Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 76-77 (23.9.1938)
- Date
- 1938-09-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 76/77, 23. IX. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 7 Jahresschluß im Emek Chefer Besuch in einer Kwuza In früheren Zeiten pflegten die jüdischen Dörfler (Jischuwnike* genannt) für die hohen Feiertage in die Stadt zu ziehen. Heute wallfahren die städtischen Jischuwnikes von Erez ]Israel in die Dörfer und Siedlungen, um dort in Gottes freier Natur diese Tage und den Jahres- Wechsel zu begehen. Einer der beliebten Wallfahrtsgegenden ist jetzt das Emek Chefer geworden und besonders der Kibbuz Givatli-Chajim. Trotz Wirtschaftskrise und Unruhen haben sich die landwirtschaftlichen Siedlungen sehr entwickelt, und wenn man nach längerer Zeit einen Kibbuz besucht, so erkennt man ihn nicht wieder. Auch in Givath-Chajim sind große Ver- Änderungen vor sich gegangen. Alleen von Farnbäumen sind gepflanzt worden, die nach wenigen Jahren schon mit ihren Schirmkronen Schatten und Erholung spenden werden; an jeder Baracke fast sind Schlingpflanzen, Blumen und Rasenflächen zu sehen, so daß der bisherige Sandwüstencharakter des Ortes bald gebannt sein wird. Im Mittelpunkt der Siedlang ist ein kleines weißes Kulturhaus erbaut worden, in Max Weissler Berlin W, Sä Klsistatr. 12 Ä dem Lesesaal, Bibliothek, Klavier und Radio unlergebracht sind. Dem Kulturhaus gegenüber erstreckt sich ein langes wohlgepflegte« Rasentrapez. Linst pflegte man auch hier, besonders am Schabbath und an Festtagen, viel zu singen und zu tanzen, doch seitdem der Rasen da ist, sind Emst und Ruhe in Givath-Chajim eingezogen. Bei untergehender Sonne sammeln sich da die jungen Mütter, um nach des Tages Arbeit mit den Kleinen Wiedersehen zu feiern, während die jungen Väter Zusehen und in Zeitungen und Büchern blättern; an einer freien Ecke tummeln sich die erwachsenen Kinder; an einer anderen Ecke besprechen Fachmänner und leitende Chawerim die Tagesereignisse des Ortes und sorgen dem kommenden Morgen entgegen; wer aber ein Feind des Sitzens ist, macht seinen Rundgang um den Rasen und läßt das Radio und die Luft auf sich wirken; wer gar der Romantik und Musik ergeben ist, läßt die Guitarre erklingen, und ein Gelegenheitsdichter singt dazu Verse über die Teilung des Landes, bis in später Nachtstunde jüdische und nichtjüdische Heimatlieder den Abend beschließen. Diese Bewegung im Lager geht aber nicht ohne öffentliche Kontrolle vor sich, denn vom Wasserturm aus nimmt der Scheinwerfermann unbarmherzig alles, was in und um Givath-Chajim lebt, in seinen Lichtkegel auf, so daß man auch des öfteren das Jesaiaswort ihm zurufen hört: ״Schomer! Mali milejl?“ (Wächter! Wie weit ist's in der Nacht?) Verfinstert sich jedoch sein Apparat, so antwortet ihm der Chawer von Kfar-Jonah oder einer anderen Siedlung des Emek-Chefer mit geheimnisvollen Zeichen und Lichtgarben. Aber auch im inneren Wirtschafts־ und Gesellschaftsbetrieb sind manche Veränderungen vor sich gegangen. Der frühere ,,Finanzmann“ des Kibbuz bewässert jetzt die Pardcssim, und in hohen Gummistiefeln eilt er täglich uni halb vier Uhr morgens, die Tufiah auf der Scfiulter, hinaus, zählt die Häupter seiner lieben Bäume und läßt ihnen reichlich oder kärglich Wasser zufließen, je nach Gutdünken und Laune. Der Chawer, der als Nachtschomer auf hohem Roß furchtlos die Felder zu durchjagen pflegte, ist in den niedrigen Kuhstall hinabgestiegen, wo er die Kühe füttert und melkt und auch die Milchstatistik führt; ihm assistiert der frühere Baumeister des Kibbuz, der aus Mangel an Bauarbeiten Tierkunde und Tierpflege studiert. Der Traktormann, der die Erde von Givath-Cltajim in ihren tiefsten Tiefen aufwühlte, ist