Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 70 (2.9.1938)
- Date
- 1938-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 70, 2. IX. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Wie war es doch? / Ein Jahr Kulturbund Gibt es etwas Angenehmeres, als in den Dämmerstunden des Lebens sich schöner Dinge zu erinnern, Eindrücke heraufzubeschwören, deren lebendige Kraft so stark ist, daß sie unbeschattet immer in uns weiterbliihen? Ich sah einmal hier in Berlin von einem Ensemble erlesener Bühnenkünstler eine Aufführung von Anton Tschechows ״Drei Schwestern" in russischer Sprache. Ich gestehe, daß ich kein einziges Wort von dem verstand, was da auf der Bühne gesprochen wurde. Aber die Eindringlichkeit der Gebärden, der Klang der Stimmen, der Ausdruck der Verhaltenheit oder des Ausbruchs einer jähen Leidenschaft war von solcher Gewalt, daß ich einzig und allein mit dem Gefühl alles, was sich da abspielte, bis auf den Grund der Seele begriff. Es gab da eine Szene zwischen einem Mann und einer Frau, einem reifen Mann und einer reifen Frau, in der das Leben sich in seiner nicht mehr zu übersehenden Tausendfalt spiegelte. Kaum dali der Vorhang sich geöffnet hatte, spürte man, rein aus dem Atmosphärischen, die ganze Seelennot dieser Menschen, man spürte es bis in die Fingerspitzen hinein.... Diese kleine Gouvernements- und (jarnisonstadt im östlichsten Sibirien, die dumpfe Enge inmitten grenzenloser Weite. Menschen aus des Reiches großer Hauptstadt hierher verschlagen. Frauen, hin- und hergeworfen zwischen Pflicht und Sehnsucht ohne Maß. Ein Abschiedsdiner im großen Familienkn is. Zwei Menschen werden auseinandergerissen, deren Leben sich nur an den äußersten Rändern berührt hatte. Die Tragödie einer grollen uneingesiaiidenen Liebe. Plötzlich aber geschieht etwas ganz .Unscheinbares und hat die Kraft einer gioßen Beschwörung. Aus der Hrmmeiitiefe des Erinnerns steigt etwas auf, ein paar Töne, und plötzlich schwebt eine Melodie auf den Lippen des sehr ernsten Mannes. Mit geschlossenem Mündt׳ summt er sie vor sich hin — es ist die Arie des Generals ans dem ״On gn“ von Tscliaikovvsky .... Die Augen der Frau schließen sich, jiili stürzt sie in die Untiefen ihres Traums. Alle Ges.üuc des auiflatit lietiden Hirnmels kreisen und schäumen in ihrem Blut. Sic sieht die glanzübersäte, niärcheiibunte Hauptstadt des Reiches mit den tausend Türmen; wie von einem Zauberstab berührt leuchtet die Große Kaiserliche Oper in Purpur und Gold vor ihr auf, aus unzähligen schimmernden Kristallüstern rieselt in berauschenden Kaskaden das Licht auf funkelnde Geschmeide.... ja, das ist ihre Welt. Und ihr Körper gerät in ein rhythmisches Stampfen, als wäre sie das grolle begleitende Orchester. Als sie die Augen wieder öffnete, war sie verwandelt wie nach einer Geburt. Ein theatralisches Erlebnis fiel wie ein leuchtender Stern in die Seele eines Akuischen und befreite sie von ihrer unerlösten Qual. Das aber war die große Wirkung einer großen Kunst. Der Zauberspiegel Auf die Frage: ״B rauchen wir ein Theater?" gibt es als Antwort nur ein klares, unmißverständliches ״Ja!