Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 70 (2.9.1938)
- Date
- 1938-09-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 JÜDISCHE RUNDSCHAL Nr. 70, 2. IX. 1938 Tragödie Ismael Von Georg Hirschfeld Es gibt wohl keine reinere Heldengestalt in der jüdischen Geschichte als (Jedaija, den ersten Zionisten in Zion. Er lebt im Gedächtnis neben Jeremias, doch so reich die Bibel den eifernden und klagenden Propheten überliefert hat so gering in lapidarer Einfachheit bietet sie Gcdaljas Züge. Im gleichen Malt erscheint und verschwindet sein Feind, sein Mörder. Ismael, aus königlichem Stamm, uem König Baaüs von Ammon ergeben, findet sich nach Jerusalems Zerstörung zu Gedalja, dem Statthalter Nebukadnezars, der kein Chaldäer, kein Geschöpf des Siegers ist, sondern ein Jude, ein Sohn der zerstörten Stadt. Ismael kommt mit anderen Juden, die dem Wüten Babels entgangen und sich auf die Stätte des Schreckens zurückwagen, weil — das Wunder dieser Stadt fügt es —, einer der ihren vom Feinde als Statthalter, als Erneuerer unter Babrlons Hoheit eingesetzt wurde. Mit dem Erscheinen Ismaels auf der Bergfeste Mizpa beginnt das Drama Gedaljas. Die Bibel nennt nur Tat- Sachen und begründet nicht. Sparsam *teilt die Bibel in die grölfte Krisis des jüdischen Volkes, nach der ersten Zer- Störung des Tempels den aktiven Helden und seinen Feind, seinen Monier: Gedalja und Ismael. Dieser kommt mit einem Mordplan aus dem feindlichen Ammoniterlager unu Gedalja nimmt den Spröliling des Königshauses freundlich auf. Gedalja wird von ergebenen Männern, die Ismael mißtrauen, gewarnt. Er aber ist keiner Warnung zugänglich. Er zeigt eine grenzenlose Arglosigkeit. Dann geschieht in anderst knapper Schilderung, was der Erinnerung des jüdischen Volkes ein hohes Martvrerbild gegeben: Der Statthalter Judas fallt als Opfer seiner Pflicht. Er, der arglos vertrau! hat, wird tückisch medergemadit, 1-mael schreitet dann noch zu anderen Morden, ohne Vergeltung seiner Untertanen zu finden. Man sieht ihn nicht;׳<N I rager einer politischen Mission, niemand hi 11 digt dem gewalttätigen Königssproß, er muli vor der Ra die der Gedaljafrcunde fliehen und verschwindet. Die Bibel sagt uni Ismaels Ausgang und Schicksal nichts mehr. Sie stimmt aber auch die erwartete Klage um (jedaija nicht an. Erst das 1ud1-chc Volksjgofuhl kommender Jahrhunderte « hat es getan und Gedaljas Gestalt erhalten. Sein Plan, ein wilder errichtetes Zion, hell keine Spuren, er hatte sich in einem schöpferischen Menschen fast gestaltet. Hier ist einer der merkwürdigsten wohl noch nicht ausgeschöpften Stoffe biblischer Forschung, biblischer Dichtung, lim die Mitte des 19. Jahrhunderts hat ein bedeutender Gelehrter. vor! dem Thema bewegt, es poetisch zu gestalten versucht. Es gabt ein Trauerspiel von Ludwig Philippson, das vor der limncrung wieder auftaucht, wenn die Pliantasie unserer läge dem eigentlichen (leiden des Buches Jeremia iiachsimtt. ״Die Entthronten" von Ludwig Philippson sind ein ehrlich gewolltes, aber kunstleiisdi nicht gekonntes Drama. Es hangt in Epigo!u׳nfes*eln, sein Verdienst liegt nur im Hinweis auf eine jüdische Dichtung, die noch keine Gestaltung finden konnte. Das Eigentümlichste aber ist, daß der Stoff an sich, das T h e m a, das Philippson zu seinem Drama bewogen, dem Angeregten unserer Zeit, nicht das eigentlich Gültige sein kann. Gewiß erscheint auch hier Gedalja als das Opfer seiner Gesinnung, seiner großen Aufgabe, aber es fehlt das grtintllggendc Netz, das Netz der historischen Zusammenhänge, die'Gedaljas Erscheinung erklären. Es fehlt der Einbück in (Fit? treibenden Kräfte um ihn her, so tief auch die Mühe Li/dw'ig Philippsons um sie gewesen sein muß. Wir, die nach Jahrtausenden vor eine ungeheure Realität gestellt werden, nicht vor ein bloßes Trau:־' '•׳'!de, wir stehen vor der Gestalt Nebukadnezars, bevor wir uns dem Manne zuwenden, den er als Statthalter cingese./... Babylon war eingeschritten .