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Jüdische Rundschau · 1938-09-06 · Heft 71 (6.9.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 71 (6.9.1938)
Date
1938-09-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 71, 6. IX. 1938 Das Schicksal der Emigranten-Aemier Wanderungsfragen vor dem Völkerbund Von unserem Berichterstatter v. Genf, 4. September Die am 12. September beginnende XIX. Tagung der V ö 1kerbunds versa m m I u n g wird sich mit einer Reihe von die Juden unmittelbar oder mittelbar interessierenden Fragen beschäftigen. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß das P a 1 a s t i n;1 p r o b I c m in einem gewissen Grade Gegen* stand von Debatten sowohl im Völkerbundrat wie auch in der Volkerbuiidversammlimg sein wird. Die Vöikerbtmdvcrsammlung wird sich auch mit dem E m i g r a t i o 1! s p r o b i e m zu beschäftigen haben. Wie bekannt, bestehen jet/t noch, unter den Auspizien des Völkerbundes, zwei Aemter für Fluditlliigsfiirsorge, nämlich das ״Intcrnatio ale Nansen,׳mit für Flüchtlinge“, mit Sitz in Genf, und ilns ״('/be1׳kommi'-*ariat für Fmigranten aus Deutschland", mit S»tz in London. Gemäß schon vor drei Jahren gefaßten Ents;:fc!!elinn■; an der Völkeitmndversammhing sollten diese beulen Aemier spätestens bis 7um 31. Dezember 1938 liquidiert und der Völkerbund der ihnen obliegenden Aufgaben enthoben werden. Diese I ״t-'cliließimgen gingen damals von der Uebcr- Zeugung uns, 1l.1t! binnen die’ Jahren das Los sowohl der dem Nansenamt unterstehenden rti-a sehen, a!n1en׳schen,syrisch-chal* daisciini 11ml asmr '-ehen w e auch das der damaligen Fmigranteu ,׳u1< DeutSi l!l,׳u!d so׳.׳, tf inj!(!!.'([ 1<iert sein wird, dal! eine XX eilt. 1 rh.mu:1.! '>..1:׳!n 1 <■ r 11.!;1 ׳ >:!:sU■ 11 Aenuern nicht mehr notweiuhg -■•in und. IN drang der Beschluß durch, die beiden Aemter I-1 •י /um Lude des J,ihres l'H,s zu liquidieren. Anl.u’.hi'li der \ori ihrigen Vtu herbumlvers annnhmg, also zwei I ah:׳e sp.,11 ei.!,׳im led'uh die ::ruhe Mehrheit der ■MitgliedsViali 11 11. s Vidkei!::indes zu der t eher/eugimg, daß die Aufl1׳'!r;.׳ dir int er schon im J. ihre!113s eine eien Umständen 1• mm e׳!;-pu ,in ■ule mul \nr/e:t! :e Maßnahme wiire. Die uor- \\,g.-H1e l'1׳,c miin;.;. d.e -eit iehrr einen regen Anteil au allen humauu Prid'ii 1;1e;1 hat, iiiiti rbrciiete einen Vorschlag, det sich!!.eilt mn eege:: die Auflösung der bestehenden und auf gewisse gen:: 1! uiii-duiebenc Kategorien von Flüchtlingen beg: e'i/teu Aimter ati-spr.ieh, sondern che Schaffung eines ein- 1! e 1! I! c!1 1• ־,; ,!׳ o I: / 11 1 g;11 ן gelegt eil und alle schon he -teilende!! v, 1e aikh kimfiiqe 11 Kategoi'ien von Flüchtlingen betreuenden 1;11 c r!1 a t i o n;1 i e n A m t e s verlangte. Dieser Vorschlag begegnete großem Widerstand und, da Finstimmigkeit mein trlmigl werden konnte, wandte sich die Völkerbundvu-nmmlung an den Völkerbmidrat mit der Bitte, ihr bis zu ihrer nächste!! Tagung — also der bevorstehenden — einem Plan \o:'.״1:;1׳j1;!, dem alle ilegierungen belpflie.hteu könnten. Im solcher Plan liegt n 1111111 i.it r in einem R e r i c 111 des V ö! k e r bu n d r a t e s an die Völkerbundversammlung vor. Fr gleicht allerdings nur der F.׳rin nach, nicht aber dem Inhalt, dem un-prüngielu'ii noru e ׳. scheu Vorschlag. Der Bericht des Rates schützt die Zahl der Flüchtlinge, die als solche vom Völkerbund anerkannt werden, auf ungefähr 600.000. Er stellt fest, daß das Problem der vom N'ansenamt betreuten Flüchtlinge wegen .Mange! an ,Mitteln und Fiiiwanderimgsmögfichkeiten nicht durch Wanderungen, sondert! nur — wenn auch nicht vollständig — durch Assimilation und Naturalisie• rimg in den!...