“. Es ließe sich allerdings auch jemand denken, der diese Frage verneinte. Aber unser Leben wäre dann nur noch armseliger. Es ist zwar einmal behauptet worden, das Publikum verlange von der Bühne ein starkes menschliches Erlebnis wohl nur deshalb, weil es in seiner eigenen Existenz fehle; und wohl auch deswegen, weil ihm der Mut zu solchen Konflikten airgehe, nach denen seine Sehnsucht verlangt. Die Bühne aber spende diese Konflikte, ohne die begleitenden Gefahren und die schlimmen Folgen, unkompromiftkrend, und vor allem: unanstrengend. Wenn das so wäre, man müßte, wenn es nicht schon existierte, sofort ein Theater für uns schaffen, das uns, wie in einem Zauberspicgel, unsere sekundären Erlebnisse unanstrengend und von allem störend Zufälligen losgelöst erblicken läßt. Denn unser primäres, äußeres, nüchtern reales Leben ist bis zum Rande mit einer Dramatik angefüllt, gegen die alles Bühnenspiel verblassen muß. Dennoch möchten wir auf jene Erlebnisse der Empfindungen und Gefühle nicht verzidliten, sei es auch nur in dieser unwirklichen Form des Spiels. Denn wir brauchen Tröstungen und w i r brauchen Entspannungen, damit der nächste schwere Tag uns ein wenig leichter werde. Und deshalb ist es gut, dall wir ein Theater haben, und wir wollen cs haltert, solange wir es nur vermögen. Sdiauspiel und Oper Wieder geht ein Spieljahr unseres Jüdischen Kulturbundes 7.11 Ende. Eine Fülle von Eriiinerungswertcin taucht wieder vor uns auf. Niemand, der nicht in diesen Dingen selber steht, macht sich von der Schwierigkeit einer Repertr ehildtitig auch nur annähernd eine Vorstellung. Und dennoch gab es «inen Spielplan von erstaunlicher Mannigfaltigkeit. Zwei große Versuche jüdischer Dramatik stellen vornean: die biihnendramatische Gestaltung der Golem-Legende von Leiwik und ״Das Gericht“, ein Palästinaspiel aus dem Jahre 193(1, von Bat D o r i. Uraltes Jüdisches wurzelt im Stoff der Golem- Sage, Irrimgen und Wirrungen der jüdischen Seele, ihr ttnaitfhüilicher Ruf nach Erlösung. Nie ganz verwehende Schaffen der Vergangenheit. Die Aufführung war nicht in allen Teilen ganz geglückt, dennoch war sie ein dankenswerter Versuch mit die Auffindung des Eigenen. Die Aufführung des ״Gerichts‘' aller war eine Erfüllung und zeigte die großartigen, bis an den Rand erschöpften Möglichkeiten unseres kleinen Theaters. Die ungeheuren, aufwühlenden, tragischen Kämpfe unserer Menselten in Ercz Jisracl, das erregende und aufreibende Leben in der Kwttzah, Arbeiten, Wachen, alle Konflikte der eigenen Welt und der andern —: die Aufführung dieses Stuckes biltiefe, wir sagten es damals liier, ein Ruhmesblatt in der Oeschichte dieser Bühne; es war ihre vielleicht geschlossenste und am höchsten zu bewertende Leistung überhaupt. Es ging etwas von ihr aus, das wie eine heilige Flamme brannte und lief in unsere Herzen drang. Itn Gedüchtis haftet die Inszenierung des von allen guten Geistern innscliwirnen Shakespeare-Spiels: ״Viel Lärm um Nichts״. Durch weit geöffnete Tore flutete das Licht. Claudio und Hem, Benedikt und Bcatricc — unsterblicher Zauber lächelte uns an. In einigem Abstand hiervon — dies allerdings nur itn Hinblick aut ihr inneres Gewicht — erinnern wir uns mit viel Vergnügen einiger reizender Luspielabendc: Bus-Feketcs ״Kap der guten Hoffnung“, das Märchen von der jungen Maniküre, die einen bankrotten Bankdirektor rettet; Mol n ,1 rs meisterliche 1״) e I i I a“-K01nödie, eine geistvolle Travestie des biblischen Stoffs — statt ihrem Siinson das Haar abznschneklcn, entwendet ihm die kluge Frau das Sparkassenbuch ....־ lind damit all seine männliche Anziehungskraft für die Nebenbuhlerin. Es gab einen witzigen und lustigen Abend mit drei Einaktern von Courtclinc und es gab zuletzt die wunderbar wirblige Aufführung von Ladislaus F odors unverwüstlichcm Lustspiel ״Arm wie eine Kirchen- 111 a u s“. Und dann die Oper. Es dürfte wohl ein Einzelfall sein, daß eine Opernbtihne, lediglich gestützt auf einen Verhältnismäßig nicht großen Besncherkrcis von sehr begrenzter Zahlungstähigkeit und ohne tnäzcnatische Zuwendungen üheihaupt zu existieren vermag. Die Kitburbundoper hat diese.