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Jüdische Rundschau · 1938-09-13 · Heft 73 (13.9.1938) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 73 (13.9.1938)
Date
1938-09-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 73 13. IX. 1938 Geld, Menschen und Lebensmitteln. Aber die Fellachen haben keine Wahl, und sic verlassen ihre Arbeitsstellen. Bei den jüdischen Pflanzern wirken dieselben Einflüsse. Strategische Gründe stellen die wirtschaftlichen in den Hintergrund. Ein interessantes Beispiel liefert ein Block von Plantagen im Süden in der Nähe von Aschdod, das bis vor ganz kurzer Zeit noch fast durchweg von Arabern bewacht und bearbeitet wurde. In dieser Gegend mehrten sich Angriffe, Pumpen wurden zerstört, Backhäuser angezündet, die arabischen Wächter bedroht. Die Pflanzer haben sich um Schutz an die Regierung gewandt, aber sie wissen selbst, daß sie damit allein ihre Schwierigkeiten nicht überwinden werden. Während sie noch vor wenigen Wochen die Anregungen, in dieser Gegend jüdische Arbeit und Wache ein zu führen, ablehnten, fordern sic jetzt jüdische Arbeiter an, und auf jenem Block wird sich in diesen Tagen eine Gruppe jüdischer Arbeiter einrichten, mit allen Vorsichtsmaßregeln, die wir gewöhnt sind, mit Projektoren, Kugelzäunen usv. Mit Hilfe der Terroristen weicht die arabische Arbeit in der Orangen- Zone mehr und mehr zurück. Die jüdischen Arbeiter in der Orangenzone haben einen schweren Sommer hinter sich. An vielen Stellen schuf zwar die ..Kriegswirtschaft׳‘, die sich immer stärker im Lande ausbreitet, gewisse Arbeitsmüglichkeiteii, aber sie konnte nicht die zwei Faktoren aufheben, die den Arbeitsmarkt heftig bcschweren: den Stillstand der B a ti b e w e g u n g in den Siedlungcn, der einen Teil der Arbeiter brotlos machte, und die Zeit der ״Toten Saison“. In Zeiten der Expansion, wo viel in den Kolonien gebaut wird, ist cs eher möglich, die .Monate, in denen die landwirtschaftliche Arbeit geringer wird, durch Bauarbeit ans/ufullen. Heute bekommt der Arbeiter im Dorf die ganze Schwere der Toten Saison zu spüren. In letzter Zeit hat sich die Lage durch den Abzug der Araber gebessert. Und m den letzten Wochen, wo wieder mehr Ai beit in den P!n!!tagen ist, ist die Situation weiter erleichtert worden. Im letzten Monat zählte man in .den Kolonien noch 2100—deOO Arbeitslose, wahrend es jetzt nicht mehr als 1000—1300 sein durften. Die Araber, die heute noch insgesamt von Juden in Piantagen beschäftigt werden, schätzt man auf LriX), wobei sielt diese Zahl leicht weiter verringern kann. Die Zahl der Juden in den Plantagen kann auf 10000 geschlitzt werden. Die augenbiiekliehe Lage, die sehr viel besser ist als in der Mitte des Sommers, wird schlechter werden, sobald die gegenwärtigen Arbeiten ((düngen, Baumschneiden) beendet sind und nian auf den Beginn der Ernte warten muß. Hier halse» wir es mit den Saisonkurven zu tun, die zu den Pflan- Zungen gehören. Hie landwirtschaftliche Arbeiterorganisation hat sielt zusammen mit der Jewish Agency bemüht, den Arbeitslosen zu Hilfe zu kommen. Die Gehler für die Unter- Stützungen kommen zu 50 'י■. von der Jewish Agency, zu 50 •י > von dem von der Arbeiterschaft gesammelten Arbeitsloserifonds. Die Verteilung erfolgt durch die Kommissionen, die in jedem Ort dem Arbeiterrat