Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1938-09-16 · Heft 74 (16.9.1938) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 74 (16.9.1938)
Date
1938-09-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2651273-2653549-2653612--32664-2684404
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 74 16. IX. 1938 Hebräische Dichtung in USA Fast wie ein exotischer, fremdländischer Baum — und doch wie ein uns wohivertrauter, wie unser Baum mutet uns die auf den Boden der Vereinigten Staaten reich eroporgebliihte hebräische Dichtung an, deren Auswahl uns die dortige Histadruth Iwrith vorlegt (״A n t h o I o g i a s c h e I haschirah 11 a i w ri t h ba'Amerika h'\ linier der Redaktion von Menachcni Ribolow, Verlag Ogen, New York 1938). Wir empfinden es fast wie ein Wunder, daß inmitten des geschäftigen, hastenden amerikanischen Lebens sich der Geist der hebräischen Poesie derart erhalten und entwickeln konnte. Und noch ein Umstand ist beachtenswert: die weitaus überwiegende Mehrzahl der hebräischen Dichter in Amerika -- wir ersehen es aus ihren der ״Anthologie“ beigegehenen kurzen Biographien — sind oder waren hebräische Lehrer. Manche von ihnen haben sogar andere Stellungen aufgegeben und sind 7.11m Unterricht zurückgekehrt. Wenn wir diese Dichtung eingangs mit einem Baum verglichen haben, so darf man ja nicht denken, daß cs sich erst um einen jungen handeit; rechnet man vom Urschei 11 en des Gedichtbändchens Jakob S ob eis ״Zu Uhren des alten lsracl“, New York תרל״ז, so sehen wir vor uns einen bereits über 60 Jahre alten Baum. Und wir können und müssen nicht nur dessen einzelne Zweige sondern auch das Oesamtwachstum betrachten. Dabei heben sich deutlich zwei Epochen ab. Die ältere umfaßt Namen wie lakoh Sobel, Gerschon Ro* seiuweig, Mosche Israel Garson, Menechem Mendel Dolizki, Izchak Rabinowitz und Naphtali Herz imber. Das Haiiptkcnn- Zeichen dieser Epoche scheint mir darin zu bestehen, daß, obschon in ihr auch individuelle dichterische Motive annitreffen sind, den Hnuniplat/ doch überindividuellc Motive einnehmen. Es sind das?Heeke;!! des jüdischen Volkes, der hebräischen Sprache, des jüdischen Lebens in Amerika. Es ist eine Kreuzung von ZukimhsvNjonen eines fr 1• ien jüdischen Volkes und einer Realistik, die aus den täglichen Eindrücken im neuen Lande entsiandeu ist. Diese Eindrücke sind widerspruchsvoll, nicht nur in der Gesamtheit der genannten Dichter, sondern zu- WU1: en > m h ׳. נ 1 c ei eine׳:! «ml dem״ eiben 1 dichter, /. B. hei Sohe!: eine osoir S J11 he 1 über di e neue F reihe! it, andererseits (wohl in eint in n 1'iteren l iedich te ) Klagen über »ins schwere Los des jiidisc hen Tadler s. Die St u־ee um das J iidentum angesichts vor rsilu m d er lim freimlung der Jne ׳etul ist Rabinowi*/, (1arcon. Ros en״m 'eig g׳ emeinra in . Bei du •sein letzteren erreichen der Pcs sinih!mis 11• id der Sa rk;!siruis i hrei! Höhepunkt: er sieht um ich herum 111 e Wieder ■auf ersteht ן mg. des ,,Goldenen Knltv-s". und a nf der £!!!