen Erklärungen und Einleitungen zu jedem Midrasch. F. Oberrabhiner Dr. Hertzog hat im Rundfunk eine Neu- Jahrsausprache gehalten. Im ״Dawar" erscheint, wie uns aus Tel Awiw gesclirieben wird, folgender Bericht einer Christin, die lange Zeit unter den Arabern gelebt hat: Den arabischen Kindern fehlt die eigene Welt, denn sehr früh bezieht inan sich zu ihnen wie zu Erwachsenen. Auffallend an ihnen ist ihre Genügsamkeit. Viele kennen überhaupt kein Frühstück oder henügen sich mit einer Flade und Schafskäse oder einer rucht. Zimt Mittag essen sie das, was die Erwachsenen übrig lassen, und zum Abend wieder eine Brotflade und Käse oder im besten Falle ein Ei. So ist die Ernährung der Kinder auch in vermögenden Häusern, und ein europäisches Kind könnte kaum mit der durchschnittlichen Nahrungsmenge eines arabischen Kindes atiskommen. Freilich ist die Kinder- Sterblichkeit bei den Arabern groß, aber sie ist nicht 11 nzureichender Ernährung, sondern ansteckenden Krankheiten zuzuschreiben. Die Kinder sind höflich und gehorsam den Erwachsenen gegenüber. Der Einfluß der Familie tmd des Stammes ist groß, freilich nicht immer zum Vorteil <1 er Jugend, die dadurch einen engen Gesichtskreis erhält. Eine wirklich systematische Erziehung findet nicht statt, und solange die Kinder die Erwachsenen nicht stören, versucht man nicht, auf sie einzuwirken. Die Kinder haben vollen Einblick in die intimsten Familienvorgänge. Seit 1920 erfaßt das Scliulnetz der Regierung einen Teil der Kinder, aber der Einfluß des Elternhauses ist bei weitem größer. Absonderung der Jemeniten Die Jemeniten fühlen sich im allgemeinen in den Kolonien am wohlsten, obgleich sie sich auch jeder anderen Umgehung im Lande gut anpassen, ln den Kolonien aber sind einfache Lebensverhältnisse und dort kann der Jemenit leben, wie er will, und sich kleiden, wie er mag. In vielen Kolonien gibt cs Jemeniten, besonders solche der älteren Generation, die in genau demselben Lebensstil leben wie im Jemen. Gerade diese Freiheit aber macht die Jemeniten zu einem Problem für die Kolonien. Der Jcnienite will nichts von Organisationen, Aemtern und Ausschüssen hören, er hält nichts von ciuheitliebem Vorgehen, besonders wenn es mit Ausgaben verbtiiiden ist, und deshalb hat er die Tendenz, sich abgesondert zu halten. Natürlich führt eine solche Haltung leicht 711 Reibungen zwischen den Jemeniten und den übrigen Kolonisten. In Steuerangelegenbeiten und ähnlichen Dingen leisten die Jemeniten stets Widerstand und fordern Sondervenvaltung. Die Jemeniten müssen aber verstehen, daß es nicht angeht, besondere Viertel in den Siedlungen ni gründen zu dom einzigen Zwecke, an den öffentlichen Schulden keinen Anteil zu haben. Es ist wahr, daB die Jemeniten in vielen Dingen in den Kolonien benachteiligt worden sind, das rechtfertigt aber keineswegs •eine solche Haltung. Im Gegenteil, diese Benachteiligung sollte nur dazu führen, daß die Jemeniten sich darum bemühen, in der Gemcitideleitung entsprechend vertreten zu sein, um auf diese Weise eine völlige Gleich- Stellung zu erreichen. Besonders die jungen Menschen unter den Jemeniten müssen sich für eine Entwicklung des Oenieinschaftssinnes bei den Jemeniten einsetzen. Von den jemenitischen Juden, fm Verlag ״Massada“ in Tel Awiw erschien ein Sammelbuch ,,Mi Themar! Le Zion“, das der Einwanderung der jemenitischen Juden nach Ercz Jisrael gewidmet ist. Eine Reihe von Schrift- Stellern, Orientalisten und anderen Persönlichkeiten haben zu diesem bemerkenswerten Buche Beiträge geliefert. Die Zahl der Analphabeten