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Jüdische Rundschau · 1938-09-30 · Heft 78 (30.9.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 78 (30.9.1938)
Date
1938-09-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 78, 30. (X. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Arno Nadel 60 Jahre Am 3. Oktober begeht der Dichter, Maler und Musiker Arno Nadel den 60. Geburtstag. In seiner Gestalt vereinigt sielt wie selten in einem Künstler eine Vielheit der Begabungen und Universalität des künstleri• sehen Erlebens, das tief im Jüdischen verankert ist. Gewiß ist nicht alles, was Arno Nadel als Künstler zu sagen hat, für die Menge geschaffen, aber cs spricht doch immer wieder zu uns als eine Ausdrucksform jüdischdriinsilerischen Erlebens. So stellt Arno Nadel eine der interessantesten Künstlcr-Persönlichkeiten der jüdischen Renaissance dar. Wir wünschen ihm, der in unserer Mitte auf der Hölle seines Schaffens steht, eine künstlerisch reiche Zukunft. (Red.) Der Dichter und Maler Von Dr. Lut 2 Weltmann Arno Nadel gehört dem gleichen Jahrgang an wie Martin Buber. Beiden gemeinsam ist die mystische Glut, mit der sie ihr Judentum erleben, der musische Geist, mit dem sie es uns zum Erlebnis machen. Das gleiche Geburtsjahr drückt sinnbildlich die gleiche Scheitelhöhe jüdischer geistcsgcschichtlicher Entwicklung aus. Weg■ und Wesen der beiden Miinner sind grundverschieden voneinander. Bei Buber: Gefaßtheit des Philosophen, er faßt sein religiöses Denken so, daß es verbindlich für uns alle sein kann. Bei Nadel: Schwärmen des mit dreifachem Kirnstlertum Bedachten, mit den Gefahren des Magiertums, die er in einem ״Cagli0stro“־Drama durch Gestaltung abreagierte, ein Einzelgänger, der auf mancherlei Umwegen zur dichterisch-reinsten Formung des jüdischen monotheistischen Gedankens in neuester Zeit kam: in dem Gedichtwerk ״Der Ton“. Und beider Werk wiederum steht in seltsamer Beziehung zu Spinoza: Buber entdeckte im Chassidismus Spinozas Gegenspiel, die Antwort des Volkes auf die Botschaft eines seiner besten Söhne, der den Zusammenhang mit ihm verloren hatte; Nadel wuchs in dieser östlichen Welt auf, schmeckte Westeuropa dann mit 90 genießerischer Neugier, um schließlieh auf sein innerstes Erlebnis eine Theologie zu gründen, die frei von allem Apostatentmn die Idee des jüdischen Monotheismus zutiefst kündet. Um den Vergleich abzuschließen: Hatte Buber sein Erlebnis der Welt stets auf das Judentum bezogen, so schweifte der Gottsucher aus Wilna auf religiösen Entdeckungsfahrten durch die Gefilde des Dionysos und des Konfuzius. Und obgleich er durch seine Ursprünge davor gefeit war, ein Jude am Rande zu werden, mahnten die allgemeinen Impulse ihn stets ebenso wie jene Menschen, die sich nur zu gern verlieren wollten. Aber den Künstler Nadel ließ die Welt des Judentums nicht los, und wann immer er sich für religiöse Weisheiten anderer Völker begeistert hatte, reckte sich der Geist der Bibel mahnend auf und forderte ihn auf, sich aufs neue in die Heilige Schrift zu versenken und neue Entdeckungen an den Tag zu heben. Nadels Gottsuchertum mußte sich in der Form der Weltoffenheit äußern, damit er den Drang zu den Quellen »eines jüdischen Gotteserlebnisses immer mächtiger spürte. Es entflammte sich an Blättern der Maler ßudko und Steinhardt, in den Büchern ״Das Jahr des Juden1‘ und ״Rot und glühend ist das Auge des Juden“, von ihm stammt die *chön׳e Verdeutschung des Anskischen ״Dybuk“, die leider nur wenig bekannt geworden ist, und die Erfüllung eines Anskischen Vermächtnisses, die Ergänzung seiner Fragmente »1 dem starken Schauspiel ״Die Pest“, das dem ״Dybuk“ kaum nachsteht. Aber wir