Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 76-77 (23.9.1938)
- Date
- 1938-09-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653549-2653614--32693-2684435- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 76/77, 23. IX, 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Wir wandern aus... Eine Reportage von Mala Laaser / Zeichnungen von Ernst Markuse Diese Einleitung wurde nicht geschrieben, weil wir dem l.eser auseinandersetzen wollen, aus welchen Beweggründen wir im Hause des Hilfsvereins der ■luden in Deutschland ein wenig planlos, aber ganz unsentimental ein paar der nach unserer Meinung typischen ״Fälle" auswanderungsivilliger Juden notierten. }Vir hatten selbstverständlich eine Art dokumentarischen Berichts im Sinn; aber in dem hier zur Verfügung steh״ndcn beschränkten Raum können nur skizzenhafte Ausschnitte des Gemeimchaftsschicksals Raum finden. End vielleicht müßte für einen wirklichen dokumentarischen Bericht erst ein zeitlicher Abstand zwischen dem Erleben und der objektiver. Nachgcslaltung liegen. Za distanzlos stehen wir heute noch der Geschichte unserer Auswanderer gegenüber. Deshalb haben wir es nickt unternommen, etwas über diesen oder jenen auszusagen. Wir haben nichts als Fragen gestellt, Menschen und Antworten aufge zeichnet, — und nun lassen wir die ״Fälle" selber retten. ... Ja, natürlich, selbstverständlich, bitte schön, Sic können mich fragen, was Sie wollen. Ich bin ja hergekommen, damit alle mich fragen können, was sie wollen und was jedem einfällt. Wie alt ich bin? Also, ich bin 33 Jahre alt ... ja; 33. *v iS Ist noch jung, ja, haben Sie recht. Uiul üabei bin ich schon rumgekonimcn, in der ganzen Welt bin ich doch fast schon rumgekomineii. Meinen Beruf? Ach, den gelernten! Ja, — früher, nicht wahr, da bin ich Exportkaufmann gewesen, ja, auch im Ausland. Gute Stellungen gehabt. Erstklassige Positionern, Eremdsprachenkorrespondcnt und so. Ob ich Englisch spreche? Natürlich sprech’ ich Englisch. Elieikfid Jawohl. In New York war ich, bis 1930. Was ich da gemacht liab’? Tja, war zuerst Packer, Tellcrtrockner und dann schließlieh, durch Beziehungen, hah idi ’11e Position in der Exportbrauche gekriegt. Ausgezeichnet, als deutscher Handelskorrespondent. Ja; bis 1030 war ich da. Und dann kam ich zurück nach Deutschland. Warum? Meine Mutter war krank. Also jedenfalls, icli kann Ihnen sagen, ich versteh’ vom Exportgcschäft ’ne ganze Menge, Können sich drauf verlassen, wenn ich nach Columbien komm’, geht alles all right. Wenn ich bloß schon erst dort war’, aber mit dem Hin und Her, mit der Schreiberei und mit den Rückfragen — wissen Sic, ich bin an sich ein ruhiger' Mensch, aber immer wieder das Warten hier und dann fehlt das und das, w issen Sie, da kann man die Lust verliere!). Nun müssen Sie sich vorstcllen, ich hah’ auch noch was zu tun, man muß ja schließlich leben, nicht wahr, auch wenn man sozusagen schon mit einem Bein in Coiumbien steht. Ob ich jetzt liier ’ne feste Stellung habe? Schon seit 1933 nicht. Deshalb will ich answandern. Na, und dann. Ich will eben vorwärts kommen. Ich will was schaffen. Ob ich verheiratet hin? Natürlich, acht Jahre bin ich schon vereiratet. Meine Frau ist berufstätig. Verdient so ungefähr 100 Mark brutto im Monat, im Büro als Kontoristin. Kinder? Nein, wir haben keine Kinder. — Ich disponiere zwar immer nur von einem Tag auf den