ist noch groß. Ungefähr 30n0 der Knaben erwirbt gewisse Schulkenritnisse, aber im Distrikt Beer Schcba sind cs nur 50״. Der Anreiz für den Schulbesuch ist die Möglichkeit, später eine Beamtenstclle zu erhalten. Die einzige arabische Mittelschule der Regierung befindet sich in Jerusalem, und sie wird natürlich von sehr wenigen Kindern erreicht. Noch weniger erhalten später im Ausland eine Hochschulausbildung. Die Halbgebildeten sind oft schlechter daran als die Analphabeten, die schon 1m Kindcsalter ins Berufsleben kommen und in jungen Jahren heiraten. Die Interessen der Kinder sind vielfach sexueller Natur in einem weit höheren Grade, als das etwa in Europa der Fall ist. Andere Interessen sind wenig vorhanden. Die Ereignisse des Jahres 1936 haben da eine Umwälzung gcbracht. Alles andere ist vor den politischen Ereignissen zurückgetreten. Die Jugend ist entflammt und völlig politisiert. Vor dem Jahre 1930 hatten viele arabische Kinder den Wunsch, die jüdischen Siedlungen und Städte mit ihren Eltern zu besichtigen. Das hat sich mit einem Male geändert und das arabische Kind sieht im Europäer und besonders im Juden den Feind. Auel! die Schule hat in dieser Richtung auf das Kind eingewirkt. Jetzt machen die Terroristenf!ihrer und ihre Heldentaten einen tiefen Eindruck auf das Kind. Die Jugend singt Lieder und erzählt Geschichten über die Taten der Terroristen. Die Evakuierten aus Pekiin. In dem Haifacr Stadtteil Rat-Galim sind die wenigen Juden ans Pekiin untergebracht, die die Regierung evakuiert hat. Tagsüber sind mir Greise und Kinder m Ba;-Gaiim, die Erwachsenen gehen dem Erwerb nach. Die Kinder können neben dem Arabischen auch Hebräisch. Die Erwachsenen sind /um Teil in Sicliron Jaakow bei der Arbeit, zum 1 eii in liadar ffakarmel. Ein Greis, der sein (ieburtsdorf um keinen Preis verlassen wollte, erzählt dem Besucher, nachdem er ihn gesegnet hat, daß in dem Dorf, in dem seit Jahrtausenden ohne Unterbrechung Juden lebten, noch drei Priesterfamilien waren. Nur drei bis vier Juden in Pekiin waren ״Israelilen", die anderen ״Kohanini“. ln dem Dorf wohnen auch noch Dnisen und Araber, und das gegenseitige Verhältnis war friedlich. Soweit die Evakuierten sieh in I laifa nicht selbst ernähren können, sorgt die Gemeinde für ihren Lebensunterhalt. Auch in Pekiin hatten sie sc hon Beruliriitn; mit der jüdischen Welt, in früheren Zeiten kamen viele Sommerfrischler nach Pekiin, das sieh durch seine gute Luft aus/ciehnet. Doch hatte die arabische Umwelt einen großen Einfluß auf die Juden in Pekiin, und äußerlich waren sie nicht von Arabern zu unterscheiden. So kamen sic auch jetzt in arabischer Kleidung nach Haifa und wurden erst von der dortigen Gemeinde mit europäischen Kleidungsstucken versorgt. In den letzten Jahren waren eigentlich nur Frauen, Kinder und Greise in Pekiin geblieben. Die Jungen und Arbeitsfähigen arbeiteten an allen möglichen Orten des Galil,!111 letzten Jahre kam auch der hebräische Lehrer des Misraclii, der sonst bei ihnen Schule hielt, nicht mehr, und die zwanzig Kinder, die sie hatten, blieben ohne Unterricht. Die Notlage wurde groß, viele mußten sich Geld von den _arabischen Nachbarn leihen, und so bröckelte die Gemeinde immer mehr ab, denn wer nur konnte, suchte außerhalb eine Existenz. Es blieben zuletzt mir 13 Menschen, die die Polizei evakuierte. Sie batten in der letzten Zeit auch nicht erfahren, was um sie vorging. denn der einzige im Orte, der eine (aialiische) Zeitung bekam, war der arabische Scheich, der ihnen daraus vorlas. Familie!!