ändern ihres jetzigen Aufenthaltes gelöst werden kann. Dieser Prozeß sei im Gange und werde wohl bald zum Abschluß‘kommen. Die Zahl der Emigranten aus Deutschland wird auf 130.000 geschätzt, davon seien ungefähr 120 000 in verschiedenen Ländern bereit« definitiv angesiedelt worden. Angesichts dieser Lage, so fährt der Bericht fort, kann man!!offen, daß das Problem in verhältnismäßig begrenzter Zeit seine Lösung finden wird. Der Rat schlägt daher die Schaffung eines einheitlichen F I ii c 1111 i 11 g s a m t e s vor, geleitet von einem vom Völkerbund ernannten Kommissar, <lcra einige Sekretäre z.ur Seite stehen. Dieses Personal dürfte sich weder aus Flüchtlingen noch ans gewesenen Flüchtlingen zusammensetzen. Die Aufgabe dieses FHichtlingamies würde darin bestellen, die Inkraftsetzung und Anwendung der Konventionen über den legalen Status der Flüchtlinge zu überrachen, die Koordinierung der Beistandsarheit zu fordern und den Regierungen wie attclt den privaten Organisationen hei ihren Bestrebungen behilflich zu sein, Einwanderungsländer und ständige Ansiedlungsmöglichkeiteti ztt finden. Der Völkerbtind wird nur die rein administrativen Ausgaben dieses Flüchtlingsamtes tragen, aber keineswegs finanziell zum Beistandweric beitragen. Die Wald einer entsprechenden Personlichkeit als F I ii c h 11 i 11 g s k o in nt i s s a r wird der Völkerbundversammlung obliegen. Durch die Vereinigung beider bisheriger Aemter in eines werden sich Ersparnisse in den Verwaltungsausgaben ergehen. Die Tendenz dieser Vorschläge geht offenkundig dahin, dem Völkerbund nttr die Aufgabe zn übertragen, jene Teile des Flüehtiingsproblems einer möglichst schnellen Lösung näher zu bringen, mit denen er sielt bisher beschäftigt hat, aber ihm keine neuen Aufgaben aiifziibiinlen. Das neue vereinheitlichte Flüchtlingsamt wird daher eit er den Charakter einer liquidierenden Institution tragen, wobei der ursprüngliche Termin des!1. Dezember 1038 vorläufig auf unbestimmte Zeit verlängert wird. Die Probleme der noch bevorstehenden Auswanderung aus Deutschland und Oesterreich werden dem in Fvian geschaffenen, ganz, außerhalb des Einflusses det Völkerbundes stehenden zwischenstaatlichen Komitee überlassen werden. Als aussichtsreicher Kandidat für den Posten des Fliichllingskommissars des Völkerbundes wird der Norweger ,Michael II an so n, der bisherige Vorsitzende des Internationalen Nansenamtes, angesehen. Ihm zur Seite wird, vielleicht als Vizekommissar, sei es Sir Neil M ,1 Icolm. der bisherige Kommissar für Fmigranten aus Deutschland, sei es sein Mitarbeiter, l.ori! Dune an non, gestellt werden. Die Völkerbunüversammiimg wird sich, im Rahmen ihrer Aussprache über weltwirtschaftliche Probleme, mich mit de rnograp bische 11 u n d Wandet ti n g s f r;1 g e 11 b eschattigen. Als Grundlage zur Aussprache über demographische Probleme wird eine durch das Sekretariat des Völkerbundes ausgearbeitete Studie über ״die Kriterien der Uebcr- und Unterbcvölkerung“ dienen. Der Ständige Wirt- Schaftsausschuß des Völkerbundes, der sich — besonders auf Anregung der polnischen Regierung — mit diesen! Fragenkomplex beschäftigt hat, empfiehlt in seinem Bericht an die Völkerbundversamudung die Schaffung eines besonderen demographischen E x p e r t e 11 k o m i t c c s, d as mit der Ausarbeitung von konkreten Vorschlägen betraut werden solle, mit welchen Mitteln die Länder, die an Uebervülkertmg leiden, ihren Schwierigkeiten bei kommen können. Dieser Vorschlag wird zweifellos angenommen werden. Die