Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 78 (30.9.1938)
- Date
- 1938-09-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit# 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 78. 30. IX. 1938 essanten Nachbemerkungen, finden eine starke Verbreitung. Zwei Teile ״jüdische Volkslieder“ zeigen uns Nadel als einen gewandten Liedbearbeiter, der in der Klavierbegleitung mit tiefer Einfühlung der eigenartigen Melodik dieser Ciesänge nachgeht. In den ״Jüdischen Liebesliedern“ führt der Künstler durch eine fein empfundene Nachdichtung des jiddischen Tcxlcs in de!1 Geist der Dichtivngen ein und gibt im Anhang auch einige Melodien mit Klavierbegleitung wieder. Verschiedenen Problemen des jiddischen Volksliedes geht der Forscher in einer Artikclfolge in den beiden ersten Jahrgängen des ,.Juden“ nach. Arno Nadel hat den Juden in Westeuropa das jiddische Lied als ein musikalisches Kulturgut nahegebracht. Angeregt durch seinen Lehrer Eduard Birnbaum, begann er friih/eitig zu sammeln. Fr zeichnete Melodien nach dem Yolksnutnde auf, suchte nach Manuskripten, sammelte die Notendrücke der hebräischen ,Musik und ihre Literatur. VC ir nehmen ein von ihm besonders gepflegtes Gebiet heraus, die Sem i rot, das sind ״Hie hiiuslichen Sabhatgesänge“. Filter diesem Titel legt Nadel die Ergebnisse seiner Sammlertätigkeit von fast vier Jahrzehnten vor. Zu allen drei Gruppen der Semirot sind hier 7um ersten Male Melodien notiert. Nur der Musikfachmann kann ermessen, welche intensive Arbeit dazu geholte, alle diese Weisen attfzuspiiren, aufmzeichnen und zu bearbeiten. Fast alle in Europa in den letzten hundert Jahren voröffentiiehten wesentlichen hebräischen Notendrücke sind in der M »1 > i k s a m in 1 11 n p Nadel vorhanden. Angefangen von den ״.Münchener Ter/ettgesängcn“ (1839) bis zur letzten Schöpfung von Hugo Adler, der ״Akedah“ (1938), bietet die Bibliothek eine außergewöhnliche Vollständigkeit, Unter den zahlreichen ,Manuskripten befinden sich solche von V'aintrau!), l.ew andnwski und Deutsch sowie Handschriften von zeitgciui-oii-rhen indischen Musikern. Neben dem ״Hannoversehen Kompendium״ sehen wir ein Manuskript hebräischer r.hnrgeomge a1!> vorsid/r! :schcr Zeit, Nadel setzt es um 1S29 an. Es enthält 11, a. eine interessante Bearbeitung des Ko! nidre für (Dior. Unter den Musikerhricfen -sind die von Eduard Birnbaum von besonderem Reiz. Ungezählt sind die Blatter mit o-'tjudist heu Synagogen!e/itativen. Aus dem Studium in seiner Bibliothek hat Nadel sein 11 a!1 p ( v, erk geschaffen : ״Konipendmm I laili-Uijah! ( iesauge für lieh jüdischen (iottesdknst von Arno Nadel. Zugam 11 1 me 'Vtcinal iw In• Auswahl bedeutender Synagogen- Komponisten." Mit ,Mai!,).D arbe'tet er;in Aufträge der Jüdischen ( icmemde Hellin an diesem Werk, das cm zur /et mit dern siebenten Band ahsehhertt. Das Koinprniluim br.ugt zuerst eigene Kompositionen. Nadel weist in Ihnen aus der tief( n Kenntnis der Matciic hei aus den Weg zu einer bewußt judiM'hen Kultmtisik. Er gibt den hebraiseheii Gebeten im Stiie guter traditioneller, vorwiegend östlicher Ghasanuth eine Mclodieform, bis der der rezitalive Cliaraktci überwiegt. I.me Anzahl dieser (iesiutge ist in dem Sa mm ei band ״Scnircj Simrolr‘ 193(1 ersdmtieii. Bei der Zimainmcnstdlung des Kompemliunis ist Nadel von dem Grundsatz ausgegangen, mir weite alle Kompositionen zu ubornehmen. Manches Stück, das soii.