angegliedert sind. Es werden/Anleihen ausgegeben, die der Arbeiter bei regelmäßigem Eilt kommen wieder ab/ahlt. Er erhält als Einzelner *100 Mil pro Woche, die Familie je nach Zahl mehr. Das Werk wird vervoilstäiidigt durch billige Küchen, wo man für -15 Mil drei Mahlzeiten erhalten kann, und durch billige Produkte, die von den landwirtschaftlichen Siedlungen geliefert weiden. Arbeiterinnen haben sich geweigert, derartige Unterstützungen anzunehmen, und so hat man Koclikursc eingerichtet, wo die Schülerinnen mitessen. In diesem Sommer wird sich die Stimme dieser Unterstützungen in den Kolonien auf zirka £ 0000 bclaufen. Absolut gesellen keine große Summe, steigert sie sich naturgemäß, je länger die Situation schwierig bleibt, und die Weiterführung der Aktion stellt große Anforderungen an die Agcncv und die Arbeiterorganisation. Die Arbeitslagt.׳ in den Kolonien, die sich finde Oktober wieder für einige Zeit verschlimmern wird, verspricht fitr die Ernte im Winter gute Aussichten. Die Voraussetzung dafür ist, daß die Pflanzer nach wie vor durch die strategische Lage gezwungen sind, Juden bei der Arbeit und zur Wache zu 'beschäftigen. Fs ist charakteristisch, daß schon jetzt, wo die lemlui/, Jmi׳*n zu beschäftigen noch im Steigen ist, WO zum Beispiel in Pciach-Tikuah keine Arbeitslosen mehr ein geschrieben sind, die Frage aufgeworfen wird: Wie wird cs ״nachher" werden, wenn nicht mehr die Angst vor lieberfallen zu jüdischer Arbeit zwingt? Es scheint vielleicht müßig, dit-'e Frage heute zu stellen, denn wir sind leider weit vor! jenen normalen Zustand: n entfernt, wo für den jüdischen Pflanzer die arabische Arbeit möglich und günstig ist. Für de;! hall de; Schaffung des jüdischen Staates aber demonsVert gerade die heutige Situation, daß die Frage der arabischen Arbeit gesetzlich geregelt weiden muß. und zwar in Gerechtigkeit sowohl den jüdischen wie den arabischen Bedurfnissen gegenüber. _ Die Republik Hatay Der Sand sch ak von .Alexandrette hat eine neue Verfassung angenommen und heißt in Zukunft Republik Hatay. in der Verfassung wird Hatay als eigener republikanischer Staat, gestützt auf eine türkische Mehrheit und mit völliger Unabhängigkeit in seinen innerer! Angelegenheiten, bezeichnet. Der Sitz der Regierung ist Antiochia. Die Nationalversammlung, die die gesetzgebende Gewalt darstellt, wird für vier Jahre gewählt und besteht aus vierzig Mitgliedern. Das Staatsoberhaupt wird auf fünf Jahre von der Nationalversammlung gewählt. Der Vollzugsrat besteht aus einem Präsidenten und vier Mitgliedern, die der National- Versammlung verantwortlich sind. Der Präsident des Vollzugsrates wird durch das Staatsoberhaupt ernannt. Polizei und Gendarmerie in Höhe von 1500 Mann werden für die innere Ordnung sorgen. Alle Staatsbürger haben vor dem Gesetz, gleiche Rechte. Die Fahne des neuen Staates ist ein weißer Halbmond und ein Stern auf rotem Felde. Der erste Präsident des Staates ist Tayfour Senkmen. Er hat der türkischen Nationalversammlung in Angora mitgeteiit, daß das leitende Prinzip des neuen Staates der Kemalismus sei. Mit der Annahme der A'eriassung der neuen Republik Hatay wurde für die Frage des Sandschaks vor! Alexandrette eine Lösung gefunden, die die Ansprüche des türkischen Eiements der Bevölkerung weitgehend befriedigt. Die neue Republik