können gerade die Schichten ablesen, in denen *Ich sein biblisches Erlebnis innerhalb seines Werkes abzeichnet. Das Drama ״Adam“, durch das er der literarischen Welt eigentlich zuerst bekannt geworden war, ist dem neuromantischen Erlebnis mehr verpflichtet als dem jüdischen ... es brauchte keinen Juden zum Verfasser zu haben, nichtjüdische Autoren behandelten zur gleichen Zeit die gleichen Themen. Eine Welt trennt es noch von einem Beer-Hofmann oder von einem Perez. Aber diesem Drama schickte Nadel die Drainolet-Reihe ,,Der Siindenfall“ nach, biblische Szenen, die trotz der dramatischen Wucht des ״Jona“ mit Dramatik weniger zu tun haben als mit der religiösen Auseinander- Setzung eines jüdischen Menschen: ein Einzelner versenkt sich in das Buch der Bücher, das ihm mm nicht mehr nur eine Quelle der Weltliteratur ist, sondern Heimat seines Schaffens, Urgrund seiner Existenz. Als Einzelner muß er an der Aufgabe scheitern, die Schönheit des Originals, an der sein Volk vor Jahrtausenden gedichtet hat, zu erreichen. Als Künstler, der im Abend- ]and schafft, bindet er Episoden zu einem biblischen Zyklus. Als Jude findet er eine Sinndeutung in den Wiederholungen gleichen Geschehens in verschiedenen Fabeln, als jüdischer Künstler endlich legt er die Heilige Schrift nicht mehr auf eine Weise aus, die gemäß den Lchrmeinungen von Geschlechtem die biblischen Geschehnisse kommentiert, vielmehr gibt er seine Auslegungen und Deutungen in künst- *.׳ ’,ff mm Arno Nadel Archiv lerischen Versionen der Themen, welche die Bibel variieren wie die Sagen, die sich um sie gebildet haben. Auch im Mittelpunkt des malerischen Werkes von Arnold Nadel steht die Bibel. Von dem großen Angclico wird erzählt, er habe nie zum Pinsel gegriffen, ohne vorher gebetet zu haben. Etwas von solcher Herzensinbrunst spürt man angesichts der Männer und Frauen der Bibel, die Nadel zu einem Zyklus von etsva vierzig Bildern vereinigt — der größere Teil ist vollendet. Rein bildkiinstlerisch betrachtet ist der Unterschied zwischen diesen seinen Schöpfungen und den Landschaften und Porträts von seiner Hand nicht eben groß. Es weht uns aus ihnen die gleiche Kühnheit der Phantasie an, die Kraft eines unbändigen Temperaments, das von den alten Meistern gelernt hat, und der genialische Wille zum großen Format. Ja, es führt sogar ein unmittelbarer Weg von seinen Porträts zu seinen biblischen Bildern. Wie seine Bildnisse häufig nu׳r einen Zug des Dargestellten erfassen wollen und von diesen die anderen ableiten, diesen gleichsam als ein Thema mit Variationen aufspielen, so sind ,Menschen von heute die Modelle seiner biblischen Gestalten, keine Porträts im eigentlichen Sinne, vielmehr Ucberhöhungen des Typus: der Künstler sucht im heutigen Menschcngcsieht das hi- Für Schabbath, den 30. September 1938 ״Sei stark und fest! Denn du sollst mit diesem Volk In das Land kommen, das der Ewige Ihren Vätern zu geben geschworen hat, und du sollst es Ihnen in Besitz geben. Der Ewige aber, er, der vor dir einhergehl, er wird mit dir sein, er lä&t dich nicht linken und verläßt didi nicht; türdife nicht und zage nirihtl' 5. Buch Mose, Kap. 31, 1-9 Ucbersctzi von Harry Tarczyner blische Urbild und schlägt eine Brücke über die Jahrtausende, indem er einmal die Bibel so entdeckt, als wäre sic heute geschrieben, und zum andern auf geistigere Art das gleiche tut wie jene Künstler, die das Geschehen der jüdischen Antike in Kostümen und Szenerien ihrer Zeit dargcstcllt haben. Arno Nadel malt die Gestalten der Bibel ohne jedes Requisit, ohne irgendein Attribut, an dem sie zu erkennen wären. Als Charakterdeuter hat er die ״Handlung“, wenn man den Ausdruck anwenden darf, ganz