-t verloren gegangen wäre, wird hier für alle Zeiten autbewahrt. Bei den Manuskripten handelt cs sich nicht nur um solche, die sich in der Saumiltmg Nadel befinden; Musikfreunde ans vielen Landern!iahen ihm Handschriften für diese große /Arbeit zur Verfügung gestellt. Neben den bekannten Synagogeukoinponisten tauchen auch Namen von unbekannteren auf, die wert sind, nicht vergessen zu werden. Das Studium des Kompendiums erbringt den Beweis, daß es eine hebräische bezw. eine jüdische Musik gibt, die zwar Der rl runnlr Domen-, 11er vornehme Herr׳n-Schuh BERLIN WH«r »TV- _ _ RUF! 91 31 31 Kurfür»tendamm 33 ■ ■(A ■ IV* 1 I N H A tt F. R : Einjf. Grolnun.tr. JU-Z«-». X. Ji Jl X. «ul. O G. HORENCZYK Pr© wert« Angebot« fUr Aa1w4nri«rer jeweils mehr oder weniger unter dem Einfluß der zeitlichen Miisikopoche stand, die aber auch Eigenes zu sagen hat. Das ״Kompendium I Tilleluiali“' ist ein wichtiges Werk, w enn nicht das wichtigste lur das QucHcnstudium der hebräischen Musil < in Europa. I rst nach langem Sammeln und Forsrhen hat Arno Nadel rfie theoretischen Frkcm1tni-.se seiner Untersuchungen über die hebräische bezw. die jüdische M;1s׳k der ()Öffentlichkeit vorgelegt. In einer (Usprechung des 1. Bandes!:los ..Hehräischen-Orieiitahsdien .Mid׳ dienschat/cs׳‘ von Prof. A. Z. Idolsohn nimmt Nadel 1915 Veranlassung, den Versuch einer neuen I uitcilung fur alte .Melodien zu machen. Fr gliedert die von Idelsohn!!! dm Gesängen der ..Jemenitischen Juden“ Reformbestrebungen in der Synagogenmusik Die Kritik, mit der die neue Zeit an der heutigen Synagogenmusik eines Lewandowsky 11. a. ansetzt, gilt in der Hauptsache der Verbildung des; traditionellen Charakters. Die Kritik ist berechtigt. Andererseits bleibt uns der Reformator bis heute den besseren Ersatz schuldig. Das Publikum liebt Lewandowsky, veil es von seinem Zeitgeist beherrscht ist und in seinen Gesängen die gewohnte Andacht findet. In den orthodoxen kleineren Gemeinden mit starker Tradition wirkt noch der natürliche Sinn fiir das Echte .schlechthin. Deshalb bleiben sie von .Attacken der Reformbewegung so gut wie verschont. Das Blickfeld der Reformen bleibt der libcr a 1 e Gottesdienst. Wie weit gerade in diesem Rahmen der orthodoxe Standpunkt des Festhaltens an der Tradition ZIGARREN WOLF | Frankfurt a. M.« Zell 49 M Groß- und Klttnvirkouf, Versand ob RM. 20.־ frei Hau» =£= respektiert wird, ist Sache der Auffassung und des Taktes, und so begegnen wir in vielen amerikanischen Getncinden der großzügigen Geste, dem Experiment der Synugogemmisikreform den Gottesdienst zu öffnen. In Holland gehen derartige Reformbestrebungen von Sitn Gokkes (sprich: Chokkes) aus. In einer Sammlung von ihm komponierter und bearbeiteter Gesänge für den Freitagabend- und Schahbathmorgen-Gottesdienst ״S c h i r e j koiiesch“ (Verlag: Broekmans fk van Poppel, Amsterdam 1938) gibt er Beispiele seiner Reformversuche. Das Vorwort bespricht die Ergebnisse der 1 d e 1 s o h n selten Arbeiten und gipfelt in der kritischen Ablehnung der heutigen Synagogentmisik. Ookkcs glaubt, mit Hilfe des verarbeiteten Tonmaterials traditioneller Gesänge: Steigern, Kirchentonarten, Wendungen von besonderer jüdischer Eigenart —- Synagogengesänge zu schaffen, die Eingang in die Liturgie finden können. Wir finden ti. a. Seüchoth-, Propheten-, Psalm-, Tal- und Ahawo Rabboweisen, an Steigern Adonaj molocli mul Mögen ovos, R'11■chcntonarten von dorisch bis mixophrygisch und viele Nh■ginothwendiingen. Gokkes wendet ein Form Schema orien- Irdischer Tendenz an. Er hält die Regeln der Stabilität der Töne aufrecht und moduliert sehr