- aus denn Reiche Davids und Salomons war in schicksalsschwerer folge nur Juda übriggehheben. Hier ragte der Tempel, aber die königliche Aufgabe fand keinen König mehr. 111 tragischer Verkennung, die in mancher Hinsicht nicht von ihnen gewichen, glaubten die Juden sich als das Weltproblem, aber auch im damaligen Frdkreise war das Problem nicht ein Einzelvolk, sondern eine Völkerentwicklungsreihc. Die Entscheidung lag bei Babylon und bei Aegypten,!deshalb sah Nchukadne/ar die Juden s*;rk nur in ihrem Bezirk und konnte ihren *Trotz gegen s! ine Aufgabe nicht himiehmcn. Er schritt über ihren Widerstand fort. Er tat es mit der ganzen Brutalität des Despoten und doch hat er st ine־n judi-; hen Gegner nicht nur!111 iiS'i.'iti,!•.׳!•, sondern auch < rkannt. Er ließ den König lii-kia blenden, er führte den größten *[eil seines Volkes ins Exil, aber er zerstörte Salomoן' ״ cnpel nicht, 01111e seiner l uisto; büchkeit zu gedenken. Er wollte < ieborsa 11׳, unbedingten Dienst an seinem Werk. Das Volk der Juden nur zu knechten, war nicht Nebukadnezars Wille. Einer der ersten sozialen Ideen träger, sah er in dem Zerstörung*grauen schon die Erben, die Zion wieder atifbsucn konnten, auf sein Gelu'ili. Nicht den Prassern 1:ml Volksverr.iteru, den faschen ik ies'erii. die über Nacht zu Ba.'d u!»erliefen, vertraute Nebukadne/ar, sondern den Männern, welche die Nachwelt Arbeiter nannte. Die klagten nicht um verödeten Boden, sondern rangen um ihn, die holten neue Weinstöcke aus verbrann'cu (lohen und neues Korn aus zerstampfen Feldern. Buren gab N'ebukadnezar das Land des gestürzten Juda. Su mir konnte ein neues Jerusalem, ein neuer Tempel erstehen, nicht mehr aus Gold und Zedernholz, doch mit der Weihe eines Gottes, den N'ebukadnezar nicht anbetete, aber ehrte. Er fühlte den Zauber des Sichtbaren iru Unsichtbaren. E׳ wußte, daß kein Chaldäer diese Aufgabe erfüllen konnte. Sein Statthalter, dem er Judas Zukunft anvertraute, mußte Jude sein. Unter den Hauptleuten, die in der Sc 11 ule seiner Kriege groß geworden, wußte N'ebukadnezar solche Juden. Gedalja war es, dessen Soldetcnseele er kannte._Dieser Mann war kein Politiker, aber er handelte nach seinem Gewissen. Der Sch m e r z u m Zion war in ihm, der fruchtbar werden konnte. Gedalja mag das Verhängnis seiner Aufgabe gefühlt haben, aber sie wurde auch sein Stolz, das Ziel seines tapferen Lebens, fn der Bergfeste .Mizpa blieb er mit wenig Soldaten, Schützer der Schutzbedürftigen, nicht nur der verlassenen königlichen Frauen, sondern auch der eines große! Mannes, den N’ebukadnezar nicht verkannte. Er mußte den kongenialen Verfechter seines politischen Willens in Jeremias. Dieser Prophet, der Wahrer des Judentums, war von seinem Volke nicht gehört worden. Vergebens hatte Jeremias den Fall Jerusalems vermeiden wollen, vergebens hatte er gepredigt, was Zion bleiben ließ, auch wenn er oder gerade weil er sielt dem weltpolitischen Willen Babylons fügte. Der Kerker wurde Jeremias Lohn. N'ebukadnezar ließ ihn befreien und an Gcdaljas Seite, da der Prophet dem Sieger nicht nach Babel folgte. Ein großes, unsichtbares Motiv jüdischer Geschichte ließ Jeremias den Statthalter nicht retten. Der große Warner tritt neben Gedalja nicht mehr auf. Er verurteilte Ismaels Mordplan nicht. Gedaljas Schicksal vo'lzicht sich — Jeremias muß in entscheidender Stunde, ein Einsiedler, ein stummer Prophet gewesen sein. Oder mochte er erkannt haben, was *das unentrinnbare Schicksal Judas war? Erst nach Gedaljas Ermordung wird Jeremias von seinem ratlosen