׳lerer! Seife hat!voll! keiner «0 eimlringlifb wie er d!e Le ideil der werkseil; ,u'feiK fen Juden in USA. besunffen. Mit Benjamin Nach! 1m Silkinc •r, de ssen erste Gedichtsanim־ Inner in lenisa lern 1910 erschien (die Veröffentlichung in Palästi ,na s ■eheii wir auch bei maiiei 1 ans lerem in USA. lebenden Dichter), beginnt die 1 w e i 1 c, bis in die Gegenwart führende Epoche der hebräischen Dichtung in USA. Es wäre wohl grundlos, zu sagen, daß den Vertretern dieser & 0 * CHER Philo G. m. b. H. <3€- J ü d! * c I) e r Buchv<*rl*jr u, Bu<^v«tn«־b BfflinW 15 » ParUer Str.44 Tel. 921375 JVliCWRC Epoche di? Schicksalsfragen der jüdischen Gesamtheit interesselos gewö'fden sind. Aber dieses Interesse ist sozusagen selbstverständlich geworden. Und daher sehen wir ein!Doppeltes: auf derkeltkn Seite entschwebt die nationale Dichtung (— soweit sie freilich nicht Palästina betrifft! —) in ferne Vergangenheit und sucht ihre Motive in Gestalten wie König Saul, Ruth (die sogar von zwei Dichtern besungen wird), Jochanan ben Sakkai, Abraham Abulafia, Halevi und Gabirol, kurziuii, sie wird romantisch. Auf der anderen Seite gewinnt das Individuelle immer mehr die Oberhand — ein Zug, der zweifellos auch in der allgemeinen ridstesent Wicklung dieser Ranzen Zeit liegt. Und zugleich wird auch die Sprache dieser Poesie, im Vergleich mit der vorhergehenden Epoche, individuellcr, differenzierter, reicher und musikalischer. Natürlich gibt es unter den Dich lern dieser zweiten, jiingereu Epoche verschiedene Charaktere iriä Temperamente. Da ist Israel Ephrath, dem die Lebenslust schon aus dem Gesicht schaut (der ״Anthologie“ sind auch die Bilder der Dichter beigegeben). Und er selbst definiert in einem Gedichte ״Mein Leben“ dieses als ״einen Bach, der zwar über Felsen fließt und sich an diesen stößt, aber eben darum doch weiter fließt und singt.“ Seine Lebensfreude nährt sich vor allem an den Vorgängen der Natur und ihrem verborgenen Wesen: dem Sprießen der Feldblumen, dem Wachstum der Bamnblätter, dem Glitzern der Schneckristalle. Von ganz anderer Art ist Hille! Baerli. Sohn und Zögling eines hervorragenden litauischen Rabbiners, hat dieser Dichter in sich wie kaum ein anderer den Geist der jüdischen Tradition eingesogen. Prachtvoll ist sein Gedicht: ״Meinem Vater“: ״Ein alter, wurzelreicher Baum bist du, der täglich, täglich aus alten Quellen trinkt und täglich in neuer lugend blüht. Ergeben sitze ich in deinem tiefen Schatten und lausche still dem Flusse deiner Rede ...“ Ein unvergleichlicher metaphvsischer Lebensernst vereinigt sich in diesem Dichter mit einer zarten, ergreifenden Sprache. Baerlis Muse ist vielseitig: auf seiner Harfe erklingen auch Liebes- und Naturgedichte; doch stets mischt sich ihnen ein tiefer Lebensernst bei. Von starkem Eindruck sind auch seine auf einer Palästinareise entstandenen Geeichte. Baerli scheint mir der bedeutendste der in der ״Antho- 1 1איוו*י«״י woip B Frankfurt a. M., ■eil «9 Groß- und Kleinvarkauf. Versand ab 'M. 20.