zum Stadtchauffeur vorgerückt und stellt täglich die Verbindung zwischen Givath-Chajim und "Tel Awiw her. Die Zahl der Kinder hat sich in den letzten zwei Jahren verdoppelt, und das erste Halbhundert ist schon überschritten. Wenn morgens die Säuglinge und die kaum Entwöhnten in den großen, mit Drahtnetzen versehenen Holzkästen sich sonnen, weinen und schreien, antworten ihnen die Pferde und Kühe aus den benachbarten Ställen, und besonders das weiße Legliorn aus den Hiihnerställen, so daß in aller Frühe schon eine schlafraubende Morgensymphonie sich wiederholt. Für die ersten schulpflichtigen Kinder wurde bereits eine Vorbereitungsklasse gebaut, und Gideon, Amnon und Gilead werden es nicht leicht haben, ihr Beduinenlehen aufzugeben und zur Seßhaftigkeit zu übergehen. Michail, des Finanzmamies Erstgeborener, lädt mich ein, den ״Meschek“ zu hesichtigen und sagt stolz die Worte: ״Komm, ich werde dir die ganze Welt zeigen!“ Wahrlich, er macht seinem Prophetennamen Ehre! Vor sechs Jahren wurden die Felder des Kibbuz rum ersten Male durdiackert, und nun liegt auch ein gedruckter Bericht vor.!Jeher dreihundert Seelen zählt er, aber die Sorge für jedes Individuum spricht aus allen Zeilen des Beriehtes. Statistiker und Wirtschaftler, Soziologen und Erzieher werden etwas mit sich nach Hause nehmen können. So entfielen z. B. in einem Jahre auf eine Kuh plus 2'j Kalb 41,6 Arbeitstage, während im darauffolgenden Jahre bloß 39,2 Arbeitstage genügten, eine Differenz, die bei 70 Kühen sich schon bemerkbar macht; Siwah, die einzige Schülerin, die auswärts ejne Schule besucht, ist ein Problem, dem ein Kapitel gewidmet ist; die Wäscherei in Chederan arbeitet ohne Ocwinn, wird aber aufrecliterhallen, weil zwei Chawcroth dort dauernd Arbeit finden. •— An jedem Roscli Hascliana beginnen die ״Jahrcssichoth“, die sogar am Hoschana-Rabba noch nicht zu Ende sind. Simon Meacztr, Tel Awiw n1Mtt11111111111111111(mHM1111M11H11111111111111111t1111M111t111111!1111111111111111111111111t11H1M1«n1MMM1111111H*111t11Mti1H1(1H1111(111nM11111H1111i1(111111!111111111111111H11UM111u111»111H11M1111t1111111111111t11111111)11111i1111111t111111!1Ht1111111u11tnu11t11Htn1M111111tm1111mun11 Rückblick eines Auswanderers Philadelphia, im September 193$ Wiederum geht ein Jahr zur Neige; Menschen, die emsig und geschäftig das ganze Jahr herumhasteten, nehmen sich wenigstens für eine kurze weile Zeit zurückzudenken, um sich Rechenschaft über das Vergangene abzulegen. Bevor wir Juden das Gotteshaus an den hohen Feiertagen betreten, versuchen wir mit dem alten Jahr zu einem guten Abschluß zu kommen und sind schon voll von neuen Gedanken für das kommende Jahr, in der Hoffnung, die nötige Kraft dazu im Gebet zu finden. So will denn auch ich im folgenden eine Bilanz des Auswanderungsproblems des vergangenen Jahres ziehen, zugleich mit einem hoffnungsvollen Ausblick für die Zukunft. Der große Strom der Auswanderung ist leider im letzten Jahr etwas ins Stocken geraten; trotzdem haben Tausende von Juden Aufnahme in den Ländern de: Welt gefunden. An erster Stelle steht Palästina, als einziges Land mit einer organisierten Massencinwauderung. Allerdings sehen wir mit sehr gemischten Gefühlen auf das Experiment, das man heute in diesem Lande durchzuführen versucht. Wir Auswanderer in allen Teilen der Welt nehmen lebhaftes Interesse an der Entwicklung Ercz Jisraels, wenn auch von einer gewissen Distanz aus. Aber eines ist sicher; Es gibt wohl keinen Ausgewanderten, der nicht den dort arbeitenden Menschen die innen gebührende Hochachtung, ja sogar Verehrung zukommen lassen würde, Wir stehen mit Genugtuung vor den Verdiensten der Chaluzim und versichern ihnen unsere Uebereinstimmung und Solidarität in allen Dingen