-Nachricht. Herr C!!-Uv Reis, Nah.iria, begeht am 5. Oktob-er den 80. ('.churui a״ Menschen, Hunde und Katzen in Palästina ln den Jugendschöffen, die wir als Jungen verschlangen, fehlten unter den Seeräuber- und Abenteurergeschichten auch nicht die farbigen Erzählungen aus dem Morgenland, dem heute sogenannten ״Nahen Osten“, zu welchem auch unser Palästina gehört. Selten wurde in diesen Geschichten vergessen, der herrenlosen Hunde zu gedenken. Daß an diesen Geschichten viel Wahres ist, sehen wir hier. Nicht nur die herrenlosen Hunde, sondern auch die herrenlosen K a t z e 11 fehlen nirgends, weder auf dem Dorf noch in der Großstadt. Und der Mensch, der Herr über alles, ist auch zu diesen bedauernswerten Geschöpfen in ein bestimmtes Verhältnis getreten und sie zu ihm. Wo sind diese vielen herrenlosen Hunde und Katzen hergekoinmen? Diese Frage ist müßig. Die Wanderungen der Völker über Palästina haben nicht niw Volksgruppen, sondern auch die Begleiter des Menschen, Tiere, zuriickgela-ssen. Und so findet man unter den herrenlosen Hunden auch die verschiedensten Typen, vorherrschend allerdings eine Hundeart, nach Größe, Behaarung und Aussehen dem Spitz ähnlich und gewöhnlich weiß mit gelben oder schwarzen Flecken. Die Hunde kommen in irgendeinem Winkel zur Weit, von keinem Menschen gestört. Das Mitleid mit der duldenden Kreatur ist besonders bei den palästinensischen Juden stark ausgeprägt, und es finden sich immer mitleidige Hände, die einer jungen säugenden Hündin eine Brotrinde und einen Trunk frisches Wasser reichen. Denn wenn auch auf dem Lande jetles Haus seinen eigenen Hund und seine eigene Katze hat, hat doch auch fast jedes Haus Hunde und Katzen, welche nicht dazu gehören, die sich aber Essen holen kommen, was ihnen selten verweigert wird. Sind die jungen hunde herangewachsen, so kümmert sich nach altem Hunde- und sonstigem Tierbrauche die Mutter nicht mehr um die Jungen. Sie müssen selbst ins Leben hinaus und suchen sich durchzuschlagen. Hier tritt nun die wahre Hundenatur in Erscheinung. Diese jungen, ständig, hungrigen Hunde finden und erhalten in der Regei nicht so viel, um regelmäßig ihren Hunger stillen zu können. Auch haben sie als unzertrennliche Hausgenossen des Menschen seit Urzeit den Hang, sich den Menschen anzuschließen und sich ihm unterzuordnen. Die Hunde machen es nun so, wie es in schweren Zeiten die Menschen machen müssen: sie gehen auf ״Stellungsuche“. Es ist rührend zu sehen, mit welch natürlicher Schlauheit diese Hunde es ansfeilen, um ״angestellt“ zu werden. Hat ein Haus gerade einmal keinen Hund, weil der frühere gestorben ist, so erscheint unfehlbar nach einiger Zeit ein fremder Hund, der .sich vor die Schwelle legt, das Haus bewacht, Fremden den Zutritt verweigert und sie ״verbellt“, Hausgenossen aber, die er sofort erkennt, frei passieren läßt. Dabei ist er so scheu, daß er sich nicht berühren läßt und man ihm das Futter zuwerfen muß. Offenbar hat dieser Hund oder seine Ahnen, deren Erfahrung er als Instinkt ererbt erhalten hat, durch nahe Berührung mit fremden Menschen unangenehme Erfahrungen gemacht. Hat der Hund nun Glück, so wird er aufgenominen, erhält regH* mäßig sein Essen und bald, sowie er dies merkt, läßt er sich greifen und an die Kette legen. Letzteres geschieht, 11m die für uns Kleinbauern schwere Hundesteuer zu sparen. Und geschieht cs nicht, so entwickelt sich aus dieser Unteriassung alsbald eine Hundetragödie. In den anfangs erwähnten lugendschri!teil heißt es immer, daß herrenlose Hunde als ״Veterinärpoüzei“ nützlich