Volke befragt. Er predigt, Nebukadnezars Rache nicht zu fürchten und in Juda zu bleiben, dem Geiste Gedaljas getreu. Sie hörten ihn abermals nicht. Sie überwältigten ihn und führen den treuen Warner in das trügerische Aegypten mit. Uns aber will sich vor solchem Geschehen der Blick trüben. Ein Vergebens des Propheten, ein Vergebens des Statthalters und ein Vergebens auch des Königserben? Was war die positive Kraft an dieser Wende der jüdischen Geschichte'׳־ Wird uns das Thema nicht zu kompliziert gestellt? Geht es hier nur um einen schlichten Pflichterftiller, der durch einen Verbrecher fällt, der den unanständigen aus seiner Natur heraus verkennt? Der sittliche Wert der Gedaljagestalt bleibt auch bei Philippson, obwohl der Leser seines Dramas mit einer Ungeduld kämpft, die dem Eindruck gefährlich wird. Ein Tugendhaftcr verliert, wenn er im den Verdacht kommt, ein Einfähiger 711 sein. An der Klippe blinder Ver,rauensseligkeif führt Philippson seinen Gedalja, diesen Rechtlichen, nicht vorbei. Dieser Statthalter mußte scharfsinniger sein um seiner politischen Aufgabe willen. Allzu verdächtig und des Vertraucns unwürdig steht Philippson* Ismael neben Gedalja. Ein Versagen vor dem wirklichen Stoff, eine unzureichende Einstellung ergibt sich. PI1ilippso*11 war wohl von dem Thema ergriffen, aber er verkannte die Forderung der dramatischen Kunst. Die Bibel bietet der Phantasie nur wenige andetitende Motive. Aber sie öffnet auch unendliche Möglichkeiten der geschichtlichen Zusammenhänge. Sie zeigt den Boden, aus dem nicht nur Jeremias, sondern auch Gedalja und Ismael ERSCHEINUNG In dieser Nach! geschah der Wunder Wunder: Du riefst mich, Herr, unhSrbar an. ich war so ganz in Deiner Hoheit Bonn, Dat» alles von von mir sank als morscher Plunder, Und plötzlich schien als elendes GemÄdile Die Narrengier nach Well und Gold und Ruhm. Wie Urlaggianz durchbrach die Nach( der Nichte Von aller Heiligtümer Heiligtum Die rote Flammenpradit aus Deinem Herzen, Vor der voll InbrunsttrSnen alle Kerzen Sich heife verzehren, neuen Glanz zu saugen. Mit groben, staunend aufgertssnen Augen Hing Ich an Dir, o hehrste Traumerscheinung. Sogar der schwarze Engel der Beweinung Empfing von Deiner Seele Flügeltlcht, Nicht Andachtstatue mehr der Verstelnung, Seit strahlend Dein Gesteht tn sein Gesidit Hlnüberflob zu seligster Vereinung. Arthur Silbergleit empüi gewachsen sind. Auch das fest überlieferte Problem kann überprüft werden. Vielleicht ist das eigentliche Gedaljathema noch nicht gesidit. Vielleicht ist es uns erst zugänglich. Jetzt tritt Gedalja als tragischer Held zurück und dramatisch gleichwertig steht sein Mörder neben ihm. Wo Ismael überliefert ist, auch bei Philippson, begegnet er einer bequemen Entrüstung, die der dichterischen Gestalt zu wenig gibt: Ehrgeizig und von dumpfem Hali und Neid erfüllt, schleichender Intrigant, kein Mensch, der sich aus Für und Wider entfaltet, neben Gedalja. Dieser soll den ganzen Kredit finden. Kommt Ismael wirklich mit einem fertigen Mordplan? Er steht in einer Atmosphäre, die mehr für ihn bedeuten muß als intrigantes Streben, als skrupelloses Abenteuer. Wer ist Ismael? Was kann er sein, wenn auch in tragischem Irrtum für Juda — und für die Juden? Er ist, wenn wir das MaB Gedaljas an ilm legen, der Erbe und das Opfer des jüdischen Schicksals. Er entkam der Rache Nebukadnezars, er wuchs unbeachtet fern von Jerusalem auf und fand den Schutz des Ammoniterkönigs, der Judas und Babels Feind geblieben. In Ismael mußte sich stark und rein 11 ie Sehnsucht ‘eines Thronerben entfalten. Nach Irren und Wirren entstand in einer Knabenseele noch einmal, was David und Salomo gewiesen. Was war da* Erlebnis dieser Jugend? Jerusalem fiel, der herrliche Tempel