Frage der kolonisatorische n W a n d c r 11 n - gen wird von der Versammlung an Hand der bisherigen Studien des Internationalen Arbeitsamtes und der Beschlüsse einer im März d. |. slattgcfundeneti RegFrungskonfeien/ behandelt werden. Diese Konferenz, die sich fast ausschließlich mit den Möglichketcn kolonisatorischer (landwirtschaftlicher) Ansiedlung in de״ südamenkanischcn Staaten beschäftigt hat, hat 11. a. die Schaffung enter permanenten internationalen Konimission für Fragen der kolonisatorischen Wanderungen beantragt. Der Wirtschaftsausschuß des Völkerbundes befiirwortet diesen Antrag, und er wird wahrscheinlich von der Völkerbund versaut nt hing an genommen werden. Auswanderung: aus Oesterreich Von unserem Berichterstatter. J. R. W i e n, 4. September Zu der bereits gemeldeten Errichtung einer ״Zentralstelle für j 1! d 1 s c b c A 11 s w;! 11 d e r c r“ gibt die Kultusgemeinde Wien noch einige Richtlinien, die insbesondere für j u 11 i י c '1 c P a ß b c w c r h e r von Bedeutung sind, bekannt. Es luißi 11.;1.: Alle (ilanbcn-i eilen, mit Ausnahme jener, die nach Pal 1-tina au-,wandern, wenden sieh wegen Erlangung eine.- P.1->c« an die Israelitische Kult 11 s gemeinde Wien, nia׳d'1־n-ä;!1.:e[1, de'--׳•׳; Reiseziel Palästina ist, erhalten ihren Fr 1,׳.:eh׳׳gen beim!> :1 I ii s t i n :!amt in der Marc Aiirelstraße. Für Ndiiitgl 1:ihe!;w;1.k׳n w: die 11 1 i d e m e c s t e r-A k t i 0 11 7'1-t i i:n.־wwn i-t die lnan>pn!1׳hnahme;!"derer Organis.ibonu! oder I!:׳־/elpet-״!h׳>: u 11 z 1! I ii « s i g. Die Pa'lhcwerber haben sich 'tieiig an de ihnen zugcwiesencn Organisationen /:! h:!;u1:׳ Ide 1וי:0;1ז1;1יז׳;> ■dt־- Rei׳:ep:1s«os Pt an die Ausfuilüug eines hei der k'ultiisgi im'imle resp. beim Palästinaamt pur d.e Pu!.!•linawaudenmg) erhältlichen 1׳ ragebogens gebim.Im. Vor der Au.-Iumligmtg des 1 ragebogens wird durch F'-kumbgungen fe.-tgeste'lt werdm, ob der Palibewerber in a!: >. e!1 b;1 r 0 r Zeit eine II i n r e i s e m ö gl i c 11 k e i t erhalten kann. I ine Wi uere X' o r b e d i n g 1! n g ist, daß der Pallbewerbe!׳ k e :!1 e r I e i Sie u e r r!11; k s t ii tt d e atif/mveiseil hat und dit ihm.Mig'.mg de- Magistrates über die Gemeindesteiiern!!!ui •l'ml:1g׳-n besitzt. Der ausgefüllte Fragebogen, dem auch das Palbinwei-ungstormular beigclegt ist, muß beim Matrikelamt der KuHii-gemeaule zwecks Bestätigung der V o 11j u d c n e I g־ e 11 s c 11 .־! f t e.ngereirbt werden, wobei sämtliche Personaldok!1nu׳nte bei/ulegen sind, aus denen die volljüdische Abstammung zu ersehen ist. I «1 r die Ausfertigung der Reisepasse wird, wie bereits berichtet, eine nach den Vermögens- Verhältnissen abgestufie Umlage erhoben, die zur Unter- Stützung unbemittelter Auswanderer verwendet werden soll. Die Bemessung dieser Umlage erfolgt iin Steueramfe der Kultusgemeinde, wo erst dem Paßbewerber eine Anweisung an die Zentralstelle für die jüdische Auswanderung ausgefolgt wird. Palästinawanderer erhalten diese Anweisung vor der Bemessung des Stcueramtes der Gemeinde durch das Palästinaair.t, Diese Anleitung gilt in erster Linie für reiclisdeutschc- Staatsangehörige. Staatenlose Juden, bezvv. Ausländer, denen die zuständige Konsularbeliördc die Ausstellung eines Passes verweigert, wenden sich an die Auswandenirtgsbcraiungsstelle der Kultusgeineiride. hi der Anleitung wird schließlich noch bemerkt, daß Ausreisevermerke in alten österreichisehen Pässen ihre Gültigkeit bis zum 31. Dezentber 1933 behalten, sofern sie von den Konsulaten der Zielländer anerkannt werden. Im Bedarfsfälle kann um die Ausstellung eines neuen Passes