- frei Hovs logie“ vertretenen Dichter zu sein. Ein abschließendes Urteil über ihn wird die Analyse seines gesamten dichterischen Werkes ermöglichen, das ’ kürzlich in Tel Awiw veröffentlicht wurde. Eine starke dichterische Individualität ist auch Izchak Silberschi.ng. Im Gegensatz 711 den anderen hebräischen Dichtern in USA,, die fast sämtlich dem russischen Osten entstammen, wurde er i!1 Galizien gehören und von früh auf von der ■Mutter in die europäische Poesie e:n״efiii1 d. Seine Sprache ist eigenartig, bilder- und kunstreich, lebhaft an unsere mittelalferliche Poesie erinnernd, vie'lc:cht an ihr heranpebildet — nicht umsonst verherrlicht er die Gestalten Halcvis und Gahirols, Einlühlungsfähigkeit bewährt s*'ch <r׳ch auf einem ganz anderen Gebiet: in den reizenden koloritre'chen Gedichten ״aus dem Munde von Negern“, aus denen eine primitive Naturscele in zarten Worlen spricht. — Seine eigene Muse aber vergleicht Silbersch’ag einer ״schwachen Taube auf dem Vor- Sprung eines Gebäudes inmitten des Stadtgetümmels“. Es mangelt hier leider an Raum, alle in der ״Anthologia“ vertretenen Dichter mit gebührender Ausführlichkeit zu behandeln, ja auch nur sic alle namentlich anzuführen. So sei nur in Kürze des vielseitigen, lebendigen Mosche Feinstein gedacht, insbesondere seines prachtvollen Gedichtes ״An Baruch Spinoza“, in dem sowohl das innere Wesen des Denkens treffend charakterisiert, als auch das erlösende Wort gesnrochen ist: ״Spotte meiner nur! Aber ich will gar nicht die Gletscher der Logik besteigen, um aus ihrem Eise meine Liebe herauszuhauen; denn die Quellen der Liebe riese'11 in meinem Herzen, das zitternd über das Leid der Erde wacht ...“ Beachtenswert ist als in dör jüngeren Epoche ■der'hebräischen Dichtung in USA. fast einziger Versuch, auf die Eigenart des amerikanischen Lebens zu reagieren — wenn wir von dem Indianer-Epos bei Siikiner und Eobrath, sowie von Silberschlags Negergedichten absehen —, Schimon Ginzburgs ״New York“. Er besingt seine Menschen- und Sprrchenfiille; inmitten dieser Menge die jüdischen Schulkinder; die überwältigende Technik. Aber es bleibt doch etwas Unvo'hndeles, dieses Poem, und das Rätsel ungelöst, vielleicht unlösbar. — Schwermut, Problematik, Ideenreichtum (manchmal sogar — Uciierreichtum), Spiritualismus —- das sind die Züge, die uns aus der hebräischen Dichtung in US \. entgegentreten, und das sind ja auch Züge des jüdischen Geistes überhaupt. Doch daneben gibt sich, in Ephrath, in Feinstein, eine beschwingtere, lebensfreudigere, in helleren Farben malende Richtung kund. Ihr kann auch die Licbesdichtung Schimon Halkins zugezählt werden: ״Wozu dem Unbegreiflichen nachsinnen und tief bohrende Fragen aufwerfen? Es gibt nur eine Wahrheit: die jubelnde Liebe“ (״Liebeinacht“). Aber diese lebensbejahende Richtung nährt sich auch noch aus einer anderen Quelle: dem palästinensischen Leben. Die nach Ercz Jisrael ausgewanderlen Baruch Katzenclson und Abraham Regelson, beide Dichter von starker Unmittelbarkeit der Etnpfindung, sind dafür ein Beweis. Das Bekenntnis des ersteren ist Genügsamkeit, Lebenseinfachheit, und er selbst ist wohl jener Mensch, den er selig preist, ״dessen Geist beim Anblick des Spiegels des Baumes im Wasser ausruht“. In der Dichtung des zweiten aber glüht die Hitze Palästinas über dem Lande, flammen die Anemonen