zum Besten des jüdischen Volkes. Wir nehmen schweren Herzens von den Opfern des Terrors Kenntnis, wie oft sind doch auch leider nahe Verwandte oder Freunde davon betroffen; und wo Juden aus Deutschland sich in diesen Tagen gemeinsam _ zu Gottesdiensten zusammenfinden, sollten sie in ehrenden Worten ihrer gedenken. Wenn wir jüdischen Emigranten aus Deutschland, verstreut über den ganzen Erdball, an diesen ausgezeichnetsten Tagen des ganzen Jahres unsere Oebetstätten aufsuchen, sei es in Palästina, in einer nordamerikanischen Großstadt oder in einer südafrikanischen Kleingemeinde, 80 haben wir uns doch alle dieselben Fragen vorzuiegen: Was hat uns das verflossene Jahr gegeben und was haben wir in ihm geleistet, können wir von Erfolg sprechen, und wie sind unsere Aussichten? Die Beantwortung der ersten Frage ist eine rein individuelle, jeden einzelnen Ausgewanderten betreffend. Fast jeder von uns ist wohl glücklich genug, eine ihn befriedigende Arbeit gefunden zu haben, die ihn befähigt, wenn auch in beselieidenster Weise, für sich und die Seinen Sorge zu tragen. Einige sind sogar schon weit genug, um Pläne und Vor- Bereitungen für die Uebersiediung anderer Mitglieder ihrer Familie treffeu zu können. Die zweite und dritte Frage, was wir im vergangenen Jahr ,geleistet haben und ob unsere Bemühungen von Erfolg gekrönt waren, verdient schon eine genauere Betrachtung. Materiell gesehen und gemäß den vielfach schlechten Bedingungen, hat wohl jeder nicht zu wenig geleistet. Denn wir sind in ferne Länder, in fremde Erdteile gegangen, zu andersartigen Menschen und Sitten. Dazu kommt noch, daß Klima und Temperatur oft ganz verschieden sind und das Einieben erschweren. Außerdem sind ja meistens — leider muß es wieder gesagt werden — die Sprachkcnntnisse der Neueinwandercr mangelhaft und dürftig. Wir haben gern jede schwere körperliche Arbeit angenommen, die die meisten von uns früher nicht gewöhnt waren, und waren daher imstände, wenigstens im kleinen Rahmen eine neue Lebensbasis atifzubaucn. Aber da man ja nicht nur vom Brot allein lebt, und wir Juden eine nicht ablcugbarc Neigung zum Geistigen haben, sind wir auch wieder dabei, uns neue Geisteszentren zu schaffen. Und damit beginnen wieder die neuen Schwierigkeiten. Ungeheuer schwerwiegende Probleme liegen in dieser geistigen Betätigung, Probleme, von denen eines Tages das Sein oder Nichtsein unserer Kinder und damit die Zukunft unseres alten Volkes ahhängen kann. Es sollte .eigentlicch müßig sein, immer wieder davon zu sprechen, doch machen es die Erfahrungen notwendig, diese großen Gefahren deutlieh aufztizeigen- Der geistige Zusammenbruch des Judentums in Deutschland und die Veränderung von Begriffen, die lange Zeit als gesichert gegolten haben, sollten in noch zu frischer Ermnerung sein, um schon wieder ignoriert zu werden. Wir sehen aber wieder stellenweise draußen in Uebcrsee eine Assimilation, wie wir sie in Grund und Boden verdammt haben. Es soll damit natürlich nichts gegen das Einieben j lc־c/-,£> Ha t/ee ALLIGATOR״^' 1| u I sind cj u t o l e ri <• r w a r v o UNSERK VERKAUFSGESCHÄFTEt Berlin, T11ufnt*if*n*trnßc 16 Himburg, Jungfrrnstieg 43 Köln a. Rh., Hobe Straße 115 Eisen! Limheckerstriße 10 Eisen, Am Hiuptbihnhof 10 Bochum, Kortumstrißc 67 F r ß nk f u rt M., Roßmarkt 15 Zentrale: OHenbieh 1. M. r 111, Herzotfstraße!16 in die Gegebenheiten der neuen Heimat gesagt werden, aber ich muß mich hier gegen die Auswüchse wenden, die leider schon nicht mehr zu den Ausnahmen gezählt werden können. Sobald sie ihre Füße an Bord eines Schiffes gesetzt haben, das sie dem neuen l ande entgegenbringen soll, haben manche vergessen, warum sie ausgewandert sind. Wohl keiner von uns hat sich zu dem schweren Schritt entschlossen, nur um sein persönliches Leben zu sichern, sondern um eine Zukunft zu schaffen für seine Kinder und Kindeskmdcr. Wenn Auswanderer nicht erkennen, was sie der Judenfrage schuldig sind, und daß unser Judesein uns besonders verpflichtet, dann sind neue Gefahren nicht aufzuhalten. Der Erfolg unserer Bemühungen hängt also zum Großteil von uns selbst ab. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Chaluzim in Erez Jisrael und übertragen wir einen Teil ihres Pioniergeistes auf uns! Das ist die Antwort auf unsere letzte Frage, die nach unserer Z 11 k 1!!1 f t. Wenn wir das neue Jahr in diesem Sinne beginnen, wird es ein gutes für uns werden. Ernst Gottfried Budwig Raw Hai Gaon — Zum 900. Todestage. Zum 900. Todestage und damit ungefähr zum 1000. Geburtstage Raw Hai Gaons gab das Mossad Harawkuk ein Sammelbuch zum Gedächtnis dieses letzten großen Vertreters des Gaonats heraus. Die Vielseitigkeit dieses Mannes als Ha lach ist (Aufsätze von Raw Usicl, Amid, Dr. Lewin), als Systematiker (Aufsatz von Raw Assaf), als religiöser und moralischer Dichter (Raw Brody) wird in einer Reihe von Aufsätzen behandelt. Dr. öbad ja (Gottesdiener) gibt einen historischen Ucberblick über Raw Hai Oaon und seine Zeit, er schildert den Kampf, den der Gaon gegen verbreiteten Volksabcrglaubcn mit einem für die damalige Epoche bemerkenswerten Mute führte, Raw Fisch mann behandelt die Lehr- und Forschungstätigkeit von Raw Hai Gaon, die Lieder und Pijutim, werden von Jizchak Werfel mit einem kurzen Kommentar versehen abgedruckt, andere Beiträge (von Dr. Karlin, Dr. Lewinski, Dr. Rcubeni und Dr. Wolfsberg) befassen sich mit Raw Hai Gaons Wirtschaftsansichten, Kalenderfragen, botanischen Spezialproblemen und seiner Persönlichkeit. Aus dem Wochenabsdinitt für Schabbath, den 24. 9. 1938 Denn dieses Gebot, das Ich dir heule gebiete — nicht entrückt Ist es dir und nicht fern Ist e». * Nicht im Himmel ist es, dab du sprechen mflbleit: ״Wer stiege für uns In den Himmel hinauf und holte es für uns. um es uns zu verkünden, daß wir es tun 7" * Und nicht Jenseits des Meeres ist es, dab du sprechen mühtest: ״Wer führe für uns übers Meer hinüber und holte es lür uns, um es uns zu verkünden, dafe wir es iun?" Sondern »ehr nah ist dir das Wort, In deinem Mund und In deinem Herzen, dal» du es tust. Sieh, Id! habe dir heule vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse, * Indem Ich dir heute gebiete, den Ewigen, deinen Golf zu lieben, in seinen Wegen zu wandeln und seine Gebole, seine Salzungen und Rechtsvorschriften zu wahren, auf dal» du lebst und dich mehrst und der Ewige, dein God. dich segnet in dem Land, dahin du kommst, um es in Besitz zu nehmen. * Wenn aber dein Herz steh wendet und du nicht gehonhst und du dich verleiten lÄ&f und dich nlederwirfsl vor anderen Göttern und Ihnen dienst, * so künde ich euch heule, dal» Ihr zugrundegehen ■werdet; Ihr werdet nicht lange In dem Land bleiben, dahin zu kommen du nun den Jarden durchschreitest, um es in Besitz zu nehmen, * Zu Zeugen habe Ich heute gegen euch bestellt den Himmel und die Erde: Das Leben und den Tod habe Ich dir vorgelegl, den Segen und den FluchI So wähle das Leben, auf dab du lebst, du und dein Same: * Zu lieben den Ewigen, deinen Golf, seiner Stimme zu gehorchen und Ihm anzuhangen; denn das isl dein Leben und die Dauer deiner Tage, daß du bleibst aul dem Boden, den der Ewige deinen Vstern Abraham, Jlzhak und Jaakob zu geben geschworen hat." 5. B. Mose, Kap. 30, 11 — 20 Uebersetzf pan Harry Tnrctyner Eine Dichterin Unter den zahlreichen jüdischen I )ichtenniieri unserer Tage ist Gertrud C h 0 rl 1! e s n c r zwoftllos die bedeutsamste. Diesen Eindruck hatte man bereits beim Hören einzelner Gedichte bei Rc/iiationsahenden gewonnen. Der Verband: ״Die Frau und die Tiere‘111!) ׳ Indischen Buchverlag Erwin l.oewe, Berlin) bestätigt ihn in jeder Hinsicht und entkräftet so manches gnmd.