־! Kunststück zuwege gebracht, und es ist, bei der Urloilsbildmig über die künstlerische Leistung dieser Musikbühne, schlechterdings unmöglich, diese Grundtatsache außer acht zu lassen. Und so bleibt die Erinnerung an eine sehr achtbare Inszenicrung von Tscliaikowskys musikdurchstn unter lyrischer Oper ״Eugen Ott eg in“; das Gedächtnis registriert ferner eine itn Szenischen besonders witzige Aufführung der fratizösisdien Spieloper ״Wenn ich König war’׳' (Si j'etais roi) von Adolphe Adam und als Sommer(] ende: Offenbachs unsterbliche ״Seit ö 11c Helena“. Musik.... Ein chinesischer Weiser sagte: ״Man darf sich keinen Augenblick von den Brauchen und von der Musik trennen. Wenn ein Mensch so tief in die Musik eingedrungen ist, daß sie auf sein Herz Einfluß gewinnt, drum wird sein Herz, ruhig, gerade liebend und aufrichtig. Wenn das Herz ruhig geworden ist, wird er froh. Ist er froh, dann wird er beständig in der lugend, Beständig in der Tugend, wird er dein Himmel ähnlich, wird er den (lottern gleich. Wie die Götter flößt er Furcht ritt, ohne zu zürnen. So ist er bcschaffen, der so tief in die Musik emgedningon ist, daß sie auf sein Herz Einfluß hat.“ Musik.,.. Heine hat sieh einmal den Kopf darüber zerbrochcn. was Musik eigentlich sei, er hat ihre im Grunde ja auch imfaßliche Erscheinung in Brgri :e 1 ■uz!ilnugen versinkt. Er empfand sie ais (jeist,;ihm a!s Geist, der eines Zeitmaßes bedarf; er empfand sie als Matene, aber ah ,Materie, eile des Raumes eilt hehren kann. Schi <־l'!;i,/h gab er es :1:1 f. Wir wissen nicht, sagte er, was Musil-, ist. Ainu was gute Musik ist, das wissen wir, und noch hi-sser v, is-en v. Ir, was s e 11 i e c 111 e Musik ist; denn davon ist uns eine größere Menge zu Ohren gekommen. Die musikaiiscfK׳ k'n'iK kann sieh nur aut Erfnhrmig und nicht auf eitle Svuihe-e stutzen; sie sollte die musikalischen Werke mir ii.ich ihren Achahrfikcitcii klassifizieren und 11 en Eindruck, den sie auf die (icsanhhcit hervorgebracht hat, als Maßstah ,1! 1׳ nehmen. Ton lind Wort Das wollen wir denn nach tun und uns erinnern, daß das KliltiiiTMitnlorchc-ter uns ein paar -a!11־ ׳•ehonc Konzerte hescherte mit Sinfonien von AV!>/;et. Dvorak und Tschaikowsky, mit Werken )11״ <loUlmaik und den jmli• ritt 11 zciigenössisehen Komponisteil Jakob Schöubct'g und Walilur I hr-chhirg; und daß der Kulturbund -(> וןe r 11 e h o r in (11׳.׳m־i1wehaft mit dein K u r t - S i 11 g e r selten Oh 0 r linier Singers I eitmig eint׳ großartige Aufführung von II11!1 11 eis ״Sa 11 I“ mit Glanz zustand» gebracht hat. Wir wollen nicht vergessen, daß wir dem Kulturbund die Bekanntschaft mit den! uiu'ewohnlich talentierten junget! jiuii־ selten (teiger Gerhard K;1 11 d e r zu verdanken haben, der die musikalische Welt sicherlich noch in Erstaunen setzen wird. Es gibt dann noch — die Kette reißt erstaiinlicberweise garnicht ab - eine sehr bemerkenswerte mul überhaupt sehr wesentliche Darbietung des Kulturbunds: die׳ Vorträge. Gute Namen ragen hier hervor: Julius Bah, Max Os bar 11, Franz Landsberger, Bertha B a d t - S t r a u ß, Erich Licht e 11stein, Max N 11 fl h a 1! iti und Joachim •S c h o e p s.. Eine Sonderstellung nimmt hier Anneliese Landau eit»:■ •Dieses Phänomen bringt es zustande, n.it einem einzigen Vortragsthema dreitausend Hörer um sich zu scharen. Sie spricht über Aus der Kulturbund-Arbeit Bild 1. Aus: 1 iel Lärm um nichts Bild ,•bis■.• fEe/trt ich König wär’ Bild 2. Aus: Eugen Onegin Bild 4. .Ins.• Das Gericht Bild 5. Kurt Singer dirigiert Orchester und ( hör F״tus: j Abrai ''-4׳ ׳ ־.. ״ ■ ,#׳«!s :י ־■ ' ' .> '.g: 1r-■ 4, , ,;,V•, KmammsA״■ r Vi WS*,*׳'- / ״ו־ f: n 4־£ *«KJl? C-V'iv« 1 A