auf den Feldern, rauscht der Regen in der Luft und dringt in den Boden mit einer Naturhaftigkeit, mit einer plastischen Erdnähe, die wohltuend wirkt nach jener ersteren, elegischen, schwermütigen dichterischen Strömung. Dr. Elias Hurwicz 20 .fahre Hadjschara in Holland Unser RL-Berichterstatter im Haag schreibt uns: Vor zwanzig Jahren wurde in Holland die ..Vcrccniging tot Vakopleiding van Palestina-Pioniers“, nach de 11 Sitz ihrer Leitung auch Deventer-Vereinigung genannt, begründet. Zu ihren Mitbegründen! gehörte auch Ru Cohen, der seitdem in unermüdlicher Arbeit das Hachschara-Werk in Holland geleitet und ausgebreitet hat. Die Vereinigung hat von Beginn an die Methode der individuellen Ausbildung des einzelnen Clialuz beim Bauern vedolgt. Die Chaluzim erlernen den gemischten Bauern betr'eb, der sowohl Landwirtschaft wie Viehzucht umfaßt. Neben der landwirtschaftlichen Ausbildung hat die Vereinigung später auch «och andere Zweige hinzugenommen, die für Palästina nötig erschienen. Für Jungen gibt es die handwerkEche Ausbildung als Schmied, Schlosser, Zimmermann, Maurer, Elektrotechniker. Für Mädchen besteht Möglichkeit zur Ausbildung in Haushalt und Wäscherei, als Kranken- Schwester, Köchin (insbesondere für Masscnkikhen), Kinderpflegerin usw., für Jungen und Mädchen außerdem noch im Gartenbau, in der fCäsebcreitung und Hühnerzucht. Anfangs kamen die Chaluzim hauptsächlich aus Rußland, Polen und Rumänien. Von Beginn an wurden jedoch auch Juden aus Holland für die Arbeit in Palästina ausgebildet. Ueberdies sind wiederholt junge Menschen, die bereits in Palästina gearbeitet hatten, zur Vervollständigung ihrer Fachkenntnisse oder zur Spezialisierung auf ein bestimmtes Gebiet nach Holland gekommen. Seit 1933 kan! der große Strom aus Deutschland, von dem die Vereinigung ihren Anteil zur Ausbildung übernominen hat. Bis zum Ende des Jahres 1936 wurden durch die Vereinigung ausgebildet und nach Palästina geschickt: ungefahr 500 junge Männer und Frauen, davon waren 465 Jungen und 12 Mädchen, die ehe vollständige Ausbildung im gemischteil Bauernbetrieb erhalten hatten; 46 Jungen, die in den oben genannten Handwerkszweigen ausgebildet wurden; 65 Jungen und 66 Mädchen, die eine Ausbildung im Gartenbau erhielten; 35 Mädchen, die als Krankenschwester, Köchin oder Haushälterin und 52 Mädchen, die für Kinder- und Waisenhäuser ausgebildet wurden. Im Jahre 1937 sind ferner nach Palästina gegangen: 44 Chaluzim, davon 8 Mädchen und 31 Jungen, die hauptsächlich in der Landwirtschaft ausgebüdet waren, und 9 Handwerker. Augenblicklich werden durch die Vereinigung 149 junge Menschen ausgebildet, von denen 45 aus Holland, 79 aus Deutschland, 6 aus Ungarn, 4 aus Rumänieti, 8 aus Polen und 4 aus der Tschechoslowakei kommen. während 3 staatenlos sind. Au! der ״jüdischen Rundschau■• v. 19.9.1913 Am Taue nach Schluß des Kongresses, am Mittwoch, dem 10. September, trat das Engere Aktions-ComiU in Wien zu einer konstituierenden Sitzung zusammen. Zum ersten Vorsitzenden wurde Professor Warburg, zum zweiten Vorsitzenden Dr. Tschlenow gewählt. DieGesdiidite eines iüdisdien Dichters Zum Tode J. M. WH Dönbergs ,,[:in heißer So tniuertag. : Im tie f1״, bk׳: neu llimmei blinzeit die Sonne, ui: 11 man L ':mite inr: neu , sie zittert. Das Tor, (ins vor Alt er schon Ird h i .1 1 Le Erd! :• eingesuiikt •11 ist. steh t ho!1 im I. um ,!)teil. Auf der am:;0! ei 1 rede, auf de m Brie dhoR ist es sti He; die B. aumv d;״״: -eh! so vor sDl 1 hin, w i e 11UH le und sc! ivach vor c. Die unten!! 