Hatay gehört zwar weiter dem syrischen Staatsverbaiu־ an, ist aber ihrer inneren Struktur nach und in ihrer geistigen Tendenz eng mit dem türkischen Nachbarlande verbunden, und das türkische ftevölkcrungselement wird zum beherrschenden Faktor des Gebietes erklärt. Die Umwandlung des Gebietes m die neue Republik ist mit Zustimmung der französischen Regierung erfolgt, wahrend in Syrien selbst eine scharfe Protestbewegung dagegen vorhanden ist. Gemeindefragen in Südafrika Johannesburg, Ende August 1938 Wenn man die Berichte prüft, die ausgewanderte Juden fn die alte Heimat senden und wenn man den Widerhall dieser Berichte studiert, so muß man sich wundern, wieviel Nebensache zum Wesentlichen gemacht wird und wieviel Wichtiges unter den Tisch fällt, viel wird geschrieben, nur um des Schreibens willen, und leider wird die Auswahl nicht immer so getroffen, daß sie ein wirkliches Bild der Situation gibt, in der der ausgewanderte Jude lebt Jeder Schreiber hat seine Tendenz und vergißt, daß er für Menschen schreibt, die ein objektives Urteil hören wollen. Bei dem Interesse der Juden in Deutschland an dem Wirtschaftsbild außerhalb der Orenzen ist es selbstverständlich, daß diese Reportagen mit wahrem Heißhunger verschlungen werden. Mit Befriedigung kann man auch sagen, daß ein großer Teil derjenigen, die ״Jude" nur nach ihren amtlichen Papicrcn waren, die Erkenntnis gewonnen haben, daß sie nun Max Weisslerp“™'“ Berlin W, ״■״ Kleiststr. 12 £■ C doch zur großen Gemeinschaft gehören und nur in ihr und durch sie leben können. Gleichgültige gibt cs in jeder Gemeinschaft — Verallgemeinerung ist hier ebensowenig am Platze wie bei allen anderen Dingen, In Johannesburg wurde vor mehr als zwei Jahren eine Gemeinde gegründet, die, getragen von einer bestimmten religiösen Richtung, nicht für die weite Oeffentlichkeit bestimmt war. Ist es nicht ein Zeichen der immerwährenden und sich immer erneuernden Liebe zur Religion der Väter, wenn sich aus kleinstem Kreise, im Laufe von zwei Jahren, «ine reguläre Gemeinde gebildet hat? — Ohne Propaganda hat eine Anzahl von nicht weniger als 500 Juden sich zusamrr.engefunden, die nach dem Ritus der alten Heimat ihre Gottesdienste abhalten, den Kindern Religionsunterricht ermöglichen, Gemeindeabende und gesellschaftliche Veranstaltungen besuchen, wie sie es von früher her gewohnt sind- Dank dem Entgegenkommen der alteingesessenen Juden und der Unterstützung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit Lehrmaterial, Gebetbüchern, Torarollen konnte sich hier eine Kehilla entwickeln, deren Bestand ein Segen für die einvvanderer sind, werden durch die Gemeinde, bei ganz geringen Unkosten, durchgeführt. Zu den bevorstehenden Festtagen werden die Einwanderer, gegen ganz geringes Entgelt, den Gottesdienst besuchen können. Es sind zwei große aale mit etwa 1000 Sitzplätzen vorhanden. Die Besucher hören die alten gewohnten Gebete in den Lewandowskischen Melodien und zwei Chöre sind bereits an der Arbeit des Einstudierens. Wenn an dieser Stelle vor,einigen Wochen berichtet worden ist, daß sich bei einer Tagung einer hiesigen jüdischen Organisation der Vorsitzende daliin geäußert habe, daß es Unrecht von den Juden aus Deutschland wäre, sieh zu separieren, so geschah diese Bemerkung aus Unkenntnis der Materie. Eine Unterhaltung