geschickt mit traditiott eilen Hilfsmitteln, Schlußformeln, ehromafisch er Färbung der Tonshalen usw. Eine Praxi«, der eine natürliche Logik innewohnt und den Willen zeig', konsequent der Tradition treu zu bleiben, leider unter Beeinträchtigung der kompositoröchen Frische. Die Konsequenz wird zum Hemmschuh der Erfindung, die musikalischen Gehalten und Empfindungen Spielraum geben könnte. Gokkes versucht, die Gleichförmigkeit der melodischen Linie — als orientalisierende Stileigcnlüm- 1 ichkeit gemeint — durch genaue Vorschriften des Vortrags zu beleben. Manches gelingt dabei überzeugend, zumal in der Aggressivität der Steigerung, den rhythmischen Nuancen der Mciodieuntertcilung, in einigen Schlußformeln. Die üefahr der melodischen Gleichförmigkeit bleibt indes iiniiberwindbar. Die Manier der primitiven Melodicitbung überträgt Gokkes selbst auf Gesänge, die im Tonbild europäisch, im Rhythmus vom klassischen Periodenprinzip abhängig siml. Diese Kantillationen, in denen er sich der geläufigen Tonspräche der Umwelt bedient, läßt er von der Gemeinde singen. Eine harte Kreuzung zweier Prinzipien, Europa und Orient, die der Lebensfähigkeit der Melodie den Atem nimmt. Hier zeigt sich die Gefahr gekünstelter Orientalisicrung, die Diskrcpanz zwischen der Absicht des Komponisten und der letzten Endes zum Ausdruck kommenden religiösen Haltung überhaupt. Man sei sich darüber klar: die Erfindung von Synagogenmusik resultiert aus einem gläubigen Gefühl und dieses, nicht der Wille zur Tradition allein, schafft die Liturgie zu ihrem Selbstzweck. Gokkes wagt sich an die harmonisch räumliche Seife des Problems mit der Komposition von Chören, und di ist es nun interessant, die innere Wandlung des Kompositionsstils bei Gokkes chronologisch an Hand der beigegeben ett Kompositionsdaten zu beobachten. Ein ״L’cho daudi“ zeigt noch alle Schwächen eines augenscheinlichen Jugendwerks, während in den späteren Werken die innere Zucht beginnt, der traditionellen Vorlage gerecht zu werden. Im 17. und 18. Jahrhundert sog das Barock das traditionelle Element auf, im 19. Jahrhundert erlag Lewandowsky romantischen Reminiszenzen, heute bei Gokkes spielen die Farben des französischen Impressionismus, der den traditionellen Klang abbiegt. Ein Vorgang, der durchaus natürlich ist und bei Gokkes, allgemein betrachtet, einige wirkungsvolle Chorkom- Positionen zeitigt. Gokkes ,,Schirej kodesch“ sind ein b<- achtenswerter Versuch zur Reform der Synagogenmusik. Er glückte nicht vollkommen, weil das konstruktive Element mit der schöpferischen Kraft nicht immer Schritt hält. Eines sei hier ausgesprochen: das Chasonas, wie wir es in seiner Virtuosität vom Osten her kennen, ist uns diesen gewollt primitiven, fast asketischen Formen gegenüber zugänglicher, schon deshalb, weil hier Phantasie und starkes Empfinden lebenskräftige Blüten eines frommgläubigen Singens treibest. Ein Musiker, der die Gabe der von Tradition und Gläitbigkeit gleich erfüllten Improvisation hat, kann uns vielleicht das Kunstwerk des erhabenen und erlebten Gottesdienstes geben. Dr. Jakob Schönberg mitgeteilten 15 Weisen nach neuen Gesichtspunkten, nach Chorden, z. B. in Triachorde und Tetrachordc. Spätere Ausftihrungen Idelsohns (1922 in der Einleitung zu den ,״Ocsängen der Babylonischen Juden“) stehen in enger Beziehung zu Nadels Erkenntnissen. Im Bande ״Jtidarna“, herausgegeben 1920 in der ״Nationernas Bibliothek“ in Stockholm, erschien Nadels grumllegender Aufsatz über die Haupt- und Nebencharaktere der hebräischen Musik. Nur ein Hebraist und Mus kforscher, wie es Nadel gleichzeitig ist, konnte zu diesen Erkenntnissen kommen, die versuchen, wesenhafte Eigenheiten jüdisener Musik aufznzeigen. Diese Theorie ist umstritten. Mit ihr ist, nach Nadel, ״das Wesen jüdischer Musik und in Wahrheit der jüdischen Seele überhaupt festgestellt'‘. Der Aufsatz wurde 1923 im ״Juden“ noch einmal unter dem Titel ״Jüdische Musi!