anderen, aber das kann ich Ihnen sagen: ich komme durch. Auf welche Art und Weise ich jetzt hier Geld verdiene? Will ich Ihnen sagen: Ich gebe Sprachunterrieht, Englisch, Spanisch und Französisch. Ja, ich habe zu tun. Und dann mache ich Uebersetztingen, und dann draußen in Coiumbieu wird wieder richtig in der Branche gearbeitet. Eine Stellung habe ich nicht in Aussicht, aber die wollen mir hier auf’m Hilfsverein behilflich sein, daß ich irgendwo anfangen kann in Columbien. Selbstverständlich ist das ’ne große Chance für uns beide, wcnu’s bloR schon endlich so weit wäre. Natürlich, Geduld muß man haben, weiß ich; ich bin ja nicht blind, ich sehe doch, was sich hier tut aufm Hilfsverein. Sowas von Fidle. Ob ich überzeugter Jude bin? Ich werde Ihnen mal sagen: jüdisch bin ich auf die Welt gekommen, und jüdisch werde ich mal begraben werden. Weiter ist das kein Problem für mich. Wollen Sie sonst noch etwas wissen? Es kommt mir nun auch nicht mehr auf ’11e Sekunde an. Na also, wenn Sie fertig sind, kann ich mich ja wohl empfehlen. ....Moment mal, meine Dame. Nein, liier ist keine Beratung. Das sind nur Herrschaften von der Presse.. . haben nichts zu tun mit’m Hilfsverein. Na nu fangen Sie man nicht gleich an zu weinen. Zu wem wollen Sie denn eigentlich? Sind Sie denn ein dringlicher lall? Na warten Sic, ich weiß hier im Lauf der Zeit schon einigermaßen Bescheid, kommen Sie mal her, ich bringe Sie rasch rauf in den vierten Stock; wird schon altes in Ordnung gehen. Also, alsdann, good-bye, meine Herrschaften! Vielleicht sehen wir uns mal gelegentlich in Columbien wieder.... * ....ich stehe Ihnen sein־ gern zur Verfügung. Sie dürfen ruhig alles über meine Pläne und Hoffnungen wissen, nur fürchte ich, daß Sic mein Fall nicht sonderlich interessieren wird. Erstens Irin ich noch ziemlich jung, IS Jahre, — aus diesem Grund ist auch mein Vater mit mir zum Hilfsverein gegangen und dann haben wir auch eben bei einem der Berater drinnen gehört, daß für mich die Auswanderung erst in etwa einem Jahr in Präge kommen dürfte. Es ist nämlich so, ich will nach Australien, und in Australien legt man Wert auf Leute, die ein Handwerk ausgelernt haben, also Umschichtlcr haben dort keine Chancen. Ich lerne hier Zahntechnik, das ist eine ganz gute Sache für Australien. Nur muß ich ausgeiernt haben, bevor mich der Berater dein Vortreter des englischen Komitees vorstcllen kann. Also ein Jahr wird noch vergehen, bevor ich 'ratiskommc. Ein Gutes wird das vielleicht haben: wahrscheinlich gehe ich darin zusanunen mit meinen Eltern. Ja, mein Vater wandert natiirlieh auch aus. Wie alt er ist? 53. Nein, nicht als Handwerker, der geht mit einem kaufmännischen Projekt nach Australicn. Wir, haben nämlich Verwandte in England. Der Vater wird eine maschinelle Schuhreparaturwerkstatt dort aufmachen, darin kennt er sich auch schon aus, weil wir hier auch solche Werkstätten haben. Ach, ich sehe eigentlich ganz zuversichtlich in die Zukunft. Wenn ich ehrlich sein soll, freue ich mich sogar sehr auf .Australien. Man hört doch soviel, wie die Jungen dort erzogen werden. Sie wissen sich alle tadellos zu benehmen, sind sportlich und nicht vollgepfropft mit Bücherweisheit, dabei haben sie einen gutentwickelten Wirklichkeitssinn und eine ausreichende Portion Intelligenz im Schädel. Was mich rinn anbetrifft: Talente habe ich keine. Spezialintcressen auch