-ut/lii du- Mißtrauen gegen dichtende F rauen. Hier findet man kein Schwelgen in persönlichen Gefühlen oder allgemeinen Betrachtungen, keine Vererbung lyrischer Requisiten ,aus Ahnensälen und Schöngeistersalons, kein Kleinod aus fremden Schatzkammern, keine ausgetretene Reim- und Sprachiahrie. kein leeres Versgcklingel. Gertrud Chod/iesner bleibt stets auf Ursprungliclikeitsbcvveise sowie auf Haltung und selbst bei persönlieben Bekenntnissen auf seelische Verbaltenbeit bedacht. Sie wirkt oft kraftvoll, männlich: ״Mein Gott hat ein Haupt! Mein Gott hat ein Männerhaupt mit Brauen und einem Barte, Sein Wort bewahren Engel mit bronzenen Schwingenrändern, Nicht jene flittrigen rosa und blonden Bübchen einer Ansichtskarte: Vier große, braune, stille Engel in seidnen portweinfunkeln- * , ׳ ■den Gewändern.“ Hier stört freilich die Verknüpfung zeitloser Gestalten, mit Dingen und Farben aus unserer Zeit (.,Ansichtskarte“, ״portweirifunkelndcn“ Gewändern). Solche gelegentlichen Originalitätsaimvüehse sind bei den leidenschaftlichen und kühnen Vorstößen aus den engen Bezirken der bisher meist persönlichen Bekenntnisse von Fraueiidichtungen (die oft durch die Gemeinsamkeit eines familiären Tons eine Familie bilden) in die Weite und Tiefe einer mythischen Rückschau verständlich. Denn diese Gedichte können auch Gesichte heißen, so reich sind sic an nützlichen Bildern, Farbenreizen und Phantasiegemälden: O ein Schwan! Groß erblüht und lose. Warf aus dem Schilfwald ihn Pan Als eine weiße Rose? Oder: Die Ottern sitzen fernen Königinnen Im Schoß und züngeln ihre Schalen leer Und fragen Kronen, die von Golde rinnen Und tragen Augen, helintropcn-whwer. Erwacht hier nicht aus Versunkenheit und Schlummer eine Zauherwelt? Die Verschmelzung von lyrischen und epischen Flomenten, Sehnsuehtsträumen und Ymvtmsrhcnhciten, Visionen und Wirklichkeiten, die Rhvthmcuvielfalt und F’ornienfülle sowie die Verzauberung von Tieren und Pflanzen zu tnärchenhaften Gebilden voll starker Magie kennzeichnet die dichterische Eigenart Gertrud Ohodzicsm rs. ״Die Frau und die Tiere“ offenbaren hier in zwei Begriffen die gleiche Sehnsucht nach urtümlich er, ungehämligler Natur sowie nach Natürlichkeit und Freiheit und nach endlicher Erlösung von Gesellschaftsjoch und iibcrfeinrrnder Zivilisation. Durch ihre Urwüchsigkeit, Natürliche, Unrrcliundenhcit und Lebensromantik wirkt deshalb hier von allen I rau (׳!!gestalten am stärksten ״die Landstreicherin“. Die schöpferischen Beziehungen der Dichterin zum Judentunt sind von vorbildlicher Lauterkeit. Sie weiß die biblisehen Gestalten so durch die UrWorte geheiligt, daß sie sie nicht, wie leider all/uviele, zu Spielzeit gfiguren für den Literaturmarkt entwertet, und sich Israels Zelten ehrfurchtsvoll und selten nähert. Ihre eigene stolze Haltung bekundet das Gedicht: ״Die Jüdin“. Nicht jede Zeile ist freilich unanfechtbar. Manchmal finden sich zwischen dein echten Edelsteinglanz der Worte prunkvoll gleißende Similis, manchmal wird die virtuose Beherrscherin der Sprache von ihrer Dienerin zu stark beherrscht; zuweilen gefährden Phanlasiebikler in zu rascher Folge die Geschlossenheit des Eindrucks. Dennoch, ja zehnmal dennoch, begrüße ich hier herzlich eine Dichterin starker Magien. Arthur S i I b e r g I e i t Au» der ״jüdischen Rundschau״ v. 26.9.1913! Es soll versucht werden, den wiederholl ventilierten Plan zur Errichtung eines II ehr ä i s che n Kinder• g arten s in Berlin nunmehr zu verwirklichen. PS RS I AN B R NIRU SllbcrtttchM. SKmtl. Peliaritn BERLIN W S 0 Augiburgtr Strass« 4B