(“ gebracht. Ger Forscher hat immer gern über diese Fragen zum großen Publikum gesprochen. Von dieser Liebe zum Belehren zeugt die große Anzahl von Auf- Sätzen, die wir zerstreut in vielen jüdischen Blättern finden. Ob Nadel aus der Geschichte der Kol nidre-.Mclodie erzählt, ob er über originelle Sederm clodien plaudert, ob er religiöse I lausmusik zmn ersten Male wiedergibt oder em Orgel- Vorspiel für die hohen Feiertage schreibt, alles ist bedeutsames Material fiir die Geschichte unserer Svnagogemntisik. Aus der Fülle der wissenschaftlichen Arbeiten soll mir noch die letzte genannt werden. Im ersten Heft der Zeit- Schrift ״Musica Hebraica“ schreibt der Forscher über das ähes'c bisher bekannt gewordene Manuskript hebräischer Musik, über das ,.Hannoversche Kompendium״, datiert 1744. Seine weiteren Forschungen werden uns gewiß noch zahlreiche wertvolle Erkenntnisse vermitteln. Hugo Bergmann in Skandinavien 1 loser Stockholmer H.R.-ßcrichterstattcr schreibt uns: In dem überfüllen Sessionss al der Gemeinde hatte sich die Stockholmer Judenlicit cingcfunden. um Abschied von Prof. Hugo Bergmann zu nehmen. Auf dem Vortragsabend, den die Zionistisehe Vereinigung gemeinsam mit der Wizo veranstaltet«, sprach Prof. Bergmann über ״Palästinas Botschaft“. Er wandte sich an die Diaspora mit der Mahnung, die moralische Kraft aufrecht zt» erhalten und hob das Wunder hervor, daß trotz aller Unruhen in Palästina täglich geschieht, nämlich die Erziehung von 50 000 Kindern in nebräischer Sprache. Prof. Ehrenpreis sprach tiefempfurdene Dankesworte. Von hier aus begab sich Prof. Bergmann mit Herrn Berger sowie Dr. Wlad. Kaplun-Kogan naclt Kopenhagen. Auf Einladung der dänischen Freunde der Hebräischen Universität, der Kopenhagener Jüdischen Gemcinde, des Skandinavischen Zionistenverbandes, des Keren Hajellod und des Misrachi, hielten Professor Hugo Bergmann und Alfred Berger in der dänischen Hauptstadt einen Vortrag, der einen außerordentlieh starken Eindruck hinter!ieß. Prof. Bergmann sprach über ״die Grundlagen des geistigen Lebens in Palästina“, während Herr Berger einen Querschnitt über die soziologische Gestaltung des jüdischen Lebens in Palästina in der Diaspora gab. Am Schluß der Vorträge ergriff Frau Dr. Lis Jac ohsen, Herausgeberin des bekannten dänischen Wörterbttches, das Wort, und appellierte an die dänische Jndenheit, das Palästinawerk zu unterstützen. Das Kind Erzählung von G r e t 1 W e r t h e i m e r, Jerusalem In einer Siedlung starb ein fünf .Monate a'tcs Kind. Die .Melfter saß fassungslos auf dein niedrigen Bett in ihrer Baracke, als man ihr die Nachricht brachte. Die I eiterin di' Nmglingshniof s war heriibergekommen, um mit der Mutier zu sprechen, aber als sie in das ihr angewandte Ges.■ 11: sah, erstarb ihr das Wort. D> setzte sie südi ratlos auf das gegenüberliegende Bett und warte'e. Nachdem eine Mi■!!!