sind, indem sie die Abfallstoffe verzehren. Ich glaube nicht, daß das richtig ist; dies besorgen liier viel besser große Vögel, welche man bald Geier, bald Adler nennt, deren genaue Zugehörigkeit zu einer der beiden Vogelgruppen ich aber noch nicht feststellen konnte. Jedenfalls sind die Kollegen von der menschlichen Polizei anderer Ansicht, von Zeit zu Zeit wird gegen die Uebervölkerung von herrenlosen, frei herum!,•niienden Hunden mit drakonischen Mitteln eingeschritten. Knies Tages verbreitet sich der Schrcckensriif: ״Horgim klavim!" (sie töten Hunde). Kinder eilen von Haus zu Haus, um die Schreckensbotschaft zu verbreiten und jeder sucht seinen vierbeinigen Hausgenossen, der vielleicht gerade ״Aiisgchurlaiib“ hatte, in Sicherheit zu bringen. Die englische Polizei durchstreift mit Jagdgewehren die Straßen und schießt auf nahe Entfernung die arglosen Hunde nieder. Jeder erschossene Hund ist bald von einer Schar der ihm befreundeten Kinder umgeben, welche seine Tugenden rühmen und seinen Hingang betrauern. Manchmal ist ein solcher Htiml auch mir verwuiidet, schleppt sich davon und der Polizist muß ihn erst aufsuchen, um ihm den Gnadenschuß zu geben. Und trotzdem nimmt die Zahl der herrenlosen Hunde nicht ah, cs kommt immer neuer Zuwachs und sonderbarerweise entschwindet die Erfahrung mit der Polizei dem Gedächtnis der Hunde. Dies kommt wohl daher, daß die meisten ״Betroffenen״ das Erlebnis nicht überleben und ihre Erfahrung als Instinkt nicht weiter vererben können. Immer wieder lassen diese in der Sonne sich herumräkelnden Hunde den Polizisten mit dem todbringenden Gewehr nahe herankoirmien. Denn oft genug ist dieser Polizist mit oder ohne Gewehr an ihnen vorbeigegangen, ohne ihnen etwas Böses zu tun. Vielleicht hat sogar dieser oder jener Hund einen besonderen Bekannten unter den Polizisten, denn auch die Polizeikantine hat herrenlose Hunde als ständige Gäste. Grundsätzlich anders ist das Verhältnis der Katzen zu den Menschen. Der Hund fühlt sich als Diener, die Katz.e — möchte man beinahe sagen — als ״Herr“ des Menschen. Sie duldet eigentlich nur, daß der Mensch neben ihr lebt. Ihre alte Raubtierart lebt trotz aller zutraulichen und schmeichelhaften Art in der zivilisierten Form weiter, so daß sie einfach Moralgesetze nicht anerkennt. Wenn der Hund stiehlt, so weiß er wenigstens, daß er sich nicht erwischen lassen darf. Die Katze geht mit der grollten Unbekümmertheit am lichten Tage in die Küche und holt sich womöglich Fleisch vom Feuer herunter. Auch die Katze kommt in irgendeinem Winkel zur Welt. Bevorzugt wird als Kinderstube der Katze der Unterbau unter den Baracken. Diese stehen auf Steinblöcken, so dal! zwischen Erde und Boden genug Raum ist. Bald kündet leises Quietschen die Anwesenheit einer Katzenfamilie an. Unermüdlich schafft die Mutter Nahrung herbei, und hierbei werden die Katzen wirklich zu einer Plage. Beim Schlächter muß man neben dem geschlachteten Huhn stehen, sonst kommt am hellichten Tage irgendeine Katze und holt es. Die Türen der Küche müssen ständig geschlossen sein, damit nicht fremde Kaizen eindringen 1111a sich holen, was ihnen beliebt. Als gerissene Diplomaten verstehen es diese fremden Katzen, scheinbar gute Beziehungen zum Hause hcrzustcllcn. Sie spielen mit den Kindern, lassen sich quälen und erhalten auf diese Weise leichter Eingang ins Haus. Gegen die Uebervölkerung mit Katzen kann die Potizei nicht mit Gewehren Vorgehen. Die Katze ist zu klein und beweglich, als daß sic von Polizeistreifen beschossen werden könnte. Schließlich stört