naehgesucht werden. Oesterrcicltische Pässe ohne Ausreisevermerk sind bereits ungültig. In der Zeit vom 21. bis 26. August fiat die Auswandertingsabfeiliing der Kultus gemeinde 500 Auswanderer mit Reisezuschüssen versorgt. Insgesamt wurden bis jetzt von der Aiiswandcrungsahtcilung 6086 Personen abgefertigt. Ir! einer weiteren Mitteilung der Aiiswaiiderungsabteilung der Kultusgemeinde wird mit allem Nachdruck darauf aufmerksam gemacht, daß die Besorgung von Reisepässen im Zuge der Neuordnung auf diesem Gebiete jetzt verhältnismäßig kurze Zeit in Anspruch nehmen wird. Es sollen daher nur jene Personen um neue Reisepässe naelisucheii, die sich bereits eine E i n re i s e m ö g I i c 11 I» e i t g e s i c 11 er t haben, mit ihren Steuern nicht im Rückstand sind und u 11 m i 11 e!־ bar vor der Ausreise stehen. 400 Jugendliche sollen bis finde September itn Rahmen der ftigendaiija den Weg nach Palästina nehmen. Ans diesem Anlaß fand für die jugendlichen (Hirn letzten Frei 1• זg im An- Schluß an den Abendgottesdienst im Großen Tempel der Leopoldstadt ein Festakt statt. Die symbolische Uebcrgäbe von 12 Torarollen aus dem BePtz hübscher Gemeinden Oesterre'chs an eile Mitglieder der Jugendalija gab diesem Abend die Weilte. Die Israelitische Kultusgemeinde Graz richtet tn einem Aufruf an ihre Mitglieder die dringliche Aufforderung, ihren Pflichten der Gemeinde gegenüber nachzukommen. Der Aufruf wei«t auf die bisherige Arbeit der A 11 s w a!1 cf e r u n g sstelle hin. Ueber 1300 Personen sind dort zur Auswanderung angemeldet, von denen bereits 1k) ausgewandert sind. Um ״le^re Räum״“ England, Schottland und das Empire Welche greife Bedeutung die britischen Dominions für eine Lösung des Wanderungsprob'ems (nicht zuletzt des jüdischen! gewinnen könnten, ist «ft hcvorgclmben worden. Die Dominions, besonders Australien, haben nielrfach erklärt, daß sie, falls überhaupt eine Einwanderung in größeren! Maßstabe in Frage kirne, vor allem Einwanderer ans dem hritiselten Mutterlande bevorzugen würden. Neuerdings bemühen sich verschiedene Verbände in England tim Organisierung von Auswanderern nach den ülierseeisrhen Gebieten des Weltreiches. /. B. die Vereinigung CIHstticher Junger Männer, der in der englischen Oe«el'sH1nft eine große Bedeutung zukommt. Ein sehr eigenartiger Widerspruch gegen diese Tendenzen macht sieh nun in Ci'oflbri'ainiien selbst geltend, und zwar von schottischer Seite. Schottland hat in den letzten siebzig Jahren durch Abwanderung nach England und den Dominions nicht weniger als 1400 000 Seelen verloren. Ein Blick auf die Bevölkerungsbewegung der Gegenwart in Schottland zeigt eine fal’cnde Geburtenrate: die Hoch flächen werden immer mehr zu Weide- und Jagdgebiet, die Industrie geht zurück, und in den letzten Jahren sind durchschnittlich nicht weniger als 10 000 schottische Arbeiter nach England (das in dem ״Vereinigten“ Königreich als der andere Partner der Union von 1701 gilt) gegangen, wo die großen Zentren der britischen Industrie liegen. Schottische Kreise weisen angesicltts der wachsenden Entvölkerung .Schottlands auf die Gefahren hin, die eine organisierte Förderung der Auswantlcrutig in die ״leeren Räume“ der Dominions herautho«dnvören würde. Man solle zuerst an die leeren Räume in Schottland denken, bevor man die Blicke nach Ucbersee richtet. Für den jüdischen Betrachter ist diese Debatte nicht ohne Interesse. So wenig es uns zusteht, in ihr Partei zu ergreifen, so sehr dürfen wir sie doch wohl zum Anlaß nehmen, um erneut darauf hinzuweisen, welchen Beitrag die Judenheiten in Europa für die Erschließung