• vergangen war, stand sie auf und strich der reglos Sitzend er! übers Haar, dann ging sie ifirer Arbeit nach. Am spaten Abend -- man hatte den kleinen Sohn bereits fortgetragen -- spürte die Mutter Sch merzen in der Brust, die von der ungetnmkenen Milch herrührten. Draußen war es dunkel geworden, kein Eicht, das aus dem I fimmel brach, gleichmäßig trübe senkte es sich über die hölzerne Hütte. Es regnete, der Wind fuhr in schweren Steißen um die Baracke, und die jungen Pflänzlinge, die man sorgfältig in das wenige Erdreich vor dem Eingang gesetzt hatte, waren herausgesehwemmt und zertreten. Die Mutter zog die erdbespritzten Schaftstiefel an und ging an der Seite ihres ,Mannes zum Kiniferhau-s. Beide hatten sie den Tag über nicht gearbeitet und sich in dumpfem Schnierz gegenüber gesessen. Sie starrten aneinander vorbei, keiner fand ein Wort, und wie gern hätten sie sich Trost gegeben! Die kühle Nacht mit dem leicht ins Gesicht schlagenden Regen ließ sie erschauern. Ihr Hund, der sich heute nicht von der Schwelle gerührt hatte, stand auf, trottete neben ihnen in der schlüpfrigen Dunkelheit und rieh Kopf und Schnauze an der Hüfte der Herrin. Der Boden hielt mit glucksenden Lauten ihre Füße fest, mühsam und lange gingen sie. Es war wie ein Gelten auf Moorboden, ungewiß tind gefahrvoll, und das Eicht, das ihnen im Auf und Ab vom Kinder haus herüberstrahlte, schien wie ein Irrlicht. Als sie sich bis zur Tür durchgearbeitet hatten und eintraten, blickten die Stillenden zu Boden, in der Scham ihres Glückes. Ja, einige bedeckten das kleine Gesicht mit der Hand, damit es die Mutter weniger schmerze. Diese ging, mit fast geschlosserten Augen, an dem leeren Bett vorüber, hob em fremdes, schwächliches Kind aus seinem Lager und nährte es. Zwischen heute tu1d morgen ist es ein langes Stück für den, der seine Stunden verwünscht. Am nächsten Morgen vermochte die Mutter nicht aufztisielten, die Vorstellung des zerstörten Tages lähmte sie. Das Leben selber hatte sich gegen sie gewandt, und doch schickte es — gleich einem Götzen, der sich nicht auf die ganze Vernichtung versteht, — zu den gegebenen Stunden <l;e Bedürfnisse. Da war das Essen, das man auf einen Schemel vor dir Bett genickt hatte: sein Anblick genügte, um sie Haß gegen das Brot empfinden zu lassen. Haß gegen alles, was sie ernähren sollte, da das von ihr Genährte fortgesunken war. Sie spann sich ein in ein dunkies, dumpfes Irresein an dem, was geschieht. Ihr Mann war früh zur /Arbeit gegangen, welche Stummheit um sie her, kein I.arhcn, kein Rufen wurde heute im Hof laut. Da raffte sie sich auf und stolperte hinaus. Die Wolken waren fortgefegt, stechen׳' und glänzend stand die Sonne über dem .aufgerissenen Boden, und der Wlr.d sprang leichten Wehens von den Bergen. Sie fand sich nicht zurecht in all der gleißenden Helle, ihr Auge war noch an graudammermles Dmkel gewöhnt. Ohne von sich selbst zu wissen, suchte die .Mutter die Wege, die sie mit dem Ungeborenen gemangen war. Zwischen starren, ■an ihren Kanten bewucherten Steinen stieg sie bergan; sic zertrat die Stengel der wilden Tulne und das lichtvolle Zittern der Anemonen. Sie stieg bis zum höchsten Punkt empor, von dort nahm sielt sogar der hölzerne Wachtturm wie eingesunken aus. Die Wächter hatten sie bemerkt, wie sie langsam, fast bewußtlos aufgestiegen war, und man behielt sie im Auge. Jäh von der Kraft verlassen, kauerte sie auf einen der Blöcke. Mit hoohge/ogenen Knieen saß sie, und dem blinzelnden Auge ward der Streifen Wcidlands zu ihren Füßen zum trübe schaukelnden Fleck. Unten trugen einige die frischen Brote aus dem Backliaus in die Vorrntsräume ttnd von dort wieder in den großen Eßratitn am Ende des Platzes. Vor den