7. weifte halt ׳׳ > t.Tl nieder 1 1m i b'ieken : -t:!׳mn ־1! •rah auf die k 1 e i r: e n Erd!; uiie! . Auf 1 in 11 (iiutee lieg'־!! di che Seilet 1er! i m. Gra: mT J!allen p' ׳•'ich ge/it tc rt: ton bre ׳"seil i-t lli: hin 11gesc h' ünl d. Ein Bia* tidien hat! h״׳׳s >e\w "gt; e 1! Summt׳> ־vogel ist Honen, zu :11 Baum Iiuiuht zweiter j!g‘ ־ ihm na;T 1 u n < 1 scliwir rt in der Luft uni il! 11'" 11 oruni ... Au f der Wie M.1 s paziert : ge!!"!th'ieh ei ״St!! re 11, he wegt den 1 angen Ha1־; mit und ab :1! ul streikt mit je ־ le■ in Sei!ritt den Sei mabe! vor . Mit 11 i es e!• Nh: ilursehiider um: 1 H'tli! int eine der k leinen Er/ä himi: gen von J. M. Weißenberg s i e c haraktfnsi•:•!־' t vollkom 1111 n den SGI d i cs cs Dich ters, d •,T ( las Augenfällige nicht maleiisch in Bildern, sondern dramatisch in Szenen aufnimmt und wicdeispiegelt. Man hat Weißonberg für einen Naturalisten gehalten, der das Leben konterfeit, ״wie es ist“, sowohl in seiner Gesetzmäßigkeit wie zugleich in seiner Zwecklosigkeit; tatsächlich hat Weißenberg diese Naturtreue mit einer geradezu nachtwandlerischen Sicherheit getroffen, nicht ir! künstlerischer Tendenz und Bewußtheit, sondern aus Instinkt. Er war selbst etwas wie ein Stück Natur, und wenn er Menschen beschrieb, fast wie ein iiribewuß'es Sprachrohr des personifizierten schaffenden Volkes. Man hat seine Lebensauffassimg, sofern man sein [);eilten überhaupt theoretisch extrahieren darf, eine biologische genannt und kommt dem Kern seines Wesens damit entschieden am nächsten, Jedenfalls hat Weißenberg in das Konzert der jungen jiddischen Literatur einen ganzen neuen Ton gebracht, und es ist durchaus bcrechtigt. daß er von vornherein als klassisch galt. Er wurde rasch berühmt, und heute findet man in jedem jiddischen Schullese buch Beispiele seiner Kunst. Jizeliak Meir Weißenberg, der kürzlich, 57 Jahre alt, in Warschau gestorben ist, stammte aus einem armen Hause in Zclicbow und wurde ursprünglich Schwerarbeiter. Schon das unterscheidet ihn von den meisten jiddischen Autoren, in deren Kreise er auch äußerlich sogleich dem Betrachter auffallen mußte: ein fast vierkantiges Gesicht mit kleinen, durchdringend scharfen Augen, der schmale Mund wie mgeriegelt, das Haar trübblond, die Schultern breit, der ganze Mann langsam, mächtig, schwcrbcweglich und von voll unheimlieber Kraft. Er war 25 Jahre alt, als er 7» schreiben anfing, und als ein von vornherein vollendeter, totaler Künstler in die Literatur eintrat, der in seiner Art extremste Kopf einer an Talenten gesegneten Generation. Er mußte sich merkwürdig und gewaltsam abheben■ von den Nomberg, Reisen, Asch, Hirschbein 11 1 ח Bergeisohn mit seiner küns'le׳־ischen Gewalt