zwischen dem Verfasser dieser Zeilen und dem Vorsitzenden jener Organisation brachte die nötige Aulklärung und die Einsicht, daß die Schaffung der ״rfebrew Congregatiort Ez Chajim“, der Gemeinde der jüdischen Ein- Wanderer aus Deutschland, eine in jeder Beziehung begriißenswerte religiöse Tat bedeutet. — Der Chiefrabbi des Landes, Prof. ür. Landau, hat die Gemeinde längst als solche anerkannt, steht ihr jederzeit mit seinem Rat zur Seite und teilte der Gemeinde schriftlich mit, daß er gern einmal zu den Mitgliedern der Gemeinde sprechen wolle. Wer die jüdische Ausbildung der Kinder in Deutschland kennt, weiß, daß der Durchschnitt von ihnen nicht geeignet ist, in einen Cheder zu geben. Die Kritiker an der Gemeinde mögen einmal das Problem lösen, wie diesen Kindern auch nur eine Ahnung vom Judentum beizubringen wäre, würde die Gemeinde nicht existieren. Die Juden in Deutschland mögen beruhigt sein: Das Judentum 'geht nicht verloren mit dem Ortswechsel; es ist m uns und wird in uns bleiben, wie es in unseren Vätern geblieben ist und wie wir es von ihnen überliefert bekommen naben. M, F. Aus der Wirtschaft Folgende Firmen gingen in arischen Besitz über: Modellkleiderfirma ,,Miondical“ Hermann Schulmeister, Berlin. — Wäschcmanufaktur Karl Joei, Berlin und Nürnberg. — Oenäckfahrt Max Langncr, Berlin. — Großdruckcrci <Tehr. Bauer, Mannheim. — Bettfedernfabrik Billighcimcr ft Einstein, München. —- Armaturen- und Metallwarenfabriks- Aü. Pongracz & Bock, Wien. — Kurzwarengroßhandlung I. Rosenthal, Nürnberg. — Herrenhemdenfabrikation Kohlnagen & Co. KG., Frankfurt a.M. — Textilkaufhaus Gebr. Aisberg, Wuppertal-Elberfeld. —- M. G. Manufakturwaren Oppenheimer, Heiligenstadt. — Weiß & Co., Baumwollvarenausrüstung, Berlin. — Bernhard Meyer, Wolldeckentabrik, Wipperfürth. — Goldmann ft Hirschfeld, Herrenwasche- und Danienblusenfahrik, Bielefeld. — Locwcnstcin ft Co., Mech. Kleiderfabrik, Altenstädt a. d. I. — Warenhaus Adolf Brünn Nach!., Berlin O. — Mamifakturwarenfirma M. G. Oppenheimer Inh. Israel Erwin Hildesheimer, Heiligenstadt. — Tuehgroßhandlung M. Stark & Co., München. —- Warenhaus Adolf Brünn Nacbf,, Berlin. —- Mechanische Kleiderfabrik Locwenstein ft Co., Altenstädt (Iller). — Goldmann ft Hirschfeld, Herrenwäsche- und Damenblusenfabrik, Bielefeld. — Heinrich Rosenbaum & Co., München. — Textilkaufhaus Gebrüder Alsberg, Wuppertal-Elberfeld, — Weiß ft Co., Bautmvoilwaren-Ausrüstung, Berlin. — ßilligheimer ft Einstein, ßettfede-rnfabrik, München. — Betten- Spezialgeschäft Kaliski, Berlin. — Webwarenhaus Heinrich Cohn, Beuthen (O.-Schl.). — Hutgroßhandiung Gebrüder Lauffer, Breslau. — Textilfirma Höfling, Gcisenkirehen. — Mechanische Frottierweberci Peltzer ft Co., München-Gladhach. — Bayerische Kleiderfabrik!. Abraham, Nürnberg•. — Schuhhaus N, Nordheimer, Leipzig. — Schul! haus Stein, Augsburg. — Schuhhaus Herbert, Augsburg. — Warenhaus Geschw. Knopf, Karlsruhe. — Wäschemanufaktur Karl Joel, Berlin und Nürnberg. — J. Berger, Krawattenfabrik, Berlin. — Knopfgroßhand'tmg Poper ft Fürth, Berlin. — Ludwig besser GmbH., Fabrikation von Damenkleidung und -konfektion, Berlin. — Siegfried Silberstehl, Fabrikation von Morgenröeken, Berlin. — Emi! Schein, Fabrikation von Dainentrauerkleidutig, Berlin. — Sehiirzenfabrikatkm, Kurz-, Weiß- und Wollwarengroßhandlung