wurde zerstört. Ein fremder, falschen Göttern Dienender hat es gewagt, was der jüdischen Seele Gram und Rachewunsch bleibt. Die weitpolitische Absicht Nebukadnezars kann Ismael nicht erfassen. Jeremias Sehergabe ist ihm nicht verliehen. Er ist der Träger des alten Königsgedankens, nicht klein und entartet wie die, die von Gott ahficlcn und Zion verloren, sondern wie die letzten Trauernden und Hof'ctulen an den Wassern von Babel. Nun, da der furchbare Feind verschwunden, da ein Jude heimzukehren wagt, wehklagend zu den Trümmern Jerusalems, erlebt der Jünger Ismael da* Unerwartete: ein Jude ist Babels Statthalter geworden, ein Jude soll Zion wieder aufrichten! Auf Babels Geheiß! Nach Nebukadnezars Absicht! Ismael, der Davidserbe, ermißt, was hier in namenlosem Widersinn ist. Er kann an den reinen Willen Oetlalias nicht glauben. Dieser Soldat ist nicht Davids Diener, sondern ein Abtriinniper Gottes und seines Volkes. Noch aber gilt es, ihn zu erkeimen und vielleicht zu überreden. Die große Stunde schlügt. Nicht als intriganter Sendling Ammons, sondern von der Sehnsucht gelrieben, tritt Ismael zu GedaÜa. Fr findet anfangs, was er gehofft: Gedalja grüßt den Davidserben, den letzten Sproß der großen Tradition. Doch Ismaels Königsträume muß er ablehnen. In den Plänen des Prinzen, der Juda mit Aegypten gegen Babylon verbinden will, erweist sich reiner als einst, aber nicht minder verderblich, das alte Unheil. Gedalja hält Babvlon den Eid. Von Ismaels Bi'ten erschüttert, muß er ihn doch von sich stoßen. So stellen sich die Beiden stolz gegenüber, zwei Herzen, ebenbürtig, doch entgegengesetzt. Der Freund kann den Freund nicht erzwingen — so tötet er ihn als Feind. Fr macht Gedalia zum Märtyrer. Ismael hat nach einer Krone gegriffen, die In den Flammen des Tempels schon versunken ist. Davids Krone loht nicht mehr. Zion bleibt ein hoher Traum der Nachkommen. Ismael aber, der Mörder eines edlen Menschen, irrt, aus dem Königstraum erwacht, durch die Welt. Ein Tag — ein Werk. Der Kur/tonfi!!r! ״Ein Tag — ein Werk“, der die Errichtung der Siedlung Tirath Zwi schildert und in der Bearbeitung der Palästina-Filmstelle der ZVfD. in zahlreichen jüdischen Veranstaltungen in Deutschland gezeigt wurde, läuft jetzt in englischer Fassung unter großem Beifall des Publikums als Vorfilm in dem neueröffneten Kino ״Orion“ in Jerusalem. Examenserfolp in England. Nach amtlicher Mitteilung der University of Cambridge haben zwölf Schüler(innen) der Jüdischen Oberschule Jawne in Köln, die seit April 1937 die der Jawne angegliederte Englische Abschlußklasse besuchen, im diesjährigen Juli-Termin erfolgreich das School-Ccrtificate-Examination bestanden. Besonders erwähnenswert ist, daß zehn Prüflinge in Hebräisch das Prädikat ״very good“ erhielten. SUtqUott DFR JÜDISCHEN RUNDSCHAU Sang aus dem Emek Worte von Mascha Winawer. .Musik von Jacob Weinberg Zur europäischen Uraufführung der Oper ״Die Chaluzim“ von Jacob Weinberg, die in konzertanter Form am 4. Sep• tember 1938, 29 Uhr, in der Synagoge Prinzregentenstraße slattjindcl und unter der musikalischen Leitung von Chemjo Winawer steht, veröffentlichen wir nachstehendes Lied. Der erste Akt der Oper schließt mit dem Aufbruch der Jugend nach Erez Jistuel. Das Lied, von einem Chaluz ange• stimmt wird vorn Chor aufgenommen. Jjen - Ze; ^er SruJe״ kJf'rrtrrd Jie/Se rr-JP mFrreJ )Zir h)ir&l hfir S‘nlA t’*e Jrfufcm V/',srfn r •Vk**vi mrr.ee״ i J J J.r fkfYn *4 tü'pji'üjrn dtJ-Jfr 44 - •h/tt $* - tur,/J״i>iirfef.ßrmej dtrb Z״yerjes. ten.-hrTr (fjsfirn! disßre* rnmmmm * Y T"f~ A A \;EEgEE^ vtfi }e^tmrnbeb 7*rit JietS'entg 6$ ätf ip~3jp^ ־ ' mf rSi■ hei JtJirrlfii virrSeh»rer$r tu Jy/dftn JeJ/mie.tien! 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