und der Primitivität seiner Vollkommenheit, J. L. Perez war es, der Weißenbergs erste Erzählungen in seiner ״Jüdischen Bibliothek“ heratwbraehte, ״Die Irre im Dorf“, die darauf in A. Reisens Sammlung ״Das jüdische Wort“ folgte, brachte schon den ersten g ößen Erfolg, und ״Ein S'ädtel“, die Darstellung des Umbruchs und Konflikts zwischen den Generationen einer ju!!sehen Kleinstadt in Polen von 1906, erregte bedeutendes Aufsehen, 1909 erschien eine erste Gesamtausgabe ״Schriften“, später foig'cn .,Ausgewählte Schri'ten“ (Verlagsbuchhandlung Sehlonio Sreherk, Wilna) und Einzelausgaben in französischer, span^cber, hebräischer und deutscher Übersetzung, 1922 Wcifienbergs Uebertragung d#S ־Märchens von Tausendundeine Nacht ins Jiddische. Trotz seinem Ruhm gelang es dem Dichter nicht, sein Leben sorglos zu gestaPen. Er wurde ein tragisches Opfer seiner proletarischen Herkunft und der Enge und mangelhaften materMlen Trarfähigkcit de־־ jiddischen Literatur. Die häusliehe Armut ha4te ihn von Kindheit auf zu schwerer Arbeit gezwungen, und aus dieser Not, aus dem Kampf mit dem Hunger konnte er nie heraus. Vor dem Krieg versuchte er immer wieder, in Warschau zu )eben. Aber da er die Miete nicht aufbringen konnte, mußte er immer wieder na״h Zelichow zurück. zu Fuß, hungrig, zerschlagen, abgerissen. Fs war eine ständige Flucht vor!זי• י uner1e:1!'׳b:1ren Ziel in die bergende Heimat, wo er keine Miete zu zahlen hatte, in schwerer Mühe seine Figuren, seine dvnamhchen OescH-hien meißelte, um das Fertige wieder na-ti Warschau zu bringen und wie ein Hausierer von Redaktion zu Redak’ion zu gehen, um seine Ware zu verkaufen. Er konnte sieh im li'eraris״h״n Gewerbe nie ».»׳rechtfiw'en, er p-uß'e nichts davon als die Hausnummern von Redaktion׳״!. Ve-Icger zu suchen, Verträge ausnibandeln. um Preise zu feilschen, war er zu stolz, zu s'arrkönfig und zu unsicher, ׳•r v'T'Uartd nichts weiter a's seine Arbeit 7u machen und 10s?t!sch,rr'rn, «חי״׳ er sie ferBg habe. Er litt Not, er war sto’z imd von einer unheini'khen Sehwe'psarnkeit, von einem das Pchllmmste s'״mm tragenden, verbissenen Stolz. Ob er nun bis zum Kriege dies alles als natürlich hingenommen, ob er mit Perez’ Tode einen inneren Rückhalt verloren, ob ihn die Geschehnisse seitdem dermaßen aufgerührt hatten oder ob er iiberhauot für se:!1e ungeheure Energie kein ('׳'׳ise’-es Ventil fand, jedenfa’ls wu'de nach 1915 aus dem kraftvol'en Dicht׳*׳• ein Berserker d׳■׳ Li'eratur. Weißenberg begann sich auf Gebiete zu beheben, für die er recht der rechte Mann war. mit en״ verzweifelten Wut, die größere Gegenstände wert war. Er fing an zu kritisieren, m polemisieren, Pamphlete und Pasquille in die Welt zu schlendern. Sein erstes Opfer war der!ournalisimis, der ihm eine unziemlich große Rolle in der jiddischen Literatur 71! snielen schien und den er anschrie: ״Die erste Rolle hat die Literatur 71׳ spielen! Man soll journalismu« nicht mi* Lite-atur vermenge׳'! lournalismus wird morgens geboren und stirbt um 7w״i, drei Uhr bei Tage. Literatur ist ewi״! Wie kommen die S־׳kundet1m־!1״chen dazu, im Namen der Literatur zu sprechen, die ewig ist?