von bisher kauin oder nur extensiv genutzten Räumen der britischen Dominions in Uebersee leisten könnten. Das alte Evangelium Aus der Aktualität von heute, die in iliretn entscheidenden Gehalt sicherlich nicht religiös bestimmt ist, mag die Untersuchung der Probleme der Ontstelumgszcit des Christenttims uns nicht das vordringlichste Anliegen sein. Dennoch bleibt unsere Frage offen, welchen Anteil das Judentum an. Ursprung, Leben und sterben dessen hat, der einer Welt einen neuen Glauben, ein anderes Lebensgefühl gab. Der Beantwortung dieser Frage gilt die Arbeit, die Leo Baeck unter dem Titel ״Das Evangelium als Urkunde der jüdischen G 1 a u 1> e 11 s ,״ e s c 11 i e!11 c“ soel e 1 (Bücherei des Schockett-Verlags Nr. tl!, Berlin 1638) voilegt. In dem erstell, die größere Hälfte des Buches fülle!den Kapitel ,.Ueber!ieferungen“ schildert Baeck, wie nach dem Abschluß des biblischen Kanons ini Judentum ein eigentümlicher Stil der Tradition sich entwickelte, der bestimmt ist durch die lebendige Wirklichkeit des biblischen Wortes, dessen Bedeutung man in jeder neuen Situation wiedemifinden meint. Kam es darauf an, schon früher Gesagtes in der Gegenwart vviederz iierkenncn, so mußten in einer Zeit der äuliereu Bedrängnis alle Verheißungen der Prophetie einen erregend gegenwärtigen Klang gewinnen. Die Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen, wurde zur unmittelbaren Erwartung, In ihrer Atmosphäre verloren irdische Werte ihren Rang; die Sittlichkeit radikalisierte sich. Das ist der geistige Raum des zeitgenössischen palästinensischen Judentums, aus dem der» Siitter des Christentums hervorwuclis. Die Vielzahl der Evangelien erklärt sich aus der Vielzahl seiner Jünger; daß sic in ihrer heutigen Gestalt allesamt mehr enthalten als die einfache Erzählung von dem Leben und den Worten Jesu, ist vornehmlich das Werk des Pau- 1 u s, der aus seiner Heimat die Mythen und das Erlösungsbedürfnis der vorderasintiseh-gricchischen Welt mitbrachte und dadurch die Theologie schuf, die den Glauben an Jesus zur Voraussetzung des Heiles machte. Wenn diese Theologie, zuerst mir eine Verschmelzung jüdischer Messias- und heidnischer Erlösuugslehre, vom Judentum sich abwandte, ja sich gegen cs stellte, so liegt dem das furchtbare Erlebnis der Katastrophe der Tempo Izcrstörung itn Jahre 70 zugrunde. Der Sieg der Römer kannte nur ein ״Gottesurteil sein, und die Gemeinde der Jesusgläubigen war überzeugt, daß ihr Meister auch dieses ge weissagt habe.. Aus der l Vber/eugimg dieses Glaubens erwuchs dann die literarische Zuweisung; die fortwirkende Tradition legte entsprechende Worte dem I leiland in den Mund. Waren die Trümmer des Tempels ein Zeugnis für die Schuld des jüdisehen Volkes, so wandte man sich nun, zumal da die äußeren Verhältnisse der jüdischen Diaspora im römischen Reich sich verschlechterten, den Heiden zu; und auch in die Darstellung vom Gericht und Tode Jesu drang eine Tendenz, die Jen römischen Landpfleger entlasten will. Wie diese Entwicklung Schicht für Schicht in den heute vorliegenden Ev<y1gelic11 sich abzeichnet, macht Baeck behutsam, aber überzeugend deutlich. Der historischen Dar- Stellung folgt der Versuch einer Rekonstruktion des ursprünglichen Evangeliums in zwei Teilen, ״Die Begebenheiten“ und ״Die Sprüche und die Gleichnisse“. Durch Ausscheidung jener Tradition, die von Paulus bis nach dein Ende des Bar Kochba-Aufstandes nacheinander die Erlösungstheo'ogie, das Sakrament, die im hellenistischen Kulturkreis beliebte Fülle der Wunder, die Weissagungen der Tempel/erstürung, die Ablehnung des jüdischen Gesetzes, die