nicht. Ich bin ein jüdischer Junge aus einigermaßen gutsituiertem Haus und hoffe, daß ich meinen Weg i!11 Ausland machen werde. Ach, übrigens ist das vielleicht ganz interessant für Sie: ich hin Jtigendhündk'r gewesen, und da habe ich, jedenfalls nach meiner Ansicht, meine Vorstellungen von Jungenerziehung und Disziplin wohl auch 11er. Man kann das Leuten, die hündisch niemals organisiert gewesen sind, schlecht erklären. Die hündische Erziehung hat auf mich zweifellos einen entscheidenden Einfluß gehabt, in körperlicher und auch in geistiger und religiöser Beziehung. Sehen Sie, meine Eltern sind mA I All■ gute Juden, aber keineswegs orthodox« Juden. Von einem gewissen Alter au wäre ich bestimmt nicht gezwungen wo!- den, mich intensiv mit jüdischen Dingen zu beschäftigen. Eine ganze Reihe meiner Altersgenossen, die nicht in den Bünden waren, haben noch nicht mal heute viel Ahnung von Religion ti. dgl. Ich bin im Bund ganz harmonisch als Jude und tüchtiger Junge erzogen worden, und das ist keine Redensart von mir. Zum Beispiel gelte ich fast jeden Freitagabend in die Synagoge, meistens nicht aus religiösem Zwang, sondern aus Interesse an den Predigten, Zum Lesen habe ich nämlieh keine Zeit, und so sind Predigten für mich ein guter Ersatz und häufig auch geistiger Anstoß. Natürlich kommt es sehr aaf den Rabbiner an. Sie werden sich denken können, daß ich am liebsten die jungen Rabbiner predigen höre. Die stehen einem schon al.ersmäßig am nächsten. Na und sonst? Acht Stunden täglich stehe ich im Labor lind arbeite. Dreimal in der Woche abends bin ich im englischen Vorbereitungsunterricht fürs Cambridge- Sprach-Examen. In meiner Freizeit fahre ich manchmal mit dem Wagen eines Freundes spazieren, oder ich spiele Tennis und Hockey und Ping-Pong. Dann tanze ich auch besonders gern. Urlaub mache ich immer im Winter, weil ich leidenschaftlich gern Ski laufe und dann in die Bergt: fahre. In Australien wird das ja alles anders werden. Man wird ja auch älter nach und nach und macht sich auch Gedanken über Heiraten und so. Natürlich will ich heiraten, und zwar sobald ich in gesicherten Verhältnissen leben werde in Australien. Mit 28 Jahren werde ich bestimmt soweit sein. Meine Frau dürfte auf keinen Fall berufstätig sein. Mein Vater zieht ganz skeptisch die Mundwinkel runter. Na ja, es ist auch noch alles nicht so weit, zunächst will ich mal auslernen und erst in Australien sein. ....ausgerechnet mich haben Sie sich dafür ausgesucht? Also hören Sic zu: ich bin 57 Jahre alt und von Beruf gelernter Zigarettenarbeiter. Staatenlos. Verheiratet, auch. Drei Kinder habe ich, zwei Schulmädchen und einen Jungen .. . der ist auf Hachscliara. Zionisten sind wir alle, die gan/c Familie schon vor! meinen Eltern 11er; die haben in Nürnberg eine Zigarettenfabrik gehabt, da habe ich auch mein Handwerk ausgeiernt. Wir sind aus Litauen, aus Kowno, Sie hörcn's noch an meinem Deutsch. Also, wenn ich Ihnen meinen Werdegang bis jetzt erzählen soll — es ist von Scliritt zu Schritt nach unten gegangen. Zuerst ging die Fabrik verloren; dann bin ich anderswo Zigarettendreher geworden, in der Großindustrie. Dann hat man mich entlassen; dann bin ich Buffetpächter in Lokalen geworden; dann ist das auch nicht mehr gegangen, und zum Schluß bin ich auf’m Markt gestanden und habe Stoffreste vcikauft. Seit 1933 lebe ich von Wohlfahl tsunterstutzung.. . ein gutes Leben führe ich nicht. Vor zwei Jahren haben sie mich hier vmn Hilfsvercin aus als Ica-Sicdlcr nach Argentinien schicken wollen mit der Frau und den drei Kindern. Ist nichts genorden. Naculu-r .