“ Weißenbergs Bemerkungen waren zweifellos berechtigt und sind so wahr, so selbstverständlich, daß sie wie eine ungeheure Verschwendung von Wucht zum Aufstoßen offener Türen wirken. Aber nachdem, dieser schweigsamste aller jüdischen Autoren einmal begonnen hatte, beredt zu werden, war er nicht inehr zu halten. Er schleuderte Pamphlete um sich und verschonte mit seinen Vorwürfen niemand mehr, ja, es war ebenso tragisch wie in seiner Naivität, seinem wilden Glauben, gerecht und konsequent sein zu müssen, ergreifend, wie er schließlich seine besten Freunde Sch, Asch und Nomberg sieh vornahm und zauste. Und endlich erklärte er den ״Lifwakes“ den Krieg, den Litauern in der jiddischen Literatur, der sie ״ihr armseliges and schütteres jiddisch“ aufgezwungen und die sie ״mit ihren ausgetrockneten, dürren Seelen“ verdorben hätten. So führte Weißenberg Krieg ״auf Tod und Leben“ mit Zeitschriften und Pamphleten, und wenn er keine geeignete Arena hatte, in bösen, spitzenstarrenden Vorreden zu den ersten Büchern anderer, junger Schriftsteller. Die Folge war eine wahrhaft tragische Vereinsamung, denn wenn er schon viele von den Besten verlor, indem er sie und sich mit seinem blinden Draufgängertum verärgerte, so konnte ihn doch die Gefolgschaft seiner Streitbarkeit im Innersten noch weniger sympathisch sein. Es war eine Zeit des Suchens und des inneren Kampfes für Weißenberg; so mußte er nachträglich dafür bezahlen, daß er am Anfang seiner Laufbahn als ein in sich geschlossener, harmonischer, künstlerischer Charakter hatte auftreten dürfen; die Zwiespältigkeit und Zerrissenheit und Ohnmacht dem Ausdruck gegenüber kamen bei ihm nach, während seine Altersgenossen, besonders Asch, sie wie Kinderkrankheiten überwunden hatten und nun längst Virtuosen waren. Was Weißenberg in dieser Kampfperiode an erzählender Prosa schrieb, darunter ein halb mystischer Roman und ein symbolisches Drama, gehört zum Unbeholfensten der Literatur. Doch auch das kennzeichnet den Charakter, den Dichter aus Instinkt und von Natur, an dessen künstlerischem Vermögen der tüftelnde, konstruierende Verstand nicht einmal Teil genug hat, um zeitweilige Intuitionsarmut durch Routine zu überbrücken. Das wäre eine fast iedem Talent mögliche Tauschling gewesen: seine Anlage, die zu Meisterwerken reichte, war für Minderwertiges, aber noch Gekonntes nicht ausreichend. Nun gibt es ähnliche Charaktere auch in anderen Literaturen, und sie mußten durchaus nicht auch noch Weißenbergs schweres 5״ ßetes S״hicksal haben. Unter besseren Umständen, als eine jüdische Literatur sie bieten kann, hätte auch sein Lehen leichter sein können. Immerhin war es ihm heschieden, sich vor dem Tode doch noch einmal zti finden. Sein Roman ״ln der grauen Ewigkeit“ hat die Reife und Milde eines Alferswerkes mit den Vorzügen seines Jugendwerkes, und auch die Uebersetrung der orientalischen Märchen ist ein Vorzeichen von Harmonie und innerer Heimkehr. Die jüdische Literatur hat in Weißenberg eine ihrer eigenartigsten und prägnantesten Erscheinungen verloren. L. H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.