Lehr« von Jesus als dom fleischgevvordenen Logos der griechischen Philosophie, die Abschwächung der Erscheimmt! des Täufers Johannes zn einem bloßen Vorläufer hineinverarhe.tet hat, gelangt Baeck zu einem Evangelium, das in den drei ,,synoptischen“ (Matthäus, Markus, Lukas) enthalten ist, nur dort umgeben und überdeckt von einem reicheren Komplex, den das dogmatische Bedürfnis der werdenden Kirche geschaffen hat. Ist 'diese Decke abgetragen, so ״tut das alte Evangelium sich auf“. W. G. Sigmund Mowinckel: Det gamle testament som Guds ord (Das Alte Testament als Gottes Wort); nor• wcgisch. — Gyldendnl Norsk Forlag, Oslo 1938. Der betühmte Alttestanicntler der Universität Oslo hat eine X'orlesungsrtilte in Buchform erscheinen lassen, di« Aufmerksamkeit und Beachtung auch bei uns verdient, di« wir ihm nur ein kurzes Stück Weges folgen können, Mowinckel ist ein — man möchte sagen —• orthodoxer Anh iinger der Q tt e 11 e 11 s c h e i d 11!1 g s I e h r e, deren An• selten heute fast vollkommen verschwindet, besonders in der ni;ht iidischcn BibelteIssensdiaft. Seine Anschauungen über die Offenbarung am S'nai und über Offenbarungscrlebnis sHtTchthni sind vo׳ '־ ■׳'er G'änlvgkeit durchdrungen. Ein Gegner der X'erba inspiratioit und von gew’ssen historischen Irrtumcm in der Heiligen Schrift als einem Menschenwerk überzeugt, findet der Autor in der Tatsache der Inspiriertheit Moses’ und der Propheten und ihrem Niederschlag das Göttliche, auch da wo Wissenschaft und Kritik mit Einwänden kommen müssen. — Dem modernen Judentum bringt Mowinckel kein wärmeres Verständnis entgegen, doch ist er ein begeisterter Bewunderer insbesondere der sozialen Etil i k des Alten Testaments. J• S, Fachbesprechung der Soz’alarheiterinnen in Ramat Gau. Am 5. und 6. August fand unter Leitung von Frau S. Wronskv vom XX'aad 1 etmii in Ramat Gau die erste Paclibespi'eeiiung des Sozialarbeitern neu Verbundes (Irgttn Owdoth Sozia'ijotb) statt, die zugleich eine produktive Farin der Freizeitge■sta'tung darstellte. Au dem Treffen nahmen außer einer größeren Anzahl Fürsorgerinnen und Fürsorge- Schwestern, die Mitglieder des X'orsUmdcs des zentralen Ftirsorgeamtes Ramit Oatt mul Umgebung, Vertreter der Gemeinde, sowie einzelne an der Sn/ialarbcit interessierte Persönlichkeiten a's (Tiste teil. Den Auftakt der Tagung bildet« ein Empfang in! Garten des Hauses Dr. Mcinltold Nußbannt, der den persönlichen Kontakt zwischen den Teilm'hr.erinnen herstellfe. Gegenstand des Snuimars war das neue, im Februar vorigen Jahres erlassene, demnächst in Kraft tretende JueendsclMdzgesetz, das erste Gesetz im Lande auf dem Gebiete der Jugendwohlfahrt. Dieses Gesetz bcdeutet einen wesentlichen Fortschritt in der Jugendfürsorge, da es den Fürsorgestellcn die Möglichkeit geben wird,^ auch vorbeugende E tirsorgtwa ßnahnien auf gesetzlicher Grundläge durclmtftihren. Die Grundlage der Besprechung bililete ein von trau Wronskv im Aufträge des XVaad Lcuitti verfaßter Führer durch das Gesetz. Das Seminar brachte eine Fülle wertvollen Materials aus der Praxis der Fürsorgerinnen, das den zuständigen Regierungsstellen, die mit der Abfassung der Ai! sführungsbest immun gen betraut sind, übermittelt werden wird. Regina Schächter, Ramat Gart Kinder-Erholungsfiirsorge. Der Soziale Ausschuß für Jüdischc Wohlfahrtspflege in Westfalen und läppe (Bielefeld) hat in diesem, wie auch in vergangenen Jahren eine Ferien- Verschickung dtirchgeTi'jhrt. Es ge'angtcn in diesem Jahre insgesamt £0 Kinder aus dem Verbandsbezirk zur Verschickung.

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