ins Innere seiner Helden verlegt, es sind Seelenporträts, die aus den Bildern seiner Propheten und Zweifler, Gottsucher und Empörer, Krieger und Frauen zu uns sprechen. Eine bedeutende Rolle nimmt in diesen Porträts das Ornament ein. Er komponiert die ausdrucksvolle Schönheit des hebräischen Buchstabens in den Bildaufbau hinein, zugleich aber lebt alles auf, was an jüdischer Mystik dem Künstler imiewolmt, kabbalistisch anmutende Geheimnisse haben sich ins Ornament gefluchtet. Verfolgt man die biblische Ikonographie von den frühen Fresken in Dura Europos über die berühmten Gemälde der Renaissance und des Barock bis zu den originellen, uneklektischen Werken von Arno Nadel, so muß man feststellen, daß der Meister sie wieder im Orient angesiedelt hat; er malt ein Geschlecht, das im Heiligen Lande 7u Hause ist, und die orientalische Hunt heil von Tausendundeiner Nacht schillert uns aus den Strichen und zauberischen Farben seiner malerischen Welt entgegen. Aeußert sielt das Genialische in Nadel am stärksten in seiner Malerei, das Tradiiirnisverhiuideiu' in seiner Musik, so hat der religiöse Dichter sem Reifstes in dem Gedichtwerk ״Der Ton“ gegeben. Auch hier ist er im Orient eingekehrt: die Form dieser Botschaft ist die ostasiatischer V eisheitsspruclu׳, ihr System gemahnt an die Ideen Platons — die höchfte Einheit ist der ״Ton״, ihr (leist ist der eines Spinoza, der Gott ״liebt“, indem er unser ״f'rUrimni“ vertieft und so dem sinnvollen Doppelsinn des biblischen Wortes ״Erkennen“ gerecht wird. Der Musiker Nadel fand den Begriff ,.Ton“ als — Symbol d!s Dn-agbaren, ries in Werte Nicht-Faßbaren, des unaussprechlichen Namens. Wir wissen, daß es zuin Wesen des (Kindchen gehurt, daß es in seinem Letzten unergründlich bleibt. Aber nur durch Wissen um Gott können wir uns dem Göitlichcn nähern — nicht im sündhaften Himmelsturm wie das Geschlecht des babylonisehen Turms, sondern um durch (iotteserkemituis als Mensehen vollkommener zu werden. Als Dichtung ward die Weisheit des ״Ton“ dem Dichter offenbart. Als Religion fand uralte Väterweisheit darin ihren Niederschlag. Was vielen von 1ms nicht zugänglich war, weil diese Weisheit in Formen erstarrt war, an die wir — ob durch Schuld oder durch Schicksal, ist für die Feststellung des Tatbestandes gleichgültig ־— nicht mehr ankniipfen können, liier begegnen wir ihr in einem edlen Gefäß. Ablagerun gen eines geschichtlichen Prozesses, durch Dichtertum geläutert. .Monotheistische Mystik in Tausenden von Vers- Sprüchen, die Diskussionsmateriai sein sollten wie die Lehren der Väter in den alten Talmudschulen. Der Musiker Von Erich Mendel, Bochum, Für Arno Nadel hat es niemals ein Problem der Existenz einer ״Jüdischen Musik" gegeben. Wer in Wilna aufgewachseii ist und von frühester Jugend an allen Singsang des jüdischen Lebens in sich aufgenommen hat, der sieht die Frage einer jüdischen Wi-ik mit and tu en Augen an als der Westeuropaisclie Jude, der diese Musik nur aus den Gesängen der Synagoge kennt, ohne dabei zu ahnen, daß sie fast ganz, europäisiert ist und nur noch selten Rudimente althebräischer Musik enthält. Schon als Kind hat Arno Nadel in Wilna bei dem Mus.ker H. B. (iolonih theoretische Studien gemacht und 11111er seiner Anleitung als Zehnjähriger die ersten Bearbeitungen jiddischer Lieder geschrieben. Im Jahre ISOä kommt er nach Berlin. Wer weiß um PlfMI unter den Juden in Westeuropa etwas über das leitendige jiddische Volkslied0 Wer kennt den Reichtum an religiösen, häuslichen Gesängen, die in Ostcuropa erklingen? Wer ahnt etwas von der Fülle der chassidischen Niggunim, die an den Höfen der Wundcrrabhis ertönen? Wer denkt daran, diese ,Musik aufzusrhroiben, sie