-,olium wir a.- skuhi ....... ׳*kiinbien gellen — war schon alles soweit fenig. Aber eines l'ages ist Columbien plötzlich gesperrt g r.vesc 11. mul dann ist alles so geblieben, wie es war. Was habe ich nur die Beine abgelaufen, weil wir um alles in der Welt nach Palästina wollten! Aber Sic brauchen mich ja nur an/usehen, dann werden Sie wissen, wieso sie mich in Palästina nicht haben wollen: ich bin zu alt. Den Jungen, der jetzt aut Hachschara ist, ja, den will man. Aber solange ich lebe, bleibe ich mit meiner Frau und meinen Kindern zusammen. Also, kurz, und gut, jetzt sollen wir alle nach dem Fernen Osten. Und ich will Urnen auch sagen, wieso gerade für mich ’11e Chance im Fernen Osten sein soll. Weil ich doch gelernter Zigarettenarbeiter hin. t feberall in der Welt werden die Zigaretten schon maschinell hergestellt, und wozu früher 200 Arbeiter nötig waren, das macht jetzt eine Maschine ganz allein. Unei im Fernen Osten sind sie noch nicht soweit, da wird der Tabak noch mit Händen verarbeitet, und es kann sein, daß ich deshalb, sagen wir, nach China kommen werde. Der Aeltestc kann gleich aufs Land, und den andern beiden muß Gott helfen. Ich bin heute nur hergekommen, damit mir der Hilfsverein hier die Kosten für die Uebcrset/.ung meines Lebenslaufs bewilligen soll. Ich habe nämlich Englisch und Chinesisch noch nicht gelernt. Damals, als es geheißen hat, wir sollten nach 'Columbien fahren, haben wir alle miteinander Spanisch gelernt. Ist nichts geworden. Und jetzt haben wir nicht Englisch und nicht Chinesisch gelernt, vielleicht wird Gott geben, daß es darum etwas wird mit dem l ernen Osten. So, und jetzt lassen Sic mich zufrieden. Erzählt habe ich wie’n Rudi, und abgcmalt haben Sie mich auch. Ich hin bloß neugierig, ob das auch wirklich in die Zeitung kommen wird. * . . . . Ich heiße Leochen. Ich h m an: <!1 alhers tadi. I</h bin 10 Jahre alt. Ich warnte re aus. Ich bi n hi er nu r zu Besuch in Berlin. Der llilfsver ein hat mich n;m!l ד! ich n geladen, daß ich kommen muß. Weil i eh zum Kon,-,ti I soll , 7tnn ainerikaniscl um. Einmal war ich schon da, vn r einem Jahr. Da hat er gesagt, nein, das Kind d: 1 kann ich nicht schicken nach 1 USA., das ist zu seine ach. d:1>; kann ich nicht machen. ich soll nämlich nach ('.lue ago, da s heg'! m Ame rika. Wo liegt das da? An! Michiga n-Sec? Ach,' <׳U\< ist a her fein. Ucbcrhaiipt freue ich mich ganz fui ־clitbar ■ hol 1 aut Ainerika, Meine Mütter ist niimliel 1 lu׳r/k rank:!a. wir wohnen alle in Halberstadt; nur mein \ ,-ater ist schon lange tot. Schon sieben Jahre. Der war Schneider. Ich habe noch drei Geschwister. Meine Mutter ist sehr krank und kann gar nicht arbeiten. Damals, vor einem Jahr, da war ich ganz, schwach, und dann, wie der Konsul doch gesagt hatte, nein, das geht noch nicht, dann haben sie meiner Mutter geholfen, daß ich etwas kräftiger werden konnte, und nur! hm ich schon sehr gesund. Deshalb war ich auch jetzt eine Woche im Jüdischen Krankenhaus hier in Berlin zur Beobachtung, ob ich mm schon riclilig kräftig bin für Amerika, weil ich doch nämlich jetzt nachher wieder min Konsul soll, damit er nun endlich mal erlaubt, daß ich losfahre. Ich