Wald ft Valii, Stettin. — ßaumwollwaren- und Texti'ien-Firma M. Ladendorff, Königsberg i. Pr. — Damenkleiderfabrik Heimann ft Seidenberg, Breslau. — J. ft P. Coim, Großhandlung für Möbelstoffe, Matratzendrellc, Polstermaterinlien, Liegnitz. — Modehaus A. Hellinger, Zeitz. — Kleiderstoffgroßhandlung Friedrich Maienfeld, Greiz. — Baumwollspinnerei Robert Schneider, Marien berg *— Marx ft Auerbach. Tuchfabrik und Handelsgeschah, Aachen. _ ' Kleine Nachrichten Rumänische'Juden benötigen, wenn sie im Besitz eines im Ausland ausgestellten Passes sind, für die Rückreise nach Rumänien ein Sondervisum, das von der rumänischen Vertretung des Landes ausgestellt sein muß, in dem sie sich zuletzt aufgehalten haben. Die Benutzung von Schulbüchern jüdischer Autoren muß nach einer Anordnung des italienischen Er- Ziehungsministers in sämtlichen staatlichen und privaten Schulen Italiens eingestellt werden. Die italienische Regierung hat angeordnet, daß vom nächsten Schuljahre ab besondere Schulklassen oder Schulen für jüdische Schüler eingerichtet werden. ln Ly da (Polen) kam es zu antijüdischen Ausschreitungen. Ferner kam es an der Technischen Hochschule in Lemberg zu Ausschreitungen gegen jüdische Studenten. Die litauische Regierung hat am Jahrestage der Gründung der litauischen Republik an vier Juden Orden verliehen. Bei dem britischen Gewerkschaftskongreß in Blackpool wurde einstimmig eine Resolution angenommen, die die brirische Regierung auffordert, ihre Verrichtungen gegenüber dem jüdischen Volke unter dem Palästinamandat zu erfüllen. Die Exekutive des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten (Gruppe B) beschloß in einer Sitzung in Krakau, die Zionistische Exekutive zur sofortigen Einberufung einer Sitzung des Aktions-Comitös aufzufordern. Dr. Ruppin sandte im Zusammenhang mit der Eröffnung eines Büros der Palestine Land Development Company in New York einen Gruß nach Amerika, in dem er die amerikanischen Juden aufrief, an der Ausdehnung jüdischen Bodenbesitzes in Palästina teilzunehmen. Wiener Notizen Von unserem Berichterstatter. J. R״ Wien, 11. September In den letzten vier Monaten sind nach einer Mittellung des Palästinaamtes Wien insgesamt 801 Pcrso• neu für die Reise nach Palästina abgefertigt worden. In den Monaten Mai bis Juni gab es 108, im Juli 219 und im August 315 Palästinawanderer. Bis Ende der laufenden Schedule, d. i. bi's spätestens 5. Oktober, sollen noch rund 830 Personen die Fahrt nach Palästina antreten. — In einer Verlautbarung fordert das Pnliistinaamt alle Zertifikat- und Visabesitzer, denen es aus irgendeinem Grunde nicht möglich ist, ihre Paliistinarei.se bis zum 30. September durchzufünren, auf, sich unverzüglich im Paliistinaamt zu!neiden. — Unter der Parole ״Raum für die Juden aus Oesterreich“ wendet sich der Keren Kajcmeth Wien mit einem Aufruf an die jüdische Bevölkerung, die Tischri-Aktion des Keren Kajcmeth durch Spenden zu fördern. Gleichzeitig veröffentlicht auch der Zionistische Landesverband einen Aufruf an die Juden Wiens, in dem diese aufgefordert werden, dein Appell des Nationalfonds zu folgen und sich in der zionistischen Landesorganisation zu sammeln. Vom Schulrat der Kultusgcmeindc Wien sind im Rahmen ihres Kulturprogramms für Auswanderer zun! Zwecke der sprachlichen Ausbildung bis