Total-Aus verkauf wegen vollständiger Geschäftsaufgabe Beginn Freiiag, den 30. September Alle Preise bedeutend herabgesetzt IQDWm Herren- und Knaben-Kleidung Frankfurt a. M., gegenüber dem Haupthohnhof zu bearbeiten, sie nach den Methoden der Musikwissenschaft zu analysieren, sie zu gruppieren und sie etwa daraufhin zu untersuchen, ob ihr Charakter Merkmale jüdischer Eigenart aufweist? Für das Gebiet der synagogalen Musik hat Eduard Birnbaum, der Lehrer von Nadel in Königsberg, die grundlegenden Vorarbeiten geleistet. Diese gaben dem jungen Nadel das Rüstzeug, in vier Jahrzehnten auf den verschiedensten Gebieten der jüdischen Musik zu forschen, (jesänge zum ersten Mai auf/uzeichneu und zu sammeln, Manuskripte aller Art aufzustöbern, die Arbeitsweise der modernen Musikwissenschaft auf all das zu übertrugen, was als jüdische Musik anzusprechen ist. Schon 1902 veröffentlicht Arno Nadel seine ersten Bearbeitungen jiddischer Volkslieder mit Klavierbegleitung in einem Anhang zum ״Jüdischen Almanach“. In diesem für die beginnende Renaissance der jüdischen Dichtung und Malerei bedeutsamen Buch stellt er zum ersten Male das Volkslied der Juden in Osteuropa heraus. Von 1905 bis etwa 1920 bringt die Zeitschrift ״Ost und West“ viele jiddische Lieder, die bis auf wenige von Nadel bearbeitet wurden, ln den ״Jomteffliedem“ veröffentlicht er neben den hebräischen Oeeingen jiddische Festtagslieder. Diese Hefte, mit inter- Die Reidis Vertretung zu Rosch Haschana An der Wende des Jahres ist es uns geboten, deutlich das zu sehen, was ist, und klar zu erkennen, was sein soll. Lastender noch als in früheren Jahren war jetzt Monat um Monat die Schwere des Geschehens auf uns gelegt. Keinem ist cs erspart geblieben. Alles Aeußerc unseres Daseins wurde davon erfaßt und bedrückt, und immer wieder drohte es auch das Innere unseres Lebens zu ergreifen, unserer Seele den Atem zu nehmen. Wie oft haben uns Zweifel umringt, wie oft hat fast Verzweiflung uns überwältigen wollen. Wir wissen um alles, was gekommen, um alles, was da Ist. Um so fester und bestimmter wollen wir deshalb unseren Blick dabin richten, wo unsere Geschichte es uns klar zeigt, wie in allen unseren Generationen Versunkenes wieder zur Zukunft geworden ist, wie sieh uns stets das Leben, das beendet schien, erneuert hat. Auch wir sehen es jetzt, wie neue Stätte der Heimat überall auf Erden von unserer Jugend errungen wird, wie damit auch für die Aelteren ein Platz sich zuzurüsten beginnt. Wir dürfen stolz auf das sein, was unsere jüdischen Menschen, in neuen Formen des Daseins arbeitend, für sich und für uns alle vollbringen. Wohl ist es ein langsames Werden und ein mühevoller Weg; aber alles, was bestehen soll, verlangt seine Zeit und fordert sein Bauen, Stein um Stein. Wir Juden sind das Geschlecht, das zu erwarten vermag; die Geduld ist unsere Kraft. Von einem hängt alles ab, davon, daß wir wissen, was sein soll. Wir sollen unseren großen Glauben, den Glauben unseres Judentums, in uns wahren, in uns lebendig erhalten. Das bleibt uns doch gegeben, daß wir in ihm leben, in ihm unsere Kinder erziehen können. Und nur wo er ist, wird uns wahrhaft Stätte unserer Zukunft bereitet sein. In ihm wollen wir alle fest sein, in Schlichtheit und Geradheit, in Echtheit und Rechtschaffenheit, die einen zur Ferne hinausziehend, die anderen eine Stunde, die auch sie zu Neuem führt, erhoffend. In unserem Glauben haben wir immer aufrecht dagestanden. Wir Juden sind das Geschlecht, das des Ewigen gewiß ist. So wir mit Gott sind, wird Gott mit uns sein. Die Reidisvertretung der Juden in Deutschland Baeck Hirsch

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