weitgeöffneten Stalltüren wusch und kämmte man die Pferde, bis ihre Leiber in der Sonne spiegelten. Att־s den Werkstätten drang das eintönige Knirschen der großen Säge und der Eisenlnut des Hammers. Vor dem Kinderhaus wurden die Säuglinge vorsichtig in griingegittertc Kästen gelegt. Die Sonne schien so warm, die Mutter träumte, dal! auch ihr Kind dabei sei, sie glaubte die blaue Decke 711 sehen, in die es gehüllt war, Ihr wurde selig zu Sinn, sie erhob sich halb — und sie wußte alles! An den Blumenbeeten, die sich rings um die Bücherei zogen, arbeiteten zwei Frauen. Eine von ihnen stieg herauf und bat die Mutter, doch von dem nassen Steine aufzustehen. Den Blick ins Leere gerichtet, hockte jene, und kein Wort drang in Ihre Sinne. Am Nachmittag, als der Schmerz in ihrer Brust unerträglich wurde, stieg sie langsam hinab, um ein Fremdes zu stillen. Die Tage glichen sich nicht, obwohl der gleiche Weckrut s'ie anbrechen hieß. Neue Kinder hieltet» ihren Einzug, und die Hirten kehrten mit zitternden Lämmern von 3er Weide heim. Der Mutter hatte sich eine Bangigkeit bemachtigt, so daß sie nächtens oft aufstand und ums Kinderhaus irrte. Drang ihr dann das winttnrige Geschrei entgegen und sah sie, hinter ein Fenster geduckt, die abgeblendete Lampe ihren Kreis ziehen, so konnte sie, wie vom Alp befreit, int ihre Baracke ztintckkehren. Manch einer fürchtete für ihren Verstand, obwohl sie aufmerksam, beinahe rastlos, ihre Arbeit an den Waschmaschinen versah. Es kannte geschelien, daß sie das pflanzenhaft kleine Gesicht wie aus dem Dunkel gehoben vor sich sah; dann fiel sie in ein lächelndes Nachdenken, das seltsam in dem mageren Gesichte stand. Eines Abends, die Mutter saß in dem großen Raum, in dem es vom Geklapper der Teller widcrhallte, fiel es einem der Essenden ein, das an der Wand angebrachte Radio anzustcllen. Eine leise \A1tsik, wie aus fernen Dämmerungen, rieselte herein, und es dünkte die Mutter, nie habe sie Zarteres geiiört. Sic staunte, jnit welcher Aufmerksamkeit man die dünne, gelbe Suppe weiterlöffelte und welch einen Zuspruch der in dünne Streifen geschnittene Salat erfuhr. Das Verhaltcnc jener Melodie war ihr wie Fetter unter der Erde, und so angestrengt sie aufhorchte, so wenig vermochte sie die Stimme ihres Gegenüber aus dem Ohr zu schlagen. Man besprach einen Unglücksfall, der sich in der Nachbarsicdhmg /!!getragen: Lea war einer Fieberkrankheit erlegen. Ihr Mann war als Wächter ins Galil geschickt worden und hatte sich für ein Jahr dem Dienst verpflichtet. Im Kinderhaus, lebte rund und kräftig ihr Sohn Dan. Er war in jenem Alter, da man beginnt, mühsam und steif, sich aufzusetzen, in dem man alles zerkaut, was einem unter die Hände kommt. Leben kam in die Mutter, als sie dies hörte, andächtig aß sie zu Ende. Offenen Blickes zwischen den Tischrcihcn geltend, bemerkte sic die in blechern« Becher gesteckten Blüten, wie sie farbtrunken den Bccherrand überquollen. Sie erbat sich den morgigen Tag frei, und «n der sehummrigen Frühe bestieg sie einen der Leiterwagen, die 2U den Wasserstationen hinunterrasselten. Der Tau lag auf Gras und Gesträuch, und wo er von der Sonne berührt wurde, schwankte er in goldenen Funken. An der Nachbarsiedlung, die mau ״Siedlung der grünen Tore“ nannte, weil ihr Baumbestand so reich war, ließ sie sich absetzen, und plötzlich schien ihr das Unterfangen so groß, daß sic verzagte. Sehr langsam mir ging sie zwischen den abgeernteten Orangengärten auf die niedrigen Baracken zu. An einem der kleinen B22B