jetzt rund 109 Sprachkurse errichtet worden. In 276 Woehenstunden werden 2800 Teilnehmer von 40 Lehrern in Hebräisch, Englisch, Spanisch und Portugiesisch unterrichtet. Einer Statistik, die sich auf eine zu Beginn der Schulferien durchgeführte Umfrage unter den jüdischen Mittelschillern Wiens über ihre Bcrulsabsichten und Auswanderung»- wünsche stützt, ist zu entnehmen, daß sich von 5000 jüdi* sehen Mittelschülern 750, d. i, der vierte Teil der von der Umfrage statistiscli erfaßten 3000, bestrebt sind, das Studium forfzusetzen. Von diesen 750 Mittelschülern gehören 530 den unteren Klassen an. Bei den Mädchen sind es 34 y», die sich für das Weiterstudiimi entscheiden. An die 60 ״.'o der an der Enquete teilnehmenden Schüler haben als Zielband Palästina angegeben. Aus Kenya. Die Religiöse Auswanderer-Betreuung der Agudas Jisrocl übermittelt uns folgenden Bericht aus Nairobi (Kenya): In Kenya wohnen ca. 300 Juden, hiervon die überragende Mehrheit in Nairobi. Eine jüdische Gemeinde gibt cs nur in der Hauptstadt des Landes, Nairobi, obwohl auch Mombassa und einige andere Niederlassungen einige jüdische Familien aufzuweisen haben. Die meisten jüdischen Ein- Wanderer kommen aus dem Osten Europas hierher, diese sprechen unter sich größtenteiis Jiddisch. Andere kamen aus Südafrika und einige direkt von England. In den letzten Jahren sind natürlich auch junge — unverheiratete — Einwanderer aus Deutschland hinzugekorumen; jüdische Familien aus Deutschland sind erst während der letzteri Monate eingewandert. Die jüdische Gemeinde in Nairobi untersteht dem Chief Rabbi des Britischen Reiches in London und ist den United Synagogues angeschlossen, ln der Svnagoge in Nairobi findet nur am Freitagabend und an den Feiertagen Gottesdienst statt. Die Gemeinde hat zur Zeit keinen an gestellten Kultusbeamten, die Funktionen eines Cliasans werden ehrenamtlich besorgt. Es ist weder ein Schochet, noch ein Lehrer für die Kinder, noch eine Mikweh vorhanden. Dagegen hat sich eine Chewra Kadischa gebildet und die Gemeinde besitzt einen eigenen Friedhof. Da zur Zeit ein Mohel nicht vorhanden ist, übt die Miloh ein Arzt aus. Ein eigentliches jüdisch-religiöses Leben gibt es hier nicht, selbst nicht unter den Ostjiidcn. Man kann aber von einem regeren jüdisch-kulturellen Leben sprechen, den! sich einige Organisationen widmen. Man kann kurz sagen: Die meisten Juden hier sind sozial und weltanschaulich voll und ganz Juden, in religiöser Hinsicht sind sie alle neolog. — Streng orthodoxem!.eben stehen hier große Hindernisse entgegen; um nur ein Beispiel zu nennen: Die Europäer leben weit von der Stadt entfernt und viele Juden haben über eine Stunde zur Synagoge zu laufen, was unter der hiesigen tropischen Sonne fast unmöglich ist. Verantwortlicher Redakteur: Dr, Robert W e 11 s c h. Berlin-Charl. 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Locwenstein. Berlin W 15. Anzeigenleiter und verantwortlieh für den Inhalt der Anzeigen: Krirh Licpmsnn, Berlin W 15. Gültig Anzeigen- Rreislhte 5 vom 1. April 1936. Verlag und Anzcigenverwahiing: ]üdL1!'׳e RnmLrhau. Berlin W 15. Meinekestr. 10. D.A. 11/1938: 26 045. — Druck: .'lax L 1 c h 1 w i 11 (vo mals Druckereibetriebe Max Lichtwitz und Siegfried Schülern), Berlin SW 68.

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