die hmimschweifende Katze wohl das Straßenbild nicht so wie der überall im Wege herumlie״ende Hund. Was also tim mit den jungen Katzen, die man eines Tages iin Schuppen, in der Kammer entdeckt oder die aus einem Winkel herauskommen im Hofe, um die Mutter licrumspielcnd? Ertranken kann man sie nicht, denn (hisse und deiche gibt es nicht, und wo die einzige Wasser/ufuhr die Wasserleitung ist, fehlen auch die großen Wasserbehälter. Schließlich widerstrebt es auch dem gutmütigen jüdischen Palästinenser, die jungen und reizenden Tiere itm/nbringvit. Also laßt man die Kleinen solange heranwachsen. bis man glaubt, daß sie sich selbst weiter helfen können. Dann trägt man sie an einen weit entlegenen Ort und laßt sie da frei. I läufig werden verlassene K latzch en von nntlei di gen ,Vien sch eil, \ve ich e gerade keine Kai :/e!1 abeu, igchtmie!1 und mitgenomn irn. Noch ein anderer und : sogar zwingender (jrund besteht liier auf dem Lande für d; 1s Ponbringcn eii 1er Kat ze, und w ciiii e s auch eine Diigjnhri ge i laiisgiznossjn i st. Es herrscht hier der (ihn ihe, Kaizen s eien eine Gefahr fll r e in neugeborenes Kind. Wenn also ein Kind erwartet wird, muß die Katze fortgescluifft weiden. In einem solchen Falk' nimmt man sogar die Katze auf eine Fahrt mit dem ,Auto mit oder gibt sie einen Bekannten, der eine solche fahrt vor hat, um sie möglichst sicher fortzubriiigen. Denn alle Katzen gehen oft aus unglaublicher Entfernung in das gewohnte Heim zurück. Ein befreundeter Arzt, der sein neugeborenes Kind vor der Katze schützen wollte, beschloß, die Katze auf wissenschaftliche und medizinische Art zu beseitigen. Er gab ihr eine Spritze Morphium, die zum ewigen Schlaf_ für fünf Menschen ausgereicht hatte. Die Katze lief nach dieser Operation schreiend davon, um, wie der Arzt glaubte, in einetn_ Winkel ruhig zu entschlummern. Am nächsten Tag zum Frühstück erschien die Katze und verlangte laut miauend ihren Anteil. Der Arzt konnte sich dieses Wunder gar nicht erklären und forschte nach. Und siehe da, bei dieser Oelegciiheit lernte er, daß Morphium gerade auf Katzen nicht wirkt, eine in weitesten Kreisen unbekannte Tatsache. Die Unkenntnis hierbei diirf'e aber keine große Wirkung haben, denn eine so ״wissenschaftliche“ Beseitigung von Katzen kommt wohl nur bei Aerz'en und auch dann nur selten vor. Es bleibt noch übrig, über das Verhältnis der Tiere, Hunde und Katzen zueinander etwas zu sagen. Von der sprichwörtlichen Feindschaft zwischen Hund und Katze ist nicht viel zu merken. Freilich verbellt jeder Haushund eine fremde Katze, die ins Grundstück kommt. In erwachendem Jagdeifer läuft auch mancher Hund mancher Katze nach, wobei die Katze, wenn sie nicht ־fliehen kann, sich stets kräftig und mit Erfolg zur Wehr setzt. Im großen ganzen aber haben Hund und Katze bei fast gleichem Schicksal sich so aneinander gewöhnt, daß seilen ein Hund über eine Katze oder eine Katze über einen Hund sieb aufregt. Nur wenn die Katze versucht, vom Essen des Hundes etwas zu erhaschen oder der Hund eines der jungen, noch unter der Obhut der Mutter sich befindlichen Kätzchen zu beschnuppern sucht, gibt es Kampf. Sonst aber ist das Verhältnis zwischen Hund und Katze bei weitem besser als sein Ruf. Und auch das Verhältnis der Menschen zu diesen beiden ist besser als man annehmen möchte, wenn die Unterhaltung hier auf Hund und Katzen kommt. Jeder hat über diese manchmal unerwünschten Hausgenossen zu klagen, aber niemand möchte sie